Ausblick auf die See Seekönigs Krone Des Eilands felsige Reckenbrust Umtobte der Sturm mit rüttelnden Schlägen. Da irrt ich, berauscht von Pilgerlust, Wie suchend durch Heide und Nebelregen. Ich suchte/ ein Flüchtling, dem Fuß und Hand Noch immer die Kette gefesselt hält; Er schlägt sie und schlägt an die Felsenwand, Bis ein wütender Fluch das Eisen zerschellt. Ich suchte/ und fand! O seliger Trost! Wo die Heide zu trotziger Klippe sich hügelt, Und schauerlich süß die Brandung tost, Von Wolkendunkel und Möven umflügelt. Geheimnisvoll winkte das Hünengrab, Wo oft im Sande der struppigen Heide Der Schäfer gewühlt mit dem Hirtenstab Nach Wikingerkönigs verscharrtem Geschmeide. Da hab ich, was nimmer der Täppische fand, Das gleißende Gold in der Höhlung erschaut. Frei legte die Krone sich mir in die Hand, Wie eine vor Zeiten verlobte Braut. Ich klomm auf den Malstein. Da hub sich das Meer Ein Wasserwall um mein einsam Eiland. Ja banne hinweg, du wogende Wehr, Das Land, das ich floh, und den Gram von weiland! Das Land, das ich floh/ verächtliche Sklaven, Barbaren und Krämer/ wie lagen sie weit, Im Flutengehügel begraben, entschlafen ... Ich stand in köstlicher Einsamkeit. Ich stand erhaben auf steinernem Throne, Die Hand gebieterisch ausgestreckt. Drauf hat Seekönigs heilige Krone Mein sturmgesalbtes Haupt bedeckt. Und die Wogen, die üppigen Brauser und Schäumer, Rollten zur Huldigung jauchzend herbei, Hymnen donnernd dem großen Träumer, Der mit Träumen sich krönte, in Träumen frei. Vom Berge bis über die See Es baute der Ritter ein ragendes Haus Vom Berge bis über die See. Sein Liebchen schaute zum Söller hinaus, Die schöne Dorothee. Im Winde wehte die Lockenflut Vom Berge bis über die See. Da sang sie hinaus ihren Übermut, Die schöne Dorothee. »Ade, graubärtiger Wassermann, Vom Berge bis über die See! Dein stürmisch Werben reicht nimmer hinan Zur schönen Dorothee. Laß springen die Wogen und brüllen so wild, Vom Berge bis über die See. Sie prallen zurück vom Felsenschild Der schönen Dorothee. Ich schlage die Harfe und lache laut Vom Berge bis über die See, Ich bin ja des stattlichen Ritters Braut, Die schöne Dorothee!« Da ward so weiß wie die Kreidewand, Vom Berge bis über die See, Des Wassermanns Angesicht und verschwand Der schönen Dorothee. Doch einst in schauriger Regennacht, Vom Berge bis über die See, Wie Nebel schlich es zur Kammer sacht Der schönen Dorothee. Es hauchte und drückte und würgte sie tot/ Vom Berge bis über die See. Nun lag erblichen im Morgenrot Die schöne Dorothee. Eine Seele entführte der Wassermann Vom Berge bis über die See, Zu salzigem Schaume die Seele zerrann Der schönen Dorothee. Sturm und Fels In öder Nacht am Meeresstrand Ein Fels gen Himmel dunkelt. Er starrt ins lockende Wunderland, Wo ein Stern, sein Engel, ihm funkelt. Da kommt der Sturm dahergebraust, Begrüßt von murmelnder Welle, Und packt den Felsen mit rüttelnder Faust: »Wach auf, verträumter Geselle! Hast lange genug emporgeschaut Mit ungetröstetem Harme. Nun reiße vom Himmel die spröde Braut In deine trotzigen Arme! Schau her, wie man mit Bräuten tut, Das tolle Sehnen zu stillen! Hoiho, mein Lieb, du salzige Flut! Ich pfeife, sei mir zu Willen!« Und er stürzt der See an die wogende Brust Und hält sie tanzend umfangen; Sie windet die Glieder in jauchzender Lust Wie rasende Riesenschlangen. Die Wirbelnde schlägt ihr nasses Gewand An den Felsen mit frechem Spotte, Und ach, der Stern, sein Engel, entschwand Vor der wüsten Wolkenrotte. Nun spüre, mein Fels, vom Taumel umtost, Wie ein frommes Lied dich durchschauert: »Halt aus! Es keimt ein heimlicher Trost, Wo Treue in Trennung trauert. Der heiligen Keuschheit bleibe geweiht Die Liebe zur himmlischen Ferne! Dann tragen dich Schwingen der Ewigkeit Zum angebeteten Sterne.« Stern der Meere Ach Liebe, daß du wankest auf den Wogen, Ein morscher Kahn, Zerfetzt das Segel, steuerlos gezogen Auf Nebelbahn. Des Tages Herz ist blutig hingesunken In düstre See. Wo bist du, armer Kahn? Zerschellt, ertrunken? Ach Lieb, ade! Nun will auch ich hintaumeln und versinken In feuchte Gruft. Doch warnt ein Stern, der Meere Stern, mit Winken Aus blauem Duft: »Nur Unrast wirf hinab, die eiteln Sorgen Der wüsten Welt! Dein Lieben gib empor! Es sei geborgen Im Sternenzelt! Was in der Zeiten Brandung ging verloren, Muß nichtig sein. Ein Herz allein, dir liebend eingeboren, Bleibt ewig dein. Und schlüg es auch am deinen nur für Stunden, Doch Reim bei Reim Seid ihr dem Chor der Seligkeit verbunden Und seid daheim.« Das Heimatland, das alte Weh Mit lauen Nebeln hüllt der Sommerabend Des dunkeln Meeres Bucht. Im Hafen träumt Ein Kahnkoloß. Die Welle tätschelt leise Geteerte Planken. Ankerketten rasseln. Verhüllte Stimmen. An des Kahnes Bug Glühn zwei Laternen, rot und grün, sie senken Zwei Feuersäulen, zitternd, rot und grün, Durch schwarze Flut herüber. Und es summen Matrosen eine schläfrig weiche Weise. Der Rundreim lautet, wenn ich recht versteh: »Das Heimatland, das alte Weh Versenke du in tiefe See!« Du Loderfackel, roter Mars dort oben! Was winkst du so geheimnisvoll aus Nebeln? Bist du nicht jener Stern, von dem man sagt, Ein menschengleich Geschlecht bewohne ihn? Nur älter, weiser, glücklicher als wir/ Wir armen, mangelhaften Erdenkinder ... »Das Heimatland, das alte Weh Versenke du in tiefe See!«