Friedrich Schlegel Trutznachtigall Vorrede 1. »Trutznachtigall wird dies Büchlein genannt, weil es trotz allen Nachtigallen süß und lieblich singet, und zwar aufrichtig poetisch; also daß es sich auch wohl bei sehr guten lateinischen und andern Poeten dürfte hören lassen. 2. Daß aber nicht allein in lateinischer Sprache, sondern auch sogar in der deutschen man recht gut poetisch reden und dichten könne, wird man gleich aus diesem Büchlein abnehmen mögen, und merken, daß es nicht an der Sprache, sondern vielmehr an den Personen, so es einmal auch in der deutschen Sprache wagen dürfen, gemangelt habe. Derohalben hab' ich solchem zu helfen unterstanden, und mich beflissen, zu einer recht lieblichen deutschen Poetik die Bahn zu zeigen und zur größern Ehre Gottes einen neuen geistlichen Parnassum oder Kunstberg allgemach anzutreten. 3. Sollte nun solches dem Leser, wie verhoffentlich, wohlgefallen, so sei Gott zu tausendmalen gelobt und gebenedeiet; denn ja nichts andres allhie gesucht noch begehrt wird, als daß Gott auch in deutscher Sprache seine Poeten hätte, die sein Lob und Namen eben so künstlich als andere in ihren Sprachen singen und verkünden könnten; und also derer Menschen Herz, so es lesen oder hören werden, in Gott und göttlichen Sachen ein Genügen und Frohlocken schöpfen.« – So schrieb Friedrich Spee, aus der Gesellschaft Jesu, zur Einleitung seiner geistlichen Liedersammlung, welche im Jahr 1649 zum erstenmale gedruckt wurde. Dieser Dichter war geboren im Jahre 1595, aus dem edeln gräflichen Geschlechte derer von Spee, trat in die Gesellschaft Jesu im Jahre 1615, lebte und lehrte die Theologie zu Köln, und starb im Jahre 1635 zu Trier an den Wunden, welche ein Meuchelmörder ihm beigebracht hatte. Der Mut, mit dem er seine Zwecke verfolgte, konnte ihm Feinde gemacht haben. Ein Beispiel desselben gab er, als Trier von Spaniern und Kaiserlichen erstürmt ward, und er sich mitten unter die Streitenden stürzte, um Plünderung zu verhüten und der Verwundeten zu pflegen. Auch darf es als ein Beweis dieses Mutes angesehen werden, daß er sich durch eine kühne Schrift zuerst, und lange vor Thomasius, der Barbarei der Hexenprozesse wirksam widersetzt hat. Er dichtete fast zur selben Zeit mit Opitz, Flemming, Weckhrlin und den andern jener Schule; Kenner der Sprache werden auch leicht die Spuren der Übereinstimmung und Gleichzeitigkeit in manchen Eigenheiten der seinigen finden, ungeachtet er weder von der Schlesischen Schule noch von andern gewußt zu haben scheint, und der erste zu sein glaubte, der den Versuch einer deutschen Dichtkunst wage. Denn auch schon damals war das bessere Alte größtenteils vergessen, die einzelnen Länder des deutschen Reiches trennten sich immer mehr und mehr, und meistens nur in den nördlichen und protestantischen Ländern erhielt sich die Literatur in einem einigermaßen fortgehenden Zusammenhange. Daher ist es auch wohl gekommen, daß Spee in der Geschichte der deutschen Poesie fast unbekannt blieb, ungeachtet er den vorzüglichsten Dichtern jener Zeit verglichen werden darf. Ich muß bekennen, daß ich mir einige Änderungen mit diesen Gedichten erlaubt habe; doch hoffe ich nicht, daß der Absicht des Ganzen dadurch geschadet worden sei. Sie bestehen meistens nur in Abkürzungen und in Milderungen einzelner Sprachhärten, deren einige ohnehin als Provinzialismen der Verständlichkeit geschadet haben würden. Bei Gedichten aus jener blühendsten Zeit der deutschen Sprache und Dichtkunst, welche man gewöhnlich die schwäbische nennt, würde ich auch die geringste Änderung nicht gern gestatten; da an dieser längst verlornen Anmut und Vollendung des Ausdrucks nichts zu verschönern ist, leicht aber alles zu verderben. Anders jedoch scheint es mir mit den Dichtern aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu sein. Selbst in Flemming und Weckhrlin findet man neben einzelnen Stellen und Strophen, die auch im Ausdrucke nicht schöner sein könnten, andere Wendungen, die uns hart dünken und an das Gemeine grenzen. Fast scheint es, als hätte schon damals die Verwilderung der alten Sitten und Rechte sich auch auf die Sprache erstreckt. Diese Ungleichheit ist im Spee vielleicht noch merklicher und entschiedener als in jenen. Mehr noch aber zeichnet ihn das tiefere Gefühl der Frömmigkeit vor allen aus, und die eigne Freude an den Lieblichkeiten der Natur. Auch sind seine Gedichte mehr zum Gesange geeignet, mehr Lieder, als die besten andern jener Zeit. – Daß es sein ausdrücklicher Zweck war, Volkslieder zu dichten, besagt die Vorrede deutlich, da er die deutsche Sprache vorzüglich nur darum gewählt hat, um so auch für diejenigen zu sorgen, welche an der Andacht lateinischer Cancionen aus Unbekanntschaft mit der Sprache weniger Anteil nehmen konnten. Viele seiner Gedichte sind wahre Volkslieder geworden, werden seit mehr als anderthalb Jahrhunderten in den Kirchen und bei Prozessionen gesungen, und sind in die allgemeinen Gesangbücher aufgenommen. Mehrere der späteren Ausgaben der Trutznachtigall sind mit Musiken begleitet, von denen hier einige zur Probe mitgeteilt werden. Leicht sind die meisten seiner Lieder und auch gesangmäßig, nur in einigen stimmt die poetische Anlage nicht mit dem Charakter des Volksliedes überein. Es wird der Absicht des Ganzen nicht schaden können, daß in dieser Auswahl auch einige andere, zum Teil noch ältere, zum Teil vielleicht jüngere Gedichte gleicher Art und gleichen Inhalts aufgenommen worden sind. Es sind wahrhafte geistliche Volkslieder, die auch als solche im Munde und Gesange des Volkes leben. In einigen ist ein ganz ähnliches poetisches Streben sichtbar, wie in denen unsers Dichters. Das 9te, 10te, 12te, 13te, 14te, 15te und 19te Lied ausgenommen, sind alle übrigen von Friedrich Spee, dem man künftig eine ehrenvolle Stelle neben Flemming, Weckhrlin und Opitz auf dem Kunstberge deutscher Poesie nicht versagen wird. 1. Eingang Wann Morgenröt sich zieret Mit zartem Rosenglanz, Wann sittsam sich verlieret Der nächtlich' Sternentanz, Gleich lüstet mich spazieren Im grünen Lorbeerwald, Da lieblich musizieren Die Stimmlein mannigfalt. Die flügelreichen Scharen, Das Federvölklein zart, Im süßen Sang erfahren, Noch Kunst noch Atem spart. Mit Schnäblein wohl geschliffen Sie klingen wunderfein, In Lüften munter schiffen Mit leichten Ruderlein. Der dichte Wald ertönet Von ihrem lauten Sang, Mit Stauden stolz gekrönet Die Berge geben Klang. Die Bächlein krumm geflochten, Auch rieselnd stimmen ein, Von Steinlein angefochten, Gar lieblich sausen drein. Doch süßer noch erklinget Ein sonders Vögelein; Es seinen Sang vollbringet Bei Mond- und Sonnenschein. Trutz Nachtigall mit Namen Es nunmehr wird genannt, Und es den Wild' und Zahmen Obsieget unbekannt. Trutz Nachtigall man's nennet Ist wund vom süßen Pfeil, In Lieb' es lieblich brennet, Wird nie der Wunden heil. Geld, Pomp und Pracht auf Erden, Die Lüste es verspott't, Die achtet's für Beschwerden, Nur suchend seinen Gott. Es singet aller Orten Von Gott und Gottes Sohn, Und zu den Himmelspforten Verweiset's jeden Ton. Von Baum zu Baume springet, Durchstreichet Berg und Tal, In Feld und Wäldern singet, Weiß nicht der Lieder Zahl. Es flieget auf und nieder, Verwechselt Ort und Luft. Bald findet man es wieder Betrübt an finstrer Kluft. Bald frisch und freudig schwebend Hoch mit der süßen Lerch', Gott lobend und umgebend Den trauervollen Berg. Auch wieder da nicht bleibet, Hebt sich in Wind hinein; In leerer Luft es treibet Mit schwankem Flügelein. Mit ihm will mich erschwingen Und manchem schwebend ob, Den Lorbeerkranz erringen In deutschem Gotteslob. Dem Leser nicht verdrieße Der Zeit und Stunden lang, Hoff' ihm es wohl ersprieße Zu gleichem Lobgesang. 2. Im Frühling Der trübe Winter ist vorbei, Die Kranich' wieder kehren. Nun reget sich der Vögel Schrei, Die Neste sich vermehren. Laub allgemach Nun schleicht an Tag, Die Blümlein hold sich melden, Wie Schlänglein krumm Gehn spielend um Die Bächlein kühl in Wälden. Der Brünnlein klar und Quellen rein Viel hie, viel dort erscheinen, All' silberweiße Töchterlein Der hohen Berg' und Steinen. In großer Meng' Sie mit Gedräng, Wie Pfeil' von Felsen zielen. Sie fließen her, Und rauschen sehr Und mit den Steinlein spielen. Die Jägerin Diana stolz, Die Wald- und Wassernymphen Gehn wieder froh im grünen Holz, Mit Spielen, Scherz und Schimpfen. Die goldne Sonn' Schmückt ihre Kron, Den Köcher füllt mit Pfeilen; Die muntern Ross' Läßt laufen los An himmelblauen Meilen. Mit ihr die kühlen Abendwind', Wie Knaben sanft von Sitten, Zum Spielen in der Luft gesinnt Auf kleinen Wolken ritten. Die Bäum' und Äst' Auch tun ihr Best', Bereichern sich mit Schatten, Da sich das Wild Verbirgt und hüllt, Wann's muß vor Hitz' ermatten. Die Meng' der Vöglein hören läßt Ihr Lied von Tirelieren, Da klinget aus so manchem Nest Vereintes Musizieren. Die Zweiglein schwank Zum Vogelsang Sich auf, sich nieder neigen; Im Grünen gehn Hört man ein Wehn, Wie Lautenspiel und Geigen. Wo man nur schaut, die ganze Welt Zu Freuden sich tut rüsten; Zum Scherzen alles ist gestellt. Schwebt alles froh in Lüsten. Ich nur allein, Ich leide Pein, Ohn' End' ich werd' gequälet, Seit ich mit dir, Und du mit mir, O Jesu dich vermählet. Nur ich, o Jesu bin allein Mit stetem Leid umgeben, Nur ich muß tief in Schmerzen sein, Weil nicht bei dir darf leben. Ewige Klag', Dauernde Plag', So lang von dir zu scheiden; Die bittern Wehn, Dich nicht zu sehn, Sie schaffen mir dies Leiden. Was frommt mir dann die schöne Zeit? Was Glanz, was Schein der Sonnen? Die Bäume lieblich ausgebreit', Was Klang der klaren Bronnen? Was Atem lind Der kühlen Wind', Was Bächlein sanft geleitet? Was edler Mai, Der Vögel Schrei, Was Felder grün gespreitet? Ade, du schöne Frühlingszeit, Ihr Felder reich beladet, Laub, Gras und Blümlein neu gekleid't Im süßen Tau gebadet. Ihr Wasser klar, Du Sternenschar, Ihr Pfeil' der güldnen Sonnen, Nur Schmerz und Pein, Bei mir allein, Hat Oberhand gewonnen. 3. Bild des Menschlichen Lebens Ich neulich früh am Morgen, Zu edler Frühlingszeit, War losgemacht von Sorgen, Von aller Last befreit; Da sah ich in dem Garten Erblüht ein Blümlein zart, Das wollt' ich gerne warten, Bis es vollkommen ward. Die Morgenröt' verschwunde, Weil ihren Purpurschein Der helle Tag umwunde Mit großer Klarheit sein. Die Sonn' mit sanften Strahlen Das Blümlein übergoß, All' Blättlein sie tät malen, Tief in den Blütenschoß. Nun es gar lieblich blickte, Und süß Geruch ausstreut, Die Leiden es erquickte, Die Sterbenden erfreut. Ein Lüftlein lind von Atem Rührt an das Blümelein, Da schwebts wie an dem Faden Gebundnes Vögelein. Auf feinem Stiel im Mute Sich wendt' es hin und her, Voll Kraft und Lebensblute Als käm' der Tod nie mehr. O Blümlein schön ohn' Maßen Bist du in deiner Zier; Will nun von dir nicht lassen Bis auf den Abend hier. Ei, wer mag dann aussprechen Dein Schön und Lieblichkeit; In dir weiß kein Gebrechen, Bist voller Zierlichkeit. Ja Salomon, der mächtig, War nicht so schön bekleid't, Wann er schon leuchtet prächtig In Pomp und Herrlichkeit. Um dich die Bienlein summen Und Honig sammeln ein, Zu saugen sie da kummen Dein' zarte Wängelein. Der Menschen Kind imgleichen Mit Lust dich schauen an; All' Schönheit muß dir weichen, Dein freut sich jedermann. Wohl magst du nun stolzieren. Du Gartensternelein, Mußt endlich doch verlieren All' dein gefärbten Schein; Zu bald wirst dich entfärben, Gestalt wird reißen ab; Noch heute mußt du sterben, Denk zeitlich nur zum Grab. Ich zwar will dich nicht brechen, Von mir wird's nicht geschehn, Die Sonne wird dich stechen, Wirst nicht mehr lange stehn. Ach, halt, soll's dann schon werden? – Verdoppelt schießt den Strahl Die Sonne her zur Erden All' Glut und Feuers Qual. Ach was will nun beginnen So zartes Gartenblut, Die Blättlein gar entrinnen Von heißer Sonnenglut. Da neigt es sich zur Stunde, Das jetzt noch aufrecht stunde Verwelkt und sinket hin, Mit also stolzem Sinn. Das Blümlein jung an Tagen, Sein Häuptlein niedersenkt, Ach, ach, sollt' ich nicht klagen, Was mich im Herzen kränkt. O weh der kurzen Stunden, O weh, da schläft es ein, Jetzt liegt es überwunden Mein zartes Blümelein. 4. Loblied im Frühling Jetzt wickelt sich der Himmel auf, Jetzt wegen sich die Räder, Der Frühling rüstet sich zum Lauf, Umgürt' mit Rosenfeder. O reines Jahr! O schöner Tag! O spiegelklare Zeiten! Zur Sommerlust nach Winterklag' Der Frühling uns wird leiten. In Luft hör' ich die Musik schon, Wie sich's mit Ernst bereite, Daß uns empfang' ein süßer Ton Und lieblich hin begleite. Für uns die schöne Nachtigall Den Sommer neu begrüßet, Ihr Stimmlein über Berg und Tal Die ganze Luft versüßet. Wer legt nun ihr den Ton in Mund Dann laut und dann so leise? Wer zirkelt ihn so rein und rund In mannigfacher Weise? Jetzt kalte Luft und herber Wind Uns wieder sei versöhnet, Der Tau mit weißen Perlen lind Die Felder lieblich krönet. Jetzt öffnet sich der Erdenschoß, Die Brünnlein fröhlich springen, Jetzt Laub und Gras sich geben bloß, Die Pflänzlein aufwärts dringen. Die Blümlein scheu sie treten an Und wunderschön sich arten, Violen, Rosen, Tulipan, All' Kleinod stolz im Garten. Ach saget an, ihr Blümlein zart, Und laßt es mich doch wissen, Weil ihr an euch kein' Farb' gespart, Wer hat euch vorgerissen? Wo nehmet ihr das Muster her, Davon ihr euch copeiet? Das Vorbild wollt' ich schauen gern, Das ihr habt conterfeiet. Wer mag nun je geboren sein So reich von scharfen Sinnen, Der auch das kleinste Pflänzelein Ganz schlecht nur durft' beginnen? Die Wahrheit sag' ich rund und glatt. Dem würd' all' Sinn zerrinnen, Wer nur auch dächt' ein einzig Blatt Aus Menschenkunst zu spinnen. Es wundert sich der Himmel selb, Wie zierlich unterstrahlet Mit Gras und Früchten grün und gelb Das Erdreich sich gemalet. Die reine Flüss', kristallen klar, Verbrämt mit grünen Weiden, Von Schatten schier bedecket gar Die Sonnenhitz' vermeiden. Sich üben dort im Schwimmen viel Die schneegefärbten Schwanen, Da halten sie ihr Freudenspiel Auf glatten Wasserplanen. Die Tier' auf grünen Felden breit Sich frisch und freudig zeigen, Das Wild in dunkeln Wälden weit, Noch keinem Jäger eigen. Die Vögel auch im freien Zug In Lüften freudig spielen, Mit hin und hergewendtem Flug Zum Ehrenkränzlein zielen. Wo nur den Blick man wendet hin Wird er mit Lust ergötzet; Ergötzet wird fast jeder Sinn Und alles Wunder schätzet. Ohn' Maß ist alle Welt geschmückt, Wer Künstler möcht's erdenken? Wer's recht bedenkt, wird gar verzückt, Das Haupt tut niedersenken. Drum lobet ihn ihr Menschenkind Bei nun so schönen Zeiten, All' Traurigkeit nur schütt' in Wind. Spannt auf die kühnsten Saiten. Auf Harf' und Laute tastet frei, Schlagt Orgel an und Geigen, Daß Gott der Herr gelobet sei, Tut ihm all' Ehr' bezeigen. 5. Jubel der Seele nach vergangener Traurigkeit Wie so glanzvoll Trost von oben Endlich durch die Wolken bricht! Keine Strahlen je erhoben, Kein Krystall gab solches Licht. O wie wohl wird meinem Herzen, Wie so klar mein Angesicht, Weichet, weichet, Angst und Schmerzen, Euer nun bedarf es nicht. Fliehet fort, hinab in Wogen, Senket euch zur finstern Nacht; Freuden kommen hergezogen, Luft und Himmel wieder lacht. Kalt' und Winter ist zerbrochen, Trübsal ist nun ferne hin; Nicht von Trauer sei gesprochen, Fröhlichkeit ist mein Gewinn. Eia lasse uns spazieren Jesu du Geliebter mein! Weil die Gärten nun sich zieren, Weil die Blümlein offen sein; Weil die grünen Wiesen lachen, Weil die Pflanzen voller Zweig', Weil die Vöglein Nester machen, Kinderbettlein zart und weich. Schau die reinen Brünnlein springen Hoch in leere Luft hinein, Horch die zarten Vöglein singen Wunder, Wunder, süß und rein. Horch die Bächlein lieblich brausen, Klar wie lauter Silberschein; Und die Bienlein emsig sausen, Rauben, klauben Honig ein. Kleine Bienlein, ach ihr fehlet, Ledig flieget ihr nach Haus; Nur von Jesu Lippen stehlet, Dannen saugt den Honig aus. Jesu Lippen, Mund und Augen, Süßen Saftes sind sie voll, Ja von diesen müßt ihr saugen, Wenn Gewinn es bringen soll. Neulich ich in Trauren stunde, War voll herber Bitterkeit, Jesum da gekreuzigt funde, Klagend ihm mein Herzenleid. Liebend tät ich ihn umhälsen, Küßte seine Wangen beid', Mir da sprang von diesen Felsen Bronn und Bach der Süßigkeit. Meine Kraft war gar zerschlagen, War von tiefen Trauren matt, Bin nunmehr in Freudentagen, Bin von lauter Lüsten satt. Trübnis hatte mich umzogen, Schon gegeben hin dem Tod; Hab' nun Lebens Geist gesogen Mir aus Jesu Lippen rot. Bienlein weidet seine Wangen, Euch da hänget freundlich an; Sauget, hauchet, bleibet hangen, Flieget ihn in Haufen an. Von den Augen Jesu fallen Helle Tränen silberweiß, Von der Stirne rot Korallen Sind euch beid' gegeben Preis. 6. Christus im Garten Bei finstrer Nacht, zur ersten Wacht, Ein' Stimm' begunt' zu klagen; Ich nahm in Acht, was sie da sagt, Welch Leid sie mußte tragen. Ein göttlich Blut, gebeugt im Mut, Verlassen von Gefährten; In großer Not, rang mit dem Tod, Im Garten lag zur Erden. Es war der liebe Gottes Sohn, Sein Haupt gesenkt in Armen; Viel weiß' und bleicher als der Mond, Wen möcht' es nicht erbarmen! Ach Vater, liebster Vater mein, Muß ich den Kelch dann trinken? Und mag es dann nicht anders sein, Laß meine Seel' nicht sinken! Geliebtes Kind, leer ihn geschwind, Hört er den Vater sagen; Sei stark gesinnt, bald überwindt, Du wirst das Leiden tragen. Ach Vater mein, muß es so sein, So will ich's mutvoll wagen, Will trinken rein, den Kelch allein, Dir kann ich's nicht versagen. Doch Sinn und Mut, erschrecken tut. Soll ich mein Leben lassen? O bittrer Tod! dein' Angst und Not Ist groß ohn' alle Maßen. O Jungfrau zart, die mich gebar, Sollst du mein' Leiden wissen? Die ach so hart, fürwahr, fürwahr, Das Herz dir wär' zerrissen. Ach Mutter mein, siehst du die Pein, Wird dir das Herz zerspringen; Die herbe Pein, mich nehmen ein, Mit Tod und Marter ringen. Ade, Ade, zu guter Nacht, Maria, Mutter milde; Ist niemand da, der mit mir wacht, In dieser Wüsten wilde? Ein Kreuz mir vor den Augen schwebt, O weh der bittern Schmerzen! Dran soll ich morgen sein erhebt, Tief schmerzt es mich im Herzen. Der schöne Mond will untergehn, Für Leid kann er nicht scheinen; Die Sternlein stehn, ohn' Flimmern sehn, Mit mir sie wollen weinen. Kein Vogelsang, kein Freudenklang, Man höret in den Lüften; Die wilden Tier', trauren mit mir, In Steinen und in Klüften. 7. Liebe Ganz früh, wann sich entzündet Der silberweiße Tag, Und uns die Sonn' verkündet, Was nachts verborgen lag, Die Lieb' in meinem Herzen Ein Flämmlein zündet an, Das brennt gleich einer Kerzen, So niemand löschen kann. Wann schon ich's trag im Winde Nach Ost und Norden draus, Noch Ruh noch Rast ich finde, Es löschet nimmer aus. O weh der Qual und Peinen, Wo soll mich wenden hin? Ich immerdar muß weinen, Stets ich in Schmerzen bin. Wann wieder dann entflogen Der Tag zur Nacht hinein, Und unter sich gebogen Die Sonn' und Sonnenschein; Das Flämmlein so mich quälet Noch bleibt in voller Glut, All' Stund', so viel man zählet, Es mich noch brennen tut. Das Flämmlein, so ich meine, Ist Jesus süßer Nam'; Es zehret Mark und Beine, Frißt ein gar wundersam. O Süßigkeit in Schmerzen, O Schmerz in Süßigkeit; Ach! bleibe noch im Herzen, Bleib noch in Einigkeit. O Flämmlein süß ohn' Maßen, Auch bitter ohne Ziel; Um dich muß ich verlassen All' andre Freud' und Spiel. Du zündest mein Gemüte, Bringst mir groß Herzenleid, Du kühlest dann mit Güte, Bringst mir des Herzens Freud'. Ade zu tausend Jahren, Ade zu guter Nacht, O Welt laß mich nun fahren, Weil ich dich nur veracht. In Jesu Lieb' ich lebe Bin sein von Herzens Grund, In lauter Lust ich schwebe Bin ich gleich sehr verwund't. 8. Erkenntnis des Schöpfers Das Meisterstück mit Sorgen Wer nur will schauen an, Ihm nimmermehr verborgen Der Meister bleiben kann. Von oben muß uns geben Das Licht und golden Schein, In stetem Lauf und Leben Sonn', Mond und Sterne sein. Des Tags bis auf den Abend Die Sonn' gar freundlich lacht, Zu Nacht der Mond erlabend Führt auf die Sternenwacht. Wer deutet ihn' die Straßen, Wer zeiget ihn' den Weg? Daß nie sie unterlassen Zu finden ihren Steg? In lauter grüner Seiden Gar zierlich ausgebreit, Das Erdreich sich tut kleiden Zur werten Sommerzeit. Die Pflänzlein in den Felden Sich lieblich schmücken auf, Die grüne Zweig in Wälden Auch schlagen aus mit Hauf. In Gärten merk ich eben Die schönen Blümelein, Wie freudig sie da schweben, Wann Wind nur spielt hinein. O fröhlich' Gartenjugend. O frisch und zartes Blut! An Farben reich und Tugend Zu geben Freudenmut. Und wie gemalt dann blühet Ihr Blümlein tausendfalt, Da alles ihr doch ziehet Aus schwarzer Erden kalt? All' Saft und Kraft und Wesen Nehmt ihr von schlechter Erd', Und doch wer euch geht lesen Nichts Zierlichers begehrt. Die Brünnlein sich ergießen Und ihre Wasser klar Wie Silberstrahlen schießen Vom Felsen offenbar. Die Sonn' es bald erblicket, Drin kühlet ihren Schein, Die Tier' es auch erquicket, So heiß und durstig sein. Frisch hin und her gehn wanken Die klaren Bächlein krumm; Und mit den Steinlein zanken, Wenn sie sich biegen um. Allweg sie süßlich sausen Zum Sang und Gang gewohnt, Das ganze Jahr ohn' Pausen Man höret ihren Ton. Das wilde Meer nun brauset Und wütet ungestüm; Nun still es wieder sauset, Liegt fest in runder Krümm. Gar lieblich tut's bestrahlen Die Sonn' mit sanfter Glut, Wann sie zu oftermalen Sich drein erspiegeln tut. Wer will die Bäum' nun zehlen In jed' und jedem Wald, Sein da doch ohne Fehlen So tausend tausendfalt. Gar hoch die Gipfel klimmen In klare Luft hinauf, Und gleich wie Wolken schwimmen, Wann stoßt ein Windlein drauf. Viel tausend sein der Zweige, Der zarten Ästlein viel, Und viel an manchem Zweige Der Blättlein und der Stiel'. Der Äderlein bei neben Noch mehr man zählen tut, Da nähret sich das Leben Und Seel' in grünem Blut. Wann dann schallt auf den Zweigen Gesang der Vögelein, Noch Laut', noch Harf', noch Geigen Klingt also süß und rein. Ihr lieblich's Musizieren Dünkt mich so süß und gut; Ihr künstlich's Colorieren Bringt lauter Freudenmut. Die Nachtigall ob allen Steigt immer auf und auf, Gar freudig tut's erschallen, Wann's geht in vollem Lauf. Man sagt, daß etlich' starben, Die zu hoch wollten gahn, Und mit zu starken Farben Ihr Stimmlein streichen an. Wer wollt' nun überdenken Der vielen Vögel Zahl? Die Sonne sich wird senken Eh' man sie nennet all'. Von Tieren muß ich schweigen, Sie lassen ungezählt; Will nicht zum Meere steigen, Der Fischlein tiefes Feld. Elfanten samt Kamelen, Roß', Löwen, Hirsch und Bär, All' Würm' und alle Seelen So sein im wilden Meer. Kein Ende da möcht' finden, Wer auch die Müh' nicht spart, Von Mensch und Menschenkinden Die Wunder aller Art. O Schönheit der Naturen, O Wunder-Lieblichkeit, O Zahl der Kreaturen, Wie streckest dich so weit. Wer wollt' dann je nicht merken Des Schöpfers Heiligkeit In allen seinen Werken Ganz voller Zierlichkeit. 9. Weihnachtslied Am Weihnachtsabend in der Still' Ein tiefer Schlaf mich überfiel Mit Freuden ganz umflossen; Mein' Seel' empfing viel Süßigkeit, Vor Trost ich schier zerflossen. Ich träumte wie ein Engel käm' Und führte mich gen Bethlehem, Ins jüd'sche Land gar ferne: Ein Wunderding sich hier begab, Hör' zu, dies von mir lerne. In einen Stall ging ich hinein, Darin ein Ochs und Eselein Ihr Heu beim Kripplein aßen: Ein frommer Mann, ein' Jungfrau zart Bei ihnen kläglich saßen. Die Jungfrau hat auf ihrem Schoß Ein Kindelein ganz nackt und bloß, Doch schien es als die Sonne: Sein' Äuglein strömten Glanz umher Gleichwie ein lichter Bronne. Dies Kindlein ward der große Gott, Der uns Bedrängten hilft aus Not, Der alle Dinge machte; Die Welt erkennt den Schöpfer nicht, So gar sie ihn verachte. In arme schlechte Windelein Ihr Kind die Jungfrau wickelt ein, Legt's in die Kripp' mit Neigen; Dies ist der Thron, wo Gottes Sohn Sein' Liebe wollt' bezeigen. Hört weiter an, was ich euch sag': Die Nacht ward licht, als wär' es Tag, Viel Engel hört man singen; Mit Harfen und mit Lautenklang In hoher Luft erklingen. Ein Engel sprach zur Hirtenschar: Entsetzt euch nicht, nur Freud' fürwahr Hört ihr aus meinem Munde; Eu'r Heiland jetzt geboren ist, Frisch auf zu dieser Stunde! Alsbald die Hirten dies gehört, Beschlossen sie auch ungestört Gen Bethlehem zu reisen; Das Kindlein dorten anzuschaun, Ihm Liebe zu beweisen. Sie zogen hin mit schneller Eil', Der Weg war eine halbe Meil', Bis sie zum Kripplein kamen; Sieh da Maria fanden sie, Joseph, das Kind zusammen. Als sie daselbst gegangen ein, Joseph hieß sie willkommen sein, Dem sie erzeigten Ehre; Da zeigten sie die Wunder an, Dies freut die Mutter sehre. Sie fielen nieder hin zur Erd', Anbeteten den Heiland wert, Für Freud' sie mußten weinen; Dann opfern sie ihm Gaben auf, Ein Lämmlein von den Kleinen. Alsbald kehrten sie wieder um, Es ward das Evangelium Durch sie bekannt im Lande; Es ihnen niemand glauben wollt', Weß' Orts er war und Stande. Dies ist's, was ich im Traum gesehn, Doch ist's kein Traum, es ist geschehn, Was ich als Traum erzählet; Wahr und wahrhaftig dieses ist, Nichts ist daran gefehlet. 10. Der Jäger und das Echo In Hitze, in Kält', Im offenen Feld, Im düsteren Wald Mein Jagdhorn erschallt. Mit Kummer und Plage Dem Wild ich nachjage, Und bleibe dabei Diana dir treu. Reu! Wer spricht hier von Reu? Ich sage es frei, Es findet das Herz Wohl Freude im Schmerz; Wie soll in den Wäldern Auf lustigen Feldern Die Freude nicht sein? Sprich Ja oder Nein. Nein! Wer ist, der die Jagd So trotzig veracht? Sag' Echo, sag' an, Bist du es etwann? Geschwätzige Nymphe Flieh weiter und schimpfe; Unsichtbare Eul' Nicht länger verweil. Eil! O Göttin verweile, Wohin soll ich eilen? Ist etwa ein Wild, Worauf ich gezielt? Ich seh' nichts dergleichen, So weit ich kann reichen, Sprich, Göttin, ein Wort, Ist's hier oder dort? Dort! Dort seh' ich ein' Hütt', Was willst du damit? Ich folg' deinem Sinn, Ich gehe dahin. Ein Kindlein ich finde Beim Esel, beim Rinde, In Jammer und Not, Was ist das mein Gott? Gott! Ja wohl, ich das Kind Auch göttergleich find'; Sein himmlischer Glanz Bewähret es ganz. Was mag dich wohl zwingen So elender Dingen, Daß dir in der Kripp' Zu liegen belieb? Lieb! O himmlischer Trieb Der göttlichen Lieb! Hat denn deine Macht Zum Mensch' dich gemacht, Die Welt zu entbinden Vom Bande der Sünden? Was gibt dieser Lieb' Die Erde zu lieb? Lieb! All Liebe dir weicht, Der deinen nicht gleicht, Und nimmer auf Erd' Wird Dank dir gewährt. Der Schöpfer der Erden Zum Knechte will werden In der Sterblichkeit, In Jammer und Leid. Leid! Ich hab' es gehört, Mein Schöpfer begehrt Nur Lieb' und Geduld Für all seine Huld. Nun soll mich nichts scheiden Von Lieben, von Leiden, O daß ich nur möcht' Dich lieben so recht. Recht! Nun höchste Gewalt, In Kindes Gestalt, Nimm Herze und Sinn Zum Opfer dir hin. Nimm hin all' mein Wesen, Du willst mich erlösen, Was immer war mein, Sei zwiefach jetzt dein. Dein! 11. Christus ein Hirt Des Himmels Bot' von oben Durch Luft und Wolken drang, Und freudig, unverschoben, So zu den Hirten sang: Auf, auf, nun anzubeten Das golden schöne Kind; Auf, auf, zur Hirtenmetten, Du frommes Feldgesind. Auf, eilend auf zur Krippen, Zum kleinen Schäferlein, Küßt ihm die Purpurlippen, Das Purpurmündelein. Küßt ihm die Rosenwangen, Die Winterblümelein, So trotz dem Frühling prangen, Mag es gleich Winter sein. Das Kindlein halb erfroren, Doch auch nicht minder brinnt, Im herben Frost geboren Es Feu'r im Busen find't. Lind hebet's nur in Armen, Und preist es mit Verstand: Bald wird es euch erwarmen Mit süßem Herzensbrand. Es liebet Schaf' und Hirten Das Hirtenkindelein, Es leitet her von Hirten Den Stand und Stammen sein. Ein Lämmlein auch ohn' Flecken Es führt in seinem Schild, Samt einem Hirtenstecken, Gar zierlich abgebild't. O wohl dem schönen Hirten, Dem künft'gen Hirten gut, Ach, ach, mich in Begierden Der Zeit verlangen tut. Alsdann er wird erwecken Und treiben auf zu Feld, Mit sanftem Hirtenstecken Die Völker aller Welt. Ja er wird seinen Stecken Den Sonnenstrahlen gleich, All überall erstrecken In alle Land' und Reich. Alsdann mit schönem Frieden Die schöne Welt gekrönt, Wird sehn ununterschieden Die Tiere all' versöhnt. Mit wilden Löw' und Bären Gleich werden in gemein, Aus einer Krippe zehren Die zarten Lämmerlein. Auf einem Grund und Wasen, Zur schönen Sommerblüh, Mit Wölfen werden grasen Die Kinder, Schaf' und Küh'. Es wird an Tann' und Linden, An Buch'- und Eschenlaub, Sich häufig lassen finden Wohl manche süße Traub'. Es wird von Eichenbäumen Gepreßt der Honig lind, Und wie sich's kaum läßt träumen, Das Öl vom Felsen rinnt. Erd', Himmel wird sich wenden, In Wesen aller neu, All' ihre Schätz' verschwenden Gar häufig ohne Scheu. Ohn' Untergang wird schweben Die Sonn' im klaren Brand, Der Winter sich begeben Zur Wüsten unbekannt. Der Frühling wird sich schmucken Und werden mit Gewalt, Zur Erden außen gucken Die Blümlein tausendfalt. Es werden gehn herunter Lustwandeln immerdar, Im ew'gen Sommer munter Die Wasserbächlein klar. Auf, auf dann, anzubeten Das golden schöne Kind, Auf, auf, zur Hirtenmetten, Du frommes Feldgesind. Ihr frommen Schäferscharen, Zusamt der weißen Zucht, Euch nun soll widerfahren Das Heil, so lang gesucht. 12. Von den Unschuldigen Kindern Gott grüß euch Marterblümelein, Die ihr so zarte Kinderlein Erlanget habt die Marterkron', Um Christi willen Gottes Sohn, O junge zarte Martyrer schon. Ihr seid das erste Opfer zart, Das Christo blutig Opfer ward, In Unschuld und in Reinigkeit Drob freut ihr euch in Ewigkeit, O junge zarte Martyrer schon. Gelobt sei die Dreifaltigkeit, Kraft, Ehr' und Sieg hat sie bereit, Sie gibt die Kron', den Zeugen schon, Mit Lust und Freud' im Himmelsthron, O junge zarte Martyrer schon. 13. Vom Mitleiden Mariä Als bei dem Kreuz Maria stand, Weh über Weh ihr Herz empfand, Und Schmerzen über Schmerzen: Das ganze Leiden Christi stand Gedruckt in ihrem Herzen. Sie ihren Sohn muß bleich und tot, Und überall von Wunden rot, Am Kreuze leiden sehen. Gedenk, wie dieser bittre Tod Zu Herzen ihr mußt' gehen! In Christi Haupt durch Bein und Hirn, Durch Augen, Ohren, durch die Stirn Viel scharfe Dornen stachen; Dem Sohn die Dornen Haupt und Hirn, Das Herz der Mutter brachen. 14. An die Jungfrau Maria Dich, edle Königin, wir ehren, Frau vom Himmel, dein Lob wir mehren; Dich loben und ehren rechte, Aller Kreaturen Geschlechte. Mutter der ew'gen Majestat, Gott selbst dich auserkoren hat. Dich umgibt der Sonnenschein, Der Mond ist unter den Füßen dein, Auf deinem Haupt ist schone Von zwölf Sternen die Krone. Des ew'gen Vaters Tochter du bist, Und Mutter des Sohnes Jesu Christ; Des heiligen Geistes keusche Braut, Dich loben die Engeln überlaut. Die Cherubim dich umringen, Seraphim dir süßiglich singen: Du erfreuest Himmel und Erde Ave Maria, Königin werte! 15. Von der Heiligen Jungfrau Maria Die Königin von edler Art, Die Frau im Himmel droben, Maria zart, Die Jungfrau rein wir loben. Die Königin im Himmel ist Mutter des Sohnes Jesu Christ; In Schmerzen Trost der Herzen. Sie sitzt auf goldnem Thron, Mit Sonnenschein umgeben, Zwölf Stern' ihr' Kron, Ihr Kleid von Licht gewebet. Sie ist der schöne Morgenstern, Von dem die Sonn' geboren, Sie glänzet fern, An Glanz sie nie verloren. Sie ist der Turm von Elfenbein, Die Wohnung Salamone; Von Silber rein, Von Gold die Himmelskrone. Sie ist das Haus von lauterm Gold, Drin Gottes Sohn geschlossen, Selbst wohnen wollt', Bis daß die Zeit verflossen. Sie ist das wahre Paradies Von Gott gepflanzt auf Erden, Mit allem Fleiß, Darin Gott Mensch sollt' werden. Wohlauf du liebe Christenheit Die Königin jetzt preiset, In Ewigkeit, Sie Gnade uns beweiset. Die Königin im Himmel ist Mutter des Sohnes Jesu Christ, In Schmerzen Trost der Herzen. 16. Klagen der Maria Da zu Grabe Jesus lage, Jesus, du geliebtes Kind, Hört man seiner Mutter Klage, Es verstummten Luft und Wind. Erd' und Himmel schwarz umnachtet, Standen im ganz finstern Kleid; Mitleidsvoll die Sonn' verschmachtet, Mond und Sterne trugen Leid. Ach ihr schönen Mond und Sterne! Goldne Flämmlein, goldner Schein, Goldne Äpfel, goldne Kerne, Himmelsperlen, Edelstein'! Ach ihr goldnen Himmelslichter, Die betrübte Mutter sprach: Ach ihr goldnen Angesichter Trauert meinem Jesu nach! Immer weinet, nimmer scheinet, Klaget mein so schönes Kind, Ach nicht scheinet, ach nur weinet Leidvoll, kummervoll gesinnt. Jesus, hoch gelobter Knabe, Ward im wilden Wald ermord't, Da mit seinem Hirtenstabe Er gewallt an fremden Ort. Jesus saß auf grüner Heiden, Als er eins der Schäflein sein Sah von seiner Herde scheiden, In die Wüste laufen ein. Jesus da nicht lang verweilet, Auch zur wilden Wüste rannt'; Nach dem Schäflein liebend eilet, War in Liebe ganz entbrannt. Kaum, daß Jesus nun gefunden Sein verlornes Schäflein zart, Als von Bären, Wölf' und Hunden Er im Wald umringet ward. Rissen seine Fuß' und Hände, Weißer als ein Elfenbein, Rissen auf die Seit' elende, Schlugen Zähn' und Klauen ein. Zogen ihn durch Dorn' und Hecken, Scharf und stechend, abgelaubt, Da die Dornen blieben stecken Und verwund'ten Stirn und Haupt. Ach ihr wilden Wölf' und Bären, Ach ihr grimmen Tigertier'! Er in Blut, und ich in Zähren, Sohn und Mutter baden wir. Welche Angst, ach welche Schmerzen Ihr da brachtet meinem Kind! O der Stahl- und Eisenherzen! – Stahl und Eisen weicher sind. Schonet seiner zarten Jahre, Schonet seine goldnen Haar', Nur so grausam nicht verfahren! Ach nicht also wütet gar! Ach wie konntet ihr behalten Euer schnödes Wesen wild, Da so freundlich von Gestalten Ihr gesehn das schöne Bild. Eure Sinnen waren blöde, Eure Augen waren blind, Daß ihr morden konntet schnöde Mein o wunderliebes Kind. Hättet auf den schönen Knaben Ihr die Augen nur gelenkt, Würdet ihn verschonet haben, Nicht ein Haar an ihm gekränkt. Seiner süßen Augen Blicken, O sein strahlend Angesicht, Eure Wildheit mußt' bestricken, Eure Wut bestand dann nicht. Süßer Jesu, du mein eigen, Du mein Blut, mein Eingeweid'; Weh mir, Erd' und Himmel schweigen, Horchend auf mein Herzenleid. Dich zu Nachten, dich am Tage Klag' ich weinend überall, Und mir nach zu Nacht und Tage Klagt der öde Widerhall. Meine tiefen bittren Schmerzen, Jesu, wären nicht so groß, Drückt' ich dich an meinem Herzen, Faßt' ich dich in meinem Schoß. Dürften meine Lippen saugen Deinen letzten Atem ein; Meine Seel' in deine hauchen, Deine ziehen in mich ein. Ach du bleicher Mond und Sterne, Trauerflämmlein, kaltes Feu'r, Schauet her aus eurer Ferne Meine Schmerzen ungeheu'r! Ich in Feldern, ich in Wäldern Rufe meinem zarten Kind, Noch in Feldern, noch in Wäldern Nirgend meinen Knaben find'. Ach der Mond, die kleinen Sterne Mitleidsvoll mich hören an, Weder Monde, noch die Sterne Niemand mich je trösten kann. 17. Ermahnung Auf, auf, Gott will gelobet sein, Der Schöpfer hoch von Ehren; Laßt uns die Laut' und Harfen rein, Mit Saiten süß vermehren. Die Sonn' mit edlem Strahlenkranz Am Tag den Schöpfer weiset, Der Mond mit rundem Sternentanz Den Schöpfer nächtlich preiset. Wie leuchtend muß er selber sein Im wundervollen Schimmer, Da jener lichten Fackeln Schein So golden strahlet immer. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Du blaues Feld und Wasen, Euch Himmel ich da droben mein', Ihr Zelt von Glas geblasen. Und ihr unsichtbar'n Wasser klar, So droben aller Wegen, Auf euerm Pfad bleibt immerdar Den Himmeln überlegen. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihn loben Wind und Regen, Sein Lob in Blitz und Wetterschein, Und in den Donnerschlägen. Und alles voll von seiner Macht Laut überall erschallet; Das Meer in steter Wellenjagd Mit Tosen Lob ihm hallet. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Die Luft auch musizieret, Die Morgenröt' sich stellet ein Mit Rosenrot gezieret. Die wohlgemalten Vöglein schwank Ihr Zünglein süß anstimmen, Dem Schöpfer sagen Lob und Dank, Auf, ab, in Lüften schwimmen. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihm Lilien schön und Rosen Im weiß und Purpur-Mäntelein Gar lieb und freundlich kosen. Sie lächeln ihm gar schön gefärbt In duft'gen Blumengärten, Die Schönheit sie von Gott geerbt Samt ihren Mitgefährten. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Will sein von uns gepriesen; Ihn loben alle Berg' und Stein', Ihn Felder all und Wiesen. Ihn alles Holz in Wäldern grün Gar mutig ausgestrecket, Ihr Bäume, die ihr keck und kühn Das Haupt in Wolken strecket. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihn loben Flüß' und Bronnen; Ihr Bäche all' und Wässerlein, So Gang und Lauf gewonnen. Schau da, was reines Wasser-Glas Mit Freuden kömmt gezogen; Was manche fließend' Silber-Gaß', Was Bächlein krumm gebogen. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Ihr lind' und warme Bäder; Ihr wohl gesondert' Strahlen fein, Du schwefelreich's Geäder. Ihn lobet auch das Erz und Stahl, Ihn Silber, Gold und Eisen; Ihn alle Bergwerk' und Metall Aus hohler Erde preisen. Auf, auf, Gott will gelobet sein! Bei schönen Sommertagen Laßt unsern Gott, laßt ihn allein Die Laut' und Harfen schlagen. Luft, Wasser, Feuer, Erd' all' End' Die Wunder sein verkünden; Uns alle Welt und Element Zu seiner Lieb' entzünden. 18. Der Nachtigall Streit mit dem Widerhall Willkommen, süße Nachtigall, Kommst mir zur rechten Stunde; Durchdring' die Luft mit rechtem Schall, Klag', ruf aus tiefem Grunde. Ruf ihn, ruf ihn, o Schwesterlein, Den Liebsten zu mir lade; Hilf treulich mir, sieh meine Pein, Wie ich in Tränen bade. Ach Schwester mein, sing süß und rein, Den Liebsten ruf mit Namen; Dann kurz, dann lang, zieh den Gesang, All' Töne nimm zusammen. Scheint wohl, sie mich verstanden hat, Die Meisterin in Wälden; Ihr's allbereit geht wohl von Statt, Die Tönlein schon sich melden. Nun noch einmal, mit starkem Schall Sie den Gesang erhebet, Weil Widerhall, aus grünem Tal Freundlich entgegen strebet. Die Nachtigall den Schall nicht kennt, Sie hält's für ihr Gespielen; Verwundert sich, wie sie behend So gleichen Ton erzielen. Erst bleibt sie stumm, schlägt wiederum, Denkt ihr bald obzusiegen; Doch Widerhall, mit gleichem Schall, Kein Tönlein läßt verschwiegen. Nun steiget auf die Nachtigall, Hoch auf je mehr und mehre; Gleich folget auch der Widerhall, Wann's schon noch höher wäre. So recht, geliebte Nachtigall, Du jenem Schall nicht weiche; So recht, du treuer Widerhall, Dich stets mit ihr vergleiche. Zur schönen Wett', nun beide tret', Laßt Jesu Nam' erklingen; Wann schon im Streit der Schwächste heut Den Tod sich müßt' erringen. Nun hoch und immer höher schlägt Nachtigall reich an Stimmen; Doch Widerhall, so fort erregt, Weiß ihr wohl nachzuklimmen. Nun sammelt Atem sie und Blut In diesem schönen Kriege, Will noch mit letzter Kraft und Mut Im einz'gen Liede siegen. Ach da bricht ihr das mut'ge Herz, Gesang und Ton verschwinden, So wie die helle leuchtend' Kerz' Erlischt im heft'gen Winde. O muntre Kerz', o mutig Herz! Wohl, bist du gleich gestorben, Die Lorbeerkron, im letzten Ton, Du dennoch hast erworben. Weil du ein Seufzerlein gar zart Im Tod hast lassen klingen, So sanft, daß es dein Widerpart Mit nichten mocht' erzwingen. Verzage nicht, dein ist der Sieg, Das Kränzlein dir gebühret; Für dich allein, von Blümelein Hab ich's schon fein gezieret. Ade, geliebte Nachtigall, Vom bleichen Tod entfärbet; Nun liegst du da im grünen Tal, Sag, wer dein Stimmlein erbet? Könnt' es nicht sein, es würde mein? O Gott, könnt' ich es erben! Wollt' singen stät, so früh als spät, Bis im Gesang tät sterben. 19. Totenlied Es ist ein Schnitter, der heißt Tod; Hat Gewalt vom höchsten Gott. Heut wetzt er das Messer, Es schneid't schon viel besser, Bald wird er drein schneiden, Wir müssen's nur leiden. Hüt dich schönes Blümelein! Was heut noch grün und frisch da steht, Wird morgen schon hinweg gemäht; Die edlen Narzissen, Die Zierde der Wiesen, Die schön' Hyacinthen, Die türkischen Binten. Hüt dich schönes Blümelein! Viel hunderttausend ungezählt, Was unter seiner Sichel fällt; Ihr Rosen, ihr Lilien, Euch wird er vertilgen; Auch die Kaiserkronen Wird er nicht verschonen. Hüt dich schönes Blümelein! Das himmelfarbne Ehrenpreis, Die Tulipane gelb und weiß, Die silbernen Glocken, Die goldenen Flocken, Sinkt alles zur Erden, Wie soll es noch werden? Hüt dich schönes Blümelein! Lavendel hübsch und Rosmarein, Vielfarbige Röselein, Ihr stolzen Schwertlilien, Ihr krausen Basilien, Ihr zarten Violen, Bald wird er euch holen. Hüt dich schönes Blümelein! Trotz Tod! komm her, ich fürcht' dich nit, Eil, eil nur her, in einem Schnitt. Wann du mich verletzet, So werd' ich versetzet In himmlischen Garten, Auf den all' wir warten. Freu dich schönes Blümelein! 20. Seufzer nach dem Himmlischen Vaterlande Ignatius bei stiller Nacht, Wann er zum Himmel schauet, Die schöne Stadt bei sich betracht, Die Gott den Seinen bauet. Sein Angesicht voll Zähren floß, Mit Freud' er ward umfangen, Sein Herz von Seufzern überfloß, Und sprach mit groß Verlangen: Jerusalem, du schöne Stadt, Wann ich zu dir gedenke, Zur Stund' im heißen Zährenbad Mein' Augen tief versenke. Ach Sonnenlicht, mehr scheine nicht, Lösch aus den Strahlenschimmer; All Glanz und Schein, all Flammen dein, Erfreuen kann mich's nimmer. Mein schönes Licht ist Gott allein, So leucht' im Himmel droben. Sonn', Mond und Stern, mit ihrem Schein, Sind da nur ihn zu loben. Sind gegen Gott wie Schatten nur, Nicht mögen ihn erreichen; Verdunkelt ganz scheint all ihr Glanz, Und endlich müssen weichen. Nichts mag doch sein, als Gott allein, Er wird beständig scheinen; All' andre Ding, sie sind gering, O Gott soll ich nicht weinen! Ach wann wird's sein, daß ich erschein', In deinen Freuden droben? Ach wann werd' ich erschauen dich Auf deinen Thron erhoben? Der durst'ge Hirsch nie schneller sprang, Verschmacht' in heißer Sonnen, Wann er vernahm den Wasserklang Vom Fall der kühlen Bronnen, Als ich nach dir tracht' mit Begier, O Gottes Stadt so schone, Ich Tag und Nacht nach dir verschmacht, Nach dir, o Gottes Wohne. 21. Vom Heiligen Xaverius Als in Japon weit entlegen, Dachte dieser Gottesmann, Waren alle ihm entgegen, Fielen ihn mit Worten an. Wind und Wetter, Meer und Wellen, Malend ihm vor Augen dar, Reden viel von Ungefällen, Von Gewitter und Gefahr. »Schweiget, schweiget von Gewitter, Auch von Winden schweiget still, Nie noch wahrer Held und Ritter Achtet solches Kinderspiel. Lasset Wind und Wetter blasen, Flamm' der Lieb' von Blasen wächst; Lasset Meer und Wellen rasen, Wellen gehn zum Himmel nächst. Laßt doch ab von solchen Scherzen, Schrecket mich mit keiner Not, Denn der Krieger kühne Herzen Fürchten nimmer Blut noch Tod. Lanz' und Pfeil, und bloße Degen, Grauser Flamme Spiel sodann, Macht den Kriegsmann mehr verwegen, Lockt ihn auf der Ehre Plan. Lasset nur die Hörner wetzen, Wind und Wetter ungestum; Laßt die Wellen brausend schwätzen Und die Trümmer schlagen um. Nord und Süden, Ost und Westen Kämpfen laßt auf salzem Feld; Nie wird's dem an Ruh gebresten, Der nur Fried' im Herzen hält. Wer wär' über Meer nicht zogen, Über tausend Wasser wild, Dem es mit dem Pfeil und Bogen Nach viel tausend Seelen gilt? Auf dann, stark und stolze Wellen, Auf, ihr stark und stolze Wind, Ihr mich nimmer sollet fällen, Euch zu stehn bin ich gesinnt. Will alsbald mein Roß besteigen Über Meer das hölzen Roß, Jene Schiff', die dort sich zeigen, Stoßen schon vom Ufer los.« 22. Spiegel der Liebe Die reine Sonn' zu Morgen In goldnen Haaren bloß, Den Brand noch trug verborgen In ihrem Purpurschoß. Da fand ich schon bei Zeiten Am Grab im Trauren stehn, Und Salben wohl bereiten Die weinend' Magdalen. Gleich wie, wann je zuweilen Zur Frühlings-Morgenzeit, Die goldnen Sonnenpfeilen Die erste Hitz' verbreit', Herab von Berg' und Rainen, Von Felsen hoch und jäh, Zerfleußt in sanftes Weinen Der lind entlaßne Schnee. So eben unverdrossen Das Weib von Lieb' verwund't, In Tränen ganz zerflossen In tiefem Trauren stund. Begierd' mit heißen Pfeilen Ihr beide Augen schmelzt, Ohn' Unterlaß mit Eilen Die hellen Tröpflein wälzt. O weh der schwachen Seelen, O weh dem Herzen wund! Die Lieb' nicht konnt' verhehlen, Sie sprach aus Herzensgrund. »O Sonn' heb dich mit Machten, Zum Grabe herwärts leucht; Auf, auf, genug der Nachten, Der Tag zu lang verzeucht. Leucht mir mit deinen Strahlen, Leucht mir zum finstern Grab; Ach, ob ich wohl der Qualen Mögt' heute kommen ab?« – Sie hin zum Felsen gehet Sucht mit den Augen drein, Die Klüfte sie durchspähet, Da wurd' ihr größre Pein. Den Liebsten sie nicht findet, Statt seiner sie ersehn (Mut ihr und Sinn entschwindet) Nur seiner Engeln zween. Ach nicht, nicht euch ihr Knaben, Ihr Jüngling' flügelreich; Ach euch will sie nicht haben, Weicht schöne Engel gleich! Nur Jesu, nur den einen Sucht einzig sie allein, Sonst sucht und liebt sie keinen, Ohn' ihn sie nicht kann sein. Voll Eifer ohn' Verweilen Sie rufet ihn zur Stund', Ist tief mit bittern Pfeilen Im Innersten verwund't. Am Grab von allen Seiten Sucht sie wohl hie und dort, Schaut nah und in der Weiten, Find't ihn an keinem Ort. Verwirrt, von Schmerz zerrissen, Hat sie es nicht bedacht, Und konnt' es jetzt nicht wissen, Wen sie zu suchen tracht'. Geblendet in dem Streben, Ganz leidvoll wie sie ist, Sucht sie im Grab das Leben, Des Zweckes ganz vergißt. Sie sucht in toten Kohlen Den purpurschönen Glanz, Von welkem Zweig will holen Sie grünen Lorbeerkranz. Sie Rosen will von Reben, Von Dornen lesen Wein, Von Scherben Gold erheben, Vom Schatten klaren Schein. O Weib, so gar verblendet So ganz von Lieb' entäugt; Das Wort bleibt unverwendet, Die Wahrheit nimmer leugt! Den du hier suchst in Steinen, Im Grab, wo Tote ruhn; Bald kömmt er zu den Seinen, Vom Tod erstanden nun. Darum laß dir nun sagen, Laß von der Trauer ab, Laß ab, laß ab dein Klagen, Such Leben nicht im Grab! Ach! Sie läßt nicht von Klagen, Läßt nicht von Trauern ab; Läßt ihr sogar nicht sagen, Sucht immer in dem Grab. Ohn' Sinn und ohn' Gedanken Schwebt sie fast ganz entseelt, Die Kräfte ihr entsanken, Ist bis zum Tod gequält. Sie selbst geht sich verloren, Und forschet mit Geschrei, Wo der, den sie erkoren, Wo sie wohl selber sei? Sie sprach, mir ist entzogen All' meines Herzens Freud', Ihr Himmel rund gebogen Stürzt über mich noch heut. Versieget ist der Bronnen, Geraubt mein Herzenslicht; Du Schein der goldnen Sonnen, Dich brauch' ich fürder nicht. Ade Licht, Luft und Leben, Ade hell weißer Tag; Mich deiner will begeben, Dich nicht mehr schöpfen mag. Ermattet nun zur Erden Sie traurend niedersinkt, Und kläglich in Gebärden Ihr Aug' zum Himmel dringt. Verliebt, verirrt, verworren Sie leidet Schmerz und Pein, Bis Mark und Blut verdorren, Die Tränen trocknen ein. Ohn' Leben ich noch lebe, Bin tot, ohn' Tod zugleich Tot, lebend, immer strebe, Wo ich ihn nur erreich'. O Tod! o Menschenprasser! O ungeheures Tier! Luft, Feuer, Erd' und Wasser, Ihr Elemente vier! Wer, wo doch kann mir zeigen Den Körper wundenvoll? Ach nicht, nicht wollet schweigen, Wes ich mich trösten soll! Erhebet Schall und Stimme Und ihm doch machet kund, Er mich mit süßem Grimme, Mit kühlem Brand verwund't. Von kühlen Feu'r und Flammen, Von bitter-süßer Glut, Von Lieb' und Leid zusammen Mir schmelzet Herz und Mut. Bald, bald mich unterstützet Mit Laub und Blümlein zart, Mit Zweiglein abgenützet Von Bäumen schöner Art. Aus Rosen mir bereitet Gar weich die Liegerstatt, Auch Lilien häufig spreitet, Ich sink' zur Erde matt. War doch von ihm geschrieben, Zu ihm wer wachet früh, Soll gleich auf sein Belieben Ihn finden ohne Müh. Schau da bei guten Stunden Ich hab' gewachet früh, Doch ihn nicht hab' gefunden Nach viel gepflegter Müh'. Er zwar vor wenig Tagen War mir nicht wenig hold, Weiß nicht, was zugetragen Sich seither haben sollt'. Wie hab' ich's denn verschuldet, Und womit ihn entrust, Daß aller Gnad' enthuldet, Ich ihn verlieren mußt'? Beim Kreuz ließ ich mich finden, Hab' ihm die Purpurfüß' Gekühlt mit Seufzen linde Mit meinem Atem süß. Zu Grab hab' ihn getragen Mit vollem Totenrecht, Und nach vollbrachter Klage Hab' ihn da niederlegt. Was war nun mein Verbrechen, Was meine Fehl und Sünd'? An mir ich wollt' sie rächen, So ich sie wissen künnt. – Ja wahrlich doch hab' fehlet, Es jetzt mir kömmt in Sinn, Die Schuld bleibt nicht verhehlet, Ich selber schuldig bin. Als wir den Schatz begraben, Die wundenreiche Leich', Versperrt ich sollt' mich haben Mit ihm ins Grab zugleich. Mich sollte lassen tragen Mit ihm zur Gruft hinein, Mit ihm zu bleiben wagen Im Sarg und Felsen sein. Die Wort' hat kaum vollendet Die weinend' Büßerin, Zum Grab sich wieder wendet, Schaut immer hin und hin. Der Leib blieb doch entzogen, Der Sarg noch leer und bloß, All' Hoffnung ganz entflogen, Das Leid noch eben groß. Nur jene Knaben beide, So droben saßen an, Sie fragten gar bescheiden: O Weib, was weinest dann? Sie sprach: fragt ihr noch beide, Was ich mög' weinen dann? Man mir (euch recht bescheide) Nahm ab den schönen Mann. Drum Jüngling frisch und lebend Euch hebet aus dem Grab, Sucht überall durchschwebend, Wen ich verloren hab'. Gleich drauf sie sich entwendet Vom Felsen mit Verdruß, Aufs neu die Klag' verschwendet Mit bittrer Zähren Guß. Allda ihr kam erscheinen Der langgewünschte Held; Vor ihr er stand mit Scheinen, Doch fremd und unvermeld't. O Weib, was soll dein Weinen, Sag an, was dir gebricht? Und ach, sollt' ich nicht weinen, Das Weib hinwieder spricht. Hast du nun ihn entstohlen, Wo brachtest ihn doch hin? Ich muß ihn dannen holen, Komm sonst um Hirn und Sinn. O Weib, und wolltest holen, Und wolltest haben du, Den Körper dir entstohlen Aus seiner Totenruh? Und wie, wann er dann eben In Kett' und Banden läg? Sie sprach: ich wollt' ihn heben, Die Ketten ich zerbräch! Und wie, wann er sollt' stecken In Dornen ganz umringt? Sie sprach: von Dorn und Hecken Man doch die Rosen bringt. Und wie, wann er umgeben Mit Feu'r und Flammen wär'? Das Feuer ließ mich leben, Die Liebe brennet mehr. Und wie, wann er von Bären Und Löwen wär' bewacht? Sie sprach: wollt' mich erwehren Auch wohl der wilden Macht. Hör' auf, es ist der Fragen, Hör' auf, nun schon genug; Sag' du, wer mich zu plagen Den Leib von dannen trug. Hast du ihn nicht entstohlen? Dich hab' ich in Verdacht; Sag' an, ich muß ihn holen Wie ich schon oft gesagt. – O wohl hast du's getroffen, Die Sach' nicht wissend, weißt, Wen dein Verdacht getroffen Ist schuldig allermeist. Er selbst es ungelogen Und er's in Wahrheit ist, Der dir den Schatz entzogen, Durch den verwund't du bist. Nur schnell fall' ihm zu Füßen, Halt an den Täter fest, Leg' ihm den Raub zu Füßen, In Armen haltend fest. O Jesu, nicht verschiebe, Den Dunst bei Seiten treib, Dich kund nun einmal gibe Dem höchst bedrängten Weib. Nur bald nur laß erschallen, Laß ihr zur höchsten Lust Ein kleines Wörtlein hallen, Ein Wörtlein dir bewußt. Die Lieb' beginnt zu regen, Und wie zum Morgen gut, Der Blitz mit zarten Schlägen Ein Flämmlein zeigen tut; Mit Namen er sie rühret, Er nur Maria klingt; Gleich sie das Flämmlein spüret, Gleich auf in Freuden springt. Die Freud' in Adern wallet Und wieder lebend Blut Im süßen Feuer wallet Und färbet Herz und Mut. Den Pfeil wer je gefühlet Geschwind in süßem Brand, Im Brand, so wärmt und kühlet, Mag's greifen mit Verstand. Allein, allein mag's wissen, Und ihm recht bilden ein, Wem je die Lieb' durchrissen Leib, Seel' und Mark und Bein. 23. Lobgesang Wacht auf, ihr süßen Vögelein, Ihr Nachtigallen kleine, Die ihr auf grünen Zweigelein, Beim ersten Morgenscheine Zu singen rüst' eu'r Schnäbelein, Gedreht aus Elfenbeine. Nun stimmet eure Pfeifelein So lieblich und so reine, Nun singt ein süßes Liedelein, Stimmt fröhlich übereine; Gott will von euch gelobet sein Von allen in Gemeine. Ihr seid die süßen Sängerlein, Für ihn bestellt alleine; Singt, singt ihr süßen Schwätzerlein, Ihr Nachtigallen kleine, Laßt schallen eure Stimmelein Zum grünen Wald hereine. Da sind viel klare Brünnelein Gefaßt in Marmorsteine; Da spület eure Züngelein Zugleich, und ein vor eine; Spült ihr so eure Züngelein, So singt ihr noch so reine. Habt ihr kein eignes Liedelein, So lernet nur das meine; Euch gnügt mit diesem Liedelein, Bedürft der andern keine. Singt nur allein, gelobt sei Gott, Gott Zebaoth alleine. Zu tausend mal gelobt sei Gott, Gott Zebaoth alleine, Und wiederum wohl ohne Zahl Gelobt sei Gott alleine, Und immerfort wohl tausendmal Gott Zebaoth alleine. Singt nur dies einz'ge Liedelein, Das Liedlein das ich meine; Singt es ihr frommen Vögelein, Dann ich für Freuden weine. Mein Herz verwund't dies Liedelein, Das Liedlein das ich meine. So flieget durch die Wälderlein, Bleibt Tag und Nacht bei eine; Singt immer nur das Liedelein Bei Sonn- und Mondenscheine: Gelobt sei Gott, Gott Zebaoth, Gelobt sei Gott alleine. Sonn', Mond und kleine Sternelein Ich festiglich vermeine, Mit samt der Erde Pflänzelein, Laub, Blumen, Berg' und Haine Beginnen ein schön's Tänzelein Im fröhlichen Vereine. Freud' bringen wird's den Engelein, Den Bösen bringt es Peine; Drum singt ihr lieben Vögelein, Ihr Nachtigallen kleine. Also will Gott gelobet sein, Gott Zebaoth alleine.