Die sechsundachtzigste Fabel. Wie ein Frau für iren Man sterben wolt. Ein junge frau einen man het, Der war ser krank und lag zu bet, Darumb die frau sich ser betrübt, Denn sie den man herzlich beliebt. Auf daß sie solche lieb beweist, Sein lob für allen leuten preist Und sprach, ee sie in wolt verliesen, Wolt lieber selb den tot auskiesen Und sterben an des mannes stat. Den tot mit großem seufzen bat, Sprach: »Wil mich willig dir begeben, Daß du den man laßt lenger leben.« Mit solcher klag den tag hinbracht. Wie es kam umb die mitternacht, Da kam der tot, mit großem schrecken Greulich die fraue gunt aufwecken, Sprach: »Hab erhört dein kleglich schreien: Auf, auf! kom her an meinen reien.« Die frau erschrack und sprach: »Far schon! Was woltstu mit den gsunden tun? Sihe da, im bet nim erst den kranken, Der wird dir höflich dafür danken, Daß du in nimmest von der ert: Für großer qual dich oft begert. Du hast den rechten hie nicht funden, Nim die kranken, gib frist den gsunden.« Vil leut achten das leben gring, Und ist doch so ein edel ding, Daß einr solt alles laßen farn, Daß er das leben möcht ersparn. Schwert, feur und alles ist zu leiden, So du damit den tot magst meiden. Darumb glaub nicht der frauen klagen, Wenn sie leit für die männer tragen. So man die klag, welch sie so treiben, Wolt faßen und gar fleißig schreiben, Fest knüpfen und zusamenstücken Und denn draus machen eine brücken, Übers waßer fest zu besten, Wolt ich zwar nicht gern drüber gen. Niemand liebt wie sein eigen leib Seinen nehsten, dabei es bleib.