Erster Bezirk Italienische Gedichte Aus dem römischen Tagebuch, von Allerheiligen bis Weihnachten 1817. Herr! laß mich nicht im fremden Lande sterben, Wo keine Hand die Augen zu mir drücket Und keine mir den Ort mit Blumen schmücket, Wo man mich hinwirft bei zerbrochnen Scherben. Einst wünscht' ich eine Stätte zu erwerben An jenem Orte, der seitdem entrücket Dem Geist ward wie den Augen, wo gepflücket Vom Tod ich sah die schönste Blum' entfärben. Das waren Wünsche, die ich that in Reimen, Als ich, mit Blumenspielwerk überhäufend Ein Menschengrab, Abgötterei getrieben. Jetzt fühl' ich still den Ernst im Herzen keimen In nächt'ger Stund' und flehe, Thränen träufend: »Herr! laß mich sterben heim bei meinen Lieben!« Aus der Jugendzeit Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar; O wie liegt so weit, o wie liegt so weit, Was mein einst war! Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang, Die den Herbst und Frühling bringt; Ob das Dorf entlang, ob das Dorf entlang Das jetzt noch klingt? »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer.« O du Kindermund, o du Kindermund, Unbewußter Weisheit froh, Vogelsprachekund, vogelsprachekund Wie Salomo! O du Heimatflur, o du Heimatflur, Laß zu deinem heil'gen Raum Mich noch einmal nur, mich noch einmal nur Entfliehn im Traum! Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, War die Welt mir voll so sehr; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer. Wohl die Schwalbe kehrt, wohl die Schwalbe kehrt, Und der leere Kasten schwoll, Ist das Herz geleert, ist das Herz geleert, Wird's nie mehr voll. Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt Dir zurück, wonach du weinst; Doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt Im Dorf wie einst: »Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, Waren Kisten und Kasten schwer; Als ich wieder kam, als ich wieder kam, War alles leer.« Oktaven 1. Ich hätte Herzzerreißendes zu singen, Wollt' ich enthüllen, was tief in mir lodert; Ich müßte mich zu falschen Tönen zwingen, Wollt' ich der Menge geben, was sie fodert. Wie helle Blumen aus der Erde dringen Und dunkler Tod still unter ihnen modert; So soll mein Sinn sich sanft in Schmuck verhüllen Und meine Trauer euch mit Lust erfüllen. 2. Da ich des Lebens Lust und Leid erfuhr, Mein Herz vermag zu zürnen und zu lieben, Zu mir vernehmlich redet die Natur, Mir jede Sprache lebt, die Menschen schrieben; Und alles, das ich nicht zu denken nur, Auch auszusprechen fühle mich getrieben: Wie sollt' ich nicht, zum Trotz den Splitterrichtern, Mich selber zählen zu den wahren Dichtern? Sicilianen 1. Ach, ein verzaubert Reich ist die Natur, Stets hoffend, daß man sie des Banns entbinde. Im Frühling ahnt sie der Erlösung Spur; Sie hofft, daß ganz in Glanz und Duft sie schwinde. Der süße Todesschauer kam und fuhr Vorüber, wirkungslos im Frühlingswinde. O Liebe, komm! in deinen Blicken nur Ist Hoffnung, daß die Welt in Feuer schwinde. 2. O Frühling, ew'ge Liebesmelodie, Unausgetönt von allen Nachtigallen, Unausgeblüht von allen Rosen, wie Unausgefühlt von Menschenherzen allen! So Frühling, wie du's nun bist, warst du nie, Und nie so Frühling wirst du wieder wallen; Denn nun zum Frühling macht dich blickend Sie, Und sonst nur Blicke, die der Sonn' entfallen. 3. Du bist von mir als wie der Lenz geschieden, Wie war dein Abschiedlächeln zaubervoll! Ein Thränchen Tau an deinen Augenliden, Ein Seufzerchen, das auf der Lippe schwoll! So schiedest du, der Wehmut stillen Frieden In meinem Busen lassend, nicht den Groll. So sieht Erinn'rung ewig dich hienieden, Bis ich dich droben ewig sehen soll. 4. Ich will aufs Grab dir duft'ge Blüten streuen, O Blüte, die der Tod in Staub gestreut! Das Blumenopfer will ich dir erneuen, So oft der Lenz sein Blumenreich erneut. Wie sollt' ich, Blumen, euch zu brechen scheuen, Da sie zu brechen nicht der Tod gescheut? Für sie zu sterben sollt ihr nun euch freuen, Weil ohne Sie euch doch zu blühn nicht freut. Ritornelle 1. 1. Laßt Lautenspiel und Becherklang nicht rasten, Solang' es Zeit ist zu der Jugend Festen. Ist Fasching aus, so folgen dann die Fasten. 2. Der Freundin Bild ist in mein Herz geflossen; Die Hand des Schöpfers ewig sei gepriesen, Die mir zum Seh'n das Aug' hat aufgeschlossen. 3. Mir träumt', ich starb, und deine Thränen flossen, Da richtet' ich mich auf und lebte wieder, Der welken Blume gleich, die Tau begossen. 2. 1. Blüte der Mandeln! Du fliegst dem Lenz voraus und streust im Winde Dich auf die Pfade, wo sein Fuß soll wandeln. 2. Zierliches Glöckchen! Vom Schnee, der von den Fluren weggegangen, Bist du zurückgeblieben als ein Flöckchen. 3. O Lorbeerzweige! Ihr wachst auf einem himmelnahen Gipfel, Zu dem ich nun schon zwanzig Jahre steige. 3. 1. Was ist zu machen? Geh' ich von ihr, so wird mein Herz zerspringen; Und bleib' ich bei ihr, wird sie aus mich lachen. 2. Werde nicht irre Am dunkeln Liebesrätsel! Sinn' und harre, Bis sich's dir lieblich wie ihr Haar entwirre. 1. Mewlana Dschelaleddin Rumi 1819. »Im Osten tagt's von unsres Feuereifers Lichte.« J.v. Hammer, in den Redekünsten Persiens. Die Form des Ghasels Die neue Form, die ich zuerst in deinen Garten pflanze, O Deutschland, wird nicht übel stehn in deinem reichen Kranze. Nach meinem Vorgang mag sich nun mit Glück versuchen mancher So gut im persischen Ghasel wie sonst in welscher Stanze. 1. Solang' die Sonne nicht den Nachtflor bricht, Sind Tagesvögel ohne Zuversicht. Der Blick der Sonne ruft die Tulpen auf; Jetzt ist, o Herz, dir zu erwachen Pflicht. Das Sonnenschwert gießt aus im Morgenrot Das Blut der Nacht, von der es Sieg erficht. Voll Schlafs das Auge, sprach ich: »Es ist Nacht.« Er sprach: »Vor meinem Angesichte nicht.« Solang' es graut, ist zweifelhaft der Tag; Am hellen Tag, wer zweifelt noch am Licht? Im Osten steht das Licht, ich steh' im West, Ein Berg, an dessen Haupt der Schein sich bricht. Ich bin der Schönheitssonne blasser Mond; Schau weg von mir, der Sonn' ins Angesicht! Dschelaleddin nennt sich das Licht im Ost, Des Wiederschein euch zeiget mein Gedicht. 2. Zum Himmel thu' ich jede Nacht den Liebesruf, Der Schönheit Gottes voll, mit Macht den Liebesruf. Mir jeden Morgen Sonn' und Mond im Herzen tanzt, Zu Sonn' und Mond thu' ich erwacht den Liebesruf. Auf jeder Au' erglänzt ein Strahl von Gottes Licht, Ich thu' an Gottes Schöpferpracht den Liebesruf. Die Turteltaub' im Laub, erweckt von meinem Gruß, Thut mir entgegen girrend sacht den Liebesruf. Dem Felsen, der zu deinem Preis mit Licht sich krönt, Zuruf' ich, und er nimmt in acht den Liebesruf. Dir thu' ich für die Blum' im Feld, die schüchtern schweigt, Fürs Würmlein, das du stumm gemacht, den Liebesruf. Das Weltmeer preist mit Rauschen dich, doch ohne Wort; Ich hab' in Worte ihm gebracht den Liebesruf. Dir thu' ich als das Laub am Baum, als Tropf' im Meer, Dir als der Edelstein im Schacht den Liebesruf. Ich ward in allem alles, sah in allem Gott, Und that, von Einheitglut entfacht, den Liebesruf. 3. Ich sah empor und sah in allen Räumen eines; Hinab ins Meer und sah in allen Wellenschäumen eines. Ich sah ins Herz, es war ein Meer, ein Raum der Welten, Voll tausend Träum'; ich sah in allen Träumen eines. Du bist das Erste, Letzte, Äußre, Innre, Ganze; Es strahlt dein Licht in allen Farbensäumen eines. Du schaust von Ostens Grenze bis zur Grenz' im Westen, Dir blüht das Laub an allen grünen Bäumen eines. Vier widerspenst'ge Tiere ziehn den Weltenwagen; Du zügelst sie, sie sind an deinen Zäumen eines. Luft, Feuer, Erd' und Wasser sind in eins geschmolzen In deiner Furcht, daß dir nicht wagt zu bäumen eines. Der Herzen alles Lebens zwischen Erd' und Himmel, Anbetung dir zu schlagen soll nicht säumen eines! 4. Wohl endet Tod des Lebens Not, Doch schauert Leben vor dem Tod. Das Leben sieht die dunkle Hand, Den hellen Kelch nicht, den sie bot. So schauert vor der Lieb' ein Herz, Als wie von Untergang bedroht. Denn wo die Lieb' erwachet, stirbt Das Ich, der dunkele Despot. Du laß ihn sterben in der Nacht, Und atme frei im Morgenrot. 5. Ihr Augen, geht, den Lenz zu schauen, Der lächelnd liegt auf unsern Auen. Ein Himmelskind in Blumenwiegen, Gesäugt von Milch der Wolkenfrauen. Die Ostluft ist die Amm' und schaukelt Die Wiege mit dem Hauch, dem lauen. Das Kindlein thut, als schlaf' es, blinzet Mit seinen Äugelein, den schlauen. Und wie's die Augen aufgeschlagen, Träuft Tau von seinen Augenbrauen. Und Bienen kommen, saugen emsig Den Tau, aus dem sie Honig brauen. O kommt und laßt euch doch vom Lächeln Des Himmelkindleins auch durchtauen. O kommt aus euern dumpfen Zellen, Die euch des Himmels Licht verbauen. Laßt uns die Zell' aus Wachs und Honig Sechseckig, wie die Bienen, bauen. Erwarmt am bunten Blumenfeuer, Und laßt die Aschen ruhn, die grauen. Die Buß' ist tot, die Liebe lebet, Ihr Atem weht in unsern Gauen. Geht in des Frühlings Liebeschenke, Trinkt seines Weines ohne Grauen; Auf daß ihr liebestrunken werdet, Eu'r Herz sich öffne mit Vertrauen. Die Lieb' ist wach an Erd' und Himmel, Im Grünen Rose, Sonn' im Blauen. O Nachtigall, sieh deine Rose; Du Adler sollst zur Sonne schauen. 6. Ich sah, wie auf zur Sonne sich schwang ein Adelaar, Und wie im Schatten girrte ein Turteltaubenpaar. Ich sah, wie Wolkenherden der Ost am Himmel trieb, Und auf der Flur dem Hirten sich stellten Lämmlein dar. Ich hörte Sterne fragen: »Wann sollen wir entstehn?« Und Keim im Körnchen: »Sollen wir schlafen immerdar?« Ich sah ein Gras am Morgen erblühn und vor der Nacht Verblühn und Zedern trotzen den Stürmen tausend Jahr. Ich sah des Weltmeers Wogen wie Kön'ge schaumgekrönt, Vorm Fels sich niederwerfen wie Beter am Altar. Ich sah ein Tröpflein funkeln, Juwel am Sonnenstrahl, Das, aufgeglüht zu werden, nicht scheute die Gefahr. Ich sah im Menschenwimmeln sich Städt' und Häuser baun, Und Hügelein zu häufen sich mühn Ameisenschar. Ich sah das Roß des Krieges zertreten Stadt und Land, Daß seine Hufe wurden vom Blute rosenfar. Ich sah den Winter weben aus Flocken ein Gewand Der Erde, die der Frühling verlassen nackt und bar. Den Webstuhl hört' ich sausen, der Sonnenschleier wob, Und sah ein Räuplein weben sein Grab aus Fädlein klar. Ich sahe Groß' und Kleines, und sah auch Kleines groß; Denn Gottes Gleichnis sah ich in allem, was da war. 7. Unser Haus hat viele Thüren, Die hinein zum Herren führen. Wer den Herrn sieht, muß anbetend Mit der Stirn den Boden rühren. Viel' im Haus sind blind geboren, Die des Herrn Gebot doch spüren. Auch den Lahmen sind gegeben Hausgeschäfte zu vollführen. Selbst der Wind mit kaltem Atem Muß des Hauses Feuer schüren. Thun muß jeder, was ihm obliegt, Wahl hat keiner, selbst zu küren. Mancher wähnt sich frei und siehet Nicht die Bande, die ihn schnüren. Trägest du dein Band in Demut, Wird es dir zu Blumenschnüren. Schwöre Treu'! und Gnad' antwortet Dir mit höchsten Liebeschwüren. Knecht im Hause! gegen deinen Mitknecht will kein Stolz gebühren. Sei verträglich! denn der Herr hat Keine Freud' an Ungebühren. Wer darf trotzig Einlaß fordern, Den nicht Er ein lässet führen? Wer kann mit dem Hausherrn hadern, Den er stößt aus seinen Thüren? 8. Tag ist's, auf, steh auf, o Jüngling Muselmane! Packe dein Gerät und komm zur Karawane. Horch, o horch, sie ziehet schon, indes du schläfest. Horch! ihr Glöcklein, daß es nicht zu spät dich mahne! Wann der Wüste Sand verweht hat ihre Spuren, Hoffe nicht, daß sie dein Fußtritt wieder bahne. Auf dich raffe! sei ein Mann, ein Held, ein Kämpe, Bringe nicht das Leben hin in eitlem Wahne. Sei gedenk des Ahnenstammes, Perserjüngling, Wie Rostem ein Held, wie Sal ein Pehlewane. Mann des Lichtes, Held des Rechtes, Sonnenkämpe! Falle nicht anheim dem dunklen Ahrimane. Wenn du hast die ird'sche Seel' im Kampf getötet, Schwingt die himmlische des Lebens Siegesfahne. Wann du dich demütigtest zum Staub der Schwelle, Wirst du Siegelring in unsres Schachs Diwane. 9. Die Liebe rief vom Himmelsthor: »Wer ist, der schaut zu Gott empor?« »Wir sind, die schaun empor zu Gott«, Rief zu der Lieb' ein Priesterchor. Die Liebe rief: »Wie könnt ihr schaun? Vor eurem Antlitz hängt ein Flor, Ein Flor, gewebt aus Gier und Haß, Durch den das Licht den Schein verlor. Vor eurem trüben Blicke nimmt Die Sonne Wolkenschleier vor. Die Gnade, die auf Wolken sitzt, Schließt eurem dumpfen Ruf ihr Ohr, Und die Erhörung steiget nicht Herab, die eu'r Gebet beschwor. O thut, eh' ihr zum Himmel schaut, Euch Erdedunkels ab zuvor. Statt Gier und Haß nehmt Lieb' ins Herz Und schaut zur Gottheit dann empor.« 2. Mewlana Dschelaleddin 1. Mit deiner Seele hat sich meine Gemischt wie Wasser mit dem Weine. Wer kann den Wein vom Wasser trennen, Wer dich und mich aus dem Vereine? Du bist mein großes Ich geworden, Und nie mehr will ich sein dies kleine. Du hast mein Wesen angenommen, Sollt' ich nicht nehmen an das deine? Auf ewig hast du mich bejahet, Daß ich dich ewig nie verneine. Dein Liebesduft, der mich durchdrungen, Geht nie aus meinem Mark und Beine. Ich ruh' als Flöt' an deinem Munde, Als Laut' in deinem Schoß alleine. Gib einen Hauch mir, daß ich seufze, Gib einen Schlag mir, daß ich weine. Süß ist mein Weinen und mein Seufzen, Daß ich der Welt zu jauchzen scheine. Du ruhst in meiner Seele Tiefen Mit deines Himmels Widerscheine. O Edelstein in meinen Schachten, O Perl' in meinem Muschelschreine. Mein Zucker ist in dir zerschmolzen, O Milch des Lebens, milde, reine; Und unsre beiden Süßigkeiten Genießet Kindermund als eine. Du preßtest mich zu Rosenwasser, Nicht seufzt' ich unter deinem Steine. In deiner süßen Qual vergaß ich, Daß ich die Rose war am Raine. Da brachtest du an deinen Kleidern Mich mitten unter die Gemeine; Und als du auf die Welt mich gossest, Ward sie zu einem Rosenhaine. 2. Zur Sonne schaut der Aar mit Mut, Die weh dem Eulenauge thut. Doch dir genüber, höchste Sonn', Ist Eule gleich und Adlerbrut. Was ist die blöde Seele, die Blinzend nach dir das Aug' aufthut! Die Kerz' umkreist der Schmetterling, Planeten wandeln lichtbeschuht. Planet und Schmetterling ist eins, O höchstes Licht, in deiner Hut. Was ist die kühne Seele, die Dich zu umkreisen niemals ruht? Die Flamme zehret trocknes Holz, Das feuchte ist dazu nicht gut. Doch feucht' und trocknes Holz ist eins, O höchste Flamm', in deiner Glut. Die Fluten löschen Gluten aus, In deinen Gluten brennt die Flut. Unliebe selbst zu lieben, halt', O Liebe, dich nur nicht zu gut! Du bist nicht Glut, wenn du nicht zwingst Des spröden Stoffes Trotz und Wut: Brich das verstockte Herz der Welt Und bring in Fluß das starre Blut! 3. Laß mein Streben dir gefallen Und mich strebend weiter wallen! Laß mich stehn durch deine Huld, wo Ich durch meine Schuld gefallen. Von des Berges Gipfel glänzen Mir entgegen deine Hallen; Und die heil'gen Chorgesänge Hör' ich mir entgegenschallen. Laß den Glanz und laß den Klang nicht, Eh' ich nah', in Duft zerwallen; Hüben ich, du drüben! laß mich Von der Kluft zurück nicht prallen. Zeige, die mich drüber trage, Mir die Brücke von Kristallen! Und dem Abgrundsungeheuer, Schwindel, seien stumpf die Krallen. Meiner Pilgerreise Schritte Zähl' ich ab an Betkorallen; Wie den Rosenkranz der Himmel Betet ab an Sonnenballen. Manches hab' ich nicht verstanden, Das ich wagte nachzulallen: Also singen dir zum Preise Unverstandnes Nachtigallen; Also lernen Kinder reden, Welche lieb dir sind vor allen. 4. Höchste Liebe, wo du thronest, laß vor deinem Throne knien Meine schönsten, ewig deinem Thron geweihten Melodien! Wenn sie wohlgefällig deinem Ohre tönen, wenn die Kraft Auch in deine Seele wirket, die du ihnen hast verliehn; Laß sie danken, laß sie beten, laß sie fragen, laß sie flehn: Wo ist, der ein Stern auf Erden mir aus deiner Höh' erschien? Der, sein Haupt mit deinen Rosen kränzend und sein Saitenspiel, Liebetrunken mir vorüberzog, um mich dir nach zu ziehn; Der in wallenden Gewanden, am gebrochnen Säulenschaft Lehnend, Lieder strömt', auf deren Wog' er selber wollt' entfliehn; Wo ist der dir Zugeflohne? Sag' mir's, Liebe, wie du einst Ihn beseligt hast auf Erden, wo du nun beseligst ihn? Wo, Volkstrachten ausgezogen, Stammabzeichen abgelegt, Schmelzen Kastenunterschied' in deinen ew'gen Harmonien; Wo ist unter allen Heil'gen aller Zonen (Heil sei dir, Heilig mir sein Angedenken!) Mewlana Dschelaleddin! 3. Freimund 1822. 1. Auf, zum Himmel dich zu schwingen aus der Nacht! Herz, empor zum Licht zu ringen aus der Nacht! Sieh, wie Gottes Liebesboten leuchtende Grüße dir entgegenbringen aus der Nacht! Wo im Westen sank die Sonne, blühn ihr nach Röten, die noch nicht vergingen, aus der Nacht. Wo sie steigen wird im Osten, sieh, wie schon Rosen an zu keimen fingen aus der Nacht! Lichts Erinn'rungen und Lichtes Hoffnungen, Die sich dir zum Kranze schlingen aus der Nacht. Und darüber schaun die ew'gen Stern' herein, Die hernieder tröstend klingen aus der Nacht: Eh' der Kranz von Doppelrosen dort verblüht, Wird dein ew'ger Tag entspringen aus der Nacht! Nachtigall der Himmelsrosen, Freimund, auf, Liebend dich empor zu singen aus der Nacht! 2. Die Seele soll am Boden schweben, wie lange noch? Und soll sich nicht ins Licht erheben, wie lange noch? Dem Strahl des Lichtes, der vom Himmel zur Erde kommt, Ist hier der Schatten beigegeben, wie lange noch? Die Sterne winken, doch du lässest, o Schmetterling, Den Flug um Sinnenblumen schweben, wie lange noch? Die Sonne strahlet, doch du lässest, o Nachtigall, Dich Rosenschlummerduft umweben, wie lange noch? Die Blume, die in Düften steigen zum Himmel will, Sie fühlt sich fest an Wurzeln kleben, wie lange noch? Der Frühling, der die Welt will schmelzen in Blumenglut, Muß vor dem starren Winter beben, wie lange noch? Und scheitern muß des ew'gen Lichtes Vernichtungskampf An dunkler Stoffe Widerstreben, wie lange noch? Wie lange willst du deiner Schranken, beschränkter Geist, Ohnmächt'gen Drangs dich überheben, wie lange noch? Sich senkt vor dir der Vorhang tiefer, jemehr du hebst, Doch immer suchst du ihn zu heben, wie lange noch? Es wächst die Zahl der Meereswogen, indem du zählst, Doch immer zählen mußt du eben, wie lange noch? O komm aus deinen Höh'n herunter! Es rufet hier Dein Liebchen und das Blut der Reben: wie lange noch? Sie rufen: »Gib dich uns gefangen und werde frei! Genieß und frage nicht das Leben: wie lange noch?« 3. Flammt empor in euren Höh'n, Morgensonnen, lobt den Herrn! Rauscht in euren Tiefen auf, Schöpfungsbronnen, lobt den Herrn! Die ihr, ohne zu verglühn, lang' geflammt vor seinem Blick, Ohne zu verrinnen, lang' hingeronnen, lobt den Herrn! Der ein mannigfaltiges Leben schaun will außer sich; Alle, die ein Leben ihr habt gewonnen, lobt den Herrn! Alle Tropfen seiner Huld, die zu Perlen sich geformt, Funken Lichtes, die zu Gold sind geronnen, lobt den Herrn! Soviel Halme von dem Tau seiner Gnade trunken sind, Soviel sich an seinem Strahl Welten sonnen, lobt den Herrn! Ob vor seinem ew'gen Blick ihr des Lebens raschen Tanz Jetzt vollendet oder jetzt habt begonnen, lobt den Herrn! Blumen, die der Frühling weckt, Garben, die der Sommer dörrt, Trauben, deren Blut der Herbst preßt in Tonnen, lobt den Herrn! Raupe, die das Blatt benagt, haftend an dem grünen Zweig, Puppe, zur Verwandlung reif eingesponnen, lobt den Herrn! Schmetterlinge, die ihr noch von dem Duft der Blüten nascht, Schmetterlinge, die ins Licht schon zerronnen, lobt den Herrn! Geister, eingeengt in Nacht oder aufgeflammt ins Licht, Herzen, schmeckend Lebenslust, Todeswonnen, lobt den Herrn! Die ihr mit dem Flügelschlag glühender Begeistrung strebt, Oder fördert euer Werk still besonnen, lobt den Herrn! Lobt den Herrn, des Lichtgewand auch durch dunkle Fäden wächst, Die ein unscheinbarer Fleiß hat gesponnen, lobt den Herrn! Lobt den Herrn, des Angesicht lächelnd in den Spiegel schaut Auch des Tropfens, der am Halm hängt geronnen, lobt den Herrn! Lobt den Herrn, der loben sich gern in allen Sprachen hört, Die Bedürfnis seines Lobs hat ersonnen, lobt den Herrn! Ob das Blatt am Zweige rauscht, ob des Menschen Zunge tönt, Ob ein Engel höhern Gruß sich ersonnen, lobt den Herrn! Alle, die ihr euren Gott fühlet, ahnet, denket, schaut, Die ihr sinnt, was niemals wird ausgesonnen, lobt den Herrn! Wenn in des Gemütes Nacht euch sein erster Schimmer brach, Oder wenn ihr euch im Glanz habt versonnen, lobt den Herrn! Alle Sinne, die des Sangs Woge schwellet himmelan, Lobt mit allen rauschenden Schöpfungsbronnen, lobt den Herrn! Alle Seelen, in der Glut des Gebetes Weihrauch-gleich, Lobt mit allen brennenden Morgensonnen, lobt den Herrn! 4. Durch die Himmel jüngst mit Flügelschnelle Stieg ich, suchend nach des Lichtes Quelle. Bei dem Monde fragt' ich, und er sagte, Von der Sonne fließ' ihm zu die Welle. Zu der Sonne kam ich, forscht' und hörte, Daß ihr Licht aus höh'rer Sonne quelle. Und ich hörte von der höhern Sonne, Daß noch höh'rer Sonnen Strom sie schwelle. Und es wies mich jede höh're Sonne Von sich weg zu höh'rer Sonnenschwelle. Und ich schweifte durch den Glanz und sahe, Daß unendlich mich umfloß die Helle; Bebte, daß mein Kahn an Sonnenklippen In des Lichtes Ozean zerschelle. Doch ein Engel, ungesehn im Glanze, Stand bei mir und redete: »Geselle! Wohin irrst du? wohin dich verlierst du? Kein Gestad' hat dieses Meeres Welle. Eine Woge fließet aus der andern, Alle fließen aus dem ew'gen Quelle. Der allgegenwärt'ge Quell des Lichtes Ist gleich nah' und ferne jeder Stelle. Näher ist er nicht der höchsten Sonne Als dir selbst in deines Busens Zelle. Kehre bei dir selber ein, o Freimund, Und daß hell dein Haus sei, das bestelle!« 5. Laß die Welt in deinen goldnen Strömen baden, ew'ges Licht! Speise Geister an der Tafel deiner Gnaden, ew'ges Licht! Wie das Meer in weiten Kreisen um das Land, so flutet dein Äther um die Welt in weitern Glanzgestaden, ew'ges Licht! Nicht die Sonne dich, die Sonnen zeugest du; in deinem Strahl Tanzen sie, als wie in ihrem Strahle Maden, ew'ges Licht! Nicht der Himmel kann dich fassen, und zur Erde steigest du, Opfer zündend unter allen Breitegraden, ew'ges Licht! Zu dem Meru, zum Olympos, wie zum Sinai herab Senkst du hell durch Wolkenschichten einen Faden, ew'ges Licht! Ab von dir ins Dunkel wendet ihren Pfad die Welt, doch du Strömst entgegen aus dem Dunkel ihren Pfaden, ew'ges Licht! Auch auf krummen Straßen lenkest du den Wahn zurück zu dir; Aber laß zu dir mich wandeln die geraden, ew'ges Licht! Wo vor dir sollt' ich mich bergen? Sollt' ich auf zum Himmel fliehn, Wo mir funkeln deine lichten Myriaden, ew'ges Licht; Wo vor dir sollt' ich mich decken? Flieh' ich in die Erdennacht? Golden brichst du durch des Schachtes dumpfe Schwaden, ew'ges Licht! Ja, dies Herz auf keine Weise kann sich deinem Dienst entziehn, Seit du mir dein goldnes Joch hast aufgeladen, ew'ges Licht! Du mit Strahlen hell besaitend Abendsternes Lautenspiel, Stimmest auch die schrill'ge Leier der Cikaden, ew'ges Licht! Auch in meiner Töne Fugen, allgeschmeid'ges, schmiege dich! Lasse dem Juwel nicht seine Fassung schaden, ew'ges Licht! Gleichwie deine Sonnenstrahle sende meine Lieder aus, Alle Welt zu deinen Festen einzuladen, ew'ges Licht! 6. O Wieg', aus der die Sonnen steigen, o heiliges Meer! O Grab, in das die Sonnen neigen, o heiliges Meer! O du im Duft der Nacht entfaltend den Spiegel, darein Vom Himmel Luna schaut mit Schweigen, o heiliges Meer! O du in stillen Mitternächten mit Wogengesang Einklingend in der Sterne Reigen, o heiliges Meer! Die Morgen- und die Abendröten erblühen aus dir, Zwei Rosen deinem Garten eigen, o heiliges Meer! Atmender Busen Amphitrites, der nieder und auf Die Wogen sinken läßt und steigen, o heiliges Meer! Schoß, mütterlicher, Aphrodites! gebäre dein Kind, Um deinen Glanz der Welt zu zeigen, o heiliges Meer! Spreng' auf den Frühlingskranz der Erde den perlenden Tau! Denn alle Perlen sind dein eigen, o heiliges Meer! Du sammelst alle dir entstammten Najaden der Flur Zurück zum Nereidenreigen, o heiliges Meer! Die Schiffe der Gedanken segeln und sinken in dir; Atlantis ruht in deinem Schweigen, o heiliges Meer! Der Götterbecher, der gefallen vom hohen Olymp, Hängt tief an den Korallenzweigen, o heiliges Meer! Ein Taucher in das Meer der Liebe ist Freimunds Gesang, Der deinen Glanz der Welt will zeigen, o heiliges Meer! Als wie der Mond will ich mit Sehnen mich stürzen in dich; Laß mich aus dir als Sonne steigen, o heiliges Meer! 7. Die Schöpfung ist zur Ruh' gegangen, o wach in mir! Es will der Schlaf auch mich befangen, o wach in mir! Du Auge, das am Himmel wachet mit Sternenblick, Wenn mir die Augen zugegangen, o wach in mir! Du Licht, im Äther höher strahlend als Sonn' und Mond; Wenn Sonn' und Mond ist ausgegangen, o wach in mir! Wenn sich der Sinne Thor geschlossen der Außenwelt, So laß die Seel' in sich nicht bangen, o wach in mir! Laß nicht die Macht der Finsternisse, das Grau'n der Nacht Sieg übers innre Licht erlangen, o wach in mir! O laß im feuchten Hauch der Nächte, im Schattenduft Nicht sprossen sündiges Verlangen, o wach in mir! Laß aus dem Duft von Edens Zweigen in meinem Traum Die Frucht des Lebens niederhangen o wach in mir! O zeige mir, mich zu erquicken, im Traum das Werk Geendet, das ich angefangen, o wach in mir! In deinem Schoße will ich schlummern, bis neu mich weckt Die Morgenröte deiner Wangen; o wach in mir! 8. Preis dir, allgewaltige Liebe, vielgestaltige! Licht und Schatten, Farbenspiel, Eine, mannigfaltige! Formenquelle, die du strömst, Unerschöpft reichhaltige! Fördre zur Geburt ans Licht Alles Lichtgehaltige! Laß im Licht gedeihn und blühn Alles Lichtgestaltige! Gleiche aus mit deinem Hauch Jegliches Zwiespaltige! Und vor deinem Blick vergehn Laß das Mißgestaltige! Blättre mir wie Rosen auf Dies Gemüt, das faltige! Und noch lange sing' ich dir Lieder mannigfaltige! 4. 1. An J. von Hammer Jüngst am blühenden Rosenhag sprach mit wichtiger Miene Gegen Sängerin Nachtigall Honigsammlerin Biene: Immer saugest du Rosenduft, immer Duft nur der Rosen, Kosest immer vom glühenden Rosenlippenrubine. Zur Werkstätte von meinem Fleiß dient dagegen mir jede Von den Knospen des Frühlinges zur Entfaltung gedieh'ne. Denn zum köstlichen Honigseim umzuwandeln versteh' ich Alles Süße, ohn' Unterschied allen Kelchen Entlieh'ne. Ob der Blüte die Farbe fehlt, leicht verzeih' ich den Fehler, Nur der fehlende Nektar bleibt das von mir Unverzieh'ne. Leider, daß mir der Flug versagt, um zu sehn, ob zu holen Duft nicht sei aus des blühenden Morgenrotes Karmine. Darum bin ich durch Emsigkeit die im Land Berühmte, Du, Verliebte, durch Müßiggang bleibst mit Recht die Verschrie'ne. Sieh, derweil du dich abgehärmt hast am Dorne der Rosen, Stieg ich duftend aus Veilchenschoß mit vergoldeter Schiene. Und nun sage mit Einem Wort, ob du selber nicht meinest, Daß ich Kleine den Preis vor dir, stolze Große! verdiene? Oder, willst du noch streiten, laß zum Schiedsrichter uns wählen Den Dolmetschen der Pforte dort im hochtürmenden Wiene, Der, so hat mir Hafis gesagt, löst mit glücklicher Schnelle Jedes Rätsel aus Osten, das schwierig anderen schiene. 2. Der Bußeprediger Als ich nach Gewohnheit saß in der Schenke neulich, Mir zu machen Erdennot durch das Glas erfreulich; Kam ein Bußeprediger mit bestaubtem Kragen Und hub an den Wein zu schmähn, weit- und lästermäulig. Selber sich in heiligen Eifer redend, malt' er Den verdammten Freund mir mit Farben ganz abscheulich; Hätt' ich ihm geglaubt, so war in dem Höllenrachen Von den Drachen keiner so ganz entsetzlich greulich. Und so tobt er weiter, bis sein Gesicht in Flammen Selber glüht, ein Höllenschlund, rötlich, trüb' und bläulich. Meinem Schenken winkt' ich, der ihm ein Glas kredenzte Und mit schelm'schen Blicken es unterstützte treulich. Erstlich sträubte sich der Held, sprach den Fluch und Segen; Endlich nahm er's an den Mund, schlürfte leckermäulig. Mildere Beredsamkeit drauf entfloß den Lippen, Paradiesisch lustentzückt, himmlisch morgentäulich. Mit dem Schenken tanzt' er um, sang das Lob des Weines, Und den alten Schmähgesang widerrief er reulich. »O Hafis!« sprach er zu mir, »Wein ist Seelenwollust, Wie der Himmelsmädchen Kuß ewig neu jungfräulich.« 3. Die Entflohene Wie die Sonne sinkt am Abend, Sich im goldnen Glanz begrabend; Wie der Lenz vorm Herbste flüchtet, Im Entfliehn mit Duft noch labend; Wie die schöne Jugendgöttin Auf dem Roß der Zeit hintrabend; Wie das Leben, in den Händen Unerfüllte Wünsche habend: Also flohst du, Sonne, Frühling, Jugend, Leben, lustbegabend; Und Hafis, dir ferne, fühlet Sterben, Alter, Herbst und Abend. 4. Heim Gott geleite die armen traurigen Kranken heim! Gott geleite die müden irren Gedanken heim! Gott verleihe dir einen Stab der Geduld, mein Herz! Müder Wandrer! um am Stabe zu wanken heim. Gott verleihe dir einen gnädigen Hauch, mein Schiff! Aus den Wogen des Unbestandes zu schwanken heim. Alle Triebe, dem dunklen Schoße der Erd' entblüht, Aufwärts ringen sie, sich zum Lichte zu ranken heim. Alle duftigen Blütenstäubchen der Frühlingslust, Rastlos sprühen sie, bis zum Staube sie sanken heim. Also sehnet Hafisens Seele sich himmelwärts, Und sein Irdisches zu den irdischen Schranken heim. 5. Herbstlied Was sagt der Herbst der Ros' ins Ohr. Daß sie die Munterkeit verlor? Er mahnt sie an die Nichtigkeit Der Treue, die der Lenz ihr schwor. Sie reißt entzwei den Schleier, den Sie nahm, als er zur Braut sie kor; Und wie sie bleich vom Throne sinkt, Erseufzt der Nachtigallen Chor. Wer brach entzwei das Lilienschwert? So blank geschliffen war's zuvor. Die Tulp' entfloh so eilig, daß Den Turban sie am Weg verlor. Beschämt senkt der Iasmin sein Haupt, Weil ihm der Ost die Locken schor. Es streut der Wind mit voller Hand Von Bäumen Blättergold empor. Das dürre Laub schwirrt durch die Luft, Wie Fledermäus' aus Gräberthor. Das Totenlied der Schöpfung spielt Der Herbstwind auf geknicktem Rohr. Die finstre Tanne trägt den Schnee Wie weißen Bund ums Haupt ein Mohr. Der Berg nahm weißen Hermelin, Weil ihm die nackte Schulter fror. O sieh des Jahrs Verwüstung an Und hole frischen Wein hervor! Die Sonne sandt' uns, eh' sie wich, Den jungen Most ins Haus zuvor, Daß er uns leucht' an ihrer Statt, Wann ihre Kraft dämpft Wolkenflor. Sieh, wie des Wintergreises Grimm Des Frühlingskindes Hauch beschwor. Er weckt im Bechertönen ein Verzaubert Nachtigallenchor; Und trunkne Blicke sich ergehn Auf schöner Wangen Rosenflor. Du trink', und seufz' im Winter nicht; Denn auch im Frühling seufzt ein Thor. 6. Das ist dein Amt Leucht', o flammendes Sonnenaug', über die Welt; das ist dein Amt. Lenz! mit blühendem Rosentraum schmücke das Feld; das ist dein Amt. Mond am Himmel! o schlafe nicht! denn hier auf Erden wollen sein Liebesnächte von deinem Strahl lieblich erhellt; das ist dein Amt. Sing', o liebende Nachtigall, was du von Rosen-Schönheit weißt, Sing' und stirb im Gesang, zu Sang bist du bestellt; das ist dein Amt. Thräne meines verlassnen Augs! für ein geliebtes Bild, das hier Soll einkehren, mit duft'gem Flor schmücke das Zelt; das ist dein Amt. Bild der Schönheit! mit Himmelsglanz allen in Nacht Versunkenen Vorzuleuchten, dazu hat uns Gott dich gesellt; das ist dein Amt. Sag' zu deinem verklärten Blick: lege die goldne Rüstung an, Gründ' auf Erden der Liebe Reich, leuchtender Held! das ist dein Amt. Zu dem Bogen der Braue sprich: spanne dich stolz, daß Pfeil auf Pfeil Auf rebellischer Herzen Trotz werde geschnellt; das ist dein Amt. Daß du flatternde Locke mich Flatternden fingest, dank' ich dir; Immer neu sei dein reizendes Netz mir gestellt; das ist dein Amt. O mein tönendes Saitenspiel! weil das Geschick in meine Hand Dich gegeben, von Liebeshauch Töne-geschwellt; das ist dein Amt. Lenk', o rüstiger Steuermann, diesen verlornen Nachen durch Klipp' und Brandung und Wogendrang, bis er zerschellt; das ist dein Amt. Laß die heuchlerisch dumpfe Welt scheitern an ihrer Eigensucht. Lieb' aufrichtig und trink, Hafis! schwärm' unverstellt; das ist dein Amt. 7. Und dann nicht mehr Ich sah sie nur ein einzig Mal, und dann nicht mehr. Da sah ich einen Himmelsstrahl, und dann nicht mehr. Ich sah umspielt vom Morgenhauch durchs Thal sie gehn; Da war der Frühling in dem Thal, und dann nicht mehr. Im Saal des Festes sah ich sie entschleiern sich; Da war das Paradies im Saal, und dann nicht mehr. Sie war die Schenkin, Lust im Kreis kredenzte sie; Sie bot mir lächelnd eine Schal', und dann nicht mehr. Sie war die Ros', ich sah sie blühn im Morgentau; Am Abend war die Rose fahl, und dann nicht mehr. Nur einmal weinte Gärtner Lenz um eine Ros': Als Tod ihm diese Rose stahl, und dann nicht mehr. Ein einz'ges Mal, als sie erblich, war herb die Lust Des Lebens, süß des Todes Qual, und dann nicht mehr. Ich sah die Rose Braut im Flor verschließen in Die dunkle Kammer eng und schmal, und dann nicht mehr. Ich will ums Rosenbrautgemach im Mondenglanz Noch weinen meiner Thränen Zahl, und dann nicht mehr. 8. Die Rose im schönsten Glanze Der hat in ihrem schönsten Glanz die Rose nicht gesehen, Wer nie die Perle des Gefühls ihr sah im Auge stehen. O Liebe! wunderbare Macht, daß deine höchste Wonne In Menschenbrust den Ausdruck muß borgen von Schmerz und Wehen. Die Rose lächelte mich an, und von den süßen Strahlen Ging mir im stillen Herzen auf ein Drang zu süßem Flehen. Ich klagte wie die Nachtigall, bis meine Rose weinte; Und wie ich's sah, verklagt' ich mich, daß es durch mich geschehen. Die Rose trug, in Duft gehüllt, die Fülle des Gefühles, Sich unbekannt; mein Seufzer kam, den Schleier wegzuwehen. Und wie sie sah vor ihrem Blick den Abgrund ew'ger Liebe Im eignen Herzen, bebte sie darinnen zu vergehen. Sie sah nach einem Stab sich um, sich schwindelnd festzuhalten, Sie warf sich an mein schwaches Herz, als könnt' ich bei ihr stehen. O Rose, wenn du trunken bist, so bin ich selbst berauschet, Und keine Rettung weiß ich, als zusammen untergehen. 9. Schlußlied Du Duft, der meine Seele speiset, verlaß mich nicht! Traum, der mit mir durchs Leben reiset, verlaß mich nicht! Du Paradiesesvogel, dessen Schwing' ungesehn Mit leisem Säuseln mich umkreiset, verlaß mich nicht! Du Amme mir und Ammenmärchen der Kindheit einst! Du fehlst, und ich bin noch verwaiset verlaß mich nicht! Du statt der Jugend mir geblieben, da sie mir floh; Wo du mir fliehst, bin ich ergreiset, verlaß mich nicht; O du mein Frühling! sieh, wie draußen der Herbst nun braust; Komm, daß nicht Winter mich umeiset, verlaß mich nicht! O Hauch des Friedens! horch, wie draußen das Leben tobt; Wer ist, der still hindurch mich weiset? Verlaß mich nicht! O du mein Rausch! du meine Liebe! o du mein Lied! Das hier durch mich sich selber preiset, verlaß mich nicht! Zweiter Bezirk Ghaselen Nachklang 1837. Und du hast mich nicht verlassen, Mich verlassen wirst du nie. Wenn die Rosen hier erblassen, Dort am Himmel blühen sie. Wo der Himmel dort im Osten Schmückt sein ew'ges Rosenbeet, Laß mich Duft der Sehnsucht kosten, Der von meiner Heimat weht! Dankbar bin ich meinem Auge, Daß ihm keine Blum' im Thal Blühet, ohne daß es sauge Einen lichten Gottesstrahl. Der im Osten und im Westen Höhet seiner Liebe Stern, Der das Schöne dir zum Besten Hat gegeben, Preis dem Herrn! Dritter Bezirk Östliche Rosen Zu Goethes westöstlichem Diwan Wollt ihr kosten Reinen Osten, Müßt ihr gehn von hier zum selben Manne, Der vom Westen Auch den besten Wein von jeher schenkt' aus voller Kanne. Als der West war durchgekostet, Hat er nun den Ost entmostet; Seht, dort schwelgt er auf der Ottomane. Abendröten Dienten Goethen Freudig als dem Stern des Abendlandes; Nun erhöhten Morgenröten Herrlich ihn zum Herrn des Morgenlandes. Wo die beiden glühn zusammen, Muß der Himmel blühn in Flammen, Ein Diwan voll lichten Rosenbrandes. Könnt ihr merken An den Stärken Dieses Arms, wie lang' er hat gefochten? Dem das Alter Nicht den Psalter Hat entwunden, sondern neu umflochten. Aus iran'schen Naphthabronnen Schöpft der Greis itzt, was die Sonnen Einst Italiens ihm, dem Jüngling, kochten. Jugendhadern In den Adern, Zorn und Glut und Mild' und süßes Kosen; Alles Lieben Jung geblieben, Seiner Stirne stehen schön die Rosen. Wenn nicht etwa ew'ges Leben Ihm verliehn ist, sei gegeben Langes ihm von uns gewognen Losen. Ja von jenen Selbst, mit denen Du den neuen Jugendbund errichtet, Sei mit Brünsten Unter Künsten Aller Art, in der auch unterrichtet, Wie Saadi in jenem Orden Über hundert Jahr' alt worden, Und Dschami hat nah' daran gedichtet. Einladung O wie soll der Nachtigallen Seele denn ins Ohr dir fallen, Wenn dir immer noch vor Ohren Summet das Geschwätz von Thoren. Und wie soll dir Rosenblüte Wirklich blühen ins Gemüte, Willst du noch nach Schimmer gaffen, Den nicht die Natur erschaffen. Willst du aufgenommen werden Aus dem Irrgewirr auf Erden In des Frühlings heitre Chöre, So nichts andres sieh und höre. Suche bei uns nicht Zerstreuung, Sondern ewige Erfreuung. Komm und trinke ganzer Seele Rosenduft und Philomele! Die zwei Mächte Wein und schöne Mädchen Sind zwei Zauberfädchen, Die auch die erfahrnen Vögel gern umgarnen. Becherrand und Lippen, Zwei Korallenklippen, Wo auch die gescheitern Schiffer gerne scheitern. Kommst du in die Schenke, Auf ein Knie dich senke! Denn hier sitzen Fürsten, Die nach Ruhme dürsten. Und die Liebeszettler Schelte keine Bettler! Jeder trägt von Schmerzen Einen Schatz im Herzen. Liebe und Herr Becher! Freigeborner Zecher Königin und König! Eurem Throne frön' ich. Helfet ihr zu Rechte Menschlichem Geschlechte, Wird es unter Trümmern Niemals gar verkümmern. Gestern trat ein Weiser Vor des Himmels Kaiser, Frug, wie lang' die närr'schen Leute sollten herrschen? Und Gott sprach: So lange Eure Weisheit bange Wird den Menschen machen, Soll die Thorheit lachen. Loblied auf den Wesir Mönch! die Predigt schenk' ich dir, Die mir nicht kann taugen; Denn es winkt ein Becher mir Und zwei schöne Augen. Niemals hat mir Doppelrausch Tadelswert geschienen. Ist es nicht ein edler Tausch, Lipp- und Wein-Rubinen? Gott sei Dank, die Polizei Ist heut nachts gestorben. Um die Stell' hat frank und frei Sich der Rausch beworben. Sitz' in Schenken mit Verstand, Sei nicht stumm beim Weine, Nimm ein Liederbuch zur Hand, Wenn du willst, das meine. Wer nach leichten Melodien Singet meine Töne, Wird die Sorge sehn entfliehn Und sich nahn die Schöne. Liebchen! gib mir nur den Duft Von des Bechers Schaume, Und ich nähre bis zur Gruft Mich mit Wonnetraume. Lilien und Rosen sind Schön durch deine Blicke. Würze du den Frühlingswind, Daß sein Hauch erquickte. Wenn du einem Mann wie mir Ursach' gibst zu klagen, Werd' ich dich bei dem Wesir Unsrer Zeit verklagen. – Er, der Wesir, der Strebepfeiler Des Reichs der Welt, Ihn preist als Gnadenrechtserteiler Die Blum' im Feld. Saatfelder segnete durch seine Verwaltung Er. Im Schachte reifen Edelsteine, Perlen im Meer. Sein leichter Wink bringt in Bewegung Der Räder Schwung, Und der bewegten Herzen Regung Ist Huldigung. Der Himmel geht in stetem Kreise, Und Mond und Jahr Und Herbst und Frühling wechseln leise, Unwandelbar. Bis zu dem Tage des Gerichtes, Wo Gott dir lohnt, Sei hell vom Glanze deines Lichtes Dein Haus bewohnt. Dein Haus, der Weisen und der Dichter Erdparadies, Dazwischen Schenkenangesichter, Schön wie Huris. Hafis, der mit dem Glanz von Eden Dein Lob verbrämt, Thu'st du die Lippen auf zu reden, Schweigt er beschämt. Die Thränenbäche Ich zanke mit Thränenbächen Des Auges Tag und Nacht, Die aus dem Hause brechen Mit ungestümer Macht. Ich frage sie immer und immer: Wohin denn gehet ihr? Und andres erfahr' ich nimmer, Als daß sie gehen zu dir. Und wollt ihr denn niemals wandern Nach anderm Ziel, als dem? »Befiehl, nach welchem andern Wär' es dir angenehm?« Ich weiß auch keins, das besser; Geht nur zu ihrem Fuß Und bringt auf euerm Gewässer Ihr diesen seufzenden Gruß. Liebe und Entsagung Fülle Dschemschids Becher an Bis zum höchsten Rande, Höchsten Himmel bist du dann Drin zu sehn im stande. Kennst du nicht des Bechers Glanz? Das Gefäß Dschemschidens Ist dein Herz; du füll' es ganz Mit dem Schaum des Friedens! Bleibst du niemals ohne Wein, Ohne Lieb' und Lieder, Fehlt nicht Erdewüstenei'n Himmlisches Gefieder. Ihrer Liebe Schleier wird Lüften deine Rose, Ostwind! wenn du ungeirrt Fortübst dein Gekose. Sieh! kein Schleier deckt dein Bild; Rege, wo du gehest, Keinen Staub nur im Gefild, Daß du klar mich sehest. Ruf den Blitz auf deines Ichs Dunkles Wohngebäude, Und verklärt erweitre sich's Zum Palast der Freude. Zittre nicht, Verzicht zu thun, Herz! auf deine Deinheit, Wenn du aufgenommen ruhn Willst in meine Meinheit. Forderst du das volle Glas Von der Freundin Lippen, Fordre nicht noch dies und das Von der Erde Klippen. Geh zufrieden wie Hafis Auf Entsagungs-Wegen, Und es geht dir hier gewiß Einst die Lieb' entgegen. Glückliche Rettung Die Liebe fiel ins Grübchen am Kinn Und war unendlich erschrocken. Sie langte mit entschlossenem Sinn Nach einer der flatternden Locken Und zog sich mit Geschicke Heraus am artigen Stricke, Sonst läge sie, glaub' ich, noch darin. Liebesandacht O sei in keinem Augenblick, Mein Herz! von Rausch und Liebe leer. O wirf die Welt dir vom Genick, Und deine Ichheit wirf ins Meer. Der Liebe Meer ist reich und tief, Die Eigenlieb' ist kahl und seicht. Der Gang der Welt ist dumpf und schief, Der Flug der Lieb' ist hoch und leicht. Sieh an den frommen Mönch, und nimm Ein Beispiel dran, nicht so zu sein. Der Herr läßt leben gut und schlimm, Die Selbsucht nur verdammt allein. Wenn du den Himmel hast in dir, So ist dir Tod und Leben gleich. Und hast du nicht den Himmel hier, Was nützt dir dort das Himmelreich? Lieb' etwas hier und bet' es an, Vergöttre nur dich selber nicht – Mir brach der Eigenliebe Wahn, Als ich dir sah ins Angesicht. Du hast mit deiner Locken Band Der Ichheit Fesseln abgestrüpft, Und an der Seelen Vaterland Mit deinen Blicken mich geknüpft. Es hätte mich Verzweifelung Getötet über deinen Glanz, Hätt' ich in Liebeshuldigung Nicht dir mich hingegeben ganz. Du hast die Welt in Licht getaucht Und hast mich außer mich gestellt, Von deinem Odem angehaucht, In dir zu schauen Gott und Welt. – Ein Götzendiener bist du zwar, Hafis, doch dienst auch du dem Herrn; Denn wessen Rausch die Liebe war, Wie wär' dem Quell der Lieb' er fern? Anmeldung in der Schenke Der Ostwind kam ans Schenkethor, Mit lautem Gruß zu pochen; Da trat der alte Wirt hervor, Den hat er angesprochen: »Ich wünsche dir Glück zu dieser Zeit, Herr Frühling ist angekommen, Auf Flur und Anger weit und breit Ist neues Leben entglommen. Nun ist die Luft ein Balsamhauch, Ein Moschusreh die Erde, Unter Blumen am Blütenstrauch Froh spielender Gebärde. Von meinem Weh'n ist der Kamin Der Tulpen angefachet, Und Blicke wärmen sich am Karmin, Der Rosenwangen entlachet. Nimm meinen Rat in kluges Ohr, Nun fege die alte Schenke, Steck' einen grünen Busch ans Thor Und rüste frisches Getränke. Schon sah ich draußen im Sonnenschein Schmachten die lechzende Liebe, Sie kommt zu stürzen in deinen Wein, Ihre entflammten Triebe. Wehr' einen Trunk der Labung nicht Jedem aufrichtigen Zecher; Doch kommt ein Heuchler, ein kluger Wicht, So decke zu die Becher. Versauern würde sogleich der Wein, Wenn sauere Blick' ihn träfen; Und flöss' unlautere Weisheit darein, So würde der Trank zu Hefen. Leb' wohl! ich will nun meinen Herrn Hafisen sogleich dir schicken, Du wirst den Freund von selber gern Mit deinem Besten erquicken. Sich wagt, wo er in der Schenke zecht, Kein Heuchling, kein Mönch, kein Frömmling; Denn der Hafis ist schlecht und recht Der alten Treu' Abkömmling.« Der Talisman des Weines Wer trinkt soll reines Herzens sein, Mit Wein ist nicht zu scherzen. Der reine rote Edelstein Veredelt zwar die Herzen; Doch die Veredlung geht verloren, Wo nicht ist Edles eingeboren: Ihr Edlen, trinkt den edlen Wein! Es ist das zarte Feenkind Vor dumpfer Roheit schüchtern, Und keinem ist es hold gesinnt, Wer tobt, noch wer ist nüchtern. Geheimnisse ihm abzulauschen, Muß man sich mit Verstand berauschen Und nicht sich zechen taub und blind. Die Liebe ist als Talisman Dem Weine unentbehrlich, Und ohne Schönheit obenan Ist ein Gelag gefährlich. Drum trinkt nur ohne Fahr ein Dichter, Weil er ruft schöne Augenlichter Bei jedem Glas zu Zeugen an. Huldigungsruf Du hast an lieblicher Herrlichkeit Erstiegen die höchste Stufe; Die ganze Seele sei dir geweiht Zu einem Huldigungsrufe. O liebentglommener Rosenstrauch, Des Himmels Tau dich erquicke! Beschirme dich Gott vor giftigem Hauch Der Welt und schädlichem Blicke! Beschwichtigter Zweifel Über meinen eignen Kopf Bin ich nicht im reinen, Hab' ich, wie ein andrer Tropf, Einen oder keinen? In der Schenke, wann der Wein Mir zu Kopfe steiget, Fühl' ich erst der Kopf ist mein, Und der Zweifel schweiget. Reiseziel Nun ist das Leben an seinem Ziel, Und ohne Zweck war die Reise. O Jüngling, rühre das Saitenspiel, Schon morgen wirst du zum Greise. Das lecke Schiff und der morsche Kiel In Meeren ohne Geleise, Der Winde Ball und der Wellen Spiel, Unnütz gewirbelt im Kreise. So viel gehofft und gewünscht so viel, Getäuscht in jeglicher Weise, Hindurch durchs ewige Widerspiel, Gequält von Glut und von Eise. Nun sinkt die Rose auf mattem Stiel, Die Blätter fallen vom Reise, Nun ist das Leben an seinem Ziel, Und ohne Zweck war die Reise. Rosengeschmeide Die Rose meiner Liebe, Der keine Sonne scheint; Daß sie nicht schmucklos bliebe, Hat Perlen sich geweint. Sie trägt als Brustgeschmeide Der Thränen Perlenschnur. Des Schmuckes mich entkleide Die hohe Sonne nur. Die Perlen alle wollen Vergehn vor Ungeduld, Bis sie zergehen sollen An Blicken deiner Huld. Kehr' ein bei mir Du bist die Ruh', Der Friede mild, Die Sehnsucht du Und was sie stillt. Ich weihe dir Voll Lust und Schmerz Zur Wohnung hier Mein Aug' und Herz. Kehr' ein bei mir, Und schließe du Still hinter dir Die Pforten zu. Treib andern Schmerz Aus dieser Brust! Voll sei dies Herz Von deiner Lust. Dies Augenzelt Von deinem Glanz Allein erhellt, O füll' es ganz. Lachens und Weinens Grund Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde Ruht bei der Lieb' auf so mancherlei Grunde. Morgens lacht' ich vor Lust; Und warum ich nun weine Bei des Abendes Scheine, Ist mir selb nicht bewußt. Weinen und Lachen zu jeglicher Stunde Ruht bei der Lieb' auf so mancherlei Grunde. Abends weint' ich vor Schmerz; Und warum du erwachen Kannst am Morgen mit Lachen, Muß ich dich fragen, o Herz. Die Spätlingsrose Siehe, Verzicht Wollt' ich nunmehr auf die Rosen leisten; Hab' ich doch nicht, Weil sie mir blühten, geträumt wie die meisten. Glückliches Los! Siehe, da ist noch ein Nachwuchs gekommen, Sei auf den Schoß, Spätlingsrose! mir dankbar genommen. Erziehung Wiewohl man dir vom Nutzen spricht, Den andre edle Wissenschaften schafften, Doch lasse du die Liebe nicht, Sie ist die edelste der Wissenschaften. Wenn die Begierde nicht die Ruh', Die Stille stört, o Seele! die du brauchest, So kommst du noch gewiß dazu, Daß du dich ganz ins Licht der Liebe tauchest. O du! von deren Angesicht Der Frühlingsruf erging an mein Gemüte, Verwirre du die Triebe nicht, Und hilf erziehn die zarte Himmelsblüte! Das bittere Kraut O Scheiden und Meiden, du bittres Kraut! Wer hat dich zuerst im Garten gebaut? Konnt' er nichts Besseres ziehen? Er hat dich mit seinen Augen betaut, Davon bist du gediehen. O Scheiden und Meiden, vom Himmel gesetzt! Du bringest die süßen Früchte zuletzt, Derselben muß ich nun warten; Doch besser wär' es, ich hätte dich jetzt Nicht pflanzen müssen im Garten. Erste und letzte Reise Ich ging aus meinem Vaterland Ein einziges Mal im Leben, Und habe, weil ich dich draußen nicht fand, Mich schleunig zurück begeben. Ich werde nach keinem fremden Strand Mich jemals wieder begeben Und denk' einst auch nur an deiner Hand Zu reisen ins andre Leben. Geduld Herz! wir haben manches Jahr Nun gedient in Treuen, Und gehofft wohl immerdar, Lohn sollt' uns erfreuen. Da die Hoffnung eitel war, Soll es uns gereuen? Nein, versuchen wir's fürwahr Noch einmal vom neuen. Weltnot und eigne Wer die Weltnot heilen will, Thu', was ich ihm gern erlaube, Meine eigne muß ich still Heilen mit dem Saft der Traube. Glaubet mir, es ist kein Rat, All den Jammer zu ertragen, Als mit Trinken früh und spat Ihn sich aus dem Kopf zu schlagen. Sieh beständig in dein Glas, Weiter gibt's kein Glück auf Erden. Als ich in den Sternen las, Fand ich dort auch nur Beschwerden. Das ist meine größte Klage, Daß ein Liebchen mir geworden, Das, um ab des Lebens Plage Mir zu nehmen, mich will morden. Schämen solltest du dich doch, Auch der schlechten Welt zu gleichen. Floh ich nicht zu deinem Joch, Um dem ihren zu entweichen? Komm und laß in deinen Blicken Mich den Himmel offen sehn, In dem Becher deiner Lippen Trinkend selig untergehn. Wie die Ceder Wie die Ceder will ich erheben Über die Wolken hoch mein Haupt, Still in Lüften des Himmels schweben, Von Erdsorgen unangestaubt; Wenn dereinst mir das Glück erlaubt, Mich zur Einsamkeit zu begeben, Zu entsagen dem Menschenleben, Das den Frieden der Seele raubt. Die Quelle in der Wüste Wenn ich eine Quelle wüßte, Die von lautrem Weine flösse, Zu ihr zög' ich in die Wüste, Daß ich ungestört genösse. Eine Hütte wollt' ich baun, So daß über ihre Schwelle Flösse aller Wein der Quelle, Ringsum baut' ich einen Zaun. Menschen sollten mir nicht kommen, Mir den reinen Quell zu trüben, Doch erlaubt' ich's, daß die frommen Tiere zu mir her sich hüben. Die Gaselle sollte springen, Nachtigall den Gruß erwidern, Wenn ich trunken wollte singen Stellen aus Hafisens Liedern. Die Kerze Wie die Kerze Treu am Bette aller Schönen wach' ich; Wie die Kerze Jedem trunknen Nachtgelage lach' ich. Wie die Kerze Muß ich, mich verzehrend, Flammen saugen, Und vor Schmerze Kommt kein Schlaf bei Nacht mir in die Augen. Wie die Kerze Wein' ich still, wenn ich zu lachen scheine, Und ich scherze Lachend, wenn ihr glaubet, daß ich weine. Wie die Kerze Leuchtet in das Aug' der Welt mein Namen, Seit im Scherze Mich zwei Augen zu entflammen kamen. Wie die Kerze Will ich alle Welt in Flammen setzen, Daß die Schwärze Deines Aug's sich mög' am Brand ergetzen. Wie die Kerze Leuchtet mir dein Bild durch Grames Nächte; O entschwärze Mein Geschick durch deines Lichtes Mächte! Wie die Kerze Ist der Felsen der Geduld geschmolzen, Weil die Erze Deines Busens trotzen allen Bolzen. Wie die Kerze Ist Hafis in Liebesglut zerstoben, Freimunds Herze Hat die hellen Funken aufgehoben. Vierzeilen in persischer Form 1. Frühling ist, Verklärung schwebt um Busch und Strauch; Kann so reine Schönheit blühn auf Erden auch? Eine Himmelsunschuld jedes junge Blatt, Noch unangerührt von des Verderbens Hauch. 2. Eine Zauberin ist diese Erde, Schon so alt, noch reizend von Gebärde, In der Nacht des Winters treibt sie Künste, Daß sie jung am Frühlingsmorgen werde. 3. Vom Himmel kam geflogen eine Taube Und bracht' ein Kleeblatt mit dreifachem Laube. Sie ließ es fallen; glücklich, wer es findet! Drei Blättlein sind es: Hoffnung, Lieb' und Glaube. 4. Was du lieben kannst, mit Lieb' umfasse du's; Und was du nicht lieben kannst, o lasse du's. Überlasse du es dem, der alles liebt, Was er schuf; und was er liebt, nicht hasse du's. 5. Kein drückender Gefühl ist, als zu wissen, Daß, wo du gehst, dich niemand wird vermissen. Drum danke Gott, daß du ein Herz gefunden, Das weinen wird, wenn du ihm wirst entrissen. 6. Hoffnung wohnt bei Sterblichen hienieden, Und bei Toten wohnt im Grabe Frieden. Zage nicht, wie auch das Los dir falle, Immer ist dir, was du brauchst, beschieden. 7. O sei auf Gottes heller Welt kein trüber Gast! Mach' Schande nicht dem milden Herren, den du hast. Zeig' in Gebärd' und Wort und Blick, daß dem du dienst, Der sagt: »Mein Joch ist sanft und leicht ist meine Last.« Anhang Des Glockentürmers Töchterlein Mein hochgebornes Schätzelein, Des Glockentürmers Töchterlein, Mahnt mich bei Nacht und Tage Mit jedem Glockenschlage: »Gedenke mein! gedenke mein!« Mein hochgebornes Schätzelein, Des Glockentürmers Töchterlein, Rufet zu jeder Stunde Mich mit der Glocken Munde: »Ich harre dein, ich harre dein.« Mein hochgebornes Schätzelein, Des Glockentürmers Töchterlein, Es stellt die Uhr mit Glücke Bald vor und bald zurücke, Wie es uns mag gelegen sein. Mein hochgebornes Schätzelein, Wie sollt' es nicht hochgeboren sein? Der Vater war hochgeboren, Die Mutter, hocherkoren, Hat hoch geboren ihr Töchterlein. Mein hochgebornes Schätzelein Ist nicht hochmütig, und das ist fein; Es kommt wohl hin und wieder Von seiner Höh' hernieder Zu mir gestiegen im Mondenschein. Mein hochgebornes Schätzelein Sprach gestern: »Der alte Turm fällt ein, Man merkt es an seinem Wanken Ich will in Lüften nicht schwanken, Will dein zu ebner Erde sein.« Liebesgedanken Als ich von dir, Geliebte! mußte wanken, Ließ ich zurück die Hälfte der Gedanken, Die kleinre Hälfte nahm ich nur mit mir, Die mir's nun gar nicht danken, Daß sie nicht sind bei dir. Sie mahnen mich in jedem Augenblicke, Daß ich nach dir doch einmal Boten schicke, Dann will der Liebesbote jeder sein; Und wenn ich nicht gleich nicke, So gehen sie allein. Sie gehn zu dir und bringen kleine Lieder; Sind sie erst dort, so kommen sie nicht wieder, Und von Gedanken wird das Haus mir leer; Bald hab' ich nur noch Glieder Und kein Gedänkchen mehr. Abendlied Die ihr mit dem Odem linde Jedes Blümchen küßt und grüßt, Sagt mir, laue Abendwinde, Wo ihr jetzt mein Mädchen küßt? Ob im Spiegel eines Quelles Sich ihr klares Bildnis malt, Oder ob das Antlitz helles Abendrot ihr überstrahlt? Ob sie Nachtigallen grüßen, Wo sie froh durch Büsche eilt, Oder neue Blumen sprießen, Wo ihr sanfter Fußtritt weilt? Flattert zu ihr, laue Winde, Sagt ihr, daß ich harre schon; Ihr zum Führer tragt geschwinde Mit euch meines Liedes Ton. Durch die blauen Lüfte webet Abenddämm'rung, ruhig, mild, Und vom Stern der Liebe bebet Sanfter Schimmer aufs Gefild'. Nur wo mich ihr Arm umfasset, Lächelt mir der schöne Stern, Und sein hellster Glanz erblasset, O Geliebte, bist du fern. Der fromme Weidmann Die Sonne deckt mit Gold die Hügel, Der Abend senkt sich aufs Gefild', Und zu des Waldbachs klarem Spiegel Kommt aus dem Busch hervor das Wild. Es rauscht hervor aus dichtem Haine Und blickt nach mir mit keckem Mut, Wo neben mir am grünen Raine Mein Feuerrohr und Hündchen ruht. Wer hat, o Reh, dir das geheißen, Daß heut der Schütze dich nicht schreckt? Sei unverzagt! hier ruht das Eisen, Das mörderisch euch niederstreckt. Heut soll durch mich kein Leben sterben, Das noch wie ich sich freuen kann, Heut soll kein Blut die Hände färben, Die bald mein Mädchen hier umfahn. Was blickst du scheu nach jenen Büschen Und reckst den schlanken Hals empor? Sie ist's! sie ist's! aus jenen Büschen Schwebt meiner Liebe Bild hervor. Nun geh, den Freund dir aufzufinden, Mit ihm des Spieles dich zu freun; Spielt ihr in Waldes düstern Gründen, Wir spielen hier im Abendschein. Der Ungeliebte Fänd' ich doch auf ird'scher Flur, Fänd' ich doch die Liebe nur, Die ich liebend denke, Daß in sie der irre Geist, Der sich wild durch Welten reißt, Liebevoll versänke. Oder nur ein teures Bild, Das aus Himmelshöhen mild Mir sich nieder neigte, Auf den Pfad, von ihm erhellt, Aufwärts aus der dunklen Welt Meinen Flug mir zeigte! Ziel der Sehnsucht Wenn ich durch die Fluren schweife, Jene suchend her und hin, Die mich schlug in goldne Reife, Der ich ganz zu eigen bin: Welch ein Wünschen, welch ein Wähnen Hebt die Seele trunken auf; In die Wolken trägt das Sehnen, In die Himmel mich hinauf. Mit dem Vogel möcht' ich fliegen, Auf den Sternen möcht' ich stehn, Mich auf Windesfittich wiegen, Brausend über Wipfel gehn! Bis ich komme zu dem Örtchen, Wo aus Büschen tief heraus Mit dem beigelehnten Pförtchen Winkt ihr kleines Hüttenhaus. Schnell verflogen, schnell zergangen Sind die Wünsche groß und klein, Und die Sehnsucht kehrt gefangen Still ins stille Hüttchen ein. An die Neugierigen Von zwei schönen Schwesterrosen Welche mir im Herzen steht? Da ihr mich mit leichtem Rosen Zwischen beiden flattern seht? Forscht und späht ihr auszufinden? Spähet nur mit allem Fleiß! Schwerlich werdet ihr ergründen, Was ich selber fast nicht weiß. Der mitleidige Himmel Nicht täglich darf ich es wohl wagen, Zu meinen Schwesterlein zu gehn; Was würden auch die Leute sagen, Wenn sie mich täglich kommen sähn? So muß nach jedem Tag der Freuden Sich einen langen Trauertag Mein Herzchen an Erinn'rung weiden, Was es dazu auch sagen mag. Doch daß es still sein Schicksal trage, Hilft ihm der Himmel mitleidsvoll Und macht zu einem Regentage Den Tag, wo ich nicht gehen soll. Ist dann der Freudentag gekehret, Schnell kehret auch der Sonnenschein Und führt, von Lieb' und Lust verkläret, Mich nieder zu den Schwesterlein. Glosse Sie hat nicht Lust, mich freizulassen, Noch Lust, auch mich ans Herz zu fassen. Dem Vogel gleich im Vogelbauer, Der Tag und Nacht von Liebe singt, Der, ob's ihr nicht zu Herzen dringt, Sie doch ergetzt mit seiner Trauer, Weil oft neugierig ein Beschauer Sein'twegen stehn bleibt auf den Gassen; Hat sie nicht Lust, mich freizulassen. Dem Spiegel gleich, in dessen Glanze Sie ihre Reize gern beschaut, Der ihr muß sagen oft und laut, Unübertrefflich sei das Ganze; Doch wenn sie eben geht zum Tanze, Legt sie den Spiegel weg gelassen, Hat Lust nicht, ihn ans Herz zu fassen. Gleich einem Stückchen Putz, das eben Nachlässig aus der Hand ihr fällt, Wenn sie des Vorrats Must'rung hält; Sie ist zu stolz, es aufzuheben, Zu geizig doch, es wegzugeben; So hat sie mich aus Herz zu fassen Nicht Lust, noch Lust mich freizulassen. Winterlied Die schöne Sommerzeit ist hin, Der Winter ist nun da; Wir müssen aus dem Garten fliehn, Der uns so fröhlich sah. Der Busch ist kahl und abgelaubt, Der uns im Schatten barg; Der alte kalte Nordwind schnaubt Und macht es gar zu arg. O Mädchen, komm, so weichen wir Und räumen ihm das Feld; Ist nicht, o süßes Mägdlein, dir Ein Hüttelein bestellt? Und bleibt mir fortan immer nur Das Hüttlein aufgethan; So klag' ich nicht die öde Flur Und nicht den Winter an. Fränkisches Volksliedchen Heut auf die Nacht Schüttl' ich meine Birn', Fallen's oder fallen's net. Heut auf die Nacht Geh' ich zu meiner Dirn', Mag sie oder mag sie net. Die Augensprache Die seltne Sprachgewandtheit nicht Besitzt mein Lieb, das junge, Das mit den Augen fert'ger spricht Als andre mit der Zunge. O welch ein reicher Wörterschatz In diesem offnen Briefe! Da ist ein Blick ein ganzer Satz Von unerforschter Tiefe. Sie haben Liebe blind gemalt, Man sollte stumm sie malen; Die Sprache, die dem Aug' entstrahlt, Ersetzt des Schweigens Qualen. Das ist die Sprach', in der allein Die Seligen in Eden, Die Sprach', in der im Frühlingshain Sich Blumen unterreden. Das ist die Sprache, deren Schrift Im lichten Zug der Sterne, Geschrieben von der Liebe Stift, Durchblinkt die ew'ge Ferne. Die Sprache, vom Verstande nicht, Nur vom Gefühl verstanden, Darum in dieser sich bespricht Die Lieb' in allen Landen.