Canova 1. Großer Bildner, es öffnete dir die verschlossene Vorwelt, Deinem gelichteten Blick, alles verborgene Gold. Liebliche Rundung und Fülle, die sinnliche Lust und die Weichheit, Ueppige Formen und Reiz nahmst du in Menge heraus. 2. Doch wie der Griech' am natürlichsten ist, so gesellet er weise Weiblichem Reize den Ernst männlicher Stärke zur Hand. So entsteht ein vollkommnes Geschlecht aus der herrlichen Paarung, Und die Schönheit erscheint so vom Verstande geführt. 3. Diese Vermählung erkanntest du nicht: dir genügte die Weichheit, Und der weibliche Theil ohne den schöpfrischen Bund. Darum wirkst du auch nur mit dem Reiz, dem entartenden, selten Näherst dem weisen Maaß ruhiger Schönheit du dich. 4. Traurige Zeit, es ist wahr, die griechische Kunst war dem Leben Nah', und es borgte der Gott sich von dem Menschen die Form. Aber vorüber ist's nun, Canova's Götter, sie lernten Nur die Tanzkunst der Zeit, die Toilette nur ab. 5. Hebe Du bist reizend und üppig, ich leugn' es dir nicht, und die Sinne Fühlen es, schwach ist das Fleisch, ist er auch willig der Geist. Aber ich sorge denn doch, es ist kein uranischer Nektar, Ist nichts Göttliches, was du auf der Schale mir beutst. 6. Venus Wär' es gewiß, und hättest du nur dem entzückenden Leibe Seine Gewänder verlieh'n, weil dir die Schaam es gebot, Dann verehrt ich sie fast als Höchstes, doch leider befürcht' ich, Daß du die Lust nur nach dem, was sie verbergen, erzielst. 7. Pietà Eine treffliche That des edeln fühlenden Herzens, Wenn sie auf blumigem Weg schon in den Himmel uns führt, Dann, Canova, hat dich dies einz'ge unsterbliche Bildwerk Auch aus des Irrthums Gewalt in den Olympus geführt.