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            <title>Schauspielers Traum</title>
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                  <title>Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1975.</title>
                  <author key="pnd:11862444X">Tucholsky, Kurt</author>
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                              <head type="h4" xml:id="tg477.2.1">Schauspielers Traum</head>

                              <p xml:id="tg477.2.2">Es war einmal ein Schauspieler, der ging durch einen Zauberwald nach einer schönen kleinen Stadt. Da rauchten die Schornsteine gar lustig über den blauen Schieferdächern, weil die Bürgerfrauen unten Eierkuchen buken, die Tauben gurrten zärtlich und pufften sich heimlich, daß die Federn flogen, die Männer bosselten über ihren Handwerken oder saßen im Ratszimmer zu feierlicher Beratung, die Kinder jubelten über die grasbewachsenen Pflastersteine als Räuber und Soldat, kurz: die Stadt lebte.</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.3">Als aber der Schauspieler nach seiner Wanderung auf die Hänge vor der Stadt kam, da verstummte der Lärm der Stadt jäh. Sie hielt den Atem an . . . Der Schauspieler hob die Hand . . .</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.4"> Da stürzten die Frauen aus den Häusern heraus, daß die Eierkuchen in ihrer Pfanneneinsamkeit schwarz verpruzzelten, die Ratssitzung wurde unterbrochen, die Handwerker schlossen ihre Werkstatt, und die Kinder liefen an den Erwachsenen vorüber zum Tor hinaus. Der Schauspieler ließ die Hand sinken . . .</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.5"> Da errichteten Zauberkünstler eine Triumphpforte, durch die er einziehen sollte, die trug oben aus hellroten Rosen seinen verschlungenen Namenszug, junge Mädchen in weißer Tracht boten ihm Gruß und Gedicht und der Bürgermeister der Stadt den schweren Willkommenspokal. Rote Teppiche hingen aus allen Fenstern, das Stadttheater hatte geflaggt, und der Schauspieler wußte durch Zauberei: alle Schaufenster der Stadt trugen seine Fotografie, und der städtische Generalanzeiger brachte in acht Serienartikeln Hymnen über seine Kunst.</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.6"> 
                                 <pb n="51" xml:id="tg477.2.6.1"/> Der Schauspieler wollte grade den Fuß über den silbergewirkten Teppich durch die Ehrenpforte setzen – da geschah es, daß er ein helles Mädchenlachen hörte. Es war aus der Gruppe der weiß gekleideten Jungfrauen gekommen. Erstaunt wandte er sich um: »Warum wird hier gelacht?«</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.7"> Ein über und über errötendes junges Mädchen trat vor.</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.8"> »Ich lache«, sagte sie, »weil ich mich freue, Euch heute abend im Theater zu schauen. Vielleicht spielt Ihr so schön wie jener tote Kainz, den ich noch gesehen habe.«</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.9"> Da ergrimmte der Schauspieler aus dem Zauberwald, sah über die feiernde Stadt und über die Girlanden und Teppiche und Flaggen und auf das eine Mädchen und sprach:</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.10"> »Dieses ist ein großer Saustall, und ein Kritiker soll objektiv sein!«</p>
                              <p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg477.2.11"> Und wandte sich. Und schritt fürbaß.</p>
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· Peter Panter<lb xml:id="tg477.2.13.1.1"/>
Die Weltbühne, 15.09.1921, Nr. 37, S. 273.</seg>
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