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			<titleStmt>
				<title>Schreiben der Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde an den Bundespräsidenten Gustav Heinemann (10.12.1972)</title>
				<funder>Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)</funder>
				<principal>
					<rs type="person">Prof. Dr. Gabriele Lingelbach</rs>
					<affiliation>
						<rs type="institution" ref="http://d-nb.info/gnd/2097883-2">Historisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
						</rs>
						<address>
							<street>Leibnizstr. 8</street>
							<postCode>24118</postCode>
							<settlement>Kiel</settlement>
							<country key="XA-DE">Deutschland</country>
						</address>
					</affiliation>
				</principal>
				<respStmt>
					<resp>Transkription durch </resp>
					<name type="person">Teresa Runge</name>
					<name type="person">Jan Stoll</name>
					</respStmt>
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					<resp>Encoding durch</resp>
					<name type="person">Teresa Runge</name>
					</respStmt>
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					<resp>Encoding durch</resp>
					<name type="person">Jan Stoll</name>
					</respStmt>
					<respStmt>
					<resp>Anmerkungen durch</resp>
					<name type="person">Jan Stoll</name>
					</respStmt>
			</titleStmt>
			<publicationStmt>
			<distributor><rs type="institution" ref="http://d-nb.info/gnd/2097883-2">Historisches Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel</rs></distributor>
			<availability status="restricted">
					<p>Alle Rechte liegen beim Urheber</p>
				</availability>
				<date when-iso="2016-2"> Februar 2016 </date>
			</publicationStmt>
			<seriesStmt>
	<title>Quellensammlung zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Deutschland seit 1945</title>
	<editor>DFG-Projekt „Menschen mit Behinderung in Deutschland nach 1945. Selbstbestimmung und Partizipation im deutsch-deutschen Vergleich: Ein Beitrag zur Disability History“</editor>
</seriesStmt>
		<sourceDesc>
			<bibl>Schreiben der <author><rs type="association" ref="http://d-nb.info/gnd/2002226-8" key="Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde">Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde</rs></author> an den Bundespräsidenten Gustav Heinemann (Mainz, <date><origDate when-iso="1972-12-10">10.12.1972</origDate></date>). In: </bibl>
				<msDesc>
					<msIdentifier>
						<institution ref="http://d-nb.info/gnd/39454-3">Bundesarchiv Koblenz</institution>
						<repository> B 189 (Bundesministerium für Familie, Frauen, Jugend und Gesundheit)</repository>
						<idno type="Signatur">9447, Bl. 144-148</idno>
					</msIdentifier>
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							<objectDesc>
								<supportDesc>
									<support>Papier</support>
									<extent>2 Seiten</extent>
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							</physDesc>
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			<projectDesc>
				<p>Die digitale Quellensammlung wurde im Rahmen des DFG-Projektes "Menschen mit Behinderung in Deutschland nach 1945. Selbstbestimmung und Partizipation im deutsch-deutschen Vergleich: Ein Beitrag zur Disability History" erstellt. Zielgruppe der Quellensammlung ist die interessierte Öffentlichkeit, die Materialien sind gerade auch für den Unterricht an Schulen und Hochschulen ausgewählt.</p>
			</projectDesc>
			<samplingDecl>
				<p>Die Auswahl der Quellen erfolgte auf Grundlage der Rechercheergebnisse der Dissertationen der Projektmitarbeiter Bertold Scharf, Sebastian Schlund und Jan Stoll.</p>
				<p>Es wird keine Vollständigkeit angestrebt. Ziel ist es, Ausschnitte zu präsentieren, die paradigmatisch für die Geschichte(n) von Menschen mit Behinderungen stehen oder auf markante Ausnahmen hinweisen.</p>
				<p>Die fünf Bereiche stehen für unterschiedliche gesellschaftliche	Sphären, die von der Forschung bisher kaum	berücksichtig wurden.</p>
			</samplingDecl>
			<editorialDecl>
				<hyphenation eol="none">
					<p>Die Silbentrennung des Quelltextes wurde nicht beibehalten.</p>
				</hyphenation>
				<p>Die alte Rechtschreibung wird beibehalten, Rechtschreibung und Fehler im Quelltext werden nicht korrigiert. Fehler im Original werden mit [sic!] gekennzeichnet oder mit dem Element <sic/> gekennzeichnet und im Element <corr>[Ausbesserung]</corr> ausgebessert. Zeilenumbrüche und das Layout werden nicht originalgetreu wiedergegeben. Auslassungen sind mit <gap reason="sampling"><desc>[...]</desc></gap> gekennzeichnet. Abkürzungen werden beibehalten, ggf. aber zusätzlich aufgelöst und in eckigen Klammern dargestellt.</p>
			</editorialDecl>
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		<profileDesc>
			<langUsage>
				<language ident="de" usage="100">Deutsch</language>
			</langUsage>
			<textClass>
				<keywords>
				<term>Interessenorganisation</term>
				<term>BRD</term>
				<term>Selbstvertretung</term>
				<term>Elternverband</term>
				</keywords>
			</textClass>
			<correspDesc>
				<correspAction type="sent">
					<rs type="association" ref="http://d-nb.info/gnd/2002226-8" key="Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde">Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde</rs>
						<rs type="person" ref="http://d-nb.info/gnd/1021249815" key="Pickel-Bossau, Regina">Regina Pickel</rs>
							</correspAction>
					<correspAction type="received">
						<rs type="institution" ref="http://d-nb.info/gnd/4100241-6">Bundespräsident
							 </rs>
							<rs type="person" ref="http://d-nb.info/gnd/118548115" key="Heinemann, Gustav (1899-1976)"> Gustav Heinemann </rs>
					</correspAction>
				</correspDesc>
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		<revisionDesc>
		<change>
					<rs type="person">Bertold Scharf</rs>
					<note>Version 1.0. Veröffentlicht am:</note>
					<date when-iso="2017-10-13">13.10.2017</date>
				</change>
				<change>
					<rs type="person">Bertold Scharf</rs>
					<note>Endkorrektur</note>
					<date when-iso="2017-10-13">13.10.2017</date>
				</change>
		<change>
			<date when-iso="2017-10-5">05.10.2017</date>
			<note> Anpassung an Encoding Guidelines</note>
			<rs type="person">Raphael Rössel</rs>
			</change>
			<change>
				<date when-iso="2016-4-15">15.4.2016</date>
				<rs type="person">Jan Stoll</rs>
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	<text>
	<body>
		<dateline rend="align(right)"><date when-iso="1972-12-10">10.12.1972</date></dateline>
					<opener>
				<salute>Sehr geehrter Herr <rs type="person" ref="http://d-nb.info/gnd/118548115" key="Heinemann, Gustav (1899-1976)">Bundespräsident</rs>!</salute>
			</opener>
			<p>Die Tatsache, daß Sie in Ihren Neujahrsansprachen den Appell an unsere Mitbürger richten, sich den Bemühungen um die Eingliederung <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">behinderter Menschen</rs> nicht zu verschließen, besonders jedoch die Worte der Anerkennung und des Bekenntnisses zum Einsatzwillen und der Aufnahme des <rs type="BezeichnungFuerBehinderung">Behinderten</rs> in die Gemeinschaft unseres Staates anlässlich der XXI. Weltspiele der <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">Gelähmten</rs> in <rs type="place" ref="http://d-nb.info/gnd/4023996-2" key="Heidelberg">Heidelberg</rs>, ermutigen uns, Ihnen zu schreiben.</p>
			<p>Daß Sie in Ihren Äußerungen zur <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">Behinderten</rs>frage nicht davor zurückschrecken, Realitäten aufzudecken, dabei jedoch die <q> Liebe zum Menschen </q> auch in seiner Unzulänglichkeit immer wieder durchklingen lassen, läßt uns hoffen, Ihr Verständnis für unser Anliegen, das wir Ihnen mit diesem Schreiben vorstellen möchten, zu finden. Die Entscheidung, unsere Arbeit materiell zu unterstützen, legen wir mit diesem Brief in Ihre Hand.</p>
			<p>Unsere <hi rend="allcaps"><rs type="association" ref="http://d-nb.info/gnd/2002226-8" key="Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde">Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde</rs></hi>, über deren Bestreben und Wirken die beigefügten Unterlagen unterrichten, will dazu beitragen, <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">behinderte Menschen</rs> zu verantwortlichen Staatsbürgern werden zu lassen. Dieses Ziel will sie erreichen, indem sie ihnen die Möglichkeit gibt, sich in der Gemeinschaft mit Nichtbehinderten optimal zu entfalten. Unsere Mitglieder fühlen und tragen Verantwortung für einander, Menschen, die jahrelang in Isolation und Abhängigkeit gelebt und verlernt haben, in einer Gemeinschaft selbständig und verantwortlich zu handeln, erleben bei den Treffen unserer Clubs Solidarität und den Anspruch an sich. Sie erfahren ihre Rechte, aber auch ihre Pflichten als Staatsbürger. Sie lernen in den Clubs und auf gemeinsamen Tagungen die Anwendung demokratischer Spielregeln.</p>
			<p>Wir können reale Erfolge aufweisen, die unsere Überzeugung bestätigen, daß es möglich ist, die Eigeninitiative <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">behinderter Menschen</rs> zu wecken, und uns auch immer wieder darin bestärken, unser Ziel ist keine Utopie.</p>
			<p>Seit Gründung unserer <hi rend="allcaps"><rs type="association" ref="http://d-nb.info/gnd/2002226-8" key="Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde">Bundesarbeitsgemeinschaft</rs></hi> wurde uns wiederholt nahegelegt, uns an sogenannte <q> Kampfverbände </q> anzuschließen. Sie seien durch ihre wirksamen Aktivitäten in der Sozialpolitik anerkannt. Hier stehen unsere Erfahrungen und Vorstellungen gelegentlich im Gegensatz zum behördlichen Standpunkt.</p>
			<p>Wir wollen <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">behinderte Menschen</rs> befähigen, sich selbst zu integrieren. Wir meinen, daß er, der bislang aufgrund seiner <rs type="BezeichnungFuerBehinderung">Behinderung</rs> eine Aussenseiterrolle innehatte, keinesfalls an erster Stelle die Mittel des Kampfes, der Konfrontation und der Forderung nach Sonderrechten benutzen sollte, um ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Er soll zunächst lernen, sich in einer kleinen Gemeinschaft zu behaupten, seine eigenen Probleme aufzuarbeiten und seinen Anteil für ein gutes Gruppenleben einzubringen. Er muß sich und andere kennenlernen, von sich aus auf den Nichtbehinderten zugehen mit dem Wissen, daß dieser mindestens ebenso viele Schwierigkeiten und Hemmungen hat, ihn zu verstehen.</p>
			<p>Viele von uns haben bislang - mehr oder weniger glücklich- lediglich passiv Hilfe empfangen. Sie erfahren in der Clubgemeinschaft, daß man auch geben muß, um akzeptiert zu werden. Im Kampf findet man höchstens Anerkennung als starker und gefährlicher Gegner<choice><sic/><corr>;</corr></choice> Sonderrechte drängen uns nur vermehrt in die Rolle des Aussenseiters. Als aktiver Partner und Mensch kann man nur akzeptiert werden über den Weg der Freundschaft, des gegenseitigen Verständnisses und der daraus erwachsende<choice><sic><corr>n</corr></sic></choice> Toleranz gegenüber dem Partner.</p>
			<p>Überlegungen ähnlicher Art gelten auch für einen engen arbeitsmäßigen und organisatorischen Zusammenschluß mir den Elternverbänden.</p>
			<p>Wir sind auch hier vom Willen der Verbände überzeugt, uns ehrlich zu vertreten. Wie unsere nichtbehinderten Altersgenossen müssen wir aber lernen, von der Versuchung freizukommen, in kritischen Augenblicken die Verantwortung an Eltern und Betreuer abzugeben.</p>
			<p>In der Clubgemeinschaft erlebt jeder von uns intensiv, wie wichtig jede Person ist und Regression in eine Schutzzone in Form der Flucht vor der Verantwortung allen schadet. Jahrzehntelang war der <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">behinderte Mensch</rs> nur Objekt. Wir glauben, daß er in der Zukunft nur bestehen kann, wenn neben individueller ( in der Familie ) und kollektiver ( von Seiten der Interessenverbände und des Staates ) Hilfeleistung die eigene Verantwortung, partnerschaftliche Beziehung zum Mitmenschen und daraus erwachsende eigenständige Vertretung seiner Interessen steht.</p>
			<p><gap reason="sampling"><desc>[...]</desc></gap></p>
			<p>Wir gehören auch nicht in einen Verband, der speziell eine <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">Behinderten</rs>gruppe vertreten will.</p>
			<p>Wir wollen die vorbehaltlose Partnerschaft, die keine Grenzen zwischen <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">Behinderten</rs>gruppen setzt, die auch gelebt wird mit <rs type="BezeichnungFuerMenschenMitBehinderungen">schwerstbehinderten Menschen</rs>.</p>
			<p><gap reason="sampling"><desc>[...]</desc></gap></p>
			<p>Jedoch scheitern heute mehr denn je Initiativen aus dem freien Raum- mögen sie noch von so guten Ideen getragen sein, wenn ihnen die materielle Basis fehlt.</p>
			<p><gap reason="sampling"><desc>[...]</desc></gap></p>
			<p>Deshalb bitten wir Sie, sehr geehrter Herr <rs type="person" ref="http://d-nb.info/gnd/118548115" key="Heinemann, Gustav (1899-1976)">Bundespräsident</rs>, unser Anliegen wohlwollend zu prüfen und uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine Starthilfe zu gewähren.</p>
			<closer><salute>Mit vorzüglicher Hochachtung!</salute><lb/><rs type="association" ref="http://d-nb.info/gnd/2002226-8" key="Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und Ihrer Freunde"><hi rend="allcaps">Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde</hi> e.V.</rs><lb/><lb/><signed><rs type="person" ref="http://d-nb.info/gnd/1021249815" key="Pickel-Bossau, Regina">Regina Pickel</rs>, 1. Vors.</signed></closer>		
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	</text>
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