<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">5. Der Wolf und das Schaf</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/104076534">Graesse, Johann Georg Theodor</persName><country>Deutschland</country><birth>1814.0</birth><death>1885.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>TextGrid</orgName><resp><note type="remarkResponsibility"> Der annotierte Datenbestand der Digitalen
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                                    Philologie, Georg-August-Universität Göttingen</orgName><address><addrLine>Käthe-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen</addrLine><country>Germany</country></address></publisher><pubPlace>Göttingen</pubPlace><date type="publication">2016-06</date><availability corresp="#textsource-1" xml:id="availability-textsource-1"><licence target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"><p>CC-BY-3.0</p></licence></availability><idno type="kolimo">kid14989</idno></publicationStmt><notesStmt><!--kolimo-date is an aproximation for publication year and is derived from author birth year +20--><note type="SourcePath">/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Zweiter Band/Schlesien und die Niederlausitz/214. Die Sagen von der Burg Kynast/5. Der Wolf und das Schaf</note><note type="kolimo-date">1834</note><note type="author-gender">männlich</note></notesStmt><sourceDesc><biblFull><titleStmt><title>Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau: Carl Flemming, 1868/71.</title><author key="pnd:104076534">Grässe, Johann Georg Theodor</author></titleStmt><extent>249-</extent><publicationStmt><date notAfter="1871" notBefore="1868"></date><pubPlace>Glogau</pubPlace></publicationStmt></biblFull></sourceDesc></fileDesc><encodingDesc><editorialDecl><p>
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am Geburtstage des später zu Regensburg hingerichteten Grafen Johann Ulrich von Schaffgotsch, den 2. März 1635, auf dem Kynast, wo eben eine zahlreiche Gesellschaft zur Feier dieses Festtages eingeladen war. Der Graf selbst war jedoch nicht unter ihnen, er verbrachte, wie immer, diesen Tag in seinem Zimmer betend und fastend und Gott mit inbrünstiger Andacht für die verliehenen Jahre dankend. Während nun aber die Gäste beisammen saßen und sich von dem und jenem unterhielten, kam auch die Rede auf die Geschicklichkeit des Pastors, in den Sternen zu lesen, und dieser beging die Taktlosigkeit, seine Vorhersagekunst an dem Herrn des Hauses, der doch auch sein Patronatsherr war, zu üben und zu erklären, »daß der Saturn und der Mars bei der Geburt des Grafen in dem vierten Hause der Sonne eine gefährliche Opposition gehabt hätten, welches auf den gewaltsamen Tod des Grafen und zwar durch ein kaltes Eisen deute«. Die Gäste waren von dieser unvorsichtigen Aeußerung auf's Unangenehmste berührt und der mit anwesende Kammerdiener des Grafen vermaß sich hoch und theuer, dieselbe seinem Herrn zu hinterbringen, nicht etwa darum, weil er daran glaube, sondern damit er die Frechheit des besagten Pfarrers kennen lerne. Zwar redeten alle Anwesenden dem Diener ab, dies zu thun, damit er seinem Gebieter nicht unnöthig Angst mache, allein derselbe theilte ihm demohngeachtet Abends beim Auskleiden die Prophezeiung Thieme's mit. Der Graf lachte, besann sich einen Augenblick, wie er wohl den Pfarrer mit seiner Sterndeuterei am besten bloßstellen könne, und befahl, sämmtlichen Gästen reitende Boten nachzuschicken mit der Bitte, sich den andern Tag wiederum auf dem Kynast bei ihm einzufinden, um mit ihm eine Jagdparthie zu machen und dann ein fröhliches Mittagsmahl einzunehmen. Als nun am nächsten Tage Alle wieder beisammen waren, ließ er ein saugendes Lamm holen und sagte zum Prediger Thieme, »er habe von seiner Weissagungsgabe gehört und wünsche davon einen Beweis zu erhalten. Hier wäre ein Lamm, er möge so gut sein und diesem die Nativität stellen.« Thieme weigerte sich lange; er meinte, daß ein großer Unterschied zwischen einem Thiere und einem Menschen sei; allein der Graf ließ nicht nach in ihn zu dringen. Nun hätte der Prophet seine gestern gethane unüberlegte Aeußerung wieder gut machen und Unfähigkeit in diesem Falle vorschützen können, allein sein Gelehrtenstolz ließ das nicht zu; er bat daher, man möge den Schäfer der Heerde, von welcher dies Lamm sei, kommen lassen. Diesen fragte er, an welchem Tage und in welcher Stunde das Lamm geboren sei. Nach erhaltener Antwort machte er einige astronomische Berechnungen und sprach dann: »Dies Lamm wird der Wolf fressen.« Alle lachten laut, der Graf aber befahl das Lamm sogleich zu schlachten und es ganz zu braten, ohne jedoch dem Koche die Ursache davon zu sagen, und nun begab sich bis zum Mittagsmahl die ganze Gesellschaft auf die Jagd. Auf dem Schlosse lief nun aber schon seit zehn Jahren ein zahmer Wolf herum, der wie ein Haushund überall hin, selbst in die Küche durfte, wo er jedoch nie etwas angerührt hatte, was ihm nicht vorgeworfen worden war, und wo er sogar oft zum Drehen der Bratmaschine verwendet wurde. Zufällig kam dieser Wolf in die Küche, als das Lamm am Spieße stak und schon halb gebraten war, und da den Koch eben ein Geschäft aus der Küche entfernt hatte, so machte sich der Wolf, ganz gegen seine Gewohnheit, über den <pb xml:id="tg2148.2.2.2" n="250"></pb>
Lammsbraten her und fraß ihn rein auf. Dem Koch war es jedoch ärgerlich, als er bei seiner Rückkehr kaum noch die Reste fand, er prügelte auch den Wolf tüchtig durch; da er aber die Wichtigkeit dieses Umstandes nicht kannte, so glaubte er, daß bei der Menge der übrigen Gerichte dieser Braten nicht vermißt werden würde, und war getröstet. Die Jagdgesellschaft kam zurück. Man setzte sich fröhlich zur Tafel, scherzte mit dem Pastor Thieme, und der Graf freute sich schon auf den Augenblick, wo er ihm das Lamm werde gebraten vorzeigen können. Aber das Lamm blieb aus. Der Graf ließ nach der Ursache fragen, warum dasselbe nicht aufgetragen werde, und da trat denn der Mundkoch herein, warf sich zu seines Herrn Füßen und erzählte das Geschehene zum Erstaunen und Entsetzen der Anwesenden. Der Graf aber legte ruhig sein Messer mit folgenden Worten auf den Tisch: »Der Wille des Herrn geschehe! ich weiß, daß ich jederzeit meinem Kaiser treu gedient und des Landes Bestes redlich gesucht habe. Herr, du wirst meine Unschuld gewiß an den Tag bringen!« Er mußte sich aber doch zu Bette begeben, da er sich nicht wohl fühlte, und die Gäste schlichen traurig nach Hause.</p><p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg2148.2.3">Thieme's traurige Prophezeiung ging aber schon nach vier Monaten in Erfüllung; er ward auf Veranlassung der Jesuiten am 25. Junius nach Regensburg gefordert und dort angeblich weil er mit dem Könige von Schweden heimliche Correspondenz geführt, die an das in Ungarn zu versorgen habende Detaschement zu zahlenden Gelder unterschlagen, um dadurch diese Soldaten zu einer Revolte zu bringen, und weil er seine lutherischen Unterthanen in Schlesien aufgewiegelt habe, sich zusammenzurotten und die Katholiken zu vertilgen, in Anklagestand versetzt, trotzdem daß man ihm nichts beweisen konnte, zum Tode verurtheilt und am 23. Juli hingerichtet. In Hermsdorf unter dem Kynast wird das Schwert, mit welchem er hingerichtet worden ist, noch aufbewahrt, aber nicht gezeigt.</p></div></div></body></text></TEI>