Maria Luise Weissmann Robinson Die Fahrt Ihn trug das Schiff. Und seine Lippen sangen Hin über Weite, Wasser und den Wind: O Ferne! Flucht! Entgleitendes Verlangen! Augen, o Augen, immer noch zu blind, O Atem, niemals tief genug getrunken, Nie ganz geborstne Brust, entflammtes Herz, Nie doch verglüht in Asche hingesunken, O Stimme, hart, nie ganz geschmolznes Erz: Euch trag ich hin zu neuen Paradiesen, O Heimat, fremde und besonnt – Er dachte noch, als ihn die Wellen stießen Von Fels zu Fels, er dachte noch: der Mond Hing nächtens da, wie eine Frau zu greifen. Dann schlug er hin. Die See ließ von ihm ab. Er lag ganz still, ein schmaler weißer Streifen In Tang und Sand. Er lag fast wie im Grab. Robinson findet sich am Strand der Insel Und dies war alles, was er fand, erwacht: Es lag ein Leib, voll Schmerz, an einem Strand. Hin floß ein Meer in hyazinthne Nacht, Aufbrach in Blau ein unergründlich Land. Der Wind lief schnell, die spitzen Möwen stießen Auf Beute rings, und heisre Affen schrien. Die roten riesenhaften Falter ließen Klirrende Flügel streifen über ihn, Er lag, ein Leib voll Schmerz, gehüllt in Feuer, Er hob die Hand in Liebe über sich – Getös der Welt ringsum scholl ungeheuer – Er sagte streng, begrenzend, wissend: ICH. Robinson siedelt sich am Rand der Insel an Und mit dem Wort wars, daß er dann begann Die lange Zwiesprach mit sich selbst. Denn, sieh, Er war allein. Er war im Ozean Ein kleines Eiland. Und es kam ihm nie Von draußen Antwort. Keine Flucht gelang. Doch blieb ihm Sehnsucht stets. Er mochte tauschen Den kargen Strand nicht um den Traubenhang Der reichen Gründe, denn ihm war das Rauschen Des Meeres Hoffnung. So wuchs er am Rand Von Erde, Wasser, von sich selbst. Es fingen In ihm Gespräche sich. Er war wie Wand, Dünn ausgespannt, durch die die Stimmen gingen. Robinson zimmert einen Stuhl Ich lehre schwer die ungeübten Hände, Die von nichts wissen. Und mein Mund ward stumm, Als ob Erinnerung ihm langsam schwände. Ich hab ein Ding, behindert, schief und krumm, Gebaut und muß an ihm nun meine Zunge lehren, Die »Stuhl« sagt. Mit dem kindlichen, erstaunten Klang. Und meine glückbetäubten Hände ehren Sich in dem ersten Werk. Ein Tun gelang Von Grund: ich sitze. (Und das ist fast, wie Dies einmal war, sehr früh: ich bog die Knie.) Robinson sucht Gott Ists darum, daß du schweigst, Gott, weil du haust In dem Verstummenden? Bist du der leere Schallose Raum, in dem es schweigt, und baust Dich rund um uns? Bist, den ich kniend ehre, Der Angespiene Eines, und es gleichen Gebet und Fluch dir Ohrenlosem längst Sich aus, eh sie ertönten? Und es streichen Sich Schmerz und Freude, daß nichts bleibt? Du hängst Ein großer Ausgleich, bist wie das Bemessen Der Wage, die im Gleichgewicht besteht? Alles geht auf? Und daß mir hier, vergessen Fast von mir selbst, die Einsamkeit vergeht Und sich erneut, unendlich, trifft dich nicht?! Du weißt sie drüben gehn in bunten Scharen, Sie staunen vor den rasch verschäumten Jahren, Und warfst mich hin: ihr einiges Gewicht. Robinson tanzt Heut aber grüß ich dich, o Gott, im Brand Des frühen Morgens, da ich mich befreit Aufschwang im Tanz wie eine Welt, verwandt Dir Gleichgewicht; da, ein vermorschtes Kleid, Hinsanken Trauer, Lust. Nichts war, das blieb Aus dem gebundnen Sein; wie fiel Gewicht Von Arm und Fuß: ein leerer Raum, so trieb Ich hin im Raum, ins Leere, es durchbricht Mich Luft, mich Licht, mich ungeheurer Glanz, In den ich barst, Gott; bin ich, bin ich nicht?! Ich tanze dir den grenzenlosen Tanz. Robinson füttert sein Lamm Hier sind nicht Städte mehr, die rufen: bau! Nicht Wein auch, der betörte: komm und schlürfe! Kein Trug der Sehnsucht um die fremde Frau Und keiner Tat, daß sie mein Tun bedürfe. Hier fand sich wieder weit versprengtes Sein Kristallen, inselhaft, ein klar Gefüge Aus mir und mir, ersehnt. Und doch zu rein, Daß es der Ungeweihte reinlich trüge: Er fing ein Lamm im Weidenkäfig ein Und pflegt es, zärtliche, geliebte Lüge. Robinson ist müde Nun will ich fallen. Fallen wie ein Stein, Den einer warf. Wollüstig sinken ein Ins tiefe Gras. Wie in die Nacht ein Tag Ins weite Un-Sein gleiten. Ach, ich trag In mir Verlöschens-Sehnsucht: Wachsein war Zehrend wie Krankheit, und es blühte schon Zu weißen Wissens Aussatz mir im Haar. Schlaf: spül mich dunkel-rein! Laß Robinson Liegen in Nacht, wie Hügel ruhn, Geberde Nur tiefern Schattens: dunkles Ding der Erde. Ein Leichnam ist ans Land gespült Ich grüßte ihn vertraut. Und seinen Namen »Tod« sprach ich brüderlich. Da hob er sich, Da fing er mich am tödlicheren Hamen, Da warf er Diesen hin, da bog er mich An das erstarrte Herz, den Schlag zu suchen, Schloß Mund auf Mund, ob er nicht Atem fand, Da hieß er mich mir rasender zu fluchen... Ich grub ihn ein, der mir der Freund gewesen, Das liebste Du ward Feind: der Teure trug Sich Jenem an, von dem ich fast genesen; Er stand beim Tod. O, Stärke, die mich schlug! Robinson zeichnet in den Sand Du Palme, leicht, daß dich die Winde wiegen Zärtlich in ihrem Atem! Strahlen biegen Des Lichtes deinen Stamm zur süßen Melodie Geschweifter Harfe. Seliger ward nie Noch eines Bogens Silber ausgespannt Am Blau des Himmels. Brennenderen Brand Warf Schönheit nie in die versengte Brust. Du Lichteste: Nicht schmerzlichere Lust Gab je die Frau. O, sieh die Hand, gebannt Von dir, in dich, die gleitend über Sand Das schmale Zeichen sucht, das dieser Welle Tödlicher Anmut, sterbend, sie geselle. Robinson findet Spuren der Kannibalen O Insel: faß ich dich zum ersten Mal?! Eiland mit Fluß, mit Bergen, einem Tal Und Wasser ringsum, Wasser ringsumher. Mein Schritt versinkt, mein armer Schritt wird schwer, Mein Schritt bricht noch durch Grund in lauter Wasser ein. Wie pries ich Land: die Steppe, Wüstenein! Ich lief und liefe. Daß die Horizonte Sich türmten hinter mir. Ich lief durch Monde, Durch Jahre lief ich so... Hier steh ich, Stein. Wem eine Insel wurde, da zu sein, Der wird nicht weit vor dem Entsetzen weichen, Es wird zuletzt ihn irgendwo erreichen Im schmalen Rund: Er muß benachbart stehn Jedweder Tat. Ihr nahes Antlitz sehn. Robinson hat einen Traum Was war der Traum? Ich kann mich nicht besinnen Und seh ihn rings: Er blüht von jedem Strauch, Die milde Kokosnuß verschließt ihn innen Im Duft der Milch, ihn weiß die Schlange auch, Die mich vorhin mit grünem Auge traf. Wie seltsam ist die alte Hütte neu! Ich fürchte mich vor dir, o fremder Schlaf, Du Gast von weither, mächtig und nicht treu: Du hast die Tat vollbracht, die ich nicht weiß, Als wärst du ich. Nun um den Schritt zieht Scheu Von Wissendem ringsum mir den verfehmten Kreis. Robinson und der Papagei Als ich dich traf mit dem gefiederten Pfeil, Du schönes Farbenspiel von Blau und Grün, Langsam genasest du. Dein Fuß war heil; Doch mochtest du nicht ganz mir mehr entfliehn: Oft hört ich flattern plötzlich dich vom Ast – Ich wanderte – da, dein vertrauter Ton Rief, spottend, mich zurück, der ich mir fast Entgangen endlich, rief: Robinson! Robinson... Die Dämonen fassen Robinson Warum hab ich dies Eiland so erfahren, Daß nichts mir fremd blieb? Ach, ein Baumgesicht, Verhängt von feuchten, windzerfetzten Haaren, Ich traf es einmal – fault es nun mir nicht Zwischen den Schultern? Eine Kröte war, Fett und gefleckt, die Schlange schlürfte sie. Auch lag ein Glied, schamlos und offenbar, An einem Sumpf. Ein Stein vielleicht, doch wie Aus mir gerissen. Und ein Fluß, gespalten Wie durch mein Herz so schmerzlich. Ach, es steht Sie, die ich sah, Verwesung in mir auf: verhalten Glomm Gelb in Violettem. Es verweht Der Süd mein Hirn: Nun bin ich mir entglitten Und weiß mein Ende nicht mehr. Was geschieht, Geschieht in mir. Ist ich. Ich bin inmitten. Robinson ruht unter seinem Laubgezelt Aber mit einem Male erstrahlen Tage der Nähe wie selige Segel, Die auf dem Blau des Wassers sich malen. Aber der Glückliche kennt nur Beharren. Ach, er vergaß ganz die Sehnsucht der Tage Gestern und vorher, die Jahre gehegte. Ach, ihm erstarb ganz die brennende Frage Wann? Und er sieht die Errettung verweilen, Aber vom Glück?! – Und träumend entgleiten Sieht er die Tage, die Segel enteilen Silbern hinaus in verfließende Weiten. Das Erdbeben Erkenne nun: du konntest ärmer sein Stets noch um vieles. Nicht das Moos zur Nacht, Der Quelle Trunk, ein Schatten, die allein Verlierbar noch; o hier ward mehr vollbracht An Aufzugebendem: daß, jäh beraubt Ums Ziel, Gedanken stehn, die sonst dich brachten Schnell ins Gerettete: bedrohte dich Gewässer, riefst du »Land«; und als entfachten Nach dir sich Flammen, o wie stürzte sich Ins Kühle deine Sehnsucht. Was geschah An schmerzlich Spürbarem, vertrieb Zum Gegensatz dich hoffend: Heil war nah. Wohin nun denkst du rettend? Was verblieb? Nicht Erde, die sich öffnet; Meer, das steigt, Tödliches Wasser; Himmel nicht, in Brand; Tal nicht, aufberstend; Berg nicht, der sich neigt: Kein Ausweg mehr ins Andre: O halt stand! Robinson findet Freitag Er blieb, da er mich sah, erschrocken stehn, Ich stand, der ihn erblickte, Stein, verblieben In der Gebärde: himmlischem Vergehn. O Menschen-Wohlgestalt! O Glück, zu lieben Im Blick Verwandtes: Auge, Lippe, Knie, Ein Ohr wie meines, Füße, fünfgespalten, Und Hände, ganz vertraute Form, wie die Sich breitend jetzt, der Schritt, nun aufzuhalten Länger nicht mehr und dort erwidert, scheu... Antwort jetzt meinem Ruf. O süß Getön Von Stimme! Schuf mir zum Gespielen neu Spiegelnd mich Einsamkeit? Bin ich so schön?! Freitag findet seinen Vater Doch war es frühe, daß dies Ich entglitt, Das Spiegelbild sich wandelte zum Du: Da war ein alter Mann, und Freitag litt Angst und ertrug Gefahr und fand nicht Ruh Um diesen Greis. Mir war er fremd. Ich ließ Ihm den Geliebten und brach auf zu jagen, Ein böser Geist; Ich tötete. Ich stieß Die Lämmer von der Mutter. Einmal lag Mir Freitag jäh im Wurf, rief: »Töte mich, O Herr, du zürnst!« Mich überfiel die Scham. Ich rief ihn an. Er blieb und weihte sich Dem Tod in Anmut. Als ich näher kam, Lächelte er nach meinem Kuß. Ich hob Ihn sühnend auf, zum reineren Geschick Des Bruders. Er nahms hin. Doch es verwob Seither sich Trauer seinem fremdern Blick. Robinson schreitet den Zaun eines Geheges ab Weiß einer sonst, wohin die Zeit ihm schwand? Fand er wie ich sie je versammelt wieder? Dies ist der Zaun um ein betreutes Land. Wie eine Schar von Vögeln ließ sich nieder Mein Leben hier: ein Tag auf jedem Pfahl, Und sie sind aufgereiht zu langen Jahren... O seltsame Verwandlung! Aus der Qual Sinnloser Fron muß ich zuletzt erfahren Ein Glück. Verständlicher um wenig zwar Als jene Last. Jedoch ein Glück. Als zeugte Einst einem Fragenden der Zaun: Er war. Robinson nimmt Abschied von der Insel Nun lehrst du mich das Letzte: lehrst zu gehn - O schwerer Abschied! – kleine Insel, Land, Das mir erwuchs: ich küsse deinen Strand. In dich gebettet, in dir zu bestehn Wie sehnt ich mich! Wir waren eins geworden In langer Liebe: Meine Seele strich Rauschend durch deine Wälder, stürzte sich Brausend in deine Flüsse, sang in Worten Tief aus dir atmend auf. O Reich, verliehen Mir, ins Verwandte tief verwandt zu reichen: O Leib aus Erde, Wasser, Salz, Gestein! Und nun Verbleichen, abendliches Weichen In das Gewesene – o daß uns kein Verweilen ward! Daß Ewigkeit uns nur, Verwandelten, ein schmales Teil mag sein; Dem ewig Gehenden ewige Spur. Robinson sucht Gott (Erste Fassung) Bist Du denn überall der Erste? Warst An jedem Ort, den je ein Mensch betritt, Vorher? Denn sieh, daß Du Dich offenbarst, Geh ich in Hoffnung. Jahre. Schritt um Schritt. Wer bist denn Du? Der Tag und Nächte schweigt, Wenn man ihn ruft? Der Mächtige, dem Wind, Wasser und Land sich in Gehorsam neigt Und dem zwei Worte zuviel Mühsal sind, Den Armen zu erretten, der Dich sucht? Gib Antwort, Gott! Du schweigst. Oder ich ward Zu hören Dich in Schweigen neu verflucht? Bist Du, o Gott, so grenzenloser Art?! (Robinson spricht zu Gott) Du bist, o Gott, so grenzenloser Art: Mir, der Dich sucht, gesellt sich Irgendeiner, Der spricht mit Spott von Deinem weißen Bart. Und hebt mein Flehen auf: wir sind wie Keiner. Und daß ich hier bin, einsam und gebannt Auf einer Insel: dafür sind sie viel(e) In großen Städten. Und das harte Land Das ich bebaue, ist dem Pflug wie Spiel. Doch wenn ich lache, weint dann einer wo, Und es bleibt still um Dich. Wir sind gewogen, Du bist der Ausgleich. Traurig oder froh, Verworrne Melodie kam fern gezogen: Und starb schon hin. Und war schon Harmonie.