Reisegedichte eines Kranken Abreise Endlich ist der Tag gekommen, Endlich ist die Stunde da, Die ich stets unmöglich glaubte, Weil der Schmerz die Kraft genommen, Weil der Wahn den Entschluß raubte, Da ich nur mein Leiden sah. Welcher heitre Sommertag! Diese Häuser, diese Gassen, Die ich nun seit vielen Wochen Täglich sah mit Zorn und Hassen, Sollen mir entschwinden, Und mein Blick die sonnbeglänzten Fluren finden. Einmal noch betracht' ich mir die alten Häuser dort, bemerke die Gestalten An den Fenstern drüben; wie ein Vorhang Fällt es zu, der liebste Freund Sitzt schon neben mir im Wagen, Abschiedsworte, – und es jagen Häuser, Gassen, Thore, schwindelnd mir vorüber. Welch Entzücken! welche Wehmuth! Bin ich's noch, der wie an Ketten Dort in trüben Mauern saß? Ja, der Schmerz ist mir gefolgt Und spannt über Feld und Wald Einen schwarzen Schleyer aus. Tyrol Von der Höhe schaut mein Blick Trunken in die grünen Thäler, Sieht die hohen Felsenwände, Weitgedehnte, hochgethürmte, Wälder, rauschend, grün und dunkel, Reben unten, Und im hellen Licht ein Strom, Der von Berg zu Berg hernieder springt, Drunten spielt und klingt im Thal: Rein der weite, blaue Himmel, Und mein Aug' in Thränen trübe, Denn zu schwach der Freude, dem Entzücken, Kleidet sich die Lust in Klage, Und die Thräne meldet mir Daß ich noch Gefangner bin. Inspruck Neugestärkt bin ich wach. Folgen mir der Kindheit Träume nach? Drüben dort das goldne Dach. Zwar nur klein, doch spiegelnd blank. Alte Bilder in der Halle, Die der Regen schon verlöscht. Dein gedenk' ich hier mit neuer Liebe, Maximilian, edler, deutscher Mann, Tugendhafter Kaiser, frommer Sinn, Und dein Jugendleben, Dein Scherzen mit Gefahr und Tod, Malt sich lebendig an allen diesen Felsenmauern. Wer kennt in deutscher Zunge Die schöne Mähr nicht von der Martinswand? Hier ist es mir vergönnt In treuer deutscher Kunst Dein Grabmal anzuschaun. Mit süßem Schmerz besuch' ich dort Das Bild der Welserinn, Und mit staunender Freude Alle die erznen großen Gestalten. Ja, dies ist ein heilger Dom Von alten Landessagen, Und an der Religion Heiligkeit Lehnt sich vertraut die Geschichte, Des Volkes Liebe, der Vorzeit Herrlichkeit, Und Lust wie Schmerz des Lebens. Der Freithof Einsam wandl' ich mit dem Bruder Unter Gräbern. Bild an Bild, und Vers an Vers gedrängt. Rosen glühn, und Lilien glänzen, Frischer grüner Rasen, Die Gluth des Lebens mit allen Farben Als Teppich des Todes. – Solche Haushaltung führt nur die Liebe. Nein, hier sind die Verschiednen nicht entflohn, Aus Knosp' und Blum und Thau des Grafes Quillt Lächeln und Thräne noch immer hervor. Dort knien auch Kinder Und heften betend Blumengewinde Um die eisernen Kreuze der Eltern. Der Gatte entfernter Die Eltern hier in der Nähe, Bringen, wie immer die Liebe that, Thränen, Gebet und des Sommers bunter Schmuck. Welche Wehmuth zittert durch mein Wesen? Auch hier in weiter Ferne Kann ich um alle die Theuern klagen, Die ich früh und spät verlor. Mein Schmerz vermischt sich mit den Weinenden, In den Thränen mehr als in der Lust Sind wir alle Brüder. Aber hier in der Halle, Im fernen, unbesuchten Winkel Find ich ein Blatt, von alter Hand beschrieben, So deutet die zitternde, ungewisse Schrift: »Jeder Christ, der hier mag wandeln, Bete freundlich für ein Wesen, Das im unnennbaren Jammer, Das im tiefsten Schmerz vergeht, Zu dem Vater, der die Liebe, Daß er tröste, wenn nicht helfe.« – Da brachen unaufhaltsam meine Thränen, Und sie beteten mit Inbrunst. Kommt ein Herr dahergegangen, Sieht das Blatt, die Kreutz' und Blumen, Und die Kinder, Eltern, Gatten, Hält wohl meinen Schmerz für Ingrimm, Spricht mit Afterweisheit; Ja, es wäre nun wohl an der Zeit, Alle diese Thorheit abzuthun, Diese Blumennarrheit, diesen Aberglauben, Dies Wallfahrten, Beten auf den Gräbern, Sollte die Regierung hemmen. – Schmerzte mich der Arme fast noch mehr Als die Schreiberin des alten Blattes: Also hier auch, unter diesen Gottesbergen, Wo Natur so heilge Worte rauscht, Giebt's derlei vernünftig Wesen, Das, so wähnt' ich, nur daheim bei mir, Auf im Sande schießt und unter Kiefern. Die Tyroler Wer da will Männer sehn, Geh ins Tyrolerland, Wie sie so muthig stehn, An ihrer Felsenwand. Das Auge kühn und frei, Freundlich der Mund, Frech nicht, doch ohne Scheu, Stehn sie frisch und gesund. Wer da will Weiber sehn, Geh ins Tyrolerland, Wie sie so zierlich gehn Keck über Berg und Land. Liebreiz und Kraft und Muth, Herrlich sie anzuschaun; – Alles ist schön und gut In Bergen hier und Au'n. Botzen Welche Wonne! Unten liegt ein Himmelsthal Im Glanz der reinen Sonne. Wie der Weg sich senkt Rücken neue Hügel, Berge vor – Rundum Glanz und Farbenpracht; Am Wege hohe Hecken Von blühenden Granaten, Gluth auf Gluth gedrängt. Wie voll, wie frisch, wie lachend Hier Kuß an Kuß Und Liebesgruß In grünen Zweigen winkt. Die Geführten wandeln jubelnd, Und werfen die rothen Blüthen Lachend dem Kranken zu. Plötzlich ertönt, So scharf und voll Betäubend fast Ein Chor von grillenden, schrillenden Stimmen. Das ist der Cicadengesang, So oft von alten Dichtern gepriesen, Doch wehe! Kein andrer Ton dringt in mein Ohr, Kein Baumgeflüster, Kein Vogelgesang, Und wiederhallen Die Felsen rings Das klanglose taube Gezirpe. Doch eben so plötzlich Als es begann Verstummt es jetzt. Und ein lieblich Schweigen Dehnt sich wollüstig Liebeathmend Durch den Raum des blauen Himmels, Durch das blühende Thal Und über die lachenden Gebirge hin. Und meine Seele Strebt vergeblich Worte zu finden, Ihr stilles Entzücken Sich und andern zu sagen. Trident Müd' und matt steig' ich vom Wagen Und vom Schmerz erschöpft, Such' ich Labsal mir und Linderung. Nach dem Kaffeehause wallend Freu' ich mich schon am Gefrornen, Schwelge schon in dem Gedanken, Besser bald und kräftiger zu seyn. Da öffnet sich die Thüre gegenüber, Heraus tritt, auf einer Krücke hinkend, Blaß und mager ein Leidensgenoß. Links kommt, mit dem Stabe klapperd, Ein andrer ächzend und stöhnend herbei: Ein Diener schlägt die Thür dort auf, Und auf zwei Krücken schleppt sich noch einer her, Sieh, dort haspelt sich jener an den Wänden fort, Ein andrer wieder wird von tröstenden Freunde geführet, Jenen schleppen zwei redselige Bedienten, Und drinn im langen kühlen Saale Sitzen schon drei Kranke in Armsesseln längst. Und hin nach Italien komm' ich Um zu genesen? An der Wand sind alle Masken Arlechin, Pierrot, Brighella und Pantalon In kräftigen Farben bunt gemahlt: Und nun sitzen wir all und bilden Ein Concilium, Und referiren, Judiciren, Lementiren, Setzen den Casus der Krankheit, Die Fülle der Leiden, Das Mangelhafte der Constitution, Weislich und preislich lang auseinander: Rath wird gegeben, Mittel gepriesen, Wünsche gehegt, Auf Aerzte geschmält, Das Wetter getadelt. Ja, und was nicht zu läugnen, Keine Thüre schließt, Kein Fenster ist dicht, Zug allenthalben, Und die Diät Auch nicht die beste. Doch nach langem, vielen Rathen, Nach dem Schelten, Klagen, Trösten, Geht ein jeder doch nach Hause Eben so, wie er gekommen Und die alte gute Zeit, Die Geduld, die unerlaßlich, Gutes Wetter, und ein Zufall Muß wie immer, so auch hier Wohl das Beste thun. Verona Seid mir gegrüßt, du alte Veste, Du schönes Land, ihr lieben Hügel, Du schöner Strom, Und all ihr zarten Erinnerungen, Die wie frohe Kinder, mahnend, neckend, Sinnig lächelnd um mich gaukeln, Mir dies und jenes zeigen: Den alten Dom, Der Scaliger Grabmal, Das weite Theater, Der zärtlichen Julie Begräbniß, Vor allen aber die Spuren Des alten Helden Dietrich's von Bern. Ja, ich wähne die hohe Gestalt Dort oben bei den alten Zinnen zu schauen, Mir ist, ich seh die Heldenschule, Die ihn kräftig, trotzig, muthwillig umringt, Ihn Bruder, Vater, Lehrer, Fürst und Musterbild begrüßt. Der greise Hildebrand Ergeht sich im trostreichen Gespräch Mit Wolfart und Dietlieb. Die hohe Pracht der Niebelungen Steigt verklärt aus den Wolken herab, Und wie die Helden wieder schwinden, Der holde Wahnsinnstraum Dem Begeisterten entfleugt, Klingen doch die vollen Töne, Jenes alten deutschen Liedes, Jener Starkmuth, die Lebenskraft Nach im Ohr, und mir wird schwer Die Thräne rückzuhalten. Die Arena Wundervolles Prachtgebäu, Das in herrlicher Vollendung, Edlen Ebenmaßes, leichter Schönheit Groß und würdig den Zeitläuften trotzt. Als wärst du ewig, So fest, gediegen, dir selbst genug. Wie die Harmonie des Werkes Mich erhebt und froh befriedigt, Muß ich still doch in Verwundrung Jene alte Zeit bedenken, Da es Sitte und Bedürfniß war, Wilde Thiere, Gladiatoren, Sich im wilden Kampf zerfleischen Und ihr Blut vermischt zu sehn, In so edlem Gefäße fließen. Und wir! Sind bei uns nicht auch die Bühnen Schon von Fürst und Staat geschützt, Aufgethürmt und kostbar reich? Zwar nur Schatten dieser Pracht, Aber wie viel Leinwand, reich bemalt, Seidenzeug und Gold und Flitter, – Um die Armuth Unsers Lebens Abgespiegelt dort zu sehn. Ist der Römer uns zu grausam, Sind wir ihm gewiß zu kindisch, Wenn er Blut in Freuden fließen sah, Rinnt uns schwächlich Thrän' auf Thräne, Ueber wenig, über gar nichts, Und wir nennen uns gebildet. Juliens Grab Dieser öde Winkel, dieser kalte Stein Soll das Grabmal seyn Jener Liebesblüthe, Die des Dichters himmlisches Gemüthe, So rührend nah, vertraut bekannt An unser Herz mit tausend Leiden band? Braucht der Sage holder Traum Zeit und Raum? Fernab baut sie nur aus Lichtern Und aus Schattendunkel, Ihre Bühne: weh den Dichtern, Wenn so kalte nackte Wände, Ohne Schmuck und Zier Bieten dürre Todtenhände, Starr entgeistert stehen wir. Alles widerstrebt, was Phantasie Uns gezeigt und vorgespiegelt, Dieses war der Kirchhof nie, Der die Liebenden im Tod vereint, Wo noch Romeo geweint, Und ein Kuß den letzten Schmerz versiegelt. Alte Sagen gehn und kommen, Orient und Occident Oft zu einem bunten Licht zusammenbrennt: Hat die Mähre Platz genommen Und tönt von des Volkes Munde, Sucht der Freund dann Zeit und Stunde, Haus und Raum Lügenhaft dem süßen Traum; Vor Gerippe wird man hingestellt: Diese waren, Heißt es dann, vor Jahren Einst die Schönheitsmuster aller Welt. Kleines Theater in der Arena Werther und Charlotte wird gespielt. – Wie neugierig strömt das Volk Das Lieblingsstück zu sehn, Wie ungeduldig sucht jeder Platz Den Liebling als Werther zu vernehmen. Die kleine Bude Steht ohne Vorhang, Das volle Sonnenlicht scheint hinein. Unten der gemeine Mann, In zweien Logen die Vornehmen und Kranken. Wie sonderbar Strecken sich die großen runden weiten Stufen Der Steinzirkel aus. Ein Sechstheil nur des großen Amphitheaters Ist eingehegt, Um auch von dort zu schaun. Hierher ziehn die Frauen und Mägdlein, Mit Schmuck angethan, In farbig seidenen Kleidern, Sie nehmen lachend die hohen Sitze ein, Und spannen über sich bunte Sonnenschirme. Wie ein Tulpenbret glänzt die Versammlung, Wie leuchtende Edelsteine Bewegen sich die Farben im wechselnden Schimmer. Alles ist aufmerksam, Und wie das Leiden der Dichtung steigt, Erröthen die staunenden Hörer gerührt. Carlota piange! ruft Werther Im süßesten Schmerze melodischen Lauts, Und alle Hände, Fächer, Tücher, Beine, Stöcke Erregen das lauteste Getümmel freudigen Beifalls, Und tausend Thränen fließen. Glückseliger Dichter, Der du nur die schwache Feder In den Wohllaut der süßesten Sprache Nachläßig tauchen darfst! Wozu noch Bilder, Gedanken, Gefühle, Wenn dein Mutterton Schon für dich dichtet und die Herzen bewegt? Doch Heil dir, Werther, Denn nie vernahm ich wieder Die zarten Worte also schmerzlich und süß erklingend. Charlotte, das edelste Bild, Anmuth jede Geberde, Kräftig und groß, Die Stimme zart und voll: – O weh! Was mischt sich in die Leiden der Liebenden? Ein ferner Donner ertönt vernehmlich, Die leuchtenden Farben bewegen sich unruhig, Auch das Parterre murrt schon. Und wieder ein Schlag, Und der Regen strömt schwer in großen Tropfen, Da drängen sich Weiber und Mädchen herbei, Sie springen die Stufen herab, Ein Flammenmeer bunter Farben, Sie suchen alle Schutz, wo keiner zu finden, Unten kehrt man Bank und Sessel um, Sich gegen den Regen zu bergen, Alles murrt und zankt, Niemand weiß weswegen, Und der geliebte Werther Muß im Monologe Der Leidenschaft gebieten und inne halten, – Das Stück bleibt stehn, So lange das Gewitter des Himmels spielt. Darüber wird es spät und finster, Mancher schleicht fort, Und der durchnäßten Versammlung Wird in der Finsterniß Bei wenigen Lichtern, Gegen die die Fledermäuse fliegen, Das Schauspiel geendigt, Und Werther gerettet, Doch war er nicht froh mehr, So schien es, seines Lebens. Fahrt nach Mantua Beschlossen war die Fahrt und doch verzögert. Wundersame Mähren, Wie aus dem Dunkel früher Jahrhunderte, Leben wieder auf und wandeln uns nah. Es schüttelt bedenklich Der Vetturin das Haupt, Der Wirth und die Gäste Schauen sich ernsten langen Blickes an, Und an der Furcht des einen Zündet jener am Funken Die Fackel seiner Angst. Ein scheußlich großes Ungeheuer Lagert auf dem Wege, Unbeschreiblich ist es, aber kräftig, wild: Erst nur verschlang es Schaafe und Hammel, Dann auch die Menschen, Wagen und Pferde. Ist es ein Lindwurm? Kehren die Drachen denn wieder, Die wilden Würme, Die Dietrich von Bern so früh schon vertilgte? Jammer auf Jammer! Schon wieder ein Fuhrmann, Der Angst und Roth Mit zitternden Lippen berichtet. Von Mantua aus zog ein Geschwader, Wohl gerüstet, Mit Schwert und Lanze, Und neuen Flinten, Nicht wenige Mannschaft. Und Lieutnant weder, Noch Sergeant, Corporal, Am wenigsten die Gemeinen, Haben die Thore der Stadt je wiedergesehn: Wo sind sie geblieben? Mit welchem neuen Kriegesmuth Muß der Gräuelwurm nun schreiten, Unüberwindlich trotzen, So viele Helden im Bauch! Nun beschwört uns unser Florentiner, Der selbst gern dem Vaterlande zueilt, Ja zu warten und zu harren, Still ergeben, Bis man merkt wohin sichs wende, Wenn das neue Commando Dort aus der Vestung Mit Artillerie reichlich begleitet, Dem Ungethüm entgegen eilt. Doch mit Bitten, Lachen, Drohen, Schimpfen, Zank und vielem Scherz, Wird der Zitternde doch bewogen, Die Thiere einzuspannen. Der Senat schüttelt das Haupt, Und sieht uns weislich nach, Meint am Ende, An thörichten Deutschen sei freilich nicht viel verloren. Hell scheint die Sonne, Schnell läuft das Fuhrwerk, Und der Regierer Hat Augen rechts und links und allerseits. Alles in Ruhe, Doch naht nur ein Reiter, So hält er sinnig an. Schon entwickelt sich in grüner Ebne Die Vestung dort, Sein Muth erwächst so mehr und mehr, Er treibt die Rosse Und an dem Thore Sind wir geflügelten Laufs. Welch Menschengedränge! Welch Toben! Welch Erzählen! Welch Jubelgeschrei! Und aus dem Irrsaal Vernimmt man die Mähre, Das Furchtgethier Sei eingefangen, Von kühner Heldenfaust erlegt, Und dort auf dem Rathhaus für wenige Groschen zu sehn. Wir steigen ab, Und folgen dem Zuge. Was war das Gespenst? Ein mäßiges Wölflein, Dem man mit Pflöcken Den Rachen aufgesperrt, Daß die poetischen Menschen, Die Phantasie begabten, An seinem nicht großen Gezahn Sich schaudernd ergötzten. Pallast T. in Mantua Kann ein Kranker, Schmerzensreicher Ohne inn'ges Mitgefühl Diesen Sturz der Riesen sehn? Wie sie zerschmettert, In Bergen vergraben, Ohnmächtig diese, Jene noch kämpfend, Sterbend der in stiller Wuth, Rings die weite Landschaft füllen? So mächtig groß und wild, Als wenn aus ihren Gebeinen Die Felsen der Erde erwüchsen, Die dann noch in stummer Geberde Durch alle Jahrtausende Dem Himmel dräun. Oben die Götter In Sorg' und in Kampf, Hülfthältig jeder. Nur ein schlauer Satyr Nimmt, in den Greuel der Verwüstung Entsetzt hinunterschauend, Noch die lüsterne Nymphe Mit ihr entfliehend: Mag Zeus nun siegen, Die Titanen den Himmel stürmen, Er hat den Augenblick erobert. O kühner, zu kühner Julius! Wie verwegen hat deine Zauberhand Dies übermenschliche Gedicht vollendet! Und welche Anmuth, welche Frische, Welcher Liebreiz und stille Wonne, Dort auf dem Lager Psyche's und Amor's. Süß befriedigt Ruht das beseligte Paar, Und reines Entzücken Strahlt aus den reinen Formen Hell den Beschauer an. Und Centauren und wildes Ungethier, Und leichter Scherz und Lüsternheit Zieht wie ein muthwilliges Gedicht Durch alle Mauern des Palastes. Ja wohl war dein edler Meister todt, Und der ungezogne Liebling der Grazien, Im eignen Uebermuth sich taumelnd, Hat Rafaels Genius Mit heißem Weine trunken gemacht, Und mehr als begeistert Schwärmen die bacchantischen Bilder Tobend, jubelnd umher, Eigenwillig bei Paukenklang, Mit Cymbelngetön Die Gränze des Parnassus überschreitend. Doch alle Musen lächeln Von oben herab, Und die Grazien sinnend Wenden sich halb, Doch leuchtet ihr heller Blick, Ohne Tadel und Mißmuth Ungetrübt auf die frische Lebensdichtung. Die Berge Wehmuth thaut vom Himmel nieder, Aus den Wolken, dunkel schwer, Sinkt ein düstrer Traum hernieder, Und von Hoffnung bleibt die Seele leer. Schmerz, wohin ich denk' und fühle, Wie der Blick sich rings erhebt, Nichts, das meine Angst mir kühle, Nirgend Trost und Freude lebt. Wie in Nebel sich verhüllet Fern der Berge spitzes Haupt, Plötzlich dann aus Dämpfen quillet Und daher glänzt grün umlaubt. So kann mir zurück auch geben, Was mir nahm ein schwer Geschick, Meine Jugend, Frohsinn, Leben, Auch das fern entschwundne Glück. Bologna Zu dir wall' ich, alte Stadt, Um den alten Goldschmidt, Den theuren Freund, Näher und näher zu kennen. Welch kühnes Wollen Verkünden uns hier die Bilder Francia's! Edler Greis, Der du so sehnsüchtig Ein Werk des verwandten Größern Rafaels erharrtest. Wer darf die Kunst ausmessen Und ihre Grenzen ziehn? Wer kann die Ewigkeit beschränken? – Nur wer die kleine Gegenwart Als den Mittelpunkt alles Daseyns erkennt. Die Pilger Absteigend tief in Bergen Dem Ruheplatz mich nähernd, Vernehm' ich deutsches Wort, Aus unbekanntem Munde. Von neuem geht das Herz mir auf, Und Thränen ergießen sich Bei der bescheidenen Bitte Des wandernden Manns und der Frau. Sie wandern von Rom, Wo sie alle Heiligthümer gegrüßt, In Staub und Hitze Zum fernen Schwarzwald, der Heimath zurück. In Nöthen gebetet Haben sie heut Und der Himmel erhört sie, So jubeln sie laut, Er sendet ihnen im einsamen Gebirge Deutsche Landsleute zu. Mit Trost reicht' ich ihnen die Gabe Und war noch lange bewegt; Da dacht' ich der Worte Unsers großen Freundes: Seh' ich den Pilgrim kann ich mich nie der Thränen enthalten. O, wie beseelet uns Menschen ein falscher Begriff! Doch die Armen haben für ihr Leben Nächst des Herzens und Glaubens Befriedigung Tausendfaches schönes Erinnern, Von Roms Herrlichkeit, Den hohen Gebirgen Und Florenz Pracht. Wir alle wallen In gläubigem Gefühl – Und kannst du denn immer So scharf es sondern, Ob nicht im Glauben, Im bewegten Herzen, In der Entzückung, Dich, wenn auch nur wenig, Aberglauben beschleicht? Anblick von Florenz Endlich den letzten Hügel hinauf, Und unter mir Das weite, blühende Thal, Rings die Gebirge, Die herrliche Stadt Im Glanz der scheidenden Sonne. Das Abendroth erglänzt Im vielfachen Purpur An den Felsen und die Gebäude Brennen im Stral, Und hundert Villen Erglänzen fern und ferner. Der Himmel spielt mit Grün und Blau, Und hüpfende Lichter Lachen auf dem Strom. Süße Dämmrung Tritt aus dem Aether Die Welt umfassend, Und in schweigender Rührung Empfängt uns die dunkelnde Stadt. Marktplatz So seh' ich dich, du altes Haus, In dem Saal und Zimmer und Hof Ja jeder Stein Uns Geschichte lehrt: Du alter Pallast, Zeuge so vieler Thaten, So vieler Gräuel, In dessem Zirk Die edlen Bürger, Die feinen Fürsten Gewandelt und gesprochen. Und Buonarotti's Werk Mit Bandinellis Riesen Hält draussen Wacht: Dort in der Halle Prahlet der Perseus Des wunderlichen Abentheurers, Des Fechters und Künstlers, Benvenuto Cellini. Die vielbewandelte Gasse, An San Michel del Orto vorüber Führt mich zum weltberühmten Dom, Des Brunelleschi Denkmal. Dort die erznen Thore Wundervoller Kunst. In welcher Gasse, Vor welchem Kloster, In welcher Villa Ist es stumm, Daß nicht laut die Kunst Mit allen Stimmen riefe? Wohin ich blicke Tritt die Erinnrung auf mich zu Holden und ernsten Angesichts. Und wie ich den Kreis Der Thaten und Männer, Der geliebten Künstler Sinnend überschaue, Reiht sich der große Dante Dem Zuge an, Und alle blicken voll Ehrfurcht Auf den greisen Alten, Der alle belehrte, Der sie alle entzückte, Und die Begeistrung vom Himmel rief, In Beatrice's Gestalt zu wandeln. Boccaz Könnt' ich hier wandeln Und nicht deiner gedenken, Du scherzender Ernst, du reicher Geist, Den Muthwill und Tiefsinn, Freier Geist und Zweifelsucht, Und Frömmigkeit und Liebesleidenschaft Durch sein buntes Leben führten? Du hast die florentinische Zunge Zuerst gelöset, Daß sie im feinen Scherz Und üppiger herber Lust Das gewagte Wort, Der Rede Stachel gefunden: Mit weichen Blumenkränzen Vieldeutig das freche umhüllt. Der Traubenmarkt Führt mich an des Morgens Frühe Durch die sonnenhellen Gassen, Ueber die zierlichen ebnen Steine Der Genius der Neugier durch das Volksgedränge. Welche Fülle von Blumen und Früchten Bunt und lockend ausgelegt! Welch Geschrei von Verkäufern und Käufern, Wie lustig ist dieses Marktes Getümmel! Fortgeschoben Seh ich in hohen Körben Der sanften Tauben Geschlechter, Ruhig liegend, an Füßen gebunden, Hoch auf einander gepackt. Und aufgehoben Eine nach der andern, Nimmt sie behende der Alte, Oeffnet leicht den Schnabel, Streut einige feine Körner hinein. Ein Zweiter empfängt sie, Ein kleiner Trichter Wird ihr in den zarten Schnabel gethan, Und einige Wassertropfen eingeflößt. Dann wirft er sie neben sich in den Korb, Und so eine nach der andern, Bis jede genossen, Was sie in der Hitze bedarf. Noch stand ich lächelnd, Und die beiden Fütterer lächelten mir entgegen, Weil sie meine Unwissenheit merkten, Daß ich nie dergleichen gesehn. Doch sinnend ging ich weiter, Tiefer Gedanken voll, Und meine Seele weilte Heimathlicher Gefühle schwanger Im lieben Vaterlande. Dachte der Lesezirkel, Der Journal-Gesellschaften, Wo den Aufeinandergepackten, Nach Bildung Lüsternen, Auch so das Mäulchen geöffnet wird, Und wenig zarte Körner Und einige Tröpflein Wasser Ihnen zufließt von geschickten Fingern. O armes Florenz, Das du nur bildlich Von unsrer Bildung Die schwache Ahndung hegst! Radicofano Wüste Nebel und Wolken Ziehn über die zackigen Berge, Durch die öde Landschaft: Weithin alles trüb und finster, Kein Sonnenschimmer bricht Die schweren Wolkenmassen. Wie ausgebrannte Gebirge, Wie eine gestorbene Welt So weit das Auge ängstlich schaut. Da denk ich der vielen Qualvollen Nächte, Ohne Schlaf und Erquickung, Und rund umher steht jene Angst In Fels und Berg mir vorgemalt. Aquapendente Lieblich rauscht die Woge nieder, Spielend von den krausen Bergen, Die mit kühlen Grotten, Mit dem Schmuck der Kastanien, Herrlich im Licht erglänzen. Wohin ich blicke Süßes Wonnegefühl, Weiches zartes Licht Im vielfach schattenden Grün. Deiner muß ich gedenken Elzheimer, der mir zuerst So die Natur gezeigt. Fort denn, du finstre, kleine Stadt, Der großen Roma zuzueilen! San Lorenzo und Bolsena Weithin öffnet sich die Gegend, Unten glänzt ein blauer See. Trümmer einer alten Burg Blicken aus dem dunkeln dichten Eppich. Wie der Weg sich senkt, Steigen Inseln, Felsen aus dem Wasser, Sanft verschmolzen, Lieblich erhellt, Als wenn der violblaue Duft See und Insel und Fels Löste in lieblichen Traum. Ja, dies sind die lichten Formen, Die warmen, heitern Töne, Die der Zaubrer aus Lothring So wundervoll schafft. Der die Natur, Wie ein scherzendes muntres Kind In das Wollustbad des Lichtes taucht, Daß Wies' und Wald Und Fels und Strom, Meer und Luft Nur Eine Lust und Freude sind. Und deiner dacht' ich Brittischer Freund, Der mich nie verläßt, Durch dessen Augen Ich Welt und Menschen sehe, Und dein blaues helles Gedicht Twelf-Night stieg vor mir auf, In dem sich lustberauscht Alle Gestalten Im hellen Azur Scherzend bewegen. Erster Anblick von Rom Lange schon starrte mein Blick Hinaus in Flur und Hügel, Und immer nicht erschien der Wunsch, Der sehnsüchtigen Seele. Stille Träumerei umhüllte den Geist, Da wendet sich plötzlich der Weg, Und rechts erscheint der hohe Petrus-Dom, Des Vatikans Pallast, Und fern umher gestreut wie Hütten, Die weltberühmte Stadt. So ist der weite Weg nun überwunden, Und endlich, endlich ist das erwünschte Ziel erschienen? Und wie ich mich sammle, Mich und die Größe des Momentes zu fühlen, Zerrinnt in Schmerz Das kaum gehaschte Bild, Und alle die alten edlen Erinnrungen Entfliehn vor der drückenden, engen Gegenwart. Wie klein ist der Mensch, Wie arm im Schein des Reichthums! Schon treten die Gebäude näher, Schon heimathlicher wird Berg und Flur, Von alten Gemälden Erwacht in frischern Farben das Angedenken; Hier schon die Brücke, Die Straße der Vorstadt, Und rascheren Trabes Nähern wir uns dem Pappelthor. Wir treten ein, Vor mir der Platz und Obelisk, Die drei Straßen mit offnen Armen, Ein nüchternes Licht Erhellt unerfreulich Tempel und Pallast. Ich kann mich nur trösten. Nun schnell in den Armen Geliebter Freunde Der Klage Laut ertönen zu lassen. Villa Borghese Welche Lieblichkeit, Zier und Pracht, Kunst und Natur! So seh ich denn endlich, Was ich als Knabe schon träumte, Als Jüngling ersehnte, Und nun – Nur der Wehmuth hingegeben, Aengstet mich die freundliche Umschattung. Endlich ist mein Traum erfüllt, Und neidische Götter Senden mich her, den Verstörten, Dem der Sinn mangelt sein Glück zu genießen. Wie schaun mich ernst Lorbeer und Myrthe an, Wie schütteln die fernen Pinien Sanft säuselnde Häupter: Also kommst du zu uns, Ist dies dein Versprechen? Statt des lebenfrohen Jünglings, Sehn wir den Kranken, Leidenden hier, Dem der reine blaue Himmel, Die Baumeskronen, Der Duft der Myrthen, Nur Wehmuth hauchen? Fallet nieder, ihr schmerzenden Fesseln, Die ihr jede Lebensregung hemmt! Laßt mich frei! Daß ich die alten Freunde, Alle die Wundergestalten, Jauchzend umarme. Doch der Gefangene Hat nur Thränen, Die Dämmrung verhüllt sie. Zurück zur dunkeln Stadt Trägt mich der Wagen, Und ruhend im Sessel, Können kaum Gespräche, Leichte Blätter Den Lebensmüden Erheitern und laben. Das Pantheon Des Abends Kühle lockt mich herab, Ich durchwandle die belebten Gassen, Durch Geschrei und Kauf und Gespräch, Und irre, dem Corso vorüber, In unbekannte, dämmernde Straßen hinein. Wie wohl thut das Umirren Durch fremde, hochberühmte Stadt; Jeder Stein wird zum Wunder, Jeder ohngefähre Laut zum Mährchen. Ich dränge mich durch den Menschenhaufen, Und ein neuer, enger, voller Markt, Liegt mit finstern Buden vor mir, Das Gewühl des alltäglichen Lebens Betäubt mein müdes Ohr, Und plötzlich erhebt sich der Blick Und schaut vor sich nahe und heilig Den edelsten Tempel, So wohlbekannt aus Bildern, So vertraut dem Herzen. Offen ist das Thor der Säulenhalle, Und wenige Betende knien hier. Mich umfängt das harmonische Gebäu, Und edle Gedanken Wachsen mir licht im Geiste auf. So ist im Leben Das Göttliche oft Dicht am Gemeinen, Geringen, Alltäglichen, Nur sieht es nicht das blöde Auge. Tadle dies Niemand, Wenn nicht immer große Vorhöfe, Prachtvolle Plätze, Weite reiche Ferne Das Ueberirdische unsern Sinnen vorbereiten. Wir lieben in vertraulicher Nähe Das Himmlische zu sehn und zu fühlen. Die spanische Treppe Viel schon seit Wochen Verdank' ich dir, du hohe Stiege, Mein freundlicher Nachbar. So wie die Gläubigen fromm Dort am Lateran Auf heiliger Staffel knien, So nun seit Wochen Wandl' ich, wenn die heiße Mittagssonne Brennend nieder scheint, Die edlen Stufen auf und ab, Schau mich oben um, Erblicke unter mir Rom, Und dort den Vatikan und Peters Dom, Steige wieder hinab, Und übe mich im ermüdenden Spiel, Fast bis die Kräfte schwinden. Schon fühl' ich mich leichter, Heitrer, kräftiger, Die Fesseln lösen sich gelinde, Und dankbar schau' ich hinauf Zu meinem hohen Arzte. Doch das Volk der Römer, Die wie die Schlange die Sonne scheun, Und weite Umkreise ziehn, Dem Schatten folgend, Schauen bedenklich, Die Häupter schüttelnd, Aus kühlen Räumen, Und hinter vergatterten Fenstern, Auf das deutsche Wunder. Geht doch die Weltuhr jetzt In allen Reichen Neuen, niegesehenen Gang, Wird man doch überall Das Unerhörte gewohnt; So sieht auch schon trägern Auges, Der weniger Staunende Mein Treppenbad ruhiger an. Der Vatikan So oft ich wiederkehre Von Rafaels hohen Werken, Fühl' ich mich reicher, kräftiger, Der Muth des Herzens wächst, Und mein ist diese Herrlichkeit. Bin ich entfernt, Brennt in mir wieder die Sehnsucht auf, Die Himmelsschrift der Säle zu lesen, Und näher, verwandter, Wächst in meiner Seele Die Schönheit frisch grünend üppig mir. Wie so anders, Als der Kranke zum erstenmal, Mit Thränen der Wehmuth, Ohnmächtigen Gefühls Von dort hernieder stieg. Seid mir gegrüßt, ihr Genien, Die ihr so huldreichen Sinnes Freundlich den Schwachen Wieder aufnehmt in euern heitern Kreis. Wie viel Schmerz und Lust Dank ich nicht euch, Himmelsgeschwister, Kunst und Poesie! Dankbarkeit Welch Betteln, welch Verfolgen, Welcher freche Ungestüm! Nur des Italiäners Phlegma Weiß diese stürmischen Wogen zu beschwichtigen. Schon ist es dunkel, Müde schwank' ich über den Corso Der Heimath zu. Erfaßt mich die Hand eines ehrbaren Alten, Führt mich beiseit, Erzählt sein Unglück, von kranken Kindern, Von Mangel und Noth und den bittern Schmerzen Verschämter Armuth. Ueberrascht, verlegen, da ich vom feinen Mann Nicht dies Geständniß erwartet, Gleiten ihm einige Paul in die Hand: Er drückt die meine, Ach! könnt ich, flüstert er mit Innigkeit, Etwas thun für so edlen Geist! Er hat den hinkenden Gang, den Stab gesehn, Er faßt mich rüstig unter die Achsel, Und bevor ich noch fragen, Bejahen, verneinen kann, Trägt er mich, führt er mich halb, Die fünf, sechs schmalen Stufen hinauf, Die an der Straße Sich längst dem Hause ziehn. Als ich nun oben Gebückt und ängstlich schwanke, Verneigt er sich tief, Im Dunkel seinen Weg hinwandelnd. Kaum vermag ich scheu und tastend, Zitternd, auf den Stab gelehnt, Die Straße wieder zu gewinnen, Die ich so seltsam verlor. Geschieht nicht vieles so, Wenn Manche wähnen Gutes zu thun? Das Feuerwerk Konntest du ahnden, Augustus, Weltbeherrscher, Daß ein spätes Geschlecht In deinem Grabmal Den matten Stier hetzen könnte, Daß hier Hundegebell Und Jauchzen der Handwerker tönte? Heut brennt ein Feuerwerk Im bunten Spiel, Ich schaue von oben In die lichtsprudelnde Thorheit hinab, Und höher hernieder Scheint vom klaren Himmel Der goldne volle Mond. Ein türkisch Gezelt Mit vielen Lichtern, Mit leichter Luft gefüllt, Steigt zum Beschluß langsam in die Höhe. Da schwebt das leuchtende Gespenst, Und wie ein sanftes Lüftchen Vom Berg herüber weht, Schaukelt und schwankt das leichte Gewebe: Doch nun kühner, wendet es sich um, Und Funke erst dann Flamme Zeigt sich verzehrend hell Und frißt den Scherz hinweg, Daß leuchtend nieder tropfen Die flimmenden, schnell erlöschenden Zunder. Doch voll und glänzend steht die Mondesscheibe. So du, alte Kunst und Poesie, Wenn tausend flatternde Fünkchen Nach augenblicklichem Leuchten Als Zunder in des Vergessens Reich eintauchen. Campo Vaccino So oft mein Fuß hier wandelt Vernehm' ich Geistergeflüster, Herab vom hohen Capitol, Durch der Säulen Lockenhaupt, An den Pallasttrümmern Cäsars. Welche Welt lehrt aus dem Schutte, Aus des Coliseums Wölbungen, Vom Friedenstempel, und Titus Triumph, Welche Sage wandelt noch Wunder sprechend Unter diesen Bögen! Hier müssen in heiliger Stimmung Fürsten und Priester einhergehn, Und der Denker, dem die Geschichte Gottes Gegenwart furchtbar zeigt, Furchtbar und tröstend, Erschütternd und beruhigend. Schaut alle hier die schmerzlichste Wunde, Die die Zerstörung schlug, Und die noch immer blutet. Hier spricht der zuckende Leichnam Erhabne Worte. Aber die Sterblichen Wandeln ruhig dahin, Und wohl ist Allen, Daß ein lächelnder Genius Ihnen schalkhaft die hüllende Binde vor das Auge geheftet. Stiergefecht Hüthe sich jeder der Fremden, Freitags dem Pappelthor, Den Plätzen ohne Vorsicht zu nahn, Denn wilder Stiere Heerden, Treibt ein unbändig Volk Auf eilenden Rossen, Mit langen Stäben bewaffnet, Rasch durch die Stadt; Nachschleppen die langen Seile, Um die Thiere zu halten Und die Sträubenden zu lenken In die Thore des Hauses, Wo sie als Opfer fallen. Oft stürzt die aufgehäufte Frucht Sammt der alten Wächterin Vor den Ungebändigten zusammen, Und die Jugend lacht In Furcht und Schadenfreude. An meinem Stabe hinkend, Schlich ich neugeschmückt Durch die sonnbeglänzten Gassen, Dem vornehmen Freunde meinen Gruß zu sagen. Hinter mir Getümmel, – Geschrei, und irres Laufen, – An vielen Seilen Wird ein Stier in die Straße gelenkt, Bald gerissen und gehemmt, Bald in scheinbarer Freiheit, Führt ihn das Schicksal Seiner Bestimmung entgegen. Schnell gewinn' ich ein Thor, Mich hinter die Pfosten zu bergen, Doch weh! – o Schrecken, Die Freistatt, die ich wählte, Ist des Geängsteten Opferstelle, Frei sich wähnend, Stürzt er herein, Kaum bleibt mir der Augenblick Die Treppe hinauf zu flüchten. Nach Hause kehr' ich ermüdet, Den Besuch vergessend. Der Ueberlästige Widerwärtiger, verhaßter Als stechende Fliegen und Ungeziefer Ist mir der unermüdliche Verwirrte Schwätzer, Der fragend, belehrend, erzählend, Empfindsam und ohne Ursach lachend, Salzlose Geschichtchen erzählend, Oft sich mir an die Seite schiebt, Und alle Krümmen des Weges Nach Tempel und Pallast Oder den heiligen Trümmern Mit Geschwätz mir mißt. Langsam wandl' ich die Stadt hinunter, Da hör' ich hinter mir sein verdrüßlich Husten: O weh! keine Flucht, Kein Hausthor in der Nähe, Keiner Kirche Asyl! Helft mir, ihr alten Jugendkünste, Durch die ich in frühen Jahren Wohl selbst die Freunde getäuscht! Schon hat der Bösewicht, So wähnt er, die sichre Beute, Sich auf Stunden erjagt. Da hält ihm der Wandelnde, Der sich mühsam aufrecht stellt, Ihn gerad anschauend Ein fremdes Gesicht Voll Falten und Runzeln, Verschobenen Mundes, Schielenden Auges, Ernst und feierlich entgegen. Er stutzt und weicht zurück, Er lüftet den Hut Und schreitet prüfend näher: Doch irr' und bethört Rennt er verwirrt Dem Fremden vorüber, Nach andrer Beute spähend. Dank dir, du komische Muse, Die mir die Fratze bilden half, Für Rettung und Hülfe. Bücher Hier vernimmt mein Ohr die Töne Voller und gewaltiger Von euch, ihr Hochgeweihten, Die mir drüben nur als Echo klangen Matt und schwach, fast ohne Farbe. Schon der frühe Morgen Findet mich bei Dantes Reimen Und Ariostos Zauberspielen, Jetzt versteh ich dich, Petrarka, Und die zartgeflochtne Rede Des kühnen Boccacio. Tasso, Tassani, Bojardo, und Lorenz der Medicäer, Lascen, und alle die frohen Zeitgenossen Warten schon auf meine Muße. Und drum find' ich kaum die Stunde, Was die Landsleute dachten Zu prüfen und mir anzueignen. Komm' ich doch zu euch zurück, Gönnt mir diese Feierstunden, Nie kann ich euch vergessen. Oft schon hat man belacht, Daß der Engelsmann reisend Allen seinen lästigen Trost mit sich führt, Und zum Aetna hinauf Den Theekessel schleppt, Um am Krater Wie an Londons Kamin Den chinesischen Trank zu schlürfen. Lächle doch keiner, Denn schlimmer als diese Treiben's die Deutschen. Wandeln doch oft mit mir Hochgebildete, feine, Fast gelehrte Edelleute, Die nur weniges der Italischen Sprache Lesend entwenden, Doch alle Meisterwerke Tragisch und komisch Unsers Kotzebue, Lafontaine, In großen Kisten mit sich führen, Und schwer und theuer Die heimathlichen Gefühle zahlen. Jüngst fragte mich einer Neugierig forschend, Ob ich vielleicht ganz unbedingt (Was ihm unbillig schien) Göthe's Fragment vom Faust Der Dichtung Schinks Den Vorzug gäbe. Er schüttelte ungläubig Das denkende Haupt, Als ich ihm betheuert, Daß mir die zweite unbekannt, Und ich auch ohne Trieb mich fühle Sie zu genießen. Ja wohl heiß' ich ihm unpatriotisch, Einseitig in die Erfindungen Der Wälschen vergafft. Mit gutmüthigem Eifer Wird mir von Enthusiasten Oft aufgedrängt, Dem ich schon jenseit der Alpen Gern entfloh. Der Bettler Kann ich dem dreisten Schwätzer, Dem bettelnden Redner, Dem ich stets heimkehrend vorüber wandle, Nimmer entgehn? Arm ist er nicht, Und dennoch bin ich gezwungen Ihm mehr zu reichen Als dem Elend-Dürftigen? Soll ich dort die Straße wählen? Nein! schäme dich dieser Schwäche! Mag er doch reden, Bitten und beten, Dreister Stirne geh' ich Ihm fest vorüber, Und keine Münze, kein Kupfer, Soll seiner Redekunst ein Opfer fallen. – Schon gewahrt er mich von fern, Er schwenkt den großen dreikantigen Hut, Und seine wohllautende volle Stimme tönt: Gebenedeit sei dort, der Edle, Der täglich leichteren Schrittes schon Durch unsre berühmten Gassen wandelt! Wohl haben meine frommen Gebete Dem Trefflichen genützt: Wie krank und schwach Schritt er mir ächzend das erstemal vorüber! Rüstigen Ganges, ohne Stab, Seh' ich ihn bald in voller Gesundheit prangen. Wer bin ich Aermster, Der ich hier als ekler Krüppel Auf der Gasse liegen muß, Daß ein solcher lieber, theurer Mann, Je um diese verzerrte Figur sich gekümmert? – Näher kommt er und mir näher. Ei! welch mildes Antlitz! Wär' ich nicht ein Verworfner, Wenn meine fromme stille Freude Nur dahin zielte, Eine Gabe von ihm zu empfangen? Fern sei von mir so niedrer Gedanke! Nein, Belobtester, Wackerster, Schreitet, schreitet dreist vorüber, Seht nicht her nach dem ärmsten eurer Verehrer, Der doch für euch beten und wünschen wird: Bettl' ich gleich, Eigennutz ist mir fremd, Doch kann ich nicht so verächtlich seyn Abzuweisen und zu verschmähn, Was solch Alexander mir bietet. – Schon hat er den Paul, Und lächelt dankend Mit seltsamen Blick. Die Marionetten Die künstlichen Burattini zu sehn Sucht' ich in finstrer Nacht Den großen Platz Navona. Im Corso blendeten die Feuer, Betäubte das Geschrei Der Fruchtverkäufer. Still und dunkel in den Nebengassen: Als ich geblendet, betäubt Den Weg erfrage, Stürzt mit Löffel und Schürze Ein Koch aus dem Pallaste Und führt mich belehrend und schwatzend Einige Straßen hindurch, Sich dann entschuldigend Daß seine Bestimmung zurück ihn rufe Rennt er hastig von mir Ohne nur Dank zu erwarten. Seiner Weisung folgend Tapp' ich durch die Finsterniß hin Die dichter und dichter sich vor mich baut. Endlich steh' ich ruhend, Rathlos und verirrt, Kein Mensch in der Nähe. Da wandelt' eine Gestalt heran: Wo geh' ich wohl zum Platz Navona? Ertönt die bescheidene Frage. Der edle Römer kommt mir näher. Sie sind ein Fremder, so beginnt er, Kein Wunder, daß in der furchtbaren Finsterniß Ihr Fuß irre geht, Und wir Armen, Elenden Stehn noch so weit andern Nationen zurück, Daß wir niemals Laternen zünden Als nur vor Marienbildern. – Er trat mir näher und faßte meine Hand: Doch gute, hülfreiche Menschen, Sprach er leiser und liebevoller, Ersetzen Licht und Fackel; Und wer wäre der Elende, Der nicht gern und mit Freuden selbst Dem verirrten Nächsten hülfe? Sei's auch mit Opfer der Zeit, Daß er mit ihm bleibt und wandelt. Und wehe dem Eigennützigen, (Er ist kein ächter Römer) Der nur um schnödes Geld Dem Fremdling seine Dienste widmet. Nein, immer war unsre hohe Stadt berühmt, Daß sie gern Hülfe, Rath und Trost spendete, Ohne nach dem blanken Gewinn zu schielen. Auch ich rühme mich ein solcher Bürger zu seyn, Und mancher Dankbare nennt meinen Namen Und mancher Undankbare verschweigt ihn. So hat das Schicksal es freilich gefügt, Daß ich meiner Großmuth nicht mehr gehorchen darf, Flehende Kinder, die weinende Gattin Jammern ihr mächtiges Nein entgegen, Doch kann sich mein Herz nicht gewähren Eng und kargend nach Geld zu trachten. Anders ist es freilich mit Edlen, Von denen darf auch der Stolze empfangen, Und der Freigebige, der tausendmal gab, Werde nicht roth auch einmal zu nehmen, Denn das ist gewiß, Die größesten Herzen, Die feinsten Gemüther, Kommen jenseit der Alpen uns herüber. Ich, des Geschwätzes müde, Hatte schon die Silbergroschen gefaßt, Die ihm nun in die Finger glitten: Doch wo ist der Platz? Fragt' ich ungeduldig. Trefflichster, sagte der Schalk, Indem er mit leiser Hand Die Wange mir rührend den Kopf mir richtete, Hier liegt er vor denenselben, Wir stehn schon darauf. Weder mein Lachen noch den Zorn erwartend, War er schnell in der Dunkelheit entwichen. Schmerz in der Lust Oft, wenn die Nacht dunkelt, Kann ich ungeduldig kaum erwarten Mich auf das Lager hinzuwerfen, So peinigt mich Ermattung und Schwäche. Und doch am frühen Morgen wieder Rufen mich die Bücher, Weckt mich das Coliseum, oder St. Peter, Die Trümmer dort, das Bildniß hier, Der Tempel im entlegnen Weinberg: Zum Vatikan ist oft mein Weg gerichtet; Ungern versäum' ich den alten Hymnengesang, Sei's in neuen, sei's in alten Kirchen; Dann lockt mich das Feld hinaus, Die herrlichen Gärten, Ein Volksfest auch, der Tiberstrom, Den Sonnenuntergang zu sehn Von Pietro Mantorio. Auch die Büchersammlung Der Klöster wird durchschaut, Dann quält mich am Abend das Theater, Das ich ungern misse, Und immer wird mir doch der Tag zu kurz, Und viel zu lang die Nacht. Jetzt aber hat ein Unruhstiftender Irrer und schlimmer Geist Mir noch die Arbeit gehäuft. Der Verführer hat mich auf den Vatikan gelockt, Dort die alten deutschen Schriften, Vom Dietrich von Bern und Tristan, Titurell und Malagys, Vom König Rother und den Heymonskindern Zu lesen, zu vergleichen, Mir vieles abzuschreiben. Nun schelt' ich erst den Tag Und die zu flücht'gen Stunden, Nun scharr' ich, dem Geizigen gleich, Alle Minuten zusammen, Und karge vom Mahl und Schlaf Mir die Sekunden ab, So treibt mich ein schlimmer Fleiß; – Und ich mußte nach Rom gehn Um erst recht stockdeutsch zu werden. Heimweh Oft schon klang ein Ton herüber, Als wenn er jenseit der nördlichen Berge käme, Und müde mich und liebevoll grüßte, Und ich dachte der Heimath Innig zwar doch ohne Schmerz. Hör' ich auf den Gassen Im Volksgedräng' ein deutsches Wort, So faßt es mein Herz mit Rührung an; Doch es wandelt vorüber Und läßt den heitern Geist mir frei. Aber heut' am frühen Morgen Wacht' ich auf aus schweren Träumen, Alle Lieben sah' ich trauernd, Mein Kindchen sprach in süßen Tönen Und rief nach mir, – Da weint' ich heftig, Ein mächtiger Schmerz ergriff mein Herz Und drückt' und preßt' es Als sollt' es zerbrechen, Ein Schwindel ergriff mich, Mein Leben zerrann, Nichts war Wirklichkeit mehr um mich her, Alles zerfloß in Tod, Nur fern stand das Leben – Da wußt' ich, was Heimweh sei, Da fühlt' ich, wie der Sohn der Alpen Sterben könne in der Fremde An dem mächtig-schmerzlichen Gefühl. Die Erscheinung Denkend und noch die Gestalten ordnend, Die vom alten Pergament mir hell Entgegen leuchteten, Im Sinnen über Wittich und Hildebrand, Etzels Hofhalt im Geiste schauend Erheb' ich auf der Engelsbrücke Das Auge wieder zum Licht: Und neben mir wandelt zart und leicht Das liebliche Traumbild meiner frühen Jugend, Ganz leiblich, die Zwillingsgestalt Der ersten Sehnsucht der Liebe. Auch der Blick ist es, die Wange, Dasselbe Erröthen, der Schritt, Jetzt anreden möcht' ich sie, Jetzt zag' ich wieder und wähne Nur das Gebild des Schlummers zu sehn. Stumm, wie der Genius mit uns geht, Schreit' ich entzückt neben ihr hin, Die kleine Thür' in steinerner alter Hütte Empfängt sie verschließend. Oft bin ich wieder vorüber gewandelt, Doch niemals ist sie mir erschienen, Und wie ein Zauberschloß Steht das kleine Haus mit seiner Treppe da, Und niemals schaut aus seinen engen Fenstern, Und niemals zeigt sich vor der kleinen Thür Ein Menschenantlitz. Weihnachten Wenn herüber zu meinem Garten Die alten Lieder tönen, Der Pfeifer, die aus dem Gebirge kommend Jeglich Marienbild mit Weisen grüßen, So dünk' ich mich in seltsame, ferne Wunderzeiten entrückt, Und alte Legenden, und himmlische Sehnsucht, Zarte Lieb' und große Erinnerung Quellen aus den rauhen, einfachen Tönen. Tiefer, und inniger Spricht der Frömmigkeit Wort Die wunderliche Melodie, Als in den Kirchen Der neuen Künstler Wirrwarr, Die alle Töne keck aufbieten Um zu heucheln und zu grimassiren, Und mit weltlichem Prunk Das Heilige höhnen. Carneval Freudiger und lichter Wird mir mit jeder Wiederholung Dieses bunte Getümmel. Wohlthuend, befreiend, Wirkt so die Thorheit Froh und ungestört geübt, Sie löset und lüftet Des Mißbehagens und Zürnens, Der Bosheit, des Grolles Tausendfältige verschlossene Ursachen. Was Weisheit und Gesetz nicht vermag, Die Religion selbst ohnmächtig bekämpft, Beschwichtigt der Taumel des erdichteten Wahnsinns. Und die schönen Larven Hat Amor selbst erfunden, Sie verstricken Aug' und Herz. Die reizenden Gewänder, der freie Fuß, Das schlanke volle Bein, der weiße Nacken Und die verhüllten dunkeln Augen Bethören den Sinn. Doch wieder ernüchtert Erwacht die Seele vom Rausch, Wenn am Abend Die Schöne statt der Maske Das eigne Antlitz zeigt, Der Reiz erstirbt, und die Alltäglichkeit Spricht aus den ermüdeten Gestalten. Der letzte Tag der Feste Aus dem blendenden Saale Tret' ich in die Dunkelheit der Nacht, Froh doch ermüdet den Weg nach Hause suchend. Auch Lust und Thorheit übersättigen, Und die Seele wünscht die ernste Ruhe wieder. Da taumelt ein Alter Die Straße hinab, Von einem Knaben geleitet. Der Alte murrt und klagt, Und zürnt, so scheint es, mit sich und der Welt; Doch im bekannten Refrain, Der täglich das Ohr betäubt, Singt der halbberauschte Junge: Sei ruhig, mein Väterchen; Was thut das Haarbeutelchen, Das wir heut', und gestern und einige Male mehr uns getrunken in Lustigkeit? Vorüber ist nun die Zeit des Fröhlichseyns, Schon morgen früh sitzen wir Sünderchen Und streuen uns Asche auf die Häupterchen. Glaube mir, der Herr der Welt, wie das Sternenheer, So schuf er auch neben der Frömmigkeit Die Lust an der Lust und das Carneval: Uebel nimmt es gewiß nicht der Gnädige, Wenn er dich heut' zum Beschluß also wackeln sieht, Denn wirklich wir trieben es mäßiglich Und tranken und lärmten nicht allzuviel. Doch wird dir zu schwer dein sanft Herzelein, Gehst du ja nun hin zu dem Beichtiger, Der dich, o du Guter, von Sünden dann reiniget. Drum fröhlich noch jetzt bis zur Schlafenszeit, Schlafe dann, Väterchen, festiglich, Auf dann erwache zur Heiterkeit, Buße thu, lebe dann tugendlich. – Immer noch murrte der Alte, Und lächelnd folgt' ich dem Paare, Weil es mir ein frommer Hymnus schien, Der von des Sohnes Lippen, den Vater zu trösten, Durch die Nacht erklang. Die Bußpredigten Unterirdisch, schwarz verhängt, Nur von wen'gen Lichtern hell, Ist rings der düstre Dom von Todtenschädeln, Gerippen und allem Graus erfüllt, – Hier redet begeistert von der Vernichtung, Von Todesgraun und Verwesung Der Mönch mit starker Geberde. Alles schweigt, und Thränen fließen, Schauder ziehn durch das Gewölbe, Und was sein Mund verschweigt Sagt ernster noch der weiße Schädel, Und das schwarz umkleidete Geripp. Dennoch sah ich, wie auch in des Todes Abgrund Sich muntre Augen lächelnd begegnen: Er winkt bedeutend, sie eilt mit der Alten In die Nacht hinaus, Und nach demüthiger Kniebeugung Folgt der Jüngling der Sünde nach. In allen Regionen wohnt Lachen und Thräne Als ungleiche, doch gesellige Nachbarn, Nahe beisammen, Doch hier zumeist In der heiligen Stadt. Villa Pamphili Wenn ich dich grüße Du ernst holdselige Wildniß, Und mein Auge von der Höhe Auf dem dichten Pinienwalde unten ruht: Von dort herauf ein heilig Säuseln tönt, So fühl' ich Geister schweben, Und wie auf regen Harfen Ahndungsvolle Saiten mit luftgen Händen rühren. So blickt der ewge Dom mächtig herüber, Von Michel Angelo gegründet, Und Natur, Geschichte und Geisterwelt Tönen im wundersamen Chor zugleich. Was ist der Mensch, Daß er diese Schöne fühlt? Wie unermeßlich die Liebe Die ihm die Unendlichkeit dieser Wonnen gönnt! Die heilige Woche Welches Tönen, welch Empfinden Zieht durch jede seelge Brust! Nun erst werden die erhabnen Bilder Der hohen Sistina lebendig! Wie rührt, bewegt und ängstet Allegri's Klargebitte, sein frommer Gesang, Wenn das bebende Auge Oben den Weltrichter sieht Sich zürnend erheben: Die bittende Mutter an ihn geschmiegt, Die Heiligen um ihn, Die furchtbaren Engel, deren Posaunenhall Die Schläfer weckt, Und rechts die Hoffnung der Guten, Links der Verdammten Verzweifeln. Umher die hohen Prophetengestalten, Der weissagende alte Bund, Der sich jetzt am furchtbarsten Tage Ganz erfüllt. Wie die Sonne tiefer und tiefer sinkt, Leuchtet der rothe Stral Wundersam in Buonarotti's Schöpfung hinein, Die Lichter erlöschen Eins nach dem andern, Die Abendröthe sinkt, Und Dämmrung und Dunkel Ruht auf der bewegten Menge So wie die letzten Töne verklingen. Gedankenschwer, mit dem Busen voll Schmerz, Wandelt jeder durch die ruhigen Straßen, Noch am Abend, in tiefer Nacht Zieht der Klageton durch seine Seele. Ostern Endlich ist der Schmerz gelößt, Und in Thränen der Rührung Badet die Freude den jungen Fittig, Und schwingt sich jubelnd der ewigen Liebe entgegen. Kein Herz, das nicht schneller klopfte, Kein Auge, das nicht heller glänzte. Nur wer es empfand und lebte Kann es wissen und aussagen, In welche Wonne, in welche seel'ge Leiden, Die Kunst vereint, verbrüdert, Die Seele tauchte. Wie das große, edle Gebäu, Von den hehren Wänden die Bilder gottbegeistert, In der Luft die Musik sich wiegend, Alle Töne Engel, Die Farbenschöpfung Himmel, Das irdische Herz erfaßten, Gefangen führten, In Leid verklärten, Zur Lust neu schufen. Endlich klingt der Trompetenton, Der Kanonendonner hallt, Das Bild am Altar ist frei, Das Te-Deum erschallt, Und die Auferstehung wird verkündigt. Draussen segnet der fromme Greis Die Tausende, die unter ihm knien, Vom blauen Himmel bedeckt, Vom Frühling mild gestärkt. Ja wohl bist du, Rom, Noch heut die Königin der Welt. Villa Borghese Niemals veraltet dein Reiz, So oft ich hier wandle. Dank dem edlen Geiste, Der das süsse Labyrinth erschuf Und uns vergönnte, Hier, wo aus grünen Bäumen Bilder uns grüßen, Wo Blumenpracht den Frühling ausgießt, Und Duft und Farben spendend Alle Sinne mit Zauber umstrickt, Glücklich zu seyn. Dort das sprudelnde Wasser, Und in dem einsamen Raum Unter Eppich und Ulmen versteckt, Die niederperlenden Tropfen Kristall's, Die in Marmorbecken Melodisch fallen und klingen: Dazu der Turteltaube Liebesklage Aus dichterem Gebüsch, Den wilden Waldruf Fremden Geflügels. Wie oft schon trank ich hier das süßeste Innigste Leben entzückt. – Hier auch bist du gewandelt, Edelster Genius, Unsers Vaterlands Zier und Lust, Göthe, deutscher herrlicher Sänger. Hier, so verkündet die Sage, Ward dein Lied vom Tasso gedichtet, Und jedes lispelnde Blatt, Der Lorbeer rauscht deinen Namen, Die Springquellen reden von dir, Und ein Geisterschauer Fliegt über mir hinweg Und säuselt noch heilig in den fernen Pinien. So les' ich täglich die alte Welt, Stein und Boden und Fluß, Himmelsbläue und Baum Reden von ihr. Des Mittelalters Wunder, Die Kraft der Religion, Die Helden der Vorzeit, Treten sichtlich vor mich hin, Mit Glanz umflossen. Schwebt mir Rafaels Schatten Grüssend vorüber, Er inmitten der Schaar Der begeisterten Dichter und Bildner, Erwiedr' ich mit Thränen den Gruß. Und nun noch muß mir die süßeste, lieblichste Schönste Erinnrung begegnen, Deine hohe Gestalt, Du mir von Kindheit befreundet, Vorbild und Muster, In dessen Lied mir der trunknen Begeistrung Quelle rauscht, Du, der den Muth der Brust mir weckst, Und, Unerreichbarer, im Kampf der Liebe Das frohe Gefühl mir wieder In Beschämung wandelst. Der Wirrwarr Ja wohl hat dieser Titel Recht: Wie käm' es sonst, daß hier an heiliger Stätte Der so oft daheim verschmähte Autor Von Menschenhaß, dem Kind der Liebe, Und vielen, vielen, vielen langweiligen Thorheiten, In diesen Hallen Noch Freunde fände, Die Gedächtniß und Seele Mit dem Ballast seiner nüchternen Späße Belasten, um sie herzusagen und abzuspielen? Ja wohl ist der Deutsche deutsch, Und weiß sich, wenn er aufrichtig ist, Nichts besseres als so breites Gewäsch, Ein Lachen ohne Salz, und Tugend im Abgeschmack. Und du selber, der du jetzt wieder lästerst! Ist es nicht die Nemesis, die dich erfaßt, Daß du nun schon bei sechs, bei sieben Proben Den Einhelfer machst, Und nicht bloß eine, sondern alle Rollen Wort für Wort zu sagen weißt? Konnte für alle Scherze und Kritiken, Für alles was du gegen den großen Mann gethan, Dir härtere Strafe, Aber auch gerechtere werden? Ist es so mit dem Schicksal beschaffen, Wer weiß, was mir dann noch bevorsteht, In welchen andern Wirrwarr, Mischmasch, Quack- und Quängelei, Ich noch selber spielen, oder souffliren muß? Doch gnädig ist der Fürst, Und schön sind die Frauen. Die reizende Gräfinn, Die die lockere Dirne viel zu anmuthig spielt, Tritt keinmal ängstlich Hinter dem Flügel hervor, Daß sie nicht gläubig-katholisch Vor den Anfang der albernen Rede Ein Kreuz über Stirn und Busen zöge. – Und so heiligst du, Liebliche, mich, Und das frevelhafte Werk, Und aller Beginnen zugleich. Politik Wie viel froher wär' ich Und heiliger gestimmt, Müßt' ich nicht täglich in Kirchen und vor Bildern Die mir verhaßte Dreifarbige Schleife der Weltbeherrscher sehn. Ist manchmal übervoll Der zürnend schwangre Busen, So wallfahrt' ich zum Freunde, Dem wackern Tiedge hin; Und Kranker erhitzt den Kranken, Indem wir bauen, zerstören, Europa neu gestalten, Und die geflügelten Wünsche Vor den großen schweren Karren Des Unglücks spannen. Nun lernt der Zürnende Zorn, Die schwarzen Wetterprophezeiungen Tönen fürchterlich und furchtbarer Von den zitternden Lippen, Bis dann lächelnd scheltend Die edle Freundin wohl Die mitternächtlichen Raben trennt, Die sich nur schlaflose Nächte erschwatzen. Heute nun ging' ich Mit Thränen nach Hause, Und aus dem Gebüsch Flogen tausend leuchtende Käferchen Wie spielende Sterne tröstend Und neckend um mein Haupt, In der warmen Sommernacht zu scherzen. Palestrina, auf der Reise Endlich seh ich unter mir Wald, Und groß stehn die bewachs'nen Felsen da, Ueber dem dunkeln Thal ein Gewitter. Seitwärts zieht es mit schwarzen Flügeln Und murrt, ein zürnender Drache, Plötzlich bricht der Groll mit Brüllen aus, Und der Sturm antwortet in Zorneswuth, Die Wolken ängsten sich und zittern, Und dichter rings die Schatten. Nur der Nachtigallen Chor Singt im Hymnenklang, schmetternd, Wirbelnd und in ringenden Tönen, Den rauschenden Wassern, dem tosenden Sturm, Dem Wald und dem Donnergebrause, Siegend entgegen, und laut erwiedert Echo vom Felsen drüben Die dichterischen vollen Klänge. Wie das Elend die Welt durchzieht, Wie mächtige Thaten erstaunen, Reiche und Thronen fallen – Dennoch klingt des Sängers Harfe, Spielend, kindlich, weich und tändelnd, Und gern vernimmt ihn die trauernde Welt. Olevano Müde bin ich angelangt, In diese Bergeinsamkeit, Umstarrt von nahen und fernen Felsen, Vor mir die dunkle kleine Stadt, Drüben am zackigen Gipfel Hängend die Burg. Und der Vollmond Leuchtet vom klaren Himmel, Und wie ich schlummre, Tönt helles Gelächter Und Ton von Zittern Und tanzendes Gaukeln In meinen Schlaf, Vom Vorsaal herüber. So weich, so warm, so hell War noch keine Sommernacht, Kein Schlummer so süß, Keine Störung des Schlafes Je so erfreulich, Denn wie ich das Auge Matt halb öffne Stralt im Glanz das Gebirge, Der Mond vom reinen Himmel, Der Scherz der Mädchen und Freunde, Und lächelnd schlummr' ich wieder ein. Der Morgen Wieder durchwandl' ich In früher Morgenkühle Den Berg, und klettre hinauf und ab, Ganz den Segen fühlend der Natur. Da tönt von oben, Seltsamen Klanges Das Lied einer Hirtenpfeife, Und alsbald seh ich in Sprüngen Nach dem Takte tanzend Die muntre Ziegenheerde Von der Felsentreppe niedergaukeln, Mit klugem Aug' und feinen Fuß Die Sprünge sicher messend. Der Führer der Schaar Ein brauner, kleiner Knabe, Musizirt ernst mit voller Kraft Und freut sich seiner Scholaren. Doch wie er nieder hüpft Und den Fremden gewahrt Steckt er alsbald Sein Lied abbrechend Die Flöte schnell und scheu in die Hirtentasche. Ich red' ihn an, und erröthend Lüftet er den Hut und blondes Haar Rollt sich um die braunen Wangen, Er athmet schwer und blickt von der Seite scheu. Zeige mir, bitt' ich, die Pfeife, Die ich noch nie von dieser Form gesehn, So wie ich auch noch nie So wunderlichen Ton vernommen. Er hält mit beiden Händen fest Die Hintertasche geschlossen Und ruft mir ein dreistes Nein entgegen. Was ich überrede und schmeichle, Alles vergebens, Der Kleine beharrt auf seinem Eigensinn, Mein Geschenk verweigert er fest, Und steht auf dem Sprung Seinen Ziegen zu folgen, Die von den nächsten Klippen Fragend zu ihm herübersehn. – »So sage mir mindestens, Warum ich die Pfeife nicht betrachten darf?« – Und er mit großen Augen: Wer eine solche Flöte, So schön und herrlich, Einmal in Händen hat, Giebt sie niemals zurück. – Mit dem scheuen Worte Rennt er über die Steine fort, Und erst in der Ferne Tief unten im Thal Erklingt sein muntres Morgenlied von neuem. Civitella Mit den Gefährten Gespräche wechselnd, Wandeln wir den steilen Pfad, Den wenig betretenen Hinauf zum einsamen Städtchen des Felsens. Durch das enge Thor geschritten, Stehn wir auf der einzigen Gasse der Stadt, Und Kinder, die hier spielen, So wie ihr Blick uns trifft, Rennen mit Geschrei in die Häuser Die sie schnell verriegeln. Die Eltern, aufgeschreckt, Schaun mit Mißtraun Aus den kleinen zerbrochenen Fenstern, Und messen mit Argwohn Unsre Gestalten, Wollen nicht Antwort geben Auf Frag' und Bitte, Als wären die Türken Ins Land gebrochen. Doch endlich ermuthigt sich Ein starker, alter Mann, Er öffnet die Thür Und stellt uns hin die Bank und den Tisch, Giebt Wein und Brod, Und dankt für Bezahlung. Wie wir uns erquicken Schaun aus der Ferne Jung und Alt Dem Wunder zu, Kaum wagt ein dreistes Kind Heranzutreten, Geschenk zu empfahn, Doch wie es die Münze Nur fühlt in der Hand, Rennt es zurück Und zeigt den Gespielen Die Gabe und zittert noch. Im Abendlichte Wandeln wir zurück Den Empfang belächelnd. O du glückliche Einsamkeit, Würdet ihr nie von müssigen Fremden, Ihr stillen Bewohner, Eurer Scheu entwöhnt. Auf der Reise Vom Wege verirrt, Vom Sturm bedrängt, Vom Regen durchnäßt, Such ich hier Schutz In dieser ländlichen Behausung. Man versorgt Diener und Pferde, Erquickt den Müden Mit Wein und Speise, Bauern oder Pächter scheinen die freundlichen Wirthe: Sie fragen nach Deutschland, Deß Name kaum in diese Einsamkeit drang, Sie klagen, als das Gewitter still, Und ich sie verlasse, Ja zürnen, daß ich die Gastfreiheit Ihnen vergelten will. – Bin ich noch in Italien? Wo auf der großen Straße Gesindel und galant' uomini Sich unverschämt an mich drängen, Zu betteln, zu prellen, Fast mit Gewalt zu rauben? O ihr stillen, lieblichen Thäler, Ihr schönen, wilden Gebirge, Wann, wann kehr' ich dankbar euch zurück? Subiaco Süße, liebliche Wildniß. Deine Berge, dein Kloster oben, Die Cypressen, die Thäler hier, Werden nie aus meiner Seele schwinden. Hoher Gedanken, schöner Bilder Erinnerung, Wunder der Natur, Weile gastlich in meiner Phantasie, Wenn wieder Sand und Föhren Mich geistlos umstarren, Und ein Lächeln zweifelnd Bei Schilderungen der Natur Des Entzückten spotten möchte. Hier dichtet die Erde, Dort schläft sie kaum, Befangen, angstvoll, Ringt sie nur nach Dasein: Und goldne Abendwolken Und glühend Morgenroth Schweben nur als Kranken-Träume Ob der Verscheidenden. S. Benedikts Einsamkeit Hier, in ausgehölten Felsen Wohntest du, weiser Siedler, Dem Gott dich weihend Dem dein Herz und deine Seele brannte. Große Entzückungen Wandelten dir vom Ufer herüber, Wenn der donnernde Strom Dir unten sein Kirchenlied sang. In nächtlichen Schauren Und Sturmessausen, Sprach der Ewige zu dir. Mit Scheu betret ich die Wege Die deine Füße gingen, Und zürnen möcht' ich – Wann Zorn sich lohnte So schwachem Unverstand – Hör' ich deines Namens spotten. Tivoli Lacht ihr mich an, ihr jauchzenden Wasserbäche, Wie ihr klingend zwischen Oelbaum und Blumen niederjubelt? Springt und sprudelt, ihr Uebermüthigen, Der duftende Wald hallt eure Töne nach, Und Baum und Fels, und Himmel und Strom Ein Freudengesang. Gegrüßt sei mir, du du Mäcenas tönendes Haus: Grotte Neptuns, voll Wellenmusik und Regenbogen: Wie ich hier in Blumen wandle, ruhend liege, Mich entzücke, und wieder Welt und Natur vergesse Im süssesten Traum – Saht ihr schon je, ihr klingenden Gestade Einen so glücklichen Wandersmann? Doch schon winkt mir Roma's erhabene Kuppel Zurückzukehren, Und bald, in wenigen Tagen, Schon steht der Abschied an der Thür, Entflieh ich diesem Himmel. St. Peter und Paul Mit Flammen und Flämmchen, Und buntem Feuer, Der auskrachenden Girandola, Hat mich die Engelsburg, Mit wundersamer Erleuchtung Sankt Peter entlassen, Still und seufzend Sag' ich dir, Roma, Lebewohl, Du sendest mich gesunder Und froher der Heimath wieder. Aber du selber entkrankst, Und bald, so fürcht' ich, Weht von dem Schloß Die dreifarbige Fahne. Möge der Mondregenbogen, Das Wunder, das ich jüngst gesehn, Dir und deinem frommen Hirten Gutes bedeuten.