<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title type="main">5. Der verzauberte Kaiser</title><author><persName ref="http://d-nb.info/gnd/104076534">Graesse, Johann Georg Theodor</persName><country>Deutschland</country><birth>1814.0</birth><death>1885.0</death></author><respStmt corresp="#availability-textsource-1" xml:id="textsource-1"><orgName>TextGrid</orgName><resp><note type="remarkResponsibility"> Der annotierte Datenbestand der Digitalen
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                                    Philologie, Georg-August-Universität Göttingen</orgName><address><addrLine>Käthe-Hamburger-Weg 3, 37073 Göttingen</addrLine><country>Germany</country></address></publisher><pubPlace>Göttingen</pubPlace><date type="publication">2016-06</date><availability corresp="#textsource-1" xml:id="availability-textsource-1"><licence target="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/"><p>CC-BY-3.0</p></licence></availability><idno type="kolimo">kid14988</idno></publicationStmt><notesStmt><!--kolimo-date is an aproximation for publication year and is derived from author birth year +20--><note type="SourcePath">/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser</note><note type="kolimo-date">1834</note><note type="author-gender">männlich</note></notesStmt><sourceDesc><biblFull><titleStmt><title>Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 1, Glogau: Carl Flemming, 1868/71.</title><author key="pnd:104076534">Grässe, Johann Georg Theodor</author></titleStmt><extent>439-</extent><publicationStmt><date notAfter="1871" notBefore="1868"></date><pubPlace>Glogau</pubPlace></publicationStmt></biblFull></sourceDesc></fileDesc><encodingDesc><editorialDecl><p>
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anfängt ganz dunkel um sie her zu werden. Bald aber finden sie eine ewige Lampe und sehen, daß sie sich in einem geräumigen Kreuzgang befinden. Der Mönch steckt hier zwei Fackeln an, für sich und seinen Begleiter. Sie gehen fort und mit einem Male stehen sie vor einem großen eisernen Kirchenthor. Der Mönch betet, hält die Springwurzel, vor der alle bezauberten Riegel aufspringen, an das Schloß und ruft: »Oeffne dich, Thür!« und mit Donnerkrachen springen alle die eisernen Riegel und Schlösser von selbst auf und sie sehen vor sich eine runde Kapelle. Der Boden war spiegelglatt wie Eis und wer nicht keusch und züchtig gelebt hatte (so sagte nachmals der Mönch dem Bergmann), brach hier beide Beine und kam nie zurück. Die Decke und die Seitenwände des runden Gewölbes flimmerten und flammten beim Schein der Fackeln. Große Zacken von Krystall und von Diamanten hingen da herab und zwischen ihnen noch größere Zacken von gediegenem Golde. In der einen Ecke stand ein goldener Altar, in der andern ein goldenes Taufbecken auf silbernem Fuß.</p><p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg1552.2.5">Der Mönch winkte nun seinem Begleiter, gerade in der Mitte stehen zu bleiben, und gab ihm in jede Hand eine Fackel. Er selbst ging zu einer ganz silbernen Thür, klopfte dreimal mit dem Krummstabe an und die Thüre sprang auf.</p><p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg1552.2.6">Der Thüre gegenüber saß auf einem goldenen Throne der Kaiser Friedrich I. Barbarossa, nicht etwa aus Stein gehauen, nein! wie er leibte und lebte, mit einer goldenen Krone auf dem Kopfe, mit dem er beständig nickte, indem er die großen Augenbraunen zusammenzog. Sein langer rother Bart war durch den steinernen Tisch, der vor ihm stand, durchgewachsen und reichte ihm bis auf die Füße herab. Dem Bergmann verging Hören und Sehen über dem Anblick.<ref type="noteAnchor" target="#tg1552.2.10"><anchor xml:id="tg1552.2.6.1" n="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnote_1"></anchor><ptr cRef="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnoten_1"></ptr><hi rend="superscript" xml:id="tg1552.2.6.2.1">1</hi></ref></p><p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg1552.2.7">Endlich kam der Mönch zurück und zog seinen Begleiter schweigend fort. Die silberne Pforte schloß sich von selbst wieder zu; das eiserne Thor schlug mit schrecklichem Geprassel hinter ihnen zusammen. Als sie den Kreuzgang hindurch wieder in die vordere Höhle kamen, senkte sich langsam der kreisrunde Boden herab; Beide traten darauf und wurden sanft in die Höhe gehoben.<ref type="noteAnchor" target="#tg1552.2.12"><anchor xml:id="tg1552.2.7.1" n="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnote_2"></anchor><ptr cRef="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnoten_2"></ptr><hi rend="superscript" xml:id="tg1552.2.7.2.1">2</hi></ref></p><p rend="zenoPLm4n0" xml:id="tg1552.2.8">Oben gab der Mönch dem Bergmann zwei kleine Stangen von einem unbekannten Erz, die er aus der Kapelle mitgebracht hatte und die seine Enkel noch jetzt zum Andenken aufbewahren. Nach einer andern Sage hätte der Mönch diese Stangen aber von dem alten Kaiser selbst erhalten und wären dieselben nicht von besonderem Erz, sondern von Golde gewesen und nach und nach von dem Bergmann und seiner Familie eingeschmolzen und der Erlös verbraucht worden.</p></div><div type="footnotes"><head type="h4" xml:id="tg1552.2.9">Fußnoten</head><note xml:id="tg1552.2.10.note" target="#tg1552.2.6.1"><p xml:id="tg1552.2.10"><anchor xml:id="tg1552.2.10.1" n="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnoten_1"></anchor><ref xml:id="tg1552.2.10.2" cRef="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnote_1">1</ref> Dieser Bart des verzauberten Kaisers hat zu dem Sprichwort: »Sie streiten über des Kaisers Bart, und es hat ihn Keiner gesehen« Veranlassung gegeben.</p></note><note xml:id="tg1552.2.12.note" target="#tg1552.2.7.1"><p xml:id="tg1552.2.12"><anchor xml:id="tg1552.2.12.1" n="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnoten_2"></anchor><ref xml:id="tg1552.2.12.2" cRef="/Literatur/M/Grässe, Johann Georg Theodor/Sagen/Sagenbuch des Preußischen Staats/Erster Band/Provinz Sachsen und Thüringen/489. Die Sagen vom Kiffhäuser/5. Der verzauberte Kaiser#Fußnote_2">2</ref> Eine dieser Kiffhäuser-Sage entsprechende indische theilt Herr Spiegel mit im »Ausland« 1848 No. 137. Eine große Menge anderer über andere Gegenden Deutschlands, wo Kaiser Barbarossa noch verzaubert sitzen soll, findet sich erwähnt von H.F. Maßmann, Kaiser Friedrich im Kiffhäuser. Quedlinburg und Leipzig 1850 in 8°.</p></note></div></div></body></text></TEI>