Weisheit [Ein stiller Ritter mit geschlossenem Visier] Ein stiller Ritter mit geschlossenem Visier: Das Unglück, stach ins Herz mit seiner Lanze mir. Dem alten Herz entsprang das Blut in trüben Fluten, Versiegt auf Blum und Blatt in klaren Sonnengluten. Mein Auge deckte Nacht, laut schrie ich auf vor Schmerz, In wilden Schauern zuckend starb mein altes Herz. Der Ritter Unglück schwang hernieder sich vom Pferde, Mich fasste seine Hand mit finsterer Gebärde. Mit eh'rnem Handschuh griff in meine Wunde er, Sein mitleidlos Gebot ertönte hart und schwer. Und es geschah, da rauh sein Finger mich berührte, Dass ein erneutes Herz ich stolz und rein verspürte. Und dass von göttlicher Gnade heiss durchbebt Ein junges, tapfres Herz in tiefer Brust mir lebt. Und voller Ehrfurcht blieb ich, zweifelnd und benommen, Gleich einem Menschen, dem Gott selbst im Traum gekommen. Der gute Ritter stieg von neuem auf sein Pferd Und nickte scheidend, wie er von mir sich gekehrt. Und schrie, noch immer hör die Stimme ich mit Beben: Hüt' dich, so milde komm ich einmal nur im Leben. [Vernehmt des Liedes güt'ge Trauer] Vernehmt des Liedes güt'ge Trauer, Das weint, um euch ins Herz zu dringen, Wie sacht-verschwiegen tönt sein Singen, Auf Moos ein zarter Wasserschauer. Der Sang war teuer eurem Herzen, Der jetzt verschleiert klingt und trübe, Der Witwe gleich, die ihre Liebe Beweint, erhaben in den Schmerzen. Bald birgt sie in der Schleier Dunkel, Die in dem Hauch des Herbstwinds wehen, Bald lässt den Staunenden sie sehen Der Wahrheit sternengleich Gefunkel. Das liebe Wort, das wir vernommen, Sagt uns, dass Güte unser Leben, Dass Hass und bitt'rer Neid entschweben Und enden, wann der Tod gekommen. Sie singt vom Ruhm, der uns beschieden, Wenn wir wie Kinder wunschlos wohnen, Von goldner Hochzeit, von den Kronen Des Glücks und kampflos sel'gem Frieden. Nehmt auf den Brautgesang, den schlichten, Der stillen Stimme flehend Singen, Nichts Süss'res mag ein Herz vollbringen, Als trübe Herzen aufzurichten. Die Seele, ob ihr Gram erblühte, Ob dunkle Leiden sie umnachten, Wie klar und freundlich ist ihr Trachten! ... O hört des weisen Liedes Güte! [Mein Gott, durch deine Liebe ward ich wund] Mein Gott, durch deine Liebe ward ich wund, Und schmerzend zittert noch die tiefe Wunde, Mein Gott, durch deine Liebe ward ich wund. Mein Gott, getroffen hat dein Schrecken mich, Noch bebt in mir das Brandmal deines Donners, Mein Gott, getroffen hat dein Schrecken mich. Mein Gott, ich sah, dass alles eitel ist, Und in mir auferbaut ist deine Glorie, Mein Gott, ich sah, dass alles eitel ist. Ertränk mein Herz im Strome deines Weins, Mein Leben schmilz zu Brot auf deinem Tische, Ertränk mein Herz im Strome deines Weins. Nimm du mein Blut an, das ich nicht vergoss, Nimm du mein Fleisch, das unwert ist des Leidens, Nimm du mein Blut an, das ich nicht vergoss. Nimm meine Stirne, die in Scham erglüht, Zum Schemel hin für deine heil'gen Füsse, Nimm meine Stirne, die in Scham erglüht. Nimm meine Hände, die dir nicht gedient Zu edlem Weihrauch und zu glüh'nden Kohlen, Nimm meine Hände, die dir nicht gedient. Nimm du mein Herz, das nur vergeblich schlug, Zu zucken in dem Dorn der Leidensstätte, Nimm du mein Herz, das nur vergeblich schlug. Nimm meine Füsse, sünd'ge Wanderer, Dass sie zum Rufe deiner Gnade eilen, Nimm meine Füsse, sünd'ge Wanderer. Nimm meiner Stimme lügenhaften Klang Zu heil'gem Mahnwort und zu tiefer Reue, Nimm meiner Stimme lügenhaften Klang. Nimm meiner Augen trügerisches Licht, Dass es in Tränen des Gebets verlösche, Nimm meiner Augen trügerisches Licht. O du des Opfers und der Gnade Gott, Wo ist der Quell des undankbaren Herzens O du des Opfers und der Gnade Gott. Du Gott des Schreckens, Gott der Heiligkeit, Weh dieser dunkle Abgrund meiner Sünde! Du Gott des Schreckens, Gott der Heiligkeit. Du Gott des Friedens und des sel'gen Glücks, All meine Angst und all mein banges Irren, Du Gott des Friedens und des sel'gen Glücks. Herr, du weisst alles das, ach alles das, Wie ganz verarmt ich bin in diesem Leben, Herr, du weisst alles das, ach alles das. Doch was ich habe, Gott, will ich dir geben. Caspar Hauser singt: Als schlichter Waise, reich genug An meiner Augen stillem Scheine, Kam ich zur Stadt, fremd und alleine, Die Männer fanden mich nicht klug. Mit zwanzig Jahren wurde ich Im Feuer der verliebten Sinne Der Weiber süsser Schönheit inne: Doch freilich schön fand keine mich. Wenn auch in keines Königs Sold, Ich Heimatloser Ruhm erworben, Wär' gern ich doch im Krieg gestorben, Doch hat der Tod mich nicht gewollt. Kam ich zu früh, kam ich zu spät In diese Welt voll herber Trauer? Was soll mir, ach, des Lebens Dauer? Denkt an mich Armen im Gebet! [Schwarz hält mich und schwer] Schwarz hält mich und schwer Ein Schlummer umfangen, Schlaf, Wunsch und Begehr, Schlaf, Hoffen und Bangen! Es trübt sich mein Blick, Mich flieht das Erinnern An Unglück und Glück, Und Nacht ist im Innern. So bewegt auf und ab Ein dunkler Wille Eine Wiege am Grab: Seid stille! Seid stille! [Es glänzt der Himmel über dem Dach] Es glänzt der Himmel über dem Dach So blau, so stille. Ein Baum wiegt draussen über dem Dach Der Blätter Fülle. Eine Glocke im Himmel, den du siehst, Hörst sanft du klingen, Einen Vogel auf dem Baum, den du siehst, Seine Klage singen. Mein Gott! Mein Gott! Das Leben fliesst dort Ohne Leiden und Härmen, Vom Städtchen kommt mir herüber dort Ein friedliches Lärmen. Und du dort, der weint bei Tag und Nacht In schmerzlicher Klage, O sage mir du dort, wie hast du verbracht Deine jungen Tage? [Der Klang des Horns fliesst trauernd nach dem Wald] Der Klang des Horns fliesst trauernd nach dem Wald, Um mählich wie verwaister Schmerz im Schweigen Zu sterben, wo die fernen Hügel steigen, Wo bang erzitternd er im Wind verhallt. Des Wolfes Seele weint im Klang, der schallt Und steigt, wann sich die Sonnenstrahlen neigen, Dem Herzen schmeichelt süss der Todesreigen, Der es entzückt zugleich und fasst mit Schmerzgewalt. Dass sanfter noch der Schlummerklage Locken Ertöne, fällt der Schnee in weichen Flocken Quer durch der Abendsonne Purpurglut. Und wie mit herbstlich trübem Hauch uns labend Kühlt unser Herz der stille, graue Abend, Wo zärtlich eine sanfte Landschaft ruht. [Es pfeift der Nord, die Büsche sind] Es pfeift der Nord, die Büsche sind Tiefschwarz und grün im scharfen Wind Eis wird der Schnee, dess weisse Flecken Die sonnenhellen Lande decken. Vom Wald her weht ein herber Duft, Am Horizonte singt die Luft. Des Dorfes Kirchturmhähne blenden Das Aug' vor dunklen Wolkenwänden. Wie herrlich ist es, so zu gehn In Nebelschleiern, die verwehn, Wann Winde keck die Flur durchstreichen. O pfui, mein Husten will nicht weichen! Ameisenähnlich prickelt's mich Im Fuss – mein Herz erhebe dich! Rauh sind des jungen Frühlings Grüsse, Doch regt sich schon in linder Süsse Ein warmer Hauch, dass besser man Vergang'ne Kälte fühlen kann. – Der Sinn steht Gottes Gnade offen, Auf, Herz, zu grenzenlosem Hoffen! [Die well'gen Höhn des Landes] Die well'gen Höhn des Landes Gehn endlos bis zur Flut, Die klar-verschleiert ruht Im jungen Duft des Strandes. Auf zartem Grün stehn leicht Die Mühlen und die Bäume, Wo flink die weiten Räume Der Füllen Lauf durchstreicht. Der helle, ruhevolle Sonntag erblickt im Spiel Der weissen Schafe viel Sanft in der lichten Wolle. Die See rollt weissbekränzt Ihr brandend Flutgewimmel Mit Flötenklang zum Himmel, Der hell wie Milch erglänzt. [Nicht können die Dome] Nicht können die Dome Dem Meer sich vergleichen, In wiegendem Strome Hegt sanft es die Leichen. Es geben die Meere Der Jungfrau die Ehre. Alle Gaben sind sein, Ob schrecklich, ob hold, Mild rauscht sein Verzeihn, Sein Zornbrausen grollt. Wie atmet es sacht In endloser Pracht. Wie ist es geduldig, Ob schlimm auch und schuldig, Vom Wind überflogen Hört singen die Wogen: »Ihr trostlosen Herzen Sterbt hin ohne Schmerzen.« Im lächelnden Schein Des Äthers erblühn Die Farben so rein, Blau, rosig und grün. In herrlichster Zier Und besser als wir! [Es ist das Fest des Korns, es ist das Fest des Brots] Es ist das Fest des Korns, es ist das Fest des Brots, Neu glänzt das alte, teure Land dem Leidensmatten. Ein Summen webt durchs weite Feld, rings strahlt's und loht's Im blendend weissen Licht, mit zarten, ros'gen Schatten. Die scharfe Sichel, die das Gold der Garben fällt, Taucht blinkend nieder, leuchtet auf und funkelt weiter. Fernhin bedeckt von Arbeit ändert sich das Feld In jedem Augenblicke, ernst zugleich und heiter. Es mühen keuchend alle bei der Arbeit sich Im stillen Glanze, den die reifen Fluren grüssen, Der Sonne Glut arbeitet unerschütterlich, Die sauren Trauben dort zu schwellen und zu süssen. Arbeite alte Sonne du für Brot und Wein, Die Milch der Erde gib dem Mann, dass er gesunde, Göttlich Vergessen flöss' in wack'rem Trank ihm ein, Ihr Schnitter dort, ihr Winzer, gut ist eure Stunde. Denn von dem allerköstlichsten an Brot und Wein, Der Arbeit und der Müh unzähl'ger Hände, welche Sich breitet rings, heimst Gott sich seine Ernte ein, Und schenkt uns Fleisch und Blut zur Hostie und zum Kelche.