Erste Reihe Eigner Herd Entschuldigung des Persönlichen Warum ich Weib und Kinder nenne So oft in meinen Liedern? Weil ich sie im Gefühl nicht trenne Von meinen eignen Gliedern. Und wie man spricht von seinem Leibe, Von seinem Aug' und Herzen, So sprech' ich auch von Kind und Weibe In Freuden und in Schmerzen. Schlummerlied Ich war ein böses Kind Und schlief nie ungesungen. Doch schlief ich ein geschwind, Sobald ein Lied erklungen, Das meine Mutter sang gelind. Und also bin ich noch, Ein Schlaflied muß mir klingen; Nur dieses lernt' ich doch, Es selber mir zu singen, Seit ich der Mutter wuchs zu hoch. Und was mir tief und hoch Nun mancherlei erklungen, Ist nur ein Nachklang doch Von dem, was sie gesungen; Die Mutter singt in Schlaf mich noch. Der Mutter am Abend Wie Sonne die Augen zugethan, Der Mond ihr nachblickt mit Harme, Fängt das Kindlein zu weinen an Selbst auf der Mutter Arme. Es hat in die Welt hinaus gelacht, So lange sie golden gefunkelt; Den schönen Schimmer hat die Nacht, Das Augenspielzeug, verdunkelt. Einen Schauer fühlt die Natur, Die Blätter beben im Winde; Du, Mensch, bist ihm entwachsen nur, Doch fühlst du ihn nach im Kinde. Die Vöglein schließen die Augen zu, Den Graus der Nacht nicht zu sehen. Mutter, bringe dein Kind zur Ruh'! Ihm kann nichts Bessers geschehen. Werdender Stirnbau Bisher war hinter dieser Stirne Zu spüren wenig vom Gehirne, Und nur die Sinnwerkzeuge gaben Gesichtesausdruck meinem Knaben; Die Lippe reich zum Wort geschwellt, Zum Kau'n die Zähne wohlgestellt; Daß sie frisch einzieh', voll ausblase Den Lebenshauch, geschickt die Nase; Und schön des Aug's Kristall geschliffen, Daß klares Weltbild sei ergriffen. Nun aber seh' ich ob den Brauen Sich Pfosten, Erker, Warten bauen, Und unterm braunen Lockendach Den Bau sich wölben allgemach. Hoch steigt der Bogen kühn und frei, Der Segen Gottes sei dabei! Ein Menschengeist will hier sein Haus Sich für das Leben bauen aus. Der Vater gibt seine Uhr dem Sohne Deine Tag' und Stunden flossen, Nicht gemessen, nur genossen, Nicht gezählt nach Schlag und Uhr, Wie ein Bach durch Blumenflur. Aber ernster wird das Leben, Und ich will die Uhr dir geben; Trage sie, wie ich sie trug, Unzerbrochen lang' genug! Daß sie dir mit keinem Schlage Von verlornen Stunden sage! Unersetzlich ist Verlust Des Geschäfts und auch der Lust. Sohn! der Tag hat Stunden viele, So zur Arbeit wie zum Spiele; Gib das seine jedem nur, Und du freuest dich der Uhr. Selber hab' ich mit den Stunden Mich soweit nun abgefunden, Daß ich ohne Glockenschlag Sie nach Notdurft ordnen mag. Zähle du für mich die Stunden! Und auch jene, die geschwunden, Kehren schöner mir zurück, Wie du sie dir zählst zum Glück. Totenopfer Meinem Vater muß ich's danken, Der nunmehr im Grabe ruht, Daß er nie die kühnen Ranken Stutzte meinem Jugendmut. Ihm im Grabe muß ich's danken, Daß er meine Poesie Nie begriff und gleichwohl Schranken Des Verbots ihr setzte nie. Zwar ich würd' es auch ihm danken, Hätt' er Schranken ihr gesetzt; Denn statt unfruchtbarer Ranken Trüg' ich andre Früchte jetzt. Doch nun sei auf seinem Grabe Ihm zum Opfer hingestreut Meine beste Liedergabe, Wie sie jeder Lenz erneut; – Der an meine Sendung glaubte, Deren Zweck er nicht verstand, Dem es nicht den Glauben raubte, Daß sie keinen Glauben fand. Daß ich früh die Lorbeerkrone Nicht ersungen, geht mir nah' Darum nur, daß er dem Sohne Sie nicht auf der Scheitel sah. Sollt' ich sie noch spät ersingen, Wäre das mein schönster Lohn, Daß du Totenopfer bringen Sähest den bekränzten Sohn. Die blauen Augen Zwei Paar schwarze Augen haben Wir gebracht zusammen, Wie sie uns die Mütter gaben, Denen wir entstammen. Und so ist es nun kein Wunder, Daß auch diese Knaben Mit den Feuerblicken zunder- schwarze Augen haben. Nur dem einen sind die Sterne Hell im Blau erglommen, Und du möchtest wissen gerne, Wo er's her genommen. Wiss' es denn! von meinem Vater, Der sie so einst hatte. Freu' im Himmel ihn sein spater Wiederschein und Schatte! Tröstlich ist's und lässet ahnen Irdisch-ew'ges Leben, Wie in Enkelzügen Ahnen- Bilder fort sich weben. Wenn ich selbst vom Vater habe Wen'ger miterhalten, Freut's mich mehr nur, daß der Knabe Mehr hat von dem Alten. Und wie ich mich selbst vor Augen Hab' in meinen Knaben, Will in einem ich vor Augen Meinen Vater haben. Vorahnung zu den Kindertotenliedern 1. Jeder Tag, der nichts dir nimmt, Hat dir wirklich was gegeben. Wie ein Docht im Wind verglimmt, Konnt er löschen dir ein Leben. Für so viele mußt du beben Und in Furcht und Sorge schweben; Fühlest du dich nicht gestimmt, Jedem Tag zu sagen Dank, Wo von allen keins ward krank? Keiner ging mir noch verloren Derer, die mein Weib geboren; (Außer einem halbvergessnen, Früh verlornen, kaum besessnen) Daß ich immer zagen muß Vor dem Monatsrechnungsschluß, Ob der Tod nach Schicksalsordern Nicht wird seinen Blutzehnt fordern. Diese Furcht, in der ich habe Jeden schon gelegt zu Grabe, Rechne mir der Herr der Welten An als wirklichen Verlust, Wenn für Kindesopfer gelten Kann ein Herz in Vaterbrust. 2. Mit dem Kirchhof auch vertraut Hab' ich mich gemacht, Ihn im Frühlicht mir beschaut Und in Sternennacht. Von mir weder alt noch jung, Weder groß noch klein Barg in diese Dämmerung Jetzt noch sein Gebein. Dennoch, die ihr hier den Reih'n Führt im Mondenglanz, Laßt mich euch empfohlen sein, Mich und meinen Kranz! Wenn von meinem blüh'nden Kranz Bricht der Tod ein Blatt, Gebt ihm hier im Mondenglanz Eine kühle Statt! Oder soll, wie sich's gebührt, Ich der erste nahn, Will ich selber, sanft gerührt, Später sie empfahn. Ob mir einer Blumenduft Lebend streu' aufs Grab, Oder selber in die Gruft Zu mir steig' hinab! 3. Glieder, die dir Gott geschenkt, Dein Gefühl des Daseins zu vermehren; Übel ist dein Geist gelenkt, Will er sich in Sorg' um sie verzehren. Da du selber deinen Leib Dem empfiehlst, von dem du ihn empfangen; Warum willst du um ein Weib Täglich und um Kinder stündlich bangen? Kindertotenlieder 1. Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Wo ich mein Zelt aufschlage, Da wohnst du bei mir dicht; Du bist mein Schatten am Tage Und in der Nacht mein Licht. Wo ich auch nach dir frage, Find' ich von dir Bericht, Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. Du bist ein Schatten am Tage Und in der Nacht ein Licht; Du lebst in meiner Klage Und stirbst im Herzen nicht. 2. Ihr habet nicht umsonst gelebt; Was kann man mehr von Menschen sagen? Ihr habt am Baum nicht Frucht getragen Und seid als Blüten früh entschwebt, Doch lieblich klagen Die Lüfte, die zu Grab euch tragen: Ihr habet nicht umsonst gelebt. In unser Leben tief verwebt, Hat Wurzeln euer Tod geschlagen Von süßem Leid und Wohlbehagen Ins Herz, aus dem ihr euch erhebt In Frühlingstagen Als Blütenwald von Liebesklagen; Ihr habet nicht umsonst gelebt. O, die ihr sanften Schmerz uns gebt Statt euer an der Brust zu tragen, Euch werden fremde Herzen schlagen, Von Menschenmitgefühl durchbebt Bei unsern Klagen; Was kann man mehr von Menschen sagen? Ihr habet nicht umsonst gelebt! 3. Ich hatte dich lieb, mein Töchterlein! Und nun ich dich habe begraben, Mach' ich mir Vorwürf', ich hätte fein Noch lieber dich können haben. Ich habe dich lieber, viel lieber gehabt, Als ich dir's mochte zeigen; Zu selten mit Liebeszeichen begabt Hat dich mein ernstes Schweigen. Ich habe dich lieb gehabt, so lieb, Auch wenn ich dich streng gescholten; Was ich von Liebe dir schuldig blieb, Sei zwiefach dir jetzt vergolten! Zu oft verbarg sich hinter der Zucht Die Vaterlieb' im Gemüte; Ich hatte schon im Auge die Frucht, Anstatt mich zu freuen der Blüte. O hätt' ich gewußt, wie bald der Wind Die Blüt' entblättern sollte! Thun hätt' ich sollen meinem Kind, Was alles sein Herzchen wollte. Da solltest du, was ich wollte, thun, Und thatst es auf meine Winke. Du trankst das Bittre, wie reut mich's nun, Weil ich dir sagte: Trinke! Dein Mund, geschlossen von Todeskrampf, Hat meinem Gebot sich erschlossen; Ach! nur zu verlängern den Todeskampf, Hat man dir's eingegossen. Du aber hast, vom Tod umstrickt, Noch deinem Vater geschmeichelt, Mit brechenden Augen ihn angeblickt, Mit sterbenden Händchen gestreichelt. Was hat mir gesagt die streichelnde Hand, Da schon die Rede dir fehlte? Daß du verziehest den Unverstand, Der dich gutmeinend quälte. Nun bitt' ich dir ab jedes harte Wort, Die Worte, die dich bedräuten, Du wirst sie haben vergessen dort Oder weißt sie zu deuten. 4. Sie haben das Herz aus der Brust mir genommen Und haben's gelegt in ein Grab; Das Leben, es ist mir abhanden gekommen, Es ist mir gegangen hinab. Ihr Seufzer beklommen, Ihr Augen umschwommen, Wie seid ihr entkommen? Ich gab Euch alle ja mit ihr ins Grab. 5. Ich sprach zu meinem Mädchen: Nun fährt, schlaf' ein, schlaf' ein! Im Wagen mit goldenen Rädchen Am Himmel das Christkindlein. Von viel gar schönen Sachen Ist sein Kütschchen beschwert, Und wenn du wirst erwachen, Sind sie dir alle beschert. Und so schlief ein mein Mädchen Und sprach, als es erwacht: Das Kütschchen mit goldnen Rädchen Hab' ich gesehn bei Nacht. Es fuhren die goldnen Rädchen Im Himmel mit schnellem Lauf; Herab hing ein goldnes Fädchen, An dem stieg ich hinauf. »Nein, nein, es wird sich neigen Mit seinen Waren zu dir; Du sollst hinauf nicht steigen, Kind, du sollst bleiben bei mir.« – Darauf hat mein Kind geschwiegen Und nicht mehr gesprochen ein Wort; Und nun ist's hinaufgestiegen Am goldenen Fädchen dort. Es war ein so leichtes Mädchen, Das Herzchen zu fliegen schien! Genug war ein goldnes Fädchen, Um es hinaufzuziehn. Uns aber, schwerer beladen Von Kummer oder von Schuld, Auch uns am goldenen Faden Wird hinaufziehn die Huld. 6. Ich war der Mann, dein Vater, du mein Kind; Wo ich gebot, gehorchtest du geschwind, Du hingest ab vom Winke dieser Hand, Und ganz unmöglich war dir Widerstand. Nun bist du meiner väterlichen Macht Entnommen, einer höhern Stuf' erwacht, Und schaust, wie ich herab einst sah auf dich, Auf mich hernieder, lächelst über mich, Wie ich sonst, wenn du kindisch dich betrübt Und sträubend im Entsagen dich geübt, Wenn dir der Vater eine Bitt' abschlug Und sprach, wo mehr du wolltest: Nun genug! Du weintest wohl, ergabst dich doch darein, Du wußtest ja, nicht anders konnt' es sein. Nun rufst du mir dein eignes Beispiel zu: O Vater, wie ich dir gehorcht, gehorche du! 7. Übertags kann ich den Kummer Tragen mit Ergebung, Dann mich hüllen in den Schlummer, Betend mit Erhebung. Wenn die lieben Englein lachen Nachts in meine Träume, Schwer ist morgens das Erwachen In die öden Räume. 8. Unter geht die Sonn' am Abend Und der Mond um Mitternacht, Doch am Morgen kommt die Sonne Und zu Nacht der Mond zurück; Aber ihr, o meiner Tage Sonne, meiner Nächte Mond, Kehret mir an keinem Morgen, Keinem Abend mir zurück. Schwalbe wandert im September, Im Oktober Nachtigall, Doch die Schwalbe kehrt im Märze, Nachtigall im Mai zurück. Euch, die Nachtigall und Schwalbe Dieses Hauses, dieser Flur, Bringt zum Haus der März nicht wieder Noch der Mai zur Flur zurück. Mit dem Frühling starb das Veilchen Und die Rose vor dem Herbst; Ros' und Veilchen in dem Garten Bringt des Sommers Hauch zurück. Sommerhauch, im Frost des Winters In des Herzens Gartenbeet Starb mein Veilchen, meine Rose, Und du bringst sie nie zurück! 9. Ich schäme mich fast, es zu gestehn! Es ist so viel in der Welt geschehn Seit diesen dreizehn Wochen, So viel, das wert der Rede war, Ist geschehen in dem Vierteljahr, Seit euer Herz gebrochen; Ich aber habe bei Tag und Nacht Wenig andres als das gedacht Und wenig als das gesprochen Seit diesen dreizehn Wochen, Daß euer Herz gebrochen. 10. Meine Rolle, denk' ich, ist nun ausgespielt, Ausgewuchert mit dem Pfund, das ich erhielt, Ausgerungen, ausgestritten, ausgewagt, Ausgesungen, ausgelitten, ausgeklagt. Denn in Klage geht zuletzt der Jubel aus; Laßt mich nur, denn ich bin satt, hinweg vom Schmaus! Stecket weiter nicht hinaus mein Lebensziel! Oder meiner Klagen würde gar zu viel! Denn ich fühle, daß mein Herz, seit es gewann Diesen Schaden, nur mit Seufzen atmen kann. 11. Hoffte, daß du solltest bei mir bleiben, Nie verlassen, Töchterchen, den Vater, Wenn die Knaben aus dem Hause liefen, In der Welt ihr eignes Glück zu suchen, Losgerissen von der Eltern Herzen; Würdest du am stillen Herde walten, Wo du spielend jetzt dich um die Mutter Mühst, in ihre Stell' im Ernste treten, Wohlversüßt den Kaffee selbst mir bringen, Wie sie jetzt ihn bringt, von dir begleitet, Und nun bringst du diesen bittern Trank mir! Ihn mir zu versüßen, muß ich sagen: Ewig konntest du mir doch nicht bleiben; Unversehens klopfet an ein Freier, Und entgegen klopfet ihm dein Herzchen, Und: Herein! werd' ich wohl sagen müssen. Und die junge Gattin wird den Gatten Lieber haben als den alten Vater, Und die Kinder lieber dann als beide. Denn daß über alles man ein Kind liebt, Lern' ich eben, da ich dich verloren. Nun ersparst du diese Eifersucht mir, Töchterchen, nun kannst du deinen Vater Einzig lieb, wie er dich selbst, behalten. 12. Hast mit halbem Scherz gefragt Und mit halbem Stolz: Gebar Ich dir nicht ein schönes Paar? Niemals hab' ich Ja gesagt, Dacht', ein Unglück könnt' es geben, Denn nichts Schönes bleibt am Leben. Nun hat's weiter nicht Gefahr, Und ich will dir Antwort geben: Ja fürwahr, Du gebarst ein schönes Paar, Das zu schön der Erde war. 13. Ihr zwei unglücksel'ge Folianten, Kehrt zurück zu eueren Verwandten In der dunklen Kammer, den Verbannten! Ihr von allen aus dem staub'gen Neste Wart hervorgeholt als stumme Gäste, Beizuwohnen dem Familienfeste. Wenn am Tisch die größern Kleinen saßen, Deren Glieder lang genug schon maßen, Fertig zu handhaben, was sie aßen; Waren zwei zu klein noch für die Stühle Und bedurften Untersätz' und Pfühle, Daß in Gang käm' ihres Mundwerks Mühle. Und ihr beiden mit dem breiten Witze Dientet ihnen zu erhöhn die Sitze: Das war euerer Bestimmung Spitze. Und ihr habt mit weislicher Anstaltung, Ohne eurer Weisheitsschätz' Entfaltung Beigetragen so zur Unterhaltung. Euch bezeug' ich's, daß ihr euch verhieltet Treu und brav im Dienst, den ihr erhieltet, Still und fest euch ihnen unterhieltet. Nicht durch eure Schuld sind sie gefallen, Sondern weil es dem hat wohlgefallen, Der gewollt, uns sollte Weh befallen. Doch um euer Amt ist's hier geschehen, Nicht vor Augen kann ich mehr euch sehen Auf den Stühlen, die uns leer nun stehen. Geht hinweg mit zugeklappter Klammer, Euern Brüdern in der dunklen Kammer Anzusagen unsers Hauses Jammer! 14. Könnte Trost mir etwas geben, Könnt' es der Gedanke, Daß du sahst vom dorn'gen Leben Nur die blüh'nde Ranke. Daß ich dir so viele Freuden, Als ich konnte, machte, Alles an dich zu vergeuden Niemals mich bedachte. Wie die Sonne dich bescheinend Und wie Tau beträufend, Alle Lust um dich vereinend, Schönstes auf dich häufend. Dich mit allen Blumen schmückend, Blume, die mich schmückte; Dich mit jedem Spiel beglückend, Spiel, das mich beglückte! Ahnend in dein kurzes Leben Viel zusammendrängend, Es mit liebendem Bestreben Innerlich verlängend. Daß ich dich vor jedem Harme Schirmend zu umstricken, Nie dich ließ aus meinem Arme, Nie aus meinen Blicken. Ließ dich's fühlen allerwege, Fühlen Nacht und Tage, Daß dich Liebe heg' und pflege, Liebe heb' und trage. Daß ich dich gestrafet nimmer, Selten dich gescholten, Und mit Schmeicheleien immer Wieder es vergolten. Daß ich angethan dir habe, Was ich Liebes wußte, Und zuletzt dich nur dem Grabe Hingab, weil ich mußte. Heller würd' ich nun im Herzen Noch dein Bild bewahren, Hätt' ich nur des Todes Schmerzen Können dir ersparen. 15. Zu verschwinden, zu verschweben Ins glanzvolle Leere; Ohne vor dem Tod zu beben, Könnt' ich mich darein ergeben, Tropfen gleich im Meere. Aber seh' ich die erblassen, Die mir teuer waren, Die will ich nicht schwinden lassen, Sondern halten fest und fassen Und nicht lassen fahren. Eigene Persönlichkeit Ließ ich eh'r mir rauben, Als, da ihr gestorben seid, Nicht an die Unsterblichkeit Meiner Toten glauben. 16. Ich kann hinauf nicht steigen, Hinauf zu dir; Du kannst herab dich neigen, Herab zu mir. Du kannst herab dich neigen, Zu mir herab. Die Sommerlüfte schweigen Auf deinem Grab. Die Sommerlüfte schweigen Um deine Gruft; O komm im Sternenreigen Aus Himmelsduft! O komm im Sternenreigen Mit Äthertau! Laß dir noch einmal zeigen Die Erdenau! Laß dir noch einmal zeigen Den Frühlingsglanz! Zeig' mir, was dort dir eigen Ist für ein Kranz! Zeig' mir, was dort dir eigen Zum Spiel man gab! Ich kann hinauf nicht steigen, O steig' herab! 17. Sprichst du: Wo ist Gottes Hand, Die den ihr Vertrau'nden rettet? Und ich bin umkettet Von dem Schmerzensband! Wo ist, sprichst du, Gottes Hand, Die den Leidenden entkettet? Und ich bin gebettet Auf den Schmerzensbrand! Darin ja ist Gottes Hand, Daß, von diesem Weh geschlagen, Kraft es zu ertragen Deine Seele fand. Ja, darin ist Gottes Hand, Daß in diesen Leidenstagen Der Verzweiflung Zagen Nicht dein Herz umwand. Nachträge zu den Kindertotenliedern 1. Als sich der Tod meiner Kinder bejährte Grad' in diesen Tagen, Da ich wollte klagen, Daß du hingeschieden Um die Zeit vorm Jahr, Blickt dein Bild so klar, So mit stillem Frieden Auf mich wunderbar, Daß ich statt Verzagen Selig ein Behagen Fühle, das fürwahr Nicht ist von hienieden, Sondern aus dem Frieden Dorther, wo mein Paar Nun auf immerdar Wohnung aufgeschlagen, Allem Weh geschieden, Bei der sel'gen Schar. 2. Entgegen geh' ich nun den trüben Tagen, Der traur'gen Zeit, die mir vom ganzen Jahr Die unerfreulichste schon sonst auch war, Eh' sie so herbe Wunden mir geschlagen; Die Zeit, wo wir um Lichtabnahme klagen Und sehn die Erde Blumenschmuckes bar, Dieselbe Zeit hat auch mein schönes Paar Wie Sonnenschein und Blumen weggetragen. Und wenn in Mitte dieser Finsternisse Sonst ein Gestirn des Trosts und Heiles stand Das Kinderfest der heiligen Weihnachten; O wie ich nun auch dessen Segen misse, Da ihr zu Grabe ginget, in der Hand Die Gaben haltend, die vom Fest gebrachten! 3. Im Sommer war es mir ein Trost, mit Blüten Die Gräber meiner Kinder zu umfloren; Neu glaubt' ich mir die blühenden geboren, Wenn sich die Knospen aufzubrechen mühten. Nun aber bei des Winters strengem Wüten Die zarten Frühlingskinder sind erfroren, Ging mir der süßen Täuschung Spiel verloren, Und Dichtung nur kann den Verlust vergüten. Die Kinder meiner Wonne, meiner Schmerzen Sind nicht begraben in der harten Erde, Sie sind's in meinem weichen lockern Herzen; Das wird zu einem Rosenfeuerherde, Aus welchem sprühn wie Flammen heil'ger Kerzen Trostlieder, die ich ziehn statt Lilien werde. 4. Unter des Himmels Blau, Unter des Maien Tau, Den Frühlingslüften lau, Als ihr schliefet im Freien, Dacht' ich, die Bettchen seien Wohlbestellet euch zweien. Unter des Himmels Grau, Den Winterlüften rauh, Auf der erstorb'nen Au, Nun ihr schlafet im Freien, Wird es über euch schneien Nicht Blüten wie im Maien. 5. Wenn ich euer denke, Ist's als ob sich senke Himmel in die Brust, Und im Erdgewühle Ist's als ob ich fühle, Die ihr fühlet, Edens Lust. Soll ich's Wunder nennen? Nicht von euch zu trennen Weiß ich mein Gefühl; Nicht von euch zu scheiden, Fühlt' ich eure Leiden Mit bis zu des Todes Pfühl. Soll ich's Wunder nennen? Eurer Wunden Brennen Hab' ich mitgefühlt; Nun so mag ich fühlen In des Herzens Kühlen Auch den Balsam, der euch kühlt. 6. Meine Guten, Meine Lieben, Auf den Fluten Fortgetrieben, Auf den dunkeln Fluten fort Nach dem Hafen Aus dem Meere, Um zu schlafen Mit dem Heere, Das schon fand die Ruhe dort! Lasset euern Stern erwachen, Um zu steuern Meinen Nachen Euerm sanften Glanze nach! Wie ich schiffe, Seht, ich bebe, Durchs Geriffe, Durchs Gewebe Dieser Klippen tausendfach. Meine Lieben, Meine Guten, Fortgetrieben Auf den Fluten, Aus der Nacht hinaus zum Tag! Eure Bilder, Die mir schweben Mild und milder Überm Leben, Thun's, daß ich noch leben mag. 7. Als Gestalten hab' ich euch besessen, Jugendlich-belebte; Und ich kann den Traum noch nicht vergessen, Der so schnell entschwebte. Himmlischen Beschlüssen muß mit Witzen Menschensinn sich fügen: Euch als schöne Bilder zu besitzen, Muß mir jetzt genügen. 8. Ein Jahr ist nun geschwunden, Seit du geschieden bist, Und wie zwei trübe Stunden Gemahnt mich diese Frist. Und hättest du gelebet, Mein Kindchen, dieses Jahr, So wär' die Frist entschwebet Ein helles Stundenpaar. Nun, seit ich auf der Bahre Dich mußte sehn, mein Kind, Denk' ich, wie wenig Jahre, Verliehn dem Menschen sind. Ob trüber oder heller, Wie Stunden sind sie nur, Ob langsamer, ob schneller, Entschwunden ohne Spur. Einst wünscht' ich langes Leben, Um lang' dich blühn zu sehn; Nun mag es schnell entschweben, Da ich dich sah vergehn. 9. Der Kinder Geburtstagswunsch an ihre Mutter Heut kommen deine Vier, Um Glück zu wünschen dir Zum Tag, der dich gebar. Sechs waren es vorm Jahr; Nun fehlt das Pärchen. Nein! Es stellet mit sich ein, Kommt hergeflogen auch Vom Himmel wie ein Hauch Und wünschet Glück und Heil Dir auch an seinem Teil. »Auch wir, geboren dir, Sind unverloren dir Und danken als dein Kind, Daß wir geboren sind, Geboren nicht zum Schein, Zum wesenhaften Sein, Die andern für die Zeit, Wir für die Ewigkeit, Sie für des Lebens Braus, Wir für das stille Haus, Wo wir in Frieden ruhn Und segnen euer Thun.« 10. Am Himmel immer gern Sah ich der Liebe Stern, Und immer war er auch Ein Bote mir vom Herrn. Doch niemals sah ich ihn Als einen glänzendern, Wie ich ihn sehe nun Dort über Gräber fern. Es ist, als ob er erst Bekommen seinen Kern. Mit einem Blick, wie er Ziemt Friedenskündigern, Ruft er mir zu: »Blick' auf Vom Grab zu mir und lern': Ob deinen Toten scheint Wie über dir der Stern; Du wallest, und sie ruhn, Wie du wirst ruhn, im Herrn.« 11. Allen harten Proben Bist du nun enthoben, Allen rauhen Stürmen, Die uns hier umtoben. Ja, dir ist gefallen (Uns ist es verschoben) Solch ein Los gewißlich, Das du selbst mußt loben. Besser als bei deinen Eltern aufgehoben Bist du bei der Liebe Deines Vaters droben; Und du blickst befriedigt, Doch bewegt, von oben In das Herz des Vaters, Dem du bist enthoben. Denn die Züge, die ich Liebte, sind zerstoben, Aber nicht die Liebe, Die dich mir verwoben. 12. Du bist vergangen, eh' ich's gedacht, Wie eine Blume verblüht über Nacht. Wie eine Blum' über Nacht verblüht, Auf die umsonst der Frühtau sprüht. Es sprüht umsonst der frühe Tau, Wie auf dich meine Thränen lau. Es sprühn meine Thränen lau auf dich, Und du bist nicht erwacht für mich. Und du bist nicht für mich erwacht, Meine Blume, verblüht über Nacht! 13. An die Kleingebliebenen Heranzualtern ist der Jugend Los, Und kleine Kinder wachsen mählich groß, Dann machen sie sich von den Eltern los, Und wiegen kannst du sie nicht mehr im Schoß. Doch ihr, die mir geraubt ein frühes Los, Bleibt immer klein, nie werdet ihr mir groß, Ihr reißt euch nie von meinem Herzen los, Und wiegen kann ich euch wie sonst im Schoß. 14. Tausch Des verstorb'nen Töchterchens Bild in meinem Zimmer, Frische Blumen aus dem Wald Holend, schmück' ich's immer. Heute trat mir, als ich kam Heim mit meinem Segen, An der Thür mein lebendes Töchterchen entgegen: »Gib die Blumen, Vater, mir!« Sollt' ich sie nicht geben? Blumen schmücken schön den Tod, Schöner noch das Leben. Seh' ich doch das Töchterchen Selbst, das ich verloren, Schöner nur im lebenden Wieder mir geboren! Nicht das Bild im Zimmer wird Minder freundlich lachen; Mindern Vorwurf wird mir auch Mein Gewissen machen, Als in wilder Jugendzeit, Da nach einer Toten Ich um eine Lebende Warb mit solchen Boten. Blumen streuen wollt' ich zur Stunde der Gespenster Auf ein Grab und streute sie Vor ein Kammerfenster. 15. Wiedersehn Deine Kinder, hier verloren, Wirst du droben wiedersehn; Denn was aus dir ist geboren, Kann dir nicht verloren gehn. Daß du einst sie wiedersehest, Dieses kannst du wohl verstehn, Wenn du auch nicht das verstehest, Wie du sie wirst wiedersehn. Nicht als Kinder; oder wolltest Du sie ewig halten klein? Nicht gealtert; oder solltest Du entfremdet ihnen sein? Die hier streitenden Gestalten, Dort, wo sie verglichen sind, Wo nicht Mann und Weib sich spalten, Trennt sich auch nicht Greis und Kind. Zweite Reihe Fest- und Trauerklänge Rosen auf das Grab einer edlen Frau Stuttgart, Juli 1816. 1. Gehöret hab' ich, und ich kann es schauen, An dieser Thränenstürme lautem Tosen, Daß wohl die Vater- und die Mutterlosen, Und die Gebrechlichen und Altergrauen Sonst hatten eine Mutter an der Frauen, Der sie zu Grab jetzt folgen – für Almosen, Die sie von ihr empfingen jetzund Rosen Aufs Grab ihr streun und Thränen drüber tauen. Ihr sollt euch trösten! Auf dem Sterbebette Hat sie noch ihrer Armen nicht vergessen. – Wir alle, die wir ihren Heimgang ehren, Sind Arme, die empfahn an dieser Stätte Almosen, deren Wert nicht zu ermessen, Davon die Herzen lang' noch können zehren. 2. Der Anblick einer Seele, die in Frieden Mit Gott, der Welt und sich des Amtes pflegte Mit treuer Hand, das Gott in ihre legte, Und als der Herr sie abrief von hienieden, Ihm willig folgte, ruhig, ernst, entschieden; Selbst noch, als sich um sie der Jammer regte Der Ihren, mit dem Troste, den sie hegte In ihrer Brust, sie alle sprach zufrieden; Der Anblick, der uns herrlicher und reiner Erkennen läßt, daß über seiner Hülle Der freie Geist besteht, der wandellose; Das ist die große, hier wie sonst an keiner Grabstätte je in also reicher Fülle, An dieser uns gespendete Almose. Drei Zechsprüche 1. Die Erd' ist ein gehöhlter Becher, Darinnen schäumt als Trunk das Meer; Der Himmel selber ist der Zecher, Er beugt sich durstig drüber her, Um mit der Sonne glüh'nden Lippen Das Meer von Grund aus einzunippen. 2. Blühten alle Herrlichkeiten Zusammen in eine Blume der Au, Und flössen alle Süßigkeiten Zusammen in einen Tropfen Tau; Den Tau aus der Blume in einem Zug Möcht' ich trinken, dann hätt' ich genug. 3. Es ist der Kopf ein Lustgezelt, Darin drei Stühle sind gestellt, Das erste Glas tritt ein als Gast, Nimmt auf dem ersten Stuhle Rast; Das zweite Glas kommt hinterdrein Und nimmt den zweiten Stuhl sich ein; Wenn nun das dritte kommt zuletzt, So sind die Stühle rings besetzt. Da kommt ein vierts noch wie der Blitz, Sieht um sich und sieht keinen Sitz; Und weil es doch nicht stehen kann, So fängt es einen Lärmen an, Zerrt an den andern hier und dort, Und keins will räumen seinen Ort. Da balgen sie sich ritterlich Und werfen von den Stühlen sich, Und noch ein Glück ist's, wenn das Zelt Nicht selbst mit übern Haufen fällt. Die drei Sterne auf Erden Drei Sterne fielen von Himmelshöh'n: Was wollen wir thun auf Erden? Ich will als Ros' auf den Auen stehn, Ich will zur Nachtigall werden. Ich will versenken mein himmlisch Licht In ein holdlächelndes Angesicht, Als Mägdlein will ich wandeln. Die Rose blühte, die Nachtigall sang, Das Mägdlein horchte und schaute. Die Rose den Tau des Himmels trank, Die Nachtigall Himmelslaute; Das Mägdlein sog den Himmelsschein In ihre lebenden Augen hinein Und strömt' es aus in ein Blicken. Und als der Frühling beschloß den Lauf, Da fühlte die Ros' ein Schauern, Die Nachtigall hörte zu singen auf, Das Mägdlein begann zu trauern. Willst, Frühling, du länger nicht weilen allhier, So nimm uns trauernde Schwestern mit dir Zu unsern heimischen Reichen. Er nahm die Ros' in die rechte Hand, Die Nachtigall in die Linken, Das Mägdlein hüllt' er in sein Gewand, An den Busen ließ er es sinken. Die Geister zogen den Sternen zu, Ihr Staub fiel nieder zu irdischer Ruh', Wer wird von neuem ihn wecken? Die Blumenengel Die Engelein, liebes Maidelein, Sind auch wohl so schön, wie du, und so fein; Halt daß wir sie nur nicht können sehen, Wenn sie vom Himmel zur Erde gehen. Wenn du's aber noch nicht weißt, Wo die Engele wohnen zumeist, Wenn sie vom Himmel zur Erde kummen, So will ich dir's sagen: das sind die Blummen. Jegliche Blum' ist ein Gezelt, Das sich ein Engelein hat bestellt, Wo's von seiner Wanderung hält Ruh', Bis's wieder fleugt dem Himmel zu. Und's Engelein ist auf sein Häuslein bedacht, Wie's jeder Mensch mit sei'm eigenen macht, Es ziert's und schmückt's aus um und an, Daß es ihm drinne gefallen kann. Es holt sich goldigen Sonnenschein Und legt ihn rings außen ums Dächelein, Es holt sich Farben mancherhand Und bemalt sich von innen des Häusleins Wand. Es backt sich von Blumenmehl Himmelsbrot, Daß es auf Erden nicht leidet Not; Es bräut sich aus Tau sein Tränklein frisch Und schickt sich in allem ganz haushälterisch. Und das Blümmele hat recht seine Freud', Wie sein Hausherr so drin schafft und bräut; Und wenn's Englein dann wieder gen Himmel wandert, So fällt das Häuslein vor Weh auseinander. Liebes Maidelein, wenn du dann Willst allweil die Englein um dich han, So mußt du's nur mit den Blümlein halten, So wer'n auch die Englein um dich walten. Stell' eine Blume vor das Fenster dein, So läßt sie dir keinen bösen Gedanken herein; Stecke vor deine Brust einen Blumenstrauß, So gehst du allweg mit einem Engelein aus. Begieße frühmorgens ein Lilienreis, So bleibst du den ganzen Tag lilienweiß; Stell' nachts an dein Bett eine Rose zur Hut, So wiegt dich ein Engel auf Rosen gut. Kein arg Träumen kann dich schrecken, Denn ein Engelein wird dich decken; Und welche Träum' es zu dir läßt ein, Das müssen gute Träume sein. Wenn du dann in solcher Hut Wirst träumen von meiner Liebesglut, So denke, daß sie ist treu und rein, Sonst ließ sie das Englein nicht zu dir ein. Aus der Jagdtasche eines mißmutigen Schützen Wenn ich mir einst eine Hütte will bauen, Will ich nach einem Stamm umschauen, Wo in der Mitte Bienen wohnen, Am Fuß Ameisen und Tauben auf den Kronen; Damit, wenn ich draus die Hütte gebauet, Von Honigseim sie sei durchtauet, Von Emsigkeit sie sei verschönet, Und von Eintracht still bekrönet. Aus der Brieftasche eines Verzweifelten Daß ich nur verzweifeln könnte, Sprechen zu dem Elemente: »Nimm den matten Geist zurück!« Daß nicht in die nächt'ge Wüste Noch ein Strahl mir brechen müßte, Noch ein falscher Hoffnungsblick. Hast du nicht genug gelitten? Hast du nicht dich müd gestritten, Armes Herz, was willst du mehr? Ferne Lebensquellen rauschen, Willst du noch bethöret lauschen? Sieh, dein eigner Quell ist leer. Freudig war ein Baum entsprossen, Und die grünen Zweige flossen Frisch hinaus in Himmelslicht. Wankst du Wipfel? Ach, sie haben Deine Wurzel abgegraben, Und der Wipfel weiß es nicht. Schmeichle mir nicht, Strahl der Sonnen, Spare deine vollen Bronnen, Große Mutter, Gärtnerin! Ach, du weißt, ich kann nicht stehen, O so laß mich gleich vergehen, Nimm mit einemmal mich hin. Kannst du Blitz aus deinen Wettern Felsenfestes nur zerschmettern? Triff einmal ein morsches Herz! Hilf ihm, dem die Kräft' ermatten Und ihm selber nicht gestatten, Einzusargen seinen Schmerz. Grabet mir mein kühles Bette, Und auf meiner öden Stätte Sprech' ein rauhbemooster Stein: »Diesen, da er nicht mehr wußte, Was er draußen sollt' und mußte, Nahm ein Gott zu sich herein.« Vor den Thüren Ich habe geklopft an des Reichtums Haus! Man reicht' mir 'nen Pfennig zum Fenster heraus. Ich habe geklopft an der Liebe Thür! Da standen schon funfzehn andre dafür. Ich klopfte leis' an der Ehre Schloß; »Hier thut man nur auf dem Ritter zu Roß. Ich habe gesucht der Arbeit Dach; Da hört' ich drinnen nur Weh und Ach! Ich suchte das Haus der Zufriedenheit; Es kannt' es niemand weit und breit. Nun weiß ich noch ein Häuslein still, Wo ich zuletzt anklopfen will. Zwar wohnt darin schon mancher Gast, Doch ist für viele im Grab noch Rast.« Der Pumpbrunnen Jüngst an Mittags heißem Strahl Wollt' ich Wasser schöpfen. Leider fehlt' es allzumal Mir an Krug und Töpfen. Als ich an dem Brunnen stand, Mußt' es mich nicht kränken? Daß ich mich an seinem Rand Selbst nicht konnte tränken! Wenn ich an der Pumpe zog, Floß es vorne nieder; Wenn ich dann dahin mich bog, Stockt' im Fluß es wieder. Als ich scheu zur Seite trat, Kam ein Paar gegangen, Das es mit behendem Rat Wußte anzufangen. Wenn er an der Pumpe stand, Hielt den Mund sie unter; Pumpte sie dann mit der Hand, Trank er selber munter. Als sie so sich abgefrischt, Fort ging's ohne Stocken. Als ich mir den Mund gewischt, War er leider trocken. Eine gute Lehr' allein Hatt' ich abbekommen: Auf der Welt allein zu sein, Kann zu gar nichts frommen. Einsam trinkt ein Waldeskind Wohl am Quell im Freien; Wo der Stadt Pumpbronnen sind, Trinkt sich's nur zu zweien. Sonnengruß Wann mein Liebchen mit dem schlanken Wuchse meinem Grab sich naht, Wird Cypressenschatten wanken, Wo ich schlummre, früh und spat. Eh' um mich die Schatten sprießen, Die kein Sonnenblick durchbricht, Will ich die Cypress' umschließen, Die ums Haupt sich Rosen flicht. Durch den Himmel geht die Sonne, Rufet, eh' ins Meer sie taucht: Leuchten wollt' ich dir zur Wonne; Wie hast du mein Licht gebraucht? Morgen werd' ich wiederkommen, Und mein Licht ist ewig jung, Doch für dich umsonst erglommen, Wenn du schläfst in Dämmerung. Heb' in meinem letzten Strahle Noch einmal den Becher hoch. Glücklich, wer die volle Schale Hat am Mund und durstet noch. Kannst du trinken, kannst du lieben, Thu's nicht morgen, thu' es heut. Gutes Werk auf morgen schieben, Hat schon mancher Thor bereut. Nicht Verlorenes beschwöre, Nutze deinen Augenblick, Laß der Zukunft ihre Flöre Und bereite dein Geschick. Sprich ein Wort zu guter Stunde, Daß die Zeit hinüber schwebt, Zeugend in der Nachwelt Munde, Daß du hast und wie gelebt. Ein Lebenslauf 1. Gerissen aus meinem Gleichgewicht, Begann ich die Welt zu durchschweifen; Und das Verlorene fand ich nicht, Wo die Zitronen reifen. Wie ein verirrter Wandelstern Mit seinen wallenden Haaren, Der Unheil drohet irdischen Herrn Und stillem Frieden Gefahren. Da wandt' ich einer Sonne mich zu, Sie zog mich an magnetisch. Gefunden hat der Komet die Ruh', Er kreist um die Sonne planetisch. 2. Ich dachte, daß genug der Bäume wären, Die alle könnten mit Früchten nähren. Da fand ich, daß jeder für sich umschanzt Den Baum, den er, den sein Vater gepflanzt. Die Vögel des Himmels kümmern sich nicht Ums Gedörn, das den Stamm umflicht; Doch Leute, die nach den Kirschen langen, Büßen am scharfen Zaun ihr Verlangen. Viel Gnade, wenn wir dem Wandrer gestatten, Von unserm Baum zu genießen den Schatten. Du hast die Jugend im Schatten verträumt, Den eignen Baum zu pflanzen versäumt. Wohlauf, und pflanze ihn dennoch jetzt, Und ob er dich nicht mit Früchten letzt, So komm' es deinem Sohn zu gut', Daß er einst im eigenen Schatten ruht. 3. Komm, laß uns gehn und hören Den Vogelsang in Chören Und laß an Baches Wellen Uns auch ein Sprenklein stellen. Der Frühling wird entfliehen, Die Vögel werden ziehen. Dann soll uns, den wir fingen, Daheim im Winter singen. 4. Ich hörte Nachtigallen Mit Lust im Frühling schallen; Dann in der schwülen Stille Das Sommerlied der Grille. Nun hör' ich von den Rüstern Die welken Blätter flüstern. Wie sollt' ich drum verzagen? Ich will in Wintertagen Ums Haus des Schnees Schauern Noch hören ohne Trauern. 5. Mein Leben war ein einziger Tag. Verträumt hab' ich das Morgenrot; Was hülf's mir, daß ich mich's ließe reuen! Wohl mir, daß ich am Abend mag Nun nach des Mittags heißer Not Vor Schlafengehn am Abendrot mich freuen. Dritte Reihe Des Dorfamtmannsohns Kinderjahre Die gnädige Frau Wir haben eine gnäd'ge Frau, Die ist so weich von Herzen, Die Augen stehn ihr gleich voll Tau, Wenn andre munter scherzen. Und hätte sie mehr Nadelgeld, Sie heilte alle Schmerzen Im Dorf und in der ganzen Welt. Sie kann, zu knicken einen Floh, Über das Herz nicht bringen, Sie läßt ihn lieber frei und froh Hinaus zum Fenster springen. Doch wenn er sich ein Bein verstaucht, Wie wird sie es erschwingen Zu zahlen den Bader, den er braucht? Die Muhmen aus der Stadt Neulich kamen unsre Muhmen Aus der Stadt gefahren, Die von Stroh gemachte Blumen Trugen in den Haaren. Und geschwinde ging ich echte Wiesenblumen holen, Und das schlechte Strohgeflechte Warf ich in die Kohlen. Und ich dachte, mir zu Gnaden Hab' ich sie verpflichtet; Doch sie sprachen, einen Schaden Hab' ich angerichtet. Sind nicht schöner von der Wiese Meine Feuernelken? »Ja, doch länger dauern diese, Ohne zu verwelken.« Ei, so müßt ihr, schöne Muhmen, Hier nur immer bleiben, Und ich denk' euch frische Blumen Täglich aufzutreiben. Die Espe Als den Herrn ans Kreuz geschlagen Nun des Feldes Bäume sahn, Kam ein Zittern und ein Zagen Allen fernen, allen nah'n. Nur der Espe Krone Ließ die Blätter ohne Beben in die Lüfte ragen, Gleich als ging sie das nicht an. Damals ward der Fluch gesprochen, Und ihn hörte Berg und Kluft: »Daß dir sei dein Stolz gebrochen, Zittre künftig jeder Luft! Andre Bäume zittern Nur in Ungewittern, Zitternd soll das Herz dir pochen, Wenn im Wald ein Vogel ruft. Zittre, wo im Erdenkreise Künftig du entkeimst dem Staub! Jedes Blatt soll zittern leise, Bis es wird des Herbstwinds Raub. Und in allen Tagen Soll man hören sagen Dir zur Strafe sprichwortweise: Zittern wie ein Espenlaub!« Die verzauberte Jungfrau Die Jungfrau, die verzaubert dort Sitzt in der Höhle Grunde, Hat auf Erlösung fort und fort Gewartet bis zur Stunde; Wer sich an die Erlösung wagt, Muß einen Kuß nur unverzagt Aufdrücken ihrem Munde. Allein beim Küssen ziert sie sich, Und gar nicht hold jungfräulich, Verwandelnd umgebiert sie sich In viel Gestalten greulich, Daß nur ein unerschrockner Mann Es ansehn und sie küssen kann, Wie sie sich stellt abscheulich. Da war ein Schneider jung und keck, Der kühnste Mann auf Erden, Dem saß das Herz am rechten Fleck: »Magst du dich nur gebärden! Und was du thust und was du sagst, Und wie du dich verwandeln magst, Du sollst erlöset werden.« Die Jungfrau ward von Angesicht Zum schrecklichsten der Drachen; Der tapfre Schneider zittert nicht Und küßt sie auf den Rachen; Die Jungfrau wird ein grimmer Leu, Schon will der Schneider, auch nicht scheu, Zum Kuß sich fertig machen. Die Jungfrau wird zum Krokodil, Er will zum Kusse schreiten; Und wie sie sich verwandeln will, Er wird sie doch erstreiten. Zuletzt wird sie ein Ziegenbock, Da rennt er über Stock und Block: »Dich mag der Teufel reiten!« Die beiden Lenen Auf der Kindheit frühsten Szenen Im Erinnerungsdämmerschein Seh' ich um mich stehn zwo Lenen, Beide meine Schwesterlein; Alles kam von denen, Was von zarter Poesie ist mein. Mir, dem Knaben, nachgeboren, Sahn sie selbst einander nicht; Schon der einen war verloren, Eh' die andr' es sah, das Licht; Und ich war erkoren, Beide zu vereinen im Gedicht. Nach der ersten ging die zweite, Als sie mir gelächelt kaum; Standen mir darauf zur Seite Nur, wie noch sie stehn, im Traum, Blickten zum Geleite Mir hernieder aus des Himmels Raum. Ob sie je den Blick entzogen, Wenn ich sein nicht würdig war? Aber niemals mir entflogen Meine Engel ganz und gar; Aus den tiefsten Wogen Sah ich hoch mein Sterne-Schwester-Paar. Jede von euch heißet Lene, Doch der Nam' ist ganz nicht gleich. Voller heiß die ein' Helene, Bild aus griech'schem Schönheitsreich, Aber Magdalene Hieß die andre herzempfindungsweich. Ob Helen', ob Magdalene Erste oder zweite war, Weiß ich nicht, es ist Helene Nur mit Magdalen' ein Paar, Die nicht ohne jene, Beide miteinander immerdar. O Helene, der Hellenen Schöne Klarheit strahle du! Magdalene, Magd in Thränen, Sehnen gib und Friedensruh' Mir und allen denen, Die noch hören meinen Liedern zu! Vierte Reihe Lenz Das Jahr In einem Lande möcht' ich wohnen, Wo der Natur gesetzter Zwang Hinwandeln läßt durch glüh'nde Zonen Des Jahres unverrückten Gang; Wo nach des Winters Regengüssen Ein langer fester Sommer kommt Und auch die Menschen fühlen müssen, Daß nicht ein wirrer Wechsel frommt. Und wäre das mir nicht beschieden, So möcht' ich wohnen an dem Pol, Wo eines tiefen Winters Frieden Ich mir ließ auch gefallen wohl; Da muß des Menschen Geist versenken Sich können in des Daseins Schacht Und still sich nach den Sternen lenken In ewig heller Winternacht. Unselig ist der Mitte Schwanken, Dem hier wir unterworfen sind, Wo Stunden wechseln wie Gedanken Und die Gedanken wie der Wind; Wo keine ruhige Entfaltung Erlaubt des Jahrlaufs wilde Hast Und in verworrner Welthaushaltung Mensch und Natur hat nirgends Rast. Frühling Liebster Mein Liebster geht mit fliegenden Haaren, Mit blauem Barett und grünem Gewand; Die Blumen gehn um ihn in Scharen, Und die Rose an seiner Hand. Anheben zu schlagen die Nachtigallen, Wo sonnigen Blickes er tritt heran, Und hoch beginnet mein Herz zu wallen, Wenn ich ihn sehe so lieblich nahn. Aprilreiseblätter 1. Im Gebirg 1811. Wohin, ach! sollen aus des Markts Gewühle Sich eure Götter retten, wenn die Dichten Des ew'gen Hains auch unterm Beil sich lichten, Qualm des Gewerks auch dämpft die heil'ge Kühle? Es seufzt der Fels, daß ihr sein Steingestühle Zerbrecht, um eure Wände draus zu schichten; Der freie Waldbach zürnt, daß er verpflichten Sich muß, nutzbar zu treiben Rad und Mühle. Die Echo klagt, daß statt der Heldenlieder, Ins orgelnde Gebraus des Sturms gesungen, Sie jetzt nur hört Geächz' des tauben Hammers. Und selbst die Berge schütteln ihre Glieder In Unmut, daß sie dazu sind gedungen, Euch auszuspei'n die Goldschlack' eures Jammers. 2. Die Burgen Zu Trümmern sankt ihr unter Schicksalsstreichen, Doch noch in Trümmern scheint ihr stolz zu stehen, Verdammend von den Höh'n herabzusehen Auf eine Welt, die nicht an euch kann reichen. Ein enger Sinn baut Hütten, die ihm gleichen, Im Thal, wo nicht der Freiheit Lüfte wehen! Ihr seht sie baun, seht wieder sie vergehen, Und ihr steht droben, ewige Todeszeichen. Niemand erkühnt sich, eure Riesenwälle Mit des Besitztums Anspruch anzutasten, Auf euren Schutt zu flicken seine Schwelle. Ja kaum der Wandrer wagt auf euch zu rasten, Gleich als entehr' er alter Kraft Grabstelle Durch seines Feiglingstrittes nichtige Lasten. 3. An einen Leinenweber Beglückt bist du, der du mit stetem Fleiße Von der zufriednen Spule still und eben In deine Weberei wie in dein Leben Stets gleiche Fäden wirkest, ruhig weiße; Da täglich ich ein bunt Geweb' zerreiße, Im Drang, es morgen bunter noch zu weben; Dazu muß Hoffnung grüne Fäden geben, Die Liebe gibt das Rot dazu, das heiße. Dazwischen schlinget sich ein Schillerstreifen, Die Poesie, bald wie ein Sonnenflitter Goldgelb, bald wie ein Ätherblick, ein blauer. Doch wie die Fäden ineinander greifen, Bricht doch, gedämpft durchs bunte Farbengitter, Hervor der Grund der Wehe, dunkle Trauer. 4. Beglückt die Pflanze, die im Spiel der Lüfte Still in des Zeitlaufs fester Ordnung lebet, An ihrem heimischen Boden ruhig klebet Und doch zum Himmel aufhaucht ihre Düfte. Beglückt der Strom auch, der im Waldgeklüfte, Von seiner Ufer sichrem Maß umwebet, Im vorgeschrieb'nen Gleise vorwärts strebet, Und endlich geht zur Ruh' in Meeresgrüfte. Ach, daß allein der Mensch zu irrem Schweifen Gebraucht des Fußes und des Geistes Flügel, Um schrankenlos durch Zeit und Raum zu streifen. Ach, daß nur er so früh zu Sporn und Bügel Sich selbst wird und so spät erst lernt begreifen, Daß er auch selbst sich werden muß zum Zügel. 5. Mir träumt', ich stünd' auf einem Felseilande Allein mit mir, und wie aus Nebelflore Späht' ich mit Augen, horcht' ich mit dem Ohre Hinüber fern nach einem festen Lande; Und sähe, wie sie drüben an dem Strande Einzäunten Gärten, bauten Häuserthore, Im Brautreih'n gingen und im Leichenchore Und lebten, webten, all in ihrem Tande. Ihr dumpfes Summen drang zu mir herüber, Doch sahn sie mich nicht stehn in meiner Ferne, Sie hatten keine Zeit zum Sehen über. Auch zugerufen hätt' ich ihnen gerne, Doch drang mein Laut zu ihnen nicht hinüber, Und einsam blickt' ich auf zu meinem Sterne. 6. Erschöpft von langen winterlichen Wegen, Auf meines Lebens allertrübster Reise, Kam ich hieher, in froher Hoffnung, leise Mein Herz an eines Freundes Herz zu legen. Da starrte mir das Freundesherz entgegen Noch starrer als vom starrsten Wintereise; Da klang das Freundeswort in kalter Weise, Noch kälter als der kältste Winterregen. Weh mir! Natur, wohin soll ich mich wenden? Wenn draußen du stehst mit den Winterschauern Und hier die Herzen mit den Winterfrösten? Ich bitte dich, laß deinen Winter enden Und werde Lenz! Mag Menschenfrost dann dauern; An deiner Frühlingsbrust will ich mich trösten. 7. Durchmessen habt ihr längst Gebirg und Wogen Mit Wanderschritt und mit des Schiffes Kiele; Nur noch gekommen seid ihr nicht zum Ziele, Wo auf der Erde steht der Himmelsbogen! Ihr habt dem Vogel auch sein Recht entzogen, Den angebornen Vorzug seiner Kiele Und fliegt wie er; wenn es euch nur gefiele, Ihr hättet schon das Paradies erflogen! Ihr habt entwaffnet selbst des Himmels Waffen, Den Blitz habt ihr durch eure Kunst gebunden, Daß er nicht mehr euch treffen kann, die Spötter! Ihr habt, um selbst dafür euch hinzuraffen, Den irdischen Blitz und Donner euch erfunden, Und haltet ihr euch denn noch nicht für Götter? 8. Drei Kiele kenn' ich, die gewaltig sind! Der erste Kiel ist, den die Vögel spannen, Womit sie über Berg und Thal von dannen Ziehn, hingeschaukelt auf des Himmels Wind. Der zweite Kiel, nicht weniger geschwind, Ist der, womit ein Wunderbau von Tannen Gerüstet ist, worauf sich zum Tyrannen Des Meeres macht das kühne Menschenkind. Der dritte Kiel ist aber, der gewaltig Vor allen ist; wohin kein Vogel fliegt, Kein Schiff, da geht sein Fußtritt doppelspaltig. Er ist's, der den Gedanken selbst besiegt, Den unsichtbaren Riesen vielgestaltig, Daß er gebannt auf zarten Blättern liegt. 9. Wir stilles Volk in des Gebirges Kluft, Tief schlummernd in der Mutter Schoß, Metalle; Was habt ihr uns mit eurer gierigen Kralle Heraufgezogen aus der dunklen Gruft? Daß unsre Starrheit an des Himmels Luft, Der uns verhaßten, euch zum Spiel zerfalle! Ihr zwinget unsre Stummheit, daß sie schalle; Der Schall ist Klage, die nach Heimat ruft. Und unsre Heimat ist die ewige Nacht; Ihr aber habt, zu unserm Weh beflissen, Zu eurem Weh uns an das Licht gebracht. Denn wie ihr uns der Finsternis entrissen, So reißen wir nun selbst mit dunkler Macht Euch mit uns nieder zu den Finsternissen. Mailieder 1. Frühlingslied Der Frühling lacht von grünen Höh'n, Es steht vor ihm die Welt so schön, Als seien eines Dichters Träume Getreten sichtbar in die Räume. Wann schöpferisch aus Morgenduft Der Sonne Strahl die Wesen ruft, Kehrt jedes Herz sich, jede Blume Empor zum lichten Heiligtume. Wann Abendrot den Purpur webt, Darin die Sonne sich begräbt, Schließt sich befriedigt jede Blüte, Und Sehnsucht schlummert im Gemüte. Vom Morgen bis zur Nacht entlang Ist all ein Kampf der Sonne Gang; Ein Kampf, die Schöpfung zu gestalten, Durch Licht zur Schönheit zu entfalten. Die Sonn' ist Gottes ew'ger Held, Mit goldner Wehr im blauen Feld, Und zu dem lichten Heldenwerke Erneut der Frühling ihr die Stärke. Die Sonn' am Tag, der Mond bei Nacht, Sie ringen all' mit Wechselmacht, Die Sonne, Rosen rot zu strahlen, Und Lilien weiß der Mond zu malen. Der Himmel ein saphyrnes Dach Der Flur smaragdnem Brautgemach, Wo sich im Spiegel von Kristallen Schaut Rose Braut mit Wohlgefallen. Die Morgenröte wirkt ihr Kleid, Der Morgentau reicht ihr Geschmeid, Der Morgenwind, ihr kecker Freier, Küßt sie errötend unterm Schleier. Der Frühling gibt im Garten Tanz, Und alle Blumen nahn im Glanz, Wo Mädchen vorzustellen haben Die Rosen und Jasmine Knaben. Das Veilchen birgt in Duft sich still, Weil aufgesucht es werden will; Die Rose glühend zeigt sich offen, Wie könnte sie Verbergung hoffen? Des Paradieses Pforten sind Nun aufgethan im Morgenwind, Und auf die Erde strömt vom Osten Der Duft, den sonst die Sel'gen kosten. Die Lauben Edens werden leer, Zur Erd' hernieder zog ihr Heer, Wo nun die Engel schöner wohnen In Rosenzelt und Lilienkronen. Nun lebt, berührt vom Liebeshauch, Das Leben neu, und Totes auch; Der starre Fels vor Sehnsucht bebet, Bis auch ein Epheu ihn umwebet. O Frühlingsodem, Liebeslust, O Glück der felsentreuen Brust, Die ein Geliebtes an sich drücket, Das dankbar sie mit Kränzen schmücket. In dieser Stille der Natur, Wo Liebe spricht und Friede nur, Sei fern den schweigenden Gedanken Des Menschenlebens lautes Zanken. Wie sie die Sinne sich verwirrt Und wie in Wüsten sich verirrt, Wie sie die Freude sich verkümmert Und wie das Dasein sich zertrümmert. Und wie die Welt, so ist ihr Lohn. Es reut mich jeder Liedeston, Der aufs verworrene Getriebe Der Zeit sich wandt' und nicht auf Liebe. Die Liebe ist der Dichtung Stern, Die Liebe ist des Lebens Kern; Und wer die Lieb' hat ausgesungen, Der hat die Ewigkeit errungen. Weg Thorentand und Flitterpracht! Im Himmel gilt nicht ird'sche Macht. Erob'rer, Helden, Weltvernichter, Geht, sucht euch einen andern Dichter. Du Freimund laß den eitlen Schwall, Sing' Lieb' als wie die Nachtigall, O trachte, still in deinen Tönen Dein eignes Dasein zu versöhnen. 2. Traurige Frühlingsherrschaft Ihr Vögel, wenn ihr warten wollt mit Singen, Bis meine Lieder hell wie sonst erklangen! Ihr Blumen, wenn ihr eh'r nicht wollt entspringen, Bis Freude blühn ihr seht auf meinen Wangen! O laßt von mir euch keine Störung bringen, Euch aufzuhalten ist nicht mein Verlangen; Singt nur und blüht an aller Ströme Borden Und wartet nicht, bis Frühling mir geworden! Da wollten dennoch säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein tief in Träumen; Kann man dem Dichter so viel Recht einräumen? Ihr Vögel, da ihr doch nicht wollet singen, Bis mit Gesang ich euch vorangegangen; Ihr Blumen, da ihr doch nicht wollet springen, Bis auch die Keim' in meiner Brust entsprangen! Mein Zaudern soll euch keine Störung bringen, Und euer Losungswort sollt ihr empfangen: Auf! singt und blüht an aller Ströme Borden! Habt Frühling! Frühling ist mir selbst geworden. Da durften nicht mehr säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein auch nicht träumen, Und Frühling blüht' und tönt' in allen Räumen. Ihr Vögel, nun ihr einmal seid am Singen, Weil euer Sänger euch vorangegangen! Ihr Blumen, die ihr nun müßt vorwärts dringen, Von Stuf' auf Stufe, bis zum höchsten Prangen! Ich kann euch fürder keine Störung bringen, Fortfahren müßt ihr, wie ihr angefangen; Singt denn und blüht an aller Ströme Borden Und wißt, daß Frühling doch mir nicht geworden. Da konnten nicht mehr säumen Die Blüten an den Bäumen, Die Vöglein auch nicht träumen; Lust floß der Welt, mir sollte Trauer schäumen. 3. Verschließung Es rührt mich an der Frühlingslüfte Schauern, Sie kommen sanft ans Herz herangeglitten Und wollen draus vertreiben dumpfes Trauern, Das drinnen wohnet wie in Winters Mitten. Ihr Lüftchen, eure Müh' muß ich bedauern, Sie besser anzuwenden, laßt euch bitten. Wo stille Knospen an den Zweigen lauern, Da kehrt euch hin, da seid ihr wohlgelitten; Da weckt mit euerm Odem junge Rosen, Die gern mit euch von Lieb' und Hoffnung kosen, Und laßt unangerührt mich Hoffnungslosen. 4. An den Lenz Schmücke doch, du Hand des Lenzen, Schmücke diese Fluren doch, Daß ich sie zuletzt erglänzen Seh' in vollem Glanze noch. Daß, wenn ich einst einsam weine, Aus der Ferne dein Gefild' Tröstlich lächelnd mir erscheine, Nicht ein starrend Winterbild. 5. Die Eintagsfliege am Johannistag Mit dem ersten Strahl der Sonne Bist du weislich aufgestanden, Daß von deines Tages Wonne Dir kein Teilchen komm' abhanden, Flüchtigste vom Stamm der Fliegen, Leichtbeschwingtes Eintagskind! Aus des Morgens Duft gestiegen Und verweht vom Abendwind. Weil bestimmt zu deinem Leben Vom Geschick ein Tag dir war, Hat es milde dir gegeben Diesen längsten Tag im Jahr. Sei der Tag dir still und helle, Weil du keinen zweiten hast; Unversiegt des Taues Quelle, Wind und Sonne nicht zur Last! Keine Schwalb' im Flug dich hasche! Stelle dir kein Netz die Spinne! Geh, im Duft der Blüten nasche Und am Abend drein zerrinne! 6. Ein Schreibtäfelchen im Busen Ging ich in den Frühlingswald; Euch, mir lang' entwöhnte Musen, Sucht' ich auf und fand euch bald. In die Tafel auf den Knieen Schrieb ich, was mir gab ein Hauch; Und ich wähnt' es mir verliehen Von dem nahen Blütenstrauch. Doch aus meiner Tafel wittert Mich ein andrer Odem an, Welke Blumen, halbzerknittert, Die ich jüngst dort eingethan, Als zu meiner Kindheit Fluren Mich der vor'ge Herbst geführt, Wo ich den verwehten Spuren Frühen Glückes nachgespürt. Ja, so bist du nun gealtet! Nicht der Frühling, der nun blüht, Nur ein längst verblühter waltet Dir nachduftend im Gemüt. 7. Einen klassischen Dichter in den Händen, Den romantischen Frühlingshain durchirrend, Konnt' ich lesend und wandelnd nicht vereinen Jene Klassicität und die Romantik. Wenn ich blickt' in das Buch, erschien mir's farblos Vor dem schwellenden Knospendrang des Lebens; Wenn ich schaut' in den grünen Wald, erschien er Wirrvoll gegen die wohlgebauten Strophen, Schlecht geordnet die Schatten und die Lichter. So mißfiel mir das eine durch das andre, Wechselnd richtete Buch und Welt zu Grund' sich. Müde setzt' ich mich endlich auf den Stein hin, Wo zum Quellengeriesel Schatten rauschten, Weiter lesend und blickend aus dazwischen. Immer lauschender blickt' ich, immer stiller Las ich, immer versenkter und versunkner; Ob ich las, ob ich blickte, wußt' ich selbst nicht. Immer lieblicher, leiser flossen, rannen, Immer inniger, tiefer schmolzen, schwammen Ineinander der Frühling und der Dichter. Verse rieseln in Wellen, und symmetrisch Bauen blühende Lauben sich zu Stanzen. Staunend fühl' ich von einem Geist mich wiegen, Der des Lebens und Todes Widerspruch löst – Von dem Geiste des Schlummers und des Traumes, Die im Schatten mich überschlichen hatten, Ohne daß ich es merkte, bis, vom Odem Einer stürmischen Luft entküßt, ein Baumblatt Auf das Buch, und das Buch mir aus der Hand fiel. Schlaf, Vermähler des Himmels mit der Erde! Traum, Vermittler des Diesseits mit dem Jenseits! Allvereinende, stets vereinte Brüder! Kommt noch öfter auf meinen Frühlingsgängen Mir entgegen und helfet mir studieren! Kein Ausleger vermag doch auszulegen Seinen Dichter, wie ihr, aus der Natur, und Einzulegen die Schöpfung in den Dichter. 8. Ich sah den Himmel seltsam geteilt In Trübes und in Klares; Alles Dunkle zusammengeeilt Und alles Helle war es. Die ganze nordische Hälfte war Mit grauem Gewölk umzogen, Die ganze südliche Hälfte klar Von Lichtblau angeflogen. Die Sonne stand an dem Scheiderand Des Blauen und des Grauen, Unsichtbar halb in der Wolkenwand Und halb im Hellen zu schauen. Wird sie treten ins Blaue ganz, Ins Graue ganz verschwinden? Oder wird sie mit ihrem Glanz Selbst das Grau überwinden? 9. Himmelschlüssel Himmelschlüsselchen ist genannt ein goldnes Feingebildetes Blümchen auf der Wiese, Weil den Himmel auf Erden sieht die Unschuld Aufgeschlossen im Frühling unter Blumen. »Himmelschlüsselchen nenn' ich«, sprach ein Jüngling, »Dich mit eigenem Rechte, weil ein Himmel Mir auf Erden, ein Herz, sich aufgeschlossen, Ein geliebtes, im Frühling, als zum ersten Kranz ich schüchtern dich wand mit andern Blumen. Himmelschlüsselchen! den mir aufgeschlossnen Himmel schließe mir jeder Frühling neu auf, Still verschließ' ihn vor jedem Blick des Neides! Jedem anderen aber sei ein andrer Himmel offen, den ich nicht ihm beneide.« 10. Waldandacht Orgeltöne brausen Durch der Tannen Haar, Und mit stillem Grausen Knie' ich am Altar, Den in Waldeshallen Mir der Frühling baut, Und des Herzens Wallen Wird im Liede laut. Seinen Sabbat feiert, Schöpfung, der dich schuf, Und die Seel' umschleiert Seines Friedens Ruf. Wenn du Vaterstrafen, Kind, nicht fürchten mußt, Kannst du ruhig schlafen An der Mutter Brust. 11. Frühlingsanfang (Nach dem Anfang einer Kaside von Saadi.) Morgens weckte mich ein Hauch: Frühling hat begonnen, Auf und bade nun dich auch Wie die Welt in Wonnen. Ging ich übers Feld im Kreis Blühender Gestalten: Eine sprach: »Du bist ein Greis, Sitze bei den Alten!« Doch ich sagte. »Liebes Kind, Sieh den Berg, den hohen, Über dessen Scheitel sind Jahre viel geflohen. Aber aus dem Wintertraum Hat er sich gerüttelt, Hat von seines Kleides Saum Frost und Reif geschüttelt. Nimmt fürs graue Pelzgewand Sommergrüne Decken, Um an kühler Bäche Rand Sanft sich hinzustrecken. Alle Blumen ladet er, Ihm zu nahn mit Düften, Und mit Wonne badet er In den lauen Lüften. Also laßt mich zwischen euch Ruhn und mit Behagen Träumen unter Lenzgesträuch Von vergangnen Tagen.« 12. Heiland Frühling Heiland Frühling ist ins Land gekommen; Bring' er Heil und Heilung allem, allen! Heile von Beklemmung, was beklommen, Heile vom Verfalle, was verfallen, Von der Überfrömmigkeit die Frommen, Fromme Tauben von des Geiers Krallen. Alles Unvollkommne sei vollkommen, Und auf Erden Gottes Wohlgefallen! 13. Was thut nicht eine Frühlingsnacht? Eingeschlafen im Abendhauch War der knospende Rosenstrauch, Und staunend, als er früh erwacht', Stand er in voller Blütenpracht, Was thut nicht eine Frühlingsnacht An Menschenblumenknospen auch! 14. Zwischen Welt und Einsamkeit Zwischen Welt und Einsamkeit Ist das rechte Leben, Nicht zu nah' und nicht zu weit Will ich mich begeben. In der Straßen lautem Drang Find' ich mich zu blöde, Aber einen Schauer bang Fühl' ich in der Öde. Lieblich ist es, wo ich seh' Ferne Hütten rauchen, Ins Gefühl der Gottesnäh' Schweigend mich zu tauchen. Fünfte Reihe Sommer Abendlied Ich stand auf Berges Halde, Als heim die Sonne ging, Und sah, wie überm Walde Des Abends Goldnetz hing. Des Himmels Wolken tauten Der Erde Frieden zu, Bei Abendglockenlauten Ging die Natur zur Ruh'. Ich sprach: »O Herz, empfinde Der Schöpfung Stille nun, Und schick' mit jedem Kinde Der Flur dich auch, zu ruhn.« Die Blumen alle schließen Die Augen allgemach, Und alle Wellen fließen Besänftiget im Bach. Nun hat der müde Silfe Sich unters Blatt gesetzt, Und die Libell' am Schilfe Entschlummert taubenetzt. Es ward dem goldnen Käfer Zur Wieg' ein Rosenblatt; Die Herde mit dem Schäfer Sucht ihre Lagerstatt. Die Lerche sucht aus Lüften Ihr feuchtes Nest im Klee, Und in des Waldes Schlüften Ihr Lager Hirsch und Reh. Wer sein ein Hüttchen nennet, Ruht nun darin sich aus; Und wen die Fremde trennet, Den trägt ein Traum nach Haus. Mich fasset ein Verlangen, Daß ich zu dieser Frist Hinauf nicht kann gelangen, Wo meine Heimat ist. Bild der Erinnerung Lerchenabendsang Schwebet in den Lüften, Hirtenflötenklang Kommt aus fernen Triften; Und des Waldes Grün Zittert im Karmin, Den die Abendstrahlen Auf die Wipfel malen. Wie auf dem Gefild' Still der Abend feiert, Wird ein Glanzgebild' Meinem Aug' entschleiert; Halb verhüllt in Duft Steigt es aus der Luft, Lächelt sanft hernieder, Sanft zum Himmel wieder. Willst du, holdes Bild, Trocknen meine Thränen? Ach, im Herzen schwillt Höher nur das Sehnen. Was ich hochbeglückt An die Brust gedrückt, Zeigst du nur mir immer, Gibst zurück es nimmer. Abendfeier 1. Ein Schein der ew'gen Jugend glänzt Ins Erdenthal, Die Höh'n mit Offenbarung kränzt Der Abendstrahl. Die Lerche singt der Sonne nach Von hohem Ort, Dann wird die Nachtviole wach Und duftet fort. 2. O wie mild der Abendrauch Dort aus Hütten steiget! Ob es wohl im Innern auch Sich so freundlich zeiget? Ob es in dem Innern auch Dumpf und düster schweiget; Sei zufrieden, daß der Rauch Mild gen Himmel steiget. 3. Vom Turme bläst ein Abendlied In Abendlerchenchöre. Was sagt es? daß ein Mensch verschied; Daß nichts die Ruh' ihm störe! Sei er geschieden sanft und rein, Wie dort die Sonne scheidet, Und ruh' in Friede wie der Hain In Abendrot gekleidet! 4. Die Schwalbe schwingt zum Abendliede Sich auf das Stänglein unterm Dach: Im Feld und in der Stadt ist Friede, Fried' ist im Haus und im Gemach. Ein Schimmer fällt vom Abendrote Leis in die stille Straß' herein, Und vorm Entschlafen sagt der Bote, Es werd' ein schöner Morgen sein. Abendgemälde Wie der Abend stiller wird Und von fern die Mühlen wogen, Kommt an seinem Stab der Hirt Singend durch das Thal gezogen. Lächelnd tritt er zu dem Bach, Neigt sich drüber hin und winket; Ist es wohl der Sonne nach, Die dort hinter Wolken sinket? Ja und nein! Noch eh' sie ganz Wird hinunter sein gesunken, Hat er neuen Sonnenglanz In sein Auge dort getrunken. Siehst du? wie ein Zephyrhauch Tanzt es her vor seinen Blicken; Aber ruhend in dem Strauch Wird sie erst ihn ganz erquicken. Komm! der Liebe stille Rast Soll kein fremder Blick beschleichen; Und wenn du ein Schätzchen hast, Magst du gehn und thun desgleichen. Die Bäume und der Wanderer Ach, wie ist der Mensch so eitel, Dessen Scheitel Locken trägt gleich unserm Laub; Daß er doch, statt stillzustehen, Lieber gehen Will hinaus im Straßenstaub. Zu uns kommen Tau und Lüfte Und die Düfte Und das süße Himmelslicht; Drum zu wandern in die Ferne, Thun wir gerne – Thätest du's doch auch! – Verzicht. Ist dir hier nicht Licht gegeben, Um zu leben? Und den Schatten geben wir. Warum willst du denn dich treiben Und nicht bleiben? Bleibe, bleibe, bleibe hier! Nimm doch uns an zu Genossen, Die wir sprossen In den Grund, den Gott uns gab; Wir sind grün; was kann dir's frommen, Daß genommen Du den dürren Wanderstab? Willst du gleichen deinem Stabe Bis zum Grabe? Dem so Blüt' als Frucht gebricht! Willst du niemals Wurzeln schlagen, Früchte tragen? Willst du oder kannst du nicht? Ob ich nicht will, ob ich nicht kann, Ich kann's und will's nicht sagen; Es treibt mich eben jetzt von dann, Und Zeit ist's nicht zu klagen. 's muß eben auf dem Erdenrund Auch wandernde Bäume geben. Ihr wurzelt fort in euerm Grund! Gott segn' eu'r ruhiges Leben! Und komm' ich jemals wo dazu, Die Wurzeln einzusenken, So will ich dann gewiß in Ruh' An euch, ihr Guten, denken. Jetzt aber, eh' hier den Straßenstaub Aufwühlen die Morgenwinde – Behüte Gott eu'r grünes Laub! Ich ziehe davon geschwinde. Schöner Lebenslauf Ich bin geboren schöner als es euch deuchtet; Ich bin gestorben schöner als ihr es denket. Der Morgenstern hat mir ins Leben geleuchtet, Der Abendstern mich ins Grab mit Fackeln gesenket. Das Morgenrot hat Perlentau mir gefeuchtet, Das Abendrot mir eine Thräne geschenket. Ich bin geboren schöner als es euch deuchtet; Ich bin gestorben schöner als ihr es denket. Vogeldeuterei Zur Mauer, hinter der ich wohne, Dringt aus der Stadt kein Glockenschlag; Doch Sänger von verschiednem Tone Erwecken mich zu jedem Tag. Und jedes Tags Geschick erkenn' ich Aus seines Barden Wecketon, Und meine Tage längst benenn' ich Nach Glücks- und Unglücksvögeln schon. Wenn schmetternd wach mich singt die Lerche, Schwing' ich mich mutig himmelan, Weg über Hütten, Herden, Pferche, Durch Gottes weiten Schöpfungsplan. Wenn zwitschernd überm Nest am Dache Die Schwalbe mir den Schlummer kürzt, Wird vom Gemach und Ungemache Der Häuslichkeit mein Tag gewürzt. Die Nachtigall mag hier nicht brüten, Doch manchmal grüßt sie mich im Traum, Sie bringt mir abgefallne Blüten Vom Jugendliebelebensbaum. Dagegen ist von lauten Spatzen An meiner Mau'r ein Überfluß; Sie deuten mir, daß ich verschwatzen Des Tages beste Stunden muß. Ach hätt' ich nur wie andre Sachsen Recht am Docieren eine Lust! Doch wie der Schnabel mir gewachsen, Kann ich ihn so nicht brauchen just. Und immer hab' ich diese Klage Zu hauchen in den Morgenwind, Wozu die läst'gen Spatzentage Im Nachtigallenleben sind. Die Zeit der Rosen und der Lilien Immer miteinander ließen Dichter Ros' und Lilie blühn, Da sich Lilien doch erschließen, Wann die Rosen nicht mehr glühn. Auf der schönen Rose Grabe Steht der Lilien Herrlichkeit; Dichter mit dem Wunderstabe Schlichten, was Natur entzweit. Aus der roten Rose Grabe Steigt der Lilie Heiterkeit; Dichter mit der Himmelsgabe Gleichen aus des Lebens Streit. Immer miteinander lassen Dichter Ros' und Lilie glühn, Ob die Rosen gleich erblassen, Eh' die Lilien erblühn. Bei Sonnenuntergang Fahr' wohl, o goldne Sonne, Du gehst zu deiner Ruh'; Und voll von deiner Wonne Gehn mir die Augen zu. Schwer sind die Augenlider, Du nimmst das Lied mit fort. Fahr' wohl! wir sehn uns wieder Hier unten oder dort. Hier unten, wann sich wieder Dies Haupt vom Schlaf erhob; Dann blickest du hernieder Und freuest dich darob. Und trägt des Tods Gefieder Mich statt des Traums empor, So schau' ich selbst hernieder Zu dir aus höherm Chor Und danke deinem Strahle Für jeden schönen Tag, Wo ich mit meinem Thale An deinem Schimmer lag. Wohnlichkeit Nicht am Meere will ich wohnen, Wo ans Land die Woge schlägt, Grüße bringt von fremden Zonen, Wo mich hin kein Nachen trägt. Wohnen nicht am großen Flusse, Der in Ruhe nie verweilt, Stets mit süßem Wassergusse Bitterm Tod entgegeneilt. Wohnen will ich nicht in diesen Alpenthälern, wo sie stehn, Die getürmten Schöpfungsriesen, Und so stolz herniedersehn. Als ein Wandrer will ich schauen Alles dieses wohl einmal, Aber dann mein Hüttchen bauen Im bebüschten Heimatthal. Wo der sanft gehob'ne Hügel Sich nur kränzt mit Blütenschnee, Und dem raschen Bache Zügel Anlegt der gehalt'ne See. Wenn sein Grund den Himmel spiegelt, Wipfel wurzeln in die Flut, Ist Geheimnis mir entsiegelt, Wie die Höh' im Tiefen ruht. Wolken kommen, Wolken fliehen, Was ich lebte, was ich litt; Und den Vögeln, welche ziehen, Geb' ich Liebesgrüße mit. Einen Gruß an jede Zone, Wo es glüht und wo es kühlt, Daß in jeder glücklich wohne, Wer in sich die Schöpfung fühlt. Ein Seufzer Schlimme Lose, Daß der Himmlischen Zorn Jeder Rose Beigegeben den Dorn; Aber schlimmer, Daß die Rose verblüht, Und noch immer Sticht der Dorn im Gemüt. Sonne und Mond Die Sonne sprach: »O Mond, ich wende Der lieben Erde nun mich ab Und lasse dich zurück; o spende Ihr alles das, was ich nicht gab. Ich gab ihr die Erregung Des Lichtes und der Lust, Verleih' ihr nun die Hegung Des Glücks in stiller Brust. Wo sengend trafen meine Strahle Darauf geuß einen Tropfen Tau, Und was durch mich gewelkt im Thale, Das zu erfrischen atme lau. Und was ich den Gedanken Nicht zeigen durft' im Raum, Das laß der Seele Ranken Umfahn in duft'gem Traum. Und wenn ich kehr' am Morgen wieder, Will ich mich deiner Hilfe freun; Gelabte Schläfer werden Lieder, Erwachte Blumen Weihrauch streun. Jedwede Knosp' am Baume, Von dir gepflegt, gedeiht, Und was du gabst im Traume, Mach' ich zur Wirklichkeit.« Windstille Windstill ist es auf der Flut, Windstill ist's im Hage, Windstill ist es mir zu Mut' Wie dem Frühlingstage. Eine leise, leise Luft Fächelt und erfrischet Jede Blume, deren Duft Sich in andre mischet. Und in meinem Busen auch, Wo der Sturm sich leget, Fühl' ich einen Himmelshauch, Der mich sanft beweget. Meinen Odem möcht' ich rein Dem der Blumen mischen, Und wie sie so trunken sein Von des Taues Frischen. Sechste Reihe Herbst Abschied Ihr Berg' und o ihr Thäler, hoch und tief, Die ihr mir lange war't ein fremdes Land, In welchem nie mein Herz die Heimat fand, Die stets der Sehnsucht aus der Ferne rief! Da endlich nun die Sehnsucht hier entschlief, Da mir die neue Heimat hier entstand, Wo mich umketten wollte trautes Band; Euch reichen muß ich nun den Scheidebrief. Ihr Berg' und o ihr Thäler, habt Ade! Was ich hier fand, wo find' ich's wieder je? Lebt wohl! ich sag' euch Lebewohl mit Weh. Du sanftumbüschter Garten, süßer Ort, Du hast ein Jahrlang mit vergeb'nen Müh'n Dem aufgenommnen Fremdling wollen blühn Und bliebst dem kranken Sinne stets verdorrt! Und nun, da plötzlich durch ein Zauberwort An allen Plätzen du mir wurdest grün, Mir alle deine Rosen Funken sprühn, – Das Schicksal ruft, und ich muß von dir fort. Wie nun zur Hand den Wanderstab ich nahm, Ist er so dürr wie damals, da ich kam; Leb' wohl! dir sag' ich Lebewohl mit Gram. O stiller See, bewegt vom Ruderklang Des Schwanes, der die feuchten Kreise zieht Um seine Insel, wo in Schilf und Ried Das Weib ihm sitzt und brütet! – o wie lang' Belauscht', o Schwan, ich deinen Lebensgang, Und meine Thräne mehrte dein Gebiet. Ich sah im See ein Schattenbild, es flieht, Du schweigst und hörest meinen Schwanensang. O Wellen, die ihr meine Thränen seid, Einst Spiegel meines Glücks und nun mein Neid, Lebt wohl! ich sag' euch Lebewohl mit Leid. O Stadt mit allen Häusern Dach an Dach, Die ihr als Gast mich aufgenommen habt, Die ihr zuerst mir nur ein Obdach gabt Und keine Freud' im einsamen Gemach. Da nun aus euerem Gestein ein Bach Des Lebens ist entsprungen, der mich labt, – Muß ich mich von euch wenden – o begrabt In eurer Giebel Rauch mein letztes Ach! Wie ich aus euch mich sehnte heimatwärts, So wird nach euch sich sehnen nun mein Herz; Lebt wohl! ihr seht mich von euch gehn mit Schmerz. O Berg und Thal, o Garten, See und Stadt, Ein Himmel mir, so weit als sich der Saum Des Himmels dehnt! mir erst ein öder Raum, Wo meine Seele nirgends wurde satt. Nun sich das alles mir verwandelt hat Und hier mir sproßt des Lebens grünster Baum; Ist es zum Abschied mir als wie ein Traum, – Daß ich davon mitnehme nicht ein Blatt. O Stadt, o See, o Garten, Berg und Thal! Vergold' euch schön der Morgensonne Strahl! Lebt wohl! und laßt mich scheiden ohne Qual! Wanderlied Dem Wandersmann gehört die Welt In allen ihren Weiten, Weil er kann über Thal und Feld So wohlgemut hinschreiten. Die Felder sind wohl angebaut Für andre und von andern; Ihm aber, der sie sich beschaut, Gehören sie jetzt beim Wandern. Durch Wiesen schlängelt sich ein Pfad Wie zwischen Blumenbeeten. Ich weiß nicht, wessen Fuß ihn trat; Er ist für mich getreten. Und neben in das Gras hinein, Wo sie wohl Futter holen, Das Grün ist auch beim Wandern mein, Ein Teppich für meine Sohlen. Der Baum, der hier am Wege steht, Wem mag er Frucht erstatten? Doch weil mein Weg vorübergeht, So gibt er mir den Schatten. Sie haben ihn hieher gesetzt Wohl nicht zu meinem Frommen; Ich aber glaube, daß er jetzt Sei eigens für mich gekommen. Der Bach, der mir entgegenrauscht, Kommt her, mich zu begrüßen, Durch Reden, die er mit mir tauscht, Den Gang mir zu versüßen. Und wenn ich seiner müde bin, Er wartet auf mein Winken, Gleich wendet er sich zur Rechten hin, Und ich zieh' fort zur Linken. Die Lüfte sind mir dienstbar auch, Die mir im Rücken wehen, Sie wollen doch mit ihrem Hauch Mich fördern nur im Gehen. Und die ins Angesicht mich küßt, Sie will mir auch nicht schaden: Es ist die Ferne, die mich grüßt, Zu sich mich einzuladen. Der Regen und der Sonnenschein Sind meine zwei Gesellen, Die, einer hinterm andern drein, Abwechselnd ein sich stellen. Der Regen löscht der Straße Staub, Die Sonne macht sie trocken; Daneben wollen Gras und Laub Sie aus dem Boden locken. Und spannt in ihrem Wechselspiel Sich aus ein Regenbogen, Komm' ich, entgegen meinem Ziel, Darunter hergezogen. Der Bogen ist für mich gespannt, Weil ich darunter walle; Zu Trägern sind die Berg' ernannt, Daß er auf mich nicht falle. Und wo ein Dorf entgegentritt, Da hör' ich Glocken läuten. Sie meinen selber mich damit, Was könnt' es sonst bedeuten? Sie läuten etwan einer Braut, Vielleicht auch einem Toten; Ich aber deut' auf mich den Laut: Ein Gruß wird mir geboten. So zieh' ich im Triumphgesang Entlang die lange Straße; Und nie wird mir um etwas bang', Das ich im Rücken lasse. Wie eines hinter mir entweicht, So kommt gleich her das andre; Und nie hab' ich das End' erreicht Der Welt, soweit ich wandre. Herbstlieder 1. Herbstfrühlingslied So oft der Herbst die Rosen stahl, Ich weiß nicht, wie's entsprungen, Doch ist mir hell noch jedesmal Ein Frühlingslied entklungen. Der Frühling, der vorüberfuhr, Und der aus Zukunft winket, Die beiden werden einer nur, Des Glanz mein Herz durchblinket. So hoff' ich, wenn den Lebensbaum Des Alters Hauch entlaubet, Nicht soll ein goldner Jugendtraum Dem Herzen sein geraubet. Die Jugend, die vorüberfuhr, Wird sich im Liede paaren Mit jener, die auf Edens Flur Nicht wird vorüberfahren. 2. Herbsthauch Herz, nun so alt und noch immer nicht klug, Hoffst du von Tagen zu Tagen, Was dir der blühende Frühling nicht trug, Werde der Herbst dir noch tragen! Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch, Immer zu schmeicheln, zu kosen. Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch, Abends verstreut er die Rosen. Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch, Bis er ihn völlig gelichtet. Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch, Was wir geliebt und gedichtet. 3. Schwalbengruß Die Schwalbe kam geflogen; Kaum hatt' ich sie gesehn, So ist sie weggezogen In rauher Lüfte Weh'n. Sie grüßte mich verstohlen, Wie soll ich es verstehn? Es klang wie »Gott befohlen«, Nicht wie »auf Wiedersehn!« 4. Herbst Lebensabend Du, dieses Jahres Abend, Herbst, Sei meines Lebensabends Bild! Wie langsam du den Hain entfärbst, Und deine Sonn' ist frühlingsmild: Es lacht das grünende Gefild' Tief im Oktober ohne Frost, Und in der Traube schwillt der Most, Wie in der Brust Begeist'rung schwillt. Siebente Reihe Winter Morgen-Abendstern Ich schaut' am Neujahrsabend Zum Himmel aus und sah: Im Westen stand so labend Der Stern der Liebe da. Ich blickt' am Neujahrsmorgen Dann wieder auf, und sieh'! Am Himmel wohlgeborgen Stand er im Osten hie. Du hast dich wohl betrogen, Spricht ein gelehrter Mann; Weil nie am Himmelsbogen Geschehn dergleichen kann: Es läßt der Stern entweder Dort oder hier sich sehn, Doch kann er nicht in jeder Gestalt zugleich bestehn. Das weiß ich selbst am besten, Daß nie euch weisen Herrn Zugleich in Ost und Westen Erscheint der Liebe Stern. Der aber, den ich meine, Der steht an jedem Ort, Und in viel hellerm Scheine Als der am Himmel dort. Der Stern, daß ich es sage, Ein Stern ist solcher Art, Wie ich im Busen trage Die Liebe hoch und zart; Der hat mich angefunkelt Wohl zu des Jahres Schluß Und strahlet unverdunkelt Mir auch den Morgengruß. Der Stern hat mir verheißen, Daß bei des Himmels Dreh'n Und bei der Jahre Kreisen Er nie will untergehn; Er will, wie eins sich neiget, Stets funkeln hell und klar, Und wie ein andres steiget, Noch immer heller gar. O sel'ge Doppelhelle Von wunderbarem Schein, An jedes Jahres Schwelle Mir leuchtend aus und ein! Nicht auf und nieder gehend, Bald nah' und bald auch fern, Nein, fest im Wechsel stehend, Ein Morgenabendstern. Wenn nun das ganze Leben Verrollt ist wie ein Jahr, Sollst du im Abend eben Noch stehn so hell und klar; Und wenn ein neuer Morgen Aufdämmert aus der Nacht, So grüß' mich wohlgeborgen Zuerst in deiner Pracht. Winterleben 1. Die Winternachtigall So laut im Winterzimmer schmettert Die Nachtigall, Daß sich ein Frühlingshain beblättert An ihrem Schall: Zum blauen Himmel wird die Decke Und jede Wand zur grünen Hecke, Zur Schattengrotte jede Dunkelecke, Des Vorhangs Weh'n zu Bäche-Rieselfall. Nur wenn der Himmel oft so schaurig Durchs Fenster schaut, Dann klagt die Nachtigall so traurig Den Klagelaut, Als wollte sie ihr Los verklagen, Daß sie in Winterhaft muß schlagen Und schweigen einst, wann in beglücktern Tagen Der freie Frühling seinen Tempel baut. Doch laß dich das nur nicht verdrießen Und singe zu! Ein Lenz muß auch im Winter sprießen, Den wirkest du. O Himmelskehl' im Zeitenfroste, Du bist gegeben uns zum Troste; Sing' nur, und ob es dir die Seele koste, In jede Seele Sehnsucht, Schmerz und Ruh'. 2. Winter-Lerchenton In Lüften hängt ein Lerchenton, Mein Ohr hat staunend ihn vernommen. Ist's eine, die noch nicht entflohn? Ist's eine, die zurückgekommen, Gelockt von Frühling schon, Da rings die Schöpfung noch von Winter ist beklommen? Durch meine Seele zieht ein Schwung, Den jener Ton hat angeschlagen. Ist's Ahnung, ist's Erinnerung Von künftigen, von vor'gen Tagen? Ich fühle nur mich jung, Ob wie ich's war, ob wie ich sein werd'? ist zu fragen. Verklungen ist die Melodie, Verschlungen von Schneewolkenherden; Und Winter ist's im Herzen, wie Am Himmel Winter und auf Erden, So Winter, als ob nie Gewesen Frühling sei und nimmer sollte werden. 3. Der Abglanz der Rose Wenn der Rose Liebesrot Ist im kurzen Lenz verglüht, Bleibt in Erdenwinternot Dir kein Trost, o mein Gemüt; Blick' hinauf! am Himmel sprüht Ew'ges Abend-Morgenrot: Deine Ros' ist hier nicht tot, Die dort oben doppelt blüht. 4. Erwartung Wenn ich gegen Tages Mitte Setz' ins Zimmer meine Schritte, Die auf Schnee und Eis geweilt; Denk' ich, auf dem Wust des Tisches Liegen müss' ein Blatt, ein frisches Das vom Freunde Kund' erteilt, Wie die rötlich angeglühte Mandelblüte, Die voraus dem Frühling eilt. Oder wann ich lange träumte, Wie er nun so lange säumte, Sich zu melden; kommt mir's vor, Selber müss' er aus den Ecken Treten, froh mich zu erschrecken, Ohne Meldebrief zuvor, Überraschend, wie die Feige Aus dem Zweige Ohne Blüte tritt hervor. 5. Wintersonne Mond und Sonne scheint so schön, Wie im Frühling immer; Öder nur die Winterhöh'n Macht der kalte Schimmer. Ach vom Himmel kann die Lust Nicht hernieder steigen, Wenn der Erde, wenn der Brust Sie nicht schon ist eigen.