Lieder der Trauer 1. Wer bist du aus dem Reich der Schatten, Der mit mir wallt durch grüne Matten Und ihre Blüten welken heißt? Der in dem Morgenglanz, dem roten, Mich anstarrt mit dem Blick der Toten Und mit den Sternen mich umkreist? Im Lied, das teure Lippen singen, Tönt mir das Rauschen deiner Schwingen, Dein Flüstern hör' ich für und für; Nachts legst du dich zu mir aufs Bette, Und flieh' ich von der Lagerstätte, So schleichst du mit mir durch die Thür. Im Wald auf menschenleeren Wegen, Verhüllter, trittst du mir entgegen Und schreckst mich von der Ruhebank; Im Freundekreis, beim Freudenmahle Ziehst du vom Munde mir die Schale Und tropfst mir Wermut in den Trank. Mit Dünsten, wie mit gift'gem Taue, Füllst du das Himmelsdach, das blaue, Du mir den Lenz mit Leichenduft. Und wenn ich nun zum Grabe wanke, Sprich, finstrer Schatten, sprich, Gedanke, Wie bann' ich dich von meiner Gruft? 2. Noch hängen um des toten Tages Bahre Die Wolkenfalten wie ein Trauerflor, Doch mählich schwebt die Nacht, die heilig-klare, Der Tag der Träumenden, empor. Auf Meer und Erde senkt sie stille Feier Und dämpft den letzten Ton, der sich noch regt; Es wehn und wallen ihre Sternenschleier, Von Himmelslüften sanft bewegt. Nun klopft ein jedes Herz mit leiserm Schlage, Der Jammer wird jetzt regungslos und mild, Und still zur Andacht wandelt sich die Klage, Noch eh' sie aus der Seele quillt. Du aber, Ruheloser, dem sich bange In Hoffnung und in Gram das Herz verzehrt, Der ewig sucht mit ungestilltem Drange, Was ihm die Erde nie gewährt: Flieh du die Sommernacht, die sternbesäte, Flieh, bis das tiefste Dunkel dich begräbt, Damit kein Mißlaut sei in dem Gebete, Das auf des Weltalls Lippen schwebt. 3. Von dunklem Schleier umsponnen Ist mir das Tageslicht; Wohl steigen neue Sonnen – Ich seh' sie nicht. Mir schweift der Blick hinüber In Weiten, dämmerfern; Vom Himmel blinkt ein trüber Einsamer Stern. Ein Mädchen, bleich von Wangen, Winkt mir von drüben zu: »Ich bin vorangegangen; Was zögerst du?« 4. Dem Herzen ähnlich, wenn es lang Umsonst nach einer Thräne rang, Die seine Qual entbinde, Sprengt nun die Erde, die erstarrt Von Reif und Frost gebunden ward, Die eis'ge Winterrinde. Durch Wald und Feld, um Berg und See Sprießt wuchernd auf ihr altes Weh Und grünt in Zweig und Ranken Und dunkelt in dem Himmelsblau Und zittert in den Tropfen Tau, Die an den Gräsern schwanken. Nun, Gram um sie, die ich verlor, Erstarrter, brich auch du hervor, Um mit dem Strom zu fluten! Im Blitz der Wolke sollst du glühn Und mit den Nachtviolen blühn Und in den Rosen bluten. 5. Das singt und flötet in den Zweigen Und zirpt und schmettert auf der Flur; Zum Himmel mit den Lerchen steigen Die Freudenrufe der Natur. Ein Sausen geht, wie Jubelchöre, Von Ast zu Ast, von Baum zu Baum; Die düstre Tanne selbst, die Föhre Erweckt es aus dem Wintertraum. Hinunter jauchzt in alle Schluchten Der stürzenden Gewässer Schwall; Froh tönt am See von Bucht zu Buchten Des Wogenschlages Wiederhall. Doch Trost giebt mir der Stimmen keine In all dem Jubel und Gesang, Denn stumm für immer ist die eine, Die süßer mir als alle klang. 6. Schmerz, der keinen Namen kennt, Aber allempfunden Durch das Herz der Wesen brennt In Myriaden Wunden; Mächt'ger, welchem unbewußt Schon die zarten Kleinen, Saugend an der Mutter Brust, Ihre Thränen weinen; Den der Tag, der junge, haucht In den Morgenwinden, Und in den zurückgetaucht Seine Strahlen schwinden; Der in jedem Glockenschlag, Wie mit eh'rnem Hammer, Du das Herz, das schon zerbrach, Brichst durch neuen Jammer: O, wird ewig deine Macht, Wird sie ewig währen Und noch in der Grabesnacht Unsern Schlummer stören? 7. Nimm, Herr, von meiner Brust die Klammer, Die auf ihr lastet, schwer wie Erz! Allein kein Truggebild verhehle Den blut'gen Riß in meiner Seele; Nicht Tröstung such' ich in meinem Jammer; Ich flehe nur um tiefern Schmerz. Was soll die Täuschung mir, die kurze? Was mir ein öder, armer Trost? Nein, reiß mir tiefer auf die Wunden, Damit mein Gram, der Haft entbunden Hinflute gleich dem Wassersturze, Der von dem Felsen niedertost! 8. Auf den Feldern dumpfe Schwüle Und verhüllter Sonnenbrand; Durstend schmettert die Cikade, Langsam nur mit trägem Rade Wirft die wasserarme Mühle Einzle Tropfen an den Strand. Wetterschwere Lüfte brüten Ueberm regungslosen See; Tiefre Klagelaute schallen Aus der Brust der Nachtigallen, In den Kelchen, in den Blüten Duftet ein geheimes Weh. Fiebernd schmachtet, schlummertrunken, Aber schlaflos doch, die Flur; Unstet zucken Flammenblitze Um der Wetterstangen Spitze; In ihr finstres Selbst versunken Liegt die träumende Natur. Komm, Gewittersturm, entlade Den verhaltnen Erdenschmerz; Deinem Donner, deinem Regen Lechzt, was Leben hat, entgegen; Durstend schmettert die Cikade, Aber durst'ger ist mein Herz! 9. Die letzten Strahlen verglimmen, Vom Heerrauch dunkelt das Moor, Mir tönen bekannte Stimmen Im Winde der Nacht ans Ohr. Blasse, nebelnde Schatten Kommen und schwinden zurück Und schauen mich an mit dem matten, Dem todesstarren Blick. Sie sprechen von alten Tagen, Von alter Lieb' und Lust Und sinken mit Weinen und Klagen Mir an die klopfende Brust. Still, Herz; du hoffst vergebens, Daß der Tod es zurück dir giebt, Was in dämmernder Frühe des Lebens Du einst gehabt und geliebt. 10. Ihr sagt: »Um Freuden, die erstarben, Warum dies jahrelange Leid? Jedwede Wunde muß vernarben, Und jeden Kummer stillt die Zeit.« Nein! Scheucht, wenn ihr vermögt, den euern; Doch treu bewahr' ich meinen Gram, Der stets mir frisch das Bild der Teuern Erhält, wie da ich Abschied nahm. Süß ist die Trauer im Gemüte, Die von vergangnen Wonnen spricht: O raubt die Düfte nicht der Blüte, Dem Herzen seinen Kummer nicht! Mag ewig bluten meine Wunde, Wenn, von dem Schmerze neu belebt, Nur die Erinnrung jeder Stunde, In der sie mein war, mich umschwebt.