Viertes Bruchstück Mikrokosmus Die sterbende Blume Hoffe! du erlebst es noch, Daß der Frühling wiederkehrt. Hoffen alle Bäume doch, Die des Herbstes Wind verheert, Hoffen mit der stillen Kraft Ihrer Knospen winterlang, Bis sich wieder regt der Saft Und ein neues Grün entsprang. – »Ach, ich bin kein starker Baum, Der ein Sommertausend lebt, Nach verträumtem Wintertraum Neue Lenzgedichte webt. Ach, ich bin die Blume nur, Die des Maies Kuß geweckt Und von der nicht bleibt die Spur, Wie das weiße Grab sie deckt.« – Wenn du denn die Blume bist, O bescheidenes Gemüt, Tröste dich, beschieden ist Samen allem, was da blüht. Laß den Sturm des Todes doch Deinen Lebensstaub verstreun, Aus dem Staube wirst du noch Hundertmal dich selbst erneun. – »Ja, es werden nach mir blühn Andre, die mir ähnlich sind; Ewig ist das ganze Grün, Nur das einzle welkt geschwind. Aber, sind sie, was ich war, Bin ich selber es nicht mehr; Jetzt nur bin ich ganz und gar, Nicht zuvor und nicht nachher. Wenn einst sie der Sonne Blick Wärmt, der jetzt noch mich durchflammt, Lindert das nicht mein Geschick, Das mich nun zur Nacht verdammt. Sonne, ja du äugelst schon Ihnen in die Fernen zu; Warum noch mit frost'gem Hohn Mir aus Wolken lächelst du? Weh mir, daß ich dir vertraut, Als mich wach geküßt dein Strahl; Daß ins Aug' ich dir geschaut, Bis es mir das Leben stahl! Dieses Lebens armen Rest Deinem Mitleid zu entziehn, Schließen will ich krankhaft fest Mich in mich und dir entfliehn. Doch du schmelzest meines Grimms Starres Eis in Thränen auf; Nimm mein fliehend Leben, nimm's, Ewige, zu dir hinauf! Ja, du sonnest noch den Gram Aus der Seele mir zuletzt; Alles, was von dir mir kam, Sterbend dank' ich dir es jetzt: Aller Lüfte Morgenzug, Dem ich sommerlang gebebt, Aller Schmetterlinge Flug, Die um mich im Tanz geschwebt; Augen, die mein Glanz erfrischt, Herzen, die mein Duft erfreut; Wie aus Duft und Glanz gemischt Du mich schufst, dir dank' ich's heut. Eine Zierde deiner Welt, Wenn auch eine kleine nur, Ließest du mich blühn im Feld, Wie die Stern' auf höhrer Flur. Einen Odem hauch' ich noch, Und er soll kein Seufzer sein; Einen Blick zum Himmel hoch Und zur schönen Welt hinein. Ew'ges Flammenherz der Welt, Laß verglimmen mich an dir! Himmel, spann' dein blaues Zelt, Mein vergrüntes sinket hier. Heil, o Frühling, deinem Schein! Morgenluft, Heil deinem Weh'n! Ohne Kummer schlaf' ich ein, Ohne Hoffnung aufzustehn.«