<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns:jxb="http://java.sun.com/xml/ns/jaxb" xmlns:tei="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xmlns:tns="http://textgrid.info/namespaces/metadata/core/2010" xmlns:tgl="http://textgrid.info/namespaces/metadata/language/2010" xmlns:tgs="http://textgrid.info/namespaces/metadata/script/2010" xmlns:tgr="http://textgrid.info/namespaces/metadata/agent/2010" xml:id="tg112" n="/Literatur/M/Heyse, Paul/Gedichte/Gedichte/Meinen Toten/Ernst/6. [Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab]">
   <teiHeader xmlns:fn="http://www.w3.org/2005/xpath-functions" xmlns:xi="http://www.w3.org/2001/XInclude" xmlns:a="http://www.textgrid.info/namespace/digibib/authors">
      <fileDesc>
         <titleStmt>
            <title>6. [Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab]</title>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <idno type="handle">hdl:11858/00-1734-0000-0003-675C-B</idno><idno type="TextGridUri">textgrid:q4t3.0</idno><availability>
               
               <p> Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie
                                   davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von
                                   www.editura.de durch TextGrid und werden unter der Lizenz Creative Commons
                                   Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (by-Nennung TextGrid) veröffentlicht. Die
                                   Lizenz bezieht sich nicht auf die der Annotation zu Grunde liegenden
                                   allgemeinfreien Texte (Siehe auch Punkt 2 der Lizenzbestimmungen). </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/legalcode">Lizenzvertrag</ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"> Eine vereinfachte
                                   Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in
                                   allgemeinverständlicher Sprache </ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://www.textgrid.de/Digitale-Bibliothek">Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek</ref>
               </p>
            </availability>
         </publicationStmt>
         <sourceDesc>
            <biblFull>
               <titleStmt>
                  <title>Paul Heyse: Gesammelte Werke, 3 Reihen in 15 Bänden, Stuttgart: Cotta, 1924. [Nachdruck: Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms Verlag, 1991].</title>
                  <author key="pnd:118550772">Heyse, Paul</author>
               </titleStmt>
               <extent>210-</extent>
               <publicationStmt>
                  <date when="1924"/>
                  <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
         </sourceDesc>
      </fileDesc>
      <profileDesc>
         <creation>
            <date notBefore="1830" notAfter="1914"/>
         </creation>
         <textClass>
            <keywords scheme="http://textgrid.info/namespaces/metadata/core/2010#genre">
               <term>verse</term>
            </keywords>
         </textClass>
      </profileDesc>
   </teiHeader>
                     <text>
                        <body>
                              
                                 
                              
                              
                              <div type="text" xml:id="tg112.2">
                                 <div type="h4">
                                    <head type="h4" xml:id="tg112.2.1">6.</head>

                                    <lg>
                                       <l xml:id="tg112.2.2">Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.3">Eh' jener Kränze bleicher Schmuck vermodert,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.4">Die man dir mitgab in die Nacht hinab,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.5">Wie? all die Glut der Schmerzen schon verlodert?</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.6">Die Augen trocken, kühl der Herzen Schlag,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.7">Als wäre nichts geschehn, was Tränen fordert?</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.8">O ihr, da er noch auf der Bahre lag,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.9">An Jammer unersättlich, wie so eilig</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.10">Verleidet' euch das Leid der lust'ge Tag!</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.11">Im Wechsel euch betäuben müßt ihr freilich,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.12">Denn an die eigne Flachheit mahnt euch bald</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.13">Ein jedes Wehgefühl, das tief und heilig.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.14">Drum habt ihr eure Sprüchlein maunigfalt,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.15">Daraus ihr lernt: ein Tor, wer nicht genieße</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.16">Des Augenblicks buntgaukelnde Gestalt,</l>
                                       <pb n="210" xml:id="tg112.2.17"/>
                                       <l xml:id="tg112.2.18">Vom Strom nicht trinke, der so rasch verfließe,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.19">Versäumend eines Sonnenblickes Gunst,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.20">Fruchtlosen Gram fest an den Busen schließe.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.21">
                                          <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.21.1">Carpe diem!</hi> – das sei die Lebenskunst;</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.22">
                                          <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.22.1">Memento vivere!</hi> und nicht zum Heile</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.23">Dem lebenden Geschlecht sei Gräberdunst.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.24">So geht denn hin und kehrt in schnöder Eile</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.25">Zu nicht'gem Tagwerk, das euch wichtig scheint,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.26">Indes ich still bei meinem Toten weile.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.27">Ich habe meinen Gram nicht <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.27.1">aus</hi>geweint,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.28">Wie ihr, nicht aus den Augen ihn verschüttet;</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.29">Zu tief mit meinem Blut ist er vereint.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.30">Nichts hab' ich mehr, das noch zur Not verkittet</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.31">Die Stücke des zerbrochnen Seins, als ihn,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.32">Der ganz die Seele füllt, obschon zerrüttet.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.33">Nicht will ich feige mir und ihm entfliehn,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.34">Will <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.34.1">heil'gen</hi> meines Schmerzes Feiertage,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.35">Da mir der Andacht hohe Kraft verliehn.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.36">Denn Frevel dünkt mich, daß man sich entschlage</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.37">Der Pflicht des Danks, mit Schmerzen <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.37.1">die</hi> zu missen,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.38">Die man geliebt mit innigem Herzensschlage.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.39">Die frommen Alten lehrt' es ihr Gewissen,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.40">Dem Gram sein Recht zu geben, wie der Freude,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.41">Und das Volk Gottes hat sein Kleid zerrissen.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.42">Nur ihr, die ihr der Selbstsucht Wahngebäude</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.43">Auftürmt, ihr nennt zu kostbar die Sekunde,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.44">Die man an hoffnungsloses Weh vergeude.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.45">O nun versteh ich, was mit stummem Munde</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.46">Du mir gesagt, mein Liebling, als mit Stöhnen</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.47">Und Schluchzen dich umgab die dichte Runde.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.48">Dein Schweigen schien ihr Klaggeheul zu höhnen,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.49">Als wüßtest du, der kärglichste Gewinn</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.50">Wird morgen sie mit <hi rend="italic" xml:id="tg112.2.50.1">dem</hi> Verlust versöhnen.</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.51">Die Augen, dunkel starrend vor sich hin,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.52">Bekannten: Wohl mir, daß ich dieser Erde,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.53">Die keine Treue kennt, entnommen bin!</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.54">So streng weltabgewandt war die Gebärde,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.55">So kühl und stolz, es bangte mir fürwahr,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.56">Als ob ich selbst von dir verachtet werde.</l>
                                       <pb n="211" xml:id="tg112.2.57"/>
                                       <l xml:id="tg112.2.58">Nein, Liebling, mich nur aus der dumpfen Schar</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.59">Sollst du getreu und deiner wert erfinden;</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.60">Denn was dein Lächeln meinem Leben war,</l>
                                       <l xml:id="tg112.2.61">Wird mit dem letzten Hauch nur mir entschwinden!</l>
                                    </lg>
                                 </div>
                              </div>
                           </body>
                     </text>
                  </TEI>
