Kindertotenlieder 1. Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Wo ich mein Zelt aufschlage, Da wohnst du bei mir dicht; Du bist mein Schatten am Tage Und in der Nacht mein Licht. Wo ich auch nach dir frage, Find' ich von dir Bericht, Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. 2. Ihr habet nicht umsonst gelebt; Was kann man mehr von Menschen sagen? Ihr habt am Baum nicht Frucht getragen Und seid als Blüten früh entschwebt, Doch lieblich klagen Die Lüfte, die zu Grab euch tragen: Ihr habet nicht umsonst gelebt. In unser Leben tief verwebt, Hat Wurzeln euer Tod geschlagen Von süßem Leid und Wohlbehagen Ins Herz, aus dem ihr euch erhebt In Frühlingstagen Als Blütenwald von Liebesklagen; Ihr habet nicht umsonst gelebt. O, die ihr sanften Schmerz uns gebt Statt euer an der Brust zu tragen, Euch werden fremde Herzen schlagen, Von Menschenmitgefühl durchbebt Bei unsern Klagen; Was kann man mehr von Menschen sagen? Ihr habet nicht umsonst gelebt! 3. Ich hatte dich lieb, mein Töchterlein! Und nun ich dich habe begraben, Mach' ich mir Vorwürf', ich hätte fein Noch lieber dich können haben. Ich habe dich lieber, viel lieber gehabt, Als ich dir's mochte zeigen; Zu selten mit Liebeszeichen begabt Hat dich mein ernstes Schweigen. Ich habe dich lieb gehabt, so lieb, Auch wenn ich dich streng gescholten; Was ich von Liebe dir schuldig blieb, Sei zwiefach dir jetzt vergolten! Zu oft verbarg sich hinter der Zucht Die Vaterlieb' im Gemüte; Ich hatte schon im Auge die Frucht, Anstatt mich zu freuen der Blüte. O hätt' ich gewußt, wie bald der Wind Die Blüt' entblättern sollte! Thun hätt' ich sollen meinem Kind, Was alles sein Herzchen wollte. Da solltest du, was ich wollte, thun, Und thatst es auf meine Winke. Du trankst das Bittre, wie reut mich's nun, Weil ich dir sagte: Trinke! Dein Mund, geschlossen von Todeskrampf, Hat meinem Gebot sich erschlossen; Ach! nur zu verlängern den Todeskampf, Hat man dir's eingegossen. Du aber hast, vom Tod umstrickt, Noch deinem Vater geschmeichelt, Mit brechenden Augen ihn angeblickt, Mit sterbenden Händchen gestreichelt. Was hat mir gesagt die streichelnde Hand, Da schon die Rede dir fehlte? Daß du verziehest den Unverstand, Der dich gutmeinend quälte. Nun bitt' ich dir ab jedes harte Wort, Die Worte, die dich bedräuten, Du wirst sie haben vergessen dort Oder weißt sie zu deuten. 4. Sie haben das Herz aus der Brust mir genommen Und haben's gelegt in ein Grab; Das Leben, es ist mir abhanden gekommen, Es ist mir gegangen hinab. Ihr Seufzer beklommen, Ihr Augen umschwommen, Wie seid ihr entkommen? Ich gab Euch alle ja mit ihr ins Grab. 5. Ich sprach zu meinem Mädchen: Nun fährt, schlaf' ein, schlaf' ein! Im Wagen mit goldenen Rädchen Am Himmel das Christkindlein. Von viel gar schönen Sachen Ist sein Kütschchen beschwert, Und wenn du wirst erwachen, Sind sie dir alle beschert. Und so schlief ein mein Mädchen Und sprach, als es erwacht: Das Kütschchen mit goldnen Rädchen Hab' ich gesehn bei Nacht. Es fuhren die goldnen Rädchen Im Himmel mit schnellem Lauf; Herab hing ein goldnes Fädchen, An dem stieg ich hinauf. »Nein, nein, es wird sich neigen Mit seinen Waren zu dir; Du sollst hinauf nicht steigen, Kind, du sollst bleiben bei mir.« – Darauf hat mein Kind geschwiegen Und nicht mehr gesprochen ein Wort; Und nun ist's hinaufgestiegen Am goldenen Fädchen dort. Es war ein so leichtes Mädchen, Das Herzchen zu fliegen schien! Genug war ein goldnes Fädchen, Um es hinaufzuziehn. Uns aber, schwerer beladen Von Kummer oder von Schuld, Auch uns am goldenen Faden Wird hinaufziehn die Huld. 6. Ich war der Mann, dein Vater, du mein Kind; Wo ich gebot, gehorchtest du geschwind, Du hingest ab vom Winke dieser Hand, Und ganz unmöglich war dir Widerstand. Nun bist du meiner väterlichen Macht Entnommen, einer höhern Stuf' erwacht, Und schaust, wie ich herab einst sah auf dich, Auf mich hernieder, lächelst über mich, Wie ich sonst, wenn du kindisch dich betrübt Und sträubend im Entsagen dich geübt, Wenn dir der Vater eine Bitt' abschlug Und sprach, wo mehr du wolltest: Nun genug! Du weintest wohl, ergabst dich doch darein, Du wußtest ja, nicht anders konnt' es sein. Nun rufst du mir dein eignes Beispiel zu: O Vater, wie ich dir gehorcht, gehorche du! 7. Übertags kann ich den Kummer Tragen mit Ergebung, Dann mich hüllen in den Schlummer, Betend mit Erhebung. Wenn die lieben Englein lachen Nachts in meine Träume, Schwer ist morgens das Erwachen In die öden Räume. 8. Unter geht die Sonn' am Abend Und der Mond um Mitternacht, Doch am Morgen kommt die Sonne Und zu Nacht der Mond zurück; Aber ihr, o meiner Tage Sonne, meiner Nächte Mond, Kehret mir an keinem Morgen, Keinem Abend mir zurück. Schwalbe wandert im September, Im Oktober Nachtigall, Doch die Schwalbe kehrt im Märze, Nachtigall im Mai zurück. Euch, die Nachtigall und Schwalbe Dieses Hauses, dieser Flur, Bringt zum Haus der März nicht wieder Noch der Mai zur Flur zurück. Mit dem Frühling starb das Veilchen Und die Rose vor dem Herbst; Ros' und Veilchen in dem Garten Bringt des Sommers Hauch zurück. Sommerhauch, im Frost des Winters In des Herzens Gartenbeet Starb mein Veilchen, meine Rose, Und du bringst sie nie zurück! 9. Ich schäme mich fast, es zu gestehn! Es ist so viel in der Welt geschehn Seit diesen dreizehn Wochen, So viel, das wert der Rede war, Ist geschehen in dem Vierteljahr, Seit euer Herz gebrochen; Ich aber habe bei Tag und Nacht Wenig andres als das gedacht Und wenig als das gesprochen Seit diesen dreizehn Wochen, Daß euer Herz gebrochen. 10. Meine Rolle, denk' ich, ist nun ausgespielt, Ausgewuchert mit dem Pfund, das ich erhielt, Ausgerungen, ausgestritten, ausgewagt, Ausgesungen, ausgelitten, ausgeklagt. Denn in Klage geht zuletzt der Jubel aus; Laßt mich nur, denn ich bin satt, hinweg vom Schmaus! Stecket weiter nicht hinaus mein Lebensziel! Oder meiner Klagen würde gar zu viel! Denn ich fühle, daß mein Herz, seit es gewann Diesen Schaden, nur mit Seufzen atmen kann. 11. Hoffte, daß du solltest bei mir bleiben, Nie verlassen, Töchterchen, den Vater, Wenn die Knaben aus dem Hause liefen, In der Welt ihr eignes Glück zu suchen, Losgerissen von der Eltern Herzen; Würdest du am stillen Herde walten, Wo du spielend jetzt dich um die Mutter Mühst, in ihre Stell' im Ernste treten, Wohlversüßt den Kaffee selbst mir bringen, Wie sie jetzt ihn bringt, von dir begleitet, Und nun bringst du diesen bittern Trank mir! Ihn mir zu versüßen, muß ich sagen: Ewig konntest du mir doch nicht bleiben; Unversehens klopfet an ein Freier, Und entgegen klopfet ihm dein Herzchen, Und: Herein! werd' ich wohl sagen müssen. Und die junge Gattin wird den Gatten Lieber haben als den alten Vater, Und die Kinder lieber dann als beide. Denn daß über alles man ein Kind liebt, Lern' ich eben, da ich dich verloren. Nun ersparst du diese Eifersucht mir, Töchterchen, nun kannst du deinen Vater Einzig lieb, wie er dich selbst, behalten. 12. Hast mit halbem Scherz gefragt Und mit halbem Stolz: Gebar Ich dir nicht ein schönes Paar? Niemals hab' ich Ja gesagt, Dacht', ein Unglück könnt' es geben, Denn nichts Schönes bleibt am Leben. Nun hat's weiter nicht Gefahr, Und ich will dir Antwort geben: Ja fürwahr, Du gebarst ein schönes Paar, Das zu schön der Erde war. 13. Ihr zwei unglücksel'ge Folianten, Kehrt zurück zu eueren Verwandten In der dunklen Kammer, den Verbannten! Ihr von allen aus dem staub'gen Neste Wart hervorgeholt als stumme Gäste, Beizuwohnen dem Familienfeste. Wenn am Tisch die größern Kleinen saßen, Deren Glieder lang genug schon maßen, Fertig zu handhaben, was sie aßen; Waren zwei zu klein noch für die Stühle Und bedurften Untersätz' und Pfühle, Daß in Gang käm' ihres Mundwerks Mühle. Und ihr beiden mit dem breiten Witze Dientet ihnen zu erhöhn die Sitze: Das war euerer Bestimmung Spitze. Und ihr habt mit weislicher Anstaltung, Ohne eurer Weisheitsschätz' Entfaltung Beigetragen so zur Unterhaltung. Euch bezeug' ich's, daß ihr euch verhieltet Treu und brav im Dienst, den ihr erhieltet, Still und fest euch ihnen unterhieltet. Nicht durch eure Schuld sind sie gefallen, Sondern weil es dem hat wohlgefallen, Der gewollt, uns sollte Weh befallen. Doch um euer Amt ist's hier geschehen, Nicht vor Augen kann ich mehr euch sehen Auf den Stühlen, die uns leer nun stehen. Geht hinweg mit zugeklappter Klammer, Euern Brüdern in der dunklen Kammer Anzusagen unsers Hauses Jammer! 14. Könnte Trost mir etwas geben, Könnt' es der Gedanke, Daß du sahst vom dorn'gen Leben Nur die blüh'nde Ranke. Daß ich dir so viele Freuden, Als ich konnte, machte, Alles an dich zu vergeuden Niemals mich bedachte. Wie die Sonne dich bescheinend Und wie Tau beträufend, Alle Lust um dich vereinend, Schönstes auf dich häufend. Dich mit allen Blumen schmückend, Blume, die mich schmückte; Dich mit jedem Spiel beglückend, Spiel, das mich beglückte! Ahnend in dein kurzes Leben Viel zusammendrängend, Es mit liebendem Bestreben Innerlich verlängend. Daß ich dich vor jedem Harme Schirmend zu umstricken, Nie dich ließ aus meinem Arme, Nie aus meinen Blicken. Ließ dich's fühlen allerwege, Fühlen Nacht und Tage, Daß dich Liebe heg' und pflege, Liebe heb' und trage. Daß ich dich gestrafet nimmer, Selten dich gescholten, Und mit Schmeicheleien immer Wieder es vergolten. Daß ich angethan dir habe, Was ich Liebes wußte, Und zuletzt dich nur dem Grabe Hingab, weil ich mußte. Heller würd' ich nun im Herzen Noch dein Bild bewahren, Hätt' ich nur des Todes Schmerzen Können dir ersparen. 15. Zu verschwinden, zu verschweben Ins glanzvolle Leere; Ohne vor dem Tod zu beben, Könnt' ich mich darein ergeben, Tropfen gleich im Meere. Aber seh' ich die erblassen, Die mir teuer waren, Die will ich nicht schwinden lassen, Sondern halten fest und fassen Und nicht lassen fahren. Eigene Persönlichkeit Ließ ich eh'r mir rauben, Als, da ihr gestorben seid, Nicht an die Unsterblichkeit Meiner Toten glauben. 16. Ich kann hinauf nicht steigen, Hinauf zu dir; Du kannst herab dich neigen, Herab zu mir. Du kannst herab dich neigen, Zu mir herab. Die Sommerlüfte schweigen Auf deinem Grab. Die Sommerlüfte schweigen Um deine Gruft; O komm im Sternenreigen Aus Himmelsduft! O komm im Sternenreigen Mit Äthertau! Laß dir noch einmal zeigen Die Erdenau! Laß dir noch einmal zeigen Den Frühlingsglanz! Zeig' mir, was dort dir eigen Ist für ein Kranz! Zeig' mir, was dort dir eigen Zum Spiel man gab! Ich kann hinauf nicht steigen, O steig' herab! 17. Sprichst du: Wo ist Gottes Hand, Die den ihr Vertrau'nden rettet? Und ich bin umkettet Von dem Schmerzensband! Wo ist, sprichst du, Gottes Hand, Die den Leidenden entkettet? Und ich bin gebettet Auf den Schmerzensbrand! Darin ja ist Gottes Hand, Daß, von diesem Weh geschlagen, Kraft es zu ertragen Deine Seele fand. Ja, darin ist Gottes Hand, Daß in diesen Leidenstagen Der Verzweiflung Zagen Nicht dein Herz umwand.