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            <title>Erster Gesang</title>
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         <publicationStmt>
            <idno type="handle">hdl:11858/00-1734-0000-0003-5A31-1</idno><idno type="TextGridUri">textgrid:q0ss.0</idno><availability>
               
               <p> Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie
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               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/legalcode">Lizenzvertrag</ref>
               </p>
               <p>
                  <ref target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"> Eine vereinfachte
                                   Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in
                                   allgemeinverständlicher Sprache </ref>
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                  <ref target="http://www.textgrid.de/Digitale-Bibliothek">Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek</ref>
               </p>
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         <notesStmt>
            <note>• Gottes Rath und That über das Menschengeschlecht
                                    
                                       Entstanden um 1787.
                                    </note>
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               <titleStmt>
                  <title>Johann Gottfried Herder: Werke. Erster Theil. Gedichte, Herausgegeben von Heinrich Düntzer, Berlin: Hempel, 1879.</title>
                  <author key="pnd:118549553">Herder, Johann Gottfried</author>
               </titleStmt>
               <extent>212-</extent>
               <publicationStmt>
                  <date when="1879"/>
                  <pubPlace>Berlin</pubPlace>
               </publicationStmt>
            </biblFull>
         </sourceDesc>
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                              <head type="h4" xml:id="tg246.2.1">Gottes Rath und That über das Menschengeschlecht</head>

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                                    <head type="h4" xml:id="tg247.3.1">Erster Gesang</head>

                                    <lg>
                                       <l xml:id="tg247.3.2">O Muse, singe mir den hohen Rath</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.3">Des Menschengottes mit der Menschenschaar,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.4">Wie er durch Nebel und durch Dämmerung,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.5">Durch Finsterniß und Irren sie geführt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.6">Und führen wird zum Lichte! Singe mir,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.7">Wie er die Strahlen dieses Lichts zerstreut</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.8">Durch Völker, Zonen und Jahrtausende,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.9">Und alle kennt und alle sammeln wird</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.10">Zu <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.10.1">einer</hi> Sonne der Glückseligkeit!</l>
                                    </lg>
                                    <lg>
                                       <lb xml:id="tg247.3.11"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.12">Allgütiger, begeistre, lehre mich!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.13">Du mußt mich lehren! Denn wer bin ich Staub,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.14">Daß ich auf Lichtesflügeln streb' empor</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.15">Und Deinen Rathschluß höre? Wer bin ich,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.16">Daß ich hinein in jenes Dunkel seh',</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.17">Wo die Vergangenheit die Zukunft vird</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.18">Und im erstorbnen Keim der Gegenwart</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.19">Der Baum der Nachwelt blühet? Wer bin ich,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.20">Zu schaun, wie bittrer Tod das Leben ist</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.21">Und tiefe Tiefe sich zur Höhe schwingt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.22">Und sich in Höhn und Tiefen überall</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.23">Dein Vaterantlitz offenbaret? Hell</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.24">Wird meine Leyer; denn ein Gottestrahl</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.25">Berührt sie, wecket ihre Saiten auf</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.26">Zu seinem Nachhall, und mein Auge glänzt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.27">Mein Herz schlägt fröhlicher; denn, Brüder, hört's,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.28">Euch Menschen sing' ich Eures <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.28.1">Schicksals Gott.</hi>
                                       </l>
                                    </lg>
                                    <lg>
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                                       <l xml:id="tg247.3.30">In dichten Finsternissen lag ich tief</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.31">Verhüllt und irrte mich an Gottes Pfad</l>
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                                       <l xml:id="tg247.3.33">Mit seinen Menschen. Sind sie oder nicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.34">Geschöpfe seiner Hand, zum Licht ersehn,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.35">Zur Tugend, zur Glückseligkeit? Sie sind</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.36">Dahingeschleudert in des Erdballs Nacht,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.37">In Wüsteneien, Abgründ', unter Eis</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.38">Und kalte Felsen, in den dürren Sand,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.39">Und wo die heiße Sonn' ihr Hirn verbrennt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.40">Und ihnen Saft und Muth aus allen Röhren</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.41">Hinwegkocht, sind verschlagen auf der See</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.42">Bergspitzen, in der Wälder Labyrinth,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.43">Zu Leviathan's Zähnen, Tigerklau'n,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.44">Des Löwen Rachen; ach, und schrecklicher,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.45">Furchtbarer noch, in Menschentigers Klaue,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.46">In Menschenlöwen Rachen, untern Fuß</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.47">Des Wütherichs, des Kriegers, in das Netz</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.48">Des Menschenfängers, der nicht Leiber nur,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.49">Der Seelen tausendfältig-künstlich fängt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.50">Und sie zu seinem Leckermahle würgt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.51">Und Gott verhöhnet. Meiner Brüder Schaar,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.52">Sie gehn, wie Fisch' im Meer und wie Gewürm,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.53">Das keinen Herren hat, des Adlers Raub,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.54">Des Geiers Speise. Und blickt irgendwo</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.55">Ein Retter, ein wohlthätig Licht empor,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.56">Ein Stern in dunkler Nacht, so wappnet sich</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.57">Ringsum die dunkle, scheußlich kalte Nacht,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.58">Ihn wegzutilgen mit des Regens Guß,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.59">Mit Donnerwolken rings ihn zu verbaun,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.60">Daß auch sein holder Strahl dem Wandrer nur</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.61">Ein Blitzstrahl werde. Sog nicht Tyrannei</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.62">Aus jeder Rettung neue Kräfte? schlang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.63">Und schmiedete sie immer fester nicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.64">Das kaum zerschlagne Band? und thronte nun</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.65">Auf Menschenschädeln nicht allein, sie thront'</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.66">Auf Menschenseelen – Trägheit ihre Burg,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.67">Verzweiflung ihre Feste! Waget's noch</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.68">Ein Mensch, zu sehn, was Gott und Teufel sei?</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.69">Und was er sah, es laut zu sagen? Dem</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.70">Die Stimme zu verstopfen in den Schlund,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.71">Der Gott den Teufel nennt, den Teufel Gott,</l>
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                                       <l xml:id="tg247.3.73">Und auf den Nacken seiner Brüder tritt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.74">Und Ruh und Unschuld höhnet? Waget's noch</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.75">Ein Mensch, dem andern Wahrheit zu vertraun,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.76">Arznei dem Kranken, dem die Arzenei</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.77">Ja bittres Gift nur würde? Heucheln sie</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.78">Sich nicht mit süßen Aeffereien todt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.79">Und freuen sich des Todes? Findet sich</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.80">Aus Irrthum irgendwo ein Fünkchen Wahrheit,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.81">Schnell muß das Fünkchen Wahrheit wiederum</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.82">Zum Irrthum werden. So dreht wunderbar</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.83">Der Völker, Zeiten, der Geschlechter Rad</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.84">Sich auf und ab, erhebet oder stürzt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.85">Zerquetschet aber immer. Sind wir weiter</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.86">Gekommen in der Zeiten Wirbellauf?</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.87">Sind wir zurück? Was ist geschehen, das</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.88">Nicht jetzt geschäh'? und was geschiehet, das</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.89">Nicht immerdar geschehen werde? »Sieh,«</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.90">Sprach ich zu mir und nagete mein Herz,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.91">»Den Aufgeklärten hier, der Tugend höhnt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.92">Und Gott verachtet, Andere verführt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.93">Und sich ermordet; sieh den Wilden dort</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.94">An Seelands Ufer, der den Schlamm des Meers</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.95">In faulen Fischen frißt und kaum die Sonn'</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.96">Erblickt und einen Gott kaum nennet! – ha!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.97">Den Gott, der ihn auch zur Unsterblichkeit,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.98">Zu seinem Bild erschaffen!« – Da versank</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.99">Mein Geist in öden Schlummer. Vor mir stand</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.100">Ein schöner Engel; Licht war sein Gesicht,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.101">Und Sonnenstrahlen seine Flügel; Glanz,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.102">Wie holde Regenbogenschöne, floß</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.103">Sein Kleid hinunter. Er berührte mich</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.104">Mit einem Sternenstabe, wie er dort</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.105">Am Firmament in hellen Nächten brennt.</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.106">Der Stab erweckte mich, verwandelte</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.107">Mir mein Gebein; der Staub fiel ab von mir.</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.108">Die Hülle sank; mein Herz ward ruhig; auf</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.109">Gen Himmel zog mich seine Gegenwart</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.110">Ihm nach, ihm nach. »Ich bin der Genius</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.111">Des menschlichen Geschlechts!« sprach er zu mir.</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.112">»Sieh um Dich! wo ist Deine Erde?« Ich</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.113">Sah rings umher und sah nur Sternenglanz</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.114">Und schwebete im hohen Sternenchor</l>
                                       <pb n="214" xml:id="tg247.3.115"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.116">Und hörte ihren Klang. Ich hörete</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.117">Der sieben Stern' um unsre Sonne Klang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.118">Und sah auch meine Erd' – ein kleiner Ball</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.119">Mit ihrem Mond, ein leiser Uebergang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.120">Zum Mittelpunkt, der Sonne hohen Einklang.</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.121">Mein Herz ward Sphärenharmonie. Ich wagte</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.122">Den Genius nicht anzuschaun. Er sprach:</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.123">»Sieh, Murrender, worüber murrtest Du</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.124">Im Winkel Deiner Höhle drunten? Nennst</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.125">Du das Vernunft, wenn Du den kleinen Theil,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.126">Ein Nichts, fürs Ganze nimmst? das Jetzt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.127">Der Erdengegenwart, der schnellesten</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.128">Vergänglichkeit, fürs Unvergängliche,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.129">Fürs Ewige? Sieh um Dich! Deine Welt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.130">Ist sie nicht Ton nur in der Melodie</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.131">Der Sonnensterne? welch ein kleiner Ton!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.132">Und Du auf dieser Saite welch ein Nichts,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.133">Ein kleiner Nachhall des verhallenden</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.134">Verstummens! Sieh umher! die sieben Sterne</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.135">Sind Ruhestätten für den Wandrer nur,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.136">Der in sein Vaterland, die Sonn', hinaufeilt!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.137">In alle sieben Sterne sind die Klänge</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.138">Der Fähigkeiten zur Vollkommenheit</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.139">Nach Maaß und Zahl des weisen Schöpfers, des</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.140">Urkünstlers, schön vertheilet. Deine Welt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.141">Ist nur ein Mittelklang, doch näher schon</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.142">Dem hohen Einklang als den gröberen</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.143">Und streitenden Vortönen. Die Vernunft</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.144">Des Menschenvolks mit ihrer Freiheit ist</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.145">Das erste Auferwachen zur Natur</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.146">Der Seligen in wahrer Wirksamkeit</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.147">Und Geistesschöne. Rüste Dich hinauf</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.148">Und sieh nicht hinter Dich, was nach Dir bleibt!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.149">Was nach Dir bleibt, eilt auch in Gottes Reich,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.150">Langsamer und auf niedern Sprossen nur</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.151">Hinaufwärts. Laß dafür, der sie gemacht,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.152">Den Vater, sorgen! Du entschüttele</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.153">Den schweren Staub und werde Himmelslicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.154">Und werde Ruh! Die niedern Genien</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.155">Der Erd' und ihrer Reiche sollen Dir,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.156">Was diesem hohen Himmelsglanze viel</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.157">Zu niedrig wär', erklären. Steig hinab,</l>
                                       <pb n="215" xml:id="tg247.3.158"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.159">Und immer schwebe Dir der Hochgesang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.160">Der sieben Stern', ihr unauflöslich Band,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.161">Das Eilen, das Verschlingen ihres Laufs</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.162">Zum Mittelpunkt von ihrer Kraft und Art</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.163">Und Zweck im Ohr: so wirst Du selig sein</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.164">Und ruhig. Gottes Gang ist in der Nacht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.165">Im Heer der Sterne und ein Sternengang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.166">Voll ew'ger Harmonieen.« Da verschwand</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.167">Vor mir mein Genius; ich sank hinab</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.168">Und sah mich wiederum in meiner Hülle;</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.169">Ich schaut' den schönen Sternenhimmel an,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.170">Wie anders jetzt! wie ruhig! Sprach zu mir:</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.171">»Kannst Du das Band Orion's, kannst das Band</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.172">Der sieben Stern' auflösen?« Sprach zum Monde:</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.173">»Wer bist Du, Tröster meiner Einsamkeit,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.174">Mit Deinem matten, sanften Strahle? Mein</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.175">Gefährt' hienieden in der Wanderschaft,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.176">Der Erde Wallfahrt, und im Tode mir</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.177">Vielleicht ein Ruheort, der erste Schritt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.178">Des langsam zur Vollkommenheit hinauf</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.179">Steigenden Geistes! Paradies vielleicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.180">Mit süßen Träumen von der Unterwelt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.181">Verlebten Zeiten; Paradies vielleicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.182">Mit süßern Träumen von der Oberwelt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.183">Schon nahen Seligkeiten. Sanfter Mond,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.184">Und Du unzählbar hohes Himmelsheer,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.185">Seid Auferweckung, Licht, Erquickung mir,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.186">Wenn ich auf diesem trägen Erdenstaub</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.187">Und seiner Unruh, seinen Schatten wieder</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.188">Versinke!« Ew'ger, ew'ger Nachhall ward</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.189">In mir der Sternenklang. Wenn oft mein Geist</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.190">In Newton's Wunderschöpfung ging umher</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.191">Und sann und maß und zählte, sprach zu mir</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.192">Der Himmelsgenius: »Hat Gott den Ball</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.193">Der Erden so gewogen, wog er nicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.194">Das Schicksal auch der Erdbewohner? Band</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.195">Er jede Kugel mit noch feineren</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.196">Als Strahlenbanden an die große Sonn',</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.197">Und hätte nicht die Scenen aller auch</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.198">Daran gebunden?« Dann ward Newton's Bau</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.199">Mir ein Gebäude der Unsterblichkeit,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.200">Mit Erden, Welten, Sonnen aufgeführt</l>
                                       <pb n="216" xml:id="tg247.3.201"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.202">In aller Himmel Wüsten. Und mein Geist</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.203">Stieg fröhlich dann von Welt zu Welten fort</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.204">Und sang den Schöpfer stets in neuem Ton</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.205">Des Lobes, bis er Welten übersprang</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.206">Und, in dem Meer der Allvollkommenheit</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.207">Gebadet, selbst der Erden Führer ward! –</l>
                                    </lg>
                                    <lg>
                                       <lb xml:id="tg247.3.208"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.209">Wohin verschlägst Du, mein Gesang, im Strom</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.210">Der Hoffnungen und alles Sphärenklangs</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.211">Und aller Himmelsfluthen? Komm hinab</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.212">Von jenem Milch- und Strahlenufer, komm</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.213">Hinab zu Deiner Erde! Konnte Gott</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.214">Sie anders bilden, als ihr Stand und Ort,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.215">Ihr Leim und ihres Lobgesanges Ton</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.216">Im hohen Sphärenliede forderte?</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.217">Und nach der Erde wardst Du, armer Mensch,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.218">Von Staube Staub, zu dieser dicken Luft,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.219">Zu dieser Sonnenferne, diesem Drehn</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.220">Und Wanken Deiner Erd' auch Du ersehn,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.221">Gemacht so bildsam, daß Dein feiner Staub</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.222">In Nord und Süd und Ost und Westen, dort</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.223">In Eisgebirgen, hier im Gluthstrom lebt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.224">Im Meer hier, dort in dürrer Wüstenei,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.225">Und überall der Erden Herrscher wird</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.226">In seines Ortes Seele. Welch ein Thier,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.227">Welch anderes Geschöpf bekam wie Du</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.228">Die Bildsamkeit, zur Bildsamkeit Verstand,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.229">Vom Baum des Schnees und der Sonnengluth</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.230">Die vielgefärbte, mannichfalte Frucht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.231">Glückseligkeit zu brechen und das Gut</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.232">Der Fremde, als ob's nirgend wirklich sei,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.233">Sanft zu vergessen? Preise, mein Gesang,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.234">Den Geber auch für das, was er versagt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.235">Für jeden süßen Wahn der Erdenlust,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.236">Der täuschenden Alleinglückseligkeit!</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.237">Denn muß nicht jedes Herz und jeder Blick</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.238">In Säften seiner Hülle froh sein? Muß</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.239">Nicht Schwachheit unsre liebe Dämmrung sein,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.240">Die hier den Lappen, dort den Indier,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.241">Den Tartar dort, den Feuerländer dort</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.242">Allein-glückselig macht, daß Niemand tauscht,</l>
                                       <pb n="217" xml:id="tg247.3.243"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.244">Den Andern Jeder, Keiner sich beklagt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.245">Und stirbt auf seiner armen Scholle reich</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.246">Und weis' und glücklich? Preis' ihn, mein Gesang,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.247">Daß er des Menschen kurzes Lebensziel</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.248">Nach seinem Staube, seiner Erde Drehn,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.249">Nach ihrer Leid- und Freuden möglichstem</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.250">Genuß bestimmete! So kurz der Weg</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.251">Dem Wanderer zu seiner Vaterstadt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.252">Je werden konnte, kürzt' er ihn. Er gab</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.253">Der größesten, zahllosen Menschenschaar,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.254">Den Kindern, schnellen, flücht'gen Durchgang nur</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.255">Durchs Erdenleben. Manches siehet kaum</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.256">Mit <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.256.1">einem</hi> Blick die Sonne, manches lernt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.257">Im süßen Vater, Mutter-Namen nur</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.258">Den Namen Gottes lallen und entweicht:</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.259">Es war ein <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.259.1">Mensch</hi> und wird ein <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.259.2">höhrer</hi> Mensch,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.260">Ein Seliger, ein Engel. Dieser Baum,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.261">Der frühreif schon so schöne Blüthen trug,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.262">Er wirft die Blüthen ab und welkt hinweg;</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.263">Sie sollten, durften, konnten alle nicht</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.264">In dieser schweren Luft zu Früchten werden.</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.265">Des Mannes Feuer brennt ihm auf sein Herz,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.266">In seinen Adern quillt der Flammenstrom,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.267">Der früher ihn gen Himmel tragen soll:</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.268">Er hatte Viel in Wenigem gelebt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.269">Und Viel genossen, Viel ertragen. Soll</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.270">Er noch die Hefen seines Bechers kau'n,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.271">Die jenes Erdethier so gerne trinkt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.272">Und noch nach mehrern dürstet? Alle Welt</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.273">Ist des Gesanges meines Gottes voll,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.274">Des Zweckes seiner Schöpfung. Der Barbar</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.275">Und Weise, Griech' und Neuseeländer stimmt,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.276">Obwol verschiednen Tons, verschiedner Höh,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.277">In <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.277.1">einen</hi> Lobgesang: »Wir waren <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.277.2">Mensch!</hi>
                                       </l>
                                       <l xml:id="tg247.3.278">Gemacht, die Schöpfung zu begrüßen, Gott</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.279">Zu nennen, Weisheit, Erdenseligkeit</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.280">In Tropfen oder Strömen, doch als <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.280.1">Mensch</hi>
                                       </l>
                                       <l xml:id="tg247.3.281">Zu kosten und mit ganzem, halbem Durst</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.282">Zur Quelle selbst zu wandern.« Schöpfe Muth,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.283">Unglücklicher der Erde! Durchgang ist</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.284">Dein Leben durch die Welt; Dein Himmelsbild</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.285">Ist Gottgestalt: die bleibet Dir. Du bist</l>
                                       <pb n="218" xml:id="tg247.3.286"/>
                                       <l xml:id="tg247.3.287">Mehr als der Adler, als der Elephant,</l>
                                       <l xml:id="tg247.3.288">Auch Du, der Wild' und Heide, <hi rend="italic" xml:id="tg247.3.288.1">Gottes Mensch,</hi>
                                       </l>
                                       <l xml:id="tg247.3.289">Bist Vaters Ebenbild, das zu ihm eilt.</l>
                                    </lg>
                                 </div>
                              </div>
                           </body>
                     </text>
                  </TEI>
