Heimweh nach der Ewigkeit Heilige Hochzeit O schwüler Traum von Lust und Minne! Ich wallte suchend durch das Land, Da hat die schöne Teufelinne Mit Schlangenblicken mich gebannt. Ein Irrwisch, hat sie mich verblendet Und hingeschleppt durch Nacht und Sumpf, Bis ich verzweifelt, halb verendet Zusammenbrach am Erlenstumpf. Ich fühl's, mein Leben ist verloren. Nur blinzelt noch das Augenlicht. Auf einmal blüht aus Wolkenfloren Der Sonne Rosenangesicht. Und meine Seele will gesunden; Vergessen ist der morsche Leib. So hab ich endlich dich gefunden, Ersehnte Braut, mein Sonnenweib! Der Gram entflieht; ein letztes Sorgen Umschleicht mich: daß ich wüst geträumt Und diesen hochzeitlichen Morgen Im Jugendwahne lang versäumt! Doch still! Ein Trost ist mir geblieben: Im Tod zu minnen, ward mein Loos! Ein Augenblick, erfüllt mit Lieben, Ist wie der Himmel tief und groß. Komm, Sonnenmund, du Hochzeitsbecher, Zum Abendmahle mir geweiht! Im Kusse sterbend saugt der Zecher Das Feuerblut der Ewigkeit. Laß trinken, trinken deinen Gatten/ Bis ihm die Seele feierstill, Ein Himmel ohne Wolkenschatten, Ein Sonntag, so nicht enden will. Selig sterben Wie drückend schwül der Sterbepfühl! Es muß geschieden sein ... O Sommernacht, ach flüstre nicht So lockend süß herein! Ihr Düfte blühender Linden, Wie muß ich bitter empfinden, Was ich versäumt! Weh mir! Auf meiner Wiese Viel tausend Blumen lohten, Die alle heimlich schmachtend mir Den Kelch der Liebe boten. Ich hab ihn nicht genossen! Ich wähnte, streng verschlossen Sei jeder Kelch. Und in mir glomm es jugendstark; Hätt ich vertraut der Glut, Die Sterne konnt ich keltern Und zechen ihr heilig Blut. Doch zwischen öden Wänden Hielt ich in darbenden Händen Das bleiche Haupt. Ich wühlte tief nach einem Schatz. Da tappte meine Hacke Vorbei an Goldes Adern Und biß sich fest in Schlacke. Am Ende bin ich worden Vom Eremitenorden Ein trüber Gast. O Sehnsucht, die in junger Brust Ich Tor ließ ungestillt, Wie loderst du im siechen Geblüte nun so wild! Wohlan, du magst im Sterben Um Liebeslust noch werben Mit heißem Kuß. Hinaus zum Garten! Schüchtern lock Der Haubenlerche Schlag. Mit rosa Knospen tastet Aus Wolkengrau der Tag. Ein Wollustschauer wittert Um Busch und Baum/ und zittert Durch meinen Leib. Und feierlich vom Leibe Streif ich das düstre Kleid. O kühles Bett im Blumenklee, Wo Perlentau mich weiht! Voll Inbrunst beug ich Rosen Vom Hag herab zum Rosen An mein Gesicht. Horch, Harfenjubel! Strahlend wallt Die Sonnenkönigin Zum Blumenbett/ und neigt sich Umfangend zu mir hin. An ihren Busen flutet Mein Sehnen und verblutet Im Hochzeitskuß ... Ja sauge meinen Odem In deinen Flammenschwall! Laß mich, ein Tropfen Sonnenblut, Wild pulsen durch das All! Heil mir! In alle Wonnen Versäumter Jugendbronnen Mein Schwelgen taucht. Klausners Trost Von Purpursonnenblitzen Des Forstes Lücken sprühn; Der Abendwolken Spitzen Wie Gletscherstirnen glühn In klaren Himmelsräumen Des Klausners Augen träumen, Vor Wehmut feucht. Da sitz ich nun gefangen/ Mein Kerker ist die Welt/ Und möcht emporgelangen Zum freien Lichtgezelt. Doch harte Fenstersprossen Behalten abgeschlossen Mich bis zum Tod. Wohl bin mit blonden Haaren Ich wie ein Frühlingswind Viel Wonnen nachgefahren/ O weh, ich töricht Kind! Spät unter Trauerweiden Lernt ich mich still bescheiden Und ward bekehrt. Mir kam von seligen Auen Die eine Gabe nur: Inbrünstig aufzuschauen Zur sternbesäten Flur. Aus trüben Kerkerschachten Zum Born des Lichtes schmachten Ist all mein Trost. Nun sei mir hochwillkommen Zur Andacht, lauschige Nacht! Verheißend ist entglommen Des Sterngewimmels Pracht: Endlose Weltenscharen Sollst, Seele, du befahren; Drum rüste dich! Einst wird dir aufgeschlossen Der Gitterzelle Tür; Du wandelst weißumflossen An Pförtners Hand herfür. Die Segelschwingen breite Und such in Ätherweite Die neue Welt. Der ewige Abc-Schütz Auf den Rücken geschnallt die nagelneue Mappe, Fibel und Schiefertafel unter der großen Klappe, Schwamm und Schieferstift bammelnd an Fädchen Trollt ich mit kleinen Knaben und Mädchen Zur Schule nach Abc -Schützen-Art/ Und war doch ein Greis, Mit Haaren schlohweiß Und wallendem Bart. Bald hockt ich auf niedriger Klassenbank Zwischen Ofen und Klassenschrank; Der Herr Lehrer saß auf dem Katheder. Laut und deutlich mußte nun jeder Aus der Fibel buchstabieren, Artikulieren, deklamieren. Vom plärrenden Chorus hallte das Zimmer: »I, m: Im! Im/ mer. Ni, m: Nim! Nim/ mer!« Ich stammelte mit, zerstreut, verlegen, Wagte kein Auge vom Buch zu bewegen, Wußte vor Scham mich nicht zu lassen. Was tat ich nur hier? Ich konnt es nicht fassen. Das Abc hatt ich längst kapiert, Hatte Bibliotheken durchstudiert, War Bücherverfasser, ein Denker, ein Dichter ... Was tat ich hier zwischen dem Fibelgelichter? Urplötzlich sah ich zu meinem Schrecken Des Herren Lehrers hochwürdigen Bauch Vor meinen Platz sich pflanzen und recken. »Nun, Brunochen«, sprach er, »sag du's auch! Ein kleines Blauveilchen ...?« Ich erhob mich verblüfft, mit Zittern und Zagen; Was sollt ich sagen? Ein kleines Blauveilchen? Auf einmal erwachte, Zeile für Zeilchen, Die Fabel aus meinen Kindertagen, Und ich konnte mechanisch sagen: »Ein/ klei/ nes/ Blau/ veil/ chen Stand eben erst ein Weilchen Unten im Tal am Bach.« Da dacht es nach und sprach: »Daß ich hier unten blüh, Lohnt sich kaum der Müh; Muß mich überall bücken Und drücken; Bin so ins Niedre gestellt; Sehe gar nichts von der Welt. Drum wär es ganz gescheit getan, Ich stieg ein bißchen höher hinan.« Und wie gesagt, so getan; Aus dem Wiesenland Mit eigener Hand Zieht es ein Beinchen nach dem andern Und begibt sich aufs Wandern. »Drüben der Hügel wär mir schon recht! Wenn ich den erreichen möcht, Könnt ich ein Stückchen weiter sehn; Dahin will ich gehn ... Dahin will ich gehn ... Will ich gehn ... '« »Ja«, sprach der Herr Lehrer, »da hapert's noch sehr. Gib künftig hübsch acht und lerne mehr!« Da stand ich alter Esel blamiert/ Und wär am liebsten retiriert In den Boden hinein ... Zu meiner Erlösung begann zu schrein Gellend die Glocke durchs Haus, Und/ die Schule war aus! Janhagel sprang mit Jubel und Tanzen Über die Bänke, griff Mütze und Ranzen Und lärmte in hundertfüßigem Trab Holterdipolter die Treppe hinab. Auf dem Hofe harrten voller Verlangen Mütter und Tanten ihrer Rangen. »Ich bin versetzt!« schrie ein kleiner Junge Triumphierend aus voller Lunge./ Versetzt? Wie ein Pistolenschuß Fuhr es mir freudig durch den Kopf: Heut ist ja Semesterschluß! Dann bin ich armer alter Tropf Wohl endlich versetzt zur höheren Klasse! Daß ich Träumer solche Eröffnung verpasse! Zu einem Klassengenossen trat ich, Klopfenden Herzens um Auskunft bat ich. Der aber höhnte mit Geträtsch: »Nee/ du bist sitzen geblieben/ ätsch!« Entsetzen durchschlotterte meine Glieder. Sitzen geblieben! Schon wieder/ schon wieder! Da wandte der Bengel sich lachend um: »Ist der aber dumm! Ist schon längst in der obersten Klasse Und will noch versetzt werden! Wie kannst du versetzt werden? Es gibt ja keine höhere Klasse!« Gibt keine höhere Klasse? Das Unbegreifliche, grob wie ein Sparren, Ließ alle Gedanken und Sinne erstarren. Gibt keine! Auf dem Schulhof stand ich in wirrem Traum, Schließlich allein mit dem Kästenbaum, Der im Herbstwind brauste und stöhnte, Sich dörrender Blätter entkrönte. Ich blickte hinan, durch Gittergezweige: »Sonne, wo bist du? Enthülle dich! Zeige Den Höhenpfad für mein Aufwärtstrachten! Den Quell, dahin meine Geister schmachten/ Aus dessen überirdischem Rauschen Sie unerhörte Kunst erlauschen; Zeige die höhere Klasse mir!« Ich schaute mich um und/ sah die Mauern/ Und mußte schluchzend zusammenschauern, Schüttelnd das Haupt/ wie König Lear: »Es gibt ja keine!« So bin ich erwacht. Ich zittre und weine. Es war nur ein Traum! Doch/ gibt es denn eine? Sternenfriede Auf allen Forsten, Wiesengründen/ Auf meines Grames Heimat/ lagert Nacht. Nur droben, droben jene Fernen Verklären sich, entzünden Die wundervollste Silberpracht Von Funkelsternen. O Sternenhimmel/ Du Weltengewimmel! Ihr dunkelblauen Lichtbesäten Auen Der Ewigkeit! Euch tief zu schauen Ist Seligkeit, Ist kühler Trost Für diese brennenden Wunden/ Die mir, erbost Gleich kläffenden Hunden, Die Menschenmeute schlug, um nun Mit sattem Hasse auszuruhn ... O Sternenhimmel/ Du Weltengewimmel! Milchstraße, ungeheuer, breit, Vielbuchtig wie ein ausgetretener Strom Durchquerst du die Unendlichkeit/ Welle an Welle, Nebel an Nebel/ Jede Welle ein Lichtermeer, Jeder Nebel ein Weltenheer. An des Lichtstroms Ufern blühn Große Sterne, schwefelflammenblau. Manche funkeln rot und grün Wie besonnter Blumentau. Sternschnuppen sprühn/ Leuchtkäfer auf dunkler Flur. Göttergleich auf hehren Thronen, Blitzen mit den Kronen Jupiter, Sirius, Arktur. Zum Polarstern, seit Äonen, Zielt der Wagen wie gebannt. Von Demant Flammt Orions Gürtelbild. Gemma, reizend, mädchenmild, Regenbogenbunt sich malend, Winkt dem Mars/ der fackelrot, Schlachten sinnend loht. Alle Schwestern überstrahlend Taucht der Liebe Stern mit Schneegefunkel Aus des Forstes ernstem Dunkel. Und wie feierliche, leise Hingehauchte Harfenweise Hör ich nun die Sterne klingen/ Mich im Auge/ sinnen, singen: »Sei still und lausche/ lauschend gleite Zum kühlen Rasen/ breit', breite Die Arme andachtsvoll empor! In Dunkelblau, in Silberschauer Laß taumlig deine Augen sinken Und dieser Kränkung letzte Trauer In unserm Ruhemeer ertrinken! Von Menschentorheit wund gesteinigt, Im Strahlenquell gesund gereinigt, Sollst du ein Heil der Erden, Ein stiller Weiser werden. Sei nur getreu der Sehnsucht, Die um den Frieden freit! Wer treulich schmachtend aufwärts schaut, Dem wird das Höchste angetraut In Ewigkeit, in Ewigkeit. Und Ewigkeiten sind nicht weit, Wenn fern entrückt ob Welt und Zeit Im Sternenliede Dein Sinn verschwimmt ... Der Sternenfriede, Der tiefste Friede sei mit dir!« Der verlorene Sohn Ein Mysterium Es sprach die Ewigkeit: »Nur still, ihr Kindlein, ruht! Bewahrt vor allem Streit, Bleibt Gottes Fleisch und Blut.« Doch ein Geschrei erwacht: »Laß uns geboren werden!«/ So wurden Tag und Nacht, Luft, Wasser, Himmel, Erden. Das Menschenkindlein sog Mit Auge, Mund und Ohr. Die Sondergier betrog, Daß es sein Herz verlor. Von Habsucht ausgefüllt, Denkt es der Herkunft kaum; Die Heimat liegt verhüllt, Vergessen wie ein Traum. Und wenn es rückwärts lauscht, Grüßt keine Mutter mehr; Und nur ein Garten rauscht, Ein wogend Wipfelheer. Mit lichtem Schwerte droht Ein Wächter vor der Pforte. Wie Blitz sein Auge loht; Wie Donner seine Worte: »Im Heim der Ewigkeit War einer bei dem andern. Die unrastvolle Zeit Läßt euch entfremdet wandern. O Wüste Einsamkeit, Wo jeder einzeln irrt! Die Völker sind entzweit, Die Sprachen sind verwirrt. Und weil um Rache schreit Vergossnes Bruderblut, Nun denn, ihr Mörder, seid Einander Höllenglut!« So grollt der Rachegeist. Doch horch, der Garten Eden, Er säuselt und verheißt: »Herbei! Ich heile jeden! Erlösung wird beschert, Wenn ihr, der Wüste leid, Euch reuevoll bekehrt Zur treuen Ewigkeit. Herbei, ihr Zagen! Kommt An meine Gartenmauer! Zu eurem Troste frommt Der ahnungsvolle Schauer. Wenn meine Wipfel raunen Und Nachtigallen singen, Will euch vor süßem Staunen Das volle Herz zerspringen. Und so sich zwei vereinen In Lieben und Erbarmen, Da halten sie mit Weinen Ihr Eden in den Armen.« Hahnenschrei Hahnenschrei. Wie sachter Nebelregen Rieselt Morgendämmern bleich vom Himmel; Baum und Giebel grau und geisterhaft ... Hahnenschrei im Dorfe hin und wieder/ Flüchtig Lallen einer Tagesahnung, Die den Schlaf der Allnatur durchschauert. Horch, Einsiedler! Deine schwere Wacht Geht zu Ende. Von der übernächtig Müden Stirne streife starre Sorgen, Streife deiner Sehnsucht rastlos Grübeln. Nur getrost! Die große Frühlingskraft, Die geheimnisvoll der Erde Busen, Wurzel, Knospentrieb und Menschenherzen Schöpferisch durchbebt/ sie pulset weiter, Braucht dein Sorgen nicht. Sie pulset weiter, Wenn dein Wächteraug auch bricht, und dunkle Todesflut den morschen Leib umspült. Ruhst du ewig doch im Mutterschoße; Da wird Todesflut zum Jugendborn. Hahnenschrei. Nun auf, Einsiedler! Lisch Endlich kummervoller Menschenliebe Fackel/ die so düster dir zu Häupten Schwelte diese lange, bange Nacht. Laß an sanfter Ruhe treuen Busen Deine aufgelösten Sinne sinken! Kühl und duftig um dein Lager wallen Fliederzweige ... Matter Hahnenschrei/ Letzter Scheidegruß von jenem dunkeln Ufer, das die Seele, wie ertrinkend, Doch so gern, verlor ... Ade, ade! Einmal taucht sie noch empor; und zwischen Schlaf und Wachen träumend, hört sie leises Lerchenzwitschern ... Vöglein, lieber Herold, Spürst du droben frischen Lebensodem, Neugebornes Licht, das aus der Nacht Rosenüppig blüht? Ja, Todesflut Ward zum Jugendborn! Und gläubig lächelnd Sinkt die Seele zum ersehnten Sterben In die dunkle Flut ... Wie süß, wie süß! Ich bleibe Durch die Nacht mit dumpfem Rauschen Treibt vorbei des Stromes Wut; Und mit träumerischem Lauschen Starr ich auf die dunkle Flut. Schattenhafte Kähne wallen Mir vorbei, in Nacht hinein; Liebe Stimmen, sie verhallen, Und die Strömung tönt allein. Ödes Schweigen, banges Dunkel! Schmerzlich irrt mein Blick empor. Da erblüht mit Trostgefunkel Ein Gestirn dem Wolkenflor. »Sieh, ich bleibe!« winkt sein Auge/ Und die bange Seele zieht Auf zu diesem treuen Auge, Wie ein Kind zur Mutter flieht. Wenn dereinst des Todes Grauen Dieses Herz umspült und bricht, Laß noch einmal dich erschauen Über Wassern, süßes Licht! Bis den letzten Liebesfunken, Der aus meinem Auge scheint, Deine Blicke aufgetrunken Und dem Sternenglanz vereint. Im Sarge Aus schwarzem Sarge starrt, Von Morgengrau erhellt, Ein Toter bleich und ernsthaft In die verlassne Welt. Ein müdes Schluchzen irrt Umher im Beigemach; Im starren Totenantlitz Wird keine Rührung wach. In Wonne bricht der Morgen Herein mit roter Glut, Begrüßt von Vogelzwitschern; Tief ernst der Tote ruht. Er starrt empor und grübelt, Wie es nur möglich war, Daß er von Lust und Leide Gebebt so manches Jahr. An eines Knaben Bahre Waldhäusers Lied Lebe wohl, verklärte Seele, Bis uns lacht ein Wiedersehn, Wann auch ich aus Staubes Höhle Darf zur Sternenheimat gehn. Liebreich ruft ein Hirt: »Willkommen Auf besonnter Blumenweid'; Lämmlein, bist mir angenommen In der Unschuld weißem Kleid.« Gnade uns, wir könnten alle Gleich so erdenledig sein, Daß wir zum Schalmeienschalle In den Frieden gingen ein. Träumen laßt mich, Funkelsterne, Hebt mich über Gräber weit! Ach ich traue dir so gerne, Heimweh nach der Ewigkeit! Flackerseelchen Am offenen Fenster Ein Flämmchen wacht, Es flirrt und flackert In wehender Nacht. Ein Windstoß würgt es; Da beugt es sich müd, Als ob ein blaues Blümchen verblüht. Aus lischt sein Auge; Ein letzter Strahl Hinan zum heiligen Sternensaal./ Arm Flackerseelchen, Du Bettelkind, Gern wärst du worden, Was Sterne sind. Mußt nun versprühen In Nacht und Tod. Jedoch getrost: Der Lichtborn loht! Dein Lichtborn droben, Die glühenden Sonnen, Dran heilige Sehnsucht Dir ist entbronnen. Und was du liebtest In armer Zeit, Dein Reichtum ist es In Ewigkeit. Der Sternenliebe Ergib dich ganz! So wirst du selber Zu Sternenglanz. Herbstwanderung Spürst du es herbsten, Wacholder? Tiefdunkel grünen die Erlen/ Doch Sonne küßt immer holder. Schwebt dorten nicht weiß Gespinnst? Ach, Silberhaar, schweifende Wehmut Ist all meines Sommers Gewinnst. Wacholder, dir bleiben die Nadeln. Laubherzlein mögen welken, Uns beide soll Winterleid adeln. Geistender Nebel auf Mooren. Du Welt hast heimliche Schlüfte; Wohin ging Jugend verloren? Muß Moder denn alles beerben? Hin rieseln die Augenblicke; Ach, alles Leben ein Sterben. Der Himmel mattrotes Gold. O bliebe doch eine Treue Dem Begrabenen ewig hold! Abendfunken verglimmen. Wie Flötenseufzer will endlos Mein Sehnen ins Weite schwimmen. Horch, säuseln nicht Friedhofs Cypressen? Ich weiß eine Seele der Seelen, Die kann kein Stäubchen vergessen. Wandervögel Wandergänse eilen/ Schnatterhaft Gewimmel Huscht in Schattenkeilen Über Mondscheinhimmel. Weicher Seelenlaut Bebt aus hartem Schnarren. Süßer Trost, zu lauschen Und emporzustarren! Treue Sonnensehnsucht, Die um Mitternacht Bei des Mondes Dämmern Rastlos suchend wacht! Was ich stumm verschlossen Hielt in meiner Klause, Raunen Gramgenossen In das Herbstgebrause. Weil ihr Heimatland Nebeltrübe worden, Flüchten sie mit greller Klage aus dem Norden. Doch in lichten Träumen Glaubt ihr fromm Gemüt An ein Südenland, Wo die Sonne blüht. Von der Sehnsucht Schrei Wie bezaubert, schwanken Raschelnd vor dem Fenster Wilden Weines Ranken. Auch das arme Laub Träumt von einem andern, Milden Land und möchte Mit den Vögeln wandern. Durch die Adern schauert Zehrende Fieberglut; Und in Schwärmerwahn Lodert es wie Blut. Fliegen will's und/ taumelt Todesmatt hinab ... Ach, sein Südenland Ist ein Modergrab. Warum bangst du, Herz? Hast du nun erkannt, Daß mit Laub und Vogel Schmachtend du verwandt? Kommen wird ein Herbsttag, Wo du glühst wie Laub Und mit deiner Sehnsucht Taumelst in den Staub. Doch vor lauter Treue Stirbt die Sehnsucht nicht; Aus gesunknem Laube Flattert sie zum Licht, Flattert jauchzend/ wie ein Vogel, der zum Land Seiner Sonnenträume Nun die Richtung fand. Pilgerfahrt Durch dunkle Grabzypressen haucht Geheimnisvolles Raunen; Aus weißen Fliederdolden taucht Der Mond mit scheuem Staunen. Und sieh, vom frischen Grabe Hebt sich der Marmelstein, Die Höhlung klafft/ ein bleicher Mann Ersteht im Silberschein. An seine wirre Stirne greift Der Tote schlummertrunken; Und wie sein Blick die Tafel streift, Da stutzt er, bohrt versunken Das Aug in seine Grabschrift Und starrt/ bis an sein Ohr Ein Hahnenschrei vom Dorfe gellt; Da fährt er jäh empor. Zum Dörflein heimwärts will er gehn/ Wie ehedem/ und zaudert Und bleibt am Friedhofzaune stehn, Von fremder Scheu durchschaudert: »O Pilger, laß, was drüben liegt, Wo sattsam du gegangen! Auf neuen Pfaden weide Geläutertes Verlangen!« Bei Büschen, Hügeln, Dorf und Au Verweilt sein Aug mit Grüßen, Ade! und schwimmt in Tränentau. Und wie er nun dem süßen Trostliede lauscht der Nachtigall, Da sucht er eine Gruft Und küßt von weißer Rose Erinnerungsvollen Duft. »Zur Rüste, Pilger! Was so schwer Dir lastet auf dem Herzen, Tu ab von dir! und schürfe leer Dein Herz von Schutt und Erzen! Was du gelebet/ Schutt und Erz/ Sei nun gerecht gerichtet Und hier auf deiner Tafel, Zwei Hüglein, aufgeschichtet!« Er wiegt das Haupt in stummem Weh/ Das gilt dem Schlackenhügel. Doch aus dem andern, rein wie Schnee, Formt er zwei Schwanenflügel; Die fügt er an die Schultern Und spannt sie breit und hehr, Ein kühner Weltensucher/ Hinaus zum Sternenmeer.