Joachim Ringelnatz Kinder-Verwirr-Buch 1931 [Kleine Lügen und auch kleine] Kleine Lügen und auch kleine Kinder haben kurze Beine. [Das ABC ist äußerst wichtig] Das ABC ist äußerst wichtig. Im Telefonbuch steht es richtig. [Der Klapperstorch hat krumme Beine] Der Klapperstorch hat krumme Beine. Die Kinder werfen ihn mit Steine. Aber Kinder bringt er keine. [Der Spanier lebt in fernen Zonen] Der Spanier lebt in fernen Zonen Für die, die weitab davon wohnen. [Und der Osterhase legt] Und der Osterhase legt (Bald sehr eitel, bald bewegt) Rührei oder Spiegelei. Schauerlich stöhnt er dabei. [Sechs Beine hat der Elefant] Sechs Beine hat der Elefant. Er wird auch Mißgeburt genannt. Babies Daß eure Windeln wie Segel sind, Das wißt ihr Kinder noch nicht. Ihr kümmert euch nicht um den eigenen Wind, Um den fremden Wind, um das fremde Licht. Ihr reist wie Passagiere. Und wenn das Schiff mit euch ersauft, Dann seid ihr himmeltief getauft, Unschuldige, glückliche Tiere. Kind, spiele! Kind, spiele! Spiele Kutscher und Pferd! – Trommle! – Baue dir viele Häuser und Automobile! – Koche am Puppenherd! – Zieh deinen Püppchen die Höschen Und Hemdchen aus! – Male dann still! – Spiele Theater: »Dornröschen« Und »Kasperl mit Schutzmann und Krokodil!« – Ob du die Bleisoldaten Stellst in die fürchterliche Schlacht, Ob du mit Hacke und Spaten Als Bergmann Gold suchst im Garten im Schacht, Ob du auf eine Scheibe Mit deinem Flitzbogen zielst, – – – Spiele! – Doch immer bleibe Freundlich zu allem, womit du spielst. Weil alles (auch tote Gegenstände) Dein Herz mehr ansieht als deine Hände. Und weil alle Menschen (auch du, mein Kind) Spielzeug des lieben Gottes sind. Beinchen Beinchen wollen stehen. Beinchen wollen gehen, Sich im Tanze drehen. Beinchen wollen ruhn. Beinchen wollen spreizen, Wollen ihren Reizen Jegliche Gelegenheit Geben. Haben jederzeit Muskulös zu tun. Beine dick und so und so, Beine dünn wie Stange. Alle Beine sind doch froh. Arme, arme Schlange! Schlängelchen Schlängelchen zum Teufel kam, Ganz still und bescheiden. Und der Teufel das Schlängelchen nahm Und es streichelte. Mochte es gut leiden. Kam ein Schlängelchen Zu einem Engelchen, Neigte sich und wollte wieder scheiden. Engelchen mochte das Schlängelchen Gut leiden, Sagte fromm: »Komm!« Nie bist du ohne Nebendir Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht. Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehen und belauscht. Gonokokken kieken. Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken. Was du verschweigst, Was du den andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt alles ans Licht. Sei ohnedies gut. [Die Guh gibt Milch und stammt aus Leipzig] Die Guh gibt Milch und stammt aus Leipzig. Wer zuviel Milch trinkt, der bekneipt sich. Der Ochse gibt statt Milch: Spinat. Er spielt am Nachmittage Skat. Unter Wasser Bläschen machen Kinder, ein Rätsel! Hört mich an! Wer es herausbekommt, kriegt Geld! – Wie kann Man unter Wasser Bläschen machen? Das müßt ihr versuchen – unbedingt! – In der Badewanne. Und wenn es gelingt, Werdet ihr lachen. Kinder, spielt mit einer Zwirnsrolle! Gewaltigen Erfolg erzielt, Wer eine große Rolle spielt. Im Leben spielt zum Beispiel so Ganz große Rolle: der Popo. Denkt nach, dann könnt ihr zwischen Zeilen Auch mit geschlossenen Augen lesen, Daß Onkel Ringelnatz bisweilen Ein herzbetrunkenes Kind gewesen. Das Hexenkind Das junge Ding hieß Ilse Watt. Sie ward im Waisenhaus erzogen. Dort galt sie für verstockt, verlogen, Weil sie kein Wort gesprochen hat Und weil man ihr es sehr verdachte, Daß sie schon früh, wenn sie erwachte, Ganz leise vor sich hinlachte. Man nannte sie, weil ihr Betragen So seltsam war, das Hexenkind. Allüberall ward sie gescholten. Doch wagte niemand, sie zu schlagen. Denn sie war von Geburt her blind. Die Ilse hat für frech gegolten, Weil sie, wenn man zu Bett sie brachte, Noch leise vor sich hinlachte. In ihrem Bettchen blaß und matt Lag sterbend eines Tags die kranke Und stille, blinde Ilse Watt, Lächelte wie aus andern Welten Und sprach zu einer Angestellten, Die ihr das Haar gestreichelt hat, Ganz laut und glücklich noch »Ich danke.« [Den Unterschied bei Mann und Frau] Den Unterschied bei Mann und Frau Sieht man durchs Schlüsselloch genau. Emanuel Pips (Zu seinem 81. Geburtstag) Den Kammerjäger Emanuel Pips Vom linken Ufer des Mississipps Mochte jedermann leiden. Er war äußerst bescheiden. Er trug acht Zentimeter Rips Als Anzug und einen Seiden- faden in Grün als Schlips, Fragte niemals nach Rennbahntips, Hatte überhaupt keinen Grips, Aß einmal am Tage (potato-chips), Trank alkoholfreie Salzwasserflips, Wurde trotz alledem magenkrank Und starb am Schwips. Seine kleine Büste aus Gips Steht unter anderen Nippes Heute auf meinem Bücherschrank. Berichtigung: Kammerjäger Pips Schrieb sich eigentlich innen mit Yps- ilon, doch war so bescheiden und lieb, Daß es ihm gleich war, wie man ihn schrieb. Arm Kräutchen Ein Sauerampfer auf dem Damm Stand zwischen Bahngeleisen, Machte vor jedem D-Zug stramm, Sah viele Menschen reisen Und stand verstaubt und schluckte Qualm, Schwindsüchtig und verloren, Ein armes Kraut, ein schwacher Halm, Mit Augen, Herz und Ohren. Sah Züge schwinden, Züge nahn. Der arme Sauerampfer Sah Eisenbahn um Eisenbahn, Sah niemals einen Dampfer. Ernster Rat an Kinder Wo man hobelt, fallen Späne. Leichen schwimmen in der Seine. An dem Unterleib der Kähne Sammelt sich ein zäher Dreck. An die Strähnen von den Mähnen Von den Löwen und Hyänen Klammert sich viel Ungeziefer. Im Gefieder von den Hähnen Nisten Läuse; auch bei Schwänen. (Menschen gar nicht zu erwähnen, Denn bei ihnen geht's viel tiefer.) Nicht umsonst gibt's Quarantäne. Ewig rein bleibt nur die Träne Und das Wasser der Fontäne. Kinder, putzt euch eure Zähne!! [Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen!] Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen! Ihr laßt euch von Erwachsenen belügen Und schlagen. – Denkt mal: Fünf Kinder genügen, Um eine Großmama zu verhauen. Bist du schon auf der Sonne gewesen? Bist du schon auf der Sonne gewesen? Nein? – Dann brich dir aus einem Besen Ein kleines Stück Spazierstock heraus Und schleiche dich heimlich aus dem Haus Und wandere langsam in aller Ruh Immer direkt auf die Sonne zu. So lange, bis es ganz dunkel geworden. Dann öffne leise dein Taschenmesser, Damit dich keine Mörder ermorden. Und wenn du die Sonne nicht mehr erreichst, Dann ist es fürs erstemal schon besser, Daß du dich wieder nach Hause schleichst. Kindersand Das Schönste für Kinder ist Sand. Ihn gibt's immer reichlich. Er rinnt unvergleichlich Zärtlich durch die Hand. Weil man seine Nase behält, Wenn man auf ihn fällt, Ist er so weich. Kinderfinger fühlen, Wenn sie in ihm wühlen, Nichts und das Himmelreich. Denn kein Kind lacht Über gemahlene Macht. [Kinder weinen] Kinder weinen. Narren warten. Dumme wissen. Kleine meinen. Weise gehen in den Garten. An Berliner Kinder Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben, Wenn ihr schlafen gehen müßt? Und sie angeblich noch Briefe schreiben. Ich kann's euch sagen: Da wird geküßt, Geraucht, getanzt, gesoffen, gefressen, Da schleichen verdächtige Gäste herbei. Da wird jede Stufe der Unzucht durchmessen Bis zur Papagei-Sodomiterei. Da wird hasardiert um unsagbare Summen. Da dampft es von Opium und Kokain. Da wird gepaart, daß die Schädel brummen. Ach schweigen wir lieber. – Pfui Spinne, Berlin! Silvester bei den Kannibalen Am Silvesterabend setzen Sich die nackten Menschenfresser Um ein Feuer, und sie wetzen Zähneklappernd lange Messer. Trinken dabei – das schmeckt sehr gut – Bambus-Soda mit Menschenblut. Dann werden aus einem tiefen Schacht Die eingefangenen Kinder gebracht Und kaltgemacht. Das Rückgrat geknickt, Die Knochen zerknackt, Die Schenkel gespickt, Die Lebern zerhackt, Die Bäuchlein gewalzt, Die Bäckchen paniert, Die Zehen gesalzt Und die Äuglein garniert. Man trinkt eine Runde und noch eine Runde. Und allen läuft das Wasser im Munde Zusammen, ausnander und wieder zusammen. Bis über den feierlichen Flammen Die kleinen Kinder mit Zutaten Kochen, rösten, schmoren und braten. Nur dem Häuptling wird eine steinalte Frau Zubereitet als Karpfen blau. Riecht beinah wie Borchardt-Küche, Berlin, Nur mehr nach Kokosfett und Palmin. Dann Höhepunkt: Zeiger der Monduhr weist Auf zwölf. Es entschwindet das alte Jahr. Die Kinder und der Karpfen sind gar. Es wird gespeist. Und wenn die Kannibalen dann satt sind, Besoffen und überfressen, ganz matt sind, Dann denken sie der geschlachteten Kleinen Mit Wehmut und fangen dann an zu weinen. Geplapper an Grosspapa »Großpapa, ach, bist du dumm! Weil du nichts verstehst. Großpapa, was bist du krumm, Wenn du gehst! Und du zitterst immerzu Wie ein Pappelwald. Großpapa, wann stirbst denn du? Stirbst du bald?« Die neuen Fernen In der Stratosphäre, Links vom Eingang, führt ein Gang (Wenn er nicht verschüttet wäre) Sieben Kilometer lang Bis ins Ungefähre. Dort erkennt man weit und breit Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit. Wenn man da die Augen schließt Und sich langsam selbst erschießt, Dann erinnert man sich gern An den deutschen Abendstern. Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben Das Sonderbare und Wunderbare Ist nicht imstande, ein Kind zu verwirren. Weil Kinder wie Fliegen durch ihre Jahre Schwirren. – Nicht wissend, wo sie sind. Nur vor den angeblich wahren Deutlichkeiten erschrickt ein Kind. Das Kind muß lernen, muß bitter erfahren. Weiß nicht, wozu das frommt. Hört nur: Das muß so sein. Und ein Schmerz nach dem andern kommt In das schwebende Brüstchen hinein. Bis das Brüstchen sich senkt Und das Kind denkt. Vom andern aus lerne die Welt begreifen 1 Es sind die harten Freunde, die uns schleifen. Sogar dem Unrecht lege Fragen vor. Wer nimmer fragt, merkt nicht, was er verlor. Vom andern aus lerne die Welt begreifen. Fußnoten 1 Vers am Ende der gleichnamigen Erzählung, vgl. Bd. 4, S. 351.