Christoph Martin Wieland Comische Erzählungen Ex noto fictum Carmen sequar, ut sibi quivis Speret idem – Horatius Gajus Plinius Secundus an seinen Freund Ariston ... Sie melden mir, daß meine scherzhaften Gedichte der Gegenstand eines weitläufigen Gesprächs in Ihrem Hause gewesen, und daß sehr ungleiche Urteile darüber gefällt worden seien. Selbst diejenigen, (sagen Sie) welche diese Gedichte an sich selbst nicht, mißbilligten, konnten doch, aus Freundschaft für mich, nicht gut heißen, daß ich sie gemacht hätte; noch weniger aber, daß ich sie gar öffentlich bekannt werden ließe. Ich werde diesen Freunden eine Antwort geben, die mich in ihren Augen noch strafbarer machen wird: Es ist wahr, ich mache zuweilen Verse, und nicht sehr ernsthafte; ich mache Komödien, ich liebe alle Arten der Schauspiele; ich lese mit Vergnügen die Lyrischen Dichter; ich lese die Satyren-Schreiber, selbst die allerfreiesten, und brauche keinen Ausleger dazu; es gibt Stunden, wo es mir angenehm ist zu lachen, zu scherzen und zu kurzweilen; kurz, und um alle Arten der unschuldigen Ergötzungen in einem Worte zusammenzufassen: Ich bin ein Mensch. Es ist sehr schmeichelhaft für mich, wenn diejenigen, denen es unbekannt ist, daß die gelehrtesten, ansehnlichsten und rechtschaffensten Männer dergleichen Dinge geschrieben haben, aus guter Meinung von meinem Charakter sich verwundern, daß ich dergleichen schreibe. Von denen aber, welche wissen, wie viele und wie große Leute ich hierin zu Vorgängern habe, hoffe ich ohne Mühe zu erhalten, daß sie mich auf meinem Irrweg (wenn es anders einer ist) hinter denjenigen herschlendern lassen, denen nicht nur in ihren ernsthaften Beschäftigungen, sondern auch sogar in ihren Spielen nachzufolgen rühmlich ist; usw. Im dritten Brief des fünften Buchs der Briefe des Plinius. Das Urteil des Paris ουκ αλλη κρατησει, της Αφροδιτης αγωνιζομενης ην μη πανυ ό διαιτητης αμβλυωττη. Lucian Aus dreien Reizenden die Schönste auszuwählen Fand Aristipp, ein weiser Mann, nicht leicht; Er guckte lang, und sich an keiner zu verfehlen, Erwählt er alle drei; unweislich, wie mich deucht. Der Mann verstand nicht viel von Weiber-Seelen; Zum mindsten hält sein Grund nicht Stich. Ein Kenner, ihr, Herr Doctor, oder ich, Wir hätten uns um Eine doch von Dreien Durch unsre Wahl verdient gemacht, Und in der Freundin Arm der andern Zorn verlacht; Denn, wie's der Philosoph gemacht, Das war das Mittel sich mit allen zu entzweien. So hat Prinz Paris einst gedacht, Als ihm den goldnen Preis der Schönsten zuzusprechen Ein Götter-Wink zur Pflicht gemacht. Anstatt den Kopf sich lange zu zerbrechen Erklärt er sich um eine hübsche Nacht Für die gefällige Cythere. Freund Lucian, der Spötter, sagt uns zwar Von diesem Umstand nichts; doch, wär er auch nicht wahr, So macht er doch dem Witz des Richters Ehre. Du kennst und liebst wie ich, mein Z., Den feinen Schalk, den Spötter Lucian; Wer bei ihm gähnt, der schnarchte wohl am Busen Der Venus selbst, und beim Gesang der Musen, Daß niemand feiner scherzen kann, Daß er ein schöner Geist, ein Kenner, Ein Weltmann war, gesteht ihm jeder ein; Doch wünschen Tillemont und andre wackre Männer Mit gutem Fug, er möchte frömmer sein. Was uns betrifft, die gern sokratisch lachen, Uns dient er oft zum wahren Aesculap; Er treibt uns manchen Wind und manche Grillen ab, Und weiß die Kunst mit Lächeln oder Lachen Uns klüger oft, vergnügter stets zu machen: Und das ist mehr, gesteh's, als Habermann, Tom von Aquin und Raymund Lullus kann. Um dich und mich für diesmal zu erbauen, Erzähl ich dir, den Musen, Freund, und mir, In Reimen ohne Kunst und weitgesuchte Zier, Den fabelhaften Streit der schönen Götter-Frauen; Und wenn die Grazien, sie wissen wohl wofür, Nach Standes-Pflicht, ein wenig dankbar wären, So würd ich wenigstens mein Urbild nicht entehren. Noch flammt der Streit, den Eris angeschürt, Die Fehde, ohne die Fürst Priam unbezwungen, Achillens Zorn und Hector unbesungen, Herr Menelas am Vorhaupt ungeziert, Und seine schöne Frau zu ihrer größern Ehre Uns unbekannt geblieben wäre; Der Zank, der Götter selbst in Hochzeit-Freuden stört, Und denke nicht um Kleinigkeiten; Nicht was die Linien im Buch Ye-Kin bedeuten? Nicht ob dies Fleckchen Land das dritthalb Ziegen nährt, Dem Junker Hans, dem Junker Jörg gehört? Wie viele Cherubim mit schön vergoldten Schwingen Durchs Öhr der feinsten Nadel gingen? Ob dudeldum, ob dudeldei Der größte Triller-Schläger sei? Ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze? Dergleichen Fragen trägt, wie Freund Pedrillo spricht, Die kleinste Mück auf ihrem Schwanze Wer weiß wie weit – Göttinnen zanken nicht Wie Philosophen und wie Kinder; Sie machten wohl um nichts so viel Geschrei. Mein guter Freund, der Streit betraf nicht minder Als wer die schönste sei? Um diesen Preis kann man zuviel nicht wagen. Die Damen schreien nicht allein: Das Nymphen-Volk aus Flüssen, Meer und Hain, Das bei der Hochzeit war, will auch nicht müßig sein; Es mischen sich schon auch die Zofen drein, Man kratzt sich schon, es ist ganz nah am Schlagen, Sie kriegen sich bereits bei ihrem blonden Haar Und kurz, sie lärmten dir, daß es ein Elend war: Als Vater Zeus, in den sie alle dringen Um ihm den Ausspruch abzuzwingen, Sich glücklich einer List besann. Er spricht: »Man weiß, daß ich, (als dieser Göttin Mann, Und jener zwo Papa,) nicht gültig sprechen kann; Denn was auch unsre Priester sagen, Parteilichkeit steht Göttern gar nicht an. Zum Richter weiß ich euch nur einen vorzuschlagen Der tauglich ist; er ist von Ilion, Ein junger Hirt, jedoch ein Königs-Sohn, Schön wie der Tag, geübt in Fragen Von dieser Art, trägt (wie die Leute sagen) In jedem Spiel das Beste stets davon, Und hat bei Tag und Nacht, auch ohne Sold und Lohn, Noch keinen Dienst den Damen abgeschlagen: Kurz, Kinderchen, das ist ein Mann für euch, Ihr werdet wider ihn nichts einzuwenden haben; Er ist ein Sterblicher von ungemeinen Gaben; Doch redet frei, mir gilt es gleich.« »Mir auch, (versetzt mit stolzen Augen-Brauen Saturnia) vor mir mag Momus Richter sein; Man hat sich, wie mir deucht, vor Tadlern nicht zu scheun; Fragt diese Damen hier« – »Mir wird's wohl auch nicht grauen«, Spricht lächelnd Cypria, und dreht Sich einem Spiegel zu, der vor ihr über steht; »Mir kann, hat nur der Richter Herz und Augen, Ein Hirt soviel als jeder andre taugen.« Minerva schweigt. »Und du«, spricht drauf der Gott, »Mein Töchterchen, du schweigest und wirst rot? Doch Jungfern machen's so, wenn von dergleichen Sachen Die Rede ist, ihr Schweigen gilt für ja. Wohlan, Merkur steht schon gestiefelt da, Ihr könnt euch auf die Reise machen; Doch nehmt die Hüte mit, der Tag ist ziemlich heiß, Und, wie ihr wißt, macht Sonnenschein nicht weiß.« Das Reise-Protocoll, und was sie auf der Straßen Gesehn, gehört, geschwatzt, das will ich dir erlassen. Man hebt den einen Fuß, man setzt den andern hin, Und kommt, wie Sancho sagt, dabei doch immer weiter; Auch kürzt den Weg der aufgeweckte Sinn Von ihrem schwebenden Begleiter. Der ganze Chor der Götter wird Von Glied zu Glied anatomiert; Man steigt von da zu Faunen und Najaden; Selbst von den Grazien die im Cocyt sich baden Wird viel erzählt, vielleicht auch viel erdacht, Das ihnen nicht die größte Ehre macht: Doch der Erweisungs-Last will niemand sich beladen. Inzwischen langt die schöne Caravan Bei guter Zeit am Fuß des Ida an. Man weiß, daß Götter nicht wie Deputierte reisen. Der Berg war hoch, mit Busch und Holz bedeckt, Und im Gesträuch der krumme Pfad versteckt. »Hier könnte Venus uns den Weg am besten weisen«, Fängt Juno an, »des Orts Gelegenheit Muß ihr noch aus Anchisens Zeit In frischem Angedenken liegen; Es hieß, vielleicht zwar nur aus Neid, Sie sei auf Ida oft zu ihm herab gestiegen, Und hab ihm da, nach Nymphen-Art geschürzt, Als Jägerin, die lange Zeit verkürzt.« »Dein Spott«, versetzt Idalia mit Lachen, »Kann, glaube mir, mich niemals böse machen«; »Man weiß doch wohl – die Damen«, fällt Merkur Sehr weislich ein, »geruhen sämtlich nur Mir nachzugehn; das ganze Phryger-Land Und Ida sonderlich ist mir genau bekannt. Ich ward, eh Ganymed ein Amt im Himmel fand, Vom Jupiter so oft hieher gesandt, Daß ich den Weg im Dunkeln finden wollte. Ich geh voraus – Schon öffnet sich der Hain; Der Lage nach deucht mich der Richter sollte Gar weit nicht mehr – Sehn sie auf jenem Stein, Dort wo die Ziege grast, den schönen Hirten sitzen? Vermutlich wird es Paris sein – Er ist's – Beim Styx! er wird die Ohren spitzen, Wenn er erfährt, was unsre Absicht ist. Ich red ihn an – Sei mir gegrüßt; Du junger Hirt!« – »Ihr auch, mein hübscher Herr; Was führet euch in diese wilde Höhen? Und, darf die Frage weiter gehen, Wer sind die Mädchen dort, die bei der Eiche stehen? Die sind wohl schön! Beim hohen Jupiter, So schön hab ich sie nie gesehen. Die schafften wohl nie viel im Sonnenschein! Sie sehn mir wahrlich nicht wie unsre Weiber drein, Sie übertreffen ja die Schwanen selbst an Weiße, Und ihr Geruch! So wahr ich Paris heiße, Es müssen Feen sein!« »Nah zu, mein Freund; du kannst dich glücklich preisen, Der ganze Ether hat nichts schöners aufzuweisen; Göttinnen sind's« – »Göttinnen? Nun, beim Pan! Das dacht ich gleich; ich sah es ihnen an, Und doch sind diese da die ersten die ich sehe. « »Versichre dich's, wir kommen aus der Höhe; Du siehst Gesichter hier, wie mans im Himmel trägt; Sie haben nur die Strahlen abgelegt, Die, wie man weiß, sonst Götter-Köpfe schmücken, Denn diese könntest du nicht ungestraft erblicken. Itzt tun sie nichts: Gib nur auf alles acht. Die Große hier, die über alle raget, Hat Jupiter vorlängst zur Frau gemacht; Und gleichwohl sieht der Morgen wenn es taget Nicht frischer aus; das macht der Götter-Stand; Man findt nichts blühenders an einem Rosenstocke: Die andre dort im kriegrischen Gewand Mit Helm und Speer wird Pallas zubenannt: Und diese da, im kurzen Unterrocke Und mit halboffner Brust, die unterm Rand Des kleinen Huts hervor so schalkhaft nach uns schielet, Ist, wenn dein Herz sie nicht bereits gefühlet, Dem Namen nach als Venus dir bekannt. Du zitterst, Hirt? Sei immer ohne Grauen; Göttinnen, glaub es dem Merkur, Sind eine gute Art von Frauen, Ihr hoher Stolz sitzt in der Miene nur. Du kennst sie nun: Betrachte sie genau; Denn Zeus verlangt, nach vorgenommner Schau, Den Ausspruch, welche von den dreien, Den einzigen, die keine Probe scheuen, Die Schönste sei, selbst schöner Hirt, von dir. Der Preis des Wettstreits ist der goldne Apfel hier. So sagt die Überschrift: Die Schönste soll mich haben. Zeus weiß, daß dir hierin an Kenntnis niemand gleicht; Und kurz, es steht bei dir, die dir die Schönste deucht Mit diesem Kleinod zu begaben.« Der junge Hirt zückt, da er dieses hört, Die Achseln, und versetzt: »Herr Hermes, wie ich höre, Erweist Gott Jupiter mir gar zu viele Ehre. Ich bin, beim Pan! nicht so gelehrt, Zum wenigsten nicht, daß ich's wüßte; Auch seh ich nicht, woher es kommen müßte: Ich bin ein Hirt, der nichts gesehen hat Als Küh und Ziegen, Fichten, Eichen, Und Mädchen, die den Kühen ziemlich gleichen; Dergleichen Fragen sind für Leute in der Stadt. Fragt mich, ob diese junge Ziege, Ob jene schöner sei, das weiß ich auf ein Haar; Allein von diesen hier tut jede mir Genüge. Ich nehme wohl Verschiedenheiten wahr, Als, die ist kleiner, jene größer, Die hat ein schwarzes, die ein falbes Haar, Und jene dort ein goldnes gar; Allein um das gefällt mir keine besser. Sie sind mir alle schön, und in der Tat Die Schönste, deucht mich, ist gerade die man hat. Mir wär es so, ich sag es, daß sie's hören, Und wenn sie noch was mehr als nur Göttinnen wären. Mir fällt, mit eurer Gunst, hiebei Ein Spaß von meinen ein; ihr wißt, im Hirtenstande Gibt's für die Langeweil oft manche Schäkerei. Zwo Mädchen, hübsch genug für Grazien vom Lande, Die schönsten wenigstens in unserm Hirten-Chor, Begegneten mir jüngst (es war im Rosen-Flor) In einem hohlen Weg, und hielten mir mit Lachen Vier runde starke Arme vor, Als wollten sie den Paß mir streitig machen. ›Du kommst nicht durch‹, sprach eine, ›junger Hirt, Du mußt erst unsern Zwist entscheiden. Wir streiten, welche von uns beiden Die Phyllis sei, die stets von dir besungen wird. Wir raufen uns beinah um diese Ehre, Und keine räumt's der andern ein, Kurz, sie heißt Dorcas, ich Neäre, Und jede will itzt Phyllis sein. Was meinest du? Du kannst's am besten wissen. Du singst so hübsch, daß wir gestehen müssen, Du hast uns beiden, schöner Hirt, Den Kopf verrückt, das Herz entführt; Doch weil das Recht zu deinen Küssen Von beiden einer nur gebührt, So nenn uns dann die Glückliche von beiden!‹ ›Die Jungfern treiben, scheint's, hier ihren Spaß mit mir?‹ ›Spaß? Glaub es nicht! es könnte mir und ihr Nicht ernster sein, das schwören beide dir Bei Amors Mutter zu, und allen ihren Freuden!‹ ›So braucht's nicht viel die Frage zu entscheiden; Ihr seid zwar beide jung und schön, Und lebhaft wie es scheint: allein, ich muß gestehn, Ich liebe keine von euch beiden.‹ ›Das kann nicht sein; in unsrer ganzen Schar Ist keine Schönere, das sagen alle Hirten, Als sie und ich, und wär's nicht wahr, So ist gewiß, daß sie's nicht sagen würden. So wahr uns Venus gnädig sei! Wir lassen dich uns diesmal nicht entgehen, Und sollten wir bis morgen früh um drei Mit ausgereckten Armen stehen. Erkläre dich, es braucht ein Wörtchen nur‹ – Was sollt ich machen, Herr Merkur? Sie wußten unvermerkt, die Schlauen! unterm Streiten In ein Gebüsch mich abzuleiten, Wo weiches Gras, mit Geißblatt und Jasmin Dicht überstreut, uns wie gebettet schien. Was hättet ihr getan? Die Dirnen Beim Amor! waren hübsch, und eine vorzuziehn Das hieß die Andre ja erzürnen?« Mein Hirt war schlau (doch, ohne Prahlerei!) Und überzeugte sie, daß jede Phyllis sei. »So, denk ich, ging' es, im Vertrauen Zu euch gesagt, mit diesen Götter-Frauen: Es würde jede nach der Reih Mir als die Reizendste gefallen, Und also scheint's, das beste sei, Ich gebe diesen Apfel allen.« »Das geht nicht an,« versetzt der Maja Sohn, »Hier kommst du nicht so leicht davon, Zeus will, du sollst als Richter sprechen, Und was er will ist ein Gesetz, Das ungestraft wir Götter selbst nicht brechen.« »Nun«, rief Saturnia, »wenn endet das Geschwätz? Der Richter, scheint's, weiß schlecht zu leben; Er läßt uns stehn, und schwatzt!« – »Wohlan«, versetzt der Hirt, »Zeus will, ich muß mich schon ergeben; Man sagt mir, daß durch Widerstreben Nicht viel mit ihm gewonnen wird. Doch müßt ihr mir vorher die Hand drauf geben, Daß, weil doch Eine nur die Schönste heißen kann, Der andern keine mich deshalb befeinden wolle; Sonst dank ich für die Richter-Rolle, Mich ficht auf solchen Fuß der Ehrgeiz gar nicht an.« »Wir schwören dir's beim Styx!« – »Wohlan! So tretet her, und stellt euch an einander, Den Kopf zurück! So! So! beim großen Pan! Die Schönste die ich im Scamander In meinem Leben baden sah, Wär in Vergleich mit diesen da Nichts besser als ein kleiner Affe. Doch, Herr Merkur, ich bitt euch, macht mich klug; Mir fällt, indem ich sitz und gaffe, Ein Zweifel ein. Ist's, sagt mir, schon genug, Sie so gekleidet zu betrachten? Mich deucht, wenn sie sich leichter machten, Das Urteil würde sichrer sein.« »Das steht bei dir; sie werden sich nicht scheun; Man kann dem Richter nichts verwehren, Was dienen kann sein Urteil aufzuklären.« »Nun wohl«, fährt Paris fort, und schneidt ein Amts-Gesicht, »So sprech ich dann, wozu mich Amt und Pflicht Ohn Ansehn der Person verbindet: Weil, wie bekannt, sich zwischen Hals und Fuß Verschiednes eingehüllt befindet; Das in Betrachtung kommen muß, Und das oft Phöbus selbst durch Raten nicht ergründet, So zeigt euch alle drei in naturalibus!« Wie, meinst du, kläng ein solcher Schluß Im Ohr der meisten unsrer Weiber? Sie hörten, glaube mir, die Eule lieber schrein. Das gingen sie in Ewigkeit nicht ein! Sie sollten ihre heilgen Leiber Vor Männer-Augen so entweihn? Sich kritisch untersuchen lassen, Ob nichts zu groß, ob nichts zu klein, Zu lang, zu kurz? Ob alle Teile fein Symmetrisch in einander passen, Durch gute Nachbarschaft einander Reize leihn Schön an sich selbst, im ganzen schöner sei'n? Ob auch ihr Fell durchaus so rein, So glatt und weiß wie ihre Hände? Kein schwarzer Fleck, kein stechend Bein Den weichen Alabaster schände; Und kurz im ganzen Werk, von Anfang bis zu Ende, Der Kunst gemäß, auch alles edel, frei, Untadelich, und rund und lieblich sei? Das täten sie (doch red ich nicht von allen) Dem Amor selbst nicht zum Gefallen. Auch mein ich diese nicht, die ihrem eignen Mann, (Dem sie wohl mehr als das erlauben müssen) Aus überzärtlichem Gewissen Sich um den Thron von Astracan Nicht Irokesisch sehen ließen. Man weiß, wie gütig sie hingegen sich bemühn Ein eitles, flüchtiges, einseitiges Ergötzen Das sie dem einen Sinn entziehn, Bei ausgelöschtem Licht dem andern zu ersetzen. So denkt vom reizenden Geschlecht Der größte Teil, und denkt vermutlich recht. Wie Phryne West und Ost zum Kampf herauszuladen, Und bei Olympia vor einer halben Welt Zum Ruhm des Vaterlands sich im Triumph zu baden, Dem allgemeinen Aug, Pelasgern und Nomaden, In freier Luft zum Urteil ausgestellt: Ist, glaubet mir, Herr Doctor, eine Wette Wozu vom Frienisberg bis an den großen Belt Den Mut vielleicht nicht Eine Dame hätte; Und stammte sie vom großen Roland ab, Ja gar von Wilhelm Tell, der euch die Freiheit gab. Warum? – das wissen sie! – Doch bei den Götter-Frauen Fand Paris mehr Entschlossenheit; Sie zeigten ihm ein edles Selbst-Vertrauen, Und keine Spur von Furchtsamkeit. Nur Pallas schlägt die Augen züchtig nieder, Wie Jungfern ziemt; sie sträubt sich lange noch, Da Juno selbst gehorcht, und hofft, man laß ihr doch Zum wenigsten ein Röckchen und ihr Mieder. Ein Röckchen? Ja, das wäre fein! Des Richters Ernst geht keine Clauseln ein. »Nur hurtig! zieht euch ab! was sein soll, muß geschehen! « Ruft Hermes: »mich darf keine scheun; Ich will und muß bescheiden sein, Und werd indes bei Seite gehen.« Kaum ist er weg, so steht schon Cypria, Voll Zuversicht in diesem Streit zu siegen, In jenem schönen Aufzug da, Worin sie sich (das lächelnde Vergnügen Der lüsternen Natur) dem leichten Schaum entwand, Sich selbst zum erstenmal voll süßen Wunders fand, Und im Triumph auf einem Muschel-Wagen, An Paphos reizendes Gestad Von frohen Zephyrn hingetragen, In erstem Jugendglanz die neue Welt betrat: So steht sie da, halb abgewandt Wie zu Florenz, und deckt mit einer Hand, Errötend, in sich selbst geschmieget, Die holde Brust, die kaum zu decken ist, Und mit der andern – was ihr wißt. Die Zauberin! Wie ungezwungen lüget Ihr schamhaft Aug! Und wie behutsam wird Dafür gesorgt, daß Paris nichts verliert! »Da bin ich nun, Herr Richter, seht mich an, Und sagt mir, wie ich euch in dieser Tracht gefalle? Sie ist bequem, doch kleidet sie nicht alle. Aufs mindste seht ihr, daß Vulkan Mit seiner Frau sich schon behelfen kann. Ich habe, wie du siehst, den Arm so hübsch als eine, Auch Rosen-Finger wie Auror, Ein Haar wie Gold, ein kleines rundes Ohr, Kein spitzig Knie, und keine krumme Beine: Die Augen könnten größer sein; Die wird wohl, ich gesteh es ein, Kein Dichter Ochsen-Augen nennen; Doch diesen Ruhm kann Venus andern gönnen; Die meinen sind doch nicht zu klein, Nicht ohne Glanz, und ob sie reden können« – »Davon kann Mars,« fiel Juno spöttisch ein, »Und mancher Hirt und mancher Waldgott sprechen« – »Madam«, sagt Cypria, »ich will nicht böse sein, Sonst könnte Ganymed für diesen Spott mich rächen.« »Genug hievon! – Ist Pallas fertig? – Nun, Ihr beide hier, ihr macht entsetzlich lange; Das Mieder ab! Man hat noch mehr zu tun, Wo nicht, beim Pan! so komm ich selbst und fange Zu ziehen an« – »habt nur auf diese acht«, Spricht Pallas, »diese hier die immer blinzt und lacht; Wollt ihr, daß augenblicks der ganze Reiz verschwinde Der, wie ihr meint, aus ihren Augen blitzt? Gut! Nehmt ihr nur die zauberische Binde Womit sie ihren Busen stützt.« »Frau Eisenfresserin, das widerlegt sich leicht«, Sagt Cypria, »hier liegt die Zauber-Binde! Und gleicht schon dies an Umfang und Gewicht Dem stolzen Wuchs von euerm Busen nicht, So weiß es sich doch, wie ihr seht, Durch innre Elastizität Auch ungestützt im Gleichgewicht zu halten. Doch sagt, was hindert euch, die breite Majestät Von eurer Stirn uns zu entfalten? Wozu der Helm, der euch die Augen deckt, Hier gar nichts nützt, und nur den Richter schreckt? Das Fräulein darf ja seine Augen zeigen, Wenn sie Homer schon Katzen-Augen nennt?« »Die Zeit wird hier mit Sticheln sehr verschwendt, Allein die Klügste pflegt zu schweigen; Hier liegt mein Helm!« – »dies Röckchen noch, mein Kind!« Ruft Paris, »aber fein geschwind! – So recht! So recht! So seh ich Mädchen gerne! Beim hohen Zeus! sie funkeln wie die Sterne! Wie reizend alles ist! wie glatt! wie fein! Wie voll! wie rund! hier möcht ich gleich vom Zehen Bis an den Kopf ein einzigs Auge sein! Sie blenden mich, ich darf nicht länger sehen, Beim Element! ich würde gar zum Stein. Doch nein! ich will, ich will so lange sehen, Bis mir die Sinnen gar vergehen; Ein solcher Anblick ist es wert! So wahr ich Paris bin! er nährt, Er labet Leib und Seel: ich wollt euch, ohne Essen, Sie hundert Jahre vor mir sehn; Und in Entzückung schwebend stehn, Und Speis und Trank und Schlaf dabei vergessen. Allein was fang ich nun, beim Pan! Mit meinem Richter-Amt und diesem Apfel an? Wem geb ich ihn? Bei meinem Amts-Gewissen! Ich kann, je mehr ich schau, je minder mich entschließen. Mein wollust-trunkner Blick verirrt, Geblendet, taumelnd und verwirrt, In einer See von Reiz und Wonne. Die Große dort glänzt wie die helle Sonne, Vom Haupt zum Fuß dem schärfsten Blick Untadelich, und ganz aus einem Stück; Zu königlich, um einen schlechtern Mann Als Jupitern, der donnern kann, An diese stolze Brust zu drücken: Der Jungfer hier ist auch nichts vorzurücken; Beim Amor! hätte sie mir nicht So was – was weiß ich's? im Gesicht, Das halb erschreckt, sie könnte mich entzücken. Doch dieser Lächelnden ist gar nicht zu entgehn! Man hielte sie, so obenhin besehn, Für minder schön; allein beim zweiten Blicke Ist euer Herz schon weg, ihr wißt nicht wie, Und holt mir's, wenn ihr könnt, zurücke! Mir ist, vom Ansehn schon, ich fühle sie So groß sie ist, bis in den Finger-Spitzen; Was wär es erst – vom sechsten Sinn!« »Nun«, ruft mit Ungeduld die Himmels-Königin, »Was sollen hier die Selbst-Gespräche nützen? Der Ausspruch muß nunmehr geschehn. Ihr werdet doch, wenn's euch beliebt, nicht wollen, Daß wir so lang in diesem Anzug stehn, Bis ihr euch müd an uns gesehn, Und daß wir hier den Schnuppen holen sollen? Es macht hier kühl« – »Frau Göttin, nur Geduld! Man kann sich doch nicht übereilen; Und müßtet ihr bis in die Nacht verweilen, So seid so gut, und gebt euch selbst die Schuld. Wer hieß euch um den Vorzug streiten, Und mich zum Richter ausersehn? Mein Platz, ich will euch's nur gestehn, Hat seine Ungemächlichkeiten. Bei euerm Sohn, Frau Venus, dessen Pfahl Die Gärten schützt und meine junge Ziegen, Ein übermäßiges Vergnügen Von dieser Art wird uns zuletzt zur Qual. Mehr sag ich nicht; man soll gescheiten Leuten, Dem Sprüchwort nach, nicht mit dem Schlegel deuten. Genug, mir tut die Wahl zu weh, So lang ich euch beisammen seh, Es soll mir eine nun sich nach der andern zeigen. Seht wie ihr euch indes die Zeit vertreibt; Ihr tretet ab, und diese Göttin bleibt; Doch müßt ihr euch nicht gar zu weit versteigen.« Die Damen gehn den Antrag ein, Cythere macht mit einem Seiten-Blicke Der nicht zur Erde fiel, sich tiefer in den Hain, Und überläßt den Sieg der Tugend und dem Glücke. Wieviel der kleine Umstand tut, Nicht ganz allein (denn das ist niemals gut) Doch ohne Zeugen sein, ist nicht genug zu sagen. Er macht der feigsten Agnes Mut, Und Schäfern, die sonst blaß und stumm den Hut In beiden Händen drehn, an ihren Fingern nagen, Mit offnem Mund kaum halbe Silben wagen, Und wenn die Sylvien sich gleich fast heiser fragen Was ihnen fehlt' und durch ihr Lächeln sagen: »Wie? blöder Hirt? was hält dich noch zurück? Verspricht dir denn mein nachsichtvoller Blick Nicht alles zu verzeihn? – sich noch mit Zweifeln plagen;« Selbst dieser Blöden schwachen Mut Verkehrt er oft in ungestüme Wut, Und heißt sie plötzlich alles wagen: Er stärkt das Haupt, er gibt den Augen Glut Und Munterkeit den Lebensgeistern, Den schwächsten Armen Kraft Heldinnen zu bemeistern, Und selbst den Weisen Fleisch und Blut. Saturnia, die mit verschränkten Armen Euch kurz zuvor wie eine Säule stund, Ist kaum allein (erratet mir den Grund) So sieht der Hirt den Marmor schon erwarmen, Den schönen Mund, die Wangen frischer blühn, Die weiße Brust, die Alabaster schien, Mit Rosen sich auf einmal überziehn, Und sanft, wie leicht bewegte Wellen Wenn buhlerisch um Amphitritens Brust Der Zephyr spielt, sich jede Muskel schwellen. »Ihr Götter! (rief der Hirt vor Lust, Da sie so plötzlich sich beseelte) Itzt merk ich erst was eurer Schönheit fehlte! Ich fühlt es wohl, und wußte doch nicht was? Ich stund erstaunt und blieb doch kalt wie Erde: Nun seh ich's wohl; beim Pan! es war nur das; Itzt sorg ich nur, daß ich zu feurig werde.« »Du siehest«, spricht die Göttin, »hier Beglückter Sterblicher, was außer Zeus und dir Seitdem die Sphären sich in ihren Angeln drehen, Kein Sterblicher, kein Gott, so unverhüllt gesehen. Sei stolz, o Prinz! von diesem Augenblick Ist nichts zu groß für deine Ruhmbegierde! Der Juno Gunst verspricht dir jedes Glück, Den Thron der Welt, ja selbst die Götter-Würde.« »Den Thron der Welt? Frau Göttin, wenn ihr's mir Nicht übel nehmt, mich reizt ein Thron nur wenig. Was mangelt mir zum frohen Leben hier; Hier bin ich frei, und das ist mehr als König. Ich merk euch schon, (denn albern bin ich nicht) Ihr denkt dadurch den Apfel zu erlangen; Allein, für eins, so hab ich meine Pflicht, Und dann – so könntet ihr – sie sind doch fortgegangen, Nicht wahr? – ich sehe nichts – wohlan, Ihr könntet – seht mich nur recht an – Mit einem Wort mich weit gewisser fangen. Ihr seid sehr schön, bei meiner Treu! So schön, Daß man – ihr wißt schon was man möchte; Mehr sag ich nicht; Frau Jupitrin, ich dächte, So klug ihr seid, ihr solltet mich verstehn.« Hier schweigt er, und erklärt durchs Feuer seiner Blicke Was sie vielleicht im Antrag dunkel fand. Wer suchte wohl bei Hirten solche Tücke? Sagt was ihr wollt, ein Amt gibt gleich Verstand. Die Göttin stutzt; es galt sich hier besinnen. Zephise, sprich, was hättest du getan? Wenn läßt man Nebenbuhlerinnen Was man für sich so wohlfeil haben kann? Es würde, glaube mir, hier mancher Tugend bange, Die sich wer weiß wie notfest glaubt: Und dann, so zeigt mir eine Schlange, (Und hätte sie ein Jungfern-Haupt Und Hals und Brust so schön wie Melusine) Die Even selbst nur halb so reizend schiene, Als es in Manns-Gestalt mit langem blonden Haar Saturniens Versucher war? »Nun, Göttin«, spricht der Hirt, »bei unsern Schäferinnen Heißt Schweigen, ja; ich denke dieser Brauch Ist in der andern Welt, wo ihr daheim seid, auch. Die Zeit vergeht, was nützt so viel Besinnen? Komm, Schöne, komm, ich will nicht geizig sein; Drei Küsse nur, dem roten Mäulchen einen, Und auf die Backen zween, so ist der Apfel dein. Das ist doch wohlfeil, sollt ich meinen? Du gibst mir wohl noch selber einen drein.« »Ich?« spricht Saturnia, von dieser Bauren-Sprache Geärgert, wie man denken kann: »Wie? sieht mich dein verwegner Wahn Für eine deiner Dirnen an? Erzittre, Staub, vor einer Göttin Rache!« »He! Sachte, wenn man bitten darf, (Fällt Paris ein) potz Wetter! nicht so scharf, Ein Kuß ist wohl so eine große Sache! Es ist der Mühe wert, beim Pan! Daß man um nichts ein solches Wesen mache! Es kommt mir wahrlich auch auf einen Kuß nicht an! Gestrenge Frau, wir sind sehr leicht zu scheiden; Wollt ihr, wohl gut; wo nicht, so muß ich's leiden, Ich habe doch das meinige getan. In vollem Ernst, Frau Königin der Feen, Die Frau ist hübsch, das kann ein Blinder sehen, Doch hält ihr liebliches Gesicht Die Probe des Erzürnens nicht. Sie macht, wenn ihr was an der Leber kriecht, (Zu euch gesagt) verzweifelte Grimassen. Doch still hievon! Madam kann wieder gehn – Sie wollte mich bei meiner Schwäche fassen; Allein ein Richter soll nicht auf Geschenke sehn. Es wird was Rechtens ist geschehn! Wir wollen nun die Blonde kommen lassen.« Er ruft wohl siebenmal, bis Pallas sich bequemt Aus ihrem Busch hervorzusteigen; Das gute Fräulein war beschämt Sich einer Mannsperson im Bad-Habit zu zeigen. Auch schien er, in der Tat, ihr gar nicht anzustehn. Man mußte sie im Harn'sch, mit Helm und Lanze Beim Ritter-Spiel, beim kriegerischen Tanze, Und im Contusch, dem Zeus Manschetten nähn, Marlin durchziehn und Handschuh wirken sehn; Da sah man sie in ihrem vollen Glanze! Allein zur Kunst der schlauen Buhlerei, Zur Kunst aus hinterlistgen Blicken Zum Herzen-Fang ein Zaubernetz zu stricken, Zu losem Scherz und holder Tändelei Besaß Miß Pallas kein Geschicke. Wir wünschen ihr zu ihrer Unschuld Glücke; Doch hätt ein bißgen Freundlichkeit Und was wir sonst an Mädchen Seele nennen, Für diesesmal ihr wenig schaden können. »Nun, Jungfer, wie? was soll die Schüchternheit? (Spricht unser Hirt, und nimmt sich ungescheut Die Freiheit sie beim runden Kinn zu fassen) So groß und strotzend wie ihr seid, Wär mir's an euerm Platz nicht leid, Mich neben jeder sehn zu lassen. Die Augen auf!« – »Zurück, Verwegner! (schreit Tritonia) der Herr Geschworne bleibe Mir unbeschwert drei Schritte stets vom Leibe; Und merke sich den kleinen Unterscheid Von einer Tochter Zeus und einem Hirten-Weibe. Ich sehe wohl, zu viele Höflichkeit Ist euer Fehler nicht – doch, (setzt sie gleich gelinder Hinzu) soll diese Kleinigkeit Uns nicht entzwein; wir bleiben dir nicht minder In Gnaden zugetan, und wenn nach Recht und Pflicht Dein Mund zu meinem Vorteil spricht, So soll die Welt, mit schimmernden Tropheen Bis an des reichen Ganges Strand Durch dich bedeckt, von Cäsarn und Pompeen, Vom Schweden Carl, vom Guelfen Ferdinand, Und Friedrich selbst in dir das Urbild sehen.« »Im Ernst? (lacht Paris überlaut) Das sind mir reizende Versprechen! Die Jungfer denkt damit mich zu bestechen, Allein mir ist ganz wohl in meiner Haut, Und Händelsucht war niemals mein Gebrechen. Ihr meint, weil ich ein Fürsten-Söhnchen sei, So müsse mich's gar sehr nach Wunden jücken? Ihr irrt; ich würde mich, mein Treu! Geradeso zum Kriege schicken, Wie dort mein Geiß-Bock zur Schalmei. Bei Nägel-Kriegen, ja, da bin ich auch dabei, Wo wir statt Lorbeern Küsse pflücken; Da, wo der Feind in Busch und Grotten flieht, Sich lächelnd wehrt, den Sieg zur Lust verzieht, Und, wenn er alle Kraft zum Widerstand vereinigt, Dadurch nur seinen Fall beschleunigt; Wo Täubchen, denen sonst bei einem Mücken-Stich Vor Todes-Furcht die Farb entwich, Den gähen Tod mit wallendem Entzücken Und offnem Arm an ihren Busen drücken; In diesen Krieg, der wenig Witwen macht, Da laß ich mich gleich ohne Handgeld werben: Allein im Ernst, und wo man nach der Schlacht Nicht wieder von sich selbst erwacht, Um einen Lorbeerkranz zu sterben; Da dank ich! Sprecht mir nichts davon! Ich hasse nichts so sehr wie Schwerter und wie Spieße; Auch kenn ich manchen Königs-Sohn Der eh er sich, wär's um die Kaiser-Cron, In einen Panzer stecken ließe, Die Kunkel selbst, beim Pan! willkommen hieße. Soviel zur Nachricht, junge Frau! Indes ist euch die Hoffnung nicht benommen, Mir gilt die Eule was der Pfau, Ich bin für niemand eingenommen. Geht immer, sagt, ich hab euch wohl besehn, Und legt die Waffen an, die euch so niedlich stehn; Ich bin vergnügt; laßt mir die Kleine kommen!« Sie kommt, die Lust der Welt, des Himmels schönste Zier, Und unsichtbar die Grazien mit ihr. Dem Hirten ist's, da er sie wieder siehet, Als säh er sie zum ersten Mal. Ihr erster Blick erspart ihm schon die Wahl, Das Herz entscheidt; ein einzigs Lächeln ziehet, Noch eh er sich besinnen kann, Und fesselt ihn an ihren Busen an. Sie spricht zu ihm: »Du siehst, ich könnte schweigen, Mein schöner Hirt; ich siege nicht durch List; Die Schönheit lobt sich selbst, sie braucht sich nur zu zeigen; Man weiß, daß du ein Kenner bist, Und guten Tänzern ist gut geigen. Doch, was ich sagen will, betrifft dich selbst, nicht mich. Schön wie Apoll, wie kann, ich bitte dich, Dir dieser wilde Ort gefallen? Sei wie du bist der Schönste unter allen Im Phryger-Land, sei ein Endymion, Sei ein Narciß, was hast du hier davon? Du denkst doch nicht, daß deine Herden Von deinem Anschaun fetter werden? Die Mädchen hier, wie man's im Walde findt, Empfinden nichts; die fühlen wie die Ziegen! Die Liebe ist für sie Bedürfnis, nicht Vergnügen; Sie sehn den Mann in dir, und sind fürs andre blind; Ein Satyr oder du, wenn sie das Liebes-Fieber Ergriffen hat, je tölpischer je lieber! Den Hof, die Stadt, wo deinesgleichen sind, Die solltest du zum Schauplatz dir erwählen. Dort ist die Lieb ein Spiel, ein süßer Scherz: Die Schönsten würden sich dein Herz Einander in die Wette stehlen: Und wenn du wolltest, wißt ich dir Ein junges Mädchen zuzuweisen, Die, ohne sie zuviel zu preisen, In jedem Reiz, in jeder Schönheit mir In keinem Stücke weicht« – »beim Pan, die möcht ich sehen, (Ruft Paris aus) das kann nicht sein! wie ihr! Ihr wollt mir, hör ich wohl, ein kleines Näschen drehen, Wo käme mir noch eine Venus her, So schön wie ihr?« – »Du sagst vielleicht noch mehr, Wenn du sie siehst« – »das glaubt nicht, Frau Cythere, Und wenn sie würklich schöner wäre So ließ ich's keinem Priester nicht. Sie hätte mir so schöne lange Locken Vom feinsten Gold und weich wie seidne Flocken?« – »Vollkommen so! « – »ein solch Oval-Gesicht, So feine Züg und alles lauter Schlangen Und Wellen-Linien? So sanfte Rosen-Wangen, Und um und um mit Grazien behangen, Wie eure?« – »Ja!« – »das sollte mich verlangen! Ein kleines Maul, das so verführisch lacht, Und wenn es lacht, nach Küssen lüstern macht? Und ihre schwarzen Augenbrauen Die flössen ihr so fein und sanftverloren hin? Und solch ein Aug und solche Blicke drin, Die einem durch die Seele schauen? In jedem Backen und im Kinn Ein Grübchen, wo ein Amor lächelt; Und Arme, die Auror nicht schöner haben kann, Und eine Hand wie Marzipan, Und Hüften« – »Still!« – »wie frischer Schnee, und fächelt, So schön wie hier, in ihrer Lilien-Brust Die Wollust selbst, der Geist der Jugend-Lust?« »In diesem Stück«, erwidert sie mit Lachen, »Kann mir Helene noch den Vorzug streitig machen.« »Ihr flößt mir fast ein wenig Neugier ein. Helene nennt ihr sie? – Ich laß es mir gefallen! Und doch – nur halb so schön als ihr zu sein, Muß Götterblut in ihren Adern wallen.« »Du irrest nicht«, erwidert Paphia, Die der gelungnen List und ihres Siegs sich freute: »Sie ist mein Schwesterchen, doch von der linken Seite, Vom Zeus, der ihrer Frau Mama Zu lieb ein hübsches Fell von einem Schwan sich borgte, Und seinen Vorteil einst bei ihr im Bad ersah. Frau Leda wußte nicht wie ihr dabei geschah, Und sah dem Schwan, von dem sie nichts besorgte, Und seinem Scherz, in unschuldvoller Ruh, Nicht ohne Lust, mit süßem Wunder zu; Doch bald hernach ward wider alles Hoffen Das gute Ding, von Tyndar, ihrem Mann, Beim Eier-Legen angetroffen. Er merkte gleich, daß das der Schwan getan. Er kratzte hinterm Ohr, allein was konnt er machen? Das klügste war zu bösem Spiel zu lachen. Das Eier-Paar ward mit Gepräng und Pracht Von Jovis Priesterschaft im Tempel aufgemacht. Im ersten fanden sie zween wunderschöne Knaben, Und aus dem andern kroch das schönste Mädchen aus. Herr Tyndar machte sich noch viele Ehre draus Den größten Gott so nah zum Freund zu haben, Und alles endte sich mit einem Kindbett-Schmaus. Nach fünfzehn oder sechzehn Lenzen War Ledas Töchterchen das Wunder von Mycen. Bald macht' ihr Ruhm sich weitre Grenzen; Die Dichter finden schon mich selber minder schön, Und schwören, daß die Sterne heller glänzen Seitdem sie ihnen Licht aus ihren Augen leiht: Kurz, Lenchens Ruhm erschallet weit und breit. Man sieht um sie die Schönen und die Erben, Vom festen Land und von den Inseln werben – Doch alles dies und was noch mehr geschah, Verschlägt uns nichts; genug, Helen ist da, Macht ihrem Vater Schwan viel Ehre, Ist weiß und rot als wie ein wächsern Bild, Ist jung und reizend wie Cythere, Und dein, mein Prinz, sobald du willt.« »Beim Pan, (ruft Paris aus) wenn's hier nur wollen gilt, So wollt ich, daß sie schon in meinem Bette wäre! Versprechen, Frau, ist wie man sagt nicht schwer, Wenn nur das Halten leichter wäre! Ich zweifle« – »Zweifle nicht, und trau Cytheren mehr, Ich und mein Sohn, wir können alles machen, Und haben, glaube mir, wohl ungereimtre Sachen Als das zu Stand gebracht. Die Frage ist Hier ganz allein, ob du entschlossen bist Um sie nach Sparta hinzureisen' Den Weg soll dir mein kleiner Amor weisen: Er ist so klein er ist, so schlau. Was wetten wir, du kommst mit ihr zurücke? Nur frisch gewagt! Auf mich hin und dein Glücke! Ein feiges Herz freit keine schöne Frau.« »Der Vorschlag, Göttin, läßt sich hören«, Versetzt der Hirt der lächelnden Cytheren; »Wenn sie nur halb so reizend ist als ihr, So ist, wer sie besitzt ein Jupiter auf Erden. Allein das macht's nicht aus; was soll indessen hier Aus diesem goldnen Apfel werden?« »Dem Apfel? Gut, mein Kind, den gibst du mir. Bekommst du nicht das schönste Weib dafür?« »Frau Göttin, frei vom Herzen weg zu reden, Ich gäbe gleich um einen Kuß von dir Die ganze Welt mit allen ihren Leden; Wenn gleich aus jedem Vogel-Ei, Vom Colibri zum Hühner-Weih, Ein Mädchen wie ein Engel schlüpfte, Und ungelockt auf meine Schultern hüpfte. Wenn je das Schwanen-Mädchen mir Gefallen kann, so lieb ich dich in ihr. Mit einem Wort – doch, wollt ihr mir's vergeben? Nehmt alles hin, sogar mein junges Leben, Wenn ihr nur diese Nacht, nur bis zum Hahnen-Schrei, Euch überreden wollt, daß ich Anchises sei. Wie sollt ich nicht den Glücklichen beneiden? Er war ein Hirt! und, Götter! dieser Hain War einst, ist noch ein Zeuge seiner Freuden: Sprecht, soll er's nicht auch von den meinen sein?« Die Göttin findt den Wunsch so ziemlich unbescheiden; Sie meint, sie seh ihn zürnend an, Doch weil ihr reizend Aug nicht sauer sehen kann, So wird ein Lächeln draus, das ihn so wenig schrecket, Daß er nur feuriger entdecket, Was Venus selbst nicht ohne Röte hört. Sie hätte sich, den Regeln treu zu bleiben, Wie sich's geziemt, gern längre Zeit gewehrt; Doch Ort und Zeit verbot ein langes Sträuben. Der Jüngling fleht, und sie so weit zu treiben Als man ein Mädchen treiben kann, Das nicht von Marmor ist, fängt er zu weinen an. Das mußte seine Wirkung haben; Wer könnte da noch grausam sein? »Nun, Göttin, sprich mein Urteil – nur kein Nein!« Sie beut dem ungestümen Knaben Die schöne Hand, und sagt nicht nein. Der Schlaue will noch mehr Gewißheit haben: »Beim Styx, mein Täubchen?« – »Sei's! willt du nun ruhig sein?« »Hier, Göttin, nimm! der Preis ist dein!« Endymion Aspice, quos somnos juveni donarit amato Luna – In jener dichterischen Zeit Mit deren Wundern uns der Amme Freundlichkeit Durch manches Märchen einst in süßen Schlummer wiegte; Als sorgenfreie Müßigkeit Sich ohne Pflichten, ohne Streit, Mit dem was die Natur freiwillig gab, begnügte, Kein Mädchen spann, kein Jüngling pflügte, Und manches tunlich war, was Basedow verbeut; Eh noch der Stände Unterscheid Aus Brüdern Nebenbuhler machte, Und gleisnerische Heiligkeit Das höchste Gut der Sterblichkeit, Die Lust um ihre Unschuld brachte; Und kurz, in jener goldnen Zeit, Da die Natur, von keinem Joch entweiht, Gesetze gab wodurch sie glücklich machte, Die Welt noch kindisch war und alles scherzt' und lachte: In dieser Zeit lebt' einst auf Latmos Höhn Ein junger Hirt, wie Ganymedes schön, Schön wie Narciß, doch nicht so spröde, Wie Ganymed, allein nicht halb so blöde. So bald man weiß, Endymion War schön, so denkt ein jeder schon Daß ihn die Mädchen gerne sahen; Zum mindsten liefen sie nie wenn er kam davon, Das läßt sich ohne Scheu bejahen. Die Chronik sagt noch mehr als ich Den Musen selbst geglaubet hätte; Sie buhlten, spricht sie, in die Wette Um seine Gunst; sie stellten sich Ihm wo er ging in Steg' und Wege; Sie warfen ihm oft Blumen zu; Und flohn dann hinter ein Gehäge; Belauschten seine Mittags-Ruh Und guckten, ob er sich nicht rege. Man meint, daß er im Bad sogar Nicht immer ohne Zeugen war, Doch läßt sich das gewiß nicht sagen. Genug, kaum fing es an zu tagen So wurde schon von mancher schönen Hand Der Blumen-Flur ihr schönster Schmuck entwandt; So putzt sich schon, dem Schäfer zu gefallen, Im Hain, am Bach, der Nymphen ganze Schar, Die badet sich, die flicht ihr blondes Haar, Die läßt es frei um weiße Schultern wallen. Herabgebückt auf flüssige Cristallen Belächelt sich die schöne Damalis; Wie vieles macht sie ihres Siegs gewiß! Ein Mund, der Küssen winkt, ein Lilien-Nacken, Der Augen feuchter Glanz, ein perlengleich Gebiß, Die freie Stirn, die Grübchen in den Backen, Ein runder Arm, und o! der Thron der Lust Die blendende, die Anmutsvolle Brust! Sie sieht noch mehr, nichts zeigt sich ihren Blicken Das nicht verdient selbst Götter zu berücken: Sie sieht's und denkt, ob Leda ihrem Schwan Mehr Reizungen gewiesen haben kann, Und zittert doch und wünscht: o! fände mich Endymion nur halb so schön als ich! Die Schönheit wird mit Wunder angeblickt, Doch nur Gefälligkeit entzückt. War Juno nicht, war nicht Minerva schön Als Zeus den Paris ausersehn Den Streit der Schönheit zu entscheiden' Man weiß, sie ließen sich, um bösen Schein zu meiden, Dem Richter ohne Röcke sehn. Lang ließ der Hirt von einem Reiz zum andern Die ungewissen Blicke wandern, Und zehnmal rief ein neuer Blick Den schon gefaßten Schluß zurück: Untadelich ist alles was sie zeigen; Beisammen sind sie gleich; allein Scheint jede reizender zu sein, Was wird zuletzt des Schäfers Urteil neigen? Der Juno Majestät! der Pallas Würde, – Nein! Die flößen nichts als Ehrfurcht ein, Ein stärkrer Reiz wird hier den Ausschlag geben müssen: Sie, die so zaubrisch lächeln kann, Die goldne Venus lacht ihn an, Und Paris fällt zu ihren Füßen, Und beut (ich tät es auch, so wahr ich ehrlich bin) Beut um die Freiheit sie zu küssen Der Lächelnden den goldnen Apfel hin. So raubt die Freundlichkeit bei unserm Schäfer oft Die Gunst, worauf die stolze Schönheit hofft. Die welke Brust, die Schar der blassen Wangen Erwerben sich durch zärtliches Bemühn, Durch Blicke die an seinen Blicken hangen, Und süßen Scherz, manch kleines Recht an ihn. Wie eifern sie ihm liebzukosen! Die schmückt sein Lamm, die kränzt ihm Hut und Stab; Der Lenz wird arm an Blüt und Rosen, Sie pflückten ganze Haine ab. Sie wachten, daß ihn nichts in seinem Schlummer störte, Sie pflanzten Lauben hin, wo er zu weiden pflag, Und weil er gerne singen hörte So sangen sie den ganzen Tag. Des Tages Lust schließt bis zum Sternen-Glanz Manch munters Spiel und mancher bunte Tanz, Und trennt zuletzt die Nacht den frohen Reihn So schläft er sanft auf Rosen-Betten ein. Die Nymphen zwingt der keuschen Göttin Schein Sich allgemach hinweg zu stehlen; Sie zögern zwar, doch muß es endlich sein. Sie geben ihm die Hand, die angenehmen Seelen! Und wünschen ihm wohl zehnmal gute Nacht; Doch weil der Schlaf sich oft erwarten macht, Bleibt eine stets zurück, ihm Märchen zu erzählen. Dem Glück in dieser Unterwelt. Hat stets Beständigkeit gefehlt. Der Schäfer war vergnügt, das Nymphen-Volk nicht minder, In Unschuld lebten sie beisammen wie die Kinder, Zu manchem Spiel, wobei man selten weint Den ganzen Tag, oft auch bei Nacht, vereint. Doch, wenn hat Ate je vergessen Für jede Lust uns Schmerzen zuzumessen? Der Nymphen schöne Königin Erfuhr, man weiß nicht wie? Vielleicht von einem Faun Der sie beschlich, vielleicht auch im Vertraun Von einer alten Schäferin, Der weil sie selbst nicht mehr gefiel Der Jugend eitles Tun mißfiel; Kurz, sie erfuhr das ganze Schäfer-Spiel. Man kennt den strengen Sinn Der schönen Jägerin Die in der Götter-Schar Die größte Spröde war. Kein Sterblicher, kein Gott vermochte sie zu rühren. Was sonst die Sprödesten vergnügt, Sogar der Stolz, selbst unbesiegt, Die Herzen im Triumph zu führen War ihrem größern Stolz zu klein. Sie zürnte schon, nur angesehn zu sein, Bloß weil er sie vom Wirbel bis zur Nasen Im Bad erblickt ward Acton einst zum Hasen. 1 Dies Beispiel flößte selbst dem Satyr Ehrfurcht ein. Ihr schien ein Blick sie schon zu dreiste anzufühlen, Kein Zephyr wagt's sie abzukühlen, Und keine Blume schmückt' ihr Haar Die einst ein hübscher Knabe war; Von Liebe nur im Schlaf zu sprechen Hieß bei Dianen schon ein strafbares Verbrechen: Kurz, Männer-Haß und Sprödigkeit Trieb selbst Minerva nicht so weit. Man ratet leicht, in welche Wut Der Nymphen Fall sie setzen mußte; Es tobt' ihr jungferliches Blut Daß sie sich kaum zu fassen wußte. So zornig sahn die Nymphen sie In keinem andern Falle nie. Kallisto ließ sich doch von einem Gott besiegen, Das milderte die Schnödigkeit der Tat; Doch einem Hirten unterliegen Wahrhaftig! das war Hochverrat. Ein fliegender Befehl zitiert aus allen Hainen Das Nymphen-Volk persönlich zu erscheinen. Sie schleichen allgemach herbei, Und keine lauft, daß sie die erste sei. Die Göttin steht an ihren Spieß gelehnt Und sieht mit ernstem Blick, der ihren Kummer höhnt, Im ganzen Kreis nichts als beschämte Wangen, Und Blicke, die zur Erde niederhangen. »Hofft nicht«, spricht sie, »durch Leugnen zu entgehn, Man wird euch bald die Zunge lösen können, Und werdet ihr nicht gütlich eingestehn So soll euch mir der Gott zu Delphi nennen. Durch Zaudern wird die Schuld nicht gut gemacht. Nur hurtig! Jede von euch allen Die sich verging, laß ihren Schleier fallen.« Sie spricht's und – Hem! wer hätte das gedacht? Diana spricht's, und – alle Schleier fallen. Man stelle sich den Lermen vor Den die beschämte Göttin machte, Indem der lose Cypripor Aus einer Wolke sah und laut herunter lachte. »Wie«, rief sie voller Wut empor, (Doch selbst die Wut verschönert ihre Wangen) »Du, Wildfang, hast dies Unheil angestellt, Und kommst noch gar damit zu prangen! Zwar rühmst du dich, daß alle Welt Für ihren Sieger dich erkenne Daß selbst der Vater Zeus so oft es dir gefällt Von unerlaubten Flammen brenne; Daß, seiner Majestät beraubt, So oft du willt, der Götter Haupt Bald als ein Drache, bald als Stier Bald als ein böckischer Satyr, Und bald mit Stab und Schäfer-Tasche Der Nymphen Einfalt überrasche. Doch trotze nicht zuviel auf deine Macht! Die Siege die dir noch gelungen Hat man dir leicht genug gemacht. Wer selbst die Waffen streckt, wird ohne Ruhm bezwungen. Auf mich, auf mich, die deine Macht verlacht, Auf meine Brust laß deine Pfeile zielen. (Ich fordre dich vor tausend Zeugen auf!) Sie werden sich vor halbem Lauf In meinen feuchten Strahlen kühlen Und stumpf und matt um meinen Busen spielen. Du lachst? Versuch's erst was dein Bogen kann, Versuch's an mir und sing und lache dann! Doch stünd es dir, versichert! besser an Du kämst statt Köcher, Pfeil und Bogen Mit einem Vogel-Rohr geflogen. Latonens Kindern nur gebührt Der edle Schmuck der deinen Rücken ziert. Bald hätt ich Lust, dich wehrlos heimzuschicken, Und, weil dein Fliegen dich zu Streichen nur verführt, Dir noch die Schwingen auszupflücken. Doch flieh nur wie du bist; laß meinen Hain in Ruh, Auf ewig flieh aus meinen Blicken, Und flattre deinem Paphos zu; Dort tummle dich auf weichen Rosen-Betten, Mit deinen Grazien, und spiele blinde Kuh Mit Zephyrn und mit Amoretten.« Die Göttin spricht's. Mit lächelndem Gesicht Antwortet ihr der kleine Amor – nicht. Gelassen langt er nur von ungefähr Den schärfsten Pfeil aus seinem Köcher her; Doch steckt er ihn, als hätt er sich bedacht, Gleich wieder an, sieht Phöben an und lacht: »Wie reizend schminkt der Eifer deine Wangen! (Ruft er, und tut als wollt er sie umfangen) Ich wollte dir wie Amors Wunde sticht Ein wenig zu versuchen geben; Allein, bei meiner Mutter Leben! Es braucht hier meiner Pfeile nicht. An Spröden, die mir Hohn gesprochen, Hat mich noch stets ihr eignes Herz gerochen: Und, Schwesterchen, (doch unter dir und mir:) Was nützt der Lerm? er könnte dich gereuen; Weit sichrer wär's, die kleine Ungebühr Den guten Kindern zu verzeihen.« Die Nymphen lächelten, und Amor flog davon. Die Göttin zürnt, und rächt an ihnen Des losen Spötters Hohn. »Unwürdige! Dianen mehr zu dienen, (Spricht sie mit ernstem Angesicht) Zur Strafe der vergeßnen Pflicht Hat euch mein Mond zum letztenmal geschienen. Sobald sein Wagen nur den Horizont besteigt, Sei euch verwehrt im Hain herumzustreichen Bis sich des Tages Herold zeigt; Entflieht mit schnellem Fuß, die einen in die Eichen, Die übrigen zu ihren Urnen hin; Dort liegt und schlaft so lang ich Luna bin!« Sie spricht's und geht die Drachen anzuspannen Die ihren Silber-Wagen ziehn, Und die bestraften Nymphen fliehn Mehr traurig als belehrt von dannen. Der Tag zerfließet nun Im allgemeinen Schatten, Und alle Wesen ruhn Die sich ermüdet hatten; Es schlummert Tal und Hain, Die Weste selbst ermatten Von ihren Buhlerein, Und schlafen unter Küssen Im Schoße von Narzissen Und Rosen gähnend ein. Der junge Satyr nur Verfolgt der Dryas Spur; Er reckt sein langes Ohr Bei jedem leisen Zischen Aus dem Gesträuch hervor, Ein Nymphchen zu erwischen, Das in den finstern Büschen Vielleicht den Weg verlor. Er sucht im ganzen Hain Mit wohl zerzausten Füßen; Umsonst! Der Göttin Dräun Zwang sie sich einzuschließen; Die armen Mädchen müssen Für kürzre Nächte büßen Und schlafen itzt allein. Dem Faun sinkt Ohr und Mut, Er kehrt mit kühlerm Blut Beim ersten Morgen-Blick Zu seinem Schlauch zurück. Er denkt, mich zu erhenken Da müßt ich albern sein! Ich will die Liebespein In süßem Most ertränken. Indessen schwebt der Göttin Wagen schon Nah über jenem Ort wo in des Geißblatts Schatten Die Nymphen dir, Endymion, Vielleicht auch sich, so sanft gebettet hatten. Wie reizend lag er da! Nicht schöner lag Adon An seiner Göttin Brust, die weil er schlief ihm wachte, Mit Liebestrunknem Blick auf ihren Liebling lachte, Und stillentzückt auf neue Freuden dachte; Nicht schöner ward der junge Ganymed Vom Vater Zeus, der große Augen dreht', In Junons Armen einst gefunden; Nicht schöner lag, durch doppelte Gewalt Der Feerei und Schönheit überwunden, Der Wollust atmende Rinald Von seiner Zauberin umwunden: Als hier, vom Schlaf gebunden, Endymion – Gesteht, daß die Gefahr Nicht allzuklein für eine Spröde war. Das Sicherste war hier die Augen zuzumachen. Sie tat es nicht und warf, jedoch nur obenhin Und blinzend, einen Blick auf ihn. Sie stutzt und hemmt den Flug der schnellen Drachen, Schaut wieder hin, errötet, bebt zurück, Und suchet mit verschämtem Blick Ob sie vielleicht belauschet werde; Doch da sie ganz allein sich sieht, Lenkt sie mit ruhigerm Gemüt Den Silber-Wagen sanft zur Erde, Bückt sich, auf ihren Arm gestützt, Mit halbem Leib heraus und überläßt sich itzt Dem Anschaun ganz, womit nach Platons Lehren Sich im Olymp die reinen Geister nähren. Ein leicht beschattendes Gewand Erlaubt den ungewohnten Blicken Nur allzuviel sie zu berücken. Man sagt so gar, sie zog mit leiser Hand Auch dieses weg, doch wer hat zugesehen? Und tat sie es, wofür wir keinem stehen, So zog sie doch beim ersten Blick Gewiß die Hand so schnell zurück Als jenes Kind, das einst im Grase spielte, Nach Blumen griff und eine Schlange fühlte. Indessen klopft vermischt mit banger Lust Ein süßer Schmerz in ihrer heißen Brust; Ein zitterndes, wollüstiges Verlangen Bewölkt ihr schwimmend Aug und brennt auf ihren Wangen. Wo, Göttin, bleibt dein Stolz, die Sprödigkeit? Dein Busen schmilzt wie Schnee in raschen Flammen. Kannst du die Nymphen noch verdammen? Was ihre Schuld verdient, ist's Tadel oder Neid? Die Neugier hat, wie Zoroaster lehrt, Von Anbeginn der Weiber Herz betört. Man denkt ein Blick, von Ferne, von der Seiten, Ein bloßer Blick, hat wenig zu bedeuten. O! glaubet mir, ihr habt schon viel getan, Der erste Blick zieht stets den andern an; Das Auge wird (es sagt's ein weiser Mann) Nicht satt vom Sehn, und Lunas Beispiel kann, Uns hier, wie wahr er sagte, lehren. Ihr Mädchen, die ihr spröde tut, Hier solltet ihr ein wenig überhören; Ich bin euch diesesmal für kein Erröten gut. Die Fächer vors Gesicht! Diana – Nein! um Welten Verriet' ich dieses nicht, Sie ließen mich's entgelten. Des jungen Löwen Grimm, Des raschen Einhorns Mut, Ist nicht so ungestüm Als junger Schönen Wut. Sie könnten sich verschwören Mir nimmer zu verzeihn. Nein! Wahrheit, dir zu Ehren Ein Märtyrer zu sein, Bei Chloens Busen! Nein! Das heißt zuviel begehren. Doch, bin ich nicht zu scheu? Man weiß, daß uns die Feen Oft lieber allzufrei Als allzuschüchtern sehen. Die Jungen danken mir Vielleicht noch gar dafür; Die Weise lacht und spricht, Mich ärgern Märchen nicht; Und Miß Brigitte – Nun! Die läßt man böse tun! Der Gegenstand, der Ort, die Zeit, Wird die Entschuldigung der Göttin machen müssen. Selbst ihre Unerfahrenheit Vermindert ihre Strafbarkeit. So neu sie war, wie kann sie wissen, Wie manche wissen's nicht, daß man Vom Sehn sich auch berauschen kann? Sie schaut, und da sie so wie aus sich selbst gerissen, So unersättlich schaut, kommt ein Gelust sie an Den schönen Schläfer gar – zu küssen. Zu küssen? Ja, doch man verstehe mich So züchtig, so unkörperlich, So sanft wie junge Zephyrs küssen; Mit den Gedanken nur Von einem solchen Kuß, Wovon Ovidius Die ungetreue Spur Nach mehr als einer Stunde (Laut seiner eignen Hand) Auf seines Mädchens Munde Und weißen Schultern fand. Es kostet sie den Wunsch sich zu gestehen, Sie glüht von keuscher Scham vom Wirbel bis zum Zehen, Und lauscht und schaut sich um. Doch allgemeine Ruh Herrscht weit umher im Tal und auf den Höhen, Kein Blättchen rauscht. Itzt schleicht sie leis hinzu, Bleibt unentschlossen vor ihm stehen, Entschließt sich, bückt sich sanft auf seine Wangen hin, Die, Rosen gleich, in süßer Röte glühn, Und spitzt die Lippen schon, und itzt – itzt war's geschehen, Als eine neue Furcht (wie leicht Wird eine Spröde scheu!) sie schnell zurücke scheucht, Sie möcht es noch so leise machen, So könnte doch der Schläfer dran erwachen. Was folgte drauf' Sie müßte weiter gehn, Ihm ihre Neigung eingestehn, Um seine Gegenliebe flehn Und sich vielleicht – wer könnte das ertragen, Vielleicht sich abgelesen sehn – Welch ein Gedank! Kann Luna soviel wagen, Bei einer Venus, ja, da möchte so was gehn, Die gibt oft ungestraft den Göttern was zu spaßen, Und kann sich eh im Netz ertappen lassen Als ich, die nun einmal die Spröde machen muß, Bei einem armen trocknen Kuß. Und wie' er sollte mich zu seinen Füßen sehn? Dianens Ehre sollt in seiner Willkür stehn? Wie, Wenn er dann den Ehrfurchtsvollen machte (Man kennt der Schäfer Schelmerei) Und meiner Schwachheit ohne Scheu An einer Nymphe Busen lachte? Wie würde die der Rache sich erfreun, Und meine Schmach von Hain zu Hain Den Schwestern in die Ohren raunen? Die eine spräch's der andern nach, Bald wißtens auch die Satyrs und die Faunen Und sängen's laut beim nächtlichen Gelach. In kurzem eilte die Geschichte Vermehrt, verschönt, gleich einem Stadt-Gerüchte, Bis zu der obern Götter Sitz; Dem Momus, der beim Saft der Nektar-Reben Die Götter lachen macht, und Junons scharfen Witz Beim Teetisch neuen Stoff zu geben. Die Göttin bebt, erblaßt und glüht Vor so gefährlichen Gedanken, Und wenn sie dort die Neigung zieht, So macht sie hier die Klugheit wanken. Man sagt, bei Spröden überzieh Die Liebe doch die Vorsicht nie. Ein Kuß mag freilich sehr behagen, Doch ist's am Ende nur ein Kuß; Und Freuden, wo man zittern muß, Sind doch (was auch Ovide sagen) Für Damen nicht, die gerne sicher gehn. Sie fängt schon an nach ihrem Drachen-Wagen Den scheuen Blick herumzudrehn, Schon weicht ihr scheuer Fuß – doch bleibt er wieder stehn; Sie kann den Trost sich nicht versagen Nur einmal noch (sie hat ja nichts dabei zu wagen) Den schönen Schläfer anzusehn. »Noch einmal?« ruft ein Casuist; »Und heißt denn das nicht alles wagen?« Vielleicht; doch ist es, wie ihr wißt, Genug, die Göttin loszusagen, Daß sie es nicht gemeint; die Frist War allzukurz, euch Rats zu fragen; Und überdem vergönnet mir zu sagen, Daß Escobar auf ihrer Seite ist. Vorsichtig oder unvorsichtig, (Uns gilt es gleich) genug, soviel ist richtig, Sie bückte sich noch einmal hin und sah, (Doch mit dem Vorsatz, ihn auf ewig dann zu fliehen) Den holden Schläfer an. Betrogne Cynthia! Sie sieht, schon kann sie ihm den Blick nicht mehr entziehen, Und bald vergißt sie auch zu fliehen. Ein fremdes Feuer schleicht durch ihren ganzen Leib, Ihr feuchtes Aug erlischt, die runden Kniee beben, Sie kennt sich selbst nicht mehr, und fühlt in ihrem Leben Sich itzt zum erstenmal ein Weib. Erst ließ sich ihr Gelust mit einem Kusse büßen, Itzt wünscht sie schon sich satt an ihm zu küssen. Doch macht sie stets die alte Sorge scheu. Diana muß sich sicher wissen, Und wird ein bißchen Feerei Zu brauchen sich entschließen müssen. Es wallt durch ihre Kunst Ein zauberischer Dunst, Von Schlummer-Kräften schwer, Um ihren Liebling her. Er dehnt sich, streckt ein Bein Und schläft bezaubert ein. Sie legt sich neben ihn Aufs Rosenlager hin, (Es hatte, wie wir wissen, Für eine Freundin Raum) Und unter ihren Küssen Den Schlaf ihm zu versüßen Wird jeder Kuß ein Traum. Ein Traumgesicht von jener Art, Die oft, trotz Scapulier und Bart, Sanct Franzens fette Seraphinen In schwüler Sommer-Nacht bedienen; Ein Traum, wovor selbst in der Fasten-Zeit Sich keine junge Nonne scheut, Der, wie das fromme Ding in seiner Einfalt denket, Sie bis ins Paradies entzückt, Mit einem Strom von Wollust tränket, Und fühlen läßt was nie ihr Aug erblickt. Ob Luna selbst dabei was abgezielet – Ob ihr das schelmische Gesicht, Cupido, einen Streich gespielet – Entscheidet die Geschichte nicht. Genug, wir kennen die und den, Die gerne nie erwachen wollten, Wenn sie Aeonenlang so schön Wie unser Schäfer träumen sollten. Was Jupiter als Ledas Schwan Und als Europens Stier getan, Wie er Alkmenen hintergangen, Und wie der hinkende Vulcan Sein Weibchen einst im Garn gefangen; Wie stille Nymphen oft im Hain Dem Faun zum Raube werden müssen, Wie sie sich sträuben, bitten, dräun, Ermüden, immer schwächer schrein, Und endlich selbst den Räuber küssen; Des Weingotts Zug, und wie um ihn Die taumelnden Bacchanten schwärmen, Wie sie von trunkner Freude glühn, Und mit den Klapper-Blechen lermen; Sie wiehern laut ihr Evoe! Es hallt vom fernen Rhodope Zurück; der Satyr hebt mit rasender Gebärde Die nackte Menas in die Höh, Und stampft in wildem Tanz die Erde. Ein sanftrer Anblick folgt dem rohen Bacchanal. Ein stilles, schattenvolles Tal Führt ihn der Höhle zu, wo sich die Nymphen baden; Diana selbst errötet nicht (Man merke, nur im Traumgesicht Und von geschäftigen Najaden Fast ganz verdeckt) von ihm gesehn zu sein. Welch reizendes Gewühl! Es scheint vom Widerschein So mancher weißen Brust die sich im Wasser bildet, So manches goldnen Haars, die Flut hier übergüldet, Dort Schnee im Sonnen-Glanz zu sein. Sein trunknes Auge schlingt mit gierig offnen Blicken So viele Reizungen hinein, Er schwimmt in lüsternem Entzücken Und wird vor Wunder fast zum Stein. Man glaubt, daß Cynthia hiebei Nicht ungerührt geblieben sei; So süß auch Küsse sind, wenn wir Tibulle hören, So haßt doch die Natur ein ewig Einerlei. Beim Nectartisch und beim Konzert der Sphären Sind Götter selbst nicht stets von Langerweile frei. Zum mindsten sagt's Homer. Wie wird dann, satt von Küssen, Diana sich zu helfen wissen? »Sie tat (so sagt der Faun, der sie beschlichen hat) Was Platons Penia im Götter-Garten tat.« »Was tat dann die?« wird hier ein Neuling fragen? Sie legte – Ja doch! Nur gemach! Schlagt euern Plato selber nach, Das läßt sich nur auf Griechisch sagen. Verliebt und weise sein, ist, wie ein Alter glaubt, Den Göttern kaum, den Menschen nie erlaubt. Wer ganz Empfindung ist, kann keine Schlüsse machen. Der Gegenstand, der itzt Dianen an sich zieht, Macht, wie Galen bemerkt, nebst Wallung im Geblüt, Die Augen übergehn und die Vernunft erschwachen; Und Martialis muß gestehn, Daß selbst Cornelia, die Mutter beider Gracchen, Mit kaltem Blut ihn selten angesehn. Die Spröden mögen sich hier ein Exempel nehmen. Das schöne Volk nicht zu beschämen, Verschwieg ich gern, wie tief Diana fiel; Allein der Faun verriet das ganze Spiel. Zum Unglück war's der schlimmste unter allen. Er hatte, wie gesagt, den Nymphen zu gefallen Den ganzen Hain umsonst durchspürt, Und dachte gleich zu seinen vollen Schläuchen Sich unbemerkt zurückzuschleichen, Als aus den nahen Myrten-Sträuchen Sein lauschend Ohr ein wollust-atmend Keuchen Ein liebliches Geseufz und süßes Girren rührt. Der Satyr stutzt und denkt bei sich: Hier ist man glücklicher als ich, Dies Seufzen hat was zu bedeuten. So seufzt, beim Styx! trostlose Liebe nicht. Er schleicht dem Tone nach und sieht ein hellers Licht Sich über das Gebüsch verbreiten, Schleicht immer fort, entdeckt das Drachen-Paar, Die ungeduldig sich am leeren Wagen sträuben, Und stutzt noch mehr. Wie, denkt er, mag wohl gar Diana, die so spröde war, Die Männer-Hasserin, sich hier die Zeit vertreiben, Kaum denkt er's aus, so zeigt ein neuer Blick Ihm Lunas Fall und Amors Meisterstück. O! Göttin, welch ein Augenblick; Wie wird der rohe Faun dich höhnen! Ein andrer schliche sich von einer solchen Szenen Mit abgewandtem Aug aus Großmut still zurück; Er würde sich sogar noch Zweifel machen, Und hieß es nur ein täuschend Nacht-Gesicht: Allein in Faunen wohnt so viele Tugend nicht. Ein wildes überlautes Lachen Weckt sie, und zeigt den Zeugen ihrer Lust. Sie hebt ein sterbend Aug und schließt es plötzlich wieder, Ein kalter Schaur durchfährt die aufgelösten Glieder, Vor Schrecken starrt die ausgedehnte Brust. Sie sinkt betäubt bei ihrem Schäfer nieder, Und seufzt und weint, daß sie nicht sterben kann. Ach! käm er nur, der dürre Knochen-Mann, Er sollt ihr Liebling sein! Sie wollte mit Entzücken Sein faul Geripp an ihren Busen drücken! Was kaum so reizend war sieht sie mit Grauen an. Wie wälzt auf Rosen sich als wie auf Kohlen-Feuer, Des Zephyrs Atem deucht ihr Pest, Endymion ein Ungeheuer, Die weite Welt ein Drachen-Nest. Sie so betrübt zu sehn, das schmelzte Tartar-Herzen, Der Faun bleibt ungerührt; er lacht noch ihrer Schmerzen, Und leert den schalen Witz, den er bei manchem Schmaus Gesammelt hat, bei diesem Anlaß aus; Sieht sie auf ihren Arm sich stumm und trostlos stemmen, Und eine Tränenflut, die nicht zu stillen war, Den schönsten Busen überschwemmen, Sieht's und erfrecht sich, der Corsar! Durch Küsse ihren Lauf zu hemmen. Sie stößt ihn weg, doch nur mit matter Hand. Was hälf ihr gegen einen Zeugen Von dieser Art ein stolzer Widerstand? Es liegt zuviel an seinem Schweigen. Der ungeduldige Sylvan An dem schon alle Adern glühen, Verspricht und droht zugleich. Sie sieht ihn schüchtern an, Errötet, staunt, und sucht, was sie nicht hindern kann, Zum wenigsten noch aufzuziehen. Was soll sie tun? Hier ist die Antwort schwer; Dem größern zu entgehn ein kleiners Übel leiden? Um bösen Ruf und Ärgernis zu meiden Erlaubt Caramuel wohl mehr. Ein Umstand ist dabei, der ihr sich zu entschließen Noch leichter macht. Ihr graut vor seinem Bart, Dem weiten Maul, den rauhen Ziegenfüßen, Dem Hörner-Paar, das ihm aus schwarzen Locken starrt. Sie hofft von ihrer Schuld bei so verhaßten Küssen Zum wenigsten die Hälfte abzubüßen, Und ihrem zärtlichen Gewissen Scheint keine Züchtigung für ihr Vergehn zu hart. Der Satyr preßt; es Hilft kein ekles Sträuben; »Nur gutes Muts, Frau Feen-Königin! Was schielt ihr so nach euerm Schäfer hin? Vergeßt ihn itzt! wenn ich so glatt nicht bin, So soll mir doch ein andrer Vorzug bleiben.« Die Göttin seufzt, der Waldgott schwört (Doch nicht beim Styx!) die Sache zu verhehlen; Er zeigt sich seines Namens wert, Und da zuletzt sie mehr zu quälen Aurorens Ankunft ihm verwehrt, Bedankt er sich, wie sich's gehört, Und eilt, sein Glück den Brüdern zu erzählen. Fußnoten 1 Nach den Worten des ehrlichen Fuchs-Jägers Western; wir erinnern uns nicht, in welchem Buch und Kapitel der Geschichte des Tom Jones. Juno und Ganymed Soll Unschuld denn alles verschmerzen, Und bin ich nicht schön, und ein Weib? Hagedorn Secundus, der Pythagoräer, Sagt, und erfuhr's an seinem eignen Leib, Es sei ein grillenhaftes Weib Bei Tag, oft auch bei Nacht, ein schlimmer Zeitvertreib; Ist sie noch schön, so steigt das Übel höher; Belesen, witzig – Quellen neuer Pein Für ihren Job! er muß zu bösem Spiel oft lachen; Doch gibt ihr gar sein schwarzer Dämon ein, (Fährt unser Autor fort) den Drachen Von Ehrbarkeit und strenger Zucht zu machen, Dann mögen ihm die Götter gnädig sein! Der Wunsch ist gut und fromm; allein, Glaubt man der alten Dichter Sage, (Und Leuten die bei hellem Tage Gespenster sehn, wird allerdings geglaubt) So war selbst Zeus, der Götter Haupt, Nicht immer frei von dieser Ehstands-Plage. Homer sagt's ungescheut: Frau Juno war Ein schönes Weib, das mußte man ihr lassen; Hoch, wohlgewachsen, schwarz von Aug und Haar, Im Gang und Anstand, ja sogar In ihren sprödesten Grimassen, Viel Majestät; im langen Rocke war Der schönste Fuß und manches unsichtbar Was sie den Paris einst auf Ida sehen lassen; Allein um alles das ließ ihr Gemahl und Herr Die schöne Nacht, in welcher er Vom Jungfern-Gurt sie zu befreien, So hastig war, nicht seltner sich gereuen. Wer ihn für glücklich hielt, der sah die Dame nicht Im Schlafgemach und hinter den Gardinen. Dort pflegte sie beim Sternen-Licht Des Weiber-Rechts sich ernstlich zu bedienen; Dort wies sie ihm ein anders Angesicht, Als das am Götter-Tisch so angenehm geschienen. Wo Juno lag, da schlief sich's selten viel, Da ließ die ganze Nacht als wie ein Glockenspiel Sich ihre schöne Stimme hören; Und konnte gleich bei ihren Sittenlehren Ihr Mann sich oft des Schlummers nicht erwehren, So wußte sie ihn doch bald wieder aufzustören, Und überschrie, wenn's ihr gefiel, Sogar die Nacht-Musik der Sphären. Ein Scherz beim Nektar, den er liebt, Ein Seitenblick, den er der Ceres gibt, Wenn sich ihr Palatin verschoben; Ein Knieband, das er jüngst der Venus aufgehoben, Ja wenn er nur Dianens rundes Knie Von ungefähr (mit Fleiß geschah es nie) Beim Spiel mit seinen Knien drückt, Und, kommt die Reih an ihn zu passen, Der Iris, die indes im Vorsaal sitzt und stickt, Die Backen im Vorbeigehn zwickt; So darf er sich darauf verlassen, Daß ihn Madam, wie sich's gebührt, Die nächste Nacht hindurch moralisieren wird; In diesem Stück war nicht mit ihr zu spaßen. Wie teuer muß der gute Mann Die Tugend seiner Frau bezahlen! Beim kleinsten Anlaß fängt sie an Mit ihrer keuschen Treu zu prahlen, Wirft die gerümpfte Nas empor, Und rückt ihm den Ixion vor, Den einzgen Fall in ihrem Leben, Da sich ein Buhler angegeben Der sein Latein bei ihr verlor. Nach Junons weisen Ehgesetzen Soll sich ein Mann für allzuglücklich schätzen, Wenn seine Frau aus eigner freier Wahl Dem Recht entsagt, ihn in die edle Zahl Der Brüder des Vulcans zu setzen. Sie tut durch dies allein der Tugend schon genug, Und fodert zum Ersatz mit Fug, (Denn gratis wird sie nicht wie eine Nonne leben) Daß ihr Gemahl so dankbar sei Ihr alle Grillen zu vergeben; Und sie der ganzen Litanei Der andern Pflichten zu entheben. Dafür erhält sie auch die Macht Ihn als leibeigen zu behandeln, Und richterlich in jeder Nacht Die Fehler, die er Tags gemacht und nicht gemacht, Durch strenge Bußen abzuwandeln. Das Mittel selbst, das in dergleichen Spann Ovidius den Männern sehr empfiehlet, Das sonst den Gift der Zänkerinnen kühlet, Und Löwinnen zu Täubchen machen kann, Wird oft vom Zeus, doch immer ohne Frucht Und endlich gar nicht mehr versucht. Ob er dadurch die Sache nicht verschlimmert Das lassen wir dahingestellt. Es ist, wie Sancho sagt, nicht alles Gold was schimmert. Zwar tut sie, ob ihr in der Welt Nichts angenehmers sei als ungeküßt zu bleiben; Sie war nie keine Gönnerin Von solchen eiteln Zeitvertreiben; Doch bringt der Mann die Nacht nicht desto besser hin. Der gute Zeus, dem ihrer Zunge Lauf Beschwerlich war, stund oft vor Unmut auf, Und fing (was tut nicht ein geplagter Mann?) Vor Langerweil zu Donnern an. Die Cedern auf dem Libanon, Der Alpen weißes Haupt, der steile Helikon Empfanden schuldlos seine Stöße: Es zitterten die armen Erdenklöße; Doch schlug er nur in Felsen, Meer und Wald Und alle Streiche waren kalt. Einst als sie ihn in einer Sommernacht Mehr als gewöhnlich aufgebracht, Wird vom Getös, so dieses Eh-Paar macht, Aus ihrem Schlummer aufgeschreckt, Die schöne Jo von ihm entdeckt. Sie lag vom Mondschein angestrahlt, Nach Nymphen-Art nur leicht bedeckt, An ihrem Wasser-Krug auf Blumen hingestreckt. Der Reiz, den nur ein Guido fühlt und malt, Die erste Jugend scheint auf ihren frischen Wangen Halboffnen Rosen gleich nur eben aufgegangen, Und ihre Brust und ihren schönen Leib Schwellt Frühlings-Lust und ahnendes Verlangen. Ein Sanct Hilarion, für den das schönste Weib Memento mori war, wär euch vorbeigegangen, Und hätte nichts gefühlt; selbst vom Xenokrates Hätt eine Jo sich keinen Blick erworben; Die lange Nacht bezeuget es, Die Phryne neben ihm verdorben; Doch solche Weisheit schenkt die sparsame Natur Gemeiniglich dem grauen Alter nur. Ein Ajax sucht den Feind, vor dem ein Nestor zittert, Und, mit Ambrosia und Nektar satt gefüttert, Wird Jupiter sobald er Nymphen wittert Vom Wirbel bis zum Zehn erschüttert; Die Hunger-Kur, die einen Ephraim Zum Engel macht, macht Joven zum Satyren. Die Nymphe sehn, begehren und entführen, War, wie beim Cäsar, eins bei ihm. Die Eifersucht der Juno zu betrügen Verbirgt ein Schirm von siebenfacher Nacht Dem schärfsten Blick sein sträfliches Vergnügen. Von diesem Anfang kühn gemacht, Läßt Vater Zeus es nicht dabei verbleiben; Das Mittel scheint ihm gut und leicht, Die Milzbeschwerung zu vertreiben, Die oft die Götter von ihm scheucht. Das Übel könnte um sich greifen Und böse Folgen nach sich ziehn; In solchen Fällen rät selbst Scheik Al-Hosain, Des Sina Sohn, zuweilen auszuschweifen; Doch stets mit Maß. Zeus folget gutem Rat. Sobald der Schlaf sein Weib besänftigt hat, (Denn immer kann sie doch nicht keifen) So schleicht er sich, begleitet vom Mercur, Zur Unterwelt, durch Hain und Flur Den schönsten Nymphen nachzustreifen. Er schämt sich nicht, zu bessrer Sicherheit Der Götterschaft sich zu entladen. Man hat in einen Schwan verkleidt, Bei jungen Mädchen, die sich baden, Sehr viel voraus; man gaffet ungescheut; Welch ein Triumph für ihre Eitelkeit In Tieren selbst verliebte Lüsternheit Und kühne Sehnsucht zu erwecken? Man darf sich nahn, sie mit dem Schnabel necken, Man darf noch mehr, sie werden nicht erschrecken; Es heißt ein Spiel – das arme, kleine Tier! Wie zahm es tut! Gewiß, man dächte schier Daß es den Wert von seinem Glücke fühlte. Wie oft Herr Zeus als Adler oder Stier Sein Lieblings-Spiel mit Menschen-Kindern spielte, Erzählt Ovid, und ihm Sedletzky nach. Allein der Krug ging, wie man pflegt zu sagen, So lang zum Wasser bis er brach. Ein oftgelungnes Glück reizt oft zuviel zu wagen; Und kurz, als ihm in einer Sommer-Nacht Latona einst die Zeit zu kurz gemacht, Ließ er, für einen Freund vom Naschen Sich, wie die Chronik sagt, recht schülerhaft erhaschen. Wir geben zu, den Stand der wohl behagt Pflegt niemand gerne zu verlassen; Allein nicht merken wenn es tagt Heißt vom Affekt sich übernehmen lassen. Ein Weiser soll, wie Flaccus weislich sagt, Die Abzugs-Stunde nie verpassen. Was Juno ihm für ein Gesicht verlieh, Begreift durch die Analogie, Die Zimmermann uns preist, ein jeder ohne Müh Der einst sich langsam finden lassen. Kein Drohn, kein Flehn erweichet sie, Umsonst umfaßt er ihre Knie, Sie schwört, die Tat der Strenge nach zu rächen; Und daß sie ja den Schluß nicht ändern kann, Schwört sie den Schwur, den Götter niemals brechen. Sein Leben hebt mit jedem Sonnenlicht Sich richtig an, und endet Abends nicht Ihm gellen Tag und Nacht die Ohren; Sie nimmt ihn selbst bei Tisch, wo er Sein Ansehn spielen muß, oft unbarmherzig her; Je mehr sie Zeugen hat, je mehr wird Zeus geschoren. Mich wundert es wahrhaftig nicht, Daß er die Essenslust verloren. Der Gram vergällt das niedlichste Gericht, Und zum Verdruß sind Götter nicht geboren. Auch ist er klug, und bleibt vom Nektarschmaus Von Zeit zu Zeit oft ganze Wochen aus, Schwärmt mit dem Gott, der Flügel an den Ohren Und an den Fersen trägt, von Hütte zu Palast, Und bittet bald bei Baucis sich zu Gast, Bald bei den tadellosen Mohren. Einst da er wohlbezecht (der Mohren Wein war's wert) Von einem solchen Schmause kehrt, Sieht er bei Schwanen-weißen Schafen Den jungen Ganymed an einer Quelle schlafen. Er bleibt auf einer Wolke stehn, Und denkt, vom ersten Blick verwirrt: Hat Amor sich auf Idas Höhn Von seinen Grazien verirrt? Er winkt Mercuren her, der schon vorausgeflogen, Und zeigt ihm den entdeckten Fund. »Wenn sieht die Liebe doch gesund? (Ruft sein Gespan) wo sind denn Pfeil und Bogen Wenn's Amor ist, und wo sein Flügel-Paar?« »Gesteh«, spricht Zeus, »sein lockicht gelbes Haar, Sein rund Gesicht und Stirn und Mund, fürwahr! Hätt Erycinen selbst betrogen; Sie hätt ihn wenigstens dem Jäger vorgezogen, Von dem sie einst so stark bezaubert war.« »Das eben nicht«, versetzt, der Maja Sohn, »Ein kluges Weib weiß besser Haus zu halten; Wir kennen ja die Frau Vulcanin schon; Sie hätte den gewählt und jenen beibehalten.« Indem er's sagt, hält Zeus noch unverwandt, Auf Ganymed den scharfen Blick gespannt. Allein ein Pfau an Junons Muschel-Wagen, Die eben itzt spazieren fuhr, Entdeckt dem lauschenden Mercur Durch sein' Gesang, zu großem Mißbehagen Des Donnerers, daß hier das beste sei Sich sachte linker Hand zu schlagen. Sie schleichen unerkannt vorbei Und steigen zum Olymp; man läßt die Ankunft wissen; Die Schar der Götter eilt herbei, Dem Prinzipal die Hand zu küssen. Man schwatzt, er fragt nach vielerlei, Und hört mit andern neuen Sachen Was Heben erst begegnet sei. Silen, der Wanst, erzählt's, mit vielem Lachen, Nach seiner Art nicht allzufein, Und streut, den Spaß kurzweiliger zu machen, Viel Doppelsinn und kühlen Witz hinein. »Ja, (fangt er an, und alle Götter lachen, Er selbst zuerst) beim Styx! es war ein Spaß! Ein Haupt-Spaß war's; ihr hättet's sehen sollen – Wie Hebe fiel – ha, ha! mein bestes Faß, Bei meinem Horn! hätt ich drum geben wollen. So saßen wir, hier Juno, hier Dian, Hier Bacchus, hier – was weiß ich's, doch daran, Liegt itzo nichts – wir trinken wie die Scythen Und jauchzen laut – Nun hört einmal den Spaß! Indem wir schon von altem Nektar glühten, Ruft Bromius, ›das große Deckel-Glas; He! Mädchen, flink! mit diesen Fingerhüten Macht man ja kaum die Lippen naß; Der Tag ist schön, wir wollen heut eins wüten.‹ ›Top!‹ rufen wir, es kommt, man füllt es oben an, Apollo singt, der ganze Chor der Musen Sperrt auch die Mäuler auf, wie gähnende Medusen, Wir fallen ein, und wer nicht singen kann Der leirt: Das Glas kommt nun von Mann zu Mann (Die Weiber mitgezählt) zu mir herum – wohlan! Sie reicht mir's hin, ich tu als nehm ich's an, Und lang indes nach ihrem Strauß am Busen. Sie schreit, als hätt ich ihr wer weiß was angetan, Dreht sich zurück, und schlüpft (das Estrich schwamm in Weine War glatt wie Eis) kurz, eure arme Kleine Entschlüpft im drehn, glitscht rückwärts aus und stürzt So lang sie war, und leicht genug geschürzt, Und streckt euch wie ein Frosch die Beine.« Was sie die Götter sehen ließ Läßt ohne Dreifuß sich erraten; »Wir lachten überlaut, doch unsre Damen taten Als sähn sie nicht was Hebe schönes wies, (Vielleicht aus Neid, wie oft genug geschiehet) Denn kurz, sie wurden rot und hielten euch geschwind Die Hände vor; was half's? Wer durch ein Sieb nicht siehet, Ist, wie man sagt unfehlbar blind. Indem wir nun uns außer Atem lachen, Lauft Bacchus zu und will den Stutzer machen; Er liest sie auf; doch, wie man denken kann, Greift er's so plump und Faunen-mäßig an – Daß wir nur mehr zu lachen kriegen; Bei meinem Esel!« – »Still!« fiel Vater Zeus ihm ein, Und schüttelt seinen Kopf, daß ihm die Haare fliegen; »Ich weiß genug! Ihr Herren insgemein, Sagt mir einmal, sind dieses auch Vergnügen Für Götter, wie ihr seid, Beim Styx! es tönte fein, Wenn Menschen solche Dinge wißten! Die Schwalben würden bald in unsern Bildern nisten, Und unsre Tempel Bäder sein, Vielleicht was ärgers noch. Allein Wir wollen uns nicht ohne Not entrüsten. Wißt, wir entlassen hier Miß Hebe ihrer Pflicht, Das Schenken-Amt schickt sich für Mädchen nicht, Man wird es zu bestellen wissen. « Herr Zeus beschließt mit einem Amts-Gesicht; Die Götter lassen sich's gefallen, weil sie müssen, Und schleichen ab. Wie sehr ist Zeus erfreut! Wie wohl kommt ihm der Hebe Fall zu statten! Was Witz und Macht zu schwer gefunden hatten, Das hebt oft eine Kleinigkeit. Auch Juno kann itzt nichts dagegen haben; Das Ärgernis muß ja gehoben sein. Gedacht, getan! er raubt den Hirten-Knaben, Und setzt ihn ungehindert ein. Zween Tage ging's nicht schlimm; die Götter alle schienen Mit ihm vergnügt, die Damen noch weit mehr; Man lobte seine Art zu dienen, Und sein bescheidnes Wesen sehr. Selbst Amor liebt den anmutsvollen Knaben, (Ob Venus gleich ihm fast den Vorzug gibt) Und will ihn stets zum Spielgesellen haben. Kurz, Ganymed wird wegen seiner Gaben Im ganzen Himmel bald beliebt. Nur Juno murrt. Doch Zeus läßt, ohne Schrecken, Den Nektar sich nur desto besser schmecken, Den ihm sein Liebling lächelnd reicht. Die Göttin staunt, bemerkt, vergleicht, Macht manchen Schluß und glaubt zuletzt zu sehen, Daß Ganymed und ihr geliebter Mann Einander mehr als nötig ist verstehen. Daß eine Frau so was nicht leiden kann, Ist ausgemacht; es muß in kurzem brechen. Sie harrt nur auf Gelegenheit, Denn Zeus ist schlau, und weicht, wer weiß wie weit Den Anlaß aus; doch da er einst sich beut Fängt sie im Ton der strengsten Sittlichkeit Sehr matronalisch an mit ihm, wie folgt, zu sprechen: »Zu lange schon hab ich mit kaltem Blut, Mein Herr, von euch Beschimpfungen ertragen, Wobei ein Weib nicht leicht gelassen tut. Doch durch Geduld wird euer Übermut Nur kühner, immer mehr zu wagen. Ihr sündigt, wie es scheint, auf meine Tugend hin Und trotzt, weil ich zu groß zu jener Rache bin, Die sich die Wenigsten in meinem Fall versagen. Ich weiß es, bloß mein keuscher Sinn Hat diesen Überdruß geboren, Durch den ich zwar, das glaubt mir, nichts verloren, Als dessen ich sehr gern entübrigt bin. Ihr suchtet eine Buhlerin In meinem Bett und ausgelaßne Freuden; Ich geb es zu, ihr irrtet euch darin: Die Pflicht allein zwang mich, nicht ohne Scham zu leiden, Was mir mein Stand verbot zu meiden. Gesteh es, Üppiger, der Frauen schönste Zier, Die Sittsamkeit, entwöhnte dich von mir. Dir schmecken nur verstohlne Wasser süße, Und deiner Dirnen geile Bisse Und Zungen-Spiel vergällte dir Der kalten Tugend ernste Küsse. Dies zog dich deinen Nymphen nach Die sich gelehriger und reger finden ließen; Dies schmiegte dich zu deiner Lede Füßen Und hinterließ an jedem Bach In jedem Hain, an allen Flüssen, Die Spuren deiner Üppigkeit. Doch dieses konnte dir von meiner Gütigkeit Vielleicht noch übersehen werden. Du stahlest Ort, Gestalt und Zeit, Ließ'st deine Dirnen auf der Erden Und den Olymp noch unentweiht. Dies zeigte doch noch einen Rest von Scham. Allein seit dem auch Nymphen nichts mehr haben Das dich versucht, und dir der Einfall kam Mit diesem blöden Hirten-Knaben Aus Phrygien den Himmel zu begaben, Scheint deine Ausgelassenheit Den höchsten Grad erreicht zu haben. Um einer armen Kleinigkeit Wird Hebe ungehört von ihrem Amt verdrungen, Damit dein lüstern Aug an einem nackten Jungen Sich täglich weiden kann. Wie weit treibt ihr das Spiel so gar am Götter-Tische? Wir essen nie vor euch in Ruh, Stets währt das Tändeln und Gezische, Man lacht, man winkt, man wirft sich Küsse zu; Und soll dein Nektar-Punsch dir schmecken, So muß dir Ganymed den Becher erst belecken. Kaum setzt er an, so reißest du Den Kelch ihm aus der Hand, die Spur hinwegzusaugen, Wo er den Mund im Trinken hingedrückt, Und siehst ihn schmatzend an, und rollst entzückt, Wie ein Bacchant, die liebestrunknen Augen. Ja heute scheutest du dich nicht, Vor unser aller Angesicht Ihn gar zu küssen und zu herzen. Ihr nennt es ohne Zweifel scherzen; Doch glaubet mir, daß eurer Majestät Dies Kindisch-Tun nicht gar zu artig steht. Wiewohl, was mag ich davon Sagen? Wie lang ist's wohl, (du kannst Silenen fragen) Daß man mit Ganymed und Amor dich (Den Donnerer!) beim Gänsespiel erschlich? Fi! Herr Gemahl, es ist nicht zum ertragen! Ist das auch eine Lebensart Für jenen Gott, durch den die Riesen fielen? So alt, so einen großen Bart, Und noch mit kleinen Buben spielen!« Hier schwieg Madam, und tat sehr wohl daran. Es floß ihr, wie man sieht, vortrefflich von der Zunge; Unstreitig hatte sie die beste Lunge Im ganzen Götter-Volk, und diese Probe kann Die obbesagten Ehbett-Wachen Des guten Zeus uns sehr begreiflich machen. Doch diesmal hört' er sie mit großem Kaltsinn an, Streicht lächelnd seinen Bart, betrachtet seine Waden, Und fangt drauf an sein Herz, wie folget, zu entladen: »Ob Eure strenge Sittsamkeit, Zucht, Kaltsinn, Unbeweglichkeit, Und großer Abscheu vor den Freuden Womit sich, wie ihr sagt, nur kleine Geister weiden, Uns, liebes Weib, bisher entzweit, Das will ich itzo nicht entscheiden. Genug, daß sich mein alter Sinn Geändert hat, und über diese Freuden Ich selbst nunmehr ganz deiner Meinung bin. Vordem, mein Schatz, ich will dir's frei gestehen, War ich, (der Ruhm klingt freilich nicht gar fein:) In diesem Stück ein epikurisch Schwein. Ich küßte, was ich sah, Prinzessinnen und Feen, Sylphiden, Nixen, Galatheen, Gras-Nymphen, alles insgemein, Sie mochten schmächtig, dick, hochstämmicht oder klein, Blond, nußbraun oder beides sein; Ich wußte mich mit allen zu begehen. Da sah ich ohne Regung nie Ein schönes Kind aus einem Brunnen steigen; Man konnte mir ein rundes Knie So unnachteilig nicht als einem Tithon zeigen. Ob ihre Seele reizend sei, Das ließ mich damals unbekümmert, Verständig oder nicht, mir galt es einerlei; Von diesem höhern Reiz der aus dem Innern schimmert Empfand ich nichts; mit einem Wort, ich sah An Pallas selbst, und allen Musen, Was an der blödsten Sylvia, Ein lockend Aug voll jugendlicher Glut, Ein weißes Fell und einen vollen Busen. Allein von diesem rohen Mut, Bin ich, versichre dich's, vollkommen, Und nicht erst heut, zurückgekommen. Erfahrung kühlt ein allzufeurig Blut. Mich läßt, zur Zeit, die loseste Najade, Die jüngste Grazie, und Venus selbst im Bade So ruhig als ein Marmorstein. Das schönste Weib von Fleisch und Bein Ist wie das Sonnenbild, das sich in Wolken malet, Für mich ein bloßer Widerschein Der Schönheit, die, dem reinen Geist allein Beschaulich, aus dem Innern strahlet. Ein weiser Mann, ein Grieche lehrte mich Das wesentliche Schöne kennen; Selbst unser Nektar wird mir schon zu körperlich; Und lern ich erst den Plato recht verstehen, So nährt sich einst mein abgezogner Geist, Der Grille gleich, die drum den Göttern ähnlich heißt, Allein von Luft und von Ideen. In diesem Licht müßt ihr die Liebe sehen Die mich zu Ganymeden zieht. Sein schöner Geist, sein tugendlich Gemüt, Die Grazien, die seine Sitten schmücken, Die Unschuld, die ihm aus den Augen sieht; Dies, nicht sein blondes Haar nicht seine Rosenwangen, Ist, glaube mir, der Reiz wodurch er mich gefangen. Du siehst, daß hier der Leib gar keine Rolle spielt. Zum mindsten wird bei dieser Art von Liebe Nichts körperliches abgezielt. Das wahre Schöne wird nur vom Verstand gefühlt, Und zeuget nie gemeine Triebe. Kurz, Ganymed, so sehr er Amorn gleicht, So ungern ihm Dian ihr keusches Aug entzeucht, So oft ich, wenn er ihr den vollen Becher reicht Die alte Vesta selbst beim Augenspiel ertappe, So ist er doch mit alle dem, Nach meinem itzigen System Ein bloßer Geist in einer Nebel-Kappe.« »Ein bloßer Geist?« fällt Juno höhnisch ein, »Und pflegen Geister auch zu küssen?« »Warum«, spricht Zeus, »soll das nicht möglich sein? Man muß hier nur zu unterscheiden wissen. Gemeine Buhler schnäbeln sich, Nach Spatzen-Art, bloß ihre Lust zu büßen; Allein wie Ganymed und ich Abstract und metaphysisch küssen, Ist eine Lust, die uns, versichre dich, Gemeine Buhler lassen müssen, Die Seelen, Frau, die Seelen sind's, die sich In einem solchen Kuß ergießen; Und ganz dabei vom Leib entblößt, Ganz in Entzückung aufgelöst, Sich mischen und zusammenfließen. Doch ich besinne mich, daß dies ins Tiefe geht. Dein Mißverstand ist sehr verzeihlich; Das sind Geheimnisse, die freilich Ein Ungeweihtes nicht versteht. Wenn übrigens mein Spiel mit jungen Knaben Dein ekles Herz geärgert sollte haben, So wißt, daß mir hierin kein schlechtrer Mann Als Sokrates zum Vorstand dienen kann. Ein Weiser ist, wie Seneca beteuret, Ein Gott, ja noch ein wenig mehr; Wenn Sokrates mit kleinen Knaben leiret, So darf ich wenigstens was er.« Hier endet Zeus, verneigt sich tief und geht; Das weitre kann Madam nun mit sich selber sprechen. Sie rief ihm nach, doch schon zu spät; Er fand für gut, wie man den Dichtern rät, Beim schönsten Einfall abzubrechen, Und suchte seinen Ganymed. Der Göttin schwillt der Kamm, sie weiß sich kaum zu fassen. Zum Schaden sich noch gar verspotten lassen! Wo ist die Tugend in der Welt Die so gereizt die Probe hält' Das muß gerochen sein! Doch nein, sie nennt es strafen, Und schwört, sie will nicht eher schlafen, Bis er gezüchtigt ist; und daß auch hier Die Tugend nicht ihr Recht verlier, Soll ihn für solche Ungebühr Das Werkzeug seiner Sünde strafen. Sie klingelt; Iris kommt und hört Was zwischen ihnen vorgegangen, Doch neues wird sie nichts belehrt, Sie hatte vor der Tür schon alles aufgefangen. Miß Iris spricht, nach Zofen-Art, sehr scharf Von Jupitern und seinen Buhlereien: »Mein Treu! Madam (wenn man es sagen darf) Ist gar zu gut, ihm immer zu verzeihen; Er wird dadurch verbuhlter als ein Spatz, Und häuft Verbrechen auf Verbrechen; Beim Styx, wär ich an euer Gnaden Platz, Eh sollte mich der nächste Satyr rächen! Doch bei Madam hat's wahrlich keine Not, Ihr kann es nie an Rächern fehlen, Es kostet nichts als nach Geschmack zu wählen, Ihr stehn auf jeden Wink die Schönsten zu Gebot.« Die Göttin wird bei diesen freien Reden Bis an die Ohren-Läppchen rot, Und Iris wird sehr hart bedroht Nichts solches mehr sich zu entblöden. Die Zofe merkt es sich, und fällt, Sobald sie es für schicklich hält, Mit guter Art auf Ganymeden. Der Einfall glückt; man scheint zerstreut, Man gibt nicht acht, von wem sie schwatze, Und tändelt alle diese Zeit Sehr ernsthaft mit der kleinen Katze. Doch daß kein Wort von dem was Iris spricht Vor ihrem Ohr vorbeigegangen, Verrät der Augen funkelnd Licht, Des Halstuchs Schwulst und brennendrote Wangen. Die Göttin war vom ersten Anblick an Von Ganymed nicht ungerührt geblieben; Sie haßt' ihn anfangs nur, aus Furcht sie möcht ihn lieben; Allein der Sprung vom Haß zu sanftern Trieben Wird leichter als man glaubt getan. Wir sagten's schon, der Junge war zum Malen, Schön wie ein Wachs-Bild, weiß und rot; Ihm fehlten zum Apoll nur Strahlen, Und Flügel nur zum Liebes-Gott. Nehmt noch dazu, was aus bekannten Gründen Die Spröden nicht am mindsten rührt, Das Alter, wo wir uns wie neuerschaffen finden, Wo alles reizt, und lächelt und verführt; Das Alter, wo der Knab im Jüngling sich verliert, Und hier und da, was ehmals glatt gewesen, Mit weichem Pflaum sich schmückt und sanft beschattet wird. Für junge schüchterne Agnesen Ist dieses Alter nicht gemacht, Schon in der Schäferwelt, wie wir beim Longus lesen, War eines Daphnis erste Nacht Ein Jäger-Recht, das Chloen, die nichts wußten, Erfahrnern Schönen lassen mußten. »Bei Ganymed ist's würklich hohe Zeit,« Fuhr Iris fort, »Gelegenheit macht Diebe; Ein Knabe findt, trotz seiner Blödigkeit, Nichts leichter als den Weg der Liebe. Jüngst hat Idalia ihm einen Blick verliehn, Der feurig war, und fast ein Antrag schien; Die dicke Ceres selbst liebäugelt scharf auf ihn, Was ihren Augen fehlt, ersetzen andre Waffen; Sie hat, so oft er bei ihr steht An ihrem Halstuch was zu schaffen, Und neu, Madam, wie Ganymed, Kann man sich gar zu leicht vergaffen. Ihr breiter Busen könnte bald Den größten Reizungen den Vorsprung abgewinnen; Bei solchem Kram bleibt zwar das Herze kalt, Doch reizt er destomehr die Sinnen: Und das ist alles doch zuletzt Was eine Ceres sucht, und alles was sie schätzt. Kurz, dürft ich meine Meinung sagen, So ist Gefahr im kürzesten Verzug; Mich deucht in diesem Fall die alte Regel klug: Um Alles muß man alles wagen.« Der Rat war gut; allein, so schnell als Iris rät Vom Zeremoniell der Tugend nachzulassen, Schon der Gedank empört der Göttin Majestät. »Und doch, Madam, ist's leicht zu fassen, Daß Ganymede sich nicht anders fangen lassen. Was eines Tithons lahmen Arm Mit Jugend-Kraft begeistern würde; Was einen Hippolyt verführte, Macht zwar dem blöden Neuling warm, Doch keinen Mut; er seufzt und darf nichts wagen, Er wird durch keinen Wink belehrt, Kein Lächeln macht ihn kühn, er hört Die Schäferstunde niemals schlagen; Ihm mag ein schmelzend Aug es noch so deutlich sagen, Man mag ihn noch so sanft, warum er zittre, fragen, Er zittert fort, und wo er danken soll Da wirft er sich verzweiflungsvoll Zu euern Füßen hin, und stottert bittre Klagen. Er sieht den Vorteil nicht, den eine Stellung gibt, Die, wie mich deucht, die Ehrfurcht nicht erfunden; So sehr ihr Halstuch sich verschiebt, So bleibt ihm doch die Hand gebunden: Ihn reizt zu seiner Qual ein halbentdeckter Fuß; Er sieht's und lechzt, wie Tantalus, Am Quell der Lust vor durstigem Verlangen; Ihm pocht sein Herz, und große Tropfen hangen In seinem Aug, und auf den heißen Wangen; Vielleicht entschließt sich allgemach Sein matter Arm, sie sterbend zu umfangen; Die Schöne sträubt sich, zwar nur schwach, Ihr Auge lockt, ein wollustatmend Ach Bekennt ihm seinen Sieg, und heißt ihn kühner werden; Doch er – Madam, bei meiner Treu! Ich glaubt es andern nicht, allein ich war dabei Er denkt, sie zürnt, macht klägliche Gebärden, Und weint, daß sie so grausam sei.« Miß Iris malte nach dem Leben – Warum? – Der Grund ist leicht – weil sie Und Ganymed die Poesie Zu dem Gemälde hergegeben. »Aus allem«, fuhr sie fort, »Madam, Ist, deucht mich, klar, daß diese falsche Scham, Die Blödigkeit, und wenn man will die Tugend Der ersten unversuchten Jugend Den stärksten Reizungen schon oft die Macht benahm; Sie wird nur durch Ermunterungen Nur durch Gefälligkeit und schlaue List bezwungen. Man muß, so schwer's dem Stolze fällt, Die ersten Schritte tun« – »Ich, sollte mich entschließen Den ersten Schritt zu tun? Da wird er warten müssen! Das tät ich nicht um alles in der Welt.« »Madam, Madam, was für Bedenklichkeiten! Sie bleiben also, scheint's, bei ihrem Vorsatz fest, Und nehmen demutsvoll was Ceres übrig läßt?« Gewiß –« »So sei es dann! Ich will nicht länger streiten, Ich sagte dir's, gerochen muß ich sein! Er ist es wert zu Fehlern zu verleiten Doch nehm ich's nicht auf mich allein; Du mußt ihn doch ein wenig vorbereiten.« Die Zofe, wie man denken kann, Nimmt diesen Auftrag willig an; Und daß sie keine Zeit verliert Wird er noch diese Nacht sehr klüglich ausgeführt. Ein kleiner Hain von Myrten und Schasminen Erbietet sich, nicht weit vom Götter-Sitz, Zum Vorbereitungs-Ort zu dienen. Ob auch der Mond fein hübsch dazu geschienen, Das gilt uns gleich; genug des Mädchens Witz Fand diesesmal, zu jeden Teils Vergnügen, Den Weg, die Blödigkeit des Knaben zu besiegen. Kaum war die erste Schwierigkeit Durch ihren Beistand überwunden, So war auch seine Schüchternheit Bis auf die kleinste Spur verschwunden. Miß Iris selbst, die ziemlich kritisch war, Fand seine Gaben wunderbar; Auch tat sie was man kann, sie völlig zu entfalten. Sie wußt ihn unverrückt im Atem zu erhalten; Und niemals ward vielleicht in einer Sommer-Nacht Ein Schüler halb so weit gebracht. Indes verkündt dem Götter-Hofe Der Glocke Klang des neuen Tages Licht. Sie schleichen aus dem Hain, und die getreue Zofe Erstattet bald, nach ihrer Pflicht, An Junons Bett umständlichen Bericht – Von allem? – Nun! das eben nicht! Hingegen wird mit großem Wort-Gepränge Das stumme Feuer abgemalt, Das in Geheim sein zärtlich Herz versenge, Seitdem zum erstenmal die unbegrenzte Menge Von Junons Reizungen ihm ins Gesicht gestrahlt. »Es brauchte viele Müh, Madam, Ihm sein Geheimnis abzuzwingen, Er wand, er krümmte sich, doch mußt er endlich singen. Das arme Kind! es glühte ganz vor Scham; Ich denk ich bracht ihn gar zu Tränen. Ich nannt ihm alle unsre Schönen, ›Ist's Pallas, Cypria, Pomona Ceres?‹ – ›Nein!‹ ›Diana, Flora, Hebe,‹ – ›Nein!‹ ›Bei Amors Pfeil! So muß es Juno sein!‹ Hier wurd er blässer als Narzissen, Und plötzlich wieder Feuer-rot. Doch ich verschwatze mich, Madam soll das nicht wissen Sie glauben nicht, wie scharf er mich bedroht. Er rührte mich, ich will es frei gestehn, Auch ließ ich ihn nicht trostlos von mir gehn, Er seufzte gar zu schön! und kurz, das heiß ich lieben! So liebt man nur das erstemal! Ich bitte sehr die Lindrung seiner Qual Aus Eigensinn nicht länger aufzuschieben. Was zaudern sie, Hält sich der Herr Gemahl An sein gegebnes Wort gebunden? Sie irren sehr, er ist aufs neu verschwunden. Ich hört es kaum von einer unsrer Stunden, Im Vorgemach, die just durchs Fenster sah; Er schlich sich mit Mercur ganz leise Durchs Hinter-Türchen auf die Reise; Wohin? das weiß man nicht, genug, er ist nicht da. Vermutlich wird er itzt, wer weiß in welchen Hecken Als Truthahn oder Schwan ein neues Ledchen decken. Was hindert, daß Madam von ihm ein Beispiel nimmt? Der Tag ist schön, und recht dazu bestimmt stillen Freuden wegzufließen. Wie wenn sie sich nach einem kleinen Bad Im Schlummer überraschen ließen? Sie schlafen fest, selbst unter seinen Küssen; Dies muntert auf, man steigt von Grad zu Grad, Und alles, was Madam dabei zu sorgen hat, Ist, daß sie nicht zu früh erwache: Für seinen Blödsinn weiß ich Rat, Ihr Jawort nur! der Rest ist meine Sache!« Die Göttin nickt ein lächelndes Verbot, Und wird dabei bis an den Busen rot; Doch Iris hat Verstand, und geht mit Ganymeden Was Juno will, und nicht will, abzureden. Der Abend kommt; Frau Juno schleicht ins Bad, Läßt von den Stunden sich bedienen, Und schickt sie weislich, da sie ihnen Nichts weiter zu befehlen hat. Nur Iris bleibt, besorgt was nötig ist, Wünscht angenehme Ruh und schließt Die Türe zu; vermutlich nur zum Schein; Denn Ganymed, (wie wir uns sagen lassen) Kam nicht durchs Schlüssel-Loch hinein. Saturnia lag, abgeredter Maßen, In tiefem Schlaf, als er erschien, Vom Bade matt, auf einem Ruhebette, Ein Liebes-Gott, doch nur von Marmor, schien Mit kühner Hand den Vorhang wegzuziehn. Sie lag in leichten Silber-Flor Mit vieler Kunst gehüllt, und eine Blumen-Kette Versteckte halb, was ihr Gewand Den Augen noch gegönnet hätte; Doch steigt halb unverhüllt die schöne Brust empor, Dort reizt ein weißer Arm, und eine kleine Hand, Hier ragt ein Knie wie Wachs hervor, Und noch was mehr, das wenn er's itzt erblickte Selbst Jupitern so sehr entzückte Als seinen Freund, dem, fast von Lust entseelt, Das Auge schwimmt, der Atem fehlt. Er wagt's, es wird auf das was ihn entzückt Der feuervollste Kuß gedrückt. Wie zittert er, sie werde dran erwachen! Allein sie schläft zu hart; nur zücket sie im Schlaf Den schönen Ort, den seine Kühnheit traf Er wird versteckt – um schönre Sachen Dem trunknen Blick nicht länger zu entziehn. Wer hätte hier den Mut zum fliehn? Wen machte nicht ein solcher Anblick kühn? Der Jüngling wird's, und decket sie mit Küssen. Nun wird sie wohl erwachen müssen! Ihr Schlaf war freilich hart, doch endlich wird sie wach, Und hebt mit einem süßen »Ach!« Ein irrend Aug – es wieder zuzuschließen. Zum Unstern kam in diesem Augenblick Herr Jupiter von seiner Fahrt zurück. Der Tag war schwül. Sich zu erfrischen, Und wär's auch nur von seiner Hoheit Fuß Den Staub der Erden abzuwischen, Ermuntert ihn Mercurius Dem Bad, aus dem sie noch die Dünste steigen sehen, im Götter-Garten zuzugehen. Sie kommen an – und Iris sah sie nicht? Wo hatte dann das Mädchen seine Augen? Hier lerne man, was Hüterinnen taugen! Entzog vielleicht der Schlaf sie ihrer Pflicht? Nichts weniger – ich will es euch wohl sagen, Doch im Vertraun – der junge Zephyr fand Das gute Ding, das fleißig Wache stand, Vor langer Weil an seinen Fingern nagen. Der junge Zephyr war galant, Das Mädchen hübsch, und (ohne sie zu schimpfen) Verbuhlt genug – wir sehn bei diesem Lob Sich hundert kleine Nasen rümpfen, Doch Dichtern liegt die Pflicht der Wahrheit ob. Genug, der junge Zephyr nahm Sie bei der Hand, sie schwatzten tausend Sachen, Und setzten sich, vielleicht ein Spiel zu machen, Sie wußte selbst nicht wie es kam, Zuletzt in einem Busche nieder. Das war das Ganze! Hin und wieder Mag wohl ein Kuß mit unterloffen sein; Doch mehr gestand Miß Iris niemals ein. Indes kommt Vater Zeus, und findt die Tür verschlossen, Dies sagt ihm schon, daß jemand drinnen sei. Er schleicht, anstatt sie aufzustoßen, Aus Vorwitz oder Schäkerei Dem Fenster zu – der Vorhang war gezogen, Doch hörten sie (denn Götter hören fein) Ich weiß nicht was, das sie zum Schluß bewogen, Die Dame sei im Bade nicht allein. Das Ding kömmt Jupitern nicht gar zu richtig vor, Ihm jückts am Vorderhaupt, ihm singt das rechte Ohr, Und kurz, es steigt ein kleiner Zweifel Aus seiner linken Brust an seine Stirn empor. Er macht sich klein, wie Miltons kleinsten Teufel, Schlüpft in den Saal und sieht in stiller Ruh, Wie einem Weisen ziemt, dem schönen Lustspiel zu, Was arme Sterbliche in Feur und Flammen setzt, Wird oft von Göttern kaum des Lächelns wert geschätzt. Nur wundert ihn, die ungemeine Gaben, Die seine liebe Frau bei diesem Anlaß zeigt, Noch nie an ihr entdeckt zu haben. Sein Wunder, sein Erstaunen steigt; Je mehr er sieht, je mehr er höret, So deutlich ward er nie belehret, Wie sehr der äußre Schein betrügt. Nachdem er nun mit ihrem Zeitvertreibe Sich lange was zu gut getan, So zeigt dem tugendreichen Weibe Ein Donnerschlag des Mannes Ankunft an. Ihr erster Augenblick war Schrecken, Doch Junons fassen sich gar bald. Ein bißchen Angst in beiden zu erwecken, Erscheint itzt Zeus in eigenster Gestalt. »Glück zu, Madam! was zeigt ihr meinen Blicken? Wir haben, scheint's, uns wenig vorzurücken, Und eure Tugend, wie ich seh, Schmilzt, kalt und dauerhaft, wie Schnee, An fremdem Feur in strudelndes Entzücken? Ihr pochtet noch vor kurzer Zeit Auf eure Unbeweglichkeit; Ich hätte selbst für euch geschworen! Kein kälter Weib sei nie geboren! Allein, Herr Ganymed, mein Kind, Kann besser von der Sache reden; Beim Styx! wenn alle meine Leden Nicht gegen euch von Marmor sind, So werde noch in dieser schönen Nacht Silen an meiner statt zum Donnerer gemacht! Jedoch im Ernst« – » Im Ernst, mein Herr Gemahl Ihr tätet wohl, die Predigt hier zu schließen. Ich hoff ihr werdet meine Wahl Bei kaltem Blut noch selber loben müssen. Sprich, wenn man bitten darf, schickt Ganymedes sich Für mich nicht besser als für dich' Wer von uns kann ihn wohl mit besserm Anstand küssen?« »Madame«, versetzt ihr Zeus, »die Frag ist überlei; Ich sagt euch ja, daß ich hiebei Den Sokrates zum Muster mir erwähle, Und schöner Knaben schöne Seele Allein der Gegenstand von meiner Liebe sei « - »Ganz gut, mein Herr, es steht euch frei An ihren Seelen euch nach Herzenslust zu weiden; Ich gönn euch diesen edeln Trieb, Und nehme, wie ihr seht, bescheiden, Mit ihrem gröbern Teil vorlieb.« Aurora und Cephalus – quod faceret quaelibet, illa facit. Noch lag, umhüllt vom braunen Schleier Der Mitternacht, die halbe Welt; Es ruht' in ungestörter Feier Das stille Tal, das öde Feld, Der Nymphen-Chor an ihren Krügen, Der trunkne Faun auf seinem Schlauch, Vielleicht fügt's Nacht und Zufall auch, Das manche noch bequemer liegen; Der Elfen schöne Königin Hatt' ihren Ringel-Tanz beschlossen, Und sanft auf Blumen hingegossen Schlief jede kleine Tänzerin; Und kurz, es war zur Zeit der Mette, Als sich Auror zum erstenmal Aus ihrem Rosen-Bette Von Tithons Seite stahl. Die Schlafsucht, die sie ihrem Gatten Sonst öfters vorzurücken pflag, Kam diesesmal ihr wohl zu statten. Sie zieht die Brust, an der er schnarchend lag, Sanft unter ihm hinweg, verschiebt mit Zephyr-Händen Die Decke, glitscht heraus, deckt leis ihn wieder zu, Wirft einen Schlafrock um die Lenden Und wünscht ihm eine sanfte Ruh. Sie fand im Vorgemach die Stunden, Die ihre Zofen sind, vom Schlummer noch gebunden; Nur eine ward, indem die Göttin sich Mit leisem Fuß bei ihr vorüber schlich, Aus einem Traum, den Mädchen gerne träumen, Halb aufgeschreckt; sie schrie, wie Nymphen schrein Um feuriger geküßt, nicht um gehört zu sein; Auror erschrickt und flieht; allein, Das Mädchen legt sich, ruhig auszuträumen, Aufs andre Ohr, und schlummert wieder ein. Die Göttin eilt, spannt (was sie nie getan) Mit eigner schöner Hand vor ihren Silber-Wagen Drei rosenfarbne Stuten an, Und läßt sich nach Hymettus tragen. Dort steigt sie ab, läßt Pferd und Wagen In einer Grotte stehn, und sucht mit zartem Fuß, Aus dessen Tritten Rosen sprossen, Den schönen Cephalus. Aurora? Wie? – das Muster weiser Frauen, Auf deren Treu, die schon Homer uns pries, Ein jeder alte Mann sein junges Weibchen schauen Und sie zum Vorbild nehmen hieß'? Sie, die nur ihrem Tithon lachte, Und, ob er gleich bei silbergrauem Haar Und taubem Ohr kaum noch ergötzbar war, Doch Tag und Nacht auf sein Ergötzen dachte; Die ihre schöne Brust zu seinem Pfülben machte, Und wenn, nach alter Männer Art, Die schöne Brust von ihm begeifert ward, Sich's doch nicht ekeln ließ, ihm ganze Nächte wachte, Ihm oft die Füße rieb, ihm oft den Puls befühlt', Erwärmend ihn in ihren Armen hielt, Ihn immer fragt', ob ihm was fehlte, Und bis er schlief ihm Märchen vorerzählte – Aurora, die so viele Proben gab Wie zärtlich sie den alten Tithon liebe; Sie fiele nun auf einmal ab Und hegte fremde Triebe? Mir ist es leid, daß ich's gestehen muß, Ihr mögt nun was ihr wollt von ihrer Tugend halten, Allein, so war's! Sie schlich von ihrem Alten Sich heimlich weg, und sucht den jüngern Kuß Des schönen Cephalus. Helvetius und Büffon werden sagen, Daß dieses nicht so unnatürlich sei; Allein, wie fromme Leute klagen, So denken beide ziemlich frei. Doch selbst Sanct Thomas will vorlängst gesehen haben, Daß junger Mädchen Aug auf schönen jungen Knaben Sich gern verweilt; und an Gestalt, An Neigungen und Reizbarkeit der Sinnen, Sind, wie man weiß, die ältesten Göttinnen Stets sechszehn Jahre alt. Dies war Aurorens Fall, als auf Hymettus Höhen, Zur Jagd geschürzt, mit Bogen, Pfeil und Spieß, Der schöne Jäger ihr zum erstenmal sich wies. Verbeut die strengste Pflicht, was sichtbar ist, zu sehen? Sie sah in Unschuld hin, und blieb, ihm nachzusehen, Uneingedenk der laurenden Gefahr, Auf einer Silber-Wolke stehen. War's ihre Schuld, daß er so reizend war? Es bleibt hiebei. Doch, da sie, wider Hoffen, Zum zweitenmal ihn schlafend angetroffen, Wie sollte sie dem Einfall widerstehn Von ihrem Wagen abzusteigen Um ihn genauer anzusehn? Die Dämmrung macht oft manche schön Die sich im Sonnen-Schein mit schlechtem Vorteil zeigen, Sie muß doch sehn, ob's hier nicht auch so sei. Er flog letzthin zu schnell vorbei; Was schadet's näher hinzugehen? Sie tut's. Allein, wie angenehm erblaßt, Da sie ihn recht ins Auge faßt, Ihr Rosen-Mund – den Tithon selbst zu sehen! Den Tithon? – Ja, doch wie er damals war Als er, in auserlesner Schar Der schönsten Phrygier, vor allen Der Schönste war, vor allen ihr gefallen, Mit langem dunkelbraunem Haar, Mit blühendem Gesicht und Lippen von Korallen. Je mehr sie ihn beschaut, je stärkre Farben leiht Ihr gern betrognes Herz der seltnen Ähnlichkeit. Sie überläßt sich nun mit Ruh den neuen Trieben, Und findt ich weiß nicht was für eine Süßigkeit, Den werten Greis im Cephalus zu lieben. Mit welcher Lust, mit welcher Zärtlichkeit Sie auf das Ebenbild von Tithons schöner Zeit Die liebes-trunkne Blicke heftet! So war er einst mit jedem Reiz geschmückt, So ward er oft, von seinem Glück entzückt, Eh ihn der Jahre Last entkräftet, Im Taumel süßer Lust an ihre Brust gedrückt! So sieht und liebt, nach Platons Lehren, Der junge Kallias in seiner Tänzerin Das höchste Gut, womit sich unsre Geister nähren, Eh sie, Gott weiß warum, in diese Leiber ziehn. Singt ihm, den Grazien zu Ehren, Ihr süßer Mund ein tejisch Liedchen vor So glaubt euch der entzückte Tor, Er höre den Gesang der Sphären: Ein Druck von ihrer weichen Hand, Ein Schmatz der buhlerischen Zungen, Erweckt von seinem Götter-Stand Die schlummernden Erinnerungen; Auf einmal ist's, ob um ihn her Der blaue Himmel offen wär, Er sieht die Sterne doppelt blinken; Er steigt, verliert sich in den Schwarm Der Geister welche Nektar trinken, Glaubt in den Quell des Lichts zu sinken, Und sinkt in – Phrynens Arm. Daß oft dergleichen Ähnlichkeiten Zu süßen Irrungen verleiten, Ist ein Erfahrungs-Satz den niemand leugnen wird. Aurora sah durch sie verführt Im schönen Cephalus den Tithon sich verjüngen, Und sah es kaum, so faßt sie schon den Schluß, Die Stunden, welche sie nicht ohne Überdruß, Bei diesem nur verträumen muß, Mit jenem muntrer zuzubringen. Wir könnten (dachte sie) zum Scherz, wenn's ihm gefiel, In Tithons Jugend uns versetzen; Ich wußte damals manches Spiel Das besser war als Hasen hetzen, Doch in so langer Zeit vergißt man freilich viel. Dies alles war vorhergegangen, Als (wie gesagt) die Göttin sich So früh aus Tithons Bette schlich Um ihren Jäger aufzufangen. Mit welcher Lust verschlingt ihr lauschend Ohr Der raschen Stöber Laut, die ins Gehölze dringen Sonst hörte sie der Lerchen frühes Chor Gern neben ihrem Wagen singen: Allein ihr deucht in diesem Augenblick Hylactors Jagd-Geheul die lieblichste Musik. Sie sieht die muntern Jäger ziehen, Das Hift-Horn tönt, der Wald erwacht, Die Hunde schlagen an, die scheuen Rehe fliehen; Doch plötzlich fühlt von einer fremden Macht Der Jüngling sich ergriffen, fortgezogen, Und schneller als ein Pfeil vom Bogen Durch Luft und Wolken weg, wer weiß wohin gebracht. Betäubt von seinem Abenteuer Begriff er nicht wie ihm geschah. Er sieht aus Furcht, die stets Gespenster sah, Bei zugeschloßnem Aug, ein gräßlich Ungeheuer Mit offnem Schlund ihm dräun und glaubt sein Letztes nah. Doch Düfte von Ambrosia Die ihm, mit süßerm Schwall als von den Zimmet-Hügeln An Ceylons Strand entgegenwehn, Ermuntern ihn zuletzt die Augen aufzuriegeln; Und o! wer wünschte nicht, was er itzt sah zu sehn! Stellt, wenn ihr könnt, auf Säulen von Rubinen Euch einen Saal von Perlen-Mutter vor; In diesem Saal ein Bette mit Gardinen, En pavillon, von rosenfarbem Flor, Und reich gestickt; auf diesem Ruhebette Was Jupiter sich selbst gewünschet hätte, Die schönste Fee, so schön und jung als man An einem Sommer-Tag sie immer sehen kann; Und diese Fee in, einer Lage Wie Tizian der Liebes-Göttin gibt, Und in dem halbgebrochnen Tage Worin die blöde Scham sich williger ergibt; Verhüllt, doch so, daß jede kleine Regung Das neidische Gewand verschiebt, Und unter seidnem Flor die steigende Bewegung Des schönsten Busens sichtbar wird – Den Anblick stellt euch vor, und werdet nicht gerührt! Der Jüngling ward's, der in dem Augenblicke, Worin der schöne Gegenstand Ihn überrascht, zu gutem Glücke Sich selbst zu ihren Füßen fand. Die Göttin wundert, wie natürlich, Sich ungemein, ihn hier zu sehn; Und er gibt ihr, doch nur figürlich, Den ganzen Eindruck zu verstehn, Den soviel reizungs-volle Sachen Auf sein geblendtes Auge machen. Die Freiheit, die er nimmt, fällt billig Dem Schicksal, nach Gebrauch, zur Last; Und wenn Auror ihn nur nicht haßt, Ist er zu jeder Strafe willig. Aurora will ihm gern gestehn, Daß Leute, die ihm ähnlich sehn, Nicht sehr gehaßt zu werden pflegen: Es sei ihr auch nicht sehr entgegen, (Sie hält, indem sie dieses spricht, Die Rosen-Finger vors Gesicht) Von einem hübschen Mann sich hochgeschätzt zu wissen – Wie weit ihr eignes Herz hiebei Vielleicht zu gehen fällig sei, Das werde mit der Zeit sich erst entwickeln müssen – Man komme mit Beständigkeit Und vielem Mut im Lieben weit; Doch, was sie seiner Zärtlichkeit Für diesesmal gestatten wollte – (Und dieses selbst vielleicht noch nicht gestatten sollte) Sei, nebst dem Recht, sie ungescheut Auf seinen Knien anzuschauen, Ein ungezweifeltes Vertrauen In seine Ehrerbietigkeit. Mein Mann verspricht mit vielen Schwüren, Indem er ihre Knie aus Dankbarkeit umfaßt, Sich sehr bescheiden aufzuführen; Doch Dankbarkeit ist eine schwere Last! Aus Dankbarkeit, von der er glühet, Wird ihre schöne Hand wer weiß wie oft geküßt, Und da man sie zerstreut zurücke ziehet, Indem er noch im Küssen ist, Verirrt sein Mund – da seht mir doch die Musen! Die kleinen Spröden schämen sich Und halten plötzlich ein – doch ich bekenn es, ich, (Und Cicero an Pätum spricht für mich:) Verirrt – wie leicht verirrt man sich! Verirrt sein Mund auf ihren Busen. »Wer einmal« (spricht ein Weiser aus der Zeit Da Rom, die Königin der Erden, Sich noch nicht träumen ließ, von Seiner Heiligkeit Ab intestat ein Erbgut einst zu werden:) »Wer einmal«, spricht Marc Tullius, (Doch nicht im Buche von den Sitten) »Und wär's nur mit dem linken Fuß Des Wohlstands Grenzen überschritten, Dem rat ich, statt aus Blödigkeit Auf halbem Wege stehn zu bleiben, Vielmehr die Unbescheidenheit, So weit sie gehen kann, zu treiben.« Dies Axioma mag sehr oft nach Ort und Zeit Ein Körnchen Salz in praxi nötig haben; Vermeßne, unbescheidne Knaben, Mit Bart und ohne Bart, gehn leicht hierin zu weit. Doch Cephalus (man muß eins wie das andre sagen) Befand sich wohl bei dem was Marcus schrieb: Er wagt's von Grad zu Grad, bis ihm vor lauter wagen Nichts mehr zu wagen übrig blieb. Wenn seinem Ungestüm die Göttin endlich wich, So tat sie freilich nichts als was sie längst beschlossen. Mit Cephalus verhielt es sich Nicht so. Ihm war ein Glück, das ihn den Göttern glich, Durch bloßen Zufall aufgestoßen, Und diese Zauberei, die süße Trunkenheit, Die sein Gehirn auf ziemlich lange Zeit Der Stimme seiner Pflicht verschlossen, Ward gradweis aufgelöst, und endlich ganz zerstreut. Ihm hatte, da sein Mund (wie schon gesagt) verirrte, Die Phantasie den gleichen Streich gespielt, Wodurch die Göttin ihn für ihren Tithon hielt. Es stellt' im Feuer der Begierde Ihm in Auror sich seine Procris dar: Wie ähnlich, Götter! Ja, fürwahr! Sie ist's, sie ist's! An Stirn und Brust und Haar Kann in der Welt sich nichts vollkommner gleichen! Wen muß dies Lächeln nicht erweichen? So lächelt Procris nur! So schön Sah er in ihren blauen Augen, Vor Übermaß der Wonne, Tränen stehn, Und war entzückt sie aufzusaugen! So dacht er und Auror, in diesem Stück mehr klug Als zärtlich, sieht und nährt den nützlichen Betrug. Nehmt noch dazu die zärtlichste der Farben Die dieser Göttin eigen ist, Das süße Rosen-rot das ihren Leib umfließt, Und einen Mund der Griechisch küßt, Und Augen die vor Wollust starben: So wird bei Leuten die verzeihn, Sein Selbstbetrug vielleicht verzeihlich sein. Doch, wie die stärksten Zauberein, Der Wahrheit endlich weichen müssen, So deucht auch ihn, nach wiederholten Küssen, Die Ähnlichkeit nicht mehr so groß zu sein. Der Dunst zerfließt der sein Gesicht geblendet, Er staunt, er fühlt sich träg und lau, Und zürnt schon auf sich selbst, daß er an Tithons Frau So viel Entzückungen verschwendet. Vergebens sucht ihr feuervoller Blick Die Flamme wieder anzufachen, Ihm winkt umsonst ein neues Glück In ihrem offnen Arm; die Scherze fliehn zurück, Und Reu und Überdruß erwachen. Bald kommt es, wie man denken kann Zu Fragen und Erläuterungen, Und Cephalus, von Scham und Schmerz bezwungen, Fängt stotternd diese Beichte an: »Zu wahr ist's nur, o Göttin, mein Betragen Beleidigt deinen Reiz, und läßt mir weiter nichts Als tiefbeschämt mich selber anzuklagen. Nicht halb so sehr verwirrt von deinen Klagen Als meiner eignen Schuld, weiß ich, beim Gott des Lichts! Nicht was ich sagen soll« – »Mein Herr, das tut hier nichts«, Fällt ihm Aurora ein, »ihr braucht euch nicht zu plagen; Der Eingang will, so viel ich merke, sagen, Ihr liebt mich nicht, und habt mich nie geliebt?« »Ach, allzuwahr! (ruft Cephalus betrübt, Indem Auror, doch nur mit halbem Munde, Bei seinem Ach ihm an die Nase lacht) Ja, ich gesteh's, daß diese Morgen-Stunde Mich doppelt ungetreu, mich doppelt strafbar macht. Unwürdig so beglückt zu werden. Liebt ich, o Göttin, dich – die, ohne Schmeichelei So sehr verdient, daß ihr ein Herz sich weih Dich liebt ich nie; und ihr – der einzigen auf Erden, Für die ich zärtlich bin – ihr ward ich ungetreu!« »Das Compliment«, versetzt die Dame, »Ist minder schmeichelhaft als frei; Doch, wenn man bitten darf, der Name Der Schönen, die das hohe Glück genießt, Daß solch ein Herz für sie nur zärtlich ist?« »Der Schein, ich fühl's und sag's mit Schmerzen, Ist wider mich«, spricht Cephalus; »Und doch – vergib, daß ich so deutlich reden muß! Du hattest nichts als meinen Kuß, Und Procris war in meinem Herzen. Wir waren schon vom Führ-Band an Die unzertrennlichsten Gespielen, Und lieben uns, seitdem wir fühlen, So zärtlich als man lieben kann. Als Kind schon kannt ich keine Lust Als meiner Procris liebzukosen, Lag gerne mit ihr unter Rosen, Und spielte mit der jungen Brust. Wie ward sie oft in Sommer-Schatten Am kühlen Bach von mir belauscht! Wir wußten nicht warum, und hatten Schon unsre Herzen ausgetauscht. So wurden wir bei Scherz und Küssen Eins in des andern Armen groß, Und unwillkommne Pflichten rissen Mich weinend itzt aus ihrer Schoß. Nun folgten kriegerische Spiele Dem Gänse-Spiel, der blinden Kuh; Es floh vorm lärmenden Gewühle Der Kindheit sorgen-lose Ruh. Allein das Bild der holden Schönen Schwebt mir, wohin ich gehe, nach; Ein banges wehmutsvolles Sehnen Ertränkt mein Aug in stillen Tränen, Und hält in öder Nacht mich wach. Itzt deucht der Tag mich nicht mehr helle, Die Luft nicht blau, der Frühling tot; Nichts reizt mich mehr, kein Abendrot, Kein Hain, kein Schlummer an der Quelle. Allein sobald ein Götter-Fest Die Mädchen sichtbar werden läßt, Und Procris, weiß und frisch-umkränzet, Mit offner Brust und freiem Haar, Die schönste in der bunten Schar, Wie Hebe mir entgegenglänzet; Dann ist mir – Nein! Der Götter Glück Kann keinen höhern Grad erschwingen! Mein offnes Aug, mein starrer Blick Scheint ihre Reize zu verschlingen; Sie sieht im gleichen Augenblick Nach mir sich um und unsre Blicke Begegnen sich; sie seufzt, und zieht, Da sie mein Auge schmachten sieht, Verschämt die ihrigen zurücke; Doch bald von Amorn übermocht, Der ihr im jungen Busen pocht, Kann sie sich länger nicht erwehren Sie zärtlich nach mir hin zu kehren; Sie fühlt« – »Sehr wohl, mein Herr! Sie fühlt, Was alle junge Mädchen fühlen. Sagt mir, ihr, der so vieles fühlt, Was soll die Elegie erzielen Womit ihr mich hier abgekühlt? Ihr liebtet euch, das ist das Ganze, Wozu so vielen Wörter-Pracht? Nehmt lieber den Roman beim Schwanze; Ich wette gleich, er schließt mit einer Hochzeit-Nacht.« »Um kurz zu sein, so sind es nun drei Jahre«, Fuhr Cephal fort, »daß Hymen uns beglückt, Und ich in Procris Arm erfahre, Daß After-Liebe nur von Sättigung erstickt. Mir ist's ob jede Nacht Die allererste wäre, Und jedes mal, wenn sie mich glücklich macht, Frag ich mich selbst, ob mich kein Traum betöre? Man sagt sonst, der Genuß verzehre Der stärksten Liebe Glut; bei uns ist's umgekehrt, Die unsre wird dadurch genährt, Und wächst, dem Phönix gleich, aus ihrer eignen Asche. « »Der Herr (fällt hier die Göttin ein) Hat, wahrlich! aus der Purpur-Flasche Bescheid getan, er liebt ja ungemein! Wer hätte sich bei so gestalten Sachen Des Glücks versehn, ihn ungetreu zu machen?« »So widersinnisch als es klingt«, Versetzt er mit gesenkten Blicken, »So wahr ist's doch: Was mir ihr Bild vor Augen bringt, Ein Zug von ihr, ein Blick, ein Augen-Nicken Wie Procris nickt, das setzt mich in Entzücken; Und reizend, Göttin, wie du bist, Konnt Amorn diese Hinterlist Nur gar zu leicht, zumal im Dunkeln glücken. Allein bei kälterm Blut und hellerm Sonnen-Schein Soll Venus selbst nicht fähig sein, Noch einmal mich so zu berücken.« Die Göttin wendet lächelnd ein: Was einst geschehen sei, das könne mehr geschehen. Sie hofft umsonst! Er schwört ihr Stein und Bein, Sie niemals mehr für Procris anzusehen. »Und meinst du«, fragt Auror, »daß ihre Gegentreu Der seltnen Großmut würdig sei, Ihr einer Göttin Gunst zum Opfer darzubringen? Die Herzen, glaube mir, sind rar, Die man versuchen darf; du kennest Amors Schlingen! Ein zärtlich Weib ist immer in Gefahr. Und wäre sie in Danaes Verwahr, Wohin kann nicht ein goldner Regen dringen?« »Seid unbesorgt«, erwidert unser Held, »Ihr würde selbst vom Zeus vergebens nachgestellt. Ich kenne sie; sie würd in ihrem Leben Auf einen andern Mann, und wär es ein Adon, Sich keinen Seiten-Blick vergeben. Der Götter Fürst regiert auf seinem Thron Nicht ruhiger, als ich in ihrem Herzen.« »Du bist beglückt«, versetzt Tithonia, »Und ferne sei's von mir, sie bei dir anzuschwärzen. Allein, erinnre dich, was kaum dir selbst geschah. Gelegenheit, mein guter Freund, und Jugend Sind immer ihrem Falle nah. Wie oft, daß sich die strengste Tugend, Zu schwach zum Widerstande sah? Zu allem Glück war kein Versucher da; Allein man spielt nicht allezeit im Glücke, Und Unschuld, die nichts böses denkt noch scheut, Fällt manchmal bloß aus Sicherheit In Amors unsichtbare Stricke.« Aurora, die mit Kenntnis sprechen kann, Spricht so beredt vom süßen Gift der Sünde, Und unsrer Fehlbarkeit, gibt ihm so viele Gründe, Und führt so manches Beispiel an, Daß ihr die List gelingt. Der Mann fällt in Gedanken, Und staunt mit unterstütztem Haupt, Und staunt so lang, bis er Frau Procris fähig glaubt, Wo nicht zu fallen, doch zu wanken. Die Eifersucht, ein Übel, das er nie Bisher gekannt, verwirrt schon sein Gehirne, Es schwindelt ihm, es schwanken ihm die Knie, Er reibt sich die gerümpfte Stirne, Und seine kranke Phantasie Zeigt ihm zuletzt in einer dunkeln Grotte, Bei Lunens ungewissem Licht, Was jeder kluge Mann dem Gotte Von Delphi selbst nicht glaubt', ein schreckliches Gesicht! Dies schwindet zwar, doch seine Unruh nicht; Es bleibt doch möglich, daß sie fehle. Wie manche fiel! Wird Procris wohl allein Vom Reiz verbotner Frucht nicht zu versuchen sein? Sie wird's vielleicht – vielleicht auch Nein, Und dies vielleicht, dies foltert seine Seele. Es koste was es will, er muß beruhigt sein! Die Göttin spricht: »In solchen Fällen Pflegt man zu beßrer Sicherheit Oft gute Freunde anzustellen; Doch mancher hat es schon bereut. Nimm, (fährt sie fort, und zieht vom kleinen Finger Ein Reifchen ab) nimm diesen Talisman, Er macht dich fremd, unkenntlich, älter, jünger, Zum reichsten oder schönsten Mann, Zu was du willst; ein Wunsch, so ist's getan. Du kannst hiedurch die Probe selber machen: Hält sie sich gut, so opfre ja dem Glück; Wo nicht, so bleibt doch nichts an deiner Stirn zurück, Und wenn du weinst, so wird doch niemand lachen.« Mein Cephalus geht alles willig ein, Bedankt sich, küßt die Hand, doch macht er wenig Worte, Und wünscht aus diesem Zauber-Orte Nur schon daheim zu sein. Er eilt hinweg, sieht vor der goldnen Pforte Ein rosenfarbes Pferd gesattelt und gezäumt, Steigt auf, und trabt davon, als hätt er viel versäumt. Frau Procris saß indes nach ihres Landes Sitten, Wie beim Homer Calypso, in der Mitten Vor einer hübschen Mädchen-Schar, Worin sie, nach Gebühr, als Frau die Schönste war. Die spinnt, die andre zwirnt, die würkt, und jene flicken, Die Dame selbst ist emsig dran, So künstlich als man sticken kann, Minerven zum Geschenk ein Schleier-Tuch zu sticken. Homer erzählte gleich mit großem Wörter-Pracht Was sie darauf gestickt – als, Sonne, Mond und Sterne, Den Pol, der Götter Sitz, und in der Ferne Den Erebus, ja gar die alte Nacht; Das feste Land, ringsum verschlossen Vom grauen Ozean, und Luft und Berg und Tal, Und eine schöne Flur, von Sonnen-Schein umflossen, Und einen Hain, wo Vögel ohne Zahl Die liederreichen Kehlen stimmen, Und Nymphen, die mit halb entblößtem Leib In scherzendem Gewühl auf blauen Wellen schwimmen, Und einen Hirten-Tanz, und wenn die Sterne glimmen, Im tiefen Hain der Faunen Zeit-Vertreib; Dann wie im Herbst durch falbe Trauben-Gärten Der Wein-Gott zieht, und mit zerstreutem Haar Die Mänas, und mit taumelnden Gebärden Der Satyrn ungezähmte Schar, Die tanzend um den Wagen schweben, Und wie sie den Silen, der fiel, Lautlachend auf den Esel heben, Und halbversteckt im Laub der Reben Der Liebes-Götter loses Spiel: Dies und wohl zwanzig mal so viel, Was in der Stadt, im Tempel, auf den Gassen, Und auf dem Feld begegnen kann, Das würde sie der gute alte Mann, Der gar zu gerne malt, recht zierlich sticken lassen: Doch was man ihm verzeiht, steht andern selten an. Genug! Frau Procris saß und stickte, Als sich ein Herr Amphibolis, Dem gleich die Gunst der Kammer-Nymphe glückte, Bei ihro Gnaden melden ließ. Ihr erster Einfall war, den Fremden abzuweisen, Allein das Mädchen überzieht: »Er ist ein feiner Mann, Madam, er kommt von Reisen, Und bringt vom Herrn uns Nachricht mit.« Man läßt ihn vor, hört seinen Auftrag an, Dankt ihm, entschuldigt sich, und läßt ihn wieder gehen. Das Schlimmste war dabei, daß man Ihn kaum ein einzigs mal nur flüchtig angesehen. So sehr er sich beim ersten Blick Des Mädchens Gunst erwarb, so muß man doch gestehen, Daß seine Min ihm dieses schnelle Glück Vermutlich nicht verschafft. Der Herr Amphibolis War, in der Tat, bei weitem kein Narziß, Und auch der jüngste nicht – ein See-Mann, stark von Knochen, Rasch wie sein Element, in Reden kurz und rund, Plump von Manier, und gar nicht ausgestochen, Großnasicht überdies, und größer noch von Mund. Die Damen schütteln ihre Köpfe? – Geduld! ich sag es selbst, schön war er eben nicht; Allein, er hatte was, das in die Augen sticht, Er hatte was, womit ein Carnevals-Gesicht Die Schönsten – schüttelt nur die Köpfe! – Die Schönsten unter euch dem Amor selbst entführt, Das manchen Höcker deckt, und ekelhafte Kröpfe Mit Grazien und Liebes-Göttern ziert; Kurz, das, wodurch ein Gnom oft zum Adonis wird, Er hatte – Geld, und was dazu gehöret, Juwelen, Perlen, Diamant, Smaragd, Rubin, als hätt in seiner Hand Sich, was er nur berührt, in Edelstein verkehret. Mit solchen Waffen hielt der Herr Amphibolis Sich eines schnellen Siegs gewiß. Er überströmt mit einem Perlen-Regen Das ganze Haus, und kauft sich jedes Herz, Sie wallen ihm und seinem Gold entgegen: Nur Procris kann er nicht bewegen; Nur Procris bleibt, zu ihres Mädchens Schmerz, Beim Glanze Persischer Guineen So kalt, als wie bei seinem plumpen Flehen. Hans La Fontain! Nun sagt mir noch einmal, Der Kassen-Schlüssel sei der Schlüssel zu den Herzen! Meint ihr, es gelte nur, ohn Ausnahm, ohne Wahl, Das schöne Volk so häßlich anzuschwärzen? Von Wäscher-Nymphen, gut! da geb ich alles zu, Die sind in Rom, und selbst in Cambalu, So feil als in Paris; auch geb ich endlich zu, Daß Damen selbst, zumal die Spielerinnen, Ihr Herz an Zahlungs Statt sich lassen abgewinnen; Daß manche, die von Berg und Tal sich schreibt, Wenn alte Richards ihre Bitten In barem Geld ihr vor die Füße schütten, Aus Ekel zwar sich eine Weile sträubt, Doch selten unerbittlich bleibt; Auch das gesteh ich ein -Allein so dreiste singen, Die Beste sei mit Gold zur Übergab zu zwingen, Das nenn ich Felonie, das schmäht Zugleich der Schönen Ruhm und Amors Majestät. Die Probe kann für tausend andre dienen, Die hier die Dame Procris gab. Der Meer-Mann liest in ihren stolzen Mienen, Daß einem Mann, wie er, hier keine Myrten grünen, Und alles Gold im Lande der Braminen Kein zärtlich Herz erkauft; auch sucht er seinen Stab, Packt seinen Kram von Perlen und Rubinen Hübsch wieder ein, und führt sich ab. Auch war sonst nichts zu tun. Er ging, in seinem Herzen Vergnügter als im trüben Blick; Allein, von Freuden und von Scherzen Umflattert, kam er bald als Seladon zurück. Herr Heger, malen Sie zu dieser Phyllis Füßen Uns einen hübschen Knaben hin; Ein rund Gesicht, wie einer Schäferin, Hellbraunes Haar, ein glattes Kinn, Ein schwarzes Aug, und einen Mund zum Küssen; Schlank von Gestalt, geschmeidig, zierlich, In allen Wendungen so reizend als natürlich, Wie Zephir leicht, und schmeichelhaft und dreist, Wie ein Abbé – kurz, schön als wie gegossen, Und um und um von diesem Reiz umflossen Von diesem Glanz, von diesem Jugend-Geist, Den Winckelmann uns am Apollo preist – Wie schön er ist! Man muß ihn gerne sehen! Die Augen zu, ihr Mädchen lauft davon! Hier ist Gefahr – Doch bleibt nur, bleibt nur stehen, Es ist mein Seladon. Der Weise nur, wenn wir der Stoa glauben, Ist schön und voller Reiz, nur er ist groß und frei, Hochedel, Hochgelehrt, ein Crösus noch dabei, Und ein Monarch, so gut als Uzim-Oschantey: Doch bei den Stoikern in Hauben Ist dieser Lehr-Satz Ketzerei. Was Crantor und Chrysipp von ihrem Weisen prahlen, Das legen sie dem Schönen bei. Sei schön, ich meine schön zum malen, Ein Seladon, und, auf mein Ehren-Wort, Sie schicken dir zu lieb den Zoroaster fort; Du machst beim ersten Blick die Herzen untertänig, Bist weise, tapfer, edel, ja, wie dort Astolfens Zwerg beim Ariost, ein König Wo nicht der Könige, doch oft der Königinnen – Sie leugnen's zwar; allein das irrt mich wenig, Was Herz und Mund verschließt, läßt oft ihr Aug entrinnen. Mein Seladon gefällt aufs erste mal; Beim zweiten pocht schon was im reizenden Oval, Das sittsam, um und um verdecket, Sich in gewebte Luft vor unserm Blick verstecket; Beim dritten wird sie oft zerstreut, Und Seufzerchen, wie Liebes-Götter, Entschlüpfen ihr, vielleicht aus Bangigkeit, Denn, (wie die Chronik sagt) war's um die Rosen-Zeit, Und selben Tag sehr schwüles Wetter; Am vierten wundert Procris sich, Daß sie nicht anfangs gleich bemerket, Wie sehr er ihrem Manne glich; Am fünften wird ihr Ohr noch mehr hierin bestärket, Indem er seine Liebes-Pein Zu ihren Füßen klagt; nichts kann so rührend tönen, Und nichts dem Ton so ähnlich sein, Worin einst Cephalus sein Sehnen Ihr vorgegirrt – Am sechsten – »Wie? (Ruft hier ein Geck, der kommen, sehn und siegen Vom Angola gelernt:) Am sechsten? Welche Lügen! Ein Masulhim braucht nicht so viele Müh! Parbleu! Mein Herr, noch nie hat eine Schöne, Die ich mit meiner Gunst beehrt, So viele Stunden sich gewehrt, Als Procris Tage! – Selbst Climene, Die so mit ihrer Tugend rauscht, Ward jüngst im Schlaf von mir belauscht, Und hat vielleicht, bei dämmernden Gardinen, Mit ihrem Sylphen mich vertauscht: Mit Araminten, mit Nerinen, Ward der Roman in einer Sommer-Nacht Sehr feirlich angestimmt, und bis zum Schluß gebracht; Die stolze Celia, die kleine Rosemunde –« Gut, gut, Herr Geck! Wir kennen eure Macht; So gar die weise Kunigunde Ergäbe sich euch in der ersten Stunde; Doch eine Procris wird so schnell nicht zahm gemacht; Und kurz, es brach nach sieben vollen Tagen Die Nacht herein, und diese Nacht verging Schon halb, als Seladon sich bebend unterfing, Den ersten Kuß auf ihren Mund zu wagen. Und, welch ein Kuß, indem sie sich bemüht, Ihm zu entfliehn; und doch ihm nicht entflieht! Wie blinkt ihr Aug! Wie süße Seufzer regen, Indem zugleich vor holder Scham und Lust Dies Aug sich schließt, die halbenthüllte Brust, Und hauchen ihm den Geist der Lieb entgegen! – Ihr Götter! – Seladon? – Was kann Solch eine Wollust – Wie? Du fährst ergrimmt zurücke? – »Wie glücklich«, ruft er, »wär in diesem Augenblicke Ein jeder andrer – als dein Mann!« Kein Donner-Keil, der an der Gattin Seiten Den besten Jüngling rührt und schnell zu Asche macht, Sie, leben läßt – sie, die nun jede Nacht, Sonst nur gestört von seinen Zärtlichkeiten, Mit seinem Schatten-Bild und ihrem Schmerz durchwacht; Kein Wolken-Bruch, der wild und ungehemmt Ein sichres Tal schnellrauschend überschwemmt; Kein Stoß, der Rheas Riesen-Glieder schüttelt, Kein Sturm, der Meer und Luft, Olymp und Acheron Im Wirbel faßt und durch einander rüttelt, Ist schrecklicher als unser Seladon, Im Augenblick, da Seladon verschwindet, Und Procris ihren Mann in ihrem Buhler findet. Was, meint ihr, kann ein Weib von zärtlichem Gemüt, Die unverhofft sich so gefangen sieht, Was kann sie tun, Was kann sie sagen? – Nichts sagte sie, schwoll gleich von Grimm Und stolzer Scham ihr Herz, indem sein Ungestüm Mit einer Flut von ungerechten Klagen Sie übergießt. Was helfen Gegen-Klagen? So sehr sie auch durch eine Hinterlist, Die Zärtlichkeit und Treu beleidigt, Dazu berechtigt ist. Ihr Frauen, die ihr euch ein wenig schuldig wißt, Glaubt mir, daß Schweigen oft weit sicherer verteidigt, Als alles, was Fleury zu sagen fähig ist. Die schöne Lob-Red anzuhören, Die er ihr hält, das würde, wie ihr deucht, Ihm wenig Trost, ihr wenig Lust gewähren; Sie nimmt daher den kürzern Weg – sie weicht, Schießt einen Blick, der alle Liebes-Götter Aus ihren schönen Augen scheucht, So einen Blick, als ob ein Donner-Wetter Ihm in die Seele schlüg, auf Cephaln, und entfleucht. Kaum ist sie fort, und nirgends zu erfragen, So wechselt Cephalus die Ton-Art seiner Klagen, Und alles wird nunmehr in anderm Licht gesehn. Er sieht sein Weibchen nun nicht ungetreu, nur schön, Nur liebenswert, und unter jenen Bildern, Die sein verlornes Glück ihm schildern, Den Schatten mancher süßen Nacht Worin sie ihn den Göttern gleich gemacht, Vergäß er bald, daß diese holden Augen Dem schönen Seladon gelacht, Und einen fremden Mund verwegen gnug gemacht, Aus ihrem Mund Ambrosia zu saugen. Doch wie? Zu rascher Cephalus! Worin bestund dann ihr Verbrechen? Zürnst du auf deinen eignen Kuß, Und willst an ihr und an dir selber rächen, Was du als Seladon getan? Du sprichst, sie sah mich doch für einen andern an – Wie? Ist dir denn die Macht der Sympathie verborgen? Grausamer, frage jenen Morgen, Da dir, samt ihrem Rosen-Haar, Das den Betrug verriet, Aurora Procris war! Dort war's die Phantasie, vielleicht auch die Begierde, Die sie in deinem Wahn mit Procris Reizen zierte: Hier war es mehr als Wahn und Ähnlichkeit, Du selbst warst Seladon. Du suchtest sie zu trügen, Nicht Procris sich; ein großer Unterscheid! Und doch gelang dir's nur, ihr Auge zu belügen, Nicht ihre Zärtlichkeit; Selbst unter den geborgten Zügen Entdeckte dich ihr Herz; ihr Auge wandte sich Von Seladon, ihr Arm umfaßte dich. Betrogner Cephalus! Was hat sie dann verbrochen, Die Allgewalt der Sympathie Zog sie in deinen Arm, und du bestraftest sie? Doch, du entbehrst sie nun; und Procris ist gerochen! So denkt er itzt, wenn Einsamkeit und Nacht Der Schönen Flucht ihm unerträglich macht. Er zehrt sich ab mit Sehnsucht und Verlangen, Sucht sie des Tags, wohin sein Fuß ihn trägt, Und wenn er Nachts an einen Baum sich legt, Glaubt er im Traume sie zu finden, zu umfangen, Und rast wie Roland schier, wenn er erwacht, Und ihm der Tag den Irrtum sichtbar macht. Man sagt, wer immer sucht, findt allezeit am Ende Dies oder das, und oft noch mehr, Als er gesucht. Indem er weit umher Das Land durchstreicht, läuft ihm von ungefähr Die schönste Dryas in die Hände. Es wallt ihr langes Haar, so schwarz wie Vogel-Beer, Um Schultern, die den Schnee beschämen, Und was ihr Kleid, gebläht vom losen West Und bis ans Knie geschürzt, dem Jüngling sehen läßt, Ist mehr, als nötig ist, um Herzen von Asbest Die Unverbrennlichkeit zu nehmen. Selbst Cephalus, den seit der Procris Flucht Nichts mehr gerührt, fühlt diesmal sich versucht; Die Sympathie spielt ihre Spiele wieder: Doch wehrt er sich, glitscht so geschwind er kann Vom Hals zum Knie, vom Knie zum Fersen nieder, Schnappt erst nach Luft, und redt sodann Mit halbgeschloßnem Aug die Schöne stotternd an: »O, du, wie nenn ich dich, wo nicht Dian, Doch wahrlich ihrer Schwestern eine, Denn so verkündigt dich die göttliche Gestalt; Entdecke mir den Aufenthalt Des besten Weibs, um deren Flucht ich weine. Vielleicht daß sie in irgend einem Haine Zu deinen Schwestern sich gesellt? O nenne mir, bei dem was in der Welt Dein liebstes ist, (denn dir ist nichts verborgen) Den Ort, der sie mir vorenthält; So soll von Marmor aufgestellt Dein schönes Bild an jedem neuen Morgen Mit frisch-betauten Blumen-Kränzen Ringsum bekränzt in meinem Garten glänzen! « So sagt er, wirft sich vor ihr hin, Und will ihr weißes Knie umfassen; Allein die schöne Jägerin Will aus Bescheidenheit es nicht geschehen lassen, Sie schlüpft ihm lächelnd aus der Hand, Winkt ihn zurück, und spricht: »Mein jungferlicher Stand Erlaubt mir nicht, die Ehre anzunehmen, Die deine Gunst mir zugedacht: Doch höre auf, um Procris dich zu grämen! Ich bin erfreut, daß mich der Zufall fähig macht, Dir einen Dienst zu tun. Zwar sollt ich Anstand nehmen; Sie steht in unserm Schutz; sie hat auf Lebens-Zeit Der keuschen Göttin sich geweiht, Und schwur, auf ewig dich zu meiden. Das mag sie auch! Genug, mich rührt dein Leiden; Ihr andern habt, ich weiß nicht was, das euch Gefährlich macht, ich will es nur gestehen; Mir schmilzt das Herz von euern Tränen gleich; Kurz, folge mir, du sollst sie sehen.« Mein Cephalus fällt ganz entzückt Zum andern mal zu ihren Füßen, Vergißt aus Dankbarkeit schon wieder, was sich schickt, Und drückt ihr Knie mit feuervollen Küssen. Doch schnell besinnt er sich's – der Tor! – Indem die reizende Rosette (So hieß man sie im Nymphen-Chor) Es selbst beinah vergessen hätte. Er bebt, zieht Mund und Arm zurück, Und sucht beschämt in ihrem Blick Den Zorn, den er so sehr verdienet, Weil er zu viel und doch zu wenig sich erkühnet. Ja wohl, der Tor! der schülerhaft vergißt, Daß, alles oder nichts, der Feen Wahlspruch ist. »Du zauderst?« ruft ihm, da er zittert, Und unentschlossen scheint, halblächelnd, halberbittert, Rosette zu: »steh auf und folge mir; Die Schöne, die du suchst, ist nicht sehr weit von hier.« Er dankt, und folgt durch tausend krumme Pfade Der schalkhaft-lächelnden Dryade. Ihm klopft sein Herz zugleich vor Angst und Lust. Wie freut er sich, an seine treue Brust Das lang entbehrte Weib zu drücken! Wie schmiegt er sich vor ihren strengen Blicken Im Geiste schon! Mit welcher Zärtlichkeit Will er auf seinen Knien sie um Vergebung flehen! Er schwört ihr zu, nicht eher aufzustehen, Bis der Begnadigung, womit sie ihn beglückt, Ihr süßer Mund das Siegel aufgedrückt. Mit diesen zärtlichen Gedanken Langt Cephalus und seine Führerin An einer Grotte an, um die des Weinstocks Ranken, Wald-Lilien, und düftender Schasmin Ein leichtgewebtes Gitter ziehn. »Hier schleiche (lispelt ihm Rosette) Dich still hinein; du findest sie, ich wette, Vom Bad erfrischt, auf ihrem Ruhe-Bette, In einem Augenblick vielleicht Worin sie selbst dich hergewünschet hätte, Und wo man insgemein uns mit Erfolg beschleicht.« Mein Held gehorcht, und findet, wie Rosette Ihm vorgesagt, Frau Procris, auf dem Bette, In süßem Schlaf – Doch, Götter! welch Gesicht! Hat ihn das Aug der gräßlichen Medusen Versteinernd angeblitzt? Wie? Er bewegt sich nicht, Er steht erstarrt? Was zeigt ihm denn das Licht, Das hier die Nacht zu holder Dämmrung bricht, Was siehst du, Cephalus? – O! Schreckliches Gesicht! Ein Jüngling ruht an ihrem Busen. Wie wohl ein solcher Anblick tut Will ich die Männer raten lassen. Nicht jeder weiß, wie Dandin sich zu fassen. Der arme Mann! Ihm stockt sein Blut, Ihm starrt das Haar; er will die Arme regen, Will schrein, und kann vor Schrecken und vor Wut, Die Arme nicht, die Zunge nicht bewegen. In dieser Not tut ihm sein Aug allein, Nur noch sein Aug, wiewohl zu größrer Pein, Den letzten Dienst: Er starrt mit Schrecken Den Jüngling an, und glaubt – o Zufall! o Natur! Ein andres Selbst, doch ein geborgtes nur, In diesem Jüngling zu entdecken. Er irrte nicht; es war der Seladon, Von dem er jüngst Gestalt und Reize borgte; Der schönste Hirt, schön wie Endymion, Der, da mein Cephalus nichts weniger besorgte, Frau Procris, (die er sich seit ihrem Nymphen-Stand Zur Herzens-Königin erkoren) Zu seinem Sieg schon vorbereitet fand. Betrogner! Durch dich selbst, durch dich gehst du verloren! Verfluchte Eifersucht! Verfluchter Talisman! Was für ein Dämon treibt dich an, In Seladons Gestalt durch tausend Zärtlichkeiten Dein ehrlich Weib zur Untreu zu verleiten? Wer zweifelt wohl, du albernes Gesicht, Daß Glas und Unschuld leicht zerbricht, Bei beiden braucht es keine Proben; Sie werden nur, weil sie zerbrechlich sind, Mit größter Sorgfalt aufgehoben. Frau Procris war ein gutes Kind, Die Unschuld selbst; und wär es auch geblieben; Du selbst verrietest sie dem wahren Seladon; Du lehrtest sie in andern dich zu lieben; Sie lernte gut, du siehst die Frucht davon! So lispelt itzt das strafende Gewissen Dem Selbstbetrognen zu; doch (wie es immer geht) Kömmt nach der Tat die Reu auch hier zu spät. Was soll er tun? Sie ruhn von ihren Küssen So reizend aus! Es wäre Grausamkeit, Den süßen Schlaf der Glücklichen zu stören. Soll er die Billigkeit, soll er die Rache hören? Es kostet Müh und innerlichen Streit; Doch siegt zuletzt die Zärtlichkeit, Und schmelzt den Grimm in wehmutsvolle Zähren. Fast atemlos wirft er den letzten Blick Auf das geliebte Weib und sein verlornes Glück, Sieht sie – ihr Götter! welch ein Blick! In fremdem Arm so sanft, so lieblich schlafen, Sieht's, ächzet laut, und flieht zurück, Sein Unglück an sich selbst zu strafen. Nicht ferne von dem Ort, aus dem er wütend lief, Verbreitet sich, umkränzt mit Myrten-Hecken, Ein kleiner See, hell wie Kristall, nicht tief, Doch tief genug, die Nymphen zu verstecken, Die oft, bei lauer Abend-Luft, Die Dämmerung zu jüngferlichen Scherzen, Und, wenn sie sicher sind, zum frischen Bade ruft. Hier sucht mein Cephalus das Ende seiner Schmerzen In einem feuchten Tod. Verzweifelnd, ohne Sinn, Sieht er zum letzten mal noch auf die Grotte hin, Drückt dann die Augen zu, und stürzt sich in die Wellen. Wie wunderbar in seinen Fällen Das Schicksal ist! Der Kampf des Tages und der Nacht War noch nicht lang, als dies geschah, geendet; Aurora, die bereits den frühen Lauf vollbracht, Erblickt, da sie den Wagen wendet, Den kleinen See, und findet ihn bequem; Sie denkt, ein kleines Bad wär hier ganz angenehm, Steigt ab, entladet sich von Schleier, Rock und Mieder, Und überläßt die rosenfarben Glieder Der buhlerischen Flut – Das dachtest du wohl nicht, Du guter Cephalus, daß deiner irdschen Bürde Aurora selbst die letzte Liebes-Pflicht In ihrem Arm erstatten würde? Sein Fall erschreckt ihr lauschend Ohr, Sie schwingt sich aus der Flut empor, Sieht, und erkennt, indem sie siehet, Den alten Freund, der schon den letzten Atem ziehet. Die dringende Gefahr macht, daß sie itzt vergißt, Wie wenig er verdient, daß sie so gütig ist. Sie schwimmt hinzu, trägt ihn mit eignen Armen In eine Grotte hin, wo ihm das weiche Moos Zum Bette wird, setzt ihn auf ihre Schoß, Und läßt sein kaltes Herz an ihrer Brust erwarmen. Das Mittel hilft! Sie fühlet bald, Daß etwas noch in seinen Adern wallt, Sieht seine Wangen sich mit neuen Rosen färben, Und küßt ihn bald ins Leben ganz zurück. Zum Malen wäre das ein hübscher Augenblick, Hier könnt ein Vanloo Ruhm erwerben. Er öffnet halb den neu-belebten Blick, Erkennt Auror, und sinkt an ihre Brust zurück, Nicht vor Verzweiflung mehr, vor Dankbarkeit zu sterben.