Jugendlieder Frühlingswandern Vom Berg ergeht ein Rufen, Und Antwort schallt im Thal, Da springen von grünen Stufen Die Quellen allzumal. Und Eines ruft's dem Andern, Das klinget fern und nah: Die rechte Zeit zum Wandern, Die Frühlingszeit ist da! O du holdselig Weben In Wald und Thal und Höhn! Nun athmet Alles Leben, Und findet's gut und schön. Nun mit der Lerche steige, Mein Wandersang, empor, Und klinge laut, und zeige So frisch dich wie zuvor! Durch all die Windeswellen, Durch all die Frühlingszeit Nun wandern, wie die Quellen, Will ich mit Freudigkeit. Wie jene rieselnd schweifen Durch Schlucht und Halden viel, Verirren sich und streifen, Sie kommen doch an's Ziel. Wählst du dir zum Begleiter Den goldnen Lebensmuth, Wie findest du so heiter Die Welt, wie schön und gut. Und wagst du kühn zu irren, So drückst du einst mit Lust, Mag auch der Weg sich wirren, Erfüllung an die Brust. Fröhliche Gesellen Hier im Kruge, wo das ros'ge Mägdlein freundlich nickt, Hier im Kruge laß uns rasten, Bis wir uns erquickt. Bring', mein Kind, uns volle Becher Hurtig her zur Stell'! Stoß denn an, und trink, mein lieber Fröhlicher Gesell! Wenn zwei rechte Freunde wandern, Das giebt Freud und Muth, Und es klingen alle Lieder Zwiefach, doppelt gut. Ja, das Wandern, das soll leben, Laß es klingen hell, Reiche mir die Hand, mein lieber Fröhlicher Gesell! Lustges Mägdlein, laß dich küssen, Hat's doch keine Noth, Denk', wir müssen heut zum Städtchen Noch bis Abendroth. Schau, mein Kind, und willst du freien – Wirst du roth so schnell? Sei es ein so schmucker, lieber, Fröhlicher Gesell! Habt ihr euch schon lieb gewonnen? Hab' ich's doch gedacht! Mir entlaufen alle Mädchen, Du bist wohl bedacht. Lustig, Kinder! wie das Schicksal Trenne ich euch schnell. Lebe wohl! Nun fort, mein lieber Fröhlicher Gesell! Die verstehende Seele Die Sonne ging zu Rüste schier, Da kam ich spät in mein Quartier Mit müdgelaufnen Füßen. Frau Wirthin stand wohl vor der Thür, Sie hatt' eine blaue Schürze für, Sie thät so freundlich grüßen. »Grüß Gott, Er wandernder Gesell, Tret' Er nur über meine Schwell', Die Ruh soll Ihm bekommen!« Schön Dank, schön Dank, Frau Wirthin mein, Ihr Häuslein hat gar saubren Schein, Kann auch Ihr Wein mir frommen? »Mein Wein ist pures Rebennaß, Ich schenk' ihn roth, ich schenk' ihn blaß, Doch sag' Er mir nur Eines: Ist blond Sein Schatz, oder ist er braun? Und sagt Er mir's, so weiß ich traun Die Farbe schon des Weines!« Frau Wirthin, Sie ist flink und klug, Dazu auch jung und hübsch genug, Sie wird mich recht verstehen: Was man so recht im Herzen hält, Das sagt man nicht der ganzen Welt, Ihr wird es auch so gehen! Frau Wirthin warf das Aug' herum, Und lächelt süß, und lächelt stumm, Und thät zwei Becher bringen: »Dies Weinchen hatt' ich still verwahrt, Bis daß nach seiner Wanderfahrt Mein Schatz mich thät umschlingen.« »Doch Er soll's trinken heut mit mir, Dieweil versteh'nde Seelen wir, Ich geb's umsonst und gerne!« – Ich aber dacht' in frohem Muth, Ach hätte doch jede Frau Wirthin gut Einen Schatz in weiter Ferne! Am Neckar, am Rhein O wär' ich am Neckar, o wär' ich am Rhein, Im blühenden Rebenland, da möcht' ich sein! Wo das Leben ein sprudelnder Becher der Lust, Wo ich wandert' und wohnte an Freundesbrust, Am Neckar, am Rhein, Im blühenden Rebenland, da möcht' ich sein! Ihr Mädchen, ihr Städtchen am Ufer hinab, Ihr des Herzens Lust, und der Augen Lab', Ihr singenden, klingenden Wellen des Rheins, Ihr Lüfte des Lebens, ihr Düfte des Weins, Durch die jubelnde Brust Geht mir alle das Leben, und alle die Lust! Laßt mich wandern und singen wohl durch die Welt, Laßt mich weilen und wohnen wo mir's gefällt! Dann zieh' ich zum Neckar, dann zieh' ich zum Rhein, Aus den Thälern zu Berg, von den Bergen thalein, Und ich jauchz' es hinaus: Wo mein Herz und mein Lied ist, da bin ich zu Haus! Abschied Nun ist mein' beste Zeit vorbei, Nun ist mir Alles einerlei Wohin ich wandern soll. Verlassen muß ich meine Lust, Mein ganzes Herz ist in der Brust Von Thränen, von Thränen voll! Durch die alten Gassen hab ich zuletzt Heut Nacht meinen Wanderstab gesetzt, Mit manchem Gesellen gut. Sie drückten mir alle die Bruderhand: Und denk' an uns im fremden Land, Halt' uns in treuer Hut! Noch Einmal von der Neckarbrück' Schau ich in's weite Thal zurück, Die Wasser rauschten daher, Sie rauschten stets, ich merkt' es kaum, Sie rauschen und singen mir alten Traum, Und machen das Herz mir schwer. Ich sah nach jedem Giebeldach, Mir war's, als riefen sie mir nach: Fahr wohl, Gesell, fahr wohl! Und mit dem Abschied war's vorbei, Nun ist mir Alles einerlei Wohin ich wandern soll! Das Grusliche Gruslich, gruslich kommt's gezogen, Mit den Frühlingswinden, Und mit schaurig süßem Wogen Regt sich's in den Linden. Soll die Blüthe dich erfreun, Mußt du nicht das Gruseln scheun, Gruseln muß es, gruseln! Gruslich wird dem jungen Weine, Eng' im Faß verschlossen, Bis in golden klarem Scheine Er in's Glas geflossen. Hat's gegruselt ihm recht wüst, Doppelt kräftig er dich grüßt, Gruseln muß es, gruseln! Gruslich durch die Seele bebt es, Hat dich Lieb' erfüllet, Halb zum hohen Himmel hebt es, Halb noch liegt's verhüllet. Eh' du's deinem Schatz gesagt, Halb beseligt, halb verzagt, Gruseln muß es, gruseln! Margreth am Thore Das beste Bier im ganzen Nest Das schenkt Margreth am Thore, Derweil das frisch den Gaumen näßt Spricht hold Margreth zum Ohre. Steht vor der Thür ein Lindenbaum, Da schenkt sie mir den kühlen Schaum, Margreth, Margreth am Thore. Jüngst nächtens hatt' ich keine Ruh, Mir war so weh, so bange, Da wandert' ich der Linde zu, Mein Leiden währt' nicht lange! Der Mond ging auf so wundersam – Margreth, steh' auf! Margreth sie kam, Margreth, Margreth am Thore! Und wandr' ich einstens wiedrum aus, Das ganze Nest vergess' ich, Margrethlein hold im Lindenhaus, Dein denk' ich unablässig! Der Mond, dazu die goldnen Stern', Ach könnten sie's, sie sagten's gern, Margreth, Margreth am Thore! Sprühregen und Märzenstaub Sprühregen und Märzenstaub Fallen herab auf das grüne Laub, Auf das junge Laub und die Blümlein bunt, Und sie bleiben frisch, und sie bleiben gesund, Denn es stirbt sich nicht so gleich. Trag' du in der Jugendzeit Immer getrost dein junges Leid. Und meinst du, daß dir das Herze bricht? Junge Leiden die tödten noch nicht, Denn es stirbt sich nicht so gleich. Ueber Tag und Nacht In der Früh, in der Früh, wenn die Sonn' erwacht, Von dem Fenster bieg' ich die Reben, Hab geträumet von dir wohl die ganze Nacht, Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben! Ueber Tag, über Tag, was ich schaff' und thu', Blick' ich hundertmal um die Reben, Denn mein Sinnen ist dein, und mein Denken bist du, Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben! Und zu Nacht, und zu Nacht, bei der Sterne Schein, Schlägt der Wind mir an's Fenster die Reben, Wach' ich auf, denk' ich dein, über's Jahr bist du mein, Grüß dich Gott, grüß dich Gott, du mein Leben! Wenn die ersten Veilchen blühn Wenn die ersten Veilchen blühn Ist die Rosenzeit nicht fern. Mädchenwangen rosig glühn, Trifft sie ein geliebter Stern. Scheitert an der Blicke Klippen Nicht der Mund, zu bittrem Leid, Von den Augen zu den Lippen Ist es dann nicht allzuweit. Perlenfischer Du liebes Auge willst dich tauchen In meines Augs geheimste Tiefe, Zu spähen, wo in blauen Gründen Verborgen eine Perle schliefe? Du liebes Auge, tauche nieder, Und in die klare Tiefe dringe, Und lächle, wenn ich dir dein Bildniß Als schönste Perle wiederbringe. Scheiden ohne Leiden Liebster Schatz, nun sei getrost, Traure nicht um's Scheiden, Hab' das Wandern nun erlost, Und du mußt es leiden. Schau, es ist die ganze Welt, Sonne, Mond und Sterne, Auf das Wandern ja gestellt, Auf die weite Ferne. Und das Meer hat Ebb' und Fluth, Wind und Wolken ziehen, Winterschnee und Sommergluth Kommen und entfliehen. Wird die Welt nun alt und neu, Sei du auch nicht strenger, Lange Zeit war ich dir treu, Aber nun nicht länger. Weil mein Herz nicht mehr verlangt, Daß ich bei dir bliebe, Lieber Schatz, so sei bedankt Für die schöne Liebe! Sieh, der Mai ist vor der Thür, Laß die Augen wandern! Komm ich einst zurück zu dir, Hast du längst 'nen Andern. Wanderers Wehmuth Wie war't ihr blank, wie war't ihr ganz, Wie tüchtig eure Sohlen, Als wir im Sommermorgenglanz Die Heimat Gott befohlen! Wir zogen durch Gebirg und Thal, Mir ließt ihr aller Freuden Zahl, Ihr trugt die Noth und die Gefahr, Mein treues Stiefelpaar! Ihr habt gedient durch Dick und Dünn, Durch Staub, Gestein und Pfützen, Kein' andre Freud' euch, noch Gewinn, Als meinen Fuß zu schützen. So ging die Zeit, die schöne Zeit, Es wuchs die Lust, es blich das Kleid, Ihr aber nahmt des Schwindens wahr, Mein treues Stiefelpaar! Wir kehrten heim, ich seh' euch an, O Anblick zum Erbarmen! Mich machtet ihr zum frohen Mann, Was ward aus euch, ihr armen! Ergraut, durchlöchert, fast zerstückt, Kein Meister, der euch wieder flickt, So steht ihr, alles Reizes bar, Mein treues Stiefelpaar! Weh thut es, euch beim Scheidegruß So in mein Herz zu malen! Und was noch trüber ist, ich muß Euch leider noch bezahlen. So lebt denn wohl! Es soll mein Lied Verkünden, was in euch mir schied, Wie opfervoll im Dienen war Mein treues Stiefelpaar! Brockenfahrt (28. August 1849.) Das war eine wilde Reise, Da wir froh nach Burschenweise Stiegen auf zum Brockenhaupt! Ueberall in deutschen Landen Ward ein hohes Fest gefeiert: Goethefest – gespielt, geleiert. Doch nach andrer Feier standen Uns die Sinne, und wir fanden Uns ein Fest, so recht romantisch, Nicht voll Reden, nicht pedantisch, Nicht so professorisch kühl, Nein, so recht im Blocksbergstyl. Lustig schien die Herbstessonne Ueber unsre Wanderwonne, Köstlich war die Luft, und klar. Freudig schallten Wandersänge Durch der hohen Felsenmassen Ungebahnte, steile Straßen. Doch die schroffen Bergeshänge Stuften sich im Felsgedränge Immer höher, immer grauer, Und ein kühler Nebelschauer Zauberte durch Fichten schwarz Um uns her den echten Harz. Denn des Blocksbergs wilde Trosse Wollten heut zu Fuß und Rosse Feiern auch ihr Goethefest. Bang die Sonne sich verstecket, Und schon läßt der Sturm sich hören Dumpf in des Gebirges Föhren, Und sein Brausen ruft und wecket Schnell das Heer. Und kreischend strecket Sich begrüßend, aus der Lauer All der wilde Koboldschauer, Springt und tanzt mit Teufelssang Wild von Fels zu Felsenhang. Und nun weiter, immer weiter, Auf des Brockens Felsenleiter Schrillt und brüllt, und jauchzt und stürmt's Angstvoll fliehn der Vögel Schaaren, Das Gewild im schwarzen Forste Flieht herab vom Waldeshorste. Tannen mit zerzausten Haaren Stürzen krachend hin zu Paaren. Schwarz umwölket droht der Himmel Ueber dem Naturgetümmel, Und vom Donner mit Getos Riß der Wiederhall sich los. Halt! wo ist der Weg? Verloren! Auf die Lust der Erdenthoren Legt der Teufel seinen Schwanz. Welch ein Schrecken, welch ein Grausen Antwort durch die finstern Lüfte Schreien höhnend alle Klüfte, Und wir stehn im Sturmesbrausen In des Festes tollstem Hausen. Und auf Besen, Ziegenböcken, Hexentanz in allen Ecken, Regenguß und Nebelnacht – Weh, wir sind im Höllenschacht! Wohin wenden? Wohin schreiten? Denn kein Weg mehr will uns leiten! Hurtig, muthig, grade aus! Aber jäher nur verdichten Sich die Felsen. Auf, und klettert, Ob auch Erd' und Himmel wettert! Seht, schon hellen sich die Fichten, Nieder gehn die Felsenschichten. Aber weh! da lauern Sümpfe, Und es bleiben Schuh und Strümpfe Stecken in dem Teufelsschlamm, Jedem Schritt ein Pfuhl und Damm! Zaubermeister, Vater Goethe, Hilf uns bannen unsre Nöthe! Ach, so flehten wir im Chor. Willst du, daß wir sterben sollen? Kamen ja zu deinem Feste, Weih'n dir unsrer Lieder beste! – Horch! da schwieg des Sturmes Grollen, Und die Nebel seitwärts quollen, Und ein Tagesblick bot Rettung Uns aus unsrer Sumpfesbettung, Jubelruf: da Leid ist aus, Droben winkt da Brockenhaus! Rechts und links, und tief und oben, Ließen wir den Sturm nun toben, Heimlich warm war Stub' und Haus. Hei, wie perlte neues Feuer Jetzt der Wein uns in die Glieder, Weckte tausend Jubellieder, Während draußen, nicht geheuer Schnob die Nacht um das Gemäuer! Vater Goethe, du Befreier! Sahst du unsre lustge Feier? Jung auch warst du niemals kühl Für ein Fest im Blocksbergstyl! Neuer Frühling Neuer Frühling ist gekommen, Neues Laub und Sonnenschein, Jedes Ohr hat ihn vernommen, Jedes Auge saugt ihn ein. Und das ist ein Blühn und Sprießen, Waldesduften, Quellenfließen, Und die Brust wird wieder weit, Frühling, Frühling, goldne Zeit! Von dem Felsen in die Weite Fliege hin, mein Frühlingssang, Ueber Ströme und Gebreite, Durch Gebirg und Blüthenhang! Darf nicht wandern, muß ja bleiben Ob's mich ziehn auch will und treiben, Doch so weit mein Himmel blau't Singen, singen will ich laut! Wie die Welt auch wechselnd gehe, Wie das Schicksal auch mich treibt, Komme Glück und komme Wehe, Wenn nur Eines mir verbleibt: Fester Muth der freien Seele Und die freudge Liederkehle, Lebenslust und Lebensdrang, Goldnes Leben im Gesang! Gleich und gleich Du kleines blitzendes Sternelein, Nun sag' mir, was willst du? Du kannst da oben ja selig sein, Was blinzelst du mir denn zu? Such du dir dein Liebstes im Sternenreihn, Und laß mich mit Blinzeln in Ruh, Ich hab' auf Erden ein Sternelein, Das ist viel schöner als du! Weißt du noch? Weißt du noch, wie ich am Felsen Bei den Veilchen dich belauschte, Weißt du noch den Fliederstrauch, Wo der Strom vorüber rauschte? Weißt du noch den Bergespfad, Wo ich um den Strauß dich bat, Weißt du noch? Ach, es war ein süßes Bild, Als du da erröthend standest, Und zur Erde all die Blumen Fielen, die zum Strauß du wandest, Deine liebe kleine Hand Spielte mit dem blauen Band, Weißt du noch? Und es sahen Fels und Strom Dein Erröthen und dein Beben, Sahen auch den ersten Kuß, Halb genommen, halb gegeben! Und des Himmels goldner Strahl Ueberflog Gebirg und Thal, Weißt du noch? Selige Ruhe Zu deinen Füßen will ich ruhn, Und dir in's Auge schau'n, Die blaue Nacht mag leise nun Auf uns herniederthau'n. Schon tauchet aus dem stillen See Des Mondes Bild empor, Und kühner streift das scheue Reh Durch Wald und Wiesenmoor. Mein Haupt laß ruhn auf deinem Schooß, Da ruht es sanft und weich. Wie ist der Himmel weit und groß, Wie ist die Erde reich! Der schönste Stern in blauer Nacht, Der schönste Stern bist du, In deines Lichtes sanfter Pracht O gönne mir die Ruh! An deinem Herzen laß mich ruhn Nur kurze, sel'ge Zeit! Kein Lauscher kündet unser Thun, Die Welt ist traumgefeit. Ach, laß mich ruhn an deinem Mund, Eh noch die Nacht verglimmt, Bis Himmel uns und Erdenrund In Seligkeit verschwimmt! Wiederhall Vernähmest du die Melodie, Wie sie mir durch die Seele klingt, Eh' sie dem Worte Flügel lieh Als Lied zu flattern leicht beschwingt: Dann in dem leisen Traumgesang Der ungesungnen Lieder all Verstehend grüßte dich der Klang Als deiner Worte Wiederhall. Zog erst das arme Lied hinaus, Dann sucht es lange durch die Welt Nach jenem Klang im Heimathhaus, Der einst so süß sich ihm gesellt. Nur wenn es pocht an deine Brust, Die einst die Schwingen ihm verlieh, Dann findet es die ganze Lust Der alten Heimathmelodie. Glück der Stunde O laß dich halten, goldne Stunde, Die nie so schön sich wieder beut! Schau, wie die Mondnacht in die Runde All ihre weißen Rosen streut. Des Tages Stimmen fern verhallten, Nicht Worte stören, nicht Gesang, Des stillsten Glückes innig Walten, Nach dem die ganze Seele drang. So Brust an Brust, so ganz mein eigen, So halt' ich dich, geliebtes Bild! Es rauscht die Nacht, die Lippen schweigen, Und Seele tief in Seele quillt. Ich bin dein Glück, du meine Wonne, Ich bin dein Leben, du mein Licht: Was soll uns Tag, was soll uns Sonne? Du, schöne Nacht, entflieh uns nicht! In der Fremde Nun steigt der Rebenblüthe Duft Von allen Hügeln nieder. Nun rauschen durch die blaue Luft Die goldnen Klänge wieder; Die Klänge aus der schönen Zeit – Das ist ein Weh und Herzeleid, Daß ich nun ferne bin! O schöner Strom, o blüh'ndes Thal, Du wandernde Frühlingssonne, Gieb mir nur noch ein Einzigmal Den Becher jener Wonne! Die ganze Seele dürstet hier, Und jede Stunde kündet mir, Daß ich nun ferne bin! Holunderbaum Da droben auf jenem Berge steht Ein Holunderbaum vom Wind umweht, Gewieget zu der Erden. Die Nacht ist hell und die Luft ist kühl, Zwei Buhlen weinen der Thränen so viel, Sie müssen scheiden, ja scheiden. Sie rissen mit Thränen, mit Thränen sich los, Der Schmerz war tief, und der Schmerz war groß. Sie sahen sich niemals wieder. Er zog wohl über das weite Meer, Sie hört' eine schaurige Todesmähr, Und ging weit über die Berge. Verschollen ist ihr Nam' im Land, Der Mond nur ihre Gräber fand, Drauf spielen die Lüfte des Maien. Der grüne Baum steht droben noch Mit tausend Blüthen sprossend hoch, Gewieget zu der Erden. Die liebe Stelle Ja, das ist die liebe Stelle, Wo ich sie zuerst gesehn! Wie so leis erklingt die Welle, Wie so sanft die Lüfte wehn! Jene Felsen, jene Büsche, Jener Schatten Einsamkeit, Jener Grotten duft'ge Frische Mahnt mich an vergangne Zeit. Alles mahnt mich, alles zeiget Mir auf's Neu ein theures Bild, Und die Seele still sich neiget, Und der stumme Seufzer quillt. Jene Felsen stehn gegründet In der Erde tiefstem Schooß, Doch der Sonnenglanz entschwindet, Der mit Rosen sie umfloß. Und so geht die Blüthe nieder, Im Gesange nur erneut, Ach, kein Sehnen bringt sie wieder, Erste Liebe, sel'ge Zeit! Die Waldkapelle Steht ein Kirchlein tief im Wald, Mit ergrauter Mauer, Das getrotzet der Gewalt Aller Zeitenschauer. Stürmend manch Jahrhundert flog Hast'gen Schritts vorüber, Doch auch Blüthenzweige bog Jeder Lenz darüber. Wer bestanden einst Gefahr Treu mit den Genossen, Hält zusammen fest und wahr, Stark und unverdrossen. Also ringsum auch der Wald Breitet seine Zweige, Daß das Kirchlein nicht so bald Sich zum Falle neige. Die geborstne Schwelle mag Manch Geheimniß wissen, Wenn ein Herz gebeugt erlag Seinen Kümmernissen. Das bemooste Kreuz von Stein Bei Mariens Bilde Scheuchte Gram und Todespein Durch des Glaubens Milde. Ob im härenen Gewand Hier der Pilger kniete, Flehend, daß ihm Gottes Land Eine Freistatt biete; Ob zur Morgenandacht hier Fromm der Meßner schellte; Lange schweigt das Glöcklein schier, Das so lieblich gellte. Kränzte hier ein Mägdelein Hold mit Maienglocken Das Marienbild von Stein, Und die eignen Locken; Ihr, der Heil'gen, ward es kund, Was kein Blick gesehen, Ihr gestand der süße Mund Liebliche Vergehen. Trafen hier des Jägers Ohr Ferne Waldhornklänge; Aus dem grünen Thal empor Frohe Wandersänge; War's ein wildes Taubenpaar, Das hier nistend girrte; War's ein Reh, das in Gefahr Flüchtend hier verirrte; Kirchlein, immer gabst du Schutz, Immer Trost und Segen, Stelltest dich mit heil'gem Trutz Jedem Sturm entgegen. Und die Hoffnung grünt und blüht Noch in deinem Moose, Durch den Epheu, nimmer müd, Nickt die Waldesrose. Waldruhe Willkommen, mein Wald, Grünschattiges Haus! Durch die Wipfel schon hallt Mir dein grüßend Gebraus. Wie trink' ich in Zügen Mich frisch und gesund, Hier athm' ich Genügen Aus Herzensgrund! Zum grasigen Hang, Aufsteigend vom Thal, Dringt der Glocken Klang Und des Abends Strahl. Und es rauscht in der Eiche Hochstrebendem Baum Im grünen Bereiche Ein Liedestraum. Den Blumen gesellt Auf Rasen und Moos, Tief schau ich die Welt, Und den Himmel, wie groß! Und ich träum' im Schweigen Waldschattiger Ruh Den Himmel mein eigen, Die Erde dazu! Wandergut Wer ein Herz treueigen hält, Fest und mit Vertrauen, Darf getrost die weite Welt Wandernd sich beschauen. Wär die Ferne noch so weit, Wär der Tag voll Widerstreit, In ihm lebt, was allbereit Glättet Stirn und Brauen. Laß die Andern nicht so bald Was du liebst erkennen, Die sich flüchtig leer und kalt Einen oder trennen! Bös ergreift ein höhnisch Wort; Eigne Brust nur ist der Ort, Wo du deiner Seele Hort Darfst bei Namen nennen. So, Herzliebste, schafft das Glück Trennung nicht zum Leide, Bleib' ich ganz dir doch zurück, Wenn ich von dir scheide. Ich, in deines Herzens Hut, Du, mein bestes Wandergut, Und so sind wir frohgemuth Gottgesegnet beide! Einkehr Wenn in Dunkelheit zerrinnen Will des Tags Gestaltenwelt, Richte deinen Blick nach innen, Still von eignem Licht erhellt. Die der Tag verworren trennte, Sammle wieder sie in Eins, Die zerstreuten Elemente Deines wahren, bessern Seins. Spare nicht das Wort der Rüge, Willst du offen vor dir sein, Denn das eitle Kleid der Lüge Trugst auch du, den leeren Schein. Falschheit mit verstecktem Höhnen Bot dir, was dein Herz begehrt, Und entwand mit Schmeicheltönen Dir der Wahrheit reines Schwert. Wenn in wahnbeglückten Tagen Du in Traumes Arm dich warfst, Laß die Nacht dir prüfend sagen, Was du sollst und was du darfst. Nie zu frühe kann entschwinden Irrthum, den gehegt dein Herz, Machte dich die Lust erblinden, Muß erleuchten dich der Schmerz. Doch in tiefstem Schmerzensringen Und im Sturm der Leidenschaft Kämpfe sich aus Todesschlingen Deines beßren Wollens Kraft. Und sie steigt, zum Licht gezogen, Wie, von Morgenglanz umwebt, Aus beruhigt blauen Wogen Sich der Schönheit Göttin hebt. Schönheit sei das heil'ge Streben, Das dich schöpferisch durchquillt, Das dich leite, wenn das Leben Eine Wahrheit dir verhüllt. Strebst du so, dann weiht die Stunden Deiner Nacht ein reich Gefühl, Und du siehst dich, schlafentbunden, Morgen näher deinem Ziel. Ein Schatten Nun ist es hingegeben, Verweint mit Weh und Ach, Das Glück, das für ein Leben Zu dauern dir versprach. Nun hast du überwunden, Und doch, du fühlest bang In einsam stillen Stunden Des alten Kummers Hang. Du siehst der Seel' entsteigen Ein theures Trauerbild, Mit vorwurfsvollem Schweigen, Mit Thränen ungestillt. Du wirst ihm nicht entrinnen, Ob längst auch abgeschafft Die Schmerzensgluth der Sinnen, Und Wahn und Leidenschaft. Wo du dein ganzes Wesen Vergabst mit Allgewalt, Kannst du's zurück nicht lösen In früherer Gestalt. Es nimmt aus jener Wonne Mit sich ein Schattenbild, Das keine Lebenssonne Mit warmem Licht durchquillt. Stromhinab Weiße Segel seh' ich gleiten Stromhinab im Windeshauch, Ach, denselben Weg vor Zeiten Zog ich oft beflügelt auch! Frühling lachte, Jugend blühte, Erd und Himmel war voll Licht, Wenn am holden Ziel erglühte Mir der Liebsten Angesicht. Gruß und Kuß, und ein Willkommen Unermeßlich reicher Lust! Alle Lebenskeime glommen Flammend auf in junger Brust. War's ein Traum? Entrückt, zerflossen Wie in Todesnebel, schwand Licht und Leben! Aufgeschlossen War der Schmerzen finstres Land. Bergeshöhn, die einst als Pforte Goldner Lust sich aufgebaut, Stehen an demselben Orte Nun als Wächter, kalt, ergraut. Fest gezogen sind die Grenzen, Nur ein Seufzer folget sacht Den zerrißnen Jugendkränzen Stromhinab in's Reich der Nacht. Trauerflor Du dunkles Band von Trauerflor, Um einen welken Strauß geschlungen, Was rufst du aus der Brust hervor Die schlummernden Erinnerungen? Der Strauß war frisch, und jene Hand, Die ihn gereicht, voll Lieb' und Güte; Und Dank und Liedertöne fand Ich überglücklich im Gemüthe. Wie klingt das fern, wie liegt das weit, Von ernsten Tagen längst bezwungen! Mir ist als wüßt' ich nicht die Zeit Da ich so froh hinaus gesungen. Doch du gemahnst mich, dunkles Band, Das ich an kummerreichem Tage, Aus der Geliebten Locken wand, An Stunden zweifelvoller Klage; An Jugendwahn, der eingelullt Das Herz mit neuen Hoffnungsbildern, An unversöhnter Trennung Schuld, Die, ach, kein Trost vermag zu mildern! Dich wählt' ich, dunkles Trauerpfand, Da nichts mehr als der Schmerz uns einte, Dem letzten Strauß als letztes Band Für jene Zeit, die vielbeweinte. An Janthe Da saß bei dir ich wieder, wie vor Zeiten! Als wären wir aus langem Schlaf erstanden, Und anders Alles, was wir wiederfanden, So ließen wir zurück die Blicke gleiten. Ein Führer war, mich in dein Herz zu leiten, Der ernste Schmerzenszug, den tief verstanden Ich las in deinem Antlitz; doch es schwanden, Nein, niemals! deines Auges Herrlichkeiten! Was wir erduldet, ließen wir verstummen. Doch dachten wir der Zeit, die wir verloren, Und sprachen manchen unvergeßnen Namen. Da quoll der alten Lieder fernes Summen – Wir fühlten neu den alten Schmerz geboren, Und saßen schweigend bis wir Abschied nahmen. Gesang der Wandervögel Die Blätter fallen, die Haid' ist kahl, Wir ziehn mit dem Sommer aus nebligem Thal Durch des sonnigen Aethers Geleise. Die Augen der Liebe sie folgen dem Flug, Sie geben uns Scheidenden Grüße genug Auf die weite, die luftige Reise. Ob Wolken ihn bergen, wir kennen den Pfad Zum Süden, zum Süden, zum blauen Gestad, Wo die Welle sich sonnt in den Buchten. Da singt der Matrose sein abendlich Lied – Ein Gruß von der Liebsten herüber dir zieht Aus des Nordens heimischen Schluchten! Willkommen! Leb' wohl! Sei gegrüßt, und ade! So geht's durch die Länder und über die See Mit immer beweglichem Flügel. Wir sind unter Palmen und Linden zu Gast, Doch schenkt kein Süden uns ewige Rast, Kein Norden knüpfet uns Zügel. Wo die Heimath ist, wir wissen es kaum. Ach, da droben wohl, im unendlichen Raum, Dem froh wir die Schwingen vertrauen! Denn Sehnsucht zieht uns und Hoffnungsglück Zum Aether, zum hohen Aether zurück, Das bessere Land zu erschauen. Aus der Werkstatt Meine Kunst Du, meine Kunst, hast durch das Leben Als holde Gottheit mich geführt! Von dir allein ward mir gegeben, Was mich als Freud' und Glück berührt. Durch dich empfing ich Kraft und Willen Mir selbst zu bilden meine Welt, Und die ich mir erschuf im Stillen, Hast du mit heil'gem Strahl erhellt. Vom ersten Stammeln, da der Knabe Die flüch'gen Reime kaum erhascht, Empfand er, daß der Dichtung Gabe Wie Seligkeit ihn überrascht. Sie war's, die auch ein hartes Ringen Mit mächtigem Gefühl verwob, Wie, wenn im Hoffen auf Gelingen Aufathmend sich die Seel' erhob. Wo Menschen mich und Welt bedrohten, Ich wußt' in unverrücktem Gang Des Lebens Würde mir geboten Zum Schaffen, Bilden und Gesang. So fühlt' ich, frei von Groll und Hassen, In dir mich meiner selbst bewußt, So durft' ich dich als Höchstes fassen, Als Eigenstes in meiner Brust. Von einem einz'gen Wunsch umfangen Ist so mir alles Daseins Werth: Daß unverlöscht für mein Verlangen Du leuchtend bleibest meinem Herd! Daß, wie von heil'gem Opferrauche Verhüllt, ich noch in deiner Gunst Den letzten Athemzug verhauche, Von dir beseelt, du meine Kunst! Tempelweihe Mit offnen Augen komm' und ernstem Gange, Fühlst du zum Dienst der Musen dich getrieben! Frei sei dein Innerstes von fremdem Drange, Denn höchstem Wirken gilt ein höchstes Lieben. Den Schauer auch empfind' um Brust und Wange Von banger Scheu, ob würdig du geblieben, Im Augenblicke, da dich hochbegnadet Zu ihrem Heiligthum die Dichtung ladet! Ob du des Waldgezeltes grüne Schwelle Betrittst, in Einsamkeit dich zu bereiten; Ob in gestirnter Nächte Dämmrungshelle Gedanken zu dir selbst zurück dich leiten; Ob deiner engen Welt vertraute Zelle Du hoffst den Tag unendlich zu erweiten; Im Tempel fühle dich für dein Beginnen! Er wird dir's, bist du da mit reinen Sinnen. Still muß es in dir sein von Sorg' und Grollen, Das irrend dir dein Besseres bethörte. Laß draußen, die dich noch berücken wollen, Huldvolle Bilder, die der Tag zerstörte! Den schnell gewelkten Kranz, den blüthenvollen, Nimm ihn vom Haupt, dem gestern er gehörte! Tritt ein, wie einer heil'gen Pflicht verbunden, Du weißt, was drinnen immer du gefunden! Dich fordert von des Heiligthumes Stufen Der Tag zurück noch in die Bahn und Schranke, Du bist zur Welt, und so zum Kampf berufen. Des Bösen Saat, gebraut zum Taumeltranke, Gedeiht auch, wo die Besten Edles schufen. Drum läutre sich am Höchsten dein Gedanke, Gestählt, und jedem Niedrigen enthoben, Dich selber im Zerwürfniß zu erproben! So ruf' ich mahnend dir, o Seel', auch heute, Daß, was zum Werk du immer dir erkoren, Ein weihevolles Mühen dir bedeute! Laß draußen vor des Tempels Friedensthoren, Was dich entfremdend quälte, dich zerstreute! Was du gewinnst ist mehr als du verloren. Soll dir im höchsten Sinn in Werk gelingen, Muß höchsten Thuns Gefühl dich ganz durchdringen. Die Lampe Treue Gefährtin Auf der Gedanken Rastlos durchwandertem Nächtlichem Pfad: Dir will ich endlich Ein lang gehegtes, Dir will ich dankbar Weihen ein Lied! Wenn von der Seele Finsterem Ringen Weit mir entflohen Der stille Gott, Dann wie ein Pharus Winktest du segnend mir Zu des Gesanges Erleuchtetem Pfad. Denn aus der Tiefe Drängt sich und hebt sich Wer sich gegeben Dem ewigen Licht, Und es umschlingen ihn Erdendämonen, Sorgen und Schmerzen, Drohend umsonst. Stolz wie der Adler Zum Wolkenhause Des ewigen Vaters Die Flügel hebt: In blitzgewohnten Sicheren Fängen Führt er zum Aether Der Jugend Bild: So aus der Nächte Dampfendem Chaos Ringt sich die Seele Gestärkten Flugs; Mit der geraubten Ewigen Jugend Hebt sie zum Licht sich Athmend empor. Unter ihr wälzen sich Völkergeschicke, Kämpfe der Edlen Um Licht und Recht. Ob auch erliegend Der Mißgunst Pfeilen, Palmen umkränzen Des Siegers Haupt. Denn seit der erste Gewaltige Dulder Siegreich büßte Den Flammenraub, Hält fest am Kampfe, An seinem Rechte, Dem uralt ewigen, Wagend der Mensch. Hat er aus Funken Des Gottheitlichtes Sich neu geschaffen Seine Welt: Leben nun muß sie! Ob Tausende fallen, Sie kann nur wachsen, Nicht untergehn. Geschlechter welken, Und wähnten trunken Im reichsten Lichte Gewandelt zu sein, Und neue Geschlechter Sehn zu den Vätern Wie in die Dämmrung Lächelnd zurück. In volleren Zügen Muß alles Kommende Trinken des Lichtes Ewigen Quell. Licht ist die Wahrheit, Licht ist die Schönheit, Licht ist des Lebens Heiliger Keim. Der Funke selbst, Der still die Lampe Des einsamen Dichters Nächtlich erhellt, Vom Ewigen stammend Laßt er den Liedeston Flammend sich gießen In's Meer des Lichts. Formstudien Hinkende Jamben an Wilhelm Lübke. Für würdigen Inhalt ging ich heute formsuchend Hoch in der Musen vollgestopfte Dachkammer, Wo die Modele stehn von allen Versmaßen. Unübersehbar schien der bunte Wirrwarr mir. Hier standen der Antike Metra reih'nweise: Gewichtiger Chorgesänge schwere Grundrythmen, Dann Odenkrams verhundertfachte Nachbildung, Senare dort; daneben gleich, zur Abschreckung, Des zopfigen Alexandriners Pfuschmachwerk; Ganz Rom und Hellas, bis zum letzten Sechsfüßler. Nach diesem, mittelalterlich mit Vierstabung Allitterirenden Urgesangs Granitblöcke; Dann Nibelungenstrophenbauwerks Spitzbogen, Voll gothisch hoch erhabner Heldensteinbildung; Dazu der ganzen Minnedichtung Verskränzlein Und Sprachfigürchen in reizumblühter Vielfachheit. Dann kam handwerklichen Meistersangs Holzschnitzwerk, Sehr eulenspiegelscheckig, aber grundehrsam, Durchgängig doch urvätermöbelwurmstichig. Und immer mehr! Dort stehn in Renaissancegrazie Romanischen Geistes zierlich feine Formspiele. Hier des Terzinengangs Reliefbild, friesartig Dahingedehnt:, dort der Ottaverime schalkhaftes Amorettenbüstenvölkchen; endlich unzählbar Sonnettengefäß und Schalen höchster Formfeinheit. Sogar des maurischen Stils Gaselenlaubwerk war Einreimig ausgestellt zur Wahl nur. – Da stand ich, Und sah und sah, und weilte, gänzlich unschlüssig, In welch Gehäus des tausendfachen Formreichthums Ich kneten sollte die Gedankenthonmasse Zum Wiegenlied dem formverständigen Kunstfreunde. Bis endlich, unten tief im letzten Staubwinkel Die mächtige Form ich sah von Pindars Festhymnen. Entschlossen, scheu' ich nicht das schwierige Durchkriechen Durch aufgestapelt tausendjährige Verstrümmer, Hervorzuziehn den Fund. Da – bricht, der Hauptstütze Beraubt, von allen Brettern des Parnaßgiebels Das ganze Formeninventar mit Staubwolken Und Krachen über mir zusammen! Todähnlich Erschrocken, halb erdrückt, erstickt, voll Quetschungen, Tauml' ich bei Seit', erreich' die Thür, zurückgreifend Nach einem Ersten Besten, um doch nutzlos nicht Und völlig beutelos zu flieh'n, komm' hinkend Hinab – was hab' ich? Ach, ein Bündel Hinkjamben! Von all der Herrlichkeit den letzten Ausschuß nur! O Freund, so kommt der Inhalt meines Festliedes, Erdrückt von Formvollendungsstudien, nachhinkend! Nun, mag's! Und hinkte gleich die ganze Bildreihe – Sind Bild doch und Vergleiche selten zutreffend! Du aber, der aus halbverlornen Formtrümmern Des Grundgedankens Urgestalt und Ausprägung Weißt zu ergänzen auf historischer Grundlage, Wirst auch aus diesen Hinkejamben freundschaftlich Zusammenconstruiren dir die Fest-Ode. Schlag' in die offne Hand, die sich dir darbietet, Und laß es unter uns beim Alten stets bleiben! Virtuosität An Ad. Friedr. Grafen von Schack. Wen Trieb und Fleiß zu jener Stufe trugen, Wo Stoff und Form sich beugen unwillkürlich, Der baut sein Kunstgebild in festen Fugen, Auf deren Grund kein Höchstes unausführlich. Und die mit Blicken staunend überschlugen Des Ganzen Ordnung, finden nur gebührlich Den Schmuck und Schimmer, der bis zur Verschwendung Das Werk umgiebt in festlicher Vollendung. Am schwersten wird des Dichters Form die Massen Ergreifen, die doch sonst so leicht bezwingbar, Wenn Hörer auf ein Tongeriesel passen, Das nur des Geigers Zauberhand erschwingbar; Wenn Stimmen trillernd sich vernehmen lassen In einem Kreuzgewirr, das kaum noch singbar, Dann zuckt's und kribbelt's in den Händen Allen, Dem wohlverdienten Beifall beizufallen. Sie nennen's Virtuosität, und schelten, Und loben auch, wenn Einer Virtuos ist. Man schelte den, der sonst in allen Welten Nichts ist, wenn er die Prunkeffekte los ist. Doch lassen gern das Krauseste wir gelten, Wenn unterm Schmuck der Inhalt schön und groß ist. Um freies Spiel hat nie umsonst geworben Die Kunst, bei der das Können unverdorben. Der Dichter freilich, der sich in den Kopf setzt Mit Form und Reimspiel sich einmal zu putzen, Hat Wenige nur für sich. Jeder Tropf setzt Sich gleich parat, den Putz ihm aufzumutzen, Und sagt, wer an den Rock den simpeln Knopf setzt Braucht nicht mit Nestelband das Kleid zu stutzen. Der Kenner nur folgt mit geheimer Spürung, Vielleicht vergnügt, dem Gang der Formenführung. Denn stets mit der gewohnten Reime Ticktack Eintönig klingt zu oft der Strophen Uhrwerk. Recht hat der Dichter, wenn in lust'gem Tricktrack Er spielend zwingt des spröden Reims Naturwerk. Wer kühnlich wagt, der fährt auch wohl im Zickzack, Und bringt zum Ziele sein poetisch Fuhrwerk. So widm' ich Dir, o Freund, dies Bündel Schnickschnack, Der formend Du so viel gebracht in Schick, Schack! Recht um Recht Viel Ungeheures wagt der Mensch. Um Eisen Und Gold im Erdenschooß wühlt er sich Bahn, Und droben, wo im Blau die Adler kreisen, Sehn Eisesfirnen ihrem Thron ihn nahn. Das fernste Meer mit ersten Wellengleisen Macht er sich dienstbar, trotzend dem Orkan, Und was Jahrtausend' und Natur geschieden Läßt für das Dampfroß er zusammenschmieden. Was ist Gefahr ihm? Bis zum Meeresgrunde, Der Perlenmuschel nach, wagt er sein Heil, Und taucht zum Licht empor mit seinem Funde. Und wo des Nordens Felsenwände steil Und pfadlos ragen an der Brandung Schlunde Läßt er hinab sich an dem schwanken Seil Zum Dunenneste wilder Vögelbruten, Umgähnt, umdonnert von des Abgrunds Fluthen. Doch das verwegenste von allem Wagen Ist, daß der Mensch sein Innerstes nicht scheut Der tausendköpfigen Menge vorzutragen, Daß er sich selbst in seinem Werk ihr beut. Wenn Wasser über ihm zusammenschlagen, Der Fels ihn hinrafft, wie der Sturz ihm dräut, Kein Vorwurf wird des Muth'gen Tod erreichen, Doch der Lebend'ge fürchte Seinesgleichen! Vom Hohn gezeichnet ist der Ueberkühne, Der seiner Phantasie zu viel vertraut; Verspottet, wenn sein Werk er auf der Bühne Zu leicht für die enttäuschte Schaar gebaut; Grausam und unerbittlich wird die Sühne Für seines Sanges mißgestimmten Laut. Wenn viel des Guten schwindet im Gedächtniß, Ein Fehltritt bleibt ein dauerndes Vermächtniß. Was treibt den Schaffenden zu höchstem Wagen? Er glaubt an der Nothwendigkeit Gebot. Sein Recht ist Recht, und weiß sein Werk zu sagen Von höchstem Können, bleibt es unbedroht. Vergessen will das Denken und Behagen Des Werdens Ringen, des Gestaltens Noth. Recht steht um Recht. Fühlt sie sich überlegen, Giebt dir die Menge fürchterlichen Segen! Doch sei sie grimm und noch so scharf im Höhnen, Zu fesseln leicht ist selbst ihr Widerstand. Es lebt ein Zug zum Edlen und zum Schönen, Auch da, wo Großes fremd und unbekannt. Berührst du den auch nur mit leisen Tönen, Ist das Erwachen ganz dir zugewandt. Sie wird dich deines Rechtes nicht berauben, Giebst du ihr erst das Recht, an dich zu glauben. Modern Ein Urweltsmondkalb, ein Ichthyosaurus, Ein Ungeheu'r vom Stamme der Fossilien, Und wäre das Skelet des Minotaurus Zu finden, oder andrer Mischfamilien Entschlaf'ne Vettern, etwa ein Centaurus, Auch wohl die Haut herkulischer Reptilien: Das Alles wird und würde Modesache Für Freund' und Gönner vom Gelehrtenfache. Giebt's in der Wissenschaft gelehrte Moden, So bringt in unermüdlichem Erneuen Sie Jahr und Tag auf all und jedem Boden. An stetem Wechsel will die Welt sich freuen, Und eilt, das Aeltre nur hinwegzuroden, Um Allerältestes zu wiederkäuen. Was fremd erscheint in günst'ger Zeitenstunde, Macht auf der Neugier Straßen schnell die Runde. Was alles ausersehn zum Modemachen, Und wie das Modemachen gar gemacht wird, O lustig Schauspiel! Oft zuerst mit Lachen Empfängt man, was Gemeingut über Nacht wird, Bis plötzlich es, nach kurzem Glanz und Prachen Geworfen in des Trödels tiefsten Schacht wird. Auch auf des Ruhmes Bahn die Tageswunder Man hebt, verwöhnt sie, wirft sie weg als Plunder. Es ist das Loos des Künstlers auch und Dichters, Des besten oft. Er theilt das Gunstempfangen Mit jedem Troßknecht seichtesten Gelichters, Der schnell zur Hand für jegliches Verlangen, Und keck verlacht den Spruch des ernsten Richters. Der Beste, dem sie heut noch Hymnen sangen, Hört morgen jauchzen die entzückten Horden, Ein Popanz ist ihr Liebling schnell geworden. Das nie Veraltende war selten modisch. Wenn auch begrüßt von Vielen, und verstanden, Geht's durch die Welt doch einsam, episodisch, Wo Wirrwarr sich und Ungeschmack verbanden. Es lautet nur dem engsten Kreis melodisch, Ein Klang, in dem die Besten nur sich fanden. Die Welt verlangt Trompeten, Paukendröhnen, Um gläubig zu genießen und zu krönen. Was niemals Mode war, das Schöne, Gute, Ging ruhig wachsend doch durch alle Zeiten, Indeß im Mummenschanz der Weltminute, Die flücht'gen Bildungen vorüber gleiten, Und schwinden nach gebüßtem Uebermuthe. Was unzerstörbar lebt für Ewigkeiten, Erscheint, wie wenn nach bunten Flackerfeuern Sich Sterne rein und groß dem Blick erneuern. Brandopfer Vergessenheit, dir bracht' ich heut ein Brandopfer, So wie seit manchem Jahr' ich's bring', im Hauswesen Papiernen Krams von Pros' und Versen aufräumend; Heut nimm als Opferlied noch diese Hinkjamben! Viel speichert sich von Dingen auf, was unfertig, Mißlungen, falsch gedacht, trotz mancher Mühwaltung Zuletzt doch aufgegeben, in den Schubfächern Den Raum nur engt: Novellen, Dramenbruchstücke, Romanfragmente, hingeworfne Reimkünste; So manches auch, was leidlich bei der Arbeit schien, Und als es fertig, wie Empfang von Ohrfeigen, Ach, von des eigenen Geschöpfes Handreichung, Beschämend mich berührte! Wart, du Bosheitsbrut, Die so mich foppte! Wild Gezücht der Selbsttäuschung, In's Ofenloch! Verkohle, brenne, flamm' hochauf! Ritz, ratz, ihr Fetzen! Immer mehr? Du fünfakt'ge Komödienrange warst die schlimmste! Heiß werden Soll dir, wie mir! Und du, Novellenschlafmütze (Die einz'ge, die ich jemals trug) du sperrst gähnend Den Mund auf, höhnend noch, daß ich im Halbschlaf dich Aus Lappen flickte? Ho! Du sollst in Glutasche Jetzt schwellen, lustiger als mir dein Dasein war! Was siehst du Liederheft mich an so scheinheilig? Verwünschter Mückenschwarm, der mir aus Hundstagen Vergang'ner Sommer, die ich nicht zurückwünsche, Die Nas' umspielt! Das wär' Originaltonart, Aus der du pfeifst? Wir kennen die Gebrauchsweise Der alten Leier! Knistre nun im Rauchloche! Da ist Musik, die ich für dich gesetzt habe. So kann ich freier wieder einmal aufathmen. Und sterb' ich dieses Jahr, so ist der Nachlaß doch Schon lichter, und erspart wird ernstes Kopfschütteln Dem Guten, der da nachforscht um Herausgabe. So etwas kann ja doch geschehn. Wer schriftstellert Und stirbt, der wird mit einemmal auf sechs Wochen In Deutschland Mode, wenn er auch bei Lebzeiten Niemals in Mode war. Drum ist die Druckschwärze Dem Nachlaß sicher, nebst ein bischen Theilnahme, Auf die der Lebende vielleicht umsonst hoffte. – Hochheil'ge Flamme! Hätt' ich doch von frühauf dir Mehr anvertraut zu weihevoller Selbstläutrung! Mehr anvertraut von dem, was jetzt auf Staubbrettern Gebunden steht, vergessen halb vom Zornrichten, Doch einst vielleicht herabgezerrt, zu trostloser Verwunderung der Guten, die drin nachblättern! Dein Segen, heil'ges Feuer, für das Hausopfer Im Ofenloch kam spät, doch kam mir's einleuchtend! Brennt es wohl noch? Nein. Schwarzverkohlter Aschflocken Ein Häuflein weht entgegen durch den Zugwind mir. Wie groß das Opfer wohl im nächsten Jahr sein wird? Ich wünscht' es kleiner doch. So klein, daß nichts weiter Zu opfern wär, als dieses Häuflein Hinkjamben! Waldgesichte Den Waldweg abwärts, von den Felsenstufen In Sprüngen, tollkühn über Steinkolosse, Kam's mit Gelächter, Jauchzen und mit Rufen. Die junge Schaar, wie ungezähmte Rosse, Gab sich, am Sommertag kathederflüchtig, Mit Lust der halsgefährlich wilden Posse. Zum Wagniß auf einander eifersüchtig, Mit Schwung und Kraft, erwiesen Bein' und Glieder, Vom Glück begünstigt, sich doch heil und tüchtig. Und als vom tollen Weg die letzten nieder Getobt, sucht man mit ungeheurem Lachen Zu ordnen das verschobene Gefieder. Und in des Jubels festlichem Erwachen Nach Epheuranken greift ein blonder Springer, Mit einem Kranz sein Hütlein schön zu machen. Mit Epheuranken bald sind alle Finger Geschäftig, und mit Kränzen ist phantastisch Man auch gestimmt zum Ruf der Thyrsusschwinger. In Tönen, gleich verwegen als elastisch, Evoë Bacchos! schallt's aus Kehl' und Lippen, Und neues Wagen hebt sich an gymnastisch. Ein Felsenblock, mit Moos und Wurzelrippen Des Buchenstamms bedeckt, der drüber thronte, Ward ausersehn, zum Trotz der steilen Klippen. Hinauf! Als ob ein Königreich es lohnte, Begiebt ein Klettern sich, ein Rutschen, Ringen, Das weder Kraft noch Sommerkleider schonte. Genommen wird der Posten. Und mit Singen, Noch halb des Athems bar, muß in die Runde Der Siegestanz noch um den Baum gelingen. Evoë! gellt's hinab zum Thalesgrunde, Und Sonnenstrahlen durch der Wipfel Lichtung Schau'n lachend nieder auf das Fest der Stunde. Dann schwindet von der Höh' in andrer Richtung Die Schaar, das Evoë verklingt, gestaltet Zum Juvivallera moderner Dichtung. – Der aber achtsam, und noch unerkaltet Für solchen Waldesspuk, ihn angesehen, Der Mann sah mehr noch seinem Sinn entfaltet. Vom Boden hob er im Vorübergehen Der Epheuranken eine, die, zum Kranze Gefügt, verloren lief im Windeswehen. Du hast gedient, so dacht' er, bei dem Tanze Der wilden Kraft heut, wie ein paar Jahrtausend Zuvor schon die Geschlechter deiner Pflanze! Sein Haupt mit deinem starken Laub umkrausend Erschien Lyäus selbst, kam übermüthig Der Faunen Schaar aus ihren Wäldern brausend! Der seiner Reben Nektar heißgeblütig Der Freude gab, schuf in des Epheus Dauer Unwelkbarkeit der Lebenskränze gütig. So nahm die Kunst ihn, ließ des Marmors Mauer, Ließ Jubelrythmen herrlich sich beleben, Gestaltenreich dem Hörer und Beschauer. Mänadentänze, Satyr, Faun, umgeben Den Pantherwagen, drauf, den Tag versöhnend, Genuß und Jugend schützt der Gott der Reben. Die Kunst nur war's, die, jede Form verschönend, Das Lockenhaupt noch mit dem Kranze schmückte, Zur Anmuth auch das Wildeste gewöhnend. Was einst der Kunst in jenem Alter glückte, Verschwand in Trümmern grausiger Zerstörung, Als neue Völkerfluth die Welt zerstückte. Ein Bann lag über jedes Glücks Bethörung. Von allen Kränzen war die Dornenkrone Der einz'ge für des armen Staubs Empörung. So schwand die Zeit, vergessend die entfloh'ne. Doch was in Wäldern grünte, nichts vermochten Die Heil'gen drauf mit Bann und Lebenshohne. Da trieb um Fels und Stamm unangefochten Jahrtausendlang der Epheu sein Geranke, Wenn auch von keiner Hand zum Kranz geflochten. Doch auch die Menschheit überwuchs die Schranke Befangner Dumpfheit, und ein spät Erinnern Gemahnt sie, was sie alter Zeit verdanke. Der Spaten klang, dem Gruft- und Staubesinnern Entstieg bekränzt Lyäus neu geboren, Ein Schatz bereits den kundigen Gewinnern. Sein Abbild nur; und doch zu allen Thoren Zog wieder ein die Meng', an seinem Lichte Sich sonnend, dessen Strahl noch unverloren. Im Freudenkranz, mit hellem Angesichte, Begriff die Kunst, des Lebens Recht zu achten, Statt der Entsagung lastende Gewichte. Seit jener Wiederkehr verging mitsachten So manch Geschlecht, und es erscholl die Klage, Daß nur ihr Bild die Götter uns vermachten; Daß nirgends mehr für sie ein Tempel rage, Daß ihre Macht verging, und wir beschämlich Um Trümmer säßen ihrer Kunst und Sage. Ich dächte doch – so dachte jener nämlich, Der Mann mit dem gefund'nen Epheukranze, Man hieß' es gut, und denke minder grämlich! Gesetzt, es käme mir im Faunentanze Lyäus auf dem Wagen hier entgegen, Mänaden, Satyrn, Panther, kurz das Ganze: Die Bestien zwar gezähmt – nun meinetwegen! Allein das Satyrnvolk, die nackten Weiber – Wer weiß auch, ob so groß der Augensegen! Die Künstler waren meistens Uebertreiber, Und ob in Wahrheit sie nicht viel verlieren, In Formen und in Schwingungen der Leiber? Es sei dahingestellt! So beim Spazieren Im Wald wär's überhaupt ein Abenteuer Zu billigen kaum, geschweige zu probiren. Ihr Epheuranken, viel doch blieb noch euer Zum Dienst der Freude, trotz des Pantherwagens Verlust, und mancher schönen Ungeheuer! Die Kränze, die man heut geflochten, sagen's! Und auch von Satyrspuk sind noch die Köpfe Der Jugend voll, und lärmenden Behagens. Für Meißel, Pinsel und für Farbentöpfe Zieht man die alten vor, doch auch erquicklich Fand heut ich die modernen Waldgeschöpfe. Im Wald ist manche wilde Thorheit schicklich, Die man verpönt in unsern dumpfen Stuben, Und schön die Kraft, die aufschnellt augenblicklich. Den Vorwurf, daß das Beste wir begruben Der Lebenskräfte, den belehrten heute Des Bessern die bekränzten wilden Buben. So lang dem Boden, der auch dich erneute, Du Epheuranke, deutsche Bäum' entsprossen, Wird freudge Kraft nicht der Vernichtung Beute! Wer mürrisch hadert, treibt die schlimmsten Possen. Wäldershausen An Karl und Lili Schenck zu S. Im Morgendufte kommt vom Waldesrande Das junge Reh zum Wiesengrund geschritten, Da noch die Dämmrung hüllt die tiefren Lande. Es prüft den Thau, und blickt in Thalesmitten Mit klugem Aug' empor zum Höhenkranze, Zu dem die ersten Sonnenlichter glitten. Noch scheucht es nicht des Tages Strahlenlanze Zurück zum Wald, doch stutzt es bei dem Rufen Des Adlers, der sich wiegt im Aetherglanze. Schon sichrer blickt es, denn auf leichten Hufen Erscheint ihm der Genossen muntre Heerde, Zum frühen Mahl, herab die Rasenstufen. Und während Stille deckt den Fleck der Erde, Der sie geboren, harrt die Schaar, vertrauend, Daß Raum und Stunde sie beschützen werde. Doch über Buchenwipfel, die noch thauend Vom Nachtgewölke, dringt des Tages Sendung In Lichtern schon lebend'ger niederschauend; Und plötzlich durch der Hügel offne Wendung Gießt sich die Strahlenfluth in vollem Gusse, Das Thal erfüllend mit des Lichts Verschwendung. O welch ein Bild, geweckt vom Morgenkusse Der Sonne! Langsam sich zur Tiefe neigend Der Matten duftig Grün, vom Rieselflusse. Der Ohm durchschlängelt; Wälder, aufwärts steigend Zu Hügelreihen, erst nur leicht gehoben, Dann größren Schwungs gedehnte Formen zeigend; Sich überbauend, bis die Häupter droben In's Thal herüber schau'n, das fern im Weiten Sich schließt, in zarten Farbenduft verwoben. Wer sich zuerst in diesen Waldgebreiten Die Stätte gründete, verstand zu bauen Die Wohnung, sicher vor der Tage Streiten. Dort unter Buchen ist das Haus zu schauen, Geschützt vom Berg, die Stirn zur Ferne richtend, Zu Füßen allen Glanz der Wiesenauen. Nicht ist's ein Felsenbau, von welchem dichtend Die Sage spräch' in grauer Trümmersprache, Nein, frei im Grün, auf Thurm und Wehr verzichtend; Und doch mit seinem starken Holzgefache Jahrhunderten vertraut, seit Frühlingswehen Zuerst gerauscht zu seinem Schieferdache. Betrachtend aber wirst du lange stehen, Wenn sich des Eingangs Halle dir erschlossen, Geschmückt mit Bildern, Waffen, Jagdtrophäen. Doch daß nicht nur bewohnt von Waidgenossen Die Hall' und die Gemächer, sagt und deutet Ein Gang, der niemals einen Gast verdrossen. Woran ihr Alten euch im Stillen freutet, Von Enkeln ehrfurchtsvoll gehegt, bekunden Bescheid'ne Schätze, die ihr euch erbeutet; Gesucht vom Trieb des Sammelns, und gefunden Vom Wissensdrang und auf der Spur zum Schönen, Geordnet blieb es eurem Haus verbunden. So bracht' es ihm ein herzliches Gewöhnen Zum Edlen, Guten, um mit gleicher Wage Natur und Lebensfordrung zu versöhnen. Und gute Geister sind's, die hier die Tage Behüten, daß im Haus' es, ohne Schranken, So wie den Kindern, auch dem Gast behage. Das ist des Hauses Ruhm, wenn im Gedanken Des Gastes, der da scheidet von der Schwelle, Der Fremdheit Scheidegrenzen niedersanken; Wenn er, entfernt, für immer jene Stelle Zum Eigenthum im Geiste mitgenommen, Untrüglich auch im Trug der Lebenswelle. Doch wer, von Funken seiner Kunst erglommen Der Form vertraut, was freudig ihn berührte Zu sagen, hofft sich immer ein Willkommen. So wünscht' ich, was in Reimen ich vollführte, Zum Gastgeschenk für Euch, und guter Stunden Gedächtniß, welchem mehr als dies gebührte. Nicht Alles dauert, was ein Reim gebunden. Doch schönste Dauer kann dies Lied erreichen, Wird einst es von den Kindern aufgefunden, Im Buch des Hauses ein Erinnrungszeichen. Ein Blatt aus alter Zeit An Julius Grosse. Mit alten Schätzen, die ich lang bewahre, Von Briefen, Zeichnungen, vergilbten Zügen, Verkehr' ich immer gern im Lauf der Jahre. Da zog ich heut mit freudigem Genügen Ein Blatt hervor, aus Tagen, da wir fleißig Versucht uns in den ersten Geistesflügen. Ein Blatt von Dir, o Freund! Die Zeiten, weiß ich, Sind dir, wie mir, noch deutlich, unvergessen, Obgleich vergangen fast der Jahre dreißig! Wie seine Welt sich jeder unterdessen, Nicht fremd, doch immer fern, erschuf und baute, Heut will ich's nicht berühren, noch ermessen. Heut sucht sich die Erinnrung altvertraute Begrenzte Stätten, Giebeldächer, Straßen, Verschönt durch alter Lieder Jugendlaute. Auch wessen Kreise weit die Welt durchmaßen Weiß einen Ort wohl, den Erinnrung lichtvoll Mit Bildern schmückt, die einst sein Herz besaßen. Viel Größres mocht' er leben, das gewichtvoll Des Daseins Form und Wesen ihm erhoben, Ob er's erlebt empfangend, ob verzichtvoll; Viel Schöneres auch weiß er wohl zu loben, Was Meer' und Länder vor ihm ausgebreitet, Und fördernd seinen Sinnen sich verwoben; Um engsten Kreis in guter Stunde gleitet Sein inn'rer Blick, weitauf die Thore machend, Durch die er zu willkomm'ner Stätte schreitet. Sie ist's, wo er mit Seel' und Geist erwachend Zuerst sein Eigenstes in sich erkannte, Jedweder Schrank' in Hoffensreichthum lachend! Da sind Genossen, Strebens-Geistverwandte, Mit denen er, von Muth erfüllt unendlich, Für das Erringen jedes Siegs entbrannte! So fanden wir uns, Freund! Ist dir verständlich Daß Saiten leise nur zu schwingen brauchen, Mich immer neu zu fesseln unabwendlich? Die Thürme seh' ich aus dem Nebel tauchen Der alten Saalestadt, um deren Dächer Gelehrsamkeit und Kohlendünste rauchen; Den Markt, mit seiner Gassen krausem Fächer. Das Haus am Zwinger dort umschloß als Hürde Der Lehrlingsjahre dürftige Gemächer. Und doch, der Kunst, des Strebens ganze Würde War mit umschlossen von den engen Räumen, Und im Genügen lag uns keine Bürde. Der Garten war uns lieb mit seinen Bäumen, Der Platz, am Zwingergraben aufgemauert, Um Tag' und Sternennächte zu verträumen. Und auch von Leidenschaften angeschauert, Der Jugend erstem Antheil im Erfahren, Ward mancher Tag durchgrollt und hingetrauert. Wenn nicht erfüllbar Wunsch und Hoffnung waren, Blieb ungestört der Wuchs gefaßten Muthes, Das beßre Theil aus jenen Jugendjahren. Und eine Prob' auch unsres innern Gutes Ward von jedwedem schon der Welt behändigt, Durchglüht vom Sprudel unsres Lebensblutes. Das Flügelroß schon hattest du gebändigt Für Roms Tribunen zu dramatischem Ritte; Vom Rhein und Wein ein Lied hatt' ich beendigt. Nun war ich um des schönsten Frühlings Mitte Verreist, des Elternhauses mich zu freuen. Mein Hausrath stand dir frei, nach unsrer Sitte. Du wartetest der Briefe mir in Treuen, Zu prüfen, ob der Inhalt von Belang war, Denn kein Geheimniß gab es noch zu scheuen. Du faßtest einen, der vom ersten Rang war! Die Meldung, daß mein Lied, nach kaum sechs Wochen, Vergriffen schon, und günstig sein Empfang war. Du ließest deinen Jubel nicht verkochen, Beschriebst das leere Blatt, und Wünsche knüpfte Dein Wort daran, vom wackren Freund gesprochen. Noch zeigt die Schrift, daß deine Feder hüpfte, Zugleich, wie groß der Augenblick gewaltet, Der Tintenklecks, der deiner Hast entschlüpfte; Der Tintenklecks, der, künstlerisch gestaltet Zum Tänzer, mir erneuert schöne Züge, Die damals illustrirend du entfaltet. – Wer sich die Welt versucht, weiß zur Genüge, Wie Zeit und Raum so feindlich nie uns grollen, Daß man mit ihnen sich nicht auch vertrüge. Und kommt, was fördern soll, nicht aus dem Vollen, So fördert oft was dürftig und unscheinbar, Wenn wir es nützen und begreifen wollen. Sei wem da will sentimental beweinbar, Daß Jugendsinn, Genuß und Glück entschwunden! Mein Schaffen hielt ich jeder Zeit vereinbar. Doch schön war jene, da wir uns gefunden! Möcht' heut ein Blatt von mir in gleicher Weise Dich freu'n, wie Deines mich aus jenen Stunden! Fliegt hin ihr Reime! Glück zur Frühlingsreise! Stoßseufzer So verfolgt mich denn auf ewig Dieser tolle Klimperdämon! Ueber mir vollführt das Fräulein Auf den Tasten ihre Wirthschaft; Unter mir, in Kränkeltönen, Kinderübungsprügeljammer; Gegenüber gar der Leutnant – Heilge Musen! Nah und fern Ein verrücktes Trommeldröhnen Auf des Hauses Lieblingsmöbel! Bei den Einen wilde Lärmwuth, Bei den Andern Zeitvertrödlung, Bei den Meisten rücksichtslose Stumpfheit und Gedankenmord! O, wie ist die Zeit verwandelt! Früher, wie die Väter sagen, Hörte man in Mitternächten Nur die schwärmerische Flöte; Ein bescheidnes Instrument, Nur ein Ton aus dem Orchester. Aber heut muß über Massen Jeder Einzle kommandiren, Und mit athemloser Arbeit Greift und packt er, was von Tönen Händevoll er kriegen kann, Um in ungeheurem Schwärmen Rasend um sich her zu schleudern Sein verzweifeltes Gefühl! Schicksal, gieb uns armen Eulen, Die wir deutsche Dichter heißen, Schaffensruh und Stille brauchen: Gieb uns Thürme, gieb uns Bäume, Bergeshöh'n und Einsamkeiten, Oder schlag' uns gleich mit Taubheit! Denn die Häuser baut man nur noch Um Claviere drein zu stellen; Und die Leute wohnen nur Drinnen, um darauf zu lärmen; Und sie lärmen, und sie klappern, Weil sie nichts zu denken haben. Ach, ich wünschte mir ein eignes Instrument, wo jeder Ton War' ein Kniff, ein Nasenstüber, Fußtritt, Peitschenhieb, Karbatsche! O wie himmlisch musikalisch Wollt' ich dann noch selber werden Für die liebe Nachbarschaft! St. Petri Fasnacht St. Petrus saß am Himmelsthor, Vernahm nicht viel vom Engelschor, Der drinnen gar so schön erscholl; War von Gedanken übervoll, Und merkt nicht, wer mit stillem Gang Geschritten kam den Weg entlang. Der Herr blieb im Vorübergehn Betrachtend bei dem Pförtner stehn. Nun, Petre, spricht er, so versenkt? Hast etwas, das dein Herze kränkt? Machst ein Gesicht gar, fast ergrimmt, So sag nur, was dich bitter stimmt! St. Petrus fuhr erschreckt empor, Zu schaun den Herrn am Himmelsthor, Und seufzend recht aus tiefer Brust Begann er: Herr, dir ist bewußt, Wie ich von guter Erdengab' So wenig nur genossen hab, Zu wirken für das ewig Heil, Mühsal und Arbeit war mein Theil. Nun dacht' ich, wie jetzt auf der Erd Das Feuer brennt auf jedem Herd, Und meine Freundschaft diesen Tag Zur Fasnacht froh sich rüsten mag, Vergessen aller Arbeitsnoth Mit Mummenschanz und Gastgebot, Derweil ich hier so sitz allein. Das ging mir durch die Sinnen mein, Und schien mir Alles doppelt werth, Was ich versäumt hab und entbehrt. – Der Herr mit Milde drauf beginnt: Ei Petre, bist du so gesinnt, So käm's auf den Versuch nur an, Ob das dich noch erquicken kann. Urlaub drei Tag' ist dir gewährt, Dabei sich grad' genug erfährt, Ob Eins für Fasnacht, Gasterei Und Lustbarkeit der Mann noch sei. Zu deiner Freundschaft magst du gehn, Dein Amt wird hier derweil versehn. Doch sei bei guter Zeit zurück! – St. Petrus dankt dem Herrn voll Glück, Und hebt sich zu der Stadt geschwind, Wo ihm der Vettern viel noch sind. Die schau'n ihn mit Verwundrung an, Scheint ihnen kaum derselbe Mann, Den sie so lang für todt beklagt. Doch Petrus sie belehrt und sagt, Wie gut er in der andern Welt Als Pförtner sicher angestellt, Zeigt ihnen zum Beweis auch gleich Den Schlüssel dar vom Himmelreich, Den er in gutem Vorbedacht Zu sich gesteckt und mitgebracht. Nun war die Freud' erst übergroß, Die ganze Freundschaft macht sich los, Und gönnt zu feiern sich nicht Rast So fürnehm und so seltenen Gast. Und was er sonsten wohl entbehrt, Ward ihm im Uebermaß bescheert. – Die dritte Nacht verging der Welt, Den vierten Tag die Sonn' erhellt. St. Peters Urlaub überschritt Den fünften und den sechsten mit. Der Herr, gelassen, harrt der Ding', Am siebten Tag doch selber ging, Zu sehen nach der Himmelsthür. Kein Petrus trat ihm noch herfür. Doch drauß ist eine Schaar bereit Von neuen Sel'gen, die zur Zeit Das Himmelreich verschlossen fand, Dieweil der Pförtner über Land. Allein, wie so die Sel'gen sind, So machten sie es gar gelind, Und saßen ohne viel Rumor Gar friedlich plaudernd vor dem Thor. Der Herr that weiter seinen Gang, Da sah er an der Mau'r entlang Gar leisen Schrittes Petrum gehn, Als würd' er lieber nicht gesehn. Wich drum der Herr auch von dem Ort, Bis er ihm böte selbst das Wort. Nicht lang, der Pförtner trat auch dar Gesenkten Haupts und ängstlich gar, Recht eines Sünders Ebenbild. Der Herr empfängt ihn doch gar mild: Nun, Petre, solcher Fasnacht muß Bescheert sein reichlicher Genuß, Da du den Urlaub doppelt nahmst! Nur gut, daß du noch wiederkamst! Ging's gar so fröhlich her dabei? St. Petrus athmet wieder frei, Da er so gütig hört den Herrn, Erzählt ihm drauf von Allem gern, Wie er beim Mummenschanz gelacht, Und wie es ging bei Tag und Nacht. Der Herr ihm hört gar lange zu, Beginnt darauf in stiller Ruh: Für all das Gute, deß ihr pflagt, War doch ein Dank auch mir gesagt? Und zwischen Freud und Lustbarkeit Wann nahmt ihr euch zum Beten Zeit? St. Petrus stand bedenklich sehr, Zu lügen trug er nicht Begehr, Drum sprach er kleinlaut: Herr, du weißt Was man die rechte Fasnacht heißt! Zum Beten, wenn das Fest vorbei, Ist Aschermittwoch wieder frei. Zudem, es war ein reiches Jahr, Der Wein gerathen wunderbar, Die Scheuern jeder Ernte voll. Der Segen bis zum Giebel schwoll, Die Leut' und Vettern wußten kaum Für all das liebe Gut sich Raum! Der Herr darauf: Da dir's behagt, Sei dir, mein Petre, nicht versagt Ein Urlaub für das nächste Jahr. Und da zu knapp er heuer war, Setz ich drei Wochen gleich dir aus. Wiewohl, wenn du dich hebst von Haus Das nächstemal, giebst du zuvor Den Schlüssel mir vom Himmelsthor! – Und als herum des Jahres Kreis, St. Peter gürtet sich zur Reis' Und braucht den Herrn zu mahnen nicht. Drei Wochen ist er los der Pflicht Und hofft sich aller Freuden Maaß Vom Urlaub auf der Vetternstraß. Der Herr indeß zum Garten schritt, Die Bäum und Reben selber schnitt, Und hörte, wie von fern erklang Der Seinen seliger Gesang. Und als der erste Tag dahin, Er trat zur hohen Mauerzinn', Und sah, wie Petrus, eilend sehr Gelaufen kam den Weg daher. Und als der Pförtner vor ihm stand, Der Herr begann: Bist früh zur Hand! Drei Wochen durftest bleiben drauß, Der erste Tag ist eben aus! Ach, Herr! spricht Petrus, dieses Jahr Nimmt man der Fasnacht wenig wahr, Und will, von wegen böser Zeit Man hören nichts von Lustbarkeit. Die Ernte konnt nicht schlechter sein, Ein mißlich sau'r Getränk der Wein, Und Raps und Gerste, Obst und Korn, Verhagelt Alles hint und vorn; Die Vettern sehn nicht ein noch aus. Dem einen liegt die Frau im Haus, Dem andern krank der Kinder drei, Und hört man nichts als Wehgeschrei. Dem starb das Vieh, dem brannt die Scheur, Das Geld ist knapp, das Brod ist theur. Drum, weil nach Fasnacht Keins begehrt, Bin ich in Eil zurückgekehrt. Der Herr darauf: Da hörtest du Wohl manchem Angstgebete zu? Ihr Glück weiß nichts von Dankgebot, Ihr Beten ist nur Schrei der Noth. – Da wirft sich Petrus auf die Knie Und ruft: Ja, Herr, jetzt beten sie! Und baten mich, des Jammers voll, Daß ich's bei dir vermitteln soll, Von ihnen abzuthun das Leid, Das Alle preßt zu dieser Zeit! Der Herr dagegen: Laß das ruhn, Und geh nun, deine Pflicht zu thun! Wem ich den rechten Platz verliehn, Den soll's nicht da und dort hin ziehn. Was sich die Welt zur Lust begehrt, Ward manchem reichlich wohl bescheert, Viel reicher ist, wer frohgemuth Im Herzen trägt sein Hab und Gut. Wenn jedem Eigen droht Gefahr, Kann er doch spenden immerdar. Lieder in allerlei Tönen In Sommerzeit Es war ein Knabe gezogen Wohl in die Welt hinaus, Und ob ihm sein Schatz gewogen, Das Glück, das Glück war aus. Er wanderte weit In Sommerzeit Wenn am Walde die Rosen blühn. Was bist du so hoch geboren, Und ich nur ein armer Knab? Die Liebe, die Lieb' ist verloren, Die Welt ist leer wie ein Grab! Was soll mir im Leid Die Sommerzeit, Wenn am Walde die Rosen blühn! Das Mägdlein barg ihre Klagen Im stillen Kämmerlein, Und durfte sie's Keinem sagen, Sie hoffte jahraus, jahrein. Sah über die Haid' In Sommerzeit, Wenn am Walde die Rosen blühn. Es kam ein Reiter geflogen, Seine Locken wehten im Wind. Und bist du mir noch gewogen, Herzallerliebstes Kind? Vergiß das Leid In Sommerzeit, Wenn am Walde die Rosen blühn! Er hielt sie in seinen Armen, Ihr Herz vor Wonne schlug, Und hatte die Welt nicht Erbarmen, Die Liebe war stark genug. Und sie lachten beid Wie die Sommerzeit, Wenn am Walde die Rosen blühn. Jorinde Sie lachte so hell, und der Troß war weit, Jung Diethelm ritt an der Herzogin Seit. Holde Rast hier am Waldesrande! Er hob sie vom Zelter: »O Herrin mein, So halt' ich dich, laß mich begnadet sein! Jorinde, du Schönste im Lande!« Sie lacht: Jung Diethelm, ich seh' Euch gern, Doch bieten mir Kronen viel edle Herrn, Was seid Ihr zu bieten im Stande? »Ich biete mein Herz dir, mein junges Blut! Meinen Lebensdurst, meinen Todesmuth, Jorinde, du Schönste im Lande!« Jung Diethelm, Ihr hegt viel kecken Muth, Ihr werbt wie ein Knab' um der Minne Gut, Sie will gar verschwiegene Bande! »O Herrin, ich schweige bis in das Grab, Wenn ich alle Seligkeit funden hab, Jorinde, du Schönste im Lande!« Sie lacht und sie neckt mit verwirrendem Spiel, Aufstieg der Mond, und die Dämmrung fiel, Und die Rosse scharrten im Sande. »O Herrin, du lachst mir mit Augen und Mund, Mein mußt du werden zu dieser Stund, Jorinde, du Schönste im Lande!« Zu Roß! Horch, horch, des Jagdhorns Ton! Laß ab, du schaffest dir bittern Lohn, Und schaffest mir Zorn und Schande! »Ich laß dich nicht! Wenn ich denn sterben muß, So sterb' ich jauchzend in deinem Kuß, Jorinde, du Schönste im Lande!« Herbrauset der Zug, und ein Schrei wird laut, Blank zucket ein Schwert, von Blut bethaut, Und ein Odem erstirbt auf dem Sande. Und als sie heimwärts ritten die Straß, Hoch saß sie zu Roß, wie der Tod so blaß, Jorinde, die Schönste im Lande. Die sieben Nixen Es waren sieben Nixen fein, Die saßen im schlanken Kahn, Und ruderten im Mondenschein Auf des Sees Spiegelbahn. Sie schlugen den Takt, und sangen dazu, Und weckten des Wiederhalls träumende Ruh, Die Nixen alle sieben. Nur das jüngste Nixlein schweigsam blieb, In des Nachens Ecke geduckt, Und zum Ufer lauscht es, bald freudig, bald trüb, Wenn der Mond durch die Zweige zuckt. Und die andern meinten, sie sei noch ein Kind, Und gar nicht verständig, wie Nixen sind, Sechse von ihrer sieben. Und die erste sang: Was die Liebe sei, Bleib' ewig uns unbewußt! Denn das Menschenherz pocht ungetreu In der falschen, betrüglichen Brust. Die Liebe, die Liebe, die sei verbannt! Das schwuren sie fest sich in die Hand, Sechse von ihrer sieben. Die zweite sang: Was ist ein Kuß? Ein kurzer, vergänglicher Scherz! O kindische Lust, o schlechter Genuß, Du bringst nur Thränen und Schmerz! Das Küssen, das Küssen, das sei verbannt! Das schwuren sie fest sich in die Hand, Sechse von ihrer sieben. Die dritte sang: Und wenn es vorbei, Dann ringt aus des Jammers Grund Die arme Seele sich nimmer frei, Und seufzet, und seufzet allstund! Das Seufzen, das Seufzen, das sei verbannt! Das schwuren sie fest sich in die Hand, Sechse von ihrer sieben. Die andern sangen jedwede noch was, Die jüngste allein war stumm, Die schmückt sich mit Blumen, und schaut in's Naß Der Wellen – wer weiß, warum? Mit leichtem Wiegen das Schifflein glitt, Die Wellen tanzten und sangen mit, Mit sechsen von ihrer sieben. Und als sie gelangt an des Ufers Bug, Wo im Schilfe die Erlen stehn, Die Lüfte der Nacht mit leisem Zug Von den Bergen zu Thale wehn. Welch Schrecken hat euch, ihr Nixen, erfaßt? Sie sitzen erstaunt, und machen Rast, Sechse von ihrer sieben. Und die jüngste, mit Wasserrosen bekränzt, Behend an das Ufer sprang, Und der blonde Fischer mondbeglänzt, Sein luftiges Nixlein umschlang. Und die Zwei die küßten sich halb zu Tod', Und die andern schauerten seufzend im Boot, Sechse von ihrer sieben. Ihr Nixen, liebe Nixen mein, So rächt sich, was man verschwört! Und harrten der Fischer noch sechs an dem Rain, Wie gern, ach, wärt ihr bethört! Nun singen sie nichts, und nun sagen sie nichts, Nun rudern trübseligen Angesichts Sechse von ihrer sieben. Kriegsgefolge Reitersjungen zum Thor herein, Gar leidige Gäste zur Stelle! Mach's Fenster zu, feins Mägdelein, Deine Augen glänzen zu helle! Und über ein Tag, und über ein Stund, Sie band ihr Haar mit Seiden. Sie lacht' im Tanze von Herzensgrund, Mocht Manche den Tänzer ihr neiden! Im Garten steht ein Apfelbaum, Am Himmel gehn die Sterne: »Herzliebster, mir ist's, ach, wie ein Traum, Will träumen noch lang' und gerne!« Und Reitersjungen zum Thor hinaus, Im Staub die Trompeten verklingen. »Was soll ich einsam nun zu Haus? Das Herz will mir zerspringen!« Was schiert sich ein jung frisch Reitersblut? Heut geküßt, und morgen verlassen! Der Krieg hat nicht Haus, noch fahrend Gut, Er nimmt es auf allen Gassen. Hab' acht, hab' acht, feins Mägdelein, Was suchst du auf freier Straßen? Das Kriesfeld liegt in blutigem Schein Voll Elend übermaßen! »Ich bin daheim verschmäht, veracht', Und bin daheim vertrieben. Und was ich such' im Feld der Schlacht, Das steht bei Gott geschrieben!« Sie stund und schrie vor Freud' und Pein, Der Knab lag still gebettet. »Thu auf die Augen und Lippen dein, Dran Seel' und Sinn ich verwettet!« »Ich hab' dich, und müßt' ich betteln gehn Für dich und mich um Erbarmen! Und bist du todt, und ist's geschehn, Ich hab dich in meinen Armen!« Tristan Ach, warum durch Meereswogen Steuern wir auf schwankem Kiel? Kaum von Wünschen fortgezogen, Ruft uns heim der Sehnsucht Ziel! Was noch gestern hoch erfreute, Ocean und Inselstrand, Wie Verbannung dünkt es heute Von des Lebens festem Land! Nutzlos war dein Unterfangen, Armes Herz, mit harter Pflicht Zu beschwicht'gen dein Verlangen, Denn die Fessel läßt dich nicht. Und nur heftiger entbrennet, Was bekämpft du tausendmal, Seit ein ganzes Meer dich trennet Von den Augen deiner Qual! Stürme, die ihr meergeboren Reis't durch ungemessnen Raum, Nach dem Lande, das verloren Liegt in Dunst und Wellenschaum, Fort, zum Liebling meiner Seele! Sagt es, klagt es, daß allein Ich die Tag' und Stunden zähle, Einzutauschen Pein um Pein! Das Eselslehen (Mel.: Es steht ein Wirthshaus an der Lahn.) Zu Darmstadt in der Ochsengaß' Da schrei'n die Buben, was ist das? Was rennt von allen Seiten? Das frankensteiner Eslein kommt, Ein Weib sitzt drauf zu reiten. Was hat das Biederweib gethan? Geprügelt hat sie ihren Mann. Ich kann ihn nicht beklagen, Vom Weib erwirb dir Zärtlichkeit, Dann wird sie dich nicht schlagen! Doch anders denkt der hohe Rath, Der Mannesehr' zu wahren hat. Ihr Müthlein abzubüßen Soll sie zu Esel durch die Stadt Mit Schanden reiten müssen! Doch weil die Esel noch so rar, Wer leiht zur Buß' uns einen dar? Des Bürgermeisters Pathe, Der edle Herr von Frankenstein, Der leiht ihn gern dem Rathe. Und weil das ging jahrein, jahraus, So ward ein Eselslehn daraus, Und ward für Manneswürde Zwölf Malter Korn in Jahr bezahlt, Und für des Esleins Bürde. Die alte gute Zeit ist aus, Dahin das Frankensteiner Haus. Verjährt ist auch das Lehen, Die Esel sind nicht mehr so rar, Und zärtlicher die Ehen. In Sommerzeit zum Frankenstein Geht Arm in Arm zu kühlem Wein Jetzt Weiblein hold und Männlein, Und denkt nicht mehr der alten Zeit, Und leert vergnügt sein Kännlein. Das alte Lied Es geht eine Sage vom tiefen See, Wo die Nixe taucht aus den Wellen: Alljährlich erfaßt es mit Angst und Weh Einen jungen Mühlengesellen. Ihn schauert's im Haus, erst drunten entflieht Sein Schmerz in der bläulichen Kühle. Mir liegt im Sinne das alte Lied Von dem Müller und seiner Mühle! Ich mag nicht mehr der Menschen Weis' Und all ihr Höhnen und Fragen, Wie ich verlassen den alten Kreis Aus wilden, thörichten Tagen? Sie meiden mich, da ich sie mied; Und kühl ich die lastende Schwüle, Sie werden sagen: Das alte Lied Von dem Müller und seiner Mühle! Du dunkle Tiefe, du lockst so süß Hinab zu deinen Gründen! O rausch' empor, meine letzten Grüß' Und Alles ihr zu verkünden! Und wenn sie stumm hinunter sieht In die wellenkräuselnde Kühle, Dann denkt sie wohl an das alte Lied Von dem Müller und seiner Mühle! Die verirrte Seele Verirrt zu dir ist meine Seele, Und weiß doch, daß sie nur verirrt, Wie eine fortgewehte Blüthe, Und ewig fremd dir im Gemüthe, Umsonst die Heimat suchen wird. Vergeblich, daß ich mir verhehle, Wie du nicht ahnst, was um dich ringt! Kein Hoffen täuscht das stille Bangen, Und doch verstummt nicht das Verlangen, Das keinen Frieden je mir bringt. Sie fragen quälend, was mir fehle? Der Tag ist blau, die Biene schwirrt: Bin nicht daheim, bin nicht im Leben, Seit ich die Seele hingegeben, Die willenlos zu dir verirrt! Unruhe Du mein Gestirn, dem in der Frühe Mein erster Gruß beglückt erwacht! Du meines Tages Sorg' und Mühe, Die leuchtend meines Ringens lacht! Mein Hoffnungspol im Abendreigen, Wenn Leidenschaft beruhigt quillt! Mein Traum, mein Sagen und mein Schweigen, Du heißgeliebtes Menschenbild! Du magst, in deines Daseins Blüthe Dich selig sonnend, nicht verstehn Die Regungen, die durch's Gemüthe Mir selbst unfaßbar, quälend gehn. Ein Ahnen sagt dir wohl mit Bangen Die fremde Gluth, die du entfacht, Du gehst vorüber halb befangen, Und übst doch deine ganze Macht! Du kommst und gehst, so kommt mein Hoffen, So treibt mein Trotz es in die Flucht, So fühlt mein Wesen sich getroffen Von Ungeduld und Eifersucht. Du nahst mit Lächeln meinen Kreisen: Wer glaubt's, wie bald ein Herz vergißt? Ich steh gebannt von Zauberweisen, Und muß dich lieben, wie du bist! Stimmen der Nacht Stimmen der Nacht! Hebt aus der Tiefe Dämmerndem Grunde Leise die Schwingen Ueber die Welt! Wehen des Windes, Rauschen der Wellen, Nachtigalltöne, Wecket den Wiederhall Fern im Geklüft! Ihr nimmer rastenden, Die ihr die Stunde Wisset, da mächtiger Schwillt durch die Thäler Euer Gesang: Unter dem bergenden Schleier des Dunkels Singet ein Traumlied Der schlummernden Erde, Stimmen der Nacht! »Was wir verkünden, Hören die Schläfer nicht, Träumen nur weiter All' ihres Tages Flüchtigen Schein. Aber der Wachende, Der in die Seele Senket die Blicke, Prüfend und schauernd, Höre das Lied! Unter den Wogen Starrt es von Klippen, Senken sich Felsen, Stürzet zum Abgrund Wirbelnd die Fluth. Droben die Fläche Kräuselt nur spielend, Was aus dem Kampfe Senden die Tiefen, Als leichten Schaum. Wehen des Windes Streift um die Knospen, Küßt die erwachenden, Daß sie als Blüthen Grüßen den Tag. Kommt es auf Flügeln Sausenden Sturmes, Bricht es die Knospen, Streut es zu Boden Blüthen und Laub. Klänge der Nachtigall, Kundig der vollsten Holdesten Töne, Mühelos, rastlos Singend der Nacht; Ist es der Freude Jubelnde Feier? Klänge der Nachtigall, Singen sie Klagen? Künden sie Lust?« Stimmen der Nacht! Schön in des Mondes Und der Gestirne Silberner Dämmrung Ueber dem Strom Tönet das Rauschen, Säuselt der Windhauch, Dringt aus den Blüthen Rufender Nachtigall Schmetterndes Lied! Was sich dem wachenden Erdegebornen Schmeichelt als Wohllaut, Lächelt als Friede Durch das Gemüth: Laßt ihm der Sterne Flimmernden Abglanz Ueber der Fläche! Laßt ihm der Täuschung Freundliches Bild! Poesie des Schmerzes Wenn du geliebt, wenn du gehofft, Wenn du gestrebt, gerungen, Wenn du mit starkem Willen oft Dein lechzend Herz bezwungen, Dann fühlst du, wie zu neuem Werth Erwacht dein ganzes Leben, Denn jeder Schmerz, der dich beschwert, Wird höher dich erheben. Schmerz ist das eine große Band, Das alle Welt umschlungen, Es macht den Besten dich verwandt, Die je gedarbt, gerungen. Es lehret den geschärften Blick, Was sich in Qual verborgen, Dir zeigt dein eigenes Geschick Der ganzen Menschheit Sorgen. Schmerz ist die Sturmesmelodie, Mit deren Ton erschütternd Jahrhundert um Jahrhundert schrie, Dem Todeskampf erzitternd. Ein Fluch, der mit Erweckungsmacht Der Völker Schlaf verklagte, Und mahnend aus der Zeiten Nacht Zum Kampf, zum Licht sie jagte. Und so entsproß dem Fluch das Heil, Denn aus Vernichtungstoben Hat stets der Menschheit bessres Theil Verjüngt sich und erhoben. Und jede größte, schönste That, Die neu die Welt gestaltet, Hat sich aus schmerzgegebner Saat Dem Sonnenlicht entfaltet. Was als ein weihevoller Klang Aus heil'gem Schmerz erblühte, Wird mit erlösendem Empfang Ergriffen im Gemüthe. Wenn Freude nur die Stunde weiht, Ein Lied, dem Schmerz entrungen, Geht durch die Welt, geht durch die Zeit, Im Innern fortgesungen. Ausfahrt Die Straßen füllen sich auf's Neue , Das Wandern hebt sich durch die Welt, Hoch von des Himmels klarer Bläue Weht Frühlingsluft durch Wald und Feld. So rüst' auch ich die Schritte wieder, Wohin es geht, mir einerlei! Wenn nur für frohgestimmte Lieder Das Herz mir und die Straße frei. Und wer sich zu mir eingefunden, Zu theilen meinen Wanderschritt, Der sei mir für den Tag verbunden, Bringt er die rechten Klänge mit. Die Blüthenzeit in ihrer Schöne Vereint zu schau'n, sei doppelt Lust! Verbunden klingen erst die Töne Mit vollsten Klängen aus der Brust. Aus deiner Schale laß mich trinken, Du Frühlingstag, mit durstgem Zug Für alle Freuden, die mir winken, Zu stärken Brust und Liedesflug! Und wo es sei in allen Fernen, Dahin mich Weg und Tag gebracht, Ein letztes Lied den guten Sternen, Den stillen Wandrern durch die Nacht! Herbstwanderung Seit die Reben unterm Laube Mit dem letzten Duft verblüht, Hat der Sommertag die Traube Schon mit goldner Kraft durchglüht. Und der Herbst mit tausend Farben Schmückt die Ufer und das Land; Ei, wer mag am Feste darben? Schnell den Wanderstab zur Hand! Denn zum Fest geht jede Straße, Die uns führt zum schönen Rhein, Der sein Gut in vollem Maße Prangen läßt im Sonnenschein. Da ist hellres Jugendfeuer, Als der Frühlingssonn' entsprießt, Wenn der Herbst zu ewig neuer Freude seinen Quell erschließt. Schönster Quell, vom Sonnenkusse Stark und wunderbar durchglüht! Segen deinem goldnen Flusse, Dem die Welt verklärt erblüht! Und für all das Glückverschwenden, Das uns Fest zu Festen reiht, Segen dir und Liederspenden, Wundervolle Herbsteszeit! Wandergruß In der hellen Sonntagsfrühe, Die mir flügelt Herz und Fuß, Blüh' im Herzen mir, erblühe, Sangeslust zum Liedesgruß! Wie vom Thal die Glocken klingen Aus dem goldnen Nebelduft, Soll mein Sang sich aufwärts schwingen Durch die reine Morgenluft. Und als ob mir Antwort riefe Dort der Firnen Silberschnee, Dort der blauen Himmelstiefe Feuchtes Wiederspiel im See: Hör' ich Worte wiedertönen, Holde Namen im Gesang, Die mit seligem Gewöhnen Ich zu Lied und Reimen schlang. Ruft dem Wiederhall der Ferne Heut der Wandrer seinen Reim, Ach, in dieser Früh' wie gerne Wär' ich auch bei euch daheim! Herz und Augen zu entzücken In geliebtem Zauberkreis, Der das Schönste vor den Blicken Noch zu überstrahlen weiß! Alle Musen zum Geleite Gabt ihr mir auf meine Fahrt, Und so bleibt auch in der Weite Herz und Sinn mir wohlbewahrt. Will zu lang der Weg mir werden, Weiß ich treu mir zugesellt Meinen Himmel schon auf Erden Und im Herzen meine Welt! Abendstille Kein Segel mehr in blauer Bucht, Das letzte Schiff im Hafen, Der Vogel kehrt' in Abendflucht Zum Felsenneste schlafen. Ein spätes Lied nur leise mag Noch heben seine Schwingen, Von einsam schönem Wandertag Den Nachklang auszuklingen. Zur Ruhe spannt so hoch und fern Sich aus der Sternenbogen, Zur Ruhe winkt, ein Erdenstern, Der Leuchtthurm auf den Wogen. O goldne Ruh, du Himmelsgast, Nun kommst du hold zu trösten, Zu einen, die von Tageslast Ermüdeten, Erlösten! Im Fischerdorfe längst schon ruht Der Alten Haupt im Pfühle, Doch laut noch pocht das Jugendblut Und sucht die Abendkühle. Von Haus zu Hause schleicht die Lieb' Auf still verstohlnen Füßen, Die Stunde, die der Ruhe blieb, Noch doppelt schön zu grüßen. Woher, o Herz, der Wehmuth Spur? Wohl war der Tag nicht einsam, Doch Abendruh erquicket nur Von Herz zu Herz gemeinsam. Was ungetheilt im Innern klang Flieg' hin im Lied', und frage Ob einsam ein Gemüth dem Sang Ein still Willkommen sage? Bundeslied 1852. Wie im kreise wir uns finden, Freunde, hier zu heitrer Stund', Soll die Muse uns verbinden, Recht aus tiefstem Herzensgrund! Was vereint aus allen Weiten Hat ein günstiges Geschick, Halte fest für alle Zeiten Froh bewegt den Augenblick! Hat am Tageswerk gebauet Jeder in des Schaffens Drang, Töne, wenn die Nacht uns schauet, Hell vereinter Freudensang! Was als strebende Genossen Uns vereint in guter Stund, Wenn die Stunde längst verflossen Mach' es uns Erinnrung kund! Lieder sind die goldne Kette, Die unlösbar uns umschlingt, Und auch zu der fernsten Stätte Freundesgruß zum Freunde bringt. Ob des Lebens bunt Getriebe Schleudert uns nach Süd und Nord, Findet doch die alte Liebe Immer auch den alten Ort. Narrenlied Wir lustigen Brüder, wir sechse, Wir tragen hohen Mut, Wir trinken gern gut Gewächse, Und essen auch gerne gut. Und kommen auf Schusters Rappen Wir all' von verschiedener Bahn, So tragen wir gleiche Kappen, Und gleiche Schellen daran. Wir lustigen Brüder, wir sechse, Wir lachen schon manches Jahr, Wir bringen die Milz und die Flechse Den Leuten und uns in Gefahr. Wir athmen die reinste Beglücktheit, Wenn Jeder darauf bedacht, Wie er des Andern Verrücktheit Zum Spiegel der Weisheit macht. Wir lustigen Brüder, wir sechse, Wir feiern all' unsre Fest' Mit witzigem Versegeklexe, Und Griffel und Pinsel auf's Best! Und wer am tollsten läßt sausen Im Kopf seinen Kreisel und Querl, Die Weiblein lachen der Flausen, Und über den närrischen Kerl. Wir lustigen Brüder, wir sechse, Wir haben die Weiblein gar lieb, Daß jegliches an uns verhexe, Was noch zu verhexen blieb. Und weil sie die Narrheit bestätigt An Jedem hundertmal schier, So sei sie für immer bethätigt Zu ihrem Dienst und Pläsir! Wir lustigen Brüder, wir sechse, Wir stehen uns allzeit bereit Als Chronisten und Versifexe Der eigenen Herrlichkeit. Längst sind wir unsterblich geworden Auf ewig ureignem Gebiet, Denn die Narrheit ist erblicher Orden Bis in's hunderttausendste Glied. Zum Jahresfeste 1859. Seit der erste Liederton Klang in unsrem Kreise, Hat die Zeit vollendet schon Manche Jahresreise; Hat uns durch die Welt zerstreut, Und uns neu verbunden, Und wir fühlen uns noch heut Wie in alten Stunden. Ist an Wünschen, hochgeschwellt, Manches auch gescheitert, Fühlt ein Jeder seine Welt Innen doch erweitert. Und in ungeschwächter Lust Zu erhöhtem Schaffen Rühren tapfer und bewußt Sich die Geisteswaffen. Eine einz'ge Sonne scheint Auf der Straßen viele, Und das Fremdeste vereint Sich in Einem Ziele. Mag Jedweder seines Flugs Letzten Kreis durchschwärmen, Jeder Lichtglanz seines Zugs Wird uns All' erwärmen. Aus dem Tempel aber mit Schmeichlern oder Lobern! Wahrheit lehre Schritt für Schritt Uns die Bahn erobern! Wahrheit schafft am Dornenstrauch Rosen, uns zu krönen, Wenn am Ziel der Opferrauch Steigt im Reich des Schönen. Doch wie nur der Sonnenschein Bringt die vollste Blüthe, Will gehegt das Schöne sein Durch der Frauen Güte. Und so wirkt, der Brüder Kreis Innig zu verfestern, und zu lohnen Müh' und Fleiß, Jetzt die Schaar der Schwestern. Preis und jedes Dankes Zoll Ihnen, die das Streben Unsres Bundes anmutsvoll Weihen und erheben! Wenn in heitrer Stunden Flucht Freuden ihnen lachten, Ist's allein des Segens Frucht, Den sie selbst uns brachten. Und so sehn wir mit der Zeit Enger uns verflochten, Als in Tagen, scherzgeweiht, Wir es ahnen mochten. Lebe drum der gute Geist, Der bis diese Stunde Frisch und kräftig sich erweist Unsrem Freundesbunde! Leb' auch dieser gute Tag, Der im Jahreskreise Immer neu uns grüßen mag In der alten Weise! Und zuletzt? Kein Wie und Wo? Kommt, das Glas zu heben! Brüder, Schwestern, laßt uns froh, Laßt uns Alle leben! Ein Sauerampferkranz (Zum Geburtstage.) Nach dem Reichthum all' des Süßen, Und der Blumen Duft und Glanz, Kommt noch spät dich zu begrüßen Hier ein Sauerampferkranz! Ungewöhnlich ist vor Leuten Solch ein Kranz, man muß gestehn! Wollt' er gar etwas bedeuten, Wär' es um den Dank geschehn! Doch auf reineres Verständniß Hofft bei dir dies Maiengrün: Fördrung der Geschmackserkenntniß Einzig soll daraus erblühn. Und daß ich mir Dank erwerbe, Als ein Suppenkunst-Adept, Für das Wilde und das Herbe Geb' ich gleich das Kochrezept: Nimm denn Brühe, sei's von Knochen, Sei's von Muskeln, laß drauf gut Den gehackten Ampfer kochen, In der krafterfüllten Flut. Liebst du grünen Kerbels Spenden, Oder blauen Gundermann, Thu dann, ohne zu verschwenden, Auch von diesem etwas dran. Doch bevor sie angerichtet, Und sich biete sonder Fehl, Sämig wird die Flut verdichtet Noch mit Eigelb, Rahm und Mehl. Dann, zum äußersten Behagen, In das duft'ge Element Eier noch hineingeschlagen, Welche man »verlor'ne« nennt. Doch nun darf ich nicht verschweigen, Daß – zum Trost gereich' dir dies – Die Erfindung nicht mein eigen, Und ich sehr mir helfen ließ. Ruf' denn die Familiengruppe Löffeltapfer um's Gedeck! Und behagt ihr dann die Suppe, Ist erfüllt des Kranzes Zweck. An meine Schüler in Waffen Juli 1870. So zieht denn hin, ihr braven Jungen, In's Feld, von heil'ger Gluth entbrannt; Aus deutscher Kraft seid ihr entsprungen, Heil euch, und Heil dem Vaterland! Die uns bisher vereint, die Stunden, Sie weichen einer größren Pflicht, Die ihr wie Morgenruf empfunden Mit freudeleuchtendem Gesicht. Ihr wißt, daß nicht zu leichter Führung Ihr jugendlich nach Waffen greift, Daß unerhörte Frevelschürung Für schweren Kampf herangereift. Der Feind, der wahnsinnstrunken heute Die deutschen Grenzen hart bedroht, Führt seiner Horden ganze Meute Zum Spiel um Leben oder Tod. Ob morsch und faul auch seine Sache, Er kennt des Trugs, der Lüge Kleid, Und kennt den Weg, der Immerwache, Zur Volkesgunst, um die er freit. Sein Schmeichelwort vom Ruhmespfade Saugt Spahi, Zuav und Turko ein; So führt die Höllenmaskerade Der blutigen Macht er an den Rhein. Für ein Phantom nur fechten jene. Ihr fechtet für das höchste Gut, Euch spannt der Freiheit Ruf die Sehne, Euch stärkt des ganzen Volkes Muth. Ihr zieht in's Feld für Deutschlands Marken, Für eurer Mütter reinen Herd, Ihr fühlt die junge Kraft erstarken Für Alles was uns hoch und werth. Es kann nicht, kann sich nicht mehr wenden, Was Deutschland heilig sich gelobt, Und ob die Welt an allen Enden In Feindeshaß dagegen tobt. Auch ihr seid dazu auserkoren, Freiwillig zieht ihr in den Krieg, Zu dem wir All' uns zugeschworen Unwandelbaren deutschen Sieg! So folgt gesegnet euren Fahnen, Des höchsten Segens seid ihr werth! Willkommen, wer von Siegesbahnen Zur alten Schulbank wiederkehrt! Willkommen, wer aus Waffenzügen Sein Jünglingsherz mir rein bewahrt, Am Tag, da freudiges Genügen Zum Friedenswerk uns wieder schaart. Deutsche Weihnacht 1870. Ueber dem Schnee in der heiligen Nacht Funkelt das Sternengeleite. Fern in Frankreich auf einsamer Wacht Schaut der Soldat in die Weite. Weit, so weit ist der Sternenraum, Weit, wie die Lieb' ohne Schranken! Heimathlichter am Tannenbaum Geh'n ihm durch die Gedanken. Mutteraugen und Jugendlust, Kinderlachen und Singen – Leuchtend geht's ihm auf in der Brust, Will ihm das Auge bezwingen. Kalt und eisig schneidet der Wind, Horch! Was schwirrt durch die Bäume? Weg von der Stirn, vom Auge geschwind Streicht er die fremden Träume. »Dank dir, du fränkischer Winterhauch, Der mir pfeift um die Ohren! Hier wird in heiliger Weihnacht auch Neu uns die Liebe geboren.« »Treue Brüder von Süd und Nord Steh'n auf dem Posten wir Alle. Deutschland hoch! sei mein Jubelwort, Ob ich heut, ob ich morgen falle!« Lautlos schimmert die heilige Nacht, Still ist's droben und nieden. Schütze dich Gott, du treue Wacht, Bring' uns den Sieg und den Frieden! Mein Singerbub 1871. Das war mein fröhlicher Singerbub, Krausblond und achtzehn Jahr! Wie glänzend sich sein Aug' erhub, Wenn sein Lied mir zu Danke war! Und gab's einen Hader, ward trüb sein Sinn; Zum Alten zog's ihn doch wieder hin, Bis Gesang und Gemüth ihm klar. Da kam's über'n Rhein mit Kriegsgeschrei, Gen Frankreich stand Alles in Wehr. Mein Singerbub war auch dabei, Zu kämpfen für Freiheit und Ehr! Die Kugeln pfiffen durch manche Schlacht, Von Liedern träumt er in kalter Nacht Zu fröhlicher Wiederkehr. Sie kamen, begrüßt von Jubelgeschrei, Als Sieger zum heimischen Herd, Mein Singerbub war nicht dabei, Der liegt nun in fremder Erd. Der träumt nicht mehr von Liedern und Lust, Der sank, noch eh er im Herzen gewußt Wie Hoffen und Glück sich verkehrt. Frühlingslied von der Bergstraße 1871. Vom Odenwalde der Frühlingswind Senkt seine Schwingen zu Thal, Ein grünes Netz um die Buchen sich spinnt Im wärmenden Sonnenstrahl. Nun hinaus auf des Lebens erquickender Spur, Um zu schlürfen den duftenden Schaum! Zur Rechten des Rheins goldprangende Flur, Zur Linken der Berge Saum. Die Burgen und Oertlein wie Perlen sich reih'n, Und die Bäche wie Silber sprühn, Es kleidet der Alte, der Frankenstein, Sich immer noch waidmannsgrün. Da drunten Seeheim, leuchtend im Thal, Und Jugenheim, strahlend in's Land, Gott grüß euch, ihr traulichen Heim allzumal, Bis an des Neckars Strand! Was manch Jahrhundert von Süd und Nord Aus der Wanderstraße hier zog, An Bergen und Thälern vorüber und fort, Zieht heut noch, das Völkergewog. Doch wollt' es uns wieder von Westen her Mit Drohn und Gelüsten zum Rhein, Der Weg soll zurück ihm mit kundiger Wehr Gewiesen für alle Zeit sein! Was drüben des Fremden Gelüst verdarb Sei verbannt heut aus unserem Reim! Wir singen dem Glück nur, das uns erwarb Ein einziges sonniges Heim. Ihr aber seid uns von Herzen gegrüßt, Ihr Vogesengipfel im Blau! Du schöner Strom, der in Freiheit fließt Durch den prangenden deutschen Gau! Drum hinaus auf die Berg', und hinaus zu Thal, Und wo uns die Rast ist bescheert! Gesungen, geklungen, wir haben die Wahl, Und was nur das Herz begehrt! Ob Diesen verbindet ein heimisches Band, Ob Jenen die Ferne gebracht, Wir preisen das herrliche deutsche Land In wieder erstandener Pracht! Rheinisches Liederspiel Ferdinand Hiller dem Komponisten dieser Lieder zugeeignet. Motto Wer zu hören recht versteht, Wird die Stimmen unterscheiden, Wie sich im Gesang ergeht Junges Glück und Herzensleiden. Einzeln, bald zu zwei und drei, Zwiefach auch gepaart, verbunden, Geben sie den Tönen frei, Was erlebt ward und empfunden. Nicht zu sagen, was geschehn, Nur, was Andre wohl erzählen, Halb in Liedern zu gestehn, Halb in Liedern zu verhehlen. 1. Gesang vom Berge Hier oben unter dem Waldesbaum Zu Thale schaut man nieder, Und hochhin, wo im Himmelsraum Der Adler wiegt das Gefieder. Du Sonne, gieb noch hellen Schein, Die Welt will noch nicht schlafen! Dem Schifflein drunten auf dem Rhein, Dem leuchte noch zum Hafen! Hier oben zwischen Laub und Gras, Mit Kränzen, frisch gewunden, Wie leicht und schnell das Herz genas Von schwülen Tagesstunden! Du Sonne, schau, dort schreitet im Thal Ein müder Wandergeselle, O leucht' ihm noch mit einem Strahl Zu seiner Ruhestelle! Wir aber Zwei, wir haben's gut, Wir mögen fröhlich singen, Dieweil die Welt bedeckt schon ruht Von grauer Dämmrung Schwingen. O Sonn', hast du dich still und sacht Verhüllt in blauen Fernen, So singen wir noch der Frühlingsnacht Mit ihren tausend Sternen! 2. Heimkehr Sei willkommen, Heimatherde, Die ich fast verloren gab! Führe zu dem alten Herde Mich, mein treuer Wanderstab! Die vor Jahren ich verlassen Für die Welt, mit leichtem Fuß, Hohe Thürme, krumme Gassen, Nehmt des Heimgekehrten Gruß! Du, mein Strom, geliebt vor allen, Stolzer, königlicher Rhein, Deine Fluthen seh' ich wallen Glänzend unterm Sonnenschein! Sei gegrüßt auf Berg und Hügeln, Rebe, die den Segen bringt, Dem auf tausend Liederflügeln Preisgesang die Welt durchklingt! Und ich nehm' es als Willkommen, Das mich freudig überkam, Daß ich Lieder dort vernommen, Wo ich einsam Abschied nahm. Liederklänge holder Mädchen, Ihr begleitet mich zu Thal! Heimathboden, altes Städtchen, Sei gegrüßt mir tausendmal! 3. Im Stübchen Es waren drei Könige im Morgenland, Das Wort war ihnen ergangen, Und wo der Stern am Himmel stand, Da sollten sie Heil empfangen. Es waren Hirten auf freier Wacht, Die hatten den Stern gesehen, Er leuchtete hell durch die ganze Nacht, Die andern mußten vergehen. Die Hirten, die Könige, zogen ihm nach, So weit das Land sich breitet, Bis daß sie standen am niedren Dach, Dahin der Stern sie geleitet. – In die Welt hinaus Ist Mancher gegangen, Kehrte spät nach Haus Mit gebräunten Wangen. Steht ihm Leben und Muth Im Antlitz geschrieben, Ach, wär er auch gut Im Herzen geblieben! – Reite, reite, Rößlein! Zu Basel steht ein Schlößlein, Zu Köln da steht ein Glockenhaus, Daneben schau'n drei Jungfern aus. Die eine die spinnt Seide, Die andre spinnt das klare Gold, Die dritte, ja, die dritte, Ist unsrem Büblein hold! – Wer die Fremde gesehn, Hat viel wohl erfahren! Wird er die noch verstehn, Die so weit nicht waren? Daheim ist's nur still, Und eng sind die Kreise. Ach, hielt' ihn sein Will' In der heimischen Weise! – Die heilgen drei Könige zogen nach Haus, Die Hirten zu ihren Heerden, Das Heil ging von dem Kindlein aus, Wohl über den Kreis der Erden. Und als die heilgen drei Könige todt, Da wurden sie begraben, Bis daß der Kaiser viel Schätze bot, Am Rhein wollt' er sie haben. Die heilgen drei Könige kamen zum Rhein, In Köln der Stadt zu liegen, Da schlafen sie still in ihrem Schrein, Wie's Kindlein in der Wiegen. 4. Gegenüber Sie war ein Kind noch, als ich ging, Auf das ich wenig Acht gegeben; Die jetzt mich fremd und kalt empfing Ist hold erblüht zum Mädchenleben. Doch ob auch jungfräulich erwacht Ihr blaues Aug' und ihre Wange, Ein Kinderherz noch spricht und lacht Aus ihrem Wesen und Gesange. Sie singt und summt den ganzen Tag, Wie Bienentön' um Blumen ziehen, Und was sie thun und schaffen mag Begleitet ist's von Melodieen. Und will sie mir am Fensterlein Nur spröde meinen Gruß erwiedern, Sie singt sich mir in's Herz hinein Mit ihren Kinderliedern. 5. Fröhlicher Abend Sterne schon winken und steigen Nieder zur spiegelnden Fluth. Komm, in des Abends Schweigen Wandelt's am Strome sich gut! Kühlung weht von den Wellen, Düfte, den Blüthen entfacht, Hoffen und Wünsche gesellen Gern sich der dämmernden Nacht. »Gruß euch, Jungfraun, ihr feinen! Nehmet zu Diensten uns an! Lasset den Weg uns vereinen, Der uns so lieblich begann! Kräftig die Ruder zu rühren Harrten wir dort in dem Kahn, Laßt auf die Wellen euch führen, Ueber die funkelnde Bahn!« – Weit schon klingt auf den Wogen Ruder und fröhlicher Sang, Ufer und Himmelsbogen Lauschen verhallendem Klang. Und von den Tönen getragen, Und von den Liedern verhüllt, Wagen die Herzen zu sagen Was sie beseligt erfüllt. So auf den wiegenden Gleisen Ueber die rauschende Fluth Weit durch die Lande zu reisen Wären wir wohlgemuth! Liederklang auf den Wellen, Droben der Sterne Pracht! Hoffen und Wünsche gesellen Gern sich der dämmernden Nacht. 6. Weinprobe Uns ward aus alten Tagen Ein Sprüchlein zugetragen: Wer will nach Reben fragen, Der halte sich zu Drei'n. »Zu Hochheim an dem Maine, Zu Würzburg auf dem Steine, Zu Bacharach am Rheine, Da wächst der beste Wein.« Die Zeiten sind vergangen, Und andre Lieder klangen, Die Welt hat mehr empfangen, Das Sprüchlein gilt nicht mehr. Von allen Bergen sprangen Am Rhein mit frischen Wangen Die Streiter voll Verlangen, Ein goldgerüstet Heer. Sie stehn auf allen Warten, In jedem Rebengarten, Bei flatternden Standarten, In stolzer Herrlichkeit. Und hast im Spiel der Thoren Zum Hader sie beschworen, Gieb deinen Kopf verloren, Verloren in dem Streit! Doch wenn dir im Gemüthe Gerechte Tugend blühte, Du findest sie voll Güte, Du bist ein lieber Gast! Poch an in jedem Orte, Bei jeder Rebenpforte, Du bist auch ohne Worte Von Liebesarm umfaßt! Mit Himmelsblick der Eine, Der Zweit' im Purpurscheine, Und noch der Hundertst-Eine Gleichwie der Erst' ein Held! Ihr Helden all vom Rheine, Ihr königlichen Weine, Ihr nehmt es auf alleine Wohl mit der ganzen Welt! 7. Morgengruß Auf des Rebengartens Stufen, Wo sich hoch die Ferne baut, In die Thäler möcht' ich rufen, Muß ich singen meine Freud'! Denn auf freier Lüfte Schwingen Dröhnt von fern ein Büchsenknall, Mir den Morgengruß zu bringen, Jauchzend mit dem Wiederhall. Durch den Hochwald früh am Tage Streift ein keckes Jägerblut; Weiß wohl, was ich mit ihm wage, Hab für mich auch kecken Muth. Mag vom Berg zum Rebenhange Keine Brück' in Lüften sein, Jeden Morgen doch empfange Seinen Gruß ich über'n Rhein. Frohes Herz, du bist gefangen, Doch gefangen ist auch Er! Geht zum Walde mein Verlangen, Geht zum Hügel sein Begehr. Will es Berg und Berg nicht frommen, Sich zu finden in dem Thal, Jägerherz, wir beide kommen Noch zusammen tausendmal! 8. Ballade (Gemeinsam zu singen.) Das war von der Löwenburg die hohe Frau, Die hatt' einen einzigen Sohn; Nur nach waidlichem Werk, mit dem Morgenthau, Stand sein Sinn, bei des Jagdhorns Ton. Die Gräfin dachte, wie mach' ich dich zahm, Mein junger Falke du? Bis daß ihr der Schalk zu Hülfe kam, Der sprach, und sie lachte dazu. Sie lachte, doch faßt sie sich ernsten Muth: So sollst du mein Bote sein! Dies Brieflein geb' ich in deine Hut, An des Pfalzgrafen Töchterlein. Dann auf, in den Wald, und zu wagendem Spiel Mit Herrn Godilo, meinem Sohn! Und kommen wir noch zu fröhlichem Ziel, So habe der Schalk seinen Lohn! Herr Godilo jagte durch Wald und Geheg, Ward zornig vor Müdigkeit: Du Schalk, hast verwirrt mir Weg und Steg! Wär' ein Brünnlein dem Durst nur bereit! – Das Brünnlein, da fließt gar kühl und gemach, Und winkt uns hinunter zum Rhein, Zum Willkomm grüßt unter'm Schattendach Des Winzers Töchterlein. Herr Godilo kannte kein Jagen mehr, War am Brünnlein in jeder Früh': Um dein nur, o Jungfrau, komm' ich daher, Doch dankst du mir nicht die Müh'! »Bin nichts, als des Winzers Töchterlein, Weiß nichts, was euch lohnte den Gang!« So sollst du im Schloß mir die Herrin sein, Die ganz mir die Seele bezwang! – Die Gräfin wohl auf den Söller schritt, Der Pfalzgraf an ihrer Seit'. Zu der Löwenburg ein Gefolge ritt, Und sie winkten und lachten Beid'. »Herr Godilo, daß sie des Grafen Kind, Das schaffe dir keinen Gram! Willkommen, mein Töchterlein hochgesinnt, Halt' mir meinen Falken zahm!« 9. Gestörter Friede Was mich still und traurig macht, Darf ich Keinem sagen, Einsam denk' ich's Tag und Nacht, Einsam muß ich's tragen. Was mir sonst am Herzen lag Ist dahin genommen, Seit von drüben Tag für Tag Schreck und Groll mir kommen. Ach, wie schlimm die Welt gewußt Seinen Sinn zu thören! Ihn zu treiben, mir mit Lust Glück und Ruh zu stören! Soll sich Alles, was einst gut, Uns so schnell verleiden? Freie Red' und Uebermuth Will nicht jeden kleiden. Was mir ganz und gar mißfällt, Dient ihm nur zum Spiele. Dürft' ich sagen unverstellt Was mir mehr gefiele! Einsam denk' ich's Tag und Nacht, Darf es Keinem sagen. Was mich still und traurig macht, Einsam muß ich's tragen! 10. Getrennte Wege In schwankenden Blüthenzweigen Spielt der Hollunderduft, Von drunten tönt der Reigen Herauf durch die Abendluft. Ach, Eine führt' ich zum Tanze gern! Doch die bleibt fern. »Zum fröhlichen Festesreigen Zogen sie Alle hinaus. Ich mag nicht das Lärmen und Geigen, Drum blieb ich still zu Haus, Gar einsam blick' ich zum Abendstern, So fern, so fern!« Die Tage kamen und gingen, Jedweder ein Verlust, Seit sie meines Herzens Dringen So hart zu strafen gewußt. Mir ist, als wäre die Jugendzeit Verklungen weit! »Die Kinder spielen und springen Vor jeder Thür mit Lust, Ach, könnt' ich mit ihnen singen Recht aus befreiter Brust! Möcht wissen, ob an dem Tanze heut Auch Er sich freut?« Auf Bergeshöhen da droben Da weilt die Sonne noch lang, Da will ich ruhen, enthoben Dem lärmenden Freudenklang. Bis Alles, was hier preßt und quält, Die Nacht verhehlt. 11. Legende Es sangen drei Engel einen süßen Gesang, Sie sangen, daß es weit durch den Himmel erklang. Und als sie kamen zu der himmlischen Thür, Da stand eine arme Seele gar traurig dafür. Arme Seele, arme Seele, was drückt dich für Noth? Hast du dich vergangen wider Gottes Gebot? »Ich hab nichts begangen, bin doch gar beschwert, Dieweil sich meine Freud hat in Unmuth verkehrt.« Arme Seele, arme Seele, du bist noch zu jung, Du hast auf der Welt noch des Trostes genung! »Was nützt mir mein Jungsein zum Trost auf der Welt, Wenn ich immer muß denken, wie bös sie bestellt?« Schließ auf deine Augen, schließ auf dein Gemüth! Geh heim, arme Seele, daß Gott dich behüt'! Geh heim, und erwache mit dem hellen Sonnenschein, Dann wird's dir auf Erden wie im Himmelreich sein! 12. Schwüle Wandrung Ist verstummt denn jeder Quell, Und versiegt in Sonnengluthen? Bringt die Nacht auch, sternenhell, Nichts von den ersehnten Fluthen? Garten dürstet, Blüth' und Baum, Und um Ruhe zu gewinnen Schreit' ich, halb mit wachen Sinnen Halb in angsterfülltem Traum? Von der Linde senkt der Duft, Kaum bewegt, zu Thal sich nieder, Doch die Stelle, die mich ruft, Treibt mich schnell von hinnen wieder. Ach, mit Neid und Ungemuth Hör' ich leises loses Lachen, Und die Glücklichen sie wachen, Unbekümmert um die Gluth! Mir auch schwände wohl die Last Und das Bangen im Gemüthe, Fänd' ich nur bei dir die Rast, Die mich scheuchet sonder Güte! Ach, du wußtest mit Bedacht Mich zu höhnen, mich zu strafen! Aber du kannst ruhn und schlafen, Da mir endlos ist die Nacht! 13. Sagen und Lieder (Gemeinsam zu singen.) Von dieser Höh', aus Burg und Thor, Mit Sang und Kreuzesfahnen, Zog einst die reisige Schaar hervor, Geweiht zu fernen Bahnen. Sie zogen zu des Kaisers Heer. Gott schenk' euch Glück und Wiederkehr! So klang's mit bangem Ahnen. Zu dieser Höh' die Kunde drang Von Siegen, hart erworben, Von Mannen, die im Kampfesdrang Für's heilge Land gestorben. Die edle Fraue ging herfür: Thut auf, thut auf die Klosterthür, Mein Glück ist all verdorben! Auf dieser Höh' das Dach zerfiel, Die Trümmer ruhn im Sande, Und Vögel halten freies Spiel Und Blumen am Mauerrande. Was hier verging in Glück und Qual, In Liedern weht's hinab zu Thal, Und klingt durch alle Lande. 14. Rosendorn O holde Zeit, da noch die Hand Um Wunden bangt vom Rosendorn! Da, mit sich selber unbekannt, Das Herz entbrennt in kleinem Zorn! Und dennoch mag vom Rosenstrauch Mit banger Lust die Hand nicht lassen. So war seit alter Zeit der Brauch Bei Buben und bei Mädchen auch. O harte Noth um einen Blick! O Haß um eines Kusses Raub! Es braucht das Herz sein Mißgeschick, Und hofft sich der Versöhnung taub. Wo Feuer brennt, da giebt es Rauch, Und Jugend spielt mit Feuer gerne. So war seit alter Zeit der Brauch Bei Buben und bei Mädchen auch. Und hat der Groll recht wild gezehrt, Und hat man bitter sich geplagt, Dann kommt ein Seufzer, tief beschwert, Ein Blick, der wieder fröhlich wagt. In Blüthen steht der Rosenstrauch, Es spotten Herz und Hand der Dornen. So war seit alter Zeit der Brauch Bei Buben und bei Mädchen auch. 15. Letztes Hoffen Sind es Herbstesfarben schon, Die im Laub erglühten? Ach, wie ist die Zeit entflohn, Seit die Reben blühten! Sommerzeit wie schienst du lang, Da das Herz voll Hoffen! Nun du scheidest, fragt es bang, Was ihm eingetroffen? Wilder Vögel Wanderzug Prüfet schon in Schaaren Seiner Schwingen jungen Flug, Ueber's Meer zu fahren. Wer da bleibt im engen Thal, Mit der Welt im Streite, Möchte schwingen auch einmal Flügel in die Weite! Doch bevor der Traube Last Folgt den Blätterhüllen, Kann sich, was ein Wunsch erfaßt Noch vielleicht erfüllen! Herz, es sei genug verzagt! Eh der Herbst vergangen Wirst du, wie dein Hoffen sagt, Noch ein Glück empfangen. 16. Der Flüchtling Wohin so früh am Morgen Mit Ränzel und mit Stab? Was treibt mit neuen Sorgen Dich fort, bethörter Knab? Es steht in deinen Zügen Ein lang' verhehlter Gram. Sag, welch ein Ungenügen Daheim dich überkam? »O laßt getrost mich scheiden! Es will mein eigner Sinn Die Heimath mir verleiden, Der ich entfremdet bin! Wenn noch einmal die Ferne Mir Herz und Muth bewehrt, Dann kehr' ich doppelt gerne Zurück zum alten Herd.« Mit Fliehen und mit Meiden Erhoffe nicht Gewinn! Die Welt wird dich nicht scheiden Von deinem eignen Sinn. Und traust du deinem Sterne, Wirf ab, was dich beschwert! Es liegt in kleinster Ferne, Was all dein Herz begehrt! »Es ist kein weiches Bangen, Es ist ein bittrer Groll, Der länger nicht befangen Das Herz mir halten soll. Laßt ab, laßt ab, zu fragen! Mir selber bin ich feind, Daß ich so lang ertragen, Was dauernd ich vermeint!« Zu schnell, zu hastig wandte Der Groll sich zum Verzicht! Was nur der Stolz verkannte, Das Herz verkennt es nicht. Willst länger du bethören Der Seele freien Blick, Du könntest mehr zerstören Als nur dein eignes Glück! »Zum alten Zauberkreise, Den schon das Herz verschwor, Verlockt ihr holder Weise Mein allzuwillig Ohr! Wär's Freude, wär' es Buße, Gewagt sei Glück und Noth! Und wär's zum Abschiedsgruße Das schmerzlichste Verbot!« Das Ziel der langen Reise Lugt an der Straße vor. Kehr' um zum alten Kreise, Und poch' an's rechte Thor! Nimmst du mit raschem Fuße, Was dir der Groll verbot, So lachst du einst mit Muße Der überstandnen Noth! 17. Morgens am Brunnen Er kam in der Frühe Wie der Morgenwind, Nußbraun seine Locken, Sein Fuß geschwind. In's Auge die ganze Seele gedrängt – Ach, der eine Blick Hat das Herz mir versengt! Und ich stand, als ob ewig Ich schauen gemüßt, – Er hielt mich umschlungen, Er hat mich geküßt! Als brächt' er von draußen Die ganze Welt, Von zuckenden Strahlen Blendend erhellt; Als ging mir das Leben Auf in der Brust, So hing ich am Hals ihm In bebender Lust. Und was er gesprochen, Ich weiß es nicht mehr, Es sang und es klang ja Die Welt um mich her! Wie ist mir geschehen? Ja, daß ich es wüßt! Mein Drohen, mein Zürnen Ich hab's nun gebüßt. Im Brünnlein das Wasser Das murmelt und rinnt: Hast gar nichts zu schaffen, Vergeßliches Kind? All über mein Denken Hat Eins nur Gewalt: Ach Liebster, mein Liebster, Komm wieder, komm bald! 18. Stille Welches Herz in Liebe schlägt, Hat der Wünsche nur noch einen, Drin, was all die Brust bewegt, Sich muß fassen und vereinen. Alles Schweifen der Gedanken, Alle Sehnsucht, alle Pein, Lebt in eines Wunsches Schranken, Schließt ein einzig Hoffen ein. Liebend Herz will tief und rein Nur im andern sich empfinden, Ganz darin verloren sein, Um sich wieder neu zu finden. Mag sich Welt und Menschenwille Scheiden unter Sorg und Pein, Selig klingt's in unsrer Stille: Du bist mein und ich bin dein! 19. Der Jäger Du rauschest, mein Wald, und schüttelst das Laub, Das Herbstwind zu Thale streut, Doch mir ist im Herzen ein fröhlicher Glaub', Der das Leben mir schöner erneut! Mein Schatz ist getrost, will im Sturmesgebraus, Will im Schnee mit mir ziehen zu Wald. Willkommen im traulichen Jägerhaus, So ruf' ich ihr bald, ja bald! Hellauf, mein Gewehr! Einen Freudenschuß Durch den Frühduft über das Thal! Die Liebste kennt meinen Morgengruß, Und verstand ihn vielhundertmal. Und schlummert sie noch, so weck' er sie laut, Und ruf' ihr mit Freuden zu: Hellauf, du mein Schatz! bist des Jägers Braut, Der stört dir noch manche Ruh! Wenn das Thal seinen Jubel erschallen läßt, Daß die Ernte der Reben herein, Dann geht auch der Jäger zum Freudenfest, Und von dannen nicht geht er allein. Sein Glück, seinen Schatz, und sein gutes Gewehr Nimmt er mit, wenn der Jubel verhallt, Und ziehet, als ob er der Reichste wär, Mit der Liebsten zu Wald, zu Wald! 20. Herbstfeier Von den Bergen erklingt Und die Thäler durchdringt Mit Gesängen ein festliches Regen! Was da jauchzet und ruft Durch die sonnige Luft, Gilt des Herbstes beglückendem Segen. Die das Mühen vergilt, Die das Hoffen erfüllt, Der auch wir uns vertrauend befahlen, Auf der Liebenden Kranz Ruht heute dein Glanz, O Sonne, mit leuchtenden Strahlen! Auf beschwerlichem Pfad Bis zu felsigem Grat War die Arbeit ein Kämpfen und Ringen. Was, von Geistern gesandt, In die Traube gebannt, Läßt im Kampf nur dem Tag sich erringen. In die Dauben gefaßt Ist die köstliche Last, Wo die Flammen im Moste noch gähren, Bis aus wirbelnder Fluth Zu kristallener Gluth Sich die strahlenden Geister verklären. Ist die Ernte gethan, Für den festlichen Plan Sind geschäftig die rheinischen Mädchen, Und mit pochender Brust Zu des Tanzes Lust Wird gemustert in Schränken und Lädchen. Wer den Reigen begehrt, Halt' im Herzen es werth, Uns mit höflicher Art zu gefallen! Ob er uns auch gefällt, Sei dahin noch gestellt, Wir aber gefielen noch Allen! Wem der Segen gediehn, Wem der Tag auch erschien, Da ihm winken die Hochzeitskerzen, Hat am doppelten Fest Sich erkoren das Best', Und bewahr' es im innersten Herzen! Wie bekränzt ist das Haus Mit Gewinden und Strauß, Die Beglückten daheim zu empfangen! Was der Tag uns verleiht Als das schönste Geschmeid' Durchstrahlet uns Augen und Wangen! Die uns Alles gewährt, Die das Lied uns verklärt, Ihr gesegneten Ufer und Auen! Wem das Leben ihr gabt, Dem kräftigt und labt Ihr die Seele mit stolzem Vertrauen! Drum am Fest, das uns blüht, Mit erhobnem Gemüth Euch bringen wir Dank im Gesange! Daß ein ewiges Band, O du rheinisch Land, In der Liebe zu dir uns umfange! Von Tag zu Tage 1. Was dich bewegt in wechselvollen Stunden, Gefühl, Gedanke, Zweifel oder Frage, Bewahr' es dir, in reine Form gebunden, Von Tag zu Tage! Dann siehst du, mocht' auch Irrthum dich gefährden, Mocht' edler Wille halten ihm die Wage, Wie du geworden, was dir bleibt zu werden, Von Tag zu Tage. 2. Lehrgeld zahlen mußt' ich oft, Ach, für mancherlei Erfahrung! Und umsonst hab ich gehofft Auf Gewitztheit und Ersparung. Zu vermeiden lernt' ich zwar Manchen Schritt mit schwerer Buße, Doch vermeidend fühlt' ich gar Mich auf neuer Lehrzeit Fuße. Arbeit vollauf! Und somit, Denn was hülf' es mir zu prahlen, Werd' ich wohl beim letzten Schritt Erst das letzte Lehrgeld zahlen. 3. Weit ist das Reich der Poesie, Doch wolle thöricht nicht verzagen, Daß das Geschick dir nur verlieh Geringe Gabe für dein Wagen. Wenn eine einz'ge Melodie Von ächtem Klang du angeschlagen, Wird von der Weltenharmonie Zur Ewigkeit sie fortgetragen. 4. Und liehst du dir durch jedes Reizes Gunst Der Wahrheit Züge, Dein Wort verhallt, wenn sich des Zaubers Kunst Entdeckt als Lüge. Das menschlich Wahre dringt aus dem Gemüth Wie Gottheitschauer, Und jedes Wort aus dieser Tiefe blüht In ew'ger Dauer. 5. Laß der Menschen Dankbarkeit Immerhin dir sein entbehrlich, Mit dem Wort sind sie bereit, Doch die That ist gar beschwerlich. Nur wo Gab' und Dankeszoll Stets sich in einander ranken, Sprossen, gleicher Blüthen voll, Nur die Liebe weiß zu danken. 6. Sei einsam, treibt dich dein Gemüth Dich selber zu bezwingen! Sei einsam, wenn dein Herz erglüht Ein höchstes zu vollbringen! Doch einsam fliehn aus der argen Welt Weil du dich dünkst gerechter, Nur deinem lieben Selbst gesellt, Das macht dich alle Tag schlechter. 7. Wenn Einer spöttelnd und witzelnd sprach, Um etwas Gutes zu verketzern, Gleich plappert's ein ganzes Rudel nach Von gedankenlosen Schwätzern. Und hätten sie hundertmal sich erfreut Und erbaut an dem Guten und Schönen, Noch hundertmal größer ist die Freud' Es als lächerlich zu verhöhnen. 8. Ich weiß, ich bin an Tadlern reich, Die schwer das Zetern lassen, Und mir auf jeden dummen Streich Mit Argusaugen passen. Und thät' ich es den Klügsten gleich, Sie wissen sich zu fassen, Und zetern, daß den dummen Streich Ich klüglich unterlassen. 9. Liebe, die dir kommt entgegen, Eile festlich zu empfangen, Liebe, die dir ward zum Segen, Halte dankbar fest umfangen! Lieb' ist nimmer zu ermessen, Läßt sich bannen, läßt sich rauben, Und die Besten auch vergessen Schneller, als sie selbst es glauben. 10. Dämmerstunde senkt die Schwingen, Und der tiefsten Seel' entsteigt Was verbannt nach hartem Ringen Stumm und eingeschüchtert schweigt. Wünsche kommen, holde Sterne, Träume, die der Tag vertrieb, Unerfüllbar, weltenferne, Doch darum nicht minder lieb. 11. Leeres Reden, Kommen, Gehen, Schaales Lächeln, Lachen auch, Alles mußtest du verstehen, Heuchelnd nach des Tages Brauch! Unergründet muß es bleiben, Glatt und trügrisch wie die Welt, Wenn dein Wesen ihrem Treiben Widerwillig ward gesellt. Dein erst, wenn der Tag zerstoben, Ist, was dir die Seel' umfaßt, Dein des Glücks, der Schmerzen Toben, Dein geliebter Sorgen Last. 12. Unter all des Tags Gestalten Kommt wohl eine, die geweiht Uns berührt mit Zauberwalten, Wie zu reiner Festlichkeit. So ergründ' ich wohl vergebens, Was durch dich den Tag versöhnt, Das nur fühl' ich, daß des Lebens Ganzer Inhalt sich verschönt. 13. Bist du schön? Ich kann's nicht sagen, Doch der reinsten Schönheit Licht Will so leuchtend mir nicht tagen, Als dein liebes Angesicht. Mit der Anmuth Huldgeschenken Hebst in unbekannter Macht Du zur Schönheit all mein Denken, Hab' ich auch nur dich gedacht. 14. Woran mahnt so tief beweglich Dieser Winterpfad im Wald? War's nicht solch ein Pfad, der täglich All mein Hoffen einst vergalt? Von Erinnrung reich gesegnet Sind die Weg', ob auch verheert, Wo wir einem Glück begegnet, Das in Trauer sich verkehrt. 15. Ein jeder Tag ist Keim und Blüth', Im Schaffensdasein, im Gemüth. Versäumter Tag macht alt und schwer, Vergraut des Morgens Wiederkehr. Nur was dir rüstig am Tage gelang Bringt dem Morgen festlichen Empfang. 16. Ich weiß noch wohl die liebe Zeit, Da mich zuerst dein Anblick rührte Und, alle Freuden im Geleit, Das Glück auf meinen Pfad dich führte! Ich weiß die Zeit auch, da ich bang Mein überfluthend Herz bezwungen, Vom Aufgang bis zum Niedergang Der Tage Qualen durchgerungen. Vergang'nes fordr' ich nicht zurück, Doch halt ich für das längst entführte Fest die Erinn'rung an das Glück, Da mich zuerst dein Anblick rührte! 17. Wer liebt, hat Jugend, die mit Blüthensprossen Ihm immer neu des Daseins Kranz belebt, Vom Wandel unberührt sein Herz erhebt. Nur wer sein Herz der Liebe zugeschlossen, Und Jugend nicht mehr zu verstehen strebt, Der altert, der ist todt dieweil er lebt. 18. Viel vermag ein Menschenherz zu tragen, Sorg', Entbehrung, harter Pflicht Gebot; Um der Lieben und der Freunde Tod Trägt es Leid, und will doch nicht verzagen. Von Betrug und Täuschung selbst geschlagen Liebt es unter Wunden ungezählt, Ja, es liebt, was seine Liebe quält, Um die Qual gleichwie ein Glück zu tragen! 19. Jahrestag du meiner Wonnen, Sei mir wie ein Fest begrüßt! Ward das Glück auch, kaum begonnen, Hart wie eine Schuld gebüßt! Komm', erinnernd mir zu malen Aller Leidenschaft Gewühl, So der Freuden, wie der Qualen Unaussprechliches Gefühl! Laß mich dann, wie du verfließest, Still der reinen Kraft vertraun, Und den Kreis, den du beschließest, In verklärtem Lichte schaun! 20. Jahrestag du meiner Wonnen, Gleich welken Blumen, lang gehegten, Giebst du dahin, beschämt und klar, Daß Wahn und Irrthum dich bewegten? Sieh, daß du dich nicht selbst beraubst! Was heut verjährt dir und veraltet, Es hat in dir mehr als du glaubst Geweckt, gewandelt und gestaltet. 21. Dein Bestes willst du gern bekennen, Das Schönste, was du je erdacht, Doch zauderst du, der Welt zu nennen, Was dich unsagbar glücklich macht. Und wär's Verirrung, süße Plage, Dein Eigenstes hältst du verhehlt, Vernichtet wär am hellen Tage Was dich beseligt, was dich quält. 22. Wie mit ungehemmtem Schritt Wechseln Tag und Leben, Nimmt der Wechsel dich auch mit, Wandelt sich dein Streben. Holde Züge, Melodie'n Zaubrisch einst ergreifend, Läßt du kühl vorüber ziehn, Kaum die Seele streifend. Was dein Wesen einst berückt, Was dein Herz bereute, Blüthen sind's, im Lenz gepflückt, Die der Wind zerstreute. Wenn zu lächeln dir gelang Dem, was du verloren, Weißt du, welchem Wandelgang Dich die Zeit erkoren? 23. Ihr scheltet auf die Verselei Und werft das Buch bei Seite, Ihr fühlt euch innen und außen frei Von jedem Widerstreite. Da kommt in unruhvoller Stund Das Buch euch in die Hände, Ihr les't, und les't euch gar gesund An der verschmähten Spende. Wenn endlich er gefangen nahm Den Gegner oder Richter, Was hat für seinen Versekram Zu wünschen noch der Dichter? 24. Nachts, wenn über bittren Fragen Dir der milde Schlaf entflohn, Hörst du wohl, vom Wind getragen Nie vernomm'nen Glockenton. Wie in Aengsten geht ein Flüstern Um das Dach, und durch die Rund Deiner Zelle macht ein Knistern Leis' und unerklärt sich kund. In dir selbst, wer mocht' es wecken, Was dir wild die Brust durchbahnt? Schaudernd mußt du mehr entdecken, Als du je in dir geahnt! 25. O, trompetet nur, posaunt: Jetzt wird etwas Großes kommen! Daß voraus schon Alles staunt, Von Erwartung hingenommen. Kläglich endet eurer Pracht Prunkvoll aufgeputzte Größe, Und der Hohn der Welt verlacht Eures Ruhms Posaunenstöße. Unscheinbar im Stillen schafft, Was zu Großem ist erlesen, Unbemerkt erwächst die Kraft, Stärkt und läutert sich sein Wesen. Plötzlich steht es hoch und hehr Vor euch, ihr erstaunt beklommen, Und begreifet nicht, woher So viel Herrlichkeit gekommen. 26. Bewahr' vor dem Geschlecht Der Witzler dich und Lacher, Es nimmt sich schnellres Recht, Als selbst dein Widersacher! Läßt einmal nur dein Scherz Sie wittern den Genossen, So bist du allerwärts Umringt von ihren Possen. Doch nur kein Zorngebot An sie verschwenden wolle, Sie lachten sich halb todt Ob deiner lustgen Rolle! Sieh mit gelassner Stirn Gleichgültig auf die Thoren, So giebt des Laffen Hirn Den Spaß an dir verloren. 27. Entbehren stets, und stets entbehren, Und lügen, daß man gern entbehrt! Hat Greisenweisheit unsern Tagen Als tiefren Sinn nur das bescheert! Fahr hin denn, Inhalt alles Lebens, Fahr hin mit dem, der dir entsagt! Sei du Genosse meines Strebens, Der stolz sich an das Höchste wagt! Und fielst dem Neid du des Geschickes, Dein Kampf ist gut, dein Fühlen ächt! Du weißt, jedwedes Augenblickes Vollgült'ger Inhalt ist dein Recht. 28. Wie du's ihnen Einmal recht gemacht, So wollen sie's immer haben, Und ob du zehnmal bessres erdacht, Sie hadern mit deinen Gaben. Was schiert sie, daß dich das Leben geführt, Und anders dein Müssen und Sollen! Du sollst nur können, was sie berührt, Und kannst nichts, was sie nicht wollen. Daß du sie führest so wie du mußt, Nie werden sie dir's erlauben! Das alte Lied und der alte Wust, Man predigt Blinden und Tauben! 29. Stille Tage, die ihr leise Von des Schaffens Ernst beschwingt, Mir in störungslosem Gleise Kaum bemerkt vorüber gingt: Thätig war't ihr überlegen Unruhvoller Gegenwart, Und so fühl' ich euren Segen Mir im Tiefsten offenbart. Ja, den Segen zu vollenden, Wißt ihr für des Liedes Ton Noch die Stimmung mir zu spenden, Als der Arbeit schönsten Lohn. 30. Warum verstehn sie's denn nicht, warum? Es ist ja doch klar zu sehen! Ei was, sie schnüffeln nur dran herum, Und wollen's gar nicht verstehen! Vergnüglicher ist der Mißverstand, Dem Troß und seinem Geschwister; Im Blödsinn reichen sich lächelnd die Hand Herr Leichtfuß und Herr Philister. 31. Wie so eng sind wir gebunden, Wenn der Geist in's Freie strebt, Und im Bann besorgter Stunden Nebel unsern Blick umwebt! Und wie frei, wenn überwunden Was uns bannte, neu belebt Wir das kleinste Glück gefunden, Das unendlich uns erhebt! 32. Du giebst dahin dein ganzes Wesen, Du schüttest aus die volle Brust, Du fühlst, daß Gleiches du erlesen, Und Gleiches du empfangen mußt. Da plötzlich trifft verwundert fragend Ein Wort dich, kalt, verständnißleer. Erkenntniß, dir in's Antlitz schlagend, Zerreißt den Nebel um dich her. Zu spät hast du das letzte Siegel, Zu früh dein eigen Herz enthüllt, Nun höhnet aus dem Täuschungspiegel Verzerrt dich an dein eignes Bild. 33. Wie wir die Menschen sehn, nicht wie sie sind, So lieben wir sie. Unser tiefstes Sehen Ist, wo wir lieben, kinderselig blind, Und mag nur mit dem Herzen sich verstehen. Erkenntniß selbst wird eingehüllt geschwind, In schönem Trug mit uns einher zu gehen. Wie reich die Armuth, die das Herz verschwendet! Wie arm der Reichthum, wenn der Trug sich wendet! 34. »Warum, ihr Poetenpack, Quält ihr euch noch mit Gedichten? Praktisch füllt man heut den Sack Sich mit lohnendern Gewichten!« Warum blüht der Fruchtbaum fort, Ohn' um Gunst und Lohn zu werben? Warum, wenn sein Leben dorrt, Will er noch in Blüthen sterben? 35. Du zürnst dem Wort, das, kühl betont, Wie Undank dich getroffen, Und fühlst mit Bitterkeit belohnt Dein Geben und dein Hoffen. Befrag' dich selbst, und halt' in Ruh Des Vorwurfs Pfeil im Köcher, Ob bittre Tropfen nicht auch du Gemischt in fremden Becher! 36. Aus jedes Tages Rose will Enttäuschung fruchtlos sich entblatten, Und jedes Jahr umschweben still Der Wünsche nie erfüllte Schatten. Was bleibt, wenn du dir selbst getreu Willst der Verzweiflung widerstreben, Als immer wieder und auf's Neu Dich holder Täuschung hinzugeben? 37. Nicht hassen, wo der Haß Gebot? In Angst sich bergen vor kindischer Schuld? Das Leben verkümmern Loth für Loth – O wundersame Eselsgeduld! Kommt mir nur nicht mit Sittlichkeit her, Und heuchlerischem Moralgeschwänz! Ist doch eure ganze Sittlichkeitslehr' Nur eitle Blähung der Impotenz! Der Katechismus eurer Moral Am Schnürchen schnurrt er von Pflicht zu Pflicht, Das Leben fordert viel hundertmal Sich zu wärmen, zu leuchten mit eignem Licht. 38. Verfällst du je dem Mißgeschicke Mit Tint' und Feder zu rumoren, Dann, Jüngling, schaff dir eine Clique, Sonst bist du rettungslos verloren! Kannst du der Clique dienen kräftig, Macht sie dafür dir kräftig Claque, Und dienstbeflissen und geschäftig Kauft sie dir ab die Katz' im Sacke. O Jüngling, wirf dich in die Masse, Auf daß du lernest überwinden, Mit welcher niederträchtgen Rasse Dein Leben du hast abzufinden! 39. Mit Fackeln und Serenaden, Mit Reden und Lorbeerkranz, O großer Mann, wie beladen Wirst heut du mit Ehrenglanz! Und weil dir so herrlich der Sprecher Geredet mit lautem Ton, Kommt morgen mit silbernem Becher Zu ihm schon die Deputation. Auch diese redet vorzüglich, Sie weiß, bald kommt's auch an sie, Und so geht's weiter vergnüglich Nach bekannter Melodie. Sie gönnen sich nicht den Bissen, Und hassen sich, daß es raucht! Und räuchern und dudeln beflissen, Weil Einer den Andern braucht. 40. Hielte die Jugend immer Maaß Und verstünden die Philister Spaß, Gerieth' in jedem Jahre der Wein, Oder thät's Gold vom Himmel schnei'n; Wären die Weiber durch die Bank Schön und gefällig und ohne Wank; Gäb's vor der Wahrheit keine Scheu, Und keine Thorheit und keine Reu; Könnte man fürder ungeprellt Ueber Tag und Herz und Willen schalten, Wär's in so hochvollkomm'ner Welt Nicht länger auszuhalten! 41. Was zu meiden und zu fliehen, Wissen wir, zu unsrem Leid, Wenn von Irrthum, unverziehen, Sich die Seele kaum befreit. Doch wie läßt sich fliehn und meiden, Was uns selber nicht entflieht Und uns, wär's zum neuem Leiden, Unabwendbar an sich zieht? 42. Widersprüche, wohl ist's wahr, Stehn hier viel in Reih und Gliedern. Scheltet drum nicht wandelbar Sinn und Geist in diesen Liedern! Widersprechend auch bewegt Sich die Welt im Wirbeltanze, Und so spiegelt, und so regt In dem Kleinsten sich das Ganze. 43. Wie an hellen Sommertagen Rosenblätter streut der Wind, Wünsch' ich, daß sie zu dir tragen, Gruß und Lied, du Sommerkind! Denn der Tag, der deinem Leben In der Rosenzeit erschien, Hat mit seinem schönsten Geben Rosenjugend dir verliehn! Jugend, die, vom Glück erlesen, Unsrer Freude zugedacht, Deiner Anmuth, deinem Wesen Jedes Herz zu eigen macht! 44. Ganzt ein Irrlicht auf dem Moor, Ritter Wahn ist fortgerissen: Schönster Stern, den ich erkor, Leuchte mir in Finsternissen! Unke ruft: Kehr' um, jung's Blut, Meine Muhm' ist nicht geheuer! Drüben kichert's: Hast du Muth, Lohn' ich's dir, mein Vielgetreuer! Wild Gelächter, Nebeldunst – Ritter Wahn schrei't auf im Sumpfe. Unke ruft: Sag du von Gunst, Kommst du weg mit nassem Strumpfe! 45. Sei gegrüßt mir, Morgenkühle, Die nach Stunden, schlafbedeckt, Mit dem himmlischen Gefühle Der Gesundheit mich geweckt! Golden lacht in die Gemächer Wolkenloser Tag herein, Ueber Baume, Thürm' und Dächer Glänzend fließt der Sonnenschein. So, durchleuchtet ganz vom Tage, Wandelt festlich in der Brust Jede sorgenvolle Frage Sich zu froher Schaffenslust. Wirke fort, du Freudenfülle, Daß nach reger Stunden Flucht Mit des Abends Gruß enthülle Sich des Fleißes reife Frucht! 46. Ob wir's erlitten, ob verschuldet Vergangnes ist nicht abgethan. Ob losgekämpft und ungeduldet, Es folgt im Stillen unsrer Bahn. Dem Ueberraschten naht es leise, Heut mit verklärender Gewalt, Und morgen tritt's in unsre Kreise Verkehrt zu wilder Mißgestalt. 47. Wohl wahr, daß uralt alles Klagen, Daß allen Jammer, jede Noth, Schon sonst ein Menschenherz getragen Solang das Leben führt zum Tod. Doch immer neu wird all sein Ringen, Mit dem er durch die Zeiten geht, Der Mensch in jener Sprache singen, In der die Menschheit sich versteht. 48. Du hattest einen schönen Krug, Er trug des Freundes Namenszug. So dauerhaft und fest er schien, In keckem Spiel zerbrachst du ihn. Die Scherben sammelst du mit Groll Und kittest, was noch dauern soll, Und hältst, was täglich du benützt, Als leeres Schaustück nun beschützt. Mit Reu erhebst du ihn wohl still, Ob er noch einmal halten will? Doch das Vertraun, das einst ihn hielt, Ist mit zersprungen und verspielt. 49. Lindenduft und Sternenglimmen, Kühler Hauch vom Bergeshang, Fernher frischer Jünglingsstimmen Wanderfroher Liederklang! Mädchen lauschen auf der Schwelle, Bei dem Brunnen ruht der Krug, Näher kommt es schon zur Stelle, Durch das Stadtthor klingt der Zug. Gottwillkommen, altes Städtchen, Und willkommen Wein und Rast! Holden Gruß euch, ros'ge Mädchen, Ei, hier ist man gut zu Gast! – So, geweckt von Liedern, gleiten Mir vorüber immerdar Seligkeiten alter Zeiten, Lindenduftig, sternenklar. 50. Eine Rose mit Reseden Ward von unbekannter Hand, Zart geknüpft mit seidnen Fäden, Aus der Ferne mir gesandt. Was sie sagt, soll ich's verstehen: Daß aus altgewohntem Sang Zum Gemüthe hinzuwehen Mir ein Ton vielleicht gelang? Wenn der Grüße, die mich fanden, Holden Sinn ich recht vernahm, Sei mein Gruß auch dort verstanden, Woher mir die Rose kam! 51. In den Tagen stiller Trauer, Der sich stumm die Seele neigt, Bringt ein Lichtstrahl selbst dir Schauer, Der aus fremden Blicken steigt. Freude wandelt sich in Bangen, Wenn das Jahr sich hold erneut, Jedem hoffenden Verlangen Ungezählte Blüthen streut. Was seit Jahren aufgegeben, Leuchtet schmerzlich durch die Brust, Und du fühlst, was für das Leben Ewig du entbehren mußt. 52. Euer Urtheil weiß ich zu schätzen, Euer Gesichtspunkt ist immer schön, Grade so wie auf Bergeshöhn Kenner die weite Landschaft betrachten: Zwischen den Beinen durch, rückwärts gedreht, Beschaut ihr meist, was vor Augen steht. 53. Sollt' ich theilen Sorg' und Qual, Reichlich wär' es mehr als Einem, Aber hätt' ich freiste Wahl, Tauschen möcht' ich doch mit Keinem. 54. Ein Eulchen lugt' im Morgenschein Verdrießlich blinzelnd zu mir herein. Ich pocht' an die Scheib': Ei guten Tag! Hui! Hub sie auf ihren Flügelschlag! Liebt Thoren und seichte Gesellschaft nicht, Wo man von gutem Tage spricht. 55. Ist Alles schon gesagt und gedacht, In neuem Sinn will sich's gestalten, Natur und Geist verhundertfacht Zu neuer Form den Kern des Alten. 56. Was euch Erholung beut, Wär mir zur Last; Was mich als Muße freut, Ist euch verhaßt. Des Tages Schaffen weiht Mir auch die Rast, Und bin ich nie befreit, Ist süß die Last! 57. Autographensammelseuche! Bub' und Backfisch leiden dran, Und begehn der Modebräuche Neusten heut, wie Jedermann. Hunderttausend Briefe klopfen Süß an jedes Tintefaß, Das nur jemals einen Tropfen Für die Druckerschwärze maß. Ob man garnichts von ihm wüßte, Den man ausersehen hat, Steht sein Name auf der Liste, So verlangt man auch sein Blatt. Und so geht das Hausgebettel In der Bildung Dur und Moll: Mir 'nen Zettel, dir 'nen Zettel, Kritzelsammelschwindeltoll! 58. Alles Schaffen ist nur, wie uns Die Kritik bewiesen, Rückschritt; Somit, Freund, gedruckt, gebunden, Send' ich dir auch diesen Rückschritt! Schilt man Adams ersten Schritt aus Himmelsparadiesen: Rückschritt, War auch der einst schnupfenlosen Eva erstes Niesen Rückschritt. Ja die Menschheit ging im Krebsgang, Seit zuerst sie bliesen: Rückschritt! Was gethan ward und geschaffen, Ist gehäuft ein Riesenrückschritt. Lautet somit barsch auch mir mein Sprüchlein der Assisen: Rückschritt! Rück' ich unberückt vom Fleck doch, Und so sei gepriesen, Rückschritt! 59. Zu dir, mein Fels, komm' ich gegangen Von Straßen, mühevoll und weit, Der Wald ist grün, die Blumen prangen, Und Alles wie in alter Zeit! Was ich nur dir zuerst gesungen, Versteckt von deinem Schattenplan, Durch alle Welt ist's hingeklungen, Und wandert seine eigne Bahn. Die Jugend schwand, nun komm' ich wieder, Versöhnt aus manchem Lebensstreit, Und bring' im Herzen dir noch Lieder Und Töne, wie in alter Zeit. Auch du, mein Fels, bist von den Alten, Die jedem Jahr den Quell erneu'n; So wollen wir's auch fürder halten Und uns der jungen Blüthen freu'n! 60. Wer mit uns geht durch Schatten und Licht, Dem öffnet sich des Lieds Verständniß. In Liedern birgt sich die Weisheit nicht, Eine Stimmung ist kein Glaubensbekenntniß.