Erlöse dich Sonnenbraut Ein Wandrer tappt in Nacht und Dünsten; Wonach er suchte, wußt er nicht. Da hat verlockt mit Gaukelkünsten Zu Sümpfen ihn ein Flackerlicht. Er taumelte hinein und hielt den Rausch der Sinne Für benedeite Minne. Und falsche Schätze sah er strahlen, War allen Leibeslüsten hold; Vernahm mit Gier der Großen Prahlen Und griff nach Purpur, Lorbeer, Gold. Er rang und raufte drum im wirren Fiebertraum, Doch seine Hand griff Schaum. Wach auf, Genarrter! Herold Morgen Macht alle Nachtgespenster fliehn. Von Bergeseinsamkeit geborgen, Im heilgen Lichtstrom darfst du knien. Gib hin die dumpfe Stirn! Der rote Sonnenmund Küßt dich von Schuld gesund. In Weiheschauern wird nach oben Zur spät gefundnen Sonnenbraut Der Freier auf den Thron gehoben Und Herz dem Herzen angetraut. Ihr Auge gibt den Kelch der Ewigkeit zu trinken. O seliges Versinken! Südenland Horch, durch grüblerische Föhren Woget stöhnendes Verstören Herbstlich rauhes Nachtgebraus. Und die reckenhaften Eichen Toben, weil die Wipfel bleichen, Schaurig trostlos ihren Kummer aus. Droben, wo durch Wolkenhader Bläulich wallt des Mondes Duft, Rudert durch die barsche Luft Wilder Gänse Keilgeschwader. Ihrer Sehnsucht dunkel Raunen Lenkt empor mein stummes Staunen Und erweckt die kühlen Schauer Unvergessner Abschiedstrauer. Dein gedenk ich, armer Freund! Vom vertrauten Heim betrogen, Bist du fröstelnd fortgezogen Mit der Wildgans südenwärts. Draußen suchst du, grambegleitet, Was allein das eigne Herz, Wie der Baum sein Harz, bereitet. Fahret wohl! Ich bleibe hausen, Wo die Föhren mürrisch brausen Mit mir selbst allein; verschweige Meiner Sehnsucht Schrei und neige Zum Gebet mein Haupt: Wohlan, Sei nun stark, Einsiedel! Zeige, Was die eigne Kraft noch kann! Tiefste Andacht weihe dich, Und zur Öde, Zaubrer, sprich Jenes Wort, das Berggestein Spaltet: »Sesam, tue dich auf!«/ Dann hinein, getrost hinein! Hinter rauher Felsenwand Lächelt dir ein Südenland/ Dein ersehntes Friedenland. Das Bett Wenn ich mich schlafen lege, So fällt mir manchmal ein, Wieviel ich dir verdanke, Du treuer Ruheschrein. Du schaust mich an so grübelnd Mit deiner Bretterstirn, Als möchtest du erzählen, Als wäre Holz wie Hirn. Auf deinem breiten Rücken Trugst du mich manche Nacht. Ein halbes Leben hab ich In deiner Hut verbracht. Ich kam aus dunklem Schoße Zum Lichte, zart und klein; Sie legten mich vertraulich In deine Pflege ein. Was ich mit schwerer Zunge Im Schlafe ausgeplauscht Von bunter Träume Wispern, Hast duldsam du belauscht. Wenn mich Gespenster würgten, Wenn ich in Klüfte fiel/ In deinem sanften Pfühle Fand ich mein tröstlich Ziel. Die Seufzer, wenn des Sturmes Gewimmer mich gequält/ Und, weißt du noch? die Küsse/ Du hast sie all gezählt. Du Zeuge voller Andacht, Wenn schaffend ich gewacht, Wenn ich, vom Geiste trunken, Dem Liede nachgedacht. Wenn schlotternd ich getaumelt, Die Schläfe fieberschwül, Hast du mein Haupt gebettet In deine Kissen kühl. Dereinst, wenn ich so liege, Dann kommt der Rudermann, Der deine treuen Planken Zur Barke wölben kann. Du trägst mich leise schaukelnd/ Fahr wohl/ durch schwarze Flut Zum Eiland der Zypressen, Wo sich so selig ruht. Tote trösten O Nacht, wie warst du sonst so heilig schön! Am Erdenbusen lag der Mondenschein; Es war sein Traum ein silberzart Getön; Und Ruheglocken summten aus den Höhn ... O Nacht, und nun? Wie schaurig kannst du sein! Da lieg ich lahm, zerschmettert mein Gebein; Im Abgrund lieg ich, finster, ganz allein. Ich stöhne, zitternd strecken sich die Arme: Ist droben keiner, der sich mein erbarme? Ist ausgeloschen aller Sterne Schimmern? Ich höre nur dein monotones Wimmern, Du Unrastseele, ewger Jude Wind! Stumm sei und stolz mein zuckender Mund! Was mich gestürzt in den schwarzen Schlund, Keinem Atmenden werd es kund! Sie schlafen; oder ihr Schwelgen lacht. Was kümmert sie's, wenn ein Grübler wacht Und sich quält mit der schwarzen Nacht! Nur Toten Sei mein Flehen entboten. Sie lassen sich rufen, sie neigen Dem hilflos Einsamen ihre Huld, Haben für all sein Beichten Geduld Und können wie Grüfte schweigen. Nun denn, mein Vater! komm aus deinem Grabe, Aus meinem Herzen komm und laß dich schaun! Liebernstes Angesicht, sieh her! Dein Knabe, Er ist's, er liegt in Zweifel und in Graun Und möchte schluchzend sich dir anvertraun. Auch du, Großmutter mit den Silberlocken, Du weise Frau, die gütig mich gekos't, Wenn vor der Welt mein Kinderherz erschrocken, Dein großes blaues Auge sei mein Trost! Wohlan, ihr Treuen, laßt euch klagen Und mein Geheimnis sagen ... Doch nein, nicht sagen! nur mit Schweigen spricht Die Seele, wo sie heiß aus Tiefen bricht. Und ihr, dem Schattenreiche eigen, Liebt ja das Stumme und versteht mein Schweigen. Ich spüre eure milden Augensterne; Ihr Schauen dringt ins Tiefste mir und fühlt, Was hier im Busen glüht und zuckt und wühlt. Wie lieg ich unter diesem Blick so gerne, Der mich wie Tau benetzt und meine Wunde kühlt. Bin ich genesen? Wieder heilig schön Dünkt mich die Nacht. Die feierlichen Glocken Ersummen abermals in Himmelshöhn, Als möchten sie mir neues Hoffen locken. Und horch, was zwitschert schüchtern sacht? War's nicht der Lerche Morgenlaut? Ich glaube gar, noch einmal wacht Ein Blütentag mir auf. Es graut, es graut! Die tröstende Nacht O Nacht, du treue Trösterin! Wenn ich auf meinem Lager zage, So schwebst du vor das Fenster hin Und hörst geduldig meine Klage. Und wenn ins Kissen ich mit Stöhnen Mein tränend Angesicht verhülle, Hör ich auf einmal eine Fülle Von Wohllaut mir zu Herzen tönen: »Getrost, getrost! Ich bin ja hier! Will dich nach jedem Tage heilen Und werde kommen einst zu dir, Um immerdar bei dir zu weilen. Dann ruhst du, selig vom Vergessen Durchschauert, fern von Tagesrauschen Und magst dem sanften Liede lauschen, Das Winde harfen in Zypressen.« Sündige Blüte Hinab zur unendlichen Ebene taucht Rotglühend der volle Mond. Des Morgens erster Odem behaucht Mit feuchtem Kusse die silbergrauen Erschauernden Roggenauen. Wie schmacht ich, die schwülen Vergrämten Sünderschläfen Im tauigen Schoße des Feldes zu kühlen! Wenn nur die zischelnden Ähren Nicht herbe Beichtiger wären! Doch zwischen den Ähren, du flatternde bleiche Blüte des Mohnes, üppige, weiche, Zu dir will ich gehen. Sündige Blüte, du wirst mich verstehen. Dein gütig Neigen, Dein sanftes Schweigen, O ich weiß, was es spricht: »Getrost, mein Liebling! Laß dein reuig Mühen Und bette dich her zu mir! Ob es bricht, Das fromme Korn, du scheue die Sünde nicht! Wir sündigen, weil wir blühen. Vergiß die Welt, die uns Unkraut schilt! Versenke die Seele versöhnt und mild In meine barmherzige Blüte! Laß heimlich uns trinken die duldsame Güte Des Mondes/ und rings vom weiten Gefild Unendlich heilige Ruhe!« Aus Rauhreif Aus Rauhreif ragt ein Gartenhaus, Das schaut so schmuck, so sonnig aus. An blanken Giebel schmiegt sich hold Der Wintersonne Abendgold. Eiszapfen, Scheiben in rotem Glanz, Die Fenster umrahmt von Waldmooskranz. Blattgrün, Gelbkrokus, ein rosiger Bube Lächeln aus frühlingswarmer Stube. Kanarienvogel schmettert so hell, Kinderlachen und Hundegebell. Klein Hansemann und Ami spielen Wolfsjagd, sie balgen sich auf den Dielen. Die Mutter ging holen den Weihnachtsmann. Der klopft an die Türe brummend an. Und sieh, vermummt, ein bärtiger Greis, Ein Sack voll Nüsse, ein Tannenreis. »Seid ihr auch artig?« Stumm nicken die Kleinen Und reichen die Patschhand; eins möchte weinen. Da prasseln die Nüsse, das gibt ein Haschen! Der süße Hagel füllt die Taschen ... Fort ist der Mann. Mit Lampenschein Tritt nun die liebe Mutter herein. Gejubel: »Der Weihnachtsmann war da! O, Nüsse hat er gebracht, Mama!« Den großen Tisch umringt ein Schwatzen, Schalenknacken, behaglich Schmatzen. Die Mutter klatscht in die Hände und zieht Die Spieluhr auf: »Nun singt ein Lied!« »Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, Zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall!« Fromm tönt's in die frostige Nacht hinaus. Ein Stern steht selig über dem Haus. Es war einmal Es starrt so trüb ein altes Haus In wintergraue Fernen hinaus. In sich versunken, erbebt es bang Von dumpf verschollenem Glockenklang. Auf einmal gleitet zärtliches Licht Ihm tastend über das Angesicht. Die Wintersonne mit mattem Schein Küßt scheidend Giebel und Fensterlein. Wehmütig lächelt ihr zitternder Strahl: »Gedenkst du noch? Es war einmal ...« Dann hüllt sie das Haupt in Schneegewölk ein Und läßt das Haus im Dunkeln, allein. Sei, Seele, du Marie Marie gebenedeite, Mit Kind und Myrtenkrone, Verbleib nicht in der Weite Auf hehrem Sternenthrone! Kehr in die Hütten ein Und mir im Busen wohne! Es hat das Reich der Himmel Hienieden allen Raum. Daß fern im Morgenland Ein Eden blüht, ist Traum. Die wache Seele fand In sich den Lebensbaum. Sei, Seele, du Marie, Die keusche Gottesmaid, Vom Licht aus Vaterschoß Umflutet und umfreit, In Minne makellos Zur Mutterschaft geweiht. Zu Bethlehem die Krippe Ist jedes Herzens Schrein. Soll mich und meine Sippe Der Gottessohn befrein, Er muß aus Menschengrunde, Aus mir geboren sein. Der schwarze Reiter Im Regengeprassel, im Windesrauschen/ Vorüber, vorüber/ Immer dem Einen nur muß ich lauschen: Vorüber! Wie düstere Pilger die Wolken ziehn Vorüber, vorüber. Wirbelnd des Waldbachs Wellen fliehn Vorüber. Aus kahlen Wipfeln hör ich es stöhnen: Vorüber, vorüber! Schaurig ein Echo im Herzen höhnen: Vorüber! Da hab ich gehastet, hoffend geharrt; Vorüber, vorüber! Fiebertraum hat mich gehetzt und genarrt; Vorüber! Wie Wasserwirbel mein Leben zerstieben; Vorüber, vorüber. Treu ist mir nur das Eine geblieben: Vorüber. Hei, meine Geschwister Regen und Wind! Vorüber, vorüber! Bin ja wie ihr des Irrwahns Kind/ Vorüber! Einen Reiter seh ich in Wolken traben; Bist du's, Vorüber? Den hagern Rappen umflattern Raben. Vorüber! Nun, dunkler Ritter? Willkommen, Tröster, Du herbes Vorüber! Mich dünkt, ich werde noch dein Erlöster, Vorüber. Wir stürmen ein Weilchen noch um die Wette, Vorüber, vorüber/ Und trotten zuletzt an ein friedlich Bette. Vorüber! Da wirst du die Morgenfanfare blasen, Mein Heiland, Vorüber: »Träumer, nun ist dein Reiten und Rasen Vorüber. Nur immer ins Weite langte dein Hasten: Vorüber, vorüber! So war dein Leben ein einzig Fasten/ Vorüber. Was du im Weiten nicht fandest, die Ruhe/ Vorüber, vorüber/ Hat Raum genug in der schwarzen Truhe. Vorüber!« Sternlose Nacht Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Ich bin ein Erlenstumpf, Dran bleicher Moder glimmert, Ein gärend fauler Sumpf, Wo scheu das Irrlicht flimmert. Unheimlich düstre Welt, Du Tummelplatz für Toren! Bin gänzlich unbestellt In dich hineingeboren. Sag an, was hast du für Mit deinem bangen Kinde? Und hast du keine Tür, Wo ich den Ausgang finde? Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Mein Leben schäumend rann, Ein Sturzbach zwischen Steinen. Was ich dabei gewann? O bitter möcht ich weinen! Einst ward ich schmuck und neu Als Menschlein eingekleidet. Doch alles Fleisch ist Heu, Und horch, die Sense schneidet. Ach wohl, die Jugend reicht Den süßen Taumelbecher. Doch Rausch und Minne weicht, Und Reue weckt den Zecher. Um jeden Bissen Brot Muß hart der Froner schanzen; Sonst hockt die hagre Not Auf seinem leeren Ranzen. Mach dich nicht gar zu breit, Du Herr im güldnen Hause! Ohn End ist Ewigkeit, Und schmal die letzte Klause. Poch nicht auf Ehr und Zier! Fortuna hat's geliehen. Der Hobler wird auch dir Ein Linnenkleid anziehen, Zum Pfühle untern Kopf Zwei Handvoll Spähne schieben ... Nun denke nach, du Tropf, Wie närrisch du's getrieben! Gewölk hat umgebracht Den letzten Sternenfunken; In rabenschwarze Nacht Ist Fels und Tann versunken. Und wie ich ratlos bang Ins dunkle Rätsel staune, Horch, sanfter Wiegensang, Ein wogend Waldgeraune: »Nur stille, Menschenkind! Was helfen deine Sorgen? Die Augen schließe lind! Derweilen wächst das Morgen.« Die Nacht hat ihren Tau, Auf daß der Maien blühe, Und aus dem Wolkengrau Entsprießt die Purpurfrühe. Soll nicht der Sagenstein, Wo wüste Tannen dunkeln, Ein Königspalas sein Und einst entzaubert funkeln? Zuvor im Puppenkleid, Will diese trübe Erden Am Glanz der Ewigkeit Ein Himmelsfalter werden. Und ob die Wolke hüllt Den letzten Sternenfunken, Dein Traum wird noch erfüllt: Du schaust/ von Sternen trunken. Herbstfäden In Fieberröte träumt der Baum Den letzten goldnen Sonnentraum. Der blaue Himmel lächelt Wie sanftes Leid. Horch, seltsam schnarrende Weisen! Die Wandergänse reisen, Zum Keil gereiht. Am Webestuhl die Spinne lauscht, Wie droben das Geschwader rauscht. Ihr wird so fernesüchtig, So bang zu Sinn. »O hätt ich schwirrende Flügel! Weit über blaue Hügel Flög ich dahin.« Und wie sie grübelt, wird ihr klar Ein Flugmaschinchen wunderbar. »Mein Werk soll mich erlösen! Drum frisch gewebt, Bis ob der braunen Heide Ein Segel aus weißer Seide Im Lufthauch schwebt!« Da segelt nun das kleine Ding, Wie Faust am Zaubermantel hing. So fand dein Spintisieren Nun doch den Pfad! Dich trägt, was du gesponnen, Zu Gärten neuer Wonnen. Heil deiner Tat!