Rückkehr des Genesenden Abschied von Rom Noch fühl' ich der theuren Schwester brennende Thräne, Und den liebenden Druck des zärtlichen Bruders, Nacht umfängt mich und bringt den Freunden Die tiefe Bewegung meiner Brust. So war denn auch diese Lebens-Aera geschlossen? Brause nur Rom, mit deinen Brunnen, Wie Schluchzen klingt es mir herüber, Da vernehm' ich selbst das Donnern Der großen Fontana di Trevi, Bei der ich oft in Nächten verweilt, Der ich mich viel am Tage gefreut, Lebt wohl, ihr Plätze, ihr Säulen, Du großes verstörtes Haus, jetzt Heiligthum, Du Coliseum, das ich noch jüngst Beim Glanz des Vollmonds durchschritten, Deine Gewölbe besucht, als die Freunde Ueberkletternd den Eremiten weckten. Du Sankt Peter, nie seh' ich dich wieder, Edler stets, und größer, majestätischer und heiliger, Aber auch erfreulicher, behaglicher, umfängst du den Wandrer, Je öfter er deinen königlichen Raum besucht. Schon sind wir durch das Thor. – Da denk' ich des Vatikans Und der göttlichen Dichtungen Rafaels, Der erhabnen Sistina, Und auch des heimlichen Stübchens oben, Wo in der stillen Einsamkeit Ich die Pergamente las und in Lust mir vieles schrieb, Indeß durch die heiße ruhende Luft Ein ferner Ambos und Hammer lieblich erklang. Wie oft sah ich dann rückkehrend die Götterbilder, Und die freundlichen Logen. – Alles versinkt jetzt hinter mir: Noch glänzt im innern Auge das farnesische Gartenhaus, Die Blumendichtung von Amor und Psyche, Und die trunkne Galathea; Wen hier nicht Lebenslust anlacht, Heiterkeit und Muthwill grüßen, Der entsage der Kunst und Farbe. Aber auch Lebewohl dir, Pallast Farnese, Wo ich gelernt in herrlichen Bildern Des Carracci Dichtung bewundern; O was nenn' ich, was verschweig' ich, Das Gedächtniß ermüdet, Alle die Wunder, die großen Erinnerungen, Aller der Steine und Tafeln Pracht, Des Erzes Bildwerk wiederzusagen. Mit kindlicher Rührung pilgerte ich auch zu dir, Grabmal der Cäcilia Metalla, Das ich mit seinen wilden Ruinen umher Schon längst in frühen Träumen beschrieb, Und oft in Gedanken damals Vor der Porta Sebastiana mich erging. Nun vernimmt mein Ohr nicht wieder Den heiligen Gesang, dich Palestrina, Der du wie mit Engelsfittigen Dich in dem Born des Paradieses tauchst, Aufrichtest du dich im klaren Morgenlicht, Schüttelst die großen farbigen Schwingen, Und nieder fließen die Tropfen In hellen, reinen Himmelstönen. Ungern auch vermiß ich die heitern Klänge, Das bewegte Leben der Opern und Theater, Von den Franken noch heftiger aufgeregt. So vollendet seh ich vielleicht das Lustspiel nie mehr, Wie es diese Frauen und Jünglinge zeigten, Und der treffliche Perthica. Vielleicht auch seh ich nie die Künstler wieder, Die in vielen Stunden mich erfreut. Dich vor allen begrüß' ich, edler Freund, Dich, treflicher Schick, dein freundliches Gemüth, Dein klarer Sinn wird schöne Gebilde dichten, Wenn die Parze dir den Lebensfaden spinnt, Vollende dein Apollo unter den Hirten, Welcher verkündigt, was du vermocht. Schon erhebt sich der Tag Und weit hinter uns liegt Rom, Auch mein Freund ist ernst, Der mit mir nach Deutschland kehrt, Der mit allen Lebenskräften Sich in alte und neue Kunst gesenkt, Der edle Rumohr, Deß Freundschaft ich in mancher kranken Stunde Trost und Erheitrung danke. Orvieto Auf steinigem Wege Ist der Wagen gebrochen, Und müd' und ermattet Wandern wir den Fels hinauf In der glühenden Hitze. Endlich – was brennt da droben über dem dunkeln Wald? – Es ist der Wunderdom Mit Bild und goldner Mosaik geschmückt. So leuchtet ein Goldpokal freundlich Dem dürstenden Zecher entgegen, Und sein Auge trinkt schon vor der Zunge. Nein, nicht dir allein Frommer Johann von Fiesole, Oder dir, hoher Signorelli, wird hier gehuldigt. Ei, wie mundet hier der leichte, liebliche Wein, Den ich in Rom fast verschmäht, Mit dem Genuß wächst das Verständniß. So hat doch jedes Wort und jeder schöne Vers Im Gedicht des Lebens Die rechte Stelle, wo sie verstanden werden. San Lorenzo Immer haßt' ich fast unbillig Jene freien, hitzigen Jägersleute, Die mit dem Auge wie mit geladner Büchse Busch und Wald und Fels so gierig durchstreifen, Und jede schöne Gegend wie Wilpret schießen, Im Ranzen des Bewußtseyns dann nach Hause tragen, Und eben wie ächte Jäger Den ruhigen Layen Mit unendlichem Geschwätz ermüden. Spott und Tadel hat sie oft verfolgt, Und sie hinwieder schalten mich den trägen Widersacher der Natur. Aber heut will ich meinem Genius schmeicheln, Still und warm ist die Sommernacht, Der volle Mond leuchtet vom klarsten Himmel, Ich lasse das dumpfe Haus und das Bett Und weihe die Stunden dem Gefühl und der Beschauung. Wie ich hinaus vor das Städtchen trete Liegt unter mir die reiche, weite Landschaft, Kenntlich, wie ein Räthsel mit Schatten und Gold umsponnen, Der See leuchtend, ein zweiter Himmelsplan, Und Fels und Burgtrümmer, und grüner Berg, – Wie sehnt sich mein Herz, dies alles zu fühlen, Mir den Einklang zu bewahren, Und wie ich träum' und sinne Erwachen, wie im Nest die jungen Nachtigallen, Lieder in meinem Busen, und den Klang, das geflügelte Wort Sucht nächst der Thräne die Sehnsucht. Da poltert's in der Ferne aus der Stadt heran, Und murrend scheltend nacht eine gemeine Gestalt, Der erste Trunkne, den ich in Italien sah; Ha! gut! schreit er, auf mich zu in Eile taumelnd, Daß ein vernünftiger Mensch noch wach ist, Dem ich meinen Fall erzählen, der ihn richten kann. Breit und stotternd, zornig, prahlend, Trägt er mir im Bauerndialekte Seinen Zank mit Wirth und Camerieren, Sein erlittnes Unrecht vor, und wie sehr Man die Ehre ihm gekränkt. Meine herrlichen Minuten und Stunden Werden mir schlimm entweiht, Mond und Sterne scheinen zu verblassen, Wie ich mich weigre muß ich sprechen, Ihn besänftigen, Recht ihm geben, Wandelnd, scherzend kehr' ich mit ihm heim, Und es gelingt die Ueberredung Daß er in sein Bett will kehren, Hier im Nebenhause, bei den Ställen. Alles liegt im tiefen Schlaf schon, Abschied zärtlich, noch aus dem Fenster Lebewohl ruft er mir zärtlich nach. Zurück kehr' ich zu meiner holden Einsamkeit, Verzeihung flehend dem Genius der Nacht, Einladend wieder die süßen Träume, Die mit dem bunten leichten Gefieder Vor dem widrigen Geschwätz entflohn. Schon kehren die Verscheuchten wieder, Und ein süßes Gekose, Gesang und Stammeln, verständlich und geheimnißvoll Rauscht das Gespräch des Innern; Wie liebliche Waldbäche klingen In Nacht und Stille, Stimme und Rauschen zugleich, Stammelnde Melodie, die wie im Schlummer Sich selber vergißt, und jauchzend das Wort dann wiederfindet. Und wieder keucht und schnaubt heran Das nächtliche Ungethüm: Kann man im Bette verharren, (So schreit er schon aus der Ferne) Bei so herrlicher Zeit? Und wenn man draußen einen Freund weiß, Einen verständigen, edlen Mann, Der mir so schön Recht gegeben, Und der fast eben so gern als ich selber spricht? Fahr du Bette dann wohl, Denn noch Manches vergaß ich, Was Sie gar sehr belehren, Und noch die Sache in neuen Gesichtspunkt rücken wird. – O all ihr Götter! (seufz' ich heimlich) Ihr Najaden und Dryaden, Und ihr des Gebirges Pfleger, Warum straft ihr mich so hämisch, Daß ich wohl manchmal, Doch immer nur in Unschuld, Eure zu eifrigen Jünger verlacht! Wißt ihr doch selbst, Wie ganz mein Herz euch pocht und fühlt. Schon ist das beste Geschwätz im rauschenden Gang, Ich lobe, bestätige, rechtfert'ge, tadle die Andern, Aber zäher diesmal noch und unerbittlicher Will er im Freien verbleiben. Mit der Lüge endlich Daß ich mich zum Lager fügen wolle, Geht er mit mir zurück. Wieder Betheurung der Freundschaft, Bitten, ihn nicht zu vergessen, Seine Freude, derlei trefflichen Mann Gefunden zu haben an mir, – Noch von innen grüßend, stolpert er Die enge, steile Treppe hinauf, Und (o Wonne) einen Riegel gewahr' ich Die Thür' von außen zu schließen. Zurück geh ich zum See und Himmel, Schon wankt die Nacht, wie der Dämmrung weichend, Schon rauschen die Bäume, nun den Morgen ahndend: Wie schändlich, klag' ich, ist mir die herrliche Zeit geraubt, Die ich so eigen meinem Gaumen zubereitet? Doch die letzten funkelnden Reste des Nachtweins Will ich ungestört nun nippen und schlürfen. Und kaum gedacht, ist das Gespenst auch wieder da. – Ich halt's nicht aus, so ruft er, mein waches Ehrgefühl, Meine Kränkung und schmerzliche Verletzung, Halten alle Sinne munter! Und, sonderbar, – ich konnte die Thür nicht öffnen – Da bin ich, mit mancher Gefahr, Zum Fenster herabgestiegen. Sind wir doch wieder beisammen, Vergessen in der Freundschaft Sei alle Noth! So schwatze denn, du Höllischer! Du von Dämonen gesandt! Was kümmert mich Natur und Herz und Gefühl? Ist doch der Teufel persönlich neben mir, Der alles Göttliche verkümmert. Wieder vom Wirth und seinen Dienern Wird erzählt, – schon dämmert der Tag – In den Ställen rühren sich die Maulthiere schon, Die Vetturine beten leise und fluchen laut, Er wird von einem Camraden gerufen, – Den letzten Händedruck empfang' ich vom Scheidenden, – Und wach' klopf ich den Kaffeeschenken, Der endlich öffnet, in seinem Laden Erquick' ich mich lachend von den Leiden Der bösen Nacht. Siena Wie ich wieder auf die Gasse trete, Aus dem hellerleuchteten Saal, Ist mir, als sei ich gewürdiget worden, Eine Götterversammlung zu schaun. Oft schon vernahm ich in Rom Des Improvisatoren Kunst, Und mehr oder minder gerührt, Erfreut, gelangweilt oft, Verließ ich die Academie. Ein Aufruf zieht mich heut in diese Zimmer, Und ein Jüngling wandelt sinnend auf und ab, Allgemach füllt sich der Raum, Und Herren und ältliche Frauen, Vor allen aber junge blühende Mädchen Schmücken die Sessel umher. Vor mir prangen zwei Schönen, Daß das Auge geblendet Von glänzenden Schultern, Nacken und Brust Scheu sich niederschlägt und immer wieder Dem Quell des Glanzes entgegen eilt. Aber welche Schönheit der Form! Pallas wähn' ich, und Juno zu schaun, Des Olympus Götterbilder. Und wie ich frage und scheu nur antworte, Erglänzt im freundlichen Gespräch Der edle Geist im geflügelten Wort, Von glänzenden Lippen und Augen. Jetzt beginnt des Sängers Lied, Der Kampf und Tod der thebanischen Brüder, Eteokles und Polynikes, wird Ihm zum Thema gewählt. Leichte Accorde des Flügels begleiten die Rede, Und er hebt an: Erst, wie die Zwietracht sie entfernte, Die Sprossen des schuldbelasteten Bettes, Des eigenen Vaters Söhn' und auch Brüder, Dann wie die Furie eifriger schon In Haß und Wuth den Widerwillen wandelt. Endlich beginnt der tödtliche Kampf, Jeder bereit den blutsverwandten Gegner Zu den Schatten hinab zu senden. Panzer und Schilde schirmen zuerst Das Bruderherz gegen des Bruders Schwerdt, Doch endlich fängt der Leib Die rothen Wunden auf, Keiner will merken wie mit dem Blut Die Kraft ihm entströmt, Jeder trotzt der eignen Schwäche und höhnt den Schmerz, Facht doch des Feindes Augenglanz Den matter brennenden Haß, Daß er nicht erlösche. Der tödliche Stahl hat schon sie durchbohrt, Der jüngere stürzt zuerst, Der ältere ihm nach, mit Lächeln im Antlitz, Als hätt' er gesiegt, Regungslos liegen sie da, Zwei athmende Leichen, Kein Schwerdt erreicht das andere mehr, Kein Arm mehr zuckt, Die Blicke suchen sich feindlich im Todesdunkel, Und nur der Wille noch schlägt und mordet, Der Seufzer verwünscht noch; Jetzt athmen sie das letzte Röcheln, Und die beiden Blutströme Rinnen in einander, Nur Eine Röthe: Ist es neuer Kampf und nach dem Tode Wuth, Ist es die Sühne des Bruderherzens? Es wuchs die Stimme mit jedem Vers, Begeistrung erhob den trunknen Jüngling, Sein Auge Feuer, Wohllaut sein zitternder Mund, Nicht sann er mehr, nicht kannt' er Die Flammen, die aus seinem Busen sprühten. Und Aller Augen im Saal Erglänzten hell wie die seinen, Und Thräne fiel auf Thräne Aus den schönsten nieder. Wie? Auch Pallas und Juno weinen? Da sah ich in ein liebliches Bad, In welchem Amor die Flügel netzte, Da senkt er seinen Pfeil in's Thränenlächeln, Und ich mußte entfliehn, Denn niemals soll ein Sterblicher Den Kampf mit Göttern wagen. Florenz Schon als Heimisch-Bekannter Grüß' ich deine Stein' und Häuser wieder, Du Wiege Italischer Kunst, Du dem Deutschen verwandtes Land. Schaaren an Schaaren wandeln die armen Gequälten Spanier, Und seufzen in der Ferne Nach der verrathenen Heimath. Freundlich scheinen sie nicht gestimmt, Und aus verzerrtem Verdruß Blickt entstellt Castiliens Stolz. Unfern dem Dome such' ich ein Haus, Da schreitet ernst und feierlich Mit dreiecktem Hut und Tresse, Einen langen Degen schleppend, Mit ellenbreitem Stichblatt, Mit zinnernen Schnallen, die rund Den Schuh und Fuß umgittern, Ein ernster Mann gemessen auf und ab. Ist er ein Pförtner? Ein Castellan? Wo find' ich, red' ich ihn freundlich an, Wohl den und den Pallast? – Prüfenden Blicks betrachtet er mich, Wirft das Haupt zurück Und stemmt die beiden Hände auf seine Hüften; Nach langer feierlicher Pause Beginnt er im schlechten Italiänisch: Ist es mir, als Castilianer, Nicht Strafe des Himmels für Sünden genug, Daß ich im verfluchten Lande In der noch verfluchteren Stadt Hier auf dem allerverfluchtesten Platz muß Wache stehn? Ihr verlangt auch noch, ich soll Euren mehr als allerverfluchtesten Pallast kennen? Da sah ich meinen Irrthum, Und bat den Hochergrimmten In spanischer edelster Mundart Er möge mir verzeihn. Und wie ich ihn öfter Usted genannt Und Castilien und das Volk gepriesen, Ward der Alte freundlich Und klagte in Menschentönen Sein Leid und Ungemach. Am Abend sahn wir uns wieder, Und tranken im guten Florentiner Unsrer neuen Freundschaft. Der Spaziergang Den Berg, der den Florentinern Immerdar vor Augen schwebt, Sind wir heut erstiegen, Das alte Fiesole zu besuchen. In dem Kloster dort erlabten uns Gebilde Von Giotto und dem frommen Johann, In der Bücher Pracht. Doch endlich sind wir höher geklimmt, Zur Spitze hinauf, Wo unter Cypressen Einsam das Kloster der Franziskaner ruht. Ein kalter Wind durchsaust die Berge, Nach dem Gewitter ist die Gegend trübe, Weit umher ergeht sich hier der Blick Ueber Felsen weg durch Thäler hin, Und zu den Füßen liegt Fiesole und Florenz. Wie wir mit den Mönchen gespeist, Erbietet man sich zu unserm Ergetzen, Da das Wetter rauh und unfreundlich, Mit uns Schach zu spielen. Meine Gefährten treten beschämt zurück, Und ich, überrascht, als der Einzige Der die Kunst versteht und übt, Erbiete mich, der Landsmannschaft Ehre zu retten. Doch selbst seit der Kindheit Hab' ich kaum den Stein berührt, Und nie hab' ich mehr von der Weisen Ergötzung Gefaßt als nur die Züge. Der klügste, gewandteste Pater wird mir Als Feldherr gegenüber gestellt, Ein feiner Kopf, so freundlich-schön Wie man ihn wohl auf alten Bildern sieht. Der Kampf beginnt: – Und ich, nur in Aengsten, Nicht gleich die schlimmsten Blößen zu geben, Ziehe, im Zagen mit zaudernden Unwissen, Und rings die andern, Alte wie Junge Erwundern mein kluges, feines Spiel, Der Feldherr selber Weiß kaum sich zu wehren, Und ich verstehe selbst von meinen Listen nichts. Lob auf Lob, Bewundrung, laute, Ermuthigt mich, und trunken, erhitzt Such' ich mir eines Planes bewußt zu werden. Schon giebt man den Pater verlohren, Und ich strebe tantalisch vergeblich Zu sehn, die Einsicht nur etwas zu gewinnen, Doch nur mechanisch rückt der Finger die Holzgestalten. Man sagt, in drei Zügen sei ich der Meister, Da verläßt plötzlich der Genius den Blinden, Und lautes Gelächter statt der Ehrfurcht Umschallt und beschämt mich, Denn wie ich rücke spiel' ich mich selber In wenigen Zügen matt, Und rings die Versammlung Begreift so wenig Die hohe List, wie jetzt die Einfalt. So erzählt man, daß der große Condé Als Meister begann Und beschloß als Schüler. Der Charlatan Wie ich niedersteige von der Academie Und über den Platz des Pallastes gehe, Gewahr ich schon aus der Ferne hoch zu Pferde Einen umstreifenden Doktor und Wunderthäter, Der durch das Land, die Dörfer und Städte streift, Am Sattel hängend neben ihm die Apotheke, Arcana und miraculöse Mixturen. Um ihn sind Bürger und Bauern versammelt, Und er preist die hohe Kraft seiner Werke. Wie ich langsam und lächelnd näher schreite, Erfreut den Wundermann zu hören und zu sehn, Ruft er plötzlich lauter und feuriger: Und wollt ihr mir nicht glauben, so seht dahin, Dort kommt einer meiner Patienten, Noch hinkt er ein weniges, aber von welcher Gicht, Von welcher Lähmung ich den edlen Mann geheilt, Läßt sich kaum schildern, und nicht genug rühmen die Kur. Alle betrachten mich staunend, Doch ich, zürnend zum Propheten gewandt, erwiedre: Soll ich Hörer seyn und Zuschauer eurer Comödie, Müßt ihr mich nicht selbst als Person auftreten lassen. Er, ohne gestört zu seyn, fährt fort, Und noch aus der Ferne vernehm ich: Seht ein Beispiel von der Menschen Undankbarkeit, Nicht Wort will er es nun haben, was ich an ihm gethan, Aber er komme mir nur zum zweitenmal, Da wird kein Mittel für ihn in allen meinen Schachteln seyn: Drum kauft, ihr Landesgenossen, kauft für Weniges Heil, Gesundheit, Schmerzlosigkeit, heitern Geist, So lang' es euch von mir noch so gut geboten wird. Gemälde-Handel Wo man nur wandelt, steht und schaut, Sind auch die geschäftigen Mäkler bereit, Dem Fremden, den sie unerfahren wähnen, Bilder und Kupfer aufzuschwatzen. Mein Freund hatte heut in froher Laune Doch Mühe genug einen Schwätzer abzuschütteln, Indem wir auf der Gasse sprechen, uns gegenüber Ein helles glänzendes Ladenschild eines Barbiers, Auf dem schöne Damen in bunten seidnen Gewänden Sich von zierlichen jungen Gesellen die Haare schneiden, Den Kopfputz sich, den hochgethürmten, ordnen lassen. Auf dem andern Schilde sitzen die Scheerensbedürftigen, Und seifend oder schabend vor ihnen die Gehülfen, Alle grell und bunt lustig anzuschaun. Als uns der Mäkler verläßt, ruft der scherzende Freund Launigt doch mit Ernst in allen Mienen: Lieber ja als jene betrügerischen kauf' ich diese Tableaus. Das hört ein Junge des Perükenmachers, Der schon neugierig in unsrer Nähe geweilt, Er macht sich herbei, ängstlich erst und dann vertrauter, Spricht und grüßt und lobet, und glaubt nun endlich Den Deutschen zu kennen und schon im Netz zu haben, Daß sich am Abend der Vater seiner Klugheit bedanken muß. Sammeln Ihr Gnaden? – O ja, mein junger Freund! – Für Ihre Güter, Excellenz. – Gewiß, mein Bester! Und Sie würden solche Darstellung nicht verschmähn? – O nein, ich liebe mir bunte muntre Farben, Und euer Italien ist so voll der Kunst, Wohin man sieht, lacht einem Gebild entgegen. – Wir sind, Gnädigster, als Kunstbegabte berühmt, Der Florentiner vor allen in ganz Italien. – Doch seid Ihr theuer, mein Freund, mit guten Sachen. – Wie's kommt, Excellenz, die schönen Bilder da Ließe mein Vater um mäßigen Preis. – Auch ist es Schade, mein Sohn, derlei Glänzendes Der Sonne und Luft so thöricht auszusetzen. – Bei dem Gnädigsten würden sie ewig dauern, Man firnißt sie neu, so ist noch nichts daran verlohren. – Aber der Preis? – Wir würden schon einig werden. – Trennt sich der Vater nicht ungern von ihnen? – Er wird sie vermissen. – Allein, wenn ich sie erstehe, So müßt ihr mir auch den Gegenstand erklären: Sagt, find die Figuren aus der Mythologie entlehnt, So nennt mir die Götter, die sie repräsentiren: Oder ist die Sache christlich, so sind es wohl Märtirer, Die dort gequält so ergeben für den Glauben dulden. Da sah der Bursche den Freund mit großen Augen an, Merkte, daß diesmal der Italiäner der Gehänselte sei, Wollte erst empfindlich thun, doch lachte er dann, Und mit den Worten: Excellenz sind ein Schelmchen! Lief er mit einem Sprunge über die Gasse in's Haus. Pisa Von frühester Kindheit Stieg bei deinem Namen, altes Pisa, Auch Ungolinos Schreckgestalt vor mir auf, Die Entsetzens-Gruppe des Vaters mit den Kindern, Im finstern einsamen Hungerthurme, Wie Gerstenberg uns mit unbegreiflicher Stärke, Und übermenschlicher Kraft und Fassung, Die Scenen des Grauens geschildert hat. Aber längst ist Straße wie Thurm vernichtet, Und der Raum der Unthat genommen, Die einst den Fluch auf Pisa herabrief, Und Dantes scheltend ernstes Wort. Dafür besuch' ich den Kirchhof nun, Und an den hohen Wänden der edeln Halle Leuchten mir Benozzo's Lebensbilder In lachenden Farben, in muntrer Tracht, In bedeutsamen Mienen, und mit heiterm Sinn entgegen. Der Mystik der ältern Welt gegenüber, Dem finstern ernsten Sinn der Vorzeit Sind hier die Geschichten des alten Bundes In wahre menschliche Comödie verwandelt. Auch heitre Lust spricht ernsten Sinn aus, Und des Lebens Glanz Von diesen Wänden auf den Todten-Acker strahlend, Tröstet sie mit heiligen Scherz die Verwesung; Und die alte fromme Sage, Weil sie kindlich und menschlich ist, Erträgt des edeln Künstlers Laun' und Muthwill, Und lächelt sich selbst an wohlgefällig. Dein wunderbares Bild, Orgagna, Ueberrascht mich, so sehr ich es zu kennen glaubte. Diese Figur des Todes, Nicht Mann, nicht Weib, nicht alt, nicht jung, Fliegend, blaß, entstellt, im schweren Gewand, – Warum nicht ward sie festgehalten, Und statt des unbedeutenden Gerippes, In neue Formen von Bildnern gesetzt? Ich trete wieder zur Straße hinaus, Und vor mir neigt sich der schiefe Thurm, Als wollt' er die Reisenden grüßen oder höhnen. Livorno Die Sonne sinkt, und über dem Meeresspiegel Tanzen die bunten Lichter, sich küssend, hin; In der sanften Gluth liegt Elba vor mir. Wie die Schiffe mit vollen Segeln vorüber gleiten, Wie der stille Flug der Seevögel leuchtet, Und im Widerschein die fernen Häuser glänzen, Frag' ich mich: warum denn in der abendlichen Stille Rührt dich so innig das nahe verhallende Gespräch, Dort der verklingende Gesang der fremden Menschen, Und die schreienden Vögel flattern über dem sanft rauschenden Meer? Wie ein Echo wiederklingt die Töne die wiederhallende Brust, Und alles scheint mir Abschied und Sehnen nach Ruh' und Schlaf; Todesgedanken tauchen süß und wollüstig Auf aus dunkler Tiefe, und der Wehmuth Strom Lockt den Schwindelnden, hin zu fahren auf ihm Und bald auf räthselhaftem Ufer zu landen. Reise nach Lucca Welch süßes Athmen! Welche Luft! Wie hebt sich die Brust, nur mehr und immer mehr Der zarten Wellen zu trinken, Die mit Gedüft des Oelbaums getränkt, Mit der blühenden Myrthe Wohlgeruch, In Wollust alle Sinne tauchen, Und elysisch über das Land Ein Meer von Wonne sich gießen. Kann es dem Schiffer lieblicher dünken, Wenn von Indiens Küsten herüber Die gastlichen Lüfte der Gewürze Blüthenduft Ihm auf sein wanderndes Schiff hinstreun? Warlich, was die Rose unter den Blumen, Was der Alertico unter den Weinen, Ist diese Himmelsluft gegen die der übrigen Welt. Lucca Ein Kirchenfest versammelt vor das Thor Zum regen Gedränge die Bewohner der Stadt, Da glänzt Atlas- und Seidenkleid Im Abendschimmer auf dem grünen Rasen. Frohes Getümmel und Kinderjauchzen, Und Jünglinge wandeln und suchen den Blick Der schöneren Augen. Ha! diese edle Gestalt in grüner Seide, Wandelnd an der Seite des entzückten Bräutigams, Ueberglänzt sie alle an Frische, Schönheit und Augenglanz, Wie sie im leichten Gespräch die vollen Lippen Holdselig lächelnd öffnet, Sprühen blitzend durch das Corallenroth die Lichter der Perlenzähnchen, Und alles an ihr, Geberde, Gang und Stimme Erklingt wie Musik und nimmt mein Herz gefangen, Daß ich den Bräutigam beneidend fast ihn hasse. Da nimmt die Himmlische aus ihrem Körbchen, Große lombardische Nüsse, Und beißt sie laut krachend hinter rother Lippengluth Mit den Perlenzähnchen auf. O Bräutigam! ärmster der Menschen! So rief ich entfliehend. – Wohl hört man von Sirenen, Vampyren, Empusen, Und anderm tollen Zaubergespuk, Das dämonisch sich der Männerherzen In täuschender Gestalt bemächtigt; Und ich war (furchtbar!) nahe der grausen Gefahr Bethört zu lieben eine Nußknackerin! Bologna Seit ich Florenz verließ Vermiß' ich Italien, Alle Berge dünken mir klein, Alle Formen der Landschaft beengend: O wie sehnt sich mein Auge nach dir Du erhabene römische Ferne, Mit deinen hochschwebenden Gebirgen, Der weiten, ausgedehnten Landschaft. Todt nennen sie deine Natur? Noch immer ruhen, wie liebliche Träume, Deine dämmernden Gestalten vor den Augen meines Geistes, Und wie man nach langem, innigen Gespräch, In der Versammlung der Fremden den Freund vermißt, So erseufz' ich nach Roms Gegenwart Wenn man mir dieses wohl und jenes schön will nennen. Parma Hier war mein Herz schon längst, In deiner Heimath, o lieblichster Correggio, Jetzt betret' ich die Bühne deiner Kunst, Holdseliger, Du, von allen Musen und Grazien, Von den Göttern geliebter froher, herrlicher Allegri! Schon seit Jahren nährt mich deiner Begeistrung Wein, Wie oft schaut' ich in Träumen dein edles Schaffen, Sprach mit dir, vernahm den Ton deiner Stimme, Gerührt von deiner Freundlichkeit erwacht' ich. Hier nun, wo dein hoher Geist Zwei Tempel mit Pracht und tiefen Sinn geschmückt, Fehlt mir fast in brünstiger Liebe Die Kraft und Ruhe, deine Rede ganz zu vernehmen. Welcher Genius hat dir alle Schätze entriegelt? Alle Gebilde der Welt traten dir entgegen, Und gaben sich dir zu eigen, und freundlich Hast du mit ihnen die frohe Haushaltung getrieben. Das war ein muntres Getümmel, Als die lachenden Engelchen dir die Farben reichten, Hohe Geister dir als Modell in ihrem Adel standen, Und Musik des Himmels dazu mit Macht erklang. Sage doch Keiner, er habe Italien gesehn, Rühme sich Keiner, ihm sei das Höchste vertraut, Wähne doch Niemand, das Geheimniß der Kunst geahndet zu haben, Der dich nicht, Parma, und deinen Dom besucht.