Die Dichtkunst Ich liebe Feld und Bach, der Sonne Morgenstrahl, Ein schwarzbeschattet einsam Thal, Und jenen stillen Lorbeer-Wald, Wo keuscher Musen Flöte schallt. Ich mische mich in ihre Chöre; Sie weihten mich zum Priester ein: Und sollten Wünsche mindrer Ehre Mein ruhig Herz entweihn? Entzeuch, o Dichtkunst! mir dein glänzend Angesicht, O du der Liebe Tochter! nicht: Denn in der ersten Schäfer-Welt, Die uns im Bilde noch gefällt, Gebahr dem Gotte frohes Weines Die Liebe dich, ihr ähnlich Kind, In dunkeln Schatten eines Haynes, Die dir noch heilig sind. Wie schön erzogen dich die Unschuld und Natur Auf Triften und beblühmter Flur! Noch nicht um stolzen Schmuck bemüht, Ertönte hier dein sanftes Lied. Es hörten die erstaunten Hirten Den ungekünstelten Gesang, Der öfters um geheime Myrthen Und oft beym Wein erklang. Die Weisheit bracht' alsdann dich, junge Schäferinn! Zum unbewohnten Hämus hin; Und lehrte dich der Dinge Grund, Und wie das Weltgebäud entstund: Warum der Frühling grüne Hügel Und lauen West und Floren liebt, Und was den Winden ihre Flügel, Dem Donner Kräfte giebt. Du lerntest, wer mit Recht hoch oder niedrig heißt! Uns adelt nur ein edler Geist, Und nicht ein schimmernd hoher Stand, Nicht ein vergüldetes Gewand; Noch daß man groß genennet werde Von Lippen feiger Schmeicheley, Und einem Winkel weiter Erde Bekannt und furchtbar sey. Die Aue schwieg vor dir, als du vom Hämus kamst, Und eine kühnre Leyer nahmst. Es wallte junger Hirten Blut; Sie fühlten ungefühlte Glut, Als nun dein höhers Lied ertönte, Das, reizend, wann es unterwies, Von rauher Wildheit sie entwöhnte, Und Menschen werden hieß. Du sangst: es rissen sich bemooste Felsen los Aus drohender Gebirge Schoos, Und rollten fort mit eignem Lauf, Und thürmten sich zu Mauern auf. Die Tieger unter düstern Sträuchen Behorchten dein entzückend Spiel; Und auch die unbelebten Eichen Erhielten ein Gefühl. Die Wahrheit rührt uns nicht entblößt und ungeschmückt, Wenn sie die Sinne nicht berückt. Wer unser Herz erst überwand, Gewinnt auch leichtlich den Verstand. Wir bleiben kalt bey kalten Schlüssen; Sie sausen schwach um unser Ohr: Wir lernen, wie wir leben müssen; Und leben, wie zuvor. Du weckest uns zur Lust, befriedigst unsern Schmerz, Du, Dichtkunst! öffnest unser Herz Der Wahrheit, welcher deine Hand Aus Myrth und Rosen Kränze band. Dich muß der taube Wille hören, Die du nicht finstern Schulwitz liebst, Und was die Weisen mühsam lehren, Uns zu empfinden giebst. Vor dir eröffnet sich der Ehre Heiligthum, Und lorbeerreicher Helden Ruhm Vertraut sich deiner Leyer an, Durch die er ewig schimmern kann. Doch Dunkelheit und kalte Schatten Begraben ungepriesnen Muth, Den Völker einst bewundert hatten, Der nun vergessen ruht. Du folgest kriegerisch durch Blut und heissen Dampf Dem Helden in den rauhsten Kampf: Und wann, vom güldnen Sieg umkränzt, Sein Haupt von Lorbeern furchtbar glänzt; Alsdann erwachen deine Lieder, Und bringen ihn vom wilden Streit Auf unermüdetem Gefieder Der fernen Ewigkeit. Wo Titans Aug entschläft und wo er früh erwacht, Die Gegenden der Mitternacht, Und wo der Mittag Flammen sprüht, Durchfliegt mit ihm dein hohes Lied: Indeß die Muse der Geschichte Nur niedrig an der Erde streicht, Und mit erhitztem Angesichte Nie deinen Flug erreicht.