1. Legende von den heiligen drei Königen In zwölf Romanzen Wenn was irgend ist geschehen, Hört man's noch in späten Tagen, Immer klingend wird es wehen, Wenn die Glock' ist angeschlagen; Und so laßt von diesem Schalle Euch erheitern, Viele, Viele, Denn am Ende sind wir alle Pilgernd, Könige, zum Ziele. Weimar, den 1. Juni 1821. Göthe. 1. Wie auf einen Berg im Morgenlande zwölf Sternseher gesetzt wurden Umströmt von seiner Kräuter Düften Und überwallt von edlem Holz, Der höchste, steigt aus blauen Lüften Ein Berg, des Morgenlandes Stolz; Steil ist der Pfad und lang die Reise, Doch oben herrlich Tag und Nacht; Auf seinem Gipfel stehn zwölf Greise Und schauen in des Himmels Pracht. Sie hüllen sich in die Gewande Und schlummern über jeden Tag, Der unter ihnen auf die Lande Umsonst sein Licht verbreiten mag. Sie lassen sich vom Nachthauch wecken, Der durch der Bäume Wipfel fährt; Den Sternen, die den Himmel decken, Ist dann ihr Auge zugekehrt. Mit allen Wunderzeichen schimmert Das Buch des Himmels aufgerollt; Was unten nur wie Silber flimmert, Das leuchtet hier wie reines Gold. Ward in den Sternen je gelesen Der irdischen Geschicke Pfand, So ist es dieser Berg gewesen, Auf dem der Seher Gottes stand. Auch diese stehen zu erkunden In dem Gestirn des Himmels Rat, Doch haben sie noch nicht gefunden Ihr Saatkorn in der reichen Saat: Den Stern, der herrlich, überschwenglich, Vor allen andern stralenvoll, Ein Licht, ein Feuer unvergänglich Den blinden Heiden zünden soll; Den Stern, den Bileam verkündigt, Der einem König stralen wird, Der einst die ganze Welt entsündigt Und herrschen soll, der Völker Hirt. So lautete der Spruch des Weisen An das erstaunte Morgenland; Das rief den himmelskund'gen Greisen Zu wachen auf des Berges Rand. Die Hoffnung kürzt des Weges Ferne, Sie ebnet rings den steilen Pfad, Erhellt die alten Augensterne, Macht den gebeugten Nacken grad'. Und ist im Tod ihr Blick zerronnen, Den langes Forschen aufwärts zog, So wecken ihn die tausend Sonnen, Zu denen seine Sehnsucht flog. 2. Wie der Stern erschien So gingen Viele zu den Sternen, Die sahen den verheißnen nicht, Und andre stiegen auf, zu lernen, Von wannen schiene doch sein Licht. Und diese schieden auch im Glauben Und starben hin in Hoffnungslust, Kein Zweifel kam, den Stern zu rauben, In die erhellte Heidenbrust. Und Zwölfe blieben's ihrer immer, Sie harrten aus im Glanz der Nacht, Sie schliefen bei des Tages Schimmer, Von stern'gen Träumen angelacht. Noch lagen sie, in die Gewande Gehüllt, in Abends erstem Duft, Da weckte sie ein Glanz am Rande, Wo sich berühren Erd' und Luft. Die Blicke glühn, die Herzen schwellen, Denn, einer Morgenröte gleich, Sehn sie den Osten sich erhellen, Und alle Sterne werden bleich; Es steigt, es steigt – es ist die Sonne, Zu nennen ist ein Stern es nicht, Getrunken hat er aus dem Bronne Des ew'gen Lichtes selbst sein Licht. Er sendet lange, goldne Stralen, Nicht, wie die andern Sterne thun, Die heute matt in ihrem fahlen, Verschwommnen, armen Glanze ruhn. In ganzen Strömen gießt er nieder, Das Licht, das seinem Kern entstammt, Als schlüg' ein Adler sein Gefieder, So wallt sein Stral, und fleugt und flammt. Die Zwölfe sandten Zeichentöne Ins nebeleingehüllte Land, Dieweil der Stern in seiner Schöne, Den Berg verklärend, stille stand. Er stand und wich nicht mit dem Dunkel, Er spielte mit dem Morgenthau; Die Sonne kam, es drang sein Funkel Unausgelöscht hinab zur Au'. Da ward ein Jubel und ein Schrecken, Als man gewahrte Berg und Thal Mit zweier Sonnen Schein sich decken, Und Alles glühn im Doppelstral. Es war, als ob mit Zungen sängen Die Lichter hell einander an, Es war, als spräch's in tausend Klängen: Geht, euren König zu empfahn! 3. Wie drei Könige sich aufmachten, dem Sterne nachzuziehen Drei Kön'ge machten da sich auf, (Doch keiner wußte von dem andern), Die merkten auf des Sternes Lauf, Und huben an mit ihm zu wandern. Schon lange harrten sie des Herrn, Den des Propheten Wort verkündet, Der Sehnsucht Funken hat der Stern Zur lichten Flamme jetzt entzündet. Ein jeder nun bereitet sich In den drei fern geschiednen Landen Mit Opfern, Gaben, königlich, Zierraten, köstlichen Gewanden. Und Mäuler und Kameele drückt Die Last der aufgeladnen Güter, Manch gutes Saumroß geht gebückt, Und nebenher die Schar der Hüter. Und jeder, neben andrem Gut, Nimmt seines Landes eigne Gaben; Des Golds und der Gesteine Glut Sucht aus der König der Araben; Der Herr von Saba drückt den Saft Des edlen Weihrauchs aus dem Baume, Dem dunkeln Myrrhenkraut entrafft Der Tharser fürst von seinem Flaume. Was zu des Leibes Notdurft frommt, Lädt jeder auf, zur langen Reise; »Von Jakob's fernem Volke kommt Der Herr der Herren!« sprach der Weise. Dorthin zieht sie das Sterngebild, Doch weiß es keiner von dem andern: Einöde voll Gewürm und Wild Trennt ihre Pfade, die sie wandern. Sie rüsten große Heeresmacht, Den Neugebornen zu empfangen, Sie sehn im Geiste schon die Pracht Der königlichen Hofburg prangen; Sie baun im Geiste den Palast, Das Cedernthor, die Marmelstiege; – Und drinnen schläft in Duft und Glast Der Königssohn in goldner Wiege. Denn solch' und größre Herrlichkeit Verspricht der Stern, der golden leuchtet, Und all das funkelnde Geleit Mit seines Lichtes Thau befeuchtet; Wo solche Stralen mild und klar Sich auf die dunkeln Wege streuen, Ja, müßten ziehen sie ein Jahr, Es will sie dennoch nicht gereuen. 4. Wie die Könige fuhren Doch war die Reise noch so fern, So ging die Fahrt doch wunderleicht, Vor jedem wandelt hin der Stern, Der Sterne, Mond und Sonne bleicht. Kein Hunger kam, kein Schlaf auf sie, Es war ein ew'ger, gleicher Tag, Nach keinem Futter schnaubt ihr Vieh, Es gehn die Hufe Schlag auf Schlag. In keiner Herberg hält der Zug, Ihn lockt nicht Lust, ihn hemmt nicht Qual, Durch Stepp' und Fruchtfeld geht's im Flug Durch Land und Wasser, Berg und Thal. Weit offen ist der Städte Thor, Sie stäuben durch mit Roß und Mann, Der Klang fährt durch der Städter Ohr, Das Auge kaum sie schauen kann. Dann zeuget die zerstampfte Flur, Daß es kein wüstes Traumbild war, Und jeder spricht: Siehst du die Spur? Und sahest du die blanke Schar? Woher, wohin kam dieser Hauf? Gilt es um einen Königsthron? – So fährt die Sage bangend auf, Doch Jene sind schon längst davon. 5. Wie die Könige zusammen kamen Als nun die zwölfte Nacht vergangen, Die doch war keine Nacht zu nennen; Da ward ein Nebel umgehangen, Daß auch erlosch des Sternes Brennen. Da blieb der Sonne Licht verborgen, Da mußte, von der Nacht befallen, Das erste Mal seit dreizehn Morgen Der Zug der Fürsten mühsam wallen. Auf eines Hügels Felsgesteinen Hielt an der Eine mit dem Traben; Er lagerte sich mit den Seinen, Das war der König der Araben. Sie sahn sich in den Finsternissen Vergebens um nach Stern und Sonnen, Sie lagen ohne nur zu wissen, Was sie für Stätte sich gewonnen. Da tönte nebenan Getose, Als ob vom Roß auch Andre stiegen, Da raschelt es im Bergesmoose, Als thäten Andre neben liegen. Und Antwort ward auf das Gebrülle Der Stier' in des Araben Heerde: – Jetzt stieg empor des Nebels Hülle, Und Tag ward wieder auf der Erde. Er stand auf eines Kreuzwegs Mitten, Ihm gegenüber hielt ein Andrer, Vom zweiten Pfade hergeschritten, Ein männlich wohlgethaner Wandrer; Und hinter ihm die Schar der Reiter, Der Schafe Heerden, der Kameele; Da zieht von beiden keiner weiter, Ein Staunen fliegt durch beider Seele. Und noch sind sie im Schau'n verloren, Da kömmt auf drittem Weg ein Dritter, In einer stolzen Schar von Mohren, Er selbst ein junger, schwarzer Ritter. »Was bringt euch,« rief er, »aus der Ferne, So edlen Mann, so würd'gen Greisen? Wärt ihr geführt von einem Sterne, Wie ich, ihr würdet lust'ger reisen!« Der zweite sprach: »Wohl einem Sterne Vertraut' ich meine festen Tritte! Nicht blindlings zieht ein Mann zur Ferne, Nach sichrem Gut lenkt er die Schritte!« Der erste sprach: »Es muß den Greisen Ein helles Licht zum Wandern laden, Mich hieß das Licht der Seele reisen, Ein Himmelslicht schien meinen Pfaden.« Ein Jeder sprach's in seiner Zungen, Als wär's die eigne, däucht's dem andern; Ein Jeder weiß, vom Geist durchdrungen, Woher, wohin, zu wem sie wandern. Sie reichen sich die Hand zum Bunde, Sie sind Ein Herz und Eine Seele; Sie küssen sich mit Brudermunde Und loben Gott mit ein'ger Kehle. Der Nebel zwar, der aufgestiegen, Hat ihrem Blick den Stern verborgen, Doch sich zu Füßen sehn sie liegen, Das Ziel (so glauben sie) der Sorgen. Da liegt sie an des Berges Tiefen, Zu der des Sternes Stralen luden, Sie ruht im Schatten der Oliven, Die königliche Stadt der Juden. O wüßtet ihr, auf welchem Hügel, Ihr Fürsten, euer Zug gehalten Und warum seiner Stralen Flügel Der Stern darob nicht mag entfalten! Nicht ist er in der Stadt geboren, Nicht suchet da den Königserben; Doch dieser Hügel ist erkoren, Darauf er soll am Kreuze sterben! 6. Wie die Könige in Jerusalem einzogen und zu Herodes kamen Der Nebel schwand im Sonnenlichte, Da glänzte Tempel, Burg und Stadt; Als nun die Schar, die reiche, dichte, Durch die erhellten Thore trat. Erfüllung wurde da den Worten: »Es kommt, o Stadt! mit Gold und Gut Der Heiden Kraft, und deine Pforten Umlagert der Kameele Flut.« Doch zitterten, die drinnen wohnen, Als sie die Heereskraft erblickt, Die Völker, die aus fernen Zonen Der Aufgang, der erregte, schickt. Die Stadt, sie fasset sie nicht alle, Der Markt ist voll, es stockt das Thor, Die andern lagern sich am Walle Und liegen, wie ein Feind, davor. Da dachte man der Väter Zeiten, Die sahen all' der Völker Zahl Um Wall und Mauer feindlich streiten, Und sie bestürmen allzumal. Da ward manch banges Wort gehöret: »Der Indier ist da, der Mohr! Der Ahnherr hat die Stadt zerstöret, Wer weiß, was uns der Enkel schwor!« Den alten König aus dem Schlafe, Auch den Herodes weckt der Klang, Er hört es nah'n wie Himmelsstrafe, Er sieht vom Fenster aus den Drang. Bald merkt er, wie der laute Schrecken In stille Freude sich verkehrt, Die Neugier lispelt an den Ecken, Was ihr der Fremden Mund beschert. Er hört das leise Wort der Leute: »Geboren ist, den Gott verheißt!« Und des Propheten Spruch tritt heute Gerüstet vor den finstern Geist. Die Schriftgelehrten heischt gesammt er, Die Priester, in den hohen Rat, Und frägt: »Wo ist, von wannen stammt er, Der nach der Schrift Verheißung naht?« Sie sprachen all' aus einem Munde: »Du kennest des Propheten Wort, Nicht deutet es, o Herr, die Stunde, Doch wohl bezeichnet es den Ort: Du kleines Bethlem bist erkoren, Vor allem Juda sei erfreut! Der Herzog wird aus dir geboren, Der seinem Israel gebeut.« Der König hat genug vernommen, Er sendet nach den Fremden aus, Er bittet sie, zu ihm zu kommen, Man führt sie heimlich in sein Haus; Da treten herrlich ausgeschmücket Die Fürsten vor sein Angesicht; Er steht so ärmlich, so gebücket: Nein! solch ein König ist er nicht! Doch sprechen sie mit würd'gem Neigen; »Wir sehn, du bist der Fürst des Lands; Du wollst das Königskind uns zeigen, Das aufging, dieses Volkes Glanz. Es deutete, was da geschehen, Ein alter Seherspruch uns schon, Wir haben seinen Stern gesehen; Sprich! ist's dein Enkel, ist's dein Sohn?« Doch der, im Herzen schwer betrübet, Sprach da mit lächelndem Gesicht, In aller Falschheit wohlgeübet: »In meinem Hause suchet nicht. Es künden die Prophetengeister Wohl einen andern, größern Herrn! Auch mir erzählten's meine Meister, Und ich – fürwahr, ich hört' es gern. Drum sagt mir, wann sein Stern erschienen, Erforschen möcht' ich es mit Fleiß; Ich selber, glaubt mir, will ihm dienen, Sobald ich seine Stätte weiß. Es lassen ihn die alten Kunden Aus Bethlem, Davids Stadt, erstehn. Eilt, sagt mir's, wenn ihr ihn gefunden; Nicht dürft ihr mich vorüber gehn!« Er schweigt, und aus des Busens Schwärzen Füllt sich sein Angesicht mit Nacht; Den frommen Blick, die lichten Herzen Der Kön'ge nicht es irre macht; Sie künden ehrlich Tag und Stunde, Daran das Licht erschienen ist, Sie grüßen mit getreuem Munde, Und ziehen weiter nach dem Christ. Und Drommedar' und Stier' und Schafe Und Roß und Mann ziehn aus der Stadt, Jerusalem legt sich zum Schlafe, In dem es vor gelegen hat. Nur in dem Schloß, da wacht und zittert Herodes vor der Fremden Wort; Er rechnet hin und her, er wittert Trug und Verrat; er sinnt auf Mord. 7. Was den Königen auf ihrer Fahrt nach Bethlehem begegnet Wie lieblich grünend stehn die Auen, Durch die der Pfad nach Bethlem führt, Wie vollbelaubte Hügel schauen Ins Thal, das keinen Winter spürt. Es weiß nichts von des Hagels Schlägen Und bleibt im Sommer unversengt, Es wird zur Zeit der kalten Regen Mit warmem Frühlingsguß besprengt. Durch solches geht die Winterreise Der Könige mit Lenzesmut; Die Sonne sinkt, da gießt sich leise Durch's grüne Feld Smaragdenglut. Die Berge sind von Golde trunken, Der Bäche Silber leuchtet fern; Wohl ist die Sonne längst versunken, Doch über ihnen geht der Stern. Heut wandelt er mit ihren Tritten, Er geht so fest, so rasch voran; Ja, seine Stralen gleichen Schritten, Und lassen Spuren ihrer Bahn. Wie wenn ein lichter Regenbogen Durch's Thal, nicht durch die Wolken geht, So haben sie den Pfad gezogen Und eine Furche Golds gesät. Dort liegt an eines Hügels Saume Gelagert eine Hirtenschar, Erweckt aus ihrem ersten Traume Hat sie der Stern so wunderklar. Er deckt mit weißen, weichen Lichtern Der Schafe schlummernd Häuflein ganz, Und auf den frommen Angesichtern Der Hirten spiegelt sich sein Glanz. Da kommt der Fürsten Heer gezogen, Die Hirten richten sich empor; Auf flücht'gem Roß herbeigeflogen Sprengt an der Tharsisfürst, der Mohr: »Erzittert nicht, ihr Hirtenleute! Wir sind kein feindlich Kriegesheer; Wir fallen nicht auf euch nach Beute, Wir werfen nicht nach euch den Speer!« Ihm tritt ein ernster Greis entgegen, Neigt sich und spricht: »Gewalt'ge Herrn! Es ist ein Wunder allerwegen: Hier solches Heer und dort der Stern! Doch schreckt uns nicht, was wir gewahren, Und blendet dieser Glanz uns nicht, Denn wißt, wir sahn des Himmels Scharen, Und schauten mehr denn Sternenlicht. Wir lagen still bei unsrer Heerde; – Dreizehnmal ward seit dem es Nacht – Da goß sich Klarheit auf die Erde, Da wallt' ein Glanz um uns mit Macht, Da hatt' im Kleid, aus Licht gewoben, Ein Jüngling sich herab gesenkt, Ein Hirte däucht' es uns, der droben Des Himmels goldne Schafe tränkt.« Er sprach: »Getrost! ich bin Verkünder Des Heils, das heut euch widerfährt: Euch ist der Heiland aller Sünder, Der Christ, in Davids Stadt bescheert. Bewahrt das Wort von meinen Lippen, Sucht, bis das Zeichen sich erfüllt: Ihr findet dort in einer Krippen Ein Kind in Windeln eingehüllt!« Er sprach's, und alsbald war die Menge Der Himmelsscharen um ihn her, Da rauschten selige Gesänge, Da wogt' um uns des Lichtes Meer. Wir aber gingen anzubeten, Wir kennen unsern König jetzt: Seit hat von Erden-Lust und -Nöten Uns nichts erfreut, uns nichts entsetzt.« Nun wurden Kön'ge bald und Hirten In freudigen Gesprächen eins, Und Beider Heerden traulich irrten Vermengt im Glanz des Sternenscheins. Da war nicht Jude mehr und Heide, Sie waren Beid' ein Volk des Herrn. Zu einem Reich berufen Beide, Vom Engel die, und die vom Stern. 8. Wie die Könige zu Bethlehem das Kind Jesus fanden und es anbeteten Vor Bethlems Mauern hält der Zug; Da luden sie von den Kameelen, Was jedes edler Schätze trug, Gold, Silber, Purpurkleid, Juwelen; Sich selbst sie schmückten königlich, Den höchsten König zu empfangen, Und hinter ihnen reihte sich Die Heereskraft in stolzem Prangen. Der greise König Melchior, Dem, als der Stern, das Auge flammte, Ging wie ein Priester Allen vor, Im faltenreichen Purpursammte: Das blaue Stahlgewand umschließt Den Balthasar, wie angeboren; Aus Rotgold, wie aus Feuer, sprießt Das schwarze Haupt Jaspar des Mohren. So ziehn sie durch den kleinen Ort In tiefen, fragenden Gedanken; Doch macht des Engels seltsam Wort Den Greisen und den Mann nicht wanken. Dem Jüngling nur, dem Mohren, pocht Das Herz noch zweifelnd an die Rippen: Zu reimen hat er nicht vermocht Die Königswürde mit der Krippen. Doch nicht mehr zweifeln läßt der Stern, Er hält in seines Laufes Mitte, Fest, unbeweglich krönt sein Kern Das Haupt von einer morschen Hütte. Ein grau, zerfallen, alt Gestein, Ein Strohdach kärglich überkleidet: Soll das des Königs Wohnung sein? Ja! spricht der Greis, der Stern entscheidet. Umringt ist schnell der schnöde Stall Von aller Erde Herrlichkeiten. Es drängt sich rings der Diener Schwall, Der Gaben reichste zu bereiten. Die Fürsten treten ein gebückt, Das Sternlicht fließet durch die Wände, Sie sind von solchem Stral durchzückt, Daß sich ihr Haupt senkt in die Hände. Als sie den Blick nun aufgethan Und all das Licht gelernt ertragen, Wer doch vermag, was da sie sahn, Der es nicht selbst geschaut, zu sagen? Da wird die stolze Sprache stumm; Doch ist ein Schein davon geblieben! Schau dich nach frommen Bildern um, Dort findest, Sänger, du's geschrieben: In dem zerfallenen Gebäu, Da sitzt bei'm Eselein und Rinde Im öden Stall, auf armem Heu, Ein stilles Weib bei ihrem Kinde. Ein Weib? O schaut ihr Angesicht! Fürwahr, sie weiß von keinem Manne, Mit jungfräulichem Augenlicht Hält sie der Erde Lust im Banne. Und ist doch es ihr eigner Sohn, Den sie hält mütterlich umschlungen; Sie hat, entströmt dem Himmelsthron, Des Allerhöchsten Kraft durchdrungen. Der stolze Mutterblick es sagt, Es sagt's die Hand auf reinem Herzen, In dem's von Gottes Lust nur tagt, Und nachtet nur von Gottes Schmerzen. Nicht Krone brauchet solche Frau, Nicht der Gewänder farb'ge Gluten, Nur eines Mantels Dunkelblau Sieht man den reinen Leib umfluten, Und, als der echten Gottesbraut, Wallt ihr um's Haar der weiße Schleier; Doch allverklärend überthaut Der Stern sie mit dem ew'gen Feuer. Der Stern bestralt das zarte Kind, Das Angesicht von Milch und Rose, Es ist, wie andre Kinder sind, Ruht hilflos, nackt, im Mutterschooße. Es liegt so still und wonniglich, Daß sie im Schauen sind verloren, Und willig beugt der Nacken sich Des stolzen, jugendlichen Mohren. Verwirrt von solcher Lieblichkeit Vergaßen sie der reichen Gaben, Das Nächste, was der Diener beut, Das Kleinste sie ergriffen haben. Ein wenig Goldes faßt der Greis, Der Mann streut Weihrauch auf's Geschirre, Der Jüngling sucht in Thränen heiß, Und greift – nach einer Handvoll Myrrhe. Die Jungfrau neigt sich mildiglich Zu eines Jeglichen Geschenken, Ihr Blick füllt mit dem Geiste sich, Er scheint in Deutung sich zu senken: Dem Gott wird Weihrauch dargebracht, Gold wird dem Könige geboten: Doch Myrrhe? Myrrhe schmückt die Nacht Des Grabes, und die Gruft der Toten! Gott, König, Mensch dem Tod geweiht! Sie ringt mit dem verborgnen Sinne: Ob sie dem Staunen Worte leiht? – Die Fürsten werden es nicht inne, Sie sind dem König zugewandt, Sie ruhn in Andacht vor der Krippe, Und drücken still die zarte Hand Des Kindes an die heiße Lippe. Doch lenkt den weisen Melchior Der Geist auf seine beste Gabe: Den goldnen Apfel langt er vor, Er war einst Alexanders Habe; Zu seines Zepters Schmuck bestellt, Des runden Weltalls köstlich Zeichen, Geschmelzt vom Zins der ganzen Welt – Was läßt sich mehr dem Kinde reichen? Mit seinem Blick und seinem Hauch Hat dieses kaum den Ball berühret, Sieh! der verstob zu Asch' und Rauch; Wohin er fuhr, ward nicht verspüret. – Verwandelt ist das Angesicht Des Kindes da vor ihren Blicken, Auf seinen Wangen wohnt das Licht, In dem die Himmel sich erquicken. Und welch ein Aug' – ein Aug' ist sein, Geformt aus Gottes Feuerflammen; Ein Aug' – es spricht: Die Welt ist mein, Ich kann erlösen und verdammen! – Jetzt taget es in ihrem Geist, Die alten Finsternisse fliehen, Und die entsetzte Zunge preist Des Schöpfers Macht, vor der sie knieen. – Wer aber steht zur Seite still, Und sinnt, auf seinen Stab gelehnet, Andächtig, was da werden will, Nicht an so Herrliches gewöhnet? Ein wohlbejahrter, frommer Mann, Ein treuer, irdischer Berater; Sprich, wo man bessern finden kann Zu solchen Kindes Pflegevater? Der nimmt die Kön'ge bei der Hand, Und führt sie freundlich aus der Klause. Sie stehen lang noch umgewandt Vor dem zerfallnen, alten Hause, Ist es doch wie ein grauer Rest Gestürzten Tempels anzuschauen: Der Gott, der drin sich niederläßt, Der wird ihn herrlich wieder bauen! So standen in Gedanken sie, Und zogen fürbaß in Gedanken; Doch da begann der Rosse Knie Und der Kameele Tritt zu schwanken. Und Hungers, Durstes, Schlafs Gewalt Fing an im Haufen sich zu regen; Und selbst die Fürsten mußten bald Zu Mahl und Schlaf sich niederlegen. Und sieh! ein Traumbild warnt ihr Herz, Es nahen zarte Kinderseelen, Und winken ihnen, heimatwärts Sich einen andern Pfad zu wählen. »Nicht in Herodes falsches Haus!« Hell klingt das Wort in ihren Ohren. Sie wachen auf, sie ziehen aus – Nacht ist's, der Stern ist längst verloren. 9. Wie Joseph mit der Jungfrau und dem Kinde floh Es ging der Kön'ge Zug hinaus, Und manche Nacht kam ohne Stern, Und öde war's im dunkeln Haus: Da trat der Engel ein des Herrn. Sein Auge, schauend in der Nacht, Ruht auf der Jungfrau, auf dem Sohn, Den selig schlummernden, und sacht Berührt des Vaters Ohr sein Ton: »Fleuch nach Egypten, Mann, geschwind; Harr' aus, bis ich dich rufe dort. Herodes Mordstahl sucht das Kind: Mit ihm und mit der Mutter fort!« In Josephs Traume spiegelt sich Des Boten selige Gestalt; Der Schlaf entfloh, der Engel wich, Aufsteht er mit Marien bald. Das Es'lein aus dem Stall er führt, Er löst es mit dem Opfergold. Und sorgsam dann, wie sich's gebührt, Hebt er hinauf die Jungfrau hold; Das Knäblein schläft an ihrer Brust, Er wandelt, an dem Zaum die Hand, Und mit der Morgensonne Lust Sind sie schon weit im offnen Land. Der Inderschätze reiches Gut Es hat sich wunderlich geschmiegt, In einem Bündelein es ruht, Das auf des Thieres Rücken liegt. Und leicht und fröhlich geht die Fahrt, Und überall auf ihrer Spur Die Menschen werden beßrer Art, Und freundlicher wird die Natur. Die Lüfte bleiben warm und rein, Der Berg wird eben ihrem Schritt, Und in den öden Wüstenei'n Entsprossen Rosen ihrem Tritt. Und stehen wo im Heidenland Die Götzenbilder, riesig, stumm: Wo nur ihr Pfad sich hingewandt, Da wanken sie und stürzen um. Und nach der zwölften Tagfahrt schon Winkt aus Egyptens heißem Sand Und beut den kühlen Blumenthron Ein selig blühend Inselland: Dort ist der Himmel ewig hell, Dort athmen sie des Balsams Duft, Dort ruhen sie am schatt'gen Quell, Und harren, bis der Engel ruft. 10. Wie Herodes die Kindlein in Bethlehem ermorden ließ Zu Bethlehem am selben Tage, Da Joseph mit dem Kind geflohen, Erhebet sich Geheul und Klage, Da jammern Frauen, Würger drohen Und gehn, wie Tiger in der Wüsten Auf Raub mit mörderischem Mute; Da mischet an der Mutter Brüsten Die Milch sich mit des Säuglings Blute. Das kleinste Kind wird nicht verschonet, Muß, eh' es lächeln kann, verderben, Und, dem schon Lust im Auge wohnet, Nicht Gnade kann sein Blick erwerben. Dort ruft mit halbgelöster Zunge Ein anderes dem Vater lallend; Da kommt ein Schwert mit raschem Schwunge Ihm in sein stammelnd Bitten fallend. Und nieder schaut von dem Gebirge Auf die mit Blut getränkten Matten, In das Geschrei, in das Gewürge, Der Stammfrau jammervoller Schatten. Eins um das Andre sieht sie fassen, Sie weint, sie ruft, sie kann's nicht hindern, Rahel will sich nicht trösten lassen, Denn es ist aus mit ihren Kindern. Doch des Herodes Henkersknechte, So sicher sie auch spähn und schlagen, Sie treffen nimmermehr das rechte: Das wandert sänftiglich getragen. – In seinen Traum am Mutterherzen Verirrt sich nicht der Mörder Toben; Es ist ein Kind, zu andern Schmerzen Und andrem Sterben aufgehoben. Ein Mann, wird er das Land durchwandeln, Und Zeichen thun und göttlich lehren, Mit seinem Wort, mit seinem Handeln Zum Himmelreiche viel bekehren, Zu einem Reich, vor dem kein König Den Thron mit Morde braucht zu wahren, Zu einem Reich, dem unterthänig Nur Seelen sind und Engelscharen. Er aber, dieses Reiches Gründer, Er wandelt nicht den Weg zum Throne, Er geht den Weg verdammter Sünder, Von Dornen trägt er eine Krone. Er wird am Kreuz den Fluch der Erde, Die Welt erlösend, göttlich büßen; Den Geist durchbohrt von einem Schwerte Steht seine Mutter ihm zu Füßen. 11. Wie die Könige nach Hause kamen und was weiter geschah Die Kön'ge, die in dreizehn Tagen Der wundervolle Stern geführt, Daß sie von keiner Reise Plagen, Von keines Wegs Verdruß gespürt, Seit sie zusammen heimwärts kehren, Wie langsam geht ihr Zug voran, Daß ihnen ewig däucht zu währen Die jüngst so rasch durchflogne Bahn. Bald gähnt ein Schlund vor ihrem Fuße, Bald steigt ein Berg vor ihnen auf, Vor einem brückenlosen Flusse Steht jetzo, jäh gehemmt, ihr Lauf. Und ist er überbaut, durchschwommen, So wandern sie im öden Land; Und wenn sie in's bewohnte kommen, Faßt Niemand ihres Worts Verstand. Doch wo durch Zeichen und durch Worte Sie öffnen können Aug' und Ohr, Erzählen sie von ihrem Horte Und bringen ihre Wunder vor. Mit Demut und mit ganzer Liebe Beschreiben Mutter sie und Kind, Und wecken heißer Sehnsucht Triebe, Wo Menschen, die es hören, sind; Und ziehen fort, am Leib ermüdet, Am Geiste fröhlich und getrost, Im Herzen seliglich befriedet, Wenn um sie Sturm und Wetter tost. Es trennt sich keiner von dem andern, Und endlich, nach dem zweiten Jahr, Sieht man hinauf den Berg sie wandern, Wo erst der Stern erschienen war. Dorthin bescheiden sie die Fürsten Und ihrer Völker manchen Mann, Die nach des Sternes Heile dürsten – Und kündigen das Wunder an. Da regen sich mit froher Schnelle Der Arme viel von Jung und Alt, Und eine freudige Kapelle Glänzt auf des Berges Spitze bald. Der Götter trübe Mißgebilde Sie blieben diesem Tempel fern, Man sah da nur in sel'ger Milde Des Kindes Bild in einem Stern. Jetzt ekelte vor ihren Göttern Der Völker aufgethanem Sinn, Sie gingen fort, sie zu zerschmettern, Und stellten Stern und Kindlein hin. Drauf haben leiblich sich geschieden Die frommen Kön'ge Hand aus Hand, Und trugen ihres Kindes Frieden Ein jeder in sein eigen Land; Doch ihre Herzen allerwegen, Die blieben bei einander stets; Und jährlich kamen sie zu pflegen In der Kapelle des Gebets. Und jedesmal, so oft sie kamen, Da wußten sie der Wunder viel, Verkündeten, wie guter Samen In so viel neue Herzen fiel. Von unsichtbarer Hand getrieben, Wird ihnen leicht ihr Fürsten-Amt, Ein kindlich Hoffen, Glauben, Lieben Hat ihrer Völker Herz entflammt. Gar manches Jahr verging den Frommen In solches Kinderglaubens Stral, Und auf dem Berg zusammenkommen Sind sie schon mehr denn dreißigmal. Es war der König der Araben Gebeugter, hundertjähr'ger Greis; Des Mohrenjünglings Haupt umgaben Die sonst so schwarzen Locken weiß. Und also knieten einst die Greisen Zusammen vor des Kinds Altar, Und um die drei, da stand der weisen, Der edlen Morgenländer Schar; Da kam zu der geweihten Schwelle Herein ein schlichter Pilgersmann, Er schaut sich um in der Kapelle, Er hebt getrost die Botschaft an. Es ist ein Bote von dem König! Wie horcht der Männer glaubig Ohr! Wie wußten sie seither so wenig, Welch neues Bild schwebt ihnen vor! O martervolle Kreuzerhöhung! O Tod von unerforschter Art! O wunderbare Auferstehung! O wonnereiche Himmelfahrt! Der Bote bringt die rechten Kunden, Er hat kein Traumbild ausgehegt, Hat in des Meisters Seitenwunden Die zweifelsbange Hand gelegt. Er ging, und auf dem Pilgerlaufe Rief seinen Herrn und Gott er aus, Und heute fodert er zur Taufe Die Greisen in des Kindes Haus. 12. Wie die Könige Abendmahl hielten und starben Vom Geiste waren sie erfüllet, Getauft mit seines Feuers Glut; Vom priesterlichen Kleid umhüllet, Hoch hielten sie des Mittlers Blut In einer goldnen Opferschale, Und hoch des Mittlers Haupt empor, Und riefen zu dem Abendmahle Die Brüder in des Tempels Chor. Hier theilten sie die hohen Gaben Mit milden Händen selig aus, Wie sie einst froh geopfert haben In dem zerfallnen Tempelhaus. Jetzt kommt das Opfer von dem Kinde, Das überschwengliche, herab, Das Opfer, das vertilgt die Sünde, Und das den Stachel nimmt dem Grab. Als wunderbar mit Trank und Speise Sie darauf Alle rings erfreut, Da nahte sich der Greis dem Greise, Das Mahl dem Andern jeder beut. Wie ward ihr welkes Haupt erhoben, Wie ward ihr müdes Herz erquickt! Und auf ihr Antlitz ward von oben Ein lichter Stral herabgeschickt. Und feurig brennt es durch die Scheiben, Das Haus füllt sich mit weicher Glut; Die Steine wollen Rosen treiben, Die Wände färben sich wie Blut, Der Kön'ge Purpur steht in Flammen, Im Jugendschein ihr Angesicht – Woher strömt so viel Licht zusammen? Der Stern ist's, der durch Wolken bricht! Da hebt der Greise Blick sich trunken Und senkt sich wieder sänftiglich; Da ist ihr altes Haupt gesunken, Als neiget' es zum Schlafe sich; Da weichen Knie' und alle Glieder Des süßen, ew'gen Schlummers Drang: Da legt ihr Geist die Hülle nieder, Der sich hinauf zum Sterne schwang. Es lächelt nieder auf die Leichen Sein Lebensbild der Stern noch lang; Der Bote winkt mit stillem Zeichen, Da hebet sich ein Grabgesang: Den Erstlingen der Heiden schallet Der Brüder schmerzlich süßer Ton, Und in die Erdenklage hallet Der Engel Lob vor Gottes Thron.