Joachim Ringelnatz Joachim Ringelnatzens Turngedichte 1920 Turner-Marsch (Melodie: Leise flehen meine Lieder) Schlagt die Pauken und Trompeten, Turner in die Bahn! Turnersprache laßt uns reden. Vivat Vater Felix Dahn! Laßt uns im Gleichschritt aufmarschieren, Ein stolzes Regiment. Laß die Fanfaren tremulieren! Faltet die Fahnen ent! Die harte Brust dem Wetter darzubieten, Reißt die germanische Lodenjoppe auf! Kommet zu Hauf! Wir wollen uns im friedlichen Wettkampf üben. Braust drei Hepp-hepps und drei Hurras Um die deutschen Eichenbäume! Trinkt auf das Wohl der deutschen Frauen ein Glas, Daß es das ganze Vaterland durchschäume. Heil! Umschlingt euch mit Herz und Hand, Ihr Brüder aus Nord-, Süd- und Mitteldeutschland! Daß einst um eure Urne Eine gleiche Generation turne. Klimmzug Das ist ein Symbol für das Leben. Immer aufwärts, himmelanstreben! Feste zieh! Nicht nachgeben! Stelle dir vor: Dort oben winken Schnäpse und Schinken. Trachte sie zu erreichen, die Schnäpse. Spanne die Muskeln, die Bizepse. Achte ver die Beschwerden. Nicht einschlafen. Nicht müde werden! Du mußt in Gedanken wähnen: Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen. In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt. Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt. Zu! Zu! Tu nicht überlegen. Immer weiter, herrlichen Zielen entgegen. Sollte dich ein Floh am Po kneifen, Nicht mit beiden Händen zugleich danach greifen. Nicht so ruckweis hin und her schlenkern; Das paßt nicht für ein Volk von Turnern und Denkern. Klimme wacker, Alter Knacker! Klimme, klimb Zum Olymp! Höher hinauf! Glückauf! Kragen total durchweicht. Äh – äh – äh – endlich erreicht. Das Unbeschreibliche zieht uns hinan, Der ewigweibliche Turnvater Jahn. Freiübungen (Grund-Stellung) Wenn eine Frau in uns Begierden weckt Und diese Frau hat schon ihr Herz vergeben, Dann (Arme vorwärts streckt!) Dann ist es ratsam, daß man sich versteckt. Denn später (langsam auf den Fersen heben!) Denn später wird uns ein Gefühl umschweben, Das von Familiensinn und guten Eltern zeugt. (Arme – beugt!) Denn was die Frau an einem Manne reizt, (Hüften fest – Beine spreizt! – Grundstellung) Ist Ehrbarkeit. Nur die hat wahren Wert, Auch auf die Dauer (Ganze Abteilung, kehrt!). Das ist von beiden Teilen der begehrtste, Von dem man sagt: (Rumpfbeuge) Das ist der allerwertste. Während der Riesenwelle Seht ihr mich? Und spürt ihr nicht den Wind, Den ich mache? Ja, das ist gefährlich! Aber mir, dem alten Seemann, sind Riesenwellen eben unentbehrlich. Käme mir jetzt einer in die Speichen (Wär es auch ein Riese aus Granit), Würde er doch damit nur erreichen, Daß ich ihn in dünne Scheiben schnitt. Aber nicht die Herstellung von Scheiben Denk ich mir als Lebenszweck. O, nein! Eine Sägemühle möcht' ich treiben, Möcht' ein Schwungrad für Dynamo sein. Wenn ich plötzlich jetzt die Hände strecke (Und ich habe Ähnliches im Sinn), Ja dann – splittert augenblicks die Decke, Und der Wellenriese – ist dahin. Am Barren (Alla donna tedesca) Deutsche Frau, dich ruft der Barrn, Denn dies trauliche Geländer Fördert nicht nur Hirn und Harn, Sondern auch die Muskelbänder, Unterleib und Oberlippe. Sollst, das Hüftgelenk zu stählen, Dich im Knickstütz ihm vermählen. Deutsches Weib, komm: Kippe, Kippe! Deutsche Frau, nun laß dich wieder Ellengriffs im Schwimmhang nieder. So, nun Hackenschluß! Und schwinge! Schwinge! Hurtig rum den Leib! O, es gibt noch wundervolle Dinge. Rolle vorwärts! Rolle! Rolle rückwärts, deutsches Weib. Deutsche Jungfrau, weg das Armband! In die Hose! Aus dem Rocke! Aus dem Streckstütz in den Armstand, Nun die Flanke. Sehr gut! Danke! Deutsches Mädchen, Hocke, Hocke! Mußt dich keck emanzipieren Und mit kindlichem »Ätsch-Ätsche« Über Männer triumphieren, Mußt wie Bombe und Kartätsche Deine Kräfte demonstrieren. Deutsches Mädchen – Grätsche! Grätsche! Ringkampf Gibson (sehr nervig), Australien, Schulze, Berlin (ziemlich groß). Beißen und Genitalien Kratzen verboten. – Nun los! Ob sie wohl seelisch sehr leiden? Gibson ist blaß und auch Schulz. Warum fühlen die beiden Wechselnd einander den Puls? Ängstlich hustet jetzt Gibson. Darauf schluckt Schulze Cachou. Gibson will Schulzen jetzt stipsen. Ha! Nun greifen sie zu. Packen sich an, auf, hinter, neben, in, Über, unter, vor und zwischen, Statt, auch längs, zufolge, trotz Stehen auf die Frage wessen. Doch ist hier nicht zu vergessen, Daß bei diesen letzten drei Auch der Dativ richtig sei. (Pfeife des Schiedsrichters.) Wo sind die Beine von Schulze? Wem gehört denn das Knie? Wirr wie lebendige Sulze, Mengt sich die Anatomie. Ist das ein Kopf aus Australien? Oder Gesäß aus Berlin? Jeder versucht Repressalien, Jeder läßt keinen entfliehn. Hat sich der Schiedsmann bemeistert, Lange parteilos zu sein; Aber nun brüllt er begeistert: »Schulze, stell ihm ein Bein! Zwinge den Mann mit den Nerven Nieder nach Sitte und Jus. Kannst du dich über ihn werfen Just wie im Koi, dann tu's!« Zum Aufstellen der Geräte (Ein Muster) So unterwegs in einem schönen Hechtsprung Erblickte er das Licht der Welt, das Leben, Und hat – obwohl er damals doch noch recht jung – Sich doch sofort in Hilfsstellung begeben. Den Kniesturz übend und manch andre Tugend, Verging ihm eine turnerische Jugend Im Wachen teils und teils im Traum Und Freitags nachmittags am Schwebebaum. Vorturner wurde er und Löwenbändiger, Seemann und Schornsteinfeger, Akrobat Und schließlich turnerischer Sachverständiger Im transsibirischen Artistenrat. Er las die Morgenzeitung stets im Handstand, Vom Hang der Freiheit sprach sein roter Schlips. Er glich – wie er im Turnsaal an der Wand stand – Dem allbekannten Herkules aus Gips. Inhaber aller silbernen Pokale, Erwarb er sich den Franziskanerpreis Und im August in Halle an der Saale Die Jahnkokarde mit dem Lorbeerreis. Ein zarter Kern in einer rauhen Schale. Er hat sich mit einem Salto mortale Aus dem Leben Über ein Felsengeländer Hinwegbegeben. Wettlauf Publikum ungeduldig scharrt – Scharren lassen – hier Start – Taschentuch? keins – Schweiß – Heiß – Zum Beweis Des Nichtaufgeregtseins: Billet Spucke kneten. Achtung: eins! Nicht mehr Zeit auszutreten – Was? Rauchen verbeten? – Sie da, der Dritte, weiter zurücktreten – Soo! – Endlich Musik – Der bekannte Augenblick, Wo – Wenn der Trikot Nur nicht so spannte – Schweinerei – Wäre fatal – Achtung: Zwei! Teufel nochmal! Heiliger Joseph, steh mir bei! Achtung: Drei! Tapelti, tapelti, tapelti Mut! Gut! Kopf senken! Arme vom Leib! Frieda denken! Herrliches Weib! Schade, daß Mund stinkt! Das war sie! – lacht! – winkt – Oh, oh! Oh, oh! Mein Trikot! Vorne gespalten. Taschentuch vorhalten – Jetzt Quark! Nur laufen! 10 000 Mark – Wochenlang saufen – Wenn's glückt – Schulden bezahlen – Tante verrückt – Meyers prahlen – Sieger gratuliert – Photographiert – Händedruck – Tun als ob schnuppe – Wändeschmuck – Lorbeer-Suppe – Zeitungs-Reklame – Filmaufnahme – Frieda seidenes Kleid – Otto platzt Neid – Engelmann – Wut – Anton – Pump – Aushalten! Mut! Weg da! Lump! – Einer von beiden – Weg abschneiden – Puff! Was bild't sich – Uff! Gilt nicht! Feste druff! Gar nicht kümmern! Schädel zertrümmern! Zuchthaus – Flucht – Haus – Schande – Tante – Sterben – Beerben – Unsinn! Was Quatsch! Quatsch! Teufel noch mal! Laternenpfahl. Mehr links, ach! ach! Stopp! Frieda! Halt! Krach! Kladderadatsch! Knätsch daun! au! aus! Ohhhhhh! – Publikum Applaus. Fußball (nebst Abart und Ausartung) Der Fußballwahn ist eine Krank- Heit, aber selten, Gott sei Dank. Ich kenne wen, der litt akut An Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand In Kugelform und ähnlich fand, So trat er zu und stieß mit Kraft Ihn in die bunte Nachbarschaft. Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel, Ein Käse, Globus oder Igel, Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, Ein Kegelball, ein Kissen war, Und wem der Gegenstand gehörte, Das war etwas, was ihn nicht störte. Bald trieb er eine Schweineblase, Bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung Stieß er den Fuß in Pferdedung. Mit Schwamm und Seife trieb er Sport. Die Lampenkuppel brach sofort. Das Nachtgeschirr flog zielbewußt Der Tante Berta an die Brust. Kein Abwehrmittel wollte nützen, Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen, Noch Puffer außen angebracht. Er siegte immer, o zu 8. Und übte weiter frisch, fromm, frei Mit Totenkopf und Straußenei. Erschreckt durch seine wilden Stöße, Gab man ihm nie Kartoffelklöße. Selbst vor dem Podex und den Brüsten Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten, Was er jedoch als Mann von Stand Aus Höflichkeit meist überwand. Dagegen gab ein Schwartenmagen Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen. Was beim Gemüsemarkt geschah, Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah. Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen Durch Publikum wie wilde Bienen. Da sah man Blutorangen, Zwetschen An blassen Wangen sich zerquetschen. Das Eigelb überzog die Leiber, Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber. Kartoffeln spritzten und Citronen. Man duckte sich vor den Melonen. Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse. Dann donnerten die Kokosnüsse. Genug! Als alles dies getan, Griff unser Held zum Größenwahn. Schon schäkernd mit der U-Bootsmine – Besann er sich auf die Lawine. Doch als pompöser Fußballstößer Fand er die Erde noch viel größer. Er rang mit mancherlei Problemen. Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen? Dann schiffte er von dem Balkon Sich ein in einem Luftballon. Und blieb von da an in der Luft, Verschollen. Hat sich selbst verpufft. – Ich warne euch, ihr Brüder Jahns, Vor dem Gebrauch des Fußballwahns! Der Athlet Mein Name ist Murxis, der Kraftmensch genannt. Meine Nahrung ist Goulasch vom Elefant In einer Sauce des Stärkemehles. Meine Heimat ist das Zentrum Südwales, Upsala! Ich wurde durch einen Kaiserschnitt Geboren, mit Hilfe von Dynamit. Daß ich noch lebte, war reines Glück. Von meiner Mutter blieb wenig zurück. 20 kg mit dem kleinen Finger. Man baute um mich eine Art von Dock. Mit Strebestützen im 16. Stock Eines Wolkenkratzers von Rockefeiler. Das Stockwerk brach, man fand mich im Keller Mit verschränkten Armen. Ich war in allen Städten der Welt Als Muster von Herkules ausgestellt. Wer das bezweifelt – 5 Groschen –, der fordre An der Kasse die Wachskabinettsordre. Ich nenne mich selbst den Venus von Milo. Bruttogewicht: 200 Kilo. Es haben mich Königinnen betastet. Ich habe einmal drei Wochen gefastet Und unternehme auch heute noch Schritte Zu meiner Entlastung. Und deshalb bitte Ich die Herrschaften um ein kleines Douceur. Am Hängetau Das Hängetau ist lang und steil. Jedoch die Übung an dem Seil Ist heilsam und veredelt. Dieweil du kletterst, wächst das Tau Dir hintenraus und wedelt A la Wauwau. Marie, die unten nach dir blickt, Kommt mit der Quaste in Konflikt. Ich wette um ein Faß Gelee: Drei Meter über der Erden Erfaßt dich plötzlich die Idee, Du möchtest Seemann werden. Der Kletterschluß mißlingt dir freilich. Er klingt auch häßlich papageilich. Schon dieserhalb und um so mehr Schwankst du verzweifelt hin und her, Als atemloser Pendel. Und jäh umgibt dich in der Luft Ein unartikulierter Duft Sehr abseits von Lavendel. Und dann erreichst du ganz verzagt Den Balken unter Pusten, Und weil Marie von unten fragt, Und weil die Stimme dir versagt, So fängst du an zu husten. Die Dame frägt ob schwindelfrei Und schüttelt die Manilla. Du mimst voll Angst und Heuchelei Den schwärmenden Gorilla. Doch weil allmählich Zeit vergeht Und nirgends eine Leiter steht, Entschließt du dich voll Grausen Und präsentierst dein Hinterteil Und angelst lange nach dem Seil Und läßt dich plötzlich sausen. Du plumpst der Dame auf die Brust Und tust, als tätst du das bewußt, Und blähst dich wie ein Segel. Und nickst ein heiteres Allheil! Und lachst und fühlst dich doch derweil Teils Burschenschaft, teils Flegel. Kein Mädchen, nicht einmal die Braut, Sieht gerne Hände ohne Haut. Kniehang Ich wollte, ich wär eine Fledermaus, Eine ganz verluschte, verlauste, Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus Und flederte nachts und mauste, Daß es Herrn Silberstein grauste. Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus – (Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus.) Box-Kampf Bums! – Kock, Canada: – Bums! Käsow aus Moskau: Puff! puff! Kock der Canadier: – Plumps! Richtet sich abermals uff. Ob dann der Käsow den Kock haut, Oder ob er das vollzieht, Ob es im Bauchstoß, im Knock-out 1 Oder von seitwärts geschieht – Kurz: Es verlaufen die heit'ren Stunden wie Kinderpipi. Sparen wir daher die weit'ren Termini technici. Und es endet zuletzt Reizvoll, wie es beginnt: Kock wird tödlich verletzt. Käsow aber gewinnt. Leiche von Kock wird bedeckt. Saal wird langsam geräumt. Käsow bespült sich mit Sekt. Leiche aus Canada träumt: Boxkampf – Boxer – Boxen – Boxel – Boxkalf – Boxtrott – Boxtail –. Fußnoten 1 Sprich – »nock«, wie Butternockerlsuppe. Zum Wegräumen der Geräte Veterinär, gleichzeitig Veteran, Ein Mann, der 92 Jahre zählte, Daß man zuletzt ihn aus Gewohnheit wählte, Und trotzdem biegsam, schmiegsam wie ein Schwan. Das war – trotz eines halbgelähmten Beines – Der Ehrenvorstand unsres Turnvereines. Und wirklich nahm er's noch im Dauerlauf Und Schleuderball mit jedem Rennpferd auf. Wettläufer sah ich – nun Gott weiß wieviel, Doch ihrer keiner hielt wohl mit der gleichen Bescheidenheit gelassen vor dem Ziel. Denn niemand konnte ihm das Wasser reichen. Dann griff er abseits zum Pokal. Und Hei! Wie Donner klang sein Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei. Wie sich sein Vollbart, den er gern sich wischte, Nach einem 80 cm-Sprung Mit Kokosfasern einer Matte mischte, Das bleibt mir ewig in Erinnerung. Im Springen konnte überhaupt dem Alten Zuletzt wohl keiner mehr die Stange halten. Einmal, nach dem Genuß von sehr viel Weißwein, Verstauchte er beim Spaltsitz auf dem Reck Ganz unvermutet plötzlich sich das Steißbein. Er aber wich und wankte nicht vom Fleck. Im Gegenteil, er brach, um uns zu necken, Sich noch den Sitzknorren der Sitzbeine am Becken. Er turnte gern der Jugend etwas vor Und mühte sich vor Buben oder Mädeln, Die Beine in die Ringe einzufädeln, Wobei er niemals die Geduld verlor. Dann staunte ehrfurchtsvoll solch junges Ding, Wenn er wie Christbaumschmuck im Nesthang hing. Denn was ein Nesthängchen werden will, krümmt sich beizeiter