Erste Stufe Einkehr 1. Ein indischer Brahman, geboren auf der Flur, Der nichts gelesen als den Weda der Natur; Hat viel gesehn, gedacht, noch mehr geahnt, gefühlt Und mit Betrachtungen die Leidenschaft gekühlt; Spricht bald, was klar ihm ward, bald um sich's klar zu machen, Von ihn angeh'nden halb, halb nicht angeh'nden Sachen. Er hat die Eigenheit, nur Einzelnes zu sehn, Doch alles Einzelne als Ganzes zu verstehn. Woran er immer nur sieht schimmern einen Glanz, Wird ein Betkügelchen an seinem Rosenkranz. 2. Zwei Spiegel sind, worin sich selber schaut mit Wonne Die hohe Himmels- und die höchste Geistersonne: Ein Spiegel ist das Meer, von keinem Sturm empört, Ein andrer das Gemüt, von keinem Drang verstört. 3. Ich habe nichts erdacht, nur manches ausgedeutet, Gegraben keinen Schacht, nur manchen ausgebeutet. Kann ich, wo ich gelernt, auch nicht den Lehrer nennen, Ich lernte doch und muß als Schüler mich bekennen. Und der es mich gelehrt, der wird gelernt es haben Von seinem Lehrer, dem es andre Lehrer gaben. Die Überlief'rung ist, wenn auch die Namen schwanden Der Überliefernden, vom Anfang her vorhanden. Wer sagt mir nun, woher der erste selbst es nahm, Von dem aus Hand zu Hand zu mir herab es kam? So kommt der durst'ge Geist auf Wegen der Erfahrung Durch Überlief'rungswald zum Quell der Offenbarung. 4. Nichts Bessres kann der Mensch hienieden thun, als treten Aus sich und aus der Welt und auf zum Himmel beten. Es sollen ein Gebet die Worte nicht allein, Es sollen ein Gebet auch die Gedanken sein. Es sollen ein Gebet die Werke werden auch, Damit das Leben rein aufgeh' in einen Hauch. 5. Du sondre stolz und kalt dich nicht von der Gemeine Der Betenden, weil du so gut es kannst alleine. Zwar Gott ist überall, und nie wird in der Schar Ihn finden, wem er nicht bereits im Herzen war. Doch wo der Scheiter viel in einer Flamme brennen, Wird das Gefühl es an vermehrter Glut erkennen. 6. Beglückt der Weise, der ein kluges Weib gefunden, Die den genügenden Beruf darin empfunden, Mit Sinnigkeit das Haupt des Sinnenden zu kränzen, Den himmlisch Strebenden auch irdisch zu ergänzen, Der Sorge vorzustehn des Hauses und der Zeit, Daß seine Sorge sei nur Welt und Ewigkeit. 7. Verstand ist vom Verstehn, Vernunft ist vom Vernehmen; Die beiden brauchen sich nicht ihres Stamms zu schämen. Verstanden haben zwar ist mehr als bloß vernommen, Ein unverstandenes Vernommnes kann nicht frommen. Doch kann der Mensch verstehn nur, was er recht vernahm, Was ihm von außen her, was ihm von oben kam. 8. Du bist beglückt, wenn dir gegeben ist, zusammen Mit vielen wirkend, dich mit ihnen zu entflammen. Doch wenn du stehst allein, so laß dich's nicht verdrießen, Statt Menschen mußt du nur der Menschheit dich erschließen. Aus jeder Raumesweit', aus allen Zeitenfernen, Grüßt den der Menschheit Geist, der von ihm weiß zu lernen. Gedanken steigen aus vermorschter Büchergruft, Und andre schwinden in der Luft wie Blütenduft, Noch kein gedachter je ging Denkenden verloren, Und ungeahnet wird kein neuer auch geboren. Drum trösten magst du dich, wenn aufging dir ein Licht, Teilst du's auch keinem mit, der Welt entgeht es nicht. Sie streiten, wer zuerst dies habe vorgebracht; Der Geist der Menschheit hat's gemeinschaftlich erdacht. 9. O klage nicht mein Herz, daß dir zu spät nun kommen Der Liebe Zeichen, da die Jugend dir verglommen. Ja, wär' es Gold und Gut und Würd' und Wohlbehagen, So möchtest du, daß nun zu spät es komme, klagen. Bald lassen müßtest du zurück dies Hausgerät, Doch was hinüber du mitnimmst, kommt nicht zu spät. 10. Gar manches sagt nicht rein Brahman'sches der Brahman; Sei es rein menschlich nur, so nehmen wir es an. Doch dieses, was aus gar so fremden Augen schaut, Hat ein europischer Bekannter ihm vertraut. 11. Wer mit geschickter Hand die heil'ge Schrift abschreibt, Kein Zweifel ist, daß er ein fromm Geschäft betreibt. Denn an der Abschrift kann ein Frommer sich erbaun, Sich freuen, Gottes Wort so klar vor sich zu schaun. Doch wenn der Schreiber selbst nichts weiter thut wan schreiben, So wird, was andern frommt, ihm selbst unfruchtbar bleiben. Und also, wenn du machst dein eignes Sein und Leben Zu einem schönen Buch, um es der Welt zu geben, Wenn es auch alle Welt mit Lust und Andacht schaut, Was nützt es dich, wenn es dich selber nicht erbaut? 12. Nicht g'nug ist's, selber nicht zu hassen noch zu neiden; Du mußt den Neid, den Haß von andern auch vermeiden Des Hasses Blick ist Frost, des Neides Blick ist Glut; O Liebespflanze, dir ist Glut und Frost nicht gut. Gott geb' ein Plätzchen dir, wo rein du könntest sprossen, Von Liebesstrahl besonnt, von Freundschaftstau begossen; Wo dich kein Blick erreicht, wo dich kein Hauch berührt, Von dem nicht Geist geweckt und Andacht wird geschürt. 13. Du sagst: Die Rose blüht, es singt die Nachtigall; Doch siehst du hundert blühn, hörst hundertfachen Schall. Doch alle Rosen sind in einer dir verschlungen, Die Nachtigallen all in einer Kehl' erklungen. So fühlt die Poesie in sich ein Dichter ganz, Und alle Schönheit sieht die Lieb' in einem Glanz. 14. Hauch Gottes, Poesie, o komm, mich anzuhauchen, In deinen Rosenduft die kalte Welt zu tauchen. Was du anlächelst, lacht, was du anblickest, glänzt; Die Eng' erweitert sich, und Weites wird begrenzt. Durch dich ist ewig, was im Augenblick geschwunden, Was ich gelebt, gedacht, genossen und empfunden. 15. Wo hört die Heimat auf und fängt die Fremde an? Es liegt daran, wie weit das Herz ist aufgethan. Ein enges Herz, das sich verstockt im Winkel hat, Es findet fremdes Land drei Finger von der Stadt; Ein weites aber hat das Fernste sein genannt, Als wie vom Himmel wird die blüh'nde Welt umspannt. 16. Zwei Dichter weiß ich, die zur höchsten Höhe flogen Und bald Nachahmung, bald Bewund'rung nach sich zogen Doch zog der eine meist nach sich die größre Schar, Indes des andern die gewählte kleinre war. Ein hohes Ideal dem einen schwebte vor, Zu dem er unverwandt sein Antlitz hielt empor Und seinen Flug; doch nie konnt' es der Flug erreichen! Je höher er sich hob, je höher mußt' es weichen. Vom Ideale selbst der andre flog gehoben; Er war stets, wo es war, nie unten er, es oben, Kein Äußerliches war's, wonach er ringend strebte, Es war sein Inn'res selbst, das, was er war und lebte. Dem ringe nach! Es kann mit rechter Kraftanwendung Der Mensch auf jeder Stuf' erreichen die Vollendung. 17. Wenn ihr vielleicht vermißt in diesem Buch die Einheit, Statt großes Ganzen seht der Einzelheiten Kleinheit; Doch eine Einheit ist und doppelte, darin: Die Einheit in der Form, die Einheit auch im Sinn. Auf wieviel Stoff nun angewandt die Einheit sei, Das lenkt der Zufall und ist wirklich einerlei. 18. Die schönsten Lieder, die aus vollstem Herzen dringen, Sie werden nicht die Welt verwandeln und bezwingen; Das wird allein der Kraft, der thätigen, gelingen. Dem Manne zoll' ich Preis, der das im engsten Kreis Weiß zu bethätigen, was ich zu träumen weiß. 19. Ihr mögt mich umganglos und ungesellig schelten! Wen aber hab' ich denn, der mich als mich läßt gelten? Wo ich mich selber muß verleugnen immerhin, Da bin ich einsam, wo ich in Gesellschaft bin. Zweite Stufe Stimmung 1. Zum Milden sprach ein Freund: »Du mußt die Mild ablegen, Die dich verarmen macht.« Der Milde sprach dagegen: »Zur Milde hab' ich mich gewöhnt nach Gottes Bilde, Und seine Mild' hat sich gewöhnt an meine Milde, Ich fürchte, wenn ich nun ablegen sollte meine Gewohnheit, möchte Gott ablegen mir die seine.« 2. Kann jeder doch die Welt nur seinem Sinn anpassen; Und was ich fassen soll, muß ich in Verse fassen. Drum, ob an manchem Vers von mir du habest nichts, So denk': Den hat für sich der Meister des Gedichts. Hätt' ich den Vers, an dem du nichts hast, nicht gemacht, Hätt' ich auch die, woran du viel hast, nicht erdacht. 3. Wenn du das dicke Buch durchblätterst der Geschichte, Du findest wiederholt auf jedem Blatt Berichte Von widerwärt'gem Kampf und greulichem Verrat, Und selbst auf dunklem Grund steht jede lichte That. Und auch des Dichters Kunst, die sich die freie nennt, Doch knechtisch hinterdrein nur der Geschichte rennt, Weiß auch nichts Besseres zu unserem Ergötzen Als nächtliches Geschick und blutiges Entsetzen. Als sei von Gottes Welt nur dieses vorzuzeigen, Was man eh'r sollt' aus ihr vertilgen durch Verschweigen. Als sei in der Natur nur Frost und Hagelschlag Und gift'ger Raupenfraß, kein blüh'nder Rosenhag; Und in des Menschen Haus nur Krankenstubenjammer, Kein Kindertummelplatz und keine Hochzeitkammer. Die Weichlichkeit ist schlecht, der Leichtsinn ist nicht gut, Doch not ist heitrer Ernst und froher Lebensmut. Des Schattens kann im Bild entbehren nicht die Kunst, Doch ist ihr Element das Licht und nicht der Dunst. Mag die Geschichte nicht des traur'gen Amts entbehren, Daß durch Unmenschliches sie uns will Menschheit lehren; O Phantasie, wenn du die Blüte willst entfalten Der Menschheit, sollst du ihr kein Jammerbild vorhalten. 4. Wenn du am rechten Ort das rechte Wort zu sagen Hast unterlassen, bleibt es immer zu beklagen. Wenn in Gedanken dann du's sagest hinterher, Wird die Versäumnis dir nur fühlbar um so mehr, Doch unterlaß nur nicht und sage dir es fein; Vielleicht ein andermal wirst du dann klüger sein. 5. Zu lesen lieb' ich nicht, was aneinander hängt, So daß ein jeder Schritt zum andern vorwärts drängt; Wo, wenn ich aus der Bahn hab' einen Schritt gethan, Ich sie verlor und muß von vorne fangen an. Zu lesen lieb' ich das, wo ich auf jedem Schritte Zugleich am Anfang bin, am End' und in der Mitte; Wo stillzustehen, fortzufahren, abzubrechen In meiner Willkür steht und mit darein zu sprechen. Den Dichter lieb' ich, der für mich versteht zu pflanzen Ein Ganzes, das besteht aus tausend kleinen Ganzen. 6. Was unterscheidet Kunst von Wissenschaft? Das Können; Dem muß der Vorrang doch das stolze Wissen gönnen. Wohl weiß die Wissenschaft, wie etwas sollte sein, Doch machen kann sie's nicht, das kannst du, Kunst, allein. 7. O wende dich an das, mein liebendes Gedicht, Im Menschen, was vereint, an das, was trennet, nicht! An das nicht, was nur trennt und ew'ge Trennung stiftet, Der beiden Welten Heil mit heiligem Gift vergiftet; Was als das einzige Heil für hier des Staates Norm Aufstellen und für dort will eines Glaubens Form; Daß vor dem heiligen unheiligen Kriege Frieden Und Glück zu finden sei nicht droben noch hienieden. Von dieses Fiebers Frost, von dieses Fiebers Glut Erstarrt der Menschheit Herz, versiegt ihr Lebensblut. In diesen Todesfrost blas' einen warmen Hauch, Und einen klärenden in diesen dumpfen Rauch! Das reine Menschliche im Menschen wend' hervor, Der ewigen Sonne zu den Liebesfrühlingsflor! Daß sich die Menschheit einst fühl' eins, wie einst sie war, Und wie sie noch sich fühlt in jedem jungen Paar. Dies liebende Gefühl, aufs Leben ausgedehnt Und auf die Welt erstreckt, ist, was der Geist ersehnt. Hinweg, was zwängt und engt! Herbei, was Bande sprengt, Und nur mit Liebesband Geist und Natur umfängt! 8. Du bist in Gottes Ratsversammlung nicht gesessen, Als er den Plan der Welt nach seinem Maß gemessen; Nun thust du doch, als sei dir vorgelegt der Plan, Und deinen Maßstab legst du unbekümmert an. Nur zu! Es ist darauf der Großplan angelegt, Daß jedes kleinste Maß paßt, das man angelegt, Daß jeder deutet sich die Welt in seinem Sinn, Und jeder deutet recht; so viel ist Sinn darin. 9. Was ungelesen ich zu lassen mir erlaube? Ein Büchlein, das mir will beweisen, was ich glaube. Wie sollt' ich, was ich glaub', erst mir beweisen lassen? Derweilen kann ich mich mit Nützlicherm befassen. Ich denke, solches Buch ist nicht für mich geschrieben, Es ist für andre, die bis jetzt ungläubig blieben. Allein auch diese wird es nicht zum Glauben treiben; Drum ohne Schaden konnt' es ungeschrieben bleiben. 10. Welch eine Sprach' ist schön, welch eine Sprach' ist reich? Verschieden an Getön, im Sinn sind alle gleich. Nicht dief' und jene Sprach' entzückt, erfreuet mich; Was mich erfreut, entzückt, das ist die Sprach' an sich: Daß eine Sprach' es gibt, die, was du fühlst und denkest, Dir deutlich macht, je mehr du dich in sie versenkest; Daß eine Sprach' es gibt, kraft deren du verkündest Der Welt geheimen Sinn, so weit du sie ergründest: Drum ist die schönste Sprach' und beste, die du nennst, Die Muttersprache, weil du sie am besten kennst. 11. Vollkommen lieb' ich nicht die Menschen, streng und heilig; Sie wären unbequem und wären auch langweilig. Einseitig lieb' ich sie, natürlich und beschränkt, Nicht übertrieben, krank, gebrechlich und verrenkt. So lieb' ich sie, sich dar mir stellend in der Welt, Und also fordr' ich sie vom Dichter dargestellt. Wenn anders sie mir zeigt die Welt, muß ich's in Ruh' Ertragen, aber wenn das Buch, so mach' ich's zu. 12. Einst meine Leserin bist du als Braut gewesen; Wie solltest du nicht gern dein schönes Brautlied lesen? Dem Dichter zum Verlust, dem Manne zum Gewinn Bist du nun meine Frau, nicht meine Leserin. Und ich verdenke dir es nicht; den ganzen Mann Besitzest du, was gehn dich seine Bruchstück' an? Die Knaben nehm' ich aus, die Gott uns hat verliehn; Die hilf zu Männern auch, zu ganzen, mir erziehn. Dritte Stufe Kampf 1. Des Herzens Pförtner ist des Mannes Angesicht, Der den und den Empfang beim Herren dir verspricht. Ein freundliches Gesicht wird Hoffnung dir erwecken Und ein unfreundliches zurück die Hoffnung schrecken. Doch oft, wann du zum Herrn gelangt, hast du entdeckt, Daß Hoffnung oder Furcht der Pförtner falsch erweckt. Ein herzensholder Herr hat oft unholde Mienen Zu Dienern, während auch unholdem holde dienen. Drum laß ein Lächeln dir nicht zu viel Hoffnung wecken, Und auch ein Schmollen laß nicht gleich zurück dich schrecken. Ihr aber, Herzensherrn, sagt euern Dienern fein, Daß sie nicht euerm Sinn umhüllen falschen Schein. Warum soll Freundlichkeit vergebens Hoffnung wecken Und gar Unfreundlichkeit zurück die arme schrecken? Die müden Hoffnungen, die oft so irre gehn, O könnten sie das Ziel gleich recht am Eingang sehn! 2. Des ganzen Menschen und des einzelnen Geschichte Zusammenfassen kannst du sie in drei Berichte: Der Mensch, mit der Natur im Frieden, war ein Kind; Das sind die Glücklichen, die es geblieben sind. Der Mensch, mit der Natur im Kampfe, ward ein Mann, Gewann, verlor, gewann, verlor, gewann, gewann. Der Mensch mit der Natur Besiegung wird ein Greis, Des neuen Friedens Kind; so kreist in sich der Kreis. 3. Du klagst, du könnest dich nicht mit der Welt vertragen, Nicht der Geselligkeit Beschränkungen ertragen. Zur Wildnis fliehest du, dem Menschen zu entfliehn; Du trägst ihn mit an dir und kannst ihn aus nicht ziehn. Wenn aber du dich selbst ertragen mußt und leiden, Von deinem Ebenbild warum willst du dich scheiden? Du fühlst mit der Natur dich mehr in Eintracht nur, Weil du nicht ihrem Gang vorzeichnest deine Spur; Den Menschen aber willst du deine Wege zeigen, Bedenklos, daß, wie du, auch jeder ist sein eigen. Trägst du ohn' Ungeduld Frost, Regen, Sturm und Wind? Nur Menschenunbestand ist dir zu ungelind? Der Mann, der vor dem Zwang des Lebens nimmt die Flucht, Ist wie der Knabe, der entläuft der Eltern Zucht, Der sich bequemen will eh'r allem Unbequemen, Um Rache, wie er meint, nur an der Zucht zu nehmen. Der rechte Mann erkennt und ehrt des Lebens Schranken, Und der Erkenntnis wird er seine Freiheit danken. Sein Inn'res ist sein Thun, das strebt er zu vermehren, Von außen leidet er, das strebt er abzuwehren, Und selbst sein Leiden weiß in Thun er zu verwandeln, Wenn, menschlich handelnd, er lehrt Menschen menschlich handeln. Denn uneins unter sich macht Menschen Leidenschaft, Und nur in der Vernunft ist ihrer Einheit Kraft. Des Menschen Aufgab' ist Erziehung und Entwildung, Des menschlichen Geschlechts und eigne Menschheitsbildung. 4. Die Eitelkeit der Welt erkennen, ist nicht schwer, Denn die Erkenntnis drängt von allen Seiten her. Doch nur die bessere Erkenntnis macht dich frei: Daß in der eitlen Welt dein Sein nicht eitel sei. Die Eitelkeit der Welt mußt du an dir erfahren, Um deine höhere Bestimmung zu gewahren. Nie, wie du g'nügsam seist, thut dir die Welt genug, Bis von ihr nahm dein Geist zum Himmel seinen Flug. Dann wirst du gern der Welt die Eitelkeit vergeben, Die dir ein Strebepunkt geworden zum Erheben. 5. Wie wenig wissen doch die Menschen sich zu sagen Des Sagenswerten, die sich in Gesellschaft plagen. Als ob erträglicher dadurch die Langeweile Dem einen sei, daß er sie mit den andern teile. Wo Ungelehrte unerträglich thun gelehrt, Da thun Gelehrte nun gar kläglich ungelehrt. Nur selten im Gespräch entwischt ein guter Spruch, Weil jeder, was er weiß, spart lieber für ein Buch. 6. Wenn in Geschichten wir von Not und Jammer lesen, So tröstet dieses uns: dies alles ist gewesen. Die Herzen ruhen längst, die das erlitten haben, Und ihre Sünden sind mit ihnen auch begraben. Doch ihre Lieb' und Treu', ihr Glauben und ihr Mut, Sind die auch hin wie Schaum geschwommen auf der Flut? Mit nichten, diese sind am Leben uns geblieben, Denn wozu würde wohl Geschichte sonst geschrieben? 7. Vermeiden sollen sich, die nicht zusammenpassen; Wahl der Gesellschaft ist jedwedem freigelassen. Zu wen'gen passen ist ein nicht geringes Leiden, Denn schwer ist mit der Welt Berührung zu vermeiden. Doch ganz unglücklich ist, wer allen Umgang haßt, Und, auf sich selbst beschränkt, auch zu sich selbst nicht paßt. 8. Behalte, was ich hier dir nicht will vorenthalten, Vier Lehren, die nicht sind in jedem Ohr enthalten. Dir geben einen Halt, im Leben einen Stab, Der Worte vier: Halt ein! Halt aus! Halt an! Halt ab! Halt ein den Zorn, die Gier und jede Leidenschaft; Halt aus, was dich betrifft, mit starker Seelenkraft. Halt an zum Guten, wen und wo du Macht gewannst; Halt ab vom Bösen wen, von Übel was du kannst. Behalt' und halte dies und ordne dein Verhalten Danach, so wirst du dich und wirst die Welt erhalten. 9. Was einen Dichter macht? das hohe Selbstgefühl Und fröhliche Vertrau'n im bunten Weltgewühl. O Freund, mir aber kam allbeides fast abhanden, Nicht durch Unbilden, die ich reichlich selbst bestanden; Was einem widerfuhr, der größer ist als ich Und ohne den ich selbst nicht wäre, kränket mich: Daß Goethe werden darf mißhandelt ungerochen, Das hat mein Selbstgefühl und Weltvertrau'n gebrochen. 10. Fürstenspiegel 1. Es ist ein kleiner Fürst im Land, den groß ich preise, Den, weil er nicht will laut gelobt sein, lob' ich leise. Er hat die Fürstlichkeit erkannt in ihrem Wesen Und will den Titelprunk nicht hören und nicht lesen. Die Schranken hat er weggehoben zwischen sich Und seinem Volk, das frei ihm nahn darf männiglich. Er will den Zugang nicht zu seinem Ohr verteuert, Und die Erlaubnis, ihn zu bitten, unbesteuert, Er will beweisen, daß ein Fürst noch mit Vertrau'n Kann auf sein Volk, ein Volk auf seinen Fürsten schaun. O mög' er den Beweis, der not thut, glänzend führen In dieser Zeit, wo sich des Mißtrau'ns Feuer schüren. Ihr größern, schaut auf ihn und nehmt von ihm ein Zeichen! Wie müßt ihr wachsen noch, wenn ihr ihn wollt erreichen! 2. Die größten Fürsten all, die auf des Ruhmes Bahnen Bei Hindus wandelten und bei den Muselmanen, Sie hatten einen Brauch, mit abgelegten Zeichen Des Standes unterm Volk vermummt umherzuschleichen, Um zu erfahren, was sie sonst nicht leicht erfuhren, Was man von ihnen denk' in Hütten und auf Fluren. Doch hielten sie dabei streng ein Gesetz, den Leuten Nie das Verborgene verborgen anzudeuten, Noch minder, in des Zorns und Ungestüms Entwallen, Der Roll', in der sie aufgetreten, zu entfallen; Still, was Ersprießliches sie hörten, zu ermessen, Und was Verdrießliches, als Fürsten zu vergessen. 3. Bedachtet ihr einmal, was die Unsterblichkeit, Nach der ihr trachtet, ist, ihr Könige der Zeit! Denkmale stiftet ihr, Bildwerke, Riesenmauern; Die Nachwelt staunt sie an und dankt nicht den Erbauern. Und wenn man fraget nach dem Namen, wird man sagen: Hoch kam zu Ehren Stein und Erz in dessen Tagen. War auch so wohlgefugt des Landes Lust und Glück, Wie Stein und Erz, so ganz aus einem Guß und Stück? Er hat die Ewigkeit gesucht in Stein und Erzen Und nach dem Denkmal nicht gefragt in Menschenherzen. So sei auf ewig denn der Namen eingeschrieben In Stein und Erz, anstatt in Herzen, welche lieben. Vierte Stufe Schule 1. Ein rechter Lehrer ist, wer pilgernd alle Stätten Von Gangas Quellenmund hat bis ans Meer betreten; An jedem heil'gen Strom, der in die Ganga mündet, Hat im Gebet gekniet und sich im Bad entsündet! Und dann zur Einsamkeit den Duft zurückgebracht Von Gottes Gnadenfüll' und seiner Schöpfung Pracht. Und in der Einsamkeit das helle Bild entfaltet Von Gottes Herrlichkeit, die durch die Schöpfung waltet. Auf seines Mundes Wort mag wohl ein Schüler lauschen, Vereinigt hört' er dort die heil'gen Ströme rauschen. 2. Es ist ein heil'ger Brauch, im reinen Gartenraum Bei deines Sohns Geburt zu pflanzen einen Baum. So ähnlich ist der Trieb des Menschen und der Pflanze Und so verschieden auch, wie Blatt und Blatt am Kranze. Das zarte Reis kann nur durch Jahresgunst gedeihn, Und nur durch Himmelsgunst gedeiht ein Kind allein. Der Baum, gepflanzt, erwächst dir ohne weitre Müh'n: Nicht sonder Sorge wirst du sehn den Sohn erblühn. Wenn du ihn biegen willst, so biege fein den jungen; Das ist vom Baum sowohl wie von dem Sohn gesungen. Der Baum zu seiner Zeit trägt seine Frucht für dich; Dein Sohn trägt seine Frucht, wenn er sie trägt, für sich. Doch seine Frucht zu sehn, macht Freuden dich ersatten, Und einst zufrieden schläfst du ein in seinem Schatten. 3. Bedenke, daß ein Gott in deinem Leibe wohnt, Und vor Entweihung sei der Tempel stets verschont. Du kränkst den Gott in dir, wenn du den Lüsten frönest, Und mehr noch, wenn du in verkehrter Selbstqual stöhnest. Gott stieg herab, die Welt zu schaun mit deinen Augen; Ihm sollst du Opferduft mit reinen Sinnen saugen. Er ist, der in dir schaut und fühlt und denkt und spricht; Drum was du schaust, fühlst, denkst und sprichst, sei göttlich licht. 4. Mannhafte Poesie ist, was ich hier, o Sohn, Dir bringe, denn du hast die knabenhafte schon. Mannhafte Poesie, die Grundsatz und Gedanken Führt gegen Phantasie und Traumwerk in die Schranken: Das Kindermärchen aus der Vorzeit Ammenstuben Von Sängern, Königen, Rittern und Reitersbuben; Vorüber tanzte dir der bunte Spuk, worüber Du einst dich freutest, freu' dich nun, das ist vorüber. Nicht stehen bleiben sollst du mir beim Knabenhaften; Wer werden will ein Mann, darf nicht am Knaben haften. 5. O Seele, glaub' es nicht, was jene Denker sagen, Beim Denken müsse man sich des Gefühls entschlagen. Gefühl ein Hindernis sei auf des Denkers Spur, Und selbst das Schöne steh' im Licht dem Wahren nur. Streng sei vom reinen Thun des Geistes auszuschließen Der Sinn; als ob so Sinn und Geist sich trennen ließen! Ich weiß nicht, was sie so rein denkend vorgebracht, Ich aber habe stets gefühlt, was ich gedacht. 6. Wenn dich der Unmut plagt in deiner Einsamkeit, Trag' unter Menschen ihn und sei davon befreit. Du siehst, sie sind vergnügt, warum willst du dich grämen? O Schande, wenn sie dich an Lebensmut beschämen. Sie leiden und sind still, laß dir's zur Lehre dienen; Und klagen sie wie du, so tröste dich mit ihnen. Nicht nur von Starken fühlt der Schwache sich gestärkt, Er selber fühlt sich stark, wo er noch Schwächre merkt. 7. Das zu entwickeln, was Gott in den Keim gelegt, Ist des Erziehers Amt; wohl, wenn er's recht erwägt! Du kannst mit deinem Geist auf einen Geist einfließen, Um, wie den Pflanzenkeim die Sonn', ihn aufzuschließen. Das Licht entwickelt zwar nur, was im Keime lag, Doch ohne Licht wär's nicht gekommen an den Tag. So kannst du auch ins Herz, was drin nicht liegt, nicht legen, Doch je nachdem du es anregest, wird sich's regen. Nur ist ein wirklicher, der unentwickelt blieb, Bei weitem vorzuziehn falsch angeregtem Trieb. Denn Unentwickeltes kann später sich entfalten, Doch Falschentwickeltes steht fest in Mißgestalten. 8. Thu' recht und schreibe dir nicht als Verdienst es an, Denn deine Schuldigkeit allein hast du gethan. Thu's gern! Und wenn dir das nicht zum Verdienst gereicht, Gereicht dir's doch zur Lust, daß dir die Pflicht ward leicht. 9. Heil, wenn das Gute du aus freiem Triebe thust Und das Gesetz erfüllst, weil es ist deine Lust. Dann fühlest du allein nicht des Gesetzes Zwang, Wenn du's verwandelt hast in deines Herzens Drang. 10. Die Zukunft habet ihr, ihr habt das Vaterland, Ihr habt der Jugend Herz, Erzieher, in der Hand. Was ihr dem lockern Grund einpflanzt, wird Wurzel schlagen; Was ihr dem zarten Zweig einimpft, wird Früchte tragen. Bedenkt, daß sie zum Heil der Welt das werden sollen, Was wir geworden nicht und haben werden wollen. 11. Aufmerksamkeit, mein Sohn, ist, was ich dir empfehle: Bei dem, wobei du bist, zu sein mit ganzer Seele. Wenn du an andres denkst, als was dein Lehrer spricht, So hörst du dies nur halb, und in dir haftet's nicht. Du aber brauchst zum Glück an andres nicht zu denken Und kannst Aufmerksamkeit mir ungeteilte schenken. Das ist der Vorzug, den der Knabe hat vorm Mann, Der eignen Denkens sich nicht mehr entschlagen kann. Er hat bei allem, was er hört, so viel zu denken, Daß er kein voll Gehör kann dem Gehörten schenken. 12. Ereignisse sind nicht das Wichtigste am Leben, Wenn, ohne dir bewußt zu werden, sie entschweben. Was innerlich nur ward, wie klein es sei, ist wichtig: Was äußerlich dir blieb, das Größte selbst ist nichtig. Drum dränge nicht zu viel hinaus dich in den Braus, Laß aber unbemerkt vorbei nichts deinem Haus. Zieh' ein Ergebnis dir aus dem, was sich begab Bedeutendes, und frag' ihm die Bedeutung ab. Setz' ihm ein Denkmal, das dir zeig' in künft'gen Stunden, Daß der geschwundenen dir keine leer geschwunden. 13. Oft mahnt ein jäher Stoß den sorgenlosen Gleiter Auf glatter Lebensflut an Trümmerung und Scheiter. Du dank' ihm, daß er aus Gedankenlosigkeit Dich weckt, zu danken Gott für gnädiges Geleit; Für gnädiges Geleit zu danken und zu flehn, Daß weiter sanft gewiegt dein Schifflein möge gehn. 14. Willst du erquickenden traumlosen Schlaf genießen, Laß wach dich im Genuß nicht Mäßigkeit verdrießen. Und so im Leben auch sei mäßig, wenn begraben Du ruhn in Gott willst und nicht böse Träume haben. Sieh, welchen Lohn der Seel' hat Mäßigung beschieden! Im Wachen und im Schlaf, im Tod und Leben Frieden. 15. Sohn, aufrecht sei dein Gang und all dein Thun aufrichtig! Aufrechter Gang ist für den Menschen nicht unwichtig. Er ist, von Gott gewährt, die erste hehrste Gunst, Und ist, vom Kind gelernt, die erste schwerste Kunst; Die und die eng mit ihr verbundne Kunst der Rede Begründet und bedingt der andern Künste jede. Hoch halte sie, o Sohn, und mach' Gebrauch davon; Steh aufrecht, wo du stehst, nah' oder fern dem Thron. Vorm höchsten Throne selbst halt' aufrecht die Gedanken; Wen Gottes Gnade hält, den lässet sie nicht wanken. Steh wie ein frommer Knecht vor deinem Herrn aufrecht, Gegürtet, winkbereit, zur Arbeit, zum Gefecht. So geh, aufrechten Haupts, ohn' Hochmut auf der Erde; Aufrichtig sei dein Sinn, dein Wort und die Gebärde. Halt' aufrecht, wie dich selbst, das Recht, wo du vermagst; Richt' auf Erliegende und dich, so du erlagst. Die Sterne winken dir, zu ihnen aufzurichten Den Blick und deinen Gang nach ihrem Lauf zu richten. 16. Wer einem Freunde klagt, erleichtert sich das Herz, Und wer vor Gott ihn sagt, versöhnet seinen Schmerz. Doch wer mit sanftem Laut ihn dem Gesang vertraut, Ist auch davon zugleich getröstet und erbaut. O wunderbares Bild, o Kraft des Seelenlichts! Du siehest Herbes mild im Spiegel des Gedichts. Und wie sich in dem Schein erblickt die Schreckerscheinung, Wird selber sie zu Stein, die dir gedroht Versteinung. 17. Viel wichtiger, als was du hast gelernt, mein Sohn, Ist, was du hast gethan, und mehr hast du davon. Was du gelernet, mußt du fürchten, zu vergessen; Was du gethan, von selbst erinnerst du dich dessen. Es mag dich nun erfreun, es mag dich nun gereun, Von selber wird sich die Erinn'rung dir erneun. Einmal geschrieben, ist's nicht wieder auszustreichen, Und in des Lebens Buch steht es als ewiges Zeichen. Drum, was du schreibest, denk', ob du es immer sehn Vor Augen möchtest, nie es wünschen ungeschehn. Einmal geschrieben, ist's nicht wieder umzuschreiben; Und streichest du's auch aus, so wird der Strich doch bleiben. Und kratzest du es aus, so bleibet doch der Kratz, Und Neues läßt sich nie rein schreiben an dem Platz. 18. Der Mond am Himmel ist der Sonne beigegeben, Damit sie beid' ein Bild vorhalten unserm Leben. Der Mond bedeutet, daß im Wechsel alles treibt; Die Sonne deutet, was im Wechsel gleich sich bleibt. Am Monde tröste dich bei Glückes Unbestand Und um Beständigkeit blick' auf zum Sonnenrand. Nimm ab und zu an Lust, dem Mond gleich, in Geduld Und wie die Sonne sei unwandelbar voll Huld. 19. Begriffen hast du, doch damit ist's nicht gethan; Nun lern' es auch, dann erst gehört es ganz dir an. Es ist ein Unterschied, begriffen und gelernt; Beim ersten Schritt ist man noch weit vom Ziel entfernt. Doch, ist auf rechter Bahn der erste Schritt gethan, So kommt das Ziel von selbst, halt nur du Schritt nicht an! Das recht Begriffene ist leicht zu lernen nun; Doch lernen mußt du es, sonst kannst du nicht thun. 20. Wenn dir ein weises Wort zu denken und zu schreiben Sich darbot heute, laß es nicht bis morgen bleiben. Noch minder aber, wenn Gelegenheit zu thun Du hast ein gutes Werk, laß es auf morgen ruhn. Ein unterdrücktes Wort kommt wieder neugeboren, Die unterlassne That doch ist und bleibt verloren. Und geht verloren auch ein Wort, so ist's nicht viel; Denn nur die That ist Ernst und der Gedank' ein Spiel. Du aber, wenn dir Zeit und Ort und Kraft nicht bleiben Den Ernst zu thun, magst du mit Ernst dein Spielwerk treiben. 21. Du kannst, wenn etwa dir ein Großes ist gelungen, Die angestrengte Kraft ein Hohes hat erschwungen, Dir nicht deswegen nun nachgeben, auszuruhn, Dir nachsehn gar, dafür was Schlechteres zu thun. Dir auf legt jede Pflichterfüllung neues Joch, Zu leisten immer das und immer mehr nur noch. Nicht eigenmächtig kannst du dir den Freibrief schreiben, O Gottes Knecht, du mußt in deiner Knechtschaft bleiben. 22. Weltklugheit rät dir an: verachte keinen Mann! Du weißt nicht, wie er dir noch nützen, schaden kann. Die Liebe gibt dir ein: lieb' alles, groß und klein! Der höchsten Liebe wert wirst du dadurch allein. O sieh, den Streit der Welt versöhnt ein Gotteshauch! Wer Himmelsliebe hat, der hat Weltklugheit auch. 23. O seliges Gefühl, zu fühlen, daß du lebest, Empfangest Leben von der Welt und Leben gebest; Ein Glied des Leib's zu sein, der tausendfach sich gliedert, Wo Herrschen nicht erhöht und Dienen nicht erniedert. Denn alles ist Gefäß, das immer feiner seigert, Wodurch sich Nahrungssaft zum Nervengeiste steigert. Die Stell', an die du bist gestellt, bestelle du, O Werkzeug im Gewerk des Lebens wirke zu! Und fühle, daß du nicht entäußernd dich verlierst, Daß du die Welt aus dir, dich aus der Welt gebierst. Du ziehest sie in dich, um sie dir anzugleichen, Und gehst in sie, um aufzudrücken ihr dein Zeichen. Ein Pünktchen und zugleich ein Mittelpunkt, ein Ich; So unterordne dir und unterordne dich! 24. Wenn du nach Ehre strebst, die dir die Welt soll geben, So mußt du, statt dir selbst, ihr zu Gefallen leben. Nicht leben in der That, nur leben auf den Schein; Nicht, was du selber willst, was sie will, mußt du sein. Wenn du nach Reichtum strebst, nach welchem alle streben, Mußt du darum in Kampf mit allen dich begeben; Was andre haben, mußt du dir verloren achten, Und was du haben willst, zu rauben ihnen trachten. Und wenn du gar zugleich geehrt willst sein und reich, So mußt du sein der Welt ein Freund und Feind zugleich; Mußt stehlen ihren Schatz und stehlen ihre Gunst; Das ist die mißlichste und undankbarste Kunst. Drum rat' ich: Laß die Welt, wen sie will ehren, ehren, Und ihren Sold, wer ihn begehren will, begehren. Sich selbst in Ehren und sich selber reich zu halten, Ist Mannes Würd' und Kraft, derselben sollst du walten. 25. Wenn dir aus einem Buch, das heilig du benennst, Und wenn aus einem Spruch, den du für weis' erkennst, Aus einem Lehrermund mehr Wahrheit dir wird kund, Als offenbaret selbst dir ist im Herzensgrund; So magst du mit Vertrau'n auf die Belehrung baun Und, eigner Einsicht blind, in die Erleuchtung schaun. Du bist entschuldigt, doch mußt du entschuldigen Auch die dem Geist mehr als Buchstaben huldigen. 26. Den Spruch: »Erkenne dich!« sollst du nicht übertreiben; Laß immer unbekannt dir in dir etwas bleiben. Den Grund, aus welchem quillt dein Dasein, mußt du fühlen; Zerstören wirst du ihn, wenn du ihn auf willst wühlen. Die reine Quelle wir, frech aufgewühlt, ein Sumpf; Nicht wer sich nicht erkennt, wer sich nicht fühlt, ist dumpf. 27. Wo mit der Dumpfheit sich die Wissenschaft verbündet, Wird Unerfreuliches kunstmäßig fest gegründet. Und eh'r nicht wieder wird der Zwingbau eingerissen, Bis gegen Knechtisches aufsteht ein freies Wissen. Dann wächst der Freiheit Haus selbst aus der Knechtschaft Trümmern Für alle, die zuvor im Kerker nicht verkümmern. 28. Halt' aufrecht, lieber Sohn, den Wuchs und deinen Geist, Daß du von gradem Sinn und graden Gliedern sei'st. Die falsche Demut senkt, die Tücke senkt ihr Haupt; Dem freien Mut hat Gott empor zu schaun erlaubt. Bedenke, wessen Sohn du bist, richt' auf im Adel Des Selbstgefühles dich und fürchte keinen Tadel. Den Tadel hast du nur zu fürchten, wenn du weichst Dem Vater einst am Wert, dem du am Bilde gleichst. 29. Wird doch nicht übers Kind der Vater ungeduldig, Das in der Arbeit ihn stört durch sein Spiel unschuldig. Es klinkt die Thüren auf und zu, kommt, um zu gehn, Geht, um zu kommen, läßt kein Ding am Flecke stehn, Schiebt hier am Stuhl, zerrt da am Buch, ruckt dort am Tisch, Und die Schreibfeder selbst macht es zum Flederwisch. Der Vater, statt mit Macht zu wehren, droht und lacht, Die Störung freut ihn, die ihm Unterhaltung macht. Die Welt ist auch ein Kind und will ihr Spielwerk treiben; Wenn sie dich störet, mußt du sein geduldig bleiben, Was schadet's, läßt sie dich ein wenig wen'ger schreiben! Friedrich Rückert Die Weisheit des Brahmanen Fünfte Stufe Leben 1. Erhab'nes, findet es erhab'ne Stimmung nicht, Erscheinet lächerlich im Leben, im Gedicht. 2. Bescheiden wollt' ich sein, säh' ich mich vollgeehrt, Stolz muß ich sein, solang' ihr leugnet meinen Wert. 3. Der Siegelring wird nicht in harten Stein sich drücken; Herz, werde weiches Wachs, soll Gottes Bild dich schmücken. 4. Wo es drei Heller thun, da wende vier nicht an, Und nicht zwei Worte, wo's mit einem ist gethan. 5. Wer zwingen will die Zeit, den wird sie selber zwingen; Wer sie gewähren läßt, dem wird sie Rosen bringen. 6. Du mußt auf Freundes Lieb' als wie auf Gottes trauen, Sie fühlen innerlich, wo sie nicht ist zu schauen. 7. Laß keinen, was er nicht kann halten, dir versprechen! Was nützt es dir, wenn du ihn zwingst, den Eid zu brechen? 8. Gar vieles lernt man, um es wieder zu vergessen; Um an dem Ziel zu stehn, muß man die Bahn durchmessen. 9. Man kann nicht immer, was man will; der ist mein Mann, Der sich bescheidet das zu wollen, was er kann. 10. In einer guten Eh' ist wohl das Haupt der Mann, Jedoch das Herz das Weib, das er nicht missen kann. 11. Die Nachtigall ist nicht zum Seh'n, ist nur zum Hören; Den Dichter kennen, wird nur im Gedicht dich stören. 12. Umsonst ist jedes Werk, das du hervorgebracht, Wenn du dich selber nicht zum Kunstwerk hast gemacht. 13. Als Ros' ist nie so schön geworden, wie zu werden Als Knospe mir versprach ein Wunsch, ein Glück auf Erden. 14. Zu denken ist wohl schön, noch schöner ist zu dichten, Am schönsten beides miteinander zu verrichten. 15. Am Walde hätte nicht die Axt so leichtes Spiel, Hätt' ihr der Wald nicht selbst geliefert ihren Stiel. 16. Wenn du für kleinre Gab' undankbar bist erschienen, Womit denn hoffest du die größre zu verdienen? 17. Dem sind am wenigsten die Mängel zu verzeihn, Der, wenn er wollte nur, vollkommen könnte sein. 18. Die Menschen sind zu klug, um irgendwen zu loben, Eh' von was Gutem sie an ihm gesehn die Proben. 19. Du klagst, daß mancher dir gelohnt mit Undank hab', Und bist du dankbar Gott für alles, was er gab? 20. Ich lobe mir den Mann, der das, was er nicht kann, Nicht unternimmt, und das vollbringt, was er begann. 21. Dem Manne steht, o Sohn, Mannhaftigkeit wohl an, Dem Menschen Menschlichkeit; du werd' ein Mensch und Mann! 22. Wenn Gott dich schlagen will, so braucht er nicht die Hand; Er nimmt dir, daß du selbst dich schlagest, den Verstand. 23. O brich den Faden nicht der Freundschaft rasch entzwei! Wird er auch neu geknüpft, ein Knoten bleibt dabei. 24. Ich hatte Zähne sonst, da hatt' ich Brocken nicht; Den Brocken hab' ich nun, da mir der Zahn gebricht. 25. Das Wort des Mannes ist von seiner Seel' ein Teil; So wenig ist sein Wort als seine Seele feil. 26. Das Leben ist ein Feu'r, die Luft muß es erquicken; Sobald die Luft ihm fehlt, wird es in sich ersticken. 27. Thu's, willst du Gutes thun, und frage kein Orakel; Des edlen Mannes Herz ist Gottes Tabernakel. 28. Im Blick des Bettlers ist die Bitte vorgetragen; Verstehst du nicht den Blick, was soll der Mund dir sagen? 29. Gemüt ist mehr als Geist, denn das Gemüt besteht Als Wurzel, wenn der Geist wie Blütenduft vergeht. 30. Zum Weinen muß das Herz sich auch mit Lust aufschließen; Solang's der Schmerz verschließt, kann nicht die Thräne fließen. 31. Dein eignes Leben selbst ist länger nicht dein eigen, Sobald dein Herz du fühlst zu einem andern neigen. 32. Spricht Unvernunft, was hilft's, daß da Vernunft sich zeige? Wer unvernünftig nicht mitsprechen will, der schweige. 33. So möcht' ich leben, daß ich hätte, wenn ich scheide, Gelebet mir zur Lust und andern nicht zu Leide. 34. Das Wort hat Zauberkraft, es bringt hervor die Sache; Drum hüte dich, und nie ein Böses namhaft mache. 35. Bescheidenheit, ein Schmuck des Manns, steht jedem fein, Doch doppelt jenem, der Grund hätte, stolz zu sein. 36. Was ist an Fluren schön? was schön ist auch am Leben: Beschränkung reizende und Aussicht zum Erheben. 37. Not ist die Wage, die des Freundes Wert erklärt, Not ist der Prüfstein auch von deinem eignen Wert. 38. Der Berg, der sich im Licht ewig zu sonnen glaubt, Die Schatten wachsen doch ihm abends übers Haupt. 39. Du mußt nicht auf den Leib zu nah' den Bergen gehn, Sie sind im Duft der Fern' am schönsten anzusehn. Sechste Stufe Prüfung 1. Ein König ward gefragt, was ihm das Liebste sei An der erlangten Macht? Er sagte: »Zweierlei: Daß ich mit Wohlthat nun die, so mein Wohl berieten, Und meine Feinde kann mit Großmut überbieten.« 2. Ein weiser Mann, der sich den Bart lang wachsen lassen, Gefragt, warum er's that? sprach: »Mich daran zu fassen, Zu fühlen dran, daß ich kein Weib sei und kein Kind, Und Dinge nicht zu thun, die nur für beide sind.« 3. Das Schöne stammet her vom Schonen, es ist zart Und will behandelt sein wie Blumen edler Art; Wie Blumen vor dem Frost und rauher Stürme Drohen Will es geschonet sein, verschont von allem Rohen. 4. Daß unerreichbar hoch das Vorbild alles Guten Und Schönen ob dir steht, das sollte dich entmuten? Ermuten sollt' es dich, ihm ewig nachzustreben; Es steht so hoch, um dich stets höher zu erheben, 5. Wär' es mit einem dir mißlungen oder zweien, Du könntest sagen, daß sie schuld am Zwiespalt seien. Da es mit mehreren, mit allen dir mißlingt, Wie kannst du zweifeln, daß die Schuld aus dir entspringt? 6. Der preise sein Geschick, wer irgend hat zu klagen; Erleichtert fühle sich, wer Schweres hat zu tragen. Denn alle sind wir hier zu Zins und Zoll verpflichtet Dem Unglück; glücklich ist, wer ihn schon hat entrichtet. 7. Der Welt soll man vertraun, auf sie nicht sich verlassen, Hab' auf dich selbst Vertrau'n, wo andre dich verlassen. Und wo dein Selbstvertrau'n wie das auf Menschen bricht, Da hab' auf Gott Vertrau'n, nur er verläßt dich nicht. 8. Die Fehler, die zu tief dir waren angeprägt, Sie plagen dich noch lang', wann du sie abgelegt. Zum Vorschein kommen sie an deinen Kindern wieder, Und durch Erziehung kämpfst du sie noch einmal nieder. 9. Ich lehre dich, daß du auf keinen Lehrer bauest, Auf eignen Füßen stehst, mit eignen Augen schauest. Und wie du keinem traust, so traue mir auch nicht, Und dieses sei der Lohn für meinen Unterricht. 10. Sei dankbar für das Glück, das dir der Herr bestimmt Und gib es gern zurück, wenn er es wieder nimmt. Es ist kein Gut so groß, er hat noch größres eben Und nimmt dir eines bloß, um andres dir zu geben. 11. O Seele, sündigst du und denkst, Gott sieht dich nicht; Wie ist die Blindheit groß, wie klein der Einsicht Licht! Und sündigst du und weißt, daß es sein Blick vernahm, Wie ist die Frechheit groß, wie klein ist deine Scham? 12. Willst du dem Irrenden klar seinen Irrtum machen, So sieh, von welcher Seit' er angesehn die Sachen. Räum' ein, die Sache sei von dieser Seite wahr, Und mach' ihm nebenbei die andern Seiten klar. 13. Du mußt nach oben schaun, zu sehn, wieviel noch Stufen Des Bessern übrig sind, wozu du bist berufen. Du mußt nach unten schaun, um auch zu sehn zufrieden, Wieviel dir Bessres schon als andern ist beschieden. 14. Wer selber zweifelt, kann nicht fremde Zweifel heben, Und Überzeugung nur kann Überzeugung geben. Wenn du der Lehre nicht willst allen Nachdruck rauben, Mußt du, zum wenigsten solang' du lehrst, dran glauben. 15. Mit Kindern brauchst du nicht dich kindisch zu gebärden; Wie sollen sie, wenn du ein Kind bist, Männer werden? Als wie der Mann das Kind, liebt auch das Kind den Mann; Nur der erzieht's, wer es zu sich heraufziehn kann. 16. Du wünschtest wohl ein Stück der Erde dein zu nennen; Von deinem liebsten Wunsch, o Herz, mußt du dich trennen. Er war ein irdischer; und von der Erde gab Zum dauernden Besitz dein Los dir nur ein Grab. 17. Der Mensch soll alles, nur sich selber nicht, aufgeben; Die Menschheit ist das Selbst, das soll im Menschen leben. Aufgeben sollst du nur das Selbst, das du nicht bist, Nicht jenes, das in dir die Menschheit selber ist. 18. Die Wesen unter sich sind stets im Widerstreit, Das Leben, eins in Gott, ist außer ihm entzweit. In Gott sind wir geeint und außer ihm geschieden; Ohn' ihn ist ew'ger Krieg und durch ihn ew'ger Frieden. 19. Befreie deinen Geist! Dies ist dein höchster Hort, Doch wenn du ihn befreist, denk' an des Meisters Wort, Dies Wort: Verderblich ist, was deinen Geist befreit Und nicht zu gleicher Frist Selbstherrschaft dir verleiht. 20. Es ist ein wahres Wort: Wer glaubt, er wird betrogen; Wer aber keinem glaubt, hat sich noch mehr entzogen. Wenn niemand ihn betrügt, wenn niemand ihn beraubt; Wie elend, wer sich stets beraubt, betrogen glaubt! 21. Wenn du mich fragst: auf wen darf ich in Treuen baun? Ich sage dir: »Auf die, die selber andern traun.« Und fragst du aber, wem zu traun dir nicht gebührt? Nur dem nicht, der im Mund stets Treu' und Glauben führt. 22. Ihr habt euch nun einmal verliebt ins Häßliche, Und zur Bewunderung braucht ihr das Gräßliche. Ich aber will mit Gott das Schöne lieb behalten Und siegreich seinen Glanz auch noch der Welt entfalten. 23. Vorgestern Hoffnungen, in Knospen eingeschlossen; Und gestern Blütenfüll', in Duft und Glanz ergossen; Am Boden liegen welk die Rosenblätter heut: Das ist dein Glück, o Welt, und was ein Herz erfreut! 24. Kein Irrtum, hinter dem nicht eine Wahrheit steht, Kein Schatten, der nicht aus von einem Lichte geht. Und wie der Schatten selbst dich wird zum Lichte leiten, So auf des Irrtums Spur magst du zur Wahrheit schreiten. 25. Des Berges Haupt ist kahl, doch fruchtbar ist sein Fuß; Der Bach war oben schmal, breit unten ist der Fluß. Des tröste dich, wenn du dich senken mußt, statt heben; Je mehr es abwärts geht, je reicher wird das Leben. 26. Wenn immer Aussicht wär' auf malerische Höh'n, Sähst du, o Wandrer, nie die Blum' am Wege schön. Wo Großes vor dir steht, da mußt du es betrachten; Und wo das Große fehlt, lernst du auf Kleines achten. 27. Versäume kein Gebet, doch das der Morgenröte Versäume nie, weil keins dir gleichen Segen böte. Die Engel von der Nacht, die Engel von dem Tag, Umschweben dies Gebet mit gleichem Flügelschlag. 28. Du mußt dich der Natur mit einem Schwung entschwingen Und der Geschichten Flur mit einem Sprung entspringen. Weißt du, worin Natur sich und Geschichte ründen? Im Gottgefühle nur, das lern' in dir ergründen. 29. Wer zweien Herren muß zugleich sein unterthan, Dem geht es schief, als wie dem Mond auf seiner Bahn; Der, von der Erde hier, der Sonne dort gezogen, Beschreibt am Himmelskreis so unstet seinen Bogen. 30. Von Aberglauben ist Unglauben stets begleitet, Und Aberglauben hat zum Glauben oft geleitet. So im Unglauben ist der Glaube schon enthalten; Durch Gottes Kraft geweckt, wird er sich draus entfalten. 31. Weh dir, o Poesie, in dieser Zeit Gedränge! Du bist nicht ernst genug der ernst gelehrten Menge; Zu ernst der leichten Welt, die Unterhaltung sucht; So nimmt Gelehrt und Ungelehrt vor dir die Flucht. 32. Was nicht von Gott hebt an und sich zu Gott hin wendet, Ist um und an mißthan, mißangefahn, mißendet. Den Schein, etwas zu sein, mag's haben eine Frist; Bald wird es offenbar, daß nichts es war und ist. 33. Nicht im Gedanken laß die Wirklichkeit verschweben! Der Himmel ist nicht da, die Erde aufzuheben. Doch, wo hier Dunkel ist, laß Licht von dorther glänzen! Der Himmel ist nur da, die Erde zu ergänzen. 34. Nicht leicht vergeht ein Tag, an dem nicht was geschah, Das herzlich mich erfreut, wenn ich es recht besah. Wenn einer doch verging, an dem mir nichts des neuen Erfreulichen geschehn, da muß mich altes freuen. 35. Noch immer fand ich, wann ich ging auf neuen Wegen, Daß mir die Förderung von selber kam entgegen, Ein Fingerzeig, den mir am Orte, wo es not, Ein Fremder ungesucht und unerwartet bot. 36. Falsch, lieblos ist die Welt; doch welches Herz vom Glauben Der Liebe lebt, läßt ihn sich von der Welt nicht rauben. Das Gute, was du an Unwürdigen gethan, Sei nur getrost! Gott schreibt auch das für gut dir an. Siebente Stufe Erkenntnis 1. Wenn es dir übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du es übel nimmst, so geht es dir noch schlimmer. Und wenn der Freund dich kränkt, verzeih's ihm und versteh: Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst thät' er dir nicht weh. Und kränkt die Liebe dich, sei dir's zur Lieb' ein Sporn; Daß du die Rose hast, das merkst du erst am Dorn. 2. Sich selber anzuschaun, der Schöpferkraft bewußt, Erschuf Gott die Natur, den Spiegel seiner Lust. Im Anblick der Natur, wenn du dich fühlst erbaut, Da hast du ihn belauscht, der in den Spiegel schaut. 3. Wie der Genesene ganz der Gesundheit Glück Empfindet, wenn er an die Krankheit denkt zurück; Des ungehemmten Stroms der Lebensfülle froh, Wenn er der Hemmung nun, er hofft auf stets, entfloh: So auch, wer voriger Verirrungen gedenkt, Aus denen Gott ihn hat zur rechten Bahn gelenkt; Er mag die rechte Bahn mit rechter Freude wallen, Kraft fühlend und Entschluß, nie mehr zurück zu fallen. Doch wie ein Nachgefühl der Krankheit den Gesunden Oft leise mahnt, und, kaum sich meldend, ist geschwunden; So den, der voriger Verirrung auch gedenkt, Nur daß dies Nachgefühl von Krankheit stärker kränkt. Denn einen Unterschied in dem, was wir erduldet, Macht immer, ob es war ver- oder unverschuldet. 4. Es hat Natur dem Mann dazu das Weib beschieden, Damit der Geist gestellt sei durch den Leib zufrieden. Der Geist, wenn er den Zoll der Sinnenwelt gegeben, In seine Reiche soll er ungehindert schweben. Wenn er im Innern nun des Lebens Früchte zeitigt, Hat sie die Störungen von außen ihm beseitigt. Und was er so vollbringt, das hat sie mit vollbracht, Weil sie für ihn gelebt, weil er für sie gedacht. Fragt ihr, in welcher Schul' ich, was ich lehre, lernte? Mein Liebesfrühling trägt nun seine Weisheitsernte. 5. Du klagest, daß die Welt so unvollkommen ist, Und fragst, warum? Weil du so unvollkommen bist. Wenn du vollkommen wärst, wär' auch die Welt vollkommen, Die Unvollkommenheit wär' ihr von dir genommen. Sie will Vollkommenheit nur mit dir selbst empfahn, Und du bist noch so weit zurück auf dieser Bahn. Dank ihr, daß sie mit dir will halten gleichen Schritt, Und spute dich, daß sie auch vorwärts kommt damit! 6. Sechs Wörtchen nehmen mich in Anspruch jeden Tag: Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag. Ich soll, ist das Gesetz, von Gott ins Herz geschrieben, Das Ziel, nach welchem ich bin von mir selbst getrieben. Ich muß, das ist die Schrank', in welcher mich die Welt Von einer, die Natur von andrer Seite hält. Ich kann, das ist das Maß der mir verlieh'nen Kraft, Der That, der Fertigkeit, der Kunst und Wissenschaft. Ich will, die höchste Kron' ist dieses, die mich schmückt, Der Freiheit Siegel, das mein Geist sich aufgedrückt. Ich darf, das ist zugleich die Inschrift bei dem Siegel, Beim aufgethanen Thor der Freiheit auch ein Riegel. Ich mag, das endlich ist, was zwischen allen schwimmt, Ein Unbestimmtes, das der Augenblick bestimmt. Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag, Die sechse nehmen mich in Anspruch jeden Tag. Nur wenn du stets mich lehrst, weiß ich, was jeden Tag Ich soll, ich muß, ich kann, ich will, ich darf, ich mag. 7. Nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt, Und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt. Und du auch stehst nie still, der gleiche bist du nimmer, Und wer nicht besser wird, ist schon geworden schlimmer. Wer einen Tag der Welt nicht nutzt, hat ihr geschadet, Weil er versäumt, wozu ihn Gott mit Kraft begnadet. 8. So hilflos zu der Welt wird nie ein Tier geboren Als wie der Mensch, der sich so hoch fühlt auserkoren. Warum? Es hat Natur dadurch uns sagen wollen, Daß wir uns selber und einander helfen sollen. Die Mutter hilft zuerst dem Kind, der Vater dann; Dann hilft es ihnen, und sich selber hilft der Mann. 9. Wer sich als Menschen fühlt und tief in sich empfindet, Daß mit der Menschheit ihn die Menschlichkeit verbindet, Der wird nicht wollen, wird nicht können auch, die Leiden Und Freuden des Geschlechts von seinen eignen scheiden. Wes irgend einer vom Geschlecht sich freut' und litt, Mitfreuen wird es ihn und leiden wird er's mit. Doch Freud' ist Geistesthat, zur Freud' ist er berufen: Ein Thor nur glaubt, daß ihn zum Leiden Götter schufen. Vernunft will freie That; wer ihre Stimme hört, Räumt freudig weg, was ihm Freiheit und Freude stört, Räumt weg die Leidenschaft und mit ihr seine Leiden; Wird er nun auch darum den Anblick fremder meiden? Ja, wenn er, dumpf genug, nicht fühlt, was er nicht sieht, Auch der Vorstellung mit dem Anblick sich entzieht. Viel lieber kämpfen wird er mit des Geistes Waffen, Vom Leiden frei wie sich auch andere zu schaffen. Hat er in sich bekriegt das Leid und es besiegt, Daß überwunden es zum Fuß der Freude liegt; So wird er ihren Krieg auch andern helfen kriegen, Daß sie, von seinem Sieg gestärkt, sich selbst besiegen. Nicht weil er fühlt, daß er's in sich allein vollbracht, Wird er die Schwächeren verlassen in der Schlacht. Wes er sich selb schämt, wird er sich für sie nicht schämen, Mit Freuden wird er teil an fremden Leiden nehmen. Ob er den Gipfel auch der Göttlichkeit erstiegen, Wo Erdendunstgewölk' in Ätherduft verfliegen; Um wieviel mehr, wenn er sich sagen muß, er sei Noch selbst von Leiden nicht und Leidenschaften frei. 10. Auch mir will oft das Haupt der Greisenwahn umdüstern, Von alter bessrer Zeit und neuer schlechtrer flüstern. Doch gleich danieder schlägt den Wahn und die Verachtung Der Gegenwart zerstreut die doppelte Betrachtung: Daß ich doch schlechter nicht geworden, als gewesen, Ja besser, als es war zu hoffen, bin genesen; Und daß nun andre nicht sind schlechter, als ich war, Und können darum noch viel besser werden gar. 11. Nicht eine Stimme nur in dir warnt dich vorm Bösen, Die du, wie leise, hörst trotz lautesten Getösen; Dieselbe Stimme mahnt dich auch zum Guten an, Die Zügel ist zugleich und Sporn auf deiner Bahn. Nicht das Gesetz nur spricht in dir, das du gebrochen; Dasselbe hat in dem, der nie es brach, gesprochen, Du fühlst, daß dies Gesetz Gott selber in dir sei; Und daß du ihm gehorchst, das macht von ihm dich frei. Wie ein gelehrig Roß nicht Zügel fühlt noch Sporn; Das widerspenst'ge nur fühlt seines Meisters Zorn. 12. Vollendet wird hier nichts, nichts aber kann gelangen Dort zur Vollendung, was nicht hier ward angefangen. 13. Leicht ist's, mit der Natur im Einklang dich empfinden, Wenn sie im wonn'gen Schoß dich wiegt mit weichen Winden; Doch anders, wenn sie an dich haucht mit eis'gem Sturm, Und schaudernd du vor ihr dich krümmest wie ein Wurm. Dann fühlest du, daß sie das Leben nicht allein, Der Tod auch ist und ihr gleichgültig Herz und Stein. Dann danke Gott, der dich nicht gab in ihre Macht, Und nimm dich künftig auch vor ihrer Huld in acht. 14. Zwölf Jahre war ich alt, da hatt' ich ohne Fleiß Fast alles und noch mehr gelernt, als ich nun weiß. Ich hatte schon die Frucht, wovon den Ruhm nun haben Manch andre, die zuerst ans Licht der Welt sie gaben. Und rühm' ich dessen mich? Ich rühme nur die Zeit, Durch deren neuen Trieb das Neu' allein gedeiht. Gedanken kommen wie des Frühlings goldner Duft, Sie sind nicht mein noch dein, sie schwimmen in der Luft. Sei dankbar, daß die Welt so reich dir dargeboten Des besten Wissens Schatz von Lebenden und Toten. Du hast ihn nicht gesucht, du hast ihn nur gefunden; Nun spend' ihn liebend aus und sei der Welt verbunden. 15. Wie fern der Wirklichkeit, wie fern der Ahnung liegt Der Unschuld Friedenswelt, wonach die Sehnsucht fliegt! Wo mit dem Äußern nicht im Streit das Inn're war, Dem Geiste klar die Welt, und er sich selber klar. Wo rein im Wunschgenuß war Wunschbefriedigung, Von Erdenschwere nicht behindert Himmelschwung. Wir wünschen, Kindern gleich, nun Fest um Fest heran; Und wie es ist erreicht, so ist es abgethan. In nächster Zukunft scheint das goldne Glück zu liegen, Und wird sie Gegenwart, so sehn wir's weiter fliegen. Dein ganzes Leben ist verfallen dem Geschick, Gewinnen mußt du's neu in jedem Augenblick. Aus jedem Plätzchen läßt ein Paradies sich machen, Und neugeschaffen fühlt sich täglich dein Erwachen. Und neugeboren schläft die Welt in jedem Kinde, Ihr Alter fühlt sich jung in jedem Frühlingswinde. Das alles ist ein Hauch, ein Schatten und ein Traum, Doch kann das Ewige nicht anders stehn im Raum. 16. Das höchste Liebeswerk, das Menschen ist verliehn Zu thun, ist, andere zur höchsten Liebe ziehn. 17. Du wärest gerne reich, umhäuft von Überfluß, Und gern auch arm zugleich, zufrieden im Genuß. Du wärest gern berühmt, von aller Welt genannt, Und gern auch ungestört, von niemand gar gekannt. Du hättest gern zugleich den Himmel und die Erde; Ich fürchte, daß dir so von beiden keines werde. 18. In langem Umgang kann vermeiden ganz kein Mann, Zu kränken und gekränkt zu werden dann und wann. Wer aber weis' ist, sucht des Freunds Entschuldigung In sich, und wer da sucht, der findet bald genung, Sieht, ob er kann verzeihn mit Ehren und Gewissen, Und will um Eitelkeit ein Menschenherz nicht missen. 19. Wenn dein Gemüt ist frisch vom Tau der Nacht befeuchtet Und deine Seele klar vom Morgenglanz durchleuchtet, So schwinge mit Vertrau'n in Andacht dich empor Und trage dein Gebet dem Herrn der Schöpfung vor! Ein Vaterauge schaut, es hört ein Vaterohr; Ihm trage dein Gebet mit aller Schöpfung vor! Zum Himmel aufwärts blickt und ruft der Wesen Chor: Nun trage dein Gebet mit Blick und Worten vor! Den Wünschen aufgethan ist der Erhörung Thor; O trage dein Gebet in frommen Wünschen vor! 20. Du hast, vom Glück belehnt, ein schönes Fleckchen Erde; Genieß es recht, daß dir's ein Stückchen Himmel werde. Ich wünsche dir nicht ganz ein sorgenfreies Los, Nur gegen den Genuß die Sorge nicht zu groß. Ein wenig Salz ist gut, auch Pfeffer, am Gericht, Nur übersalzen sei's und überpfeffert nicht. 21. Was ist die Tugend? Schrank' und Maß der Menschenkraft; Drum Menschentugend ist gleich Menschen mangelhaft. Und manches, was für uns hier Tugend ist auf Erden, Wird keine sein, wenn wir einst mehr als Menschen werden. So ist's auch nicht für die, die mehr als Menschen sind, Doch rechnen sie dir's an als Tugend, Menschenkind! 22. Leb' in der Gegenwart! Zu leer ist und zu weit Der Zukunft Haus, zu groß das der Vergangenheit. In beiden weißt du nicht den Hausrat einzurichten Der ungescheh'nen und geschehenen Geschichten. Doch daß die Gegenwart nicht eng dir sei und klein, Zieh die Vergangenheit und Zukunft mit herein. Die beiden mögen dir erfüllen und erweitern Die Wohnung und mit Glanz die dunkle schön erheitern. 23. Aus Felsen springt der Quell, und Freiheit will ihm ahnen, Das Schicksal reißt ihn schnell auf ungewählte Bahnen. Er möchte dort hinab, doch er muß da hinunter; Er schlingt und schlängelt sich und spielt mit Kieseln munter. Er sammelt sich zum See, doch seine Lust ist kurz; Er muß aus weichem Bett zum jähen Wassersturz. Da meint er zu versprühn, doch kurz ist auch die Qual, Er schnaufet aus und fließt, ein stiller Fluß, im Thal. O Wandersmann am Quell, so wechselt Leid und Glück; Das Leben rinnet schnell und kehret nie zurück. 24. In der natürlichen Religion geboren Wird jeder Mensch, und nie geht sie ihm ganz verloren. Ihm angezogen wird ein äuß'res Glaubentum, Das nimmt im Leben er wie einen Mantel um. Er trag' es, weil er lebt; im Tode legt er's ab, Da bleibt der Glauben ihm, den Gott ihm selber gab. 25. Wer nur das Kleinste thut, was recht ihm dünkt und gut, Wird finden, daß ihm gut davon der Nachschmack thut, Du brauchst, was dir gelang, so hoch nicht anzuschlagen, Um doch ein freudiges Bewußtsein mitzutragen. Vor dem, was droben ich soll thun, ist eitel Tand, Was ich hienieden that, doch ist's ein Liebespfand, Das ich beim Abschied froh lass' in der Nachwelt Hand. Achte Stufe Weltseele 1. Ein Wunder ist die Welt, das nie wird ausgewundert, Das niederschlägt den Geist und wieder ihn ermuntert. Daniederschlägt den Geist vorm ew'gen Stoff ein Bangen, Und stets ermuntert's ihn, den Kampf neu anzufangen. Ob du benennen willst das Viele, Einzle, Kleine? Ob du erkennen willst das Große, Ganze, Eine? Unendlichkeit ist dort und hier Unendlichkeit, Und mit den beiden wagst du Endlicher den Streit. Eh' du am Boden ganz ein Gras hast durchbetrachtet, Ging eine Welt voll Glanz vorbei dir unbeachtet. Und eh' du Zweig und Blatt gezählt am Sternenbaum, Blüht ungenossen ab ein Erdenfrühlingstraum. Getrost! zwar du nicht bist, doch Gott ist überall; Du siehst das ganze Licht in jedem Farbenstrahl. Und alles ist dem Geist ein würd'ges Element, Was schürt die Andachtsglut, in der die Schöpfung brennt. 2. Der Mond am Himmel ist nicht schön im leeren Raum, Der Mondschein lieblich nicht auf Fluren ohne Baum. Entweder muß sein Glanz aus lichten Wolken steigen, Oder gebrochen sanft erscheinen zwischen Zweigen. So nimmt die Schönheit selbst bald einen Schleier vor, Bald schauet man zu ihr durch einen auch empor. 3. Den Rosenzweig benagt ein Lämmchen auf der Weide, Es thut's nur sich zur Lust, es thut's nicht ihm zuleide. Dafür hat Rosendorn dem Lämmchen abgezwackt Ein Fleckchen Wolle nur, es ward davon nicht nackt. Das Flöckchen hielt der Dorn in scharfen Fingern fest; Da kam die Nachtigall und wollte baun ihr Nest. Sie sprach: Thu' auf die Hand und gib das Flöckchen mir, Und ist mein Nest gebaut, sing' ich zum Danke dir. Er gab, sie nahm und baut', und als sie nun gesungen, Da ist am Rosendorn vor Lust die Ros' entsprungen. 4. Aus vier Grundstoffen ist gemischt die Körperwelt, Die als Grundstimmungen dein Inn'res auch enthält. Der Zorn ist eine Glut, dem heißen Feuer gleich, Die Traurigkeit wie Flut des Wassers feucht und weich. Die Lust ist wie die Luft, leicht, licht und wandelreich, Die Furcht wie Erdengruft, schwer, dumpf und totenbleich. Laß deines Zornes Glut nie werden wilde Wut; Sie sei ein steter Mut im Kampf fürs höchste Gut. Den Glutmut dämpfe dir die Traurigkeit zur Demut; Schwimm, und verschwimm nur nicht, in Sehnsucht und in Wehmut; Im Weh ist eine Wonn' und in der Lust ein Leid; Die reinste Lebenslust ist Liebe ohne Neid. Aus Furcht kommt Neid und Geiz und aller Selbstsucht Pein; In deinem Herzen sei nur Gottesfurcht allein. 5. Vor allen Tieren, die dem Menschen ähnlich scheinen, Hat dies der Mensch voraus, zu lächeln und zu weinen. Durch Lächeln suchet er und Weinen übers Tier Hinüber, o Natur, den Weg zurück zu dir. Denn deine Blume auch, sie lächelt und sie weint, Wenn sie dein Tau benetzt, wenn sie dein Licht bescheint. Dein Weinen das Gewölk, dein Lächeln ist die Sonne, Dein Lächelweinen ist wie unsre Wehmutswonne. Du, weil wir weinen, weinst: wir lächeln, weil du lachst; Wir machen vor und nach dir alles, wie du's machst. 6. Wir bringen unsern Preis der Morgensonne dar, Die hell die Schöpfung macht und unsre Seele klar. Vor ihrer Ankunft geht der Morgenwind als Bote, Und ihres Einzugs Fahn' erscheint im Morgenrote. Ein Schauer meldet sie; und nun erscheint sie gleich Und nimmt mit einem Blick Besitz von ihrem Reich. Den Nebelschleier hebt sie von den Berggestalten Und drängt den Rest der Nacht zurück in Thälerfalten. Sie füllt mit Glanz das Thal gleich einer Opferschale, Und einen eignen Strahl trinkt jede Blum' im Thale. Und wie die Blum' in Lust zum Licht empor sich richtet, So hat in Menschenbrust Bewußtsein sich gelichtet. Traumschattengaukelei, Nachttäuschungstruggespinst Zerreißt, Licht der Natur, wo du den Sieg gewinnst. Streck' aus die Strahlenhand, das Opfer zu empfangen, Das dir die Schöpfung bringt und Herzen voll Verlangen. Erheb' mit deinem Blick und stütze wie die Ranken Des Baumes tauschwer sich aufrichtende Gedanken. Die Wünsch' und Hoffnungen, die Vorsätz' und Entschlüsse, Beleb', erfrische, stärk' und zieh wie Sommerschüsse. Gib allen Knospen, daß sie sich zur Blüt' entfalten, Und allen Blumen, daß sie sich nach dir gestalten. Und allen Herzen gib, nach Blumenart zu wandeln, Unwandelbar zum Licht gewandt, im Licht zu wandeln. Das ist das Frühgebet, das wir dir tragen vor; Trag' es empor zu dir und über dich empor! Denn als ein Mittler gehst du durch der Schöpfung Mitte, Zu bringen oberen der untern Wesen Bitte. Bring' zu der Sonne sie, die dich am Faden leitet, Daß die sie bringe der, in deren Dienst sie schreitet. Der goldne Eimer reicht von immer höhern Sonnen Zu immer höhern bis zum höchsten Sonnenbronnen. Dort füllt ihr mit dem Tau den Eimer, der uns letzt; Dorthin, mit Dank gefüllt, tragt mir den leeren jetzt! 7. Wie gleichest du, o Mensch, und dein Geschick den Saaten, Von denen niemand weiß zuvor, wie sie geraten. Wie manches Ungemach, Frost, Nässe, Dürre, Brand, Gibt ihnen zu bestehn des Himmels Unbestand. Und wenn sie glücklich nun bestanden die Beschwerden, So ist ihr Ende, daß sie abgeschnitten werden. 8. Was unterscheidet dich, o Mensch, von Tier und Pflanze? Daß du für dich auch bist, nicht bloß wie sie fürs Ganze. Fürs Ganze bist auch du, wie Tier und Pflanze sind, Doch bist du's nicht wie sie, du selbstbewußt, sie blind. Sie sind fürs Ganze nur, weil sie nur sind für sich; Weil du fürs Ganze bist, sind sie und es für dich. Fürs Ganze bist du ganz, wenn ganz für dich du bist, Erkennend, daß durch dich das Ganze ganz nur ist. 9. Was unterscheidet dich, o Mensch, von der Natur? Du bist ein Werdender, sie ist geworden nur. Sie ist geworden, was sie werden sollt' und kann; Du aber bist ein Kind, das werden soll ein Mann. Darum an der Natur ist alles schön und groß, Vollkommen, reich und stark, du schwach, nackt, arm und bloß. Doch ist die Kraft in dir, stark, reich und groß zu werden; Und daß die Kraft du fühlst, seh' ich an den Gebärden. Und dies Gefühl der Kraft soll man dir nicht zerbrechen; Dir soll, wenn es erschlafft, der Himmel Mut einsprechen. Du kannst nicht sinken, wenn du dich erheben willst, Wenn du am Niedern nicht dein Hochverlangen stillst. Gewonnen ist das Ziel, wenn du den Mut gewannst, Daß du schon jetzt bist viel und mehr stets werden kannst. 10. Wenn sein Gottähnliches du willst dem Menschen zeigen, So darfst du ihm auch nicht sein Tierisches verschweigen. Gefährlich ist es, ihn bewundern sich zu lassen; Gefährlich auch, ihn nur zu zwingen, sich zu hassen. Auffordern mußt du ihn, sich selber zu bekriegen, Um durch sein Besseres sein Schlecht'res zu besiegen. 11. Das Rohr im Winde seufzt mit Sehnsucht nach dem Schönen, Daß es als Flöte mög' am Mund des Menschen tönen. So seufzet die Natur in jeder Frühlingsblüte, Daß sie vom Menschen mög' empfangen ihr Gemüte. Die schönste Landschaft seufzt, als ob ihr etwas fehle, Daß der beseelte Blick der Liebe sie beseele. 12. Ich sprach am Abend, als ich meinen Stock begoß: Sag' an, warum sich heut nicht diese Blüt' erschloß? Gerötet hat ihr Mund der Sonne Kuß empfangen, Ihr Busen schwoll; warum ist sie nicht aufgegangen? Da wiegte sanft der Stock sein Haupt im Abendwinde Und sprach: ich hab' es selbst geraten meinem Kinde. Sie wäre heut nur unvollkommen aufgeblüht, Denn viele schloß ich auf, und meine Kraft ist müd', Wir wollen sammeln ihr im Schlummer frischen Duft, Und morgen würzen soll ihr Hauch die Morgenluft. So sprach der Strauch; ich ging und hielt in mir zum Glück Ein halberschlossnes Lied auf morgen auch zurück. 13. Ein Tempel Gottes hat sich die Natur gebaut, Worin er tausendfach geahnt wird und geschaut. Als Tempeldiener gehn hindurch die Jahreszeiten, Die bunten Teppiche am Boden hinzubreiten. Strahlend im höchsten Chor, lobsingen Sonn' und Sterne, Der Abgrund und das Meer antworten aus der Ferne. Das Mittelfeuer glüht am ew'gen Opferherde, Und alles Leben naht, daß es das Opfer werde. Als Opferpriester kniet der Geist an viel Altären, Die er mit Bildern schmückt, und sucht sie zu erklären. In viele Hüllen hat die Fülle sich verhüllt, Doch von der Fülle nur ist jede Hüll' erfüllt. Und wo der Geist vermag hinweg der Selbsucht Schleier Zu heben, sieht er hell darunter Gottes Feier. Und Gottes Atem geht ein Morgenhauch durchs Schiff, Einsammelnd jeglicher Verehrung Inbegriff. Sein Lächeln streuet Duft in trüber Inbrunst Glimmen, Sein Säuseln Einigung in widerstreit'ge Stimmen. Aus jedem Opferrauch nimmt er das feinste Korn, Den reinsten Tropfen auch aus jedem Andachtsborn; Aus jedem Wortgebet den ihm bewußten Sinn; Er selbst legt ihn hinein und findet ihn darin. Dann will er auch den Sinn der Sinnenden entfalten, Daß immer würdiger sie ihm die Feier halten; Daß die gebundnen frei zu höh'rer Wonn' aufgehn; Denn das ist seine Lust, der Schöpfung Lust zu sehn. 14. Am Hügel saß ich nachts und war dem Thal entronnen, Von dem mir aufwärts klang gedämpfter Schall der Wonnen, Der lauten Weltlichkeit, die mich von sich gescheucht, Und selig fühlt' ich mich im Dunkel warm und feucht. Doch über eine Schlucht zur Seit' herüber drang Dein Schlummerröcheln, o Natur, und macht mir bang. Ein flüsterndes Getön im Laub der alten Rüstern, Ein düsterndes Gestöhn, Geschnaub aus welchen Nüstern? Und die unheimlichen Nachtgeister trieben wieder Mich zu der Welt Getös, dem ich entflohn war, nieder. O Herz, das zwischen Welt und der Natur du schwebst, Der einen scheu entstrebst und vor der andern bebst! 15. Weil du dich allerdings zu höhern fühlst berufen, Beklagest du, o Mensch, die stehn auf niedern Stufen; Als ob Stein, Pflanz' und Tier tot oder taub und blind, Unglücklich müßten sein, weil sie wie du nicht sind. So hörest du das Tier wie nach Erlösung stöhnen, Hörst Weh- statt Wonnelaut in Nachtigallentönen, Selbst einen Seufzerhauch im Frühlingsflüsterhain Und einen Schmerzensklang aus jedem Erz und Stein. In dem, was ihn nicht fühlt, ist nicht der Widerspruch, Er ist in dir, du selbst belegst die Welt mit Fluch. Je mehr du in dir selbst zum Einklang bist gekommen, Je mehr wird er von dir auch außenher vernommen. Befreie dich, o Mensch, vom Halben, Falschen, Bösen, Und die gebundene Natur wird Gott erlösen. Neunte Stufe Dämmerklarheit 1. Der Vater mit dem Sohn ist über Feld gegangen, Sie können nachtverirrt die Heimat nicht erlangen. Nach jedem Felsen blickt der Sohn, nach jedem Baum, Wegweiser ihm zu sein im weglos dunklen Raum. Der Vater aber blickt indessen nach den Sternen, Als ob der Erde Weg er woll' am Himmel lernen. Die Felsen blieben stumm, die Bäume sagten nichts, Die Sterne deuteten mit einem Streifen Lichts. Zur Heimat deuten sie; wohl dem, der traut den Sternen: Den Weg der Erde kann man nur am Himmel lernen. 2. Ob eine Wahrheit ist in dieser falschen Welt, Ich weiß nicht; minder noch, wo sie versteckt sich hält. Daß eine Wahrheit war, schließ' ich aus ihrem Namen, Denn war und Wahrheit scheint ersproßt aus gleichem Samen. Doch wenn sie einmal war, wird sie dort ewig sein, Wo alles ist, was war, dort geht sie aus und ein. Dort werd' ich einst sie sehn in eigenster Gestalt: Jetzt scheint ihr Licht von dort herab durch Wolkenspalt. Sie ist die Sonne, die nicht selbst zur Erde kommt, Doch ist in ihrem Schein, was uns zum Leben frommt. Wie ist der Wahrheit Schein genannt? Wahrscheinlichkeit, Damit behelfen wir uns vorderhand zur Zeit. 3. Ich hab' ein wonniges Gefild im Traum gesehn, So heller Lichter, die mir noch im Herzen stehn. Ich weiß nicht, ob ein Land, wo ich daheim einst war, Daheim einst werde sein, doch heimisch wunderbar. So heimisch war es mir, so heimlich und geheim, Vertraulich zeigte mir sein Sehnen jeder Keim. Ich sah das grüne Laub, das nie wird Windesraub, Die Luft von keinem als erfüllt von Blütenstaub. Ich sah des Waldes Kranz im Abendsonnenglanz, Der doch nicht unterging und hell war immer ganz. Da ich so helle seh' in Träumen, soll ich klagen, Daß mehr und mehr den Dienst die Augen mir versagen? Jawohl, es sieht ein Mensch mit Augen nicht allein; Was sehenswert ist, sieht dein inn'res Licht allein. 4. Ich denke, daß auch dich zuzeiten noch verwirret, Was in der Jugend mich so mannigfach geirret; Wenn den Aussprüchen ich der Weisen aller Zeiten Ging gläubig nach und mich von ihnen gern ließ leiten; Da stellt' ich jeden mir als einen Leitstern vor, Und jede Perle nahm ich freudig in mein Ohr. Wenn meine Sprüche nun, die goldnen, ich verglich, Mit Staunen nahm ich wahr: sie widersprachen sich. Und weil ich konnte nun nicht alle mehr zusammen Annehmen, hatt' ich Lust, sie alle zu verdammen. Denn welchen hätt' ich Recht, dem andern vorzuziehn, Da mir an seinem Platz jeder der rechte schien? Bis mir die Einsicht kam, daß alle Weisheit bringt Bedingte Wahrheit nur, nicht Wahrheit unbedingt; Daß alles, was ist wahr in eigener Verbindung, Und wie hervor es ging aus eigener Empfindung, Falsch wird, sobald man der Verbindung es entzieht Und mit veränderter Empfindung es besieht. Seitdem ließ ich gestellt, und so magst du's auch lassen, Jedes an seinem Ort und sah ein jedes passen, Dankbar den Weisen all für ihre Weisheitsspendung Und vorbehaltend mir die eigne Nutzanwendung. Ich räume gleiches Recht dir ein auf dieses Buch; So widerspricht sich nicht der Sprüche Widerspruch. 5. Du glaubst, was ich nicht glaub', und glaubst nicht, was ich glaube; Erlaub' mein Glauben mir, wie ich dir deins erlaube. Wer noch nichts glaubt, ist leicht zum Glauben zu bekehren, Wie die Gefäße leicht zu füllen sind, die leeren. Doch dem, der etwas glaubt, fällt andres glauben schwer; Gibt er es einmal auf, so glaubt er gar nichts mehr. 6. Gott teilet, wie er will, die Güter uns hienieden; Fragst du, warum er dem hat mehr als dem beschieden? Wenn du nur wenig hast, ein andrer hat noch minder; Du bist bei weitem nicht das ärmste seiner Kinder. Doch seiner Kinder auch das ärmste fühlt sich reich, Das Gottes Kind ist, dies Gefühl macht alles gleich. Du möchtest teilen mit den Reichen wohl auf Erden Die Fülle, nicht auch mit den Armen die Beschwerden? Wenn alles aber gleich geteilet allen würde, Leicht käm' auf dich von Gut noch minder, mehr noch Bürde. Drum laß, wie's ist geteilt, und nimm an Lust und Leid Der Brüder Anteil ohn' Hartherzigkeit und Neid. Dem Reichen laß sein Gut, wenn er's allein will tragen, Und tragen hilf so viel du kannst des Armen Plagen. 7. Laß einen Heilversuch dir meines Auges sagen, Des äußern, den du magst aufs Inn're übertragen. Mein Auge sah sich selbst von einem Flor umhangen, Von einem Wirrgeweb aus Punkten, Flecken, Schlangen. Ein Netz der Täuschung, das die Sehkraft selbst sich wob, Das mit dem Blick sich senkt und mit dem Blick sich hob. Ein Schatten, welcher nie vom Lichte sich verlor, Der, aus dem Aug' erzeugt, schwebt' überall ihm vor; Nur um so nächtlicher, als heller war der Tag, Wie vor der Unschuld wohl die Schuld sich fühlen mag. Mir war davon die Lust an Gottes Welt benommen, Daß rein ihr Schönes nicht mir sollt' ins Auge kommen; Getrübt der Glanz der Flur, des Menschen Angesicht Und jede Schrift, durch die der Geist zum Auge spricht. Den himmlischen Genuß des Lichtes wollt' ich missen Eh'r, als ihn haben so versetzt mit Finsternissen. Heilwasser heilen nicht, einfache noch zusammen- Gesetzte, weil sie rein dem Lichte nicht entstammen. Sollt' ich die ird'sche Kunst des Augenarztes brauchen? Ich will mich in den Quell des Lichtes selber tauchen. Die Lüfte waren blau, die Fluren waren grün, Und meinen Blick erhob zur Sonn' ich adlerkühn. Entweder soll die Welt in dir mir untergehn Auf immer, oder ich will rein wie du sie sehn. Die Feuerwirbel ließ ich mir im Auge wallen, Wie sie mich blendeten fühlt' ich mit Wohlgefallen. So lange duldet' ich den Einstrom, bis zusammen Die krausen Schlanggewind' in eine Masse schwammen. Vom Himmel blickt' ich dann zurück zur Erdenflur, Und statt der Schlangen sah ich Sonnenblendung nur. Die lichte Finsternis zerfloß dann, und o Glück, Die Schlangen kehrten nicht, die sie verschlang, zurück. Und sollten doch einmal sie mir im Auge kehren, So soll ein neuer Strahl der Sonne sie verzehren. 8. Dich trägt Erinnerung zu deiner Kindheit Schwelle, Den vollen lauten Strom zurück zur stillen Quelle. Dort aber angelangt, begehrst du weiter nur Zu dringen und verlierst im Dunkel bald die Spur. Und nur die Sternenschrift im Dunkeln kannst du lesen: Du warest, eh' du warst, und bleibst, wann du gewesen. Als wie aus einem Traum erwachtest du, geboren, Und fandest eine Welt, wie eine du verloren. Du sahest sie vor dir sich wechselnd umgestalten Und lerntest deine Kraft im Kampf mit ihr entfalten. So vieles kam und ging; laß alles gehn und schwinden! Du wirst dich anders stets und stets denselben finden. Zehnte Stufe Vom Totenhügel 1. In deines Herzens Haus- und Festkalender mag Nur auch gezeichnet sein ein Allerseelentag. Gezeichnet soll er sein nicht mit zu düstern Farben, Doch auch zu helle sind für die nicht, die da starben. Mit sanftern Lichtern sei und leisem Schattenschlag Gezeichnet in dein Herz dein Allerseelentag. Ein Allerseelentag, wo du vereint in Frieden Mit allen Seelen bist, die von dir sind geschieden; Wo alle Seelen, die dich aus der Fern' umwallen, Zum Fest versammelt sind in deines Tempels Hallen. Da bete für ihr Heil und laß sie beten auch Für deines, denn Gebet ist Seelenlebenshauch. Manch' Angedenken zieh hervor, an das sich knüpft Ein Name, zieh es fest, daß er dir nicht entschlüpft. Manch' teures Bild auch, eh' der Kennzug dir erlischt, Sei von der Malerin Erinn'rung angefrischt. Bedaure du sie nicht, daß sie der Welt entgangen, Und nicht beneide sie, denn du wirst nachgelangen. Versichere du nur dich ihrer, daß sie bleiben Von oben dein Geleit, nach oben dich zu treiben. Von oben neigen sie, nach oben zeigen sie Und deinem Blick voran nach oben steigen sie. Nach oben steigen sie, wo sie dir wollen zeigen, Was sie versprechen mit geheimnisvollem Schweigen. 2. Viel Angedenken stellst du um dich her zusammen Zu Ehren Teuerer, von denen sie dir stammen. Die teuren Namen nennt dir nun ihr stummer Mund Und machet dir das Herz nicht fröhlich, sondern wund. Beim Angedenken denkst du, daß vom Lebensmahle Dir nichts geblieben ist als die geleerte Schale. 3. Je länger du's gehabt, je länger willst du's haben, Und ein Geliebtes wird dir stets zu früh begraben. Du bildetest dir ein, es sei auf ewig dein, Und solltest Gott, der dir's so lang' ließ, dankbar sein. 4. Ich denk' an euch, die ihr vom Schoß mir aufgeflogen Und nun herab auf mich lächelt vom Himmelsbogen. Der holde Frühling kommt, wo alles Schöne nieder Vom Himmel steigt, da kommt auch euer Bild mir wieder. Nun fliegt der Schmetterling, nach welchem sonst ihr lieft; Der Vogel singt, von dem ihr eingesungen schlieft. Nun blühn die Blumen, die an eu'r Verblühn mich mahnen, Und Lüfte wehn, die eure Näh' mich lassen ahnen. Was ihr mir waret, was ich euch gewesen bin, Und was ihr jetzt mir seid, beschäftigt meinen Sinn. Ihr wart an mich geknüpft durch ein natürlich Band, Das aber hat gelöst des Todes kalte Hand. Nur daß ihr im Gefühl der Liebe waret mein, Verheißt mir, daß ihr auch mein werdet ewig sein. Um dies Gefühl und euch in ihm nie zu verlieren, Will ich noch oft mein Lied mit euren Namen zieren. 5. Ich wüßte nicht, wem ich noch Blumen sollte bringen, Dürft' ich sie nicht ums Grab geliebter Kinder schlingen. Die Mutter wird schon ernst, die Brüder werden groß, Und unveränderlich bleibt ihr nur Kinder bloß. Ihr nehmt an jedem Tag mit immer gleicher Liebe Die euch von Vaterhand gebrachten Frühlingstriebe. 6. Ich kann aus meinem Haus nicht auf- noch abwärts schreiten Daß nicht mich Kinder zwei verlorene begleiten. Denn aufwärts liegt vom Haus ein Graben, den mein Fuß Beschreitet niemals, daß ich nicht gedenken muß, Wie ich das letzte Mal sie dieses Weges führte, Als heimlich Todesglut in ihnen schon sich schürte. Den kleinen Schrittchen war der Graben da zu breit, Doch sie vertrauten auf mein väterlich Geleit. Darüber hob ich sie und dachte sie zu haben Gebracht, wie über den, schon über jeden Graben. Nicht bei dem Graben fiel mir damals ein das Grab; Jetzt fällt mir's immer ein, seitdem ich ihm sie gab. Doch abwärts von dem Haus, wenn ich mich wenden wollte, Da ist das Pflaster, wo der Leichenwagen rollte. Sein Rollen hör' ich noch und glaube noch die Spur Zu sehn, wie auch indes manch andres drüber fuhr. Was auch darüber fuhr, nie hat's die Spur verwischt, Und stets auf dieser Spur geh' ich, die nie erlischt. 7. Wem ein Geliebtes stirbt, dem ist es wie ein Traum, Die ersten Tage kommt er zu sich selber kaum. Wie er's ertragen soll, kann er sich selbst nicht fragen; Und wenn er sich besinnt, so hat er's schon ertragen. 8. Wer einmal hier hat in geliebtem Angesicht Des Todes Bild gesehn, vergißt es ewig nicht. Der Schatten legt, wohin fortan dein Auge schaut, Sich über alles, was dir lieb ist oder traut. 9. Du bist gegangen, und wir gehn dir alle nach; Du gingst zur Ruh', und wir sind noch ein Weilchen wach. Vielmehr wir schlafen noch, du bist vom Traum erwacht; O Leben, Spreu und Wind, o schwerer Traum der Nacht! Was ist's, das weiter wir hier zu besorgen haben, Als eins das andere anständig zu begraben! 10. Ihr meine Teueren, wo seid ihr hingekommen? Dort in die Ewigkeit verewigt aufgenommen. Doch in der Zeitlichkeit ist eure Spur verschwunden? Nein, tief in meinem Sein, in meinem Sinn gebunden. Bedeutend innere Denkmale meines Lebens! Wär't ihr auch dieses nur, ihr wäret nicht vergebens. Was wirkend nun mein Sinn nach außen mag entfalten, So seid ihr mit darin, wie in mir selbst, enthalten. 11. Wer in dem Winter stirbt, warum sollt' er nicht sterben, Wo alle Blätter von des Frostes Hauch verderben? Und wer im Sommer stirbt, wo alle Blumen blühn, Wie wär' er tot? sein Grab macht Lebenshoffnung grün. Drum wer im Sommer dir und wer im Winter starb, Natur hat einen Trost, Heil dem, der ihn erwarb. 12. Johannis 1835. Frühzeitig wardst du in die Schule dieses Lebens Gesandt, und durchgemacht hast du sie nicht vergebens. Jung, jede Prüfung hast du rühmlichst so bestanden, Daß sie dich würdig bald zum Weiterrücken fanden. Erhebung ohne Stolz, Ergebung ohne Beugnis: Der Schul' entlassen bist du mit dem besten Zeugnis. Du hast viel später als wir selbst den Gang begonnen Und unerwartet uns den Vorsprung abgewonnen. Du hast die Höh' erreicht, nach der dich's früh getrieben; Wir sind hier unten auf der Schulbank sitzen blieben. Ein Zeichen, daß wir noch genug gelernt nicht haben, Für jene Klass', in der sie dir den Zutritt gaben. 13. Der Mutter Wohl gönnen darf ich's dir, daß du vor mir gegangen, Nicht diesen Schmerz von mir, den ich von dir, empfangen; Daß du mich bleiben sahst und ich dich sah verscheiden; Denn sehn Geliebter Tod ist mehr als eigne Leiden. 14. Gott, der dir manches Leid im langen Leben gab, Und endlich Ausruh' dir von allen gab im Grab, Hab' ich gebeten oft, dich nur zu überheben Des einen, daß du mich auch müssest überleben. Mit Gott nun hab' ich dir die Augen zugethan, So daß ich, ohne dich zu kränken, sterben kann. 15. Ich dachte nun erst warm im Alter dich zu pflegen, Und muß statt aller Pfleg' ins kalte Grab dich legen. Die Zinsen dacht' ich erst der Schuld dir abzutragen Der Sohnesdankbarkeit, statt dich ins Grab zu tragen. Gott nimmt den Willen für die That; nicht mir beschieden War's, dir zu schaffen Ruh'; er schuf dir Ruh' und Frieden. 16. Nun hab' ich erst gelernt, daß ich bin Staub und Erden, Da ich, die mich gebar, sah Staub und Erde werden. Da hat das greifliche Gefühl mich erst durchdrungen, Daß ich nichts anders bin, als woraus ich entsprungen. Elfte Stufe Im Anschauen Gottes 1. Wenn das Erhab'ne staunt die junge Menschheit an, Spricht sie im hellen Traum: Das hat der Gott gethan, Und wenn sie zum Gefühl des Schönen dann erwacht, Bekennt sie freudig stolz: Es hat's der Mensch vollbracht. Und wenn zum Wahren einst sie reift, wird sie erkennen, Es thut's im Menschen Gott, der nicht von ihm zu trennen. 2. Zieh deine Selbheit aus und an die Göttlichkeit! Die Selbheit ist so eng, die Göttlichkeit so weit. Sei selbst! Er selber will, daß selbst du sollest sein, Daß du erkennest selbst, er sei dein Selbst allein. Erinn're dich daran! du hast es nur vergessen. Laß dich erinnern! stets erinnert er dich dessen. Wenn du ihn hören willst in dir, mußt du nur schweigen; So spricht er laut: Du warst, sollst sein und bist mein eigen. 3. O fühle: was du hast, das hast du nur empfangen; Und laß, wie dir es kam, es andern zugelangen. Sei wie der Mond, der von der Sonn' entlehnt sein Licht Und leiht's der Erdennacht, für sich behält er's nicht. Gott ist die Sonne, die läßt ewig Licht ausgehn, Um hell die Welt und sich hell in der Welt zu sehn. 4. Von beiden Welten, wenn ich sollt' entbehren eine, Die große draußen wär's und nicht in mir die kleine. Du wirst die Welt in dir nicht mehr die kleine nennen, Wenn du das Göttliche im Menschen wirst erkennen. Klein ist und eng, was Zeit und Raum nennt seine Schranke, Nur göttlich weit ist ein gottfassender Gedanke. Viel leichter macht der Mensch von jedem ird'schen Band Sich los als von dem Zug nach einem höhern Land. Der Sinnennahrung kannst du selber eh'r entbehren Als des Gedankens, der den Gott in dir muß nähren. Beglückt, wenn dir ein Hauch der Phantasie mit Kunst Die beiden Welten schmelzt in eine rein von Dunst. Das Unsichtbare siehst du klar im Sichtbar'n nur, Und nichts im Sichtbar'n, als des Unsichtbaren Spur. Umringt von einer Welt verkörperter Gedanken, Empfindest schrankenlos du dich in Körperschranken. 5. Es strömt ein Quell aus Gott und strömt in Gott zurück, Der Einstrom hohe Lust, der Ausstrom höchstes Glück. Es strömet in dich ein durchs offne Thor der Sinnen Und strömet aus dadurch und nimmt dich mit von hinnen. Durchs Auge strömt er ein als Licht, daß er verkläre Dein Inn'res, und entströmt verklärt als Freudenzähre. Den Geist zu wecken, strömt er ein als Ton durchs Ohr Und strömt aus deinem Mund als Dankgebet hervor. Einströmt er dem Geruch als Lenzduft, Sehnsuchtshauch Und strömt im Atem aus als Seufzeropferrauch. Er strömt durch den Geschmack ins Mark und ins Gehirne, Und als Gedanke tritt er leuchtend aus der Stirne. Er strömt als irdischer Empfindungen Gewühle Ins Herz und aus der Brust als himmlische Gefühle. Du fühlest: Was du bist, ist er in dir, nicht du; Und strömst in dem Gefühl ich deinem Urquell zu. 6. Ich finde dich, wo ich, o Höchster, hin mich wende; Am Anfang sind' ich dich und finde dich am Ende. Dem Anfang geh' ich nach, in dir verliert er sich; Dem Abschluß späh' ich nach, aus dir gebiert er sich. Du bist der Anfang, der sich aus sich selbst vollendet, Das Ende, das zurück sich in den Anfang wendet. Und in der Mitte bist du selber das, was ist; Und ich bin ich, weil du in mir die Mitte bist. 7. Was schlichtet, Herz, den Streit, der dich mit dir entzweit? Die Gottesfurcht, die dich von aller Furcht befreit; Von aller Furcht der Welt und weltlicher Geschicke, Von aller Furcht vor dir, dem quälendsten der Stricke. Verstören kann dich nichts, wenn du dich nicht verstörst, Und frei nur fühlst du dich, wenn du dem Herrn gehörst. Wie schön ist's, einen Herrn statt vieler Herrn zu haben, Der seine Diener kann mit Herrlichkeit begaben. 8. Der Zweifel, ob der Mensch das Höchste denken kann, Verschwindet, wenn du recht dein Denken siehest an. Wer denkt in deinem Geist? Der höchste Geist allein. Wer zweifelt, ob er selbst sich denkbar möchte sein? In den Gedanken mußt du die Gedanken senken: Nur weil Gott in dir denkt, vermagst du Gott zu denken. 9. Ein Mensch sein ohne Gott, was ist das für ein Sein! Ein bessres hat das Tier, die Pflanze, ja der Stein. Denn Stein und Pflanz' und Tier, die zwar um Gott nicht wissen, Er aber weiß um sie, sie sind ihm nicht entrissen. Sie sind nicht los von Gott, gottlos bist du allein, Mensch, der du fühlst mit ihm und leugnest den Verein. 10. Die Liebe Gottes kann so werden übertrieben, Daß sie für Sünd' es hält, den Menschen auch zu lieben; Als würde Gott um das, was ihm gebührt, betrogen, Der Anteil, den du weihst dem Menschen, ihm entzogen. So ist's, den Menschen, wenn du liebst als Kreatur, Lieb' ihn als ewigen Gedanken Gottes nur! Du liebest Gott nicht ganz, wenn du ihn liebst allein, Wenn nicht auch alles, was er liebet, groß und klein. 11. Der Frühling grüßt die Erd' und macht die Hoffnung grün, Der Liebe Rührung taut, und meine Gräber blühn. Das Liebste, was ich hab', ist Gottes Liebesgabe, Ob ich es nun im Grab, ob ich's im Herzen habe. Das Beste, was ich bin, wird immer Gottes bleiben, Und nur mein Böses muß ich ganz mir selbst zuschreiben. Versuch' es nur und schreib' es einem andern an, Du fühlst in dir, dadurch ist dir's nicht ausgethan. Wer nicht das Rechte weiß, gut ist's, wenn er's nur thut; Doch wenn er recht es weiß, so ist es doppelt gut. Wer Böses weiß und thut's, der thut viel Bös'res noch; Doch wer unwissend auch es thut, thut Böses doch. Gott ist, was Gutes ist an jedem guten Triebe, Der Glanz am Mond, die Blüt' am Baum, in dir die Liebe. In jedem Geiste, der nicht zagt, fürs Licht zu kriegen, Ist sichtbar Gottes Geist zur Welt herabgestiegen. Wenn er im Kampf erliegt, kehrt er als Sieger heim, Hier lassend den mit Blut gepflanzten Friedenskeim. Den Geist mit der Natur sollst du zusammendichten, Die Erd' in Himmelsglanz verklären, nicht vernichten. Kehr' auf die Sinnenwelt so deine Thätigkeit, Daß nicht die Lust an dir dich mit dir selbst entzweit. An keinem niedern Stoff laß die Gedanken haften; Der Sinn vom Gegenstand nimmt an die Eigenschaften. Betrachte liebend Gott, willst du gottähnlich werden; Denn das Gemüt nimmt an vom Liebsten die Gebärden. Doch willst du an der Welt unschuldig dich erbaun, Mußt alles du in Gott und Gott in allem schaun. Und das ist gar nicht schwer; der höchsten Liebe Spur Im Niedersten zu schaun, hab' Liebesaugen nur! Die Liebe siehst du dann, wie dort im Reigen gehn Der Stern', in Blumen so hier auf den Grüften stehn. 12. Was rühmst du dich, daß du nach Geld und Gut nicht trachtest, Wenn du nicht minder doch nach Ruhm und Ehre schmachtest? Zur vollen Seligkeit, o Seele, ging nicht ein, Wer etwas auf der Welt noch sucht, als Gott allein. 13. Die Götter lieb' ich nicht, die uns die Sagen gaben, Die bald zuviel ein Aug' und bald zu wenig haben. Die Gottheit lieb' ich, die mich unsichtbar umfließt, Ein ew'ger Liebesblick der Schöpfung Blüt' erschließt. Die Gottheit lieb' ich, die allgegenwärtig waltet, Gestaltenlos, der Welt Gestalten umgestaltet. Und nimmt sie selbst Gestalt, und es soll mir nicht graun, So muß sie menschlich aus zwei Augen an mich schaun. 14. Dein höchstes Leben sei, zu leben gottbewußt; Darin ist zweierlei: gottwissend, gottgewußt: Daß du dich wissest stets von Gott gewußt, gekannt, Gemahnt, gestraft, geprüft, geliebt und Kind genannt. 15. Wer alles mag in Gott, in allem Gott betrachten, Hat keinen Grund, ein Ding groß oder klein zu achten. Wie sollte scheinen ihm ein Allergrößtes groß, Da es ein Kleinstes ist vom Einziggroßen bloß. Wie dürfte gelten ihm das Allerkleinste klein, Da mit dem Größten es hat Gottes Geist gemein? Nach deiner Einsicht nur erhebest du zumeist Das, was am klarsten dir abspiegelt Gottes Geist. Je höher aber selbst wird deine Einsicht steigen, Je klarer wird der Geist in allem dir sich zeigen. Des Bösen Schein ist's, was des Guten Glanz verhält; Zerstör' das Bös' in dir, so siehst du gut die Welt. 16. Die Lehrer sind im Streit, womit hier auf der Erde Am würdigsten gesucht das Antlitz Gottes werde. Die einen: Ehren soll man Gott mit Opfergaben, Im Dienste, welchen wir von unsern Vätern haben. Die andern: Loben soll man ihn mit guter That, Wozu er Kraft verliehn und Trieb zum Guten hat. Die dritten: Suchet ihn in heiliger Gesinnung, Gesammelten Gemüts Weltsinnenlustentrinnung. Die vierten sagen: Gott hat nur, wer ihn erkennt, Die Wissenschaft allein ist Gotteselement. Ich aber sage dir: Mit jedem von den vieren Magst du ihn suchen hier und wirst ihn nicht verlieren. Wer ihm die Gaben weiht, genießet seiner Gaben; Wer durch ihn Gutes thut, wird im Gemüt ihn haben. Mit ihm ist ungestört, wer von der Welt sich trennt, Und eines ist mit ihm, wer ihn als eins erkennt. 17. Der du im Lichte bist und bist in mir das Licht, Ich nehme, was du gibst, und andres will ich nicht. Du gabest mir den Drang, so klar dein Lob zu sagen, Als Mund und Ohr von mir und Welt es konnt' ertragen. Du gabest mir die Kunst, nicht schöner uns zu lügen, Als, Welt und ich, wir sind, doch schöner uns zu fügen. Das bleibe mir bewußt: Nur Gottes Macht besiegeln Wollt' ich in der Natur, nicht drin mich göttlich spiegeln. Und darum dank' ich dir für jeden hellen Blick, Den du mich ließest thun in Leben-Tod-Geschick. Ich danke dir, daß du die Augen mir erschlossen, Durch die von außen auch dein Glanz in mich geflossen. Ich will, solange mir zum Sehn die Augen taugen, Nur deinen Glanz aus Stern- und Blumenaugen saugen. Und soll dem Auge nun das äußre Licht erblinden, So laß als inn'res dich in meiner Seele finden. Ich hab' g'nug gesehn, um lebenslang zu malen Ein Bild, wie dein Geschöpf nicht strahlt, doch sollte strahlen. 18. Die Sonne selber siehst du nur durch Sonnenlicht, So schaust du Gott durch Gott, durch andres Mittel nicht. Die Sonne, die das Licht, die Welt zu sehn, dir spendet, Siehst du ihr Angesicht, bist du davon geblendet. Und so im Menschengeist erlischt, was in ihm denkt, Wenn er sein Denken dreist im höchsten Geist versenkt. Mußt du die Sonne sehn? sieh Fluren sonnerhellt; Und willst du Gott sehn, sieh die gotterfüllte Welt. Der Sonne echte Kraft siehst du im Schmelz der Flur, Und Gott, den du nicht siehst, in seinen Werken nur. 19. Je Höheres du aus vom Höchsten sagen magst, Je tiefer fühlst du, daß du nichts im Grunde sagst. Magst du's mit reichstem Schmuck der Phantasie bekleiden, Mit feinster Sond'rung auch vom Irdischen ausscheiden; Dort machst du Geistiges zu leiblicher Erscheinung, Und hier das vollste Ja zur leeresten Verneinung. Was anders also kannst du thun, als dich bequemen, Jetzt dies zu setzen und es dann zurückzunehmen? Was alles du von ihm magst sagen, daß es sei, Es ist nicht, was du sagst, doch was du fühlst dabei. 20. Gott gebe dir an dir ein stilles Wohlgefallen, Ein innigfreudiges in seiner Gnade Wallen; Ein heiliges Gefühl, daß du ihm angehörest Und seine Ordnungen, die ewigen, nicht störest; Ein hebendes Gefühl, daß du auf rechten Wegen Mit rechten Kräften strebst dem rechten Ziel entgegen; Nicht Selbstgefälligkeit, sich andern überhebend, Nicht Ungeselligkeit, in enger Dumpfheit strebend; Doch Selbstgenügsamkeit in deiner eignen Weise, Und Seelenfügsamkeit in deinem Schicksalskreise; Und Selbstzufriedenheit, mit aller Welt in Frieden, Weltabgeschiedenheit, von Gott nur ungeschieden. 21. O ew'ger Lebenshauch, durch den der Baum der Zeiten Treibt Blüten, Früchte trägt und falbes Laub läßt gleiten. Was stockt und was sich regt, regt sich und stockt in dir; Und jedes Herz, das schlägt, schlägt und frohlockt in dir. Du hebst den Menschengeist in deiner Lieb' empor, Er fühlet sich in dir und kommt so groß sich vor. Dann fühlt er sich so klein vor deiner Größe wieder, Und tiefe Demut beugt den kühnen Stolz danieder. Du aber öffnest dem Gebeugten deinen Schoß, Erhebst ihn wieder, und der Kleine gilt dir groß, Du kehrest in ihm ein mit dem Gefühl der Huld, Sein Sehnen stillest du und sühnest seine Schuld. Mit Zittern sieht er dich als Herren, der ihn schuf, Und mit Vertrauen hört er deinen Vaterruf. 22. So wahr als aus dem Eins die Zahlenreihe fließt, So wahr aus einem Keim des Baumes Krone sprießt, So wahr erkennest du, daß der ist einzig einer, Aus welchem alles ist, und gleich ihm ewig keiner. Doch fühlt der Mensch so weit vom Ursprung sich getrennt, Daß Mittelstufen er notwendig anerkennt. Ob er sie Götter mag, Kräft' oder Geister nennen, Ihn binden sollen sie an Gott, von Gott nicht trennen. Sie sollen das Geweb' vom Mittelpunkt ausbreiten, Bis in sein kleines Ich die Lebensfäden leiten. Was also streitet ihr um wechselnde Betitlung Von Heilsanstalt und Amt der Sühnung und Vermittlung? Ob hier der Schöpfer sich verborgen im Erhalter, Der Hausherr dort zurücktrat hinterm Hausverwalter? Ihr mögt mit Frömmigkeit und gläubigem Vertrau'n Sichtbares als ein Bild des Unsichtbaren schaun; Doch steht's dem Geiste frei, wenn er dazu hat Schwingen, Ins Allerheiligste unmittelbar zu dringen. 23. Was Gott in der Natur und dir im Herzen spricht, Mit Andacht merke drauf und überhör' es nicht. Und wenn du's andern nicht kannst machen offenbar, Doch dir zur eigenen Erbauung mach' es klar. Und ist es dir nur klar, so wird's auch andern werden, Wenn nicht in Worten, doch in Mienen und Gebärden. Und wenn in Handlungen, wenn in der Handlungsweise, Das ist den Menschen erst zum Heil und Gott zum Preise. 24. Warum die Allmacht nicht ohn' Übel schuf die Welt? Weil ein vollkommnes Bild nicht lauter Licht enthält. Der beste Maler kann's nicht ohne Schatten malen, Die stets notwendig sind, damit die Lichter strahlen. 25. Begreifen willst du Gott? Laß deinen blöden Eifer! Denn mehr muß sein als das Begriffne sein Begreifer. Darum ja, wenn du ihn begriffest, wärst du mehr; Dir, den er minder schuf, ist unbegreiflich er. Begreifest du dich selbst und fühlest den Beruf, Den zu begreifen, der dich, dir ein Rätsel, schuf? 26. Gott ist ein Geist und kann des Leibes nicht entbehren; Den Schöpfer fassen nicht reingeist'ger Schöpfung Sphären. Er schuf, um Halt und Bild der Schöpfung zu verleihn, Zum Geiste Fleisch und Bein, zum Menschen Pflanz' und Stein. Als wie gefangen ist die Rose von dem Strauch, So ist gefangen auch vom Leib des Geistes Hauch. Dich zu vergeistigen, darfst du dich nicht entleiben; Wenn du den Stock zerstörst, wo soll die Rose bleiben? Zwölfte Stufe Frieden 1. Ich freue jeden Tag dem Abend mich entgegen Und jede Nacht im Traum mich auf den Morgensegen. Ich freue still mich mit unungestümer Lust, Nicht ungeduldig ist die Freud' in meiner Brust. Ich freu' mich auf die Stund' und auf den Augenblick, Auf groß und kleines, mein und anderer Geschick. Vom Herbst den Winter durch freu' ich dem Lenz mich zu Und aus dem Sommer durch den Herbst zur Winterruh'. Ich freu' mich durch des Jahrs und durch des Lebens Zeit, Und aus der Zeit hinaus mich in die Ewigkeit. 2. Ring' an, den Himmel mit der Erde auszugleichen! Wer das errungen hat, der trägt das Siegeszeichen. 's ist keine Kunst, die Welt roh untern Fuß zu treten: So zarte Blumen blühn auf diesen Gartenbeeten. Es ist auch keine Kunst, den Himmel für die Schwachen Einladend und dem Trotz die Hölle heiß zu machen. Den Himmel zieh herab, die Erd' empor mit Brunst, Nur das, der Rede wert, ist Erdenhimmelskunst. 3. Nicht auf die Schwalbe, die des Frühlings Botschaft bringt Und mir von ewiger Erneuung Lieder singt, Freu' ich so sehr mich als auf einen Freundesgruß, Der das mir bringt, was ich zum Leben haben muß: Daß Zeitenwechsel geht, fest die Gesinnung steht, Ist, was mein Herz mit mehr als Frühlingshauch durchweht. 4. Wo schließet sich der Raum und stehet still die Zeit? Wo endet hier und dort sich die Unendlichkeit? Dort endet sie in Gott, hier endet sie in dir; Der Schein Unendlichkeit steht zwischen dort und hier. Den Schein, der zwischen dir und Gott steht, räume fort, Und einfällt Raum und Zeit, dein Hier ist ewig dort. 5. Dem müden Wandersmann ist doch die Nacht willkommen, Die den bestaubten Stab ihm aus der Hand genommen. Und wenn das Leben nun ist eine Wanderreise, Was freuet Lebende der Tod nicht gleicherweise? Den Wand'rer freut die Nacht, nur wenn er ist am Ziel, Auf halbem Wege nicht, wenn sie ihn überfiel. Die meisten fürchten sich darum vorm Tod vielleicht, Weil sie des Lebens Ziel noch haben nicht erreicht. 6. Unruhig ist die Welt, unruhig ist das Herz, Und eins das andre setzt in Unruh' allerwärts. Im Himmel nur ist Ruh', im Himmel nur ist Frieden; O fänd' ich Ruh', von mir und von der Welt geschieden! Komm, Gottesruh', den Sturm mir aus der Brust zu hauchen! Laß mich den Krieg der Welt in deinen Frieden tauchen. 7. Mit Einzelliebe wer beginnet zu verschwenden Den Schatz des Herzens, wird mit Eigenliebe enden. Allliebe sei es, die zuerst das Herz erfüllt, Aus deren Zauberduft sich Einzellieb' enthüllt. Die Einzelliebe blüht und welkt, der Traum sinkt nieder, Und wie am Anfang steht am End' Allliebe wieder: Allliebe zur Natur, zu jeder Kreatur, Zu Gott und in dir selbst zu jeder Gottesspur. 8. Woher ich kam, wohin ich gehe, weiß ich nicht; Doch dies: von Gott zu Gott! ist meine Zuversicht. Warum ich jetzo bin und andre sonst gewesen; Warum mir dieser Platz, kein andrer, ist erlesen? Ich blühe wie die Blum' und wachse wie der Baum In meiner Jahreszeit, in meinem Gartenraum. Im großen Garten ist kein abgelegnes Beet, Das nicht zu seiner Zeit von Lenzluft ist durchweht. Kein abgelegnes Beet, das nicht erblüht in Wonne An seines Gärtners Blick, sein Blick ist Mond und Sonne. Ich fühle Sommerlust und fühle Winterschauer, Und einen Schauder, daß ich bin von kurzer Dauer, Doch eine Ahnung, daß ich ewig bin vom Stamme, Und daß nicht sich verzehrt, die mich verzehrt, die Flamme. Es ist ein nied'rer Trieb in mir und höh'res Streben, Dem soll ich folgen und mich jenem nicht ergeben. Zur reinsten Blüte will ich meine Lust entfalten, Und meine Schmerzen selbst zu Wonnen umgestalten. Ich steh' in Gottes Hand und ruh' in Gottes Schoß; Vor ihm fühl' ich mich klein, in ihm fühl ich mich groß. 9. Unendlich ist zugleich und endlich jedes Ding; Dort achtest du es groß, hier schätzest du's gering. Das, was du liebest, lern' als ewig festzuhalten, Gewurzelt im Gemüt, um niemals zu veralten. Doch was Unliebes dir macht Ärger und Verdruß, Das wirf entschlossen in der ird'schen Dinge Fluß. Dich tröst' es, daß im Fluß es wird vorübertreiben, Im Meer der Ewigkeit wird deine Liebe bleiben. 10. In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knien Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehn. Verachte keinen Brauch und keine Flehgebärde, Womit ein armes Herz emporringt von der Erde. Ein Kind mit Lächeln kämpft, ein andres mit Geschrei, Daß von der Mutter Arm es aufgenommen sei. 11. Die Welt ist öd' und leer und grenzenlos der Raum, Wo nicht die Liebe wohnt mit einem Himmelstraum, – Wo nicht die Liebe wohnt, von der, zu der du gehst, Um deren Mittelpunkt du dich im Geiste drehst. Drum denke, wo du gehst, damit nicht öd' erscheine Die Welt, daß eine Lieb' auch dort wohnt, irgend eine, – Daß irgend einer dort träumt seinen Liebestraum; Den gönn' ihm, träume mit, und voll sei dir der Raum. 12. Ich habe doch genug des Schönen aller Art Auf dieser eiligen Vorüberfahrt gewahrt, Auf dieser eiligen Vorüberfahrt durchs Leben, Genug, den Menschengeist über die Welt zu heben; Genug des Göttlichen im Menschenangesicht, Im Spiegel der Natur und Dichtung Zauberlicht. Und wenn es mehr nicht war, so war es meine Schuld; Und daß es so viel war, ist Gottes große Huld; Die Strahlen jener Huld, die selbst das Aug' erschließen, Das eigensinnig sich dem Lichte will verschließen; Den Augendeckel rührt der Himmelkuß gelind: Sieh, das ist Gottes Welt und du bist Gottes Kind. 13. Die Tage nach dem Tag, wo du gepflanzt den Baum, An dem du blühen siehst der Zukunft goldnen Traum, Die Tage wünschest du, daß sie geflügelt seien, Um nur mit einemmal zu sehn des Baums Gedeihen. Doch geben kann dein Wunsch den Tagen keine Flügel; Die starke Hand der Zeit führt sie am festen Zügel. Und desto langsamer siehst du dahin sie schreiten, Je ungeduldiger du wünschest ihr Entgleiten. O wünsche nichts vorbei und wünsche nichts zurück! Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück. Die Zukunft kommt von selbst, beeile nicht die Fahrt! Sogleich Vergangenheit ist jede Gegenwart. Du aber pflanz' ein Kraut an jedem Tag im Garten, So kannst du jeden Tag auch eine Blüt' erwarten. 14. Du fragst, wie Ewigkeit du dir auf Erden dichtest? Nicht anders als indem du Zeit und Raum vernichtest. Die Zeit vernichtest du, wenn selig du vergissest Vergangenes und nicht Zukünftiges ermissest. Den Raum vernichtest du, wenn, wo du bist, du bleibst In Frieden, dich nicht um in fremden Kreisen treibst. Dadurch vernichtest du nicht völlig Zeit und Raum, Doch ist, was übrigbleibt, dir nur ein leichter Traum. Aus diesem Traume laß vom Wachen dich nicht stören; Was hast du auf der Welt zu sehn noch und zu hören? Und was du hören mußt und sehn, dir ist gegeben Die Kunst, es deinem Traum unstörend einzuweben. 15. Geh unempfindlich nicht und ungerührt vorbei Vorm Schönen dieser Welt, als ob's nicht Gottes sei. Zu schauen Blumenflor, zu hören Vogelchor, Hat er das Auge dir erschlossen und das Ohr. Wenn du verstopfen willst das Ohr, das Auge schließen, Kann Gottes Preis dir nicht ertönen und ersprießen. Viel Schönes hat die Welt, das, um von dir genossen Zu werden, Gott erschuf, genieß' es unverdrossen! 16. Es ist ein Ewiges, das wandelt und das bleibt, Das in sich selber ruht und ruhlos alles treibt. Du mußt Erregungen und Leidenschaften lassen, Wenn du das Ewige, das ruhet, willst erfassen. Du mußt Erregungen und Leidenschaften hegen, Wenn dich das Ewige, das wandelt, soll bewegen Erfassend und erfaßt, erregend und erregt, Sei gleich dem Ew'gen selbst, bewegt und unbewegt. 17. Mit Unvollkommenheit zu ringen ist das Los Des Menschen, ist sein Wert und nicht sein Mangel bloß. Was unvollkommen ist, das soll vollkommen werden; Denn nur zum Werden, nicht zum Sein, sind wir auf Erden. 18. Am letzten Tag des Jahrs blick' ich zurück aufs ganze, Und leuchten seh' ich es gleich einem Gottesglanze. Es war nicht lauter Licht, nicht lauter reines Glück, Doch nicht ein Schatten blieb in meinem Sinn zurück. Die Freuden blühn mir noch, die Leiden sind erblichen, Und ins Gefühl des Danks ist alles ausgeglichen. Ich gab mit Lust der Welt das Beste, was ich hatte, Und freute mich zu sehn, daß sie's mit Dank erstatte. Nichts Bessres wünsch' ich mir, als daß so hell und klar, Wie das vergangne mir sei jedes künft'ge Jahr. 19. Am Neujahrsmorgen merkt man wohl auf Schicksalszeichen; Glaubt' ich den meinigen, so müßt' ich schon erbleichen. Ich schlüpft', als ich aufstand, verkehrt in mein Gewand; Als ich die Uhr nahm, fand ich, daß sie stille stand. Mög' alles, was verkehrt ich dieses Jahr soll thun, So leicht wie dies Gewand sein umzuwenden nun! Und wenn mir soll die Uhr des Lebens stille stehn, Mög' es so unvermerkt und sanft im Schlaf geschehn!