Wanderlieder eines Mannes 1. Ausmarsch Dein Kessel, brodemvolle Stadt, Liegt dampfend unter mir, Frisch, wie mich Gott geschaffen hat, So wandr' ich singend hier. Mir ist, wie dem Versunkenen, Der aufstieg aus der Gruft, Mir, wie dem halb Ertrunkenen Beim ersten Athem Luft. Ich blicke hinter mich; der Dampf Ballt zu Gestalten sich, Und werdender Gespenster Kampf Entspinnt sich schauerlich. Ein Kohlenaug', ein Beingesicht, Ein Ries', ein Zwerg, in Streit; So tauchen aus dem Dämmerlicht Geiz, Ehrgeiz, Hochmut, Neid. Sie bäumen sich, sie ringen wild, Sie schwanken auf und ab, Im Dunst erzeugt sich das Gebild, Im Dunst sinkt es zu Grab. Ich sehe nichts von Häusern mehr, Ich seh' nur dies Gewühl: Jetzt merk' ich, warum mir so schwer Da drunten ist, so schwül. Wer weiß, welch schlimmer Geist an mir Zu böser Stunde zerrt, Und richtigen Gedanken schier Den Weg ins Herz versperrt? Durchströme mich, o Gottes Luft, Und stärke meinen Sinn; Durchathme mich, o Blütenduft, Bis ich geläutert bin! 2. Die Alß O blau Gebirg, dort winkst du ja Mit frischer Jünglingsmahnung; Mit allen Nebeln bist du da, Mit aller Sonnenahnung. Geheimnißreich senkt sich dein Hang Voll unentdeckter Falten. Und doch – wie oft hat sie mein Gang Mit raschem Schritt gespalten! Kein Wald senkt sich in Thalesschoos, Der mir nicht schon gerauschet, Kein Bächlein springt aus Fels und Moos, Das ich nicht einst belauschet. Kein Steg ist, der nicht unterm Tritt Mir schon gezittert hätte, Kein Bergpfad, den ich nicht beschritt, Kein Gipfel in der Kette. Den Zauber hab' ich längst gestört: Hab' ich dich doch beschrieben! Ein jedes Plätzchen mir gehört. – Wie ist's nun mit dem Lieben? Ich habe selbst den Jungfernkranz Dir von dem Haupt genommen; Mein eh'lich Weib, das bist du ganz, Nun, sei auch so willkommen! 3. An der Quelle Ich werfe nieder mich am Bach, Mir wird so jung zu Sinne. In seine Wellen schau' ich – ach! Was werd' ich Armer inne? Es blickt mir statt dem Lockenkopf Entgegen ein fast grauer Schopf, Die Augen überbauen Mir weißbebuschte Brauen. Sink' immerhin veraltet ein, Du halb schon trockne Hülle! Kann nur mein Geist noch Jüngling sein, Hat er nur Saft und Fülle! Es wandeln viel, gelockt und glatt, Um mich herum, und sind schon matt Mit meinen halben Jahren, Sind Greise trotz den Haaren. Werd' mir nicht mürrisch, alt Gesicht! Nicht wolkicht, kahle Stirne! Das ist die einz'ge Jugend nicht, Nach welcher schielt die Dirne. Jung bleibt, wem in der argen Welt Gemeines nie den Mut vergällt, Wer noch für's Höchste Sehnen, Für edles Leid hat Thränen. Noch schwillt, du halbgeschlossner Mund, Das Lied auf deinen Lippen, Auch leerst du Becher noch zu Grund Und weißest nichts vom Nippen. Du, Brust, auch bist noch weit und warm Und du selbst bist nicht welk, mein Arm! Ich bin ein Mann und strebe, Ich fühl's mit Lust: ich lebe! Und wenn die bessre Zeit noch tagt, So lang ich wandl' auf Erden, Die Zeit, von der man singt und sagt, Mit Angst- und Lustgeberden: Sie findet mich im Silberhaar, Doch nicht der Dichterjugend baar; Dann wird mein Sang verkünden, Was Jüngste soll entzünden. O Plätscherbach! verspotte nicht Mich und mein Lied verwegen; O frischer Rasen, grünes Licht! Schiel' mir nicht so entgegen. Ach freilich, wenn der goldne Tag Anbricht nach Sturm und Donnerschlag, Ist diese Sängerkehle Zerstäubt, und fern die Seele. 4. Bekanntschaft Hinein in das Haus Zu Labung und Schmaus Nach früh durchwandertem Morgen! Dort sitzt schon ein Gast – Er ist mir verhaßt, O wär' ich allein und geborgen! Jetzt spricht er mich an. Ein herzlicher Mann! Wie glüht er von Wanderungswonne! Wie duftet sein Wort Nach Zeit und nach Ort Von Waldluft, Frühling und Sonne! Wir sind ja schon eins! Es fließt uns des Weins Gefühlaufwühlende Quelle. Ich öffne mit Lust Dem Fremden die Brust, Ich zeig' ihm die heimlichste Stelle. Die Becher sind leer, Das Scheiden wird schwer, Als wären wir Jahre beisammen. Jetzt trag' ich allein Ins Blaue hinein Die wallenden, schmerzlichen Flammen. – Was hast du gemacht? Was hast du gedacht? Bist wieder zu jung gewesen! Hast wieder du nicht In einem Gesicht Zu viel, viel zu vieles gelesen? Du alterndes Herz! Ei, mußt du mit Schmerz Auch so noch die Jugend empfinden? Stets liebest du neu, Hoffst wieder auf Treu, Dich wieder betrogen zu finden? 5. Ein Mord Gott grüß' euch, liebe Bäume! Wie blüht ihr so getreu, Macht unsrer Jugend Träume Alljährlich wahr und neu. Die süße Mädchenblüte Glänzt einmal nur, nicht mehr. Euch schenkt des Himmels Güte Der Blüten Wiederkehr. – Was stört mir die Gedanken Ein finsterer Gesell? Wie seine Schritte wanken Jetzt langsam und jetzt schnell! Er schießt so gift'ge Blicke, Ein Beil schwingt seine Hand, Als würd' es ins Genicke Des Feindes jäh gesandt. Es ist schon Abend worden, Und nicht geheuer hier! Und doch – wer könnte morden In solcher Frühlingszier? Mich schaudert, ich entweiche. Was thut er? – Mensch! Abschaum! Du führst die Todesstreiche Auf einen Blütenbaum! Weh! Hieb auf Hieb! dem zweiten, Dem dritten thut er's an; Dem Baume, der nicht streiten, Der sich nicht wehren kann! Halt ein! – er ist entflohen, Er schwindet in den Wald; Von fern seh' ich ihn drohen, Als käm' er wieder bald. Mein Herz ist fast gebrochen Vor seiner Streiche Wucht. Die Bäumchen werden sochen; 1 Sie sterben vor der Frucht. Umsonst bin ich entronnen Der Stadt, die Böses pflegt, Wenn hinterm Licht der Sonnen Die Flur noch Schwärzres hegt; Wenn in die milde Sprache, Die Gott den Frühling lehrt, Der Mensch mit seiner Rache Auch hier verhöhnend fährt. Fußnoten 1 sochen = siechen. 6. Heimweh Es wecken mich Gedanken auf; Noch schläft ringsum die Nacht. Und schon beginn' ich meinen Lauf, Der Mond schleicht vor mir sacht. Wie ängstet mich sein blaues Licht, Wie schweigt der lange Wald! Kein Lüftchen, keine Quelle spricht, Die Welt starrt leichenkalt. Und ein Gefühl von schlimmer Art Schnürt mir die Seele zu: Fehlst, Schöpfer, deß Allgegenwart Natur sonst fühlt, auch du? – Wär' ich zu Haus mit meinem Schmerz Bei meiner Jugend Weib, Und legt' ihr an das treue Herz Den zagen Geist und Leib! Ob sie wohl jetzt in Frieden ruht, Die Kinder um sie her? Kreist ihr und ihnen leicht das Blut, Und athmet keines schwer? Weiß ich, ob eines wimmernd nicht Die Mutter plötzlich weckt, Ob nicht sein glühend Angesicht Des Fiebers Scharlach deckt? Wald, laß mich los, du bist ein Grab! Mond, scheine nicht so bleich! O werd' ein Flügel, Wanderstab! Wildfremder Boden, weich! Und jetzt umhaucht es kräftig mich; O Frühe, bist es du? Der grüne Kerker öffnet sich! Nur zu, nur immer zu! Schon liegt die Welt vor mir in Duft, Schon perlet auf der Au' Das Kind des Mondes und der Luft, Der morgenhelle Thau. Dort steigt der Sonne goldnes Rund, Und Gott ist wieder da. Ich frage bang: sind sie gesund? Das Licht sagt lächelnd: Ja! 7. Festmorgen Singen möcht' ich Liederweisen, Meinen Herrgott möcht' ich preisen, In dem Tempel möcht' ich stehn. Und doch läßt sich in die Runde, Auf den Umkreis einer Stunde, Nichts als diese Schenke sehn. Werde sie mir denn zur Klause, Werde sie zum Gotteshause! Welche Stelle predigt nicht? Wo sich ernster Sinn erweitert, Sich mit Himmelslichte heitert, Fehlt Altar und Kanzel nicht. Warum sollt' ich mich besinnen – Horch! wie lärmt es schon da drinnen! Schwarz von Bauern sitzt die Bank. Und was hör' ich! sich zur Plage Macht dies Volk die Feiertage, Und der Glaube wird ein Zank. Wie der Lutheraner mächtig Demonstrirt, wie er bedächtig Spruch um Spruch zu Schlüssel sucht! Wie der Katholik ihm knurrend Ausweicht, und verdrießlich murrend Ketzer in die Hölle flucht! Nein! hier kann ich auch nicht beten, Muß verstimmt bei Seite treten. Den im Winkel sprech' ich an, Der vom ganzen Streit nichts hörte, Der nur Augen, ungestörte, Heftet auf den Korduan. Hand auf Schulter, bessern Mutes Sprech' ich: »Christ, was liesest Gutes?« Und ich schau' ihm in den Text. – Ist dies Haus nicht europäisch? Welch ein Dämon hat Hebräisch Auf das Psalmbuch hingehext? Bin ich im gelobten Lande? – Herz, gesteh zu deiner Schande, Vor dem Juden scheuest du! Heiß' den Bruder doch willkommen, Freue dich mit diesem Frommen, Halte mit ihm Sabbathsruh! 8. Im Kursaal Nun gar hinein zur großen Welt, In ihren grellen Saal! O Wandrer, was dein Herz erhellt, Such's nicht im Kerzenstral! Und doch – was fesselt mich denn hier? Warum verweil' ich gern? Was wird es ruhig still in mir Wie unter Mond und Stern? Ach, in dem brausenden Gewühl, Wund von der Lüge Schmerz, Fand plötzlich ich ein ernst Gefühl, Ein Wahrheit spendend Herz. Wie mitten in dem dürren Sand Ein Quell dem Waller springt, Wie er sich von der Felsenwand Aus Dorn die Rose ringt: So perlt aus einem Auge klar Mir frische Lebensflut, So quillt von ros'gem Lippenpaar Mir Geistes Duft und Glut. Mir ist, als hätt' in Einsamkeit Ich betend mich erquickt, Und Engelshand giebt mir Geleit, Daß mich kein Trug umstrickt. Aus den erfüllten Hallen fort Wandr' ich hinaus ins Feld, Sie waren mir ein stiller Port, Hab' Dank, du große Welt! 9. Rückblick Mit zwanzig leichten Lenzen Lag ich in diesem Wald, Und seh' ihn heute glänzen In gleicher Lichtgestalt! Es duften seine Würzen Und seine Bäche stürzen, Ja, nimmer wird er alt. Mit rüst'gen Mannesschritten Geh' ich noch durch ihn hin, Ich bin an Willen, Sitten, Ich bin der Alt' an Sinn; Und dennoch muß ich sagen, Ich muß mit Schmerzen klagen, Daß ich ein Andrer bin! Die Buchen und die Eichen, Mit Wurzeln tief und breit, Sie waren meines Gleichen, Was wußt' ich von der Zeit? Gleich diesen Felsenquadern Fühlt' ich in allen Adern Getrost Unsterblichkeit. Wohl bin ich jetzt ein Andrer, Bin kein Gewächs des Hains; Ich bin ein flücht'ger Wandrer, Und denke nur an Eins: Daß ich wie Windeswehen Durch diesen Wald muß gehen – O kurzer Traum des Seins! 10. Heimkunft Jetzo steh ich vor dem Thale, Das der Dunst nicht mehr verhüllt, Das sich, eine blanke Schale, Bis zum Rand mit Sonne füllt. Bin aus ihm gleich einem Diebe Durch der Nebel Nacht entflohn; Komme jetzt voll Heimatliebe Her, wie der verlorne Sohn. Und dort winkt's aus hellen Fenstern, Arme, Köpfe kreuzen sich. Keine Schaar von Nachtgespenstern! Traute Blicke grüßen mich. Mutter, Kinder! was sind Blüten Gegen euch, was Berg und Wald? Schätze giebt es hier zu hüten; Wieder wandr' ich nicht so bald. Jüngster Knabe, komm und funkle Mich mit schwarzen Augen an: Wie das Erdenleben dunkle, So ein Stral macht sich noch Bahn. Alle künftigen Geschicke Des bewegten Vaterlands Les' ich hier in diesem Blicke, Dieser Kinderaugen Glanz. Wachse rüstig, lieber Knabe! Vieles wartet wohl auf dich. Doch als Greis am Wanderstabe Siehst du Schöneres, denn ich!