Joachim Ringelnatz Flugzeuggedanken 1929 Flugzeuggedanken Dort unten ist die Erde mein Mit Bauten und Feldern des Fleißes. Wenn ich einmal nicht mehr werde sein, Dann graben sie mich dort unten hinein, Ich weiß es. Dort unten ist viel Mühe und Not Und wenig wahre Liebe. – Nun stelle ich mir sekundenlang Vor, daß ich oben hier bliebe, Ewig, und lebte und wäre doch tot – – O, macht mich der Gedanke bang. Mein Herz und mein Gewissen schlägt Lauter als der Propeller. Du Flugzeug, das so schnell mich trägt, Flieg schneller! Einsamer Spazierflug Nun ich wie gestorben bin Und wurde ein Engelein, Fliege ich über dein Wohnhaus hin. Häuschen klein. Die du als Witwe wieder umworben Sein magst, Da ich doch schon verstorben Bin –. Was du wohl sagst? Ob du gefaßt bist oder klagst? Oder ob dein Humor wieder steht, Du dessen eingedenk bist, Daß ein aufrichtiges Gebet Ein unterweges Selbstgeschenk ist? Ach, wie es dir wohl geht? Ob du dich verlassen meinst? Ob du gar Gott verneinst, Anstatt daß du dankbar Bist. Wüßte ich, daß du jetzt so weinst Wie einst, da ich krank war, Kippte ich die Maschine kurz Steil ab auf Sturz. Oder sollte einem Engelein Solch ein Kegelpurz Verboten sein?? Versöhnung Es ließe sich alles versöhnen, Wenn keine Rechenkunst es will. In einer schönen, Ganz neuen und scheuen Stunde spricht ein Bereuen So mutig still. Es kann ein ergreifend Gedicht Werden, das kurze Leben, Wenn ein Vergeben Aus Frömmigkeit schlicht Sein Innerstes spricht. Zwei Liebende auseinandergerissen: Gut wollen und einfach sein! Wenn beide das wissen, Kann ihr Dach wieder sein Dach sein Und sein Kissen ihr Kissen. Fallschirmabsprung meiner Begleiterin Wie sie den Fallschirm mir zeigt und erklärt, Kann ich nur halb zuhörn und zusehen. Ich muß daran denken, wie ganz verkehrt Oft Frauen mit ihren Schirmen umgehen. Ich bin doch sonst kein solch Angstpeter. Aber nun – – Und nun sind wir so weit, Vielmehr so hoch. Etwa zweitausend Meter! Wir erheben uns. »Alles bereit?« Ich öffne die Türe. »Gott soll Sie erhalten Und Ihren seidenen Schirm entfalten. Ich schösse mich tot, wenn ich jemals erführe – –« Mir graust. Das Frauenzimmer ist abgesaust. Ich blicke ihr nach. Einmal überschlägt sie Sich, wird ein Punkt, dann ein Pünktchen, und, ach, Plötzlich ein sonnig blitzendes Dach, Und ich weiß: Das Dach trägt sie. Ich schließe die Türe und reiße die Watte Aus meinen Ohren. Ich fühle mich frei Und sicher. Und ärgre mich doch dabei, Weil sie mehr Schneid als ich hatte. Ein Freund erzählt mir »Ich sah auf der Wiese – Oskar ist Zeuge – Eine Dame sich aus der Kniebeuge Langsam erheben Und vor ihr etwas wie Segeltuch schweben. Eine tausendköpfige Menge gafft Nach dieser Lady in Hosen aus Loden. Dann, langsam, bläht sich das Segel und strafft Seine Taue. Die ziehen die Dame vom Boden. Und hoch in die Wolken. Grotesk anzuschauen. Das Weib schwebt unter dem Schirm an den Tauen. Dann schließt sich der Schirm, aber trägt dennoch sie Höher und höher, man weiß gar nicht, wie. Dann zeigt sich ein Flugzeug. Die Tür der Kabine Steht offen, und aus der Öffnung sieht Ein Mann mit einer Ringelnatzmiene. (Es gibt doch wahrhaftig nicht viel solcher Nasen!) Und wieder plötzlich – nein, alles geschieht Ganz langsam – also unplötzlich neigt Der Schirm sich nach unten. Die Dame steigt Fußoberst weiter. Und solchermaßen, Im Bogen, schweben der Schirm und die Dame Ins Flugzeug hinein. Und sie oder du, Einer von euch schlägt die Türe zu.« Film. Rückwärts gedrehte Zeitlupenaufnahme. Bär aus dem Käfig entkommen Was ist nun jetzt? Wo sind auf einmal die Stangen, An denen die wünschende Nase sich wetzt? Was soll er nun anfangen? Er schnuppert neugierig und scheu. Wie ist das alles vor ihm so weit Und so wunderschön neu! Aber wie schrecklich die Menschheit schreit! Und er nähert sich geduckt Einem fremden Gegenstande. – Plötzlich wälzt er sich im Sande, Weil ihn etwas juckt. Kippt ein Tisch. Genau wie Baum. Aber eine Peitsche knallt. Und der Bär flieht seitwärts, macht dann halt. Und der Raum um ihn ist schlimmer Traum. Läßt der Bär sich locken. Doch er brüllt. Läßt sich treiben, läßt sich fangen. Angsterfüllt und haßerfüllt Wünscht er sich nach seines Käfigs Stangen. Helfen Es betteln Armut und Betrug. Es betteln die Faulen und Schwachen. Wer viel gegeben, gab nie genug. Ehrliches Lachen darf lachen. Wir reden gern uns die Schuld vom Hals Und arbeiten ungern für Faule. Es packt uns Reue erledigtenfalls Oder Gruseln bei offenem Maule. Und ganz erschüttert hörn wir und schreiben Von Armen, die unerreichbar bleiben. Wie leicht klingt das, wenn jemand spricht: »Hart! Aber das Schwache muß sterben!« Doch dürfen auch manche Leute nicht Am ewigen Helfen verderben. Frühling Die Bäume im Ofen lodern. Die Vögel locken am Grill. Die Sonnenschirme vermodern. Im übrigen ist es still. Es stecken die Spargel aus Dosen Die zarten Köpfchen hervor. Bunt ranken sich köstliche Rosen In Faschingsgirlanden empor. Ein Etwas, wie Glockenklingen, Den Oberkellner bewegt, Mir tausend Eier zu bringen, Von Osterstören gelegt. Ein süßer Duft von Havanna Verweht in ringelnder Spur. Ich fühle an meiner Susanna Erwachende neue Natur. Es lohnt sich manchmal, zu lieben, Was kommt, nicht ist oder war. Ein Frühlingsgedicht, geschrieben Im kältesten Februar. Flugzeug am Winterhimmel Ich fliege im Flockengewimmel. Ach, guter Himmel, laß das doch sein! Ich Flugriese bin nur klein Vögelein Gegen dich, schüttender Himmel. Sag Schneegestöber, ich bäte es sehr, Ein wenig nachzulassen. Denn meine Flügel tragen schon schwer An sechs ganz dicken Insassen. Die spielen Karten in meinem Leib Und trinken, weil sie so frieren. Und wollen nach Zoppot, um Zeitvertreib Und Örtliches zu studieren. Und käme ich dort nicht pünktlich hin, Die würden es niemals verzeihen. Lieber Himmel, wenn ich gelandet bin, Dann darfst du gern wieder schneien. Der Sänger Vor dem Debut soupierend saß, Bei einer Frau, der Sänger. Sie staunte über seinen Fraß Und wurde immer länger. Der Sänger auf die Bühne trat, Schlicht, ohne sich zu rühmen. Ein Hauch von Bier und Fleischsalat Verlor sich in Parfümen. Der Sänger sang das hohe C. Der Beifall wuchs und tobte. Die Dame in der Loge B Stand auf und garderobte. Der Sänger stürzte aus dem Haus In den verschneiten Garten. Die Dame folgte, einen Strauß Auspackend, voll Erwarten. Der Sänger lüpfte seinen Frack Und duckte sich im Garten. Es klang wie »Schlacht am Skagerrak«. Die Dame mußte warten. Vom langen Stehn im nassen Schnee Holt man sich Rheumatismus. – Der Sänger mit dem hohen C Kennt seinen Mechanismus. Gedenken an Wedekind (März 1928) Wedekind war immer interessant, Ein Stoßhorn in die häßlich mittlere Welt. Wahrscheinlich hat er mich nie gekannt. Ich bin ihm wohl zehnmal vorgestellt. Das letzte Mal hatten wir eine absurde, Mir unvergeßliche Stunde mitnand, Als ich zum Kriege gerufen wurde Nach dem Nordseestrand. Und als ich zurückkehrte, War der Verehrte Verstorben. Mehr bekämpft als umworben, Hat er doch trotzig gesiegt. Ehrliche und unehrliche Feinde Haben doch ihn nicht kleingekriegt. In seiner treuen Gemeinde Will ich mitgenannt sein. Ich senke jetzt meine Nase Zu einem stillen Glase Wein. Apropos: Wein gibt sich anders als Bier. Und wo Ist in München die Wedekindstraße? Freunde, die wir nie erlebten Ihr, die nie ich sah, Nimmer menschlich sehe, Seid mir nun so nah, Wenn ich einsam gehe. Was ich weiß, nicht wußte Über euch, hab ich's versäumt? Ich's verfehlt? – Oder mußte Fern vergehn, was ich erträumt? – Schenkte Gott die Kunst, das Wort Ferner, Toter nachzulesen. Ach wie heiß mich das beschlich: Dann und dann und da und dort Ist ein Herz wie meins gewesen, Still für sich. Tröstliches Gefühl: Es dächte Später wer so über mich. – Keine aller Erdenmächte, Wär sie noch so übermütig, Kann uns trennen, Die wir Gleiche sind zu nennen. Denn wir waren nie gesellt, Weil der Gott uns weise, gütig Fern vonander aufgestellt, Wissend um die Welt. An der Alten Elster Wenn die Pappeln an dem Uferhange Schrecklich sich im Sturme bogen, Hu, wie war mir kleinem Kinde bange! – Drohend gelb ist unten Fluß gezogen. Jenseits, an der Pferdeschwemme, Zog einmal ein Mann mit einer Stange Eine Leiche an das Land. Meine Butterbemme Biß ein Hund mir aus der Hand. – O wie war mir bange, Als der große Hund plötzlich neben mir stand! Längs des steilen Abhangs waren Büsche, Höhlen, Übergangsgefahren. – Dumme abenteuerliche Spiele ließen Mich nach niemand anvertrauten Träumen Allzuoft und allzulange Schulzeit, Gunst und Förderndes versäumen. – Hulewind beugte die Pappelriesen. O wie war mir bange! Pappeln, Hang und Fluß, wo dieses Kind So viel heimlichstes Erleben hatte, Sind nicht mehr. Mir spiegelt dort der glatte Asphalt Wolken, wie sie heute sind. Fliegerleute (1928) Vielleicht wird sich das später ändern. Auch ist es vielleicht in verschiedenen Ländern Anders. Doch wie das in Deutschland heute Liegt, muß ich sagen: Die Fliegerleute, Piloten, Bordmonteure, Flugleiter, Bezirksleiter, Funker und so weiter, Auch die im Büro und der luftige Boy Sind goldige Kerls. – Ihnen Gutes! Ahoi! Nur ehrliche Leistung bringt nach der Ferne Durch Wetter und Wogen ein Schiff. Doch bei der Luftfahrt kommt die moderne Weltmännische Bildung hinzu und der Schliff. Humorvoll und kühn, sich beherrschend, bescheiden –. Heraus ohne Schmeichelei: Ich mag diese Kerls leiden. Ihre Welt ist noch frei. So, wie sie sind, und dort, wo sie sind, Wehn alle Flaggen und ein guter Wind. Wie wohl das heute tut. Prost Fliegerleute, ich denke an euch! Ändert euch nicht. Ich schwenke vor euch Meinen Hut. Dreiste Blicke Über die Knie Unter ein Röckchen zu schaun – – Wenn sie doch das und die Haben, die schönen Fraun! Über einen öffnenden Saum In Täler zwischen Brüstchen Darf Blick wie stiller Traum Stürzen sein Lüstchen. Sollen doch Frauen auch So blicken, – nicht schielen – Wenn Arm, Popo und Bauch In Fältchen spielen. Nimm, was der Blick dir gibt, Sei es, was es sei. Bevor sich das selber liebt, Ist's schon vorbei. Streit Mächtig ist die Ehrlichkeit. Glückt es listigen Gewalten, Sie im Gradweg aufzuhalten, Immer nur für kurze Zeit. Doch die kurze Zeit kann lang sein, Länger als ein Flügelheben, Länger als ein wartend Leben, Und das Ehrliche kann bang sein. Die um Falsch und Ehrlich deuten, Ältere mit jüngren Leuten, Irreleitend, irrgeleitet, Wie's um Falsch und Ehrlich streitet – –, All die Zeit, die sie vergeuden, Könnte die mit Lustspielfreuden Besser ausgenossen sein? Ich sag: Nein! Wenn ich doch so ehrlich wäre Wie ein neugebornes Kind, Und mich trüge dann ein Wind – Freiballons – ins Ungefähre. Schlag mich einer flach und breit: Mächtig ist die Ehrlichkeit. Wie machen wir uns gegenseitig das Leben leichter? Wir haben zu großen Respekt vor dem, Was menschlich über uns himmelt. Wir sind zu feig oder sind zu bequem, Zu schauen, was unter uns wimmelt. Wir trauen zu wenig dem Nebenuns. Wir träumen zu wenig im Wachen. Und könnten so leicht das Leben uns Einander leichter machen. Wir dürften viel egoistischer sein Aus tierisch frommem Gemüte. – In dem pompösesten Leichenstein Liegt soviel dauernde Güte. Ich habe nicht die geringste Lust, Dies Thema weiter zu breiten. Wir tragen alle in unsrer Brust Lösung und Schwierigkeiten. An Alfred Schloßhauer Lieber Alfred Schloßhauer, Du wußtest nie, was in mir um Dich warb. Ich sah Dich einst in tiefster stiller Trauer Um einen Freund, der Dir entstarb. Was rauh und stacheldrähtig uns verband, Verlegner Witz und scheuer Stichelscherz, Ich sah Lücken darin, doch hinter Lücken Herz. Und hinterm Herzen weites offnes Land. Weil Du mir so im Innersten gefällst, Bitte ich Dich – doch prüfe dieses kühl –: Bewahre mir ein Stück von dem Gefühl, Was jenem Freund Du schenktest und behältst. Kindergebetchen Lieber Gott, ich liege Im Bett. Ich weiß, ich wiege Seit gestern fünfunddreißig Pfund. Halte Pa und Ma gesund. Ich bin ein armes Zwiebelchen, Nimm mir das nicht übelchen. Lieber Gott, recht gute Nacht. Ich hab noch schnell Pipi gemacht, Damit ich von dir träume. Ich stelle mir den Himmel vor Wie hinterm Brandenburger Tor Die Lindenbäume. Nimm meine Worte freundlich hin, Weil ich schon sehr erwachsen bin. Lieber Gott mit Christussohn, Ach schenk mir doch ein Grammophon. Ich bin ein ungezognes Kind, Weil meine Eltern Säufer sind. Verzeih mir, daß ich gähne. Beschütze mich in aller Not, Mach meine Eltern noch nicht tot Und schenk der Oma Zähne. An ein startendes Flugzeug Da stehst du in nächster Nähe Vor mir, stumm, starr, dumm und grau. Torkle davon, du listige Krähe, Töff töff und surr und dann auf in das Blau. Weiß ich doch, daß du ganz genau weißt, Was du zu tun hast, damit du fliegst. Wenn du so leicht in den Lüften kreist, Ein wenig wippst und ein wenig dich wiegst, Fehlt nur noch, daß du trillerst und singst Wie ein Vogel im erdfernen Glück. Ach dann scheint uns: Am liebsten gingst Du gar nicht wieder zum Boden zurück. Um Gottes willen, du Loser, entrinn nicht Der Erde, die doch menschlich dich schuf. Überstürz dich auch nicht und besinn dich Auf unser Vertraun und auf deinen Beruf. Stalltüren Zwei dicke Elefanten Wollten inkognito Heimwandern. Doch alle Passanten Erkannten die Elefanten Als Flüchtlinge aus dem Zoo. Und wenn sich auch niemand getraute, Sie anzufassen, ward ihnen doch klar, Daß man ihre Absicht durchschaute Und daß nun bald was im Gange war. Verfolgt von einem großen Heer Von Schauvolk und Soldaten Und Autos, Mob und Feuerwehr Schwenkten sie links und betraten Zwei Eingänge einer Bedürfnisanstalt – Für Herren und für Damen – Und äpfelten. – Schutzleute kamen Und haben sie niedergeknallt. Dickhäuter Ein Elefant von vorn sieht fast So aus wie ein Nilpferd von rückwärts. Sie tragen beide schwere Last, Manchmal pechwärts und manchmal glückwärts. Sie tragen unter zementiger Haut Viel Weiches und viel Zartes. Wer richtig in ihren Rachen schaut, Gewahrt es. Sie lassen von Leuten, die außen weich, Innen hart sind, sich erschießen. Ich glaube: Ihr kommt ins Himmelreich, Ihr Riesen! Der Flieger, der die Erde umkreist, Kriegt Ähnliches in Sicht. Wie die Fliege, die euch belästigt, nicht beißt, Beißen kann sie euch nicht. Museumsschweigen Wie's Gedanken gibt, Die durch Stein und Welten gehn, Kann's geschehn, Daß die Fliege den Ichthyosaurus liebt. Still ist's im Museumssaal. »Lieber Freund, ich liege Fest in Bernstein«, sagt die Fliege, »Bernstein ist ein Mineral. Und ich liebe dich, du Riesenexemplar, Und ich möchte deinetwegen Nur noch einmal Eier legen.« »Bernstein? Kann gern sein«, Sagt das Ichthyosau, »Aber ich bin auch eine Frau, Eine sehr entschlossene sogar. Weil ich noch in dem Momente, Als gewisse Elemente Mich erstickten, noch ein Kind halb gebar.« »Eier oder lebendig – –«, Sagt die Fliege, »wir wohnen Beide auf der Welt seit Millionen Jahren. – Wissen Sie die Zahl noch auswendig?« »Nicht so ganz genau«, Sagt Frau Ichthyosau, »Aber wollen wir doch nicht sentimental Flöten oder winseln. Nein, versuchen wir jetzt wieder einmal, Ganz verliebt einander anzublinzeln.« Da betrat den Museumssaal Der pensionsberechtigte Museumswärter. Und da blinzelten die beiden nicht. Denn solch Wärter Tut eben seine Pflicht Und schürft nicht tiefer. Denn Beamtenpflicht ist härter Als Bernstein und Schiefer. Madonnengesichter Schwer zu ertragen Ist Dummheit, wenn sie verschlagen Ist oder sich überhebt. Aber im Grunde der Dummheit lebt Das wehrlos Naive. Der Dummheit schöne Tiefe Ist kein Loch. Hat sie doch Keinen richtigen Rand Wie etwa Löcher in Strumpf, Flöte, Sand. Huren, sich einsam zur Weihnacht berauschend; Wassermädchen, den Gästen lauschend; Mägde, die wartend vorm Haus stehn, Können ergreifend schön aussehn. Je mehr Verzicht Aus der Dummheit spricht, Desto tiefer neigt, Desto höher steigt Sie. – Warum zagte der Dichter Vor dem Titel »Madonnengesichter«? Klein-Dummdeifi Klein-Dummdeifi ging vorüber, Witzig wie ein Nasenstüber. Doch ihr schnippisches Geschau Spielte Hochmut und verneinte, Ungefragt, was ich nicht meinte, Sah in mir nur »Kerl zur Frau«. Daß ich beinah um sie weinte, Ahnt sie nicht. Ihr eignes, scheues Proletarisch, tierisch treues Abwehr-Notgesicht Kennt sie nicht. Hab mit ihr nicht angebandelt, Liebte, schwieg und ging. Klein-Dummdeifi, junges Ding! Du und ich! – Die Zeit verwandelt. Ob auch mir jemals jemand begegnete, Der mich dumm fand und doch segnete? – Zimmermädchen Die Zimmermädchen der Hotels, Die meine Betten schlagen und dann glätten, Ach wenn sie doch ein wenig Ahnung hätten Vom Unterschiede zwischen Polster und Fels. Ach wüßtet ihr, wie süß ihr für mich ausseht Im Arbeitskleid, ihr Engel der Hotels! Wenn wirklich eine heimlich mit mir ausgeht, Dann trägt sie Seide und trägt sogar Pelz, Sei's auch nur Wunderwandlung Hasenfells. Dann im Café krümmt ihr beim Tasseheben Den kleinen, roten Finger nach Manier. Und du merkst nicht, wie gern ich doch mit dir Oft eine Stunde möchte unmanierlich leben. Und würde dann – nebst Geld – als Souvenir Ein schließend, stilles, zartes Streicheln geben. Und würdet ihr dies Streicheln doch nicht spüren. Denn ihr bedient nur Nummern an den Türen. Und wenn sie schlichte Ehre eng verschließen, Dann dienen sie, da andere genießen. Hab ich euch tausendmal in Korridoren Heiß zugesehn und heiser angesehn, Was ich erträumte, war voraus verloren. Denn meine Liebe könnt ihr nicht verstehn. Fernflug Viel Höflichkeit wird uns am Start geboten. Die Flugfahrthelfer und Piloten Sind wohlerzogen, pflichtbewußt Und jung. Auch die, die alt an Jahren, Sind zeitvoran, doch welterfahren. Da schwellt sich auf dem Festplatz unsre Brust, Denn Festplatz darf ich diesen Flugplatz nennen, Mit seinen Masten, Flaggen und Antennen. Gezähmte Riesenvögel gibt's zu sehn. Dort landen sie in Kurven, sanft gelenkt, Torkeln ein wenig, zwei, drei Schritte, Daß man an Regenschirm und Raben denkt, Und stehn. »Aussteigen bitte!« Und wie nun wir in ihrem Bauch bequem In weiche Polsterstühle niedersinken, Empfinden wir den Fortschritt angenehm, Lächeln durchs Fenster Menschen zu, die winken. Und fahren plötzlich über grüne Wiesen Im Auto hin. Auto? O nein, wir schweben Bereits. Ach, daß wir das erleben, Erlernen durften und genießen! Wir sind vom Erdball fort, schaun auf ein Teppichmuster Aus Wäldern, Feldern, Spielzeugkram gewebt, Werden der Himmelsnähe jäh bewußter. Wie klein sich doch da unten alles lebt. Dort geht ein Dienstmädchen von Stadt zu Stadt. Wie ich den weiten Schlängweg überseh, Den sie zurückzulegen hat, Weiß ich, der tun nachher die Beine weh. Und wie wir höher streben, werden Die Dinge unten winziger, schon sind Wagen nur noch Insekten, ist ein Kind Nurmehr ein Punkt, und große Rinderherden Sehn aus wie Kommas, kreuz und quer gestellt. Die Schifflein stehen still im Fluß, sind Würmlein. Ein Dorf ist Häufchen Häuschen, um ein Türmlein, Und das war unsre sorgenvolle Welt. »Ei, ei, Herr Nachbar, warum plötzlich So blaß – seekrank? Nein? Drückt Ihr Kissen Oder vielleicht Ihr ängstliches Gewissen? Der Blick zur Tiefe ist doch höchst ergötzlich!« Jetzt: Unter uns entrollen sich Balladen. Da ziehen dichtgeballte Nebelschwaden, Wolkenkolosse hin, bedrückt und stumm Und grell von höherer Gewalt besonnt. Und Land und Luft verschwimmt am Horizont In einer Landschaft aus dem Arktikum. Und da wir nun noch höher uns erheben Und auf die dunkle, starre Erde schauen, Wo sich kein Mensch mehr zeigt, kein Tier, kein Leben, Als hätte eine Sündflut – – O mit Grauen Stell ich mir vor, wir säßen jetzt zu zwein In einer Arche Noah ganz allein. »Nachbar, ich höre Ihren Pulsschlag pochen. Sie schielen ängstlich nach den schlanken Knochen, Die unsres Vogels Flügel stützen Und, wie Sie meinen, unser Leben schützen. Es stirbt sich sowieso und überall, Und jedes Ding veranlaßt Unglücksfall. Vergessen Sie nicht töricht über diesen Gedanken, schönste Freiheit zu genießen. Was Tage einst, das schaffen heute Stunden. Noch kurze Zeit, dann werden wir's erfinden, Den Nebel und den Schnee zu überwinden. Das Flugzeug selber ist erfunden Und wird so wie die Eisenbahn bestehn. Wie die zu jenem sich verhält, Gilt's nicht, daß eins von beiden siege. Es reise jeder, wie es ihm gefällt. Ich – läßt es irgendwie sich drehn – Ich fliege!« Stammtisch Individueller Wir sitzen gediegen und ausgewählt Beisammen und spielen gemütlich. Wenn einer ernst, lustig, vom Norden erzählt, Lacht jeder etwas. Und denkt südlich. Zwei Kellner trotteln durch das Wirtshaus. Zwischen ihnen steht ein Spiegel. Sie popeln beide auf Teufelkommraus, Ein – scheinbar zwei – Schweinigel. Was wissen die von Brücken, die Sich selbst für Inseln halten? Und welche Inseln meinen, sie Könnten sich selbst verwalten? Wir wandern alle mit der Zeit Nach dem spitzen Ende der Tüte. Höflichkeit und Liebenswürdigkeit Sind noch längst keine Güte. Aus der Vogelkunde Ich spreche von Flugmaschinen. Sie summen lauter als Bienen Und sind eine Kreuzung von Taube, Ente, Maikäfer und Schiffsschraube. Sie nisten einzeln, paar- und gruppen- Weise in Hallen und Schuppen. Ich habe persönlich festgestellt: Sie bringen lebendige Junge zur Welt, Die wie Menschen aussehn, Wenn sie aus ihnen herausgehn. Auch legen sie Eier und brüten Im Krieg. Zeus möge das künftig verhüten. Ihre Nahrung sind Menschen, Koffer, Benzin Und Zeitungen aus Berlin. Sie sind über die ganze Welt Verbreitet und sehr zahm auch in Freiheit. Außerdem sind sie der Polizeiheit Und der Zollbehördlichkeit unterstellt. Volkstümlich nennt man sie schlechthin Maschinen. Ich könnte Ihnen mit Näherem dienen, Aber ich verlange dafür Eine Flugzeugengebühr. Raketenwagen auf der Avus (23. Mai 1928) Begeistert und beängstigt sahn Tausende Menschen dem zu: Es raste über die Avusbahn Der Raketenwagen. Huh!! Er donnerte, feuerte, fuhr und ließ Einen Rauch hinter sich, der auch stank. Der schneidige Lenker des Wagens hieß Fritz von Opel. Ihm Dank! Er fuhr wie ein Teufel und sicher vorbei, Endete, niemand sah, wo. Es war eine anständige Teufelei. Bravo! Rakete ins Erdfern Rakete ins Erdfern, zielfremder Schuß – –?? Ja, wenn es sein darf oder sein muß. Doch der Eitle oder der Übermütige Zähle sonst nicht aufs Allgütige. Schön ist das Wollen, Wenn Ehrlichkeiten die Mittel ihm gaben. Aber die Ausführer sollen Die ehren, die es ausgerechnet haben. Und die als erste ein Ziel erreichen, Weil sie persönlich den Schuß unternommen, Mögen vor allem sich gleich vergleichen Zudritt mit Kühnen, Zuzweit mit Weisen, Zuerst mit Frommen. Giraffen im Zoo Wenn sich die Giraffen recken, Hochlaub sucht die spitze Zunge, Das ihnen so schmeckt, wie junge Frühkartoffeln mit Butter mir schmecken. Hohe Hälse. Ihre Flecken Sehen aus wie schön gerostet. Ihre langsame und weiche Rührend warme Schnauze kostet Von dem Heu, das ich nun reiche. Lauscht ihr Ohr nach allen Seiten, Sucht nach wild vertrauten Tönen. Da sie von uns weiter schreiten, Träumt in ihren stillen, schönen Augen etwas, was erschüttert, Hoheit. So, als ob sie wüßten, Daß nicht Menschen, sondern daß ein Schicksal sie jetzt anders füttert. Müder Juniabend Blühende Kastanienzweige Strecken ihre Tatzen vor. Wenn ich jetzt das rechte Ohr, Weil es taub ist, rückwärts neige, Höre ich einen Spatzenchor. Weil mich dessen Plärr so kalt Läßt, und angeregt von Tatzen, Suche ich jetzt mit Gewalt Einen Pickel aufzukratzen, Der im Grund zwar noch nicht reif ist, Doch mich hinten an der Scharte, Wo beim Affen noch der Schweif ist, Schikaniert. Da plötzlich zischt Schnupfen in die Speisekarte. Rasches Taschentuch verwischt Rotz und Preise der Gemüse Und Salate. Und ich grüße Eine Dame, die vorbeigeht Und mich kennt, mir auch gefällt. Wobei leise was entzweigeht, Was den Hosenträger hält. Freiballonfahrt mit Autoverfolgung (1928) Auf Augsburgs sonntagsbunten Flugplatz lacht Die Sonne. Doch vergeblich brütet Sie auf gigantische Dickhäuteriche, Die von Miliz und Polizei bewacht Und liebevoll von Feuerwehr behütet, Dick aufgeblasen überm Boden schweben, Von Photographen, Pressevolk umgeben. Doch nicht nur diese wichtigen Leuteriche, Sondern vor allem: viele Autos warten Darauf, daß jene gasgefüllten Tiere – Ihrer sind viere – pünktlich drei Uhr starten. Denn es sind Ehrenpreise ausgesetzt Für alle Wagenführer, die Als erste die Ballons, wenn sie Gelandet sind, erwischen. Jetzt Erhebt ein Wind sich. Unsre Riesen zerren An ihren Fesseln wild. Wir, ihre Herren, Klettern in ihre Körbe. – Es schlägt drei. – Gewichte lösen sich. Man läßt uns frei. Die Menge winkt. Wir steigen munter. Als Blick nicht ausreicht mehr noch Winkehand, Schwing ich mich auf der Gondel Rand Und schleudre meinen Hut hinunter, Der Frau zum Gruß, dem Publikum Zum dankbar lauten Gaudium. Mich kümmert's anfangs nicht, wohin Die Luft uns führt. Im Korbe bin Ich nur geladener Passagier. Doch Dr. Weltz, der Führer, neben mir Und Unparteiischer E. Scheuermann, Zwei altbewährte Meisterflieger, sehn Sich kundig um und zeigen lächelnd dann Mir in der Tiefe winzige Chausseen, Auf denen unserer Verfolger Wagen Bald lauernd halten, bald wild weiterjagen. Wir müssen vor zwei Stunden niedergehn, Doch dürfen erst nach einer Stunde landen. Acht Säcke Ballast sind vorhanden, Meßapparate, hundert Meter Tau. Die beiden Sachverständigen zeigen, Erklären alles mir genau. Und unterdessen steigen wir und steigen. Eintausend Meter, zweitausend vierhundert, Fünfhundert – –. Herrlich! Uns umwundert Die Adlerwelt der Überlegenheit. Herr Scheuermann notiert Ort, Stand und Zeit. »Schaut! Jener Wald«, sagt unser Führer, »wär Der rechte Platz, sich zu verstecken. Doch leider schiebt die Strömung uns konträr. Wir müssen tiefer!« – Als ich voller Schrecken Auf ein Gewitter überm Wald weise, Sagt Weltz: »Das stört nicht unsre Reise.« Und hängt sich wuchtig an das Gasventil. Wir sinken rasch, wie wir an Buntpapieren, Die wir auswerfen, deutlich konstatieren. Die Strömung ändert sich; der Wald wird Ziel. Der Himmel hat sich drohend überzogen. Von den Ballons, die mit uns aufgeflogen, Ist nurmehr einer fern zu sehn. Und wir, mit Gas und Spannung angefüllt, Sind plötzlich ganz in Nebel eingehüllt. Drei Männer, die lautlos im Schweigen stehn. O zauberhaftes Indenwolkenschweben! So wie die Märchenengel für die Kinder leben. Wir lauschen, warten, fallen, – – »Da!« Da schimmert etwas unter uns und nah, Wird klar und klarer – – Grüne Waldesmassen. »Dort in die Tannen!« – Gas entlassen, Eh der Gewitterwind uns faßt und treibt! Die Gondel schlägt in Tannenwipfel, bleibt Dort hängen wie ein Riesenvogelnest. Sechs Hände krallen im Gezweig sich fest. Ich muß die Wipfel um Verzeihung bitten. Sie haben sicherlich dabei gelitten. So schweben wir in höchsten Nadelzweigen, Schaun auf die Uhr und lauschen, lauschen, schweigen. Schon fünf Minuten sind verronnen. Fünf weitre unentdeckt, dann ist's gewonnen. Doch: Töff töff töff – – Dann: Eine Stimme schreit Von unten auf: »Hallo! Ergebt euch gütig!« Wir sind gefaßt. Ich rufe übermütig: »Bedaure sehr, wir sind noch nicht so weit!« Dabei versuchen wir, wie vorgenommen, Zu einem Weiterfluge freizukommen. Aus kleinen Säcken schütten wir in Hast Auf die Verfolger all unsren Ballast Und ziehn uns luvwärts gegen Sturm. – – Zu spät! Gewitter und ein Wolkenbruch entlädt Sich. Blitz und Guß und Donner. – Toll! – Und Weltz und Scheuermann, gleich einsichtsvoll, Ergeben sich an die, die uns gefunden. Weltz reißt die Hülle auf. Wir sausen. – Für Sekunden Hakt unser Korb in Zweigen fest. Und dann – Zehn Meter überm Boden mag es sein – Plumpst er hinunter wie ein harter Stein. »Seid ihr gesund?« – »Ja!« Ich, Weltz, Scheuermann. Zwischen Lipp und Kelchesrand Ein weibliches Rekördchen Hatte sich besoffen, Mußte mal aufs Örtchen. Als es wieder rauskam, War's schon übertroffen. Über meinen gestrigen Traum Wie kam ich gerade auf ein Gestirn? Du sagst: Ich stöhnte träumend ganz laut. Vielleicht steigt die Phantasie ins Hirn, Wenn der Magen verdaut. Man sollte kurz vorm Schlafengehen Nichts essen. Auch war ich gestern bezecht. Doch warum träume ich immer nur schlecht, Nie gut. Das kann ich nicht verstehen. Ob auf der Seite, ob auf dem Rücken Oder auch auf dem Bauch – – Immer nur Schlimmes. »Alpdrücken.« Aber Name ist Schall und Rauch. Meist von der Schule und vom Militär – – Als ob ich schuldbeladen wär – – Und wenn ich aufwache, schwitze ich, Und manchmal kniee ich oder sitze ich, Du weißt ja, wie neulich! O, es ist greulich. Warum man das überhaupt weitererzählt? Hat doch niemand Vergnügen daran, Weil man da frei heraus lügen kann. – Aber so ein Traum quält. Gestern hab ich noch anders geträumt: Da waren etwa hundert Personen. Die haben die Dachwohnung ausgeräumt, Wo die Buchbinders wohnen. Dann haben wir auf dem Dachsims getanzt. Dann hast du mich, sagst du, aufgeweckt, Und ich, sagst du, sagte noch träumend erschreckt: »Ich habe ein Sternschnüppchen gepflanzt.« Ich weiß nur noch: Ich war vom Dach Plötzlich fort und bei dir und war wach. Und du streicheltest mich wie ein Püppchen Und fragtest mich – ach, so rührend war das – Fragtest mich immer wieder: »Was Hast du gepflanzt!? Ein Sternschnüppchen?« Flugpost-Liebesgabe Radieschen schmeckt wie Regenwurm. Radieschen schmeckt auf hoher See, Auf Wache und im Regensturm Wie Wasser und wie Pralinee. Noch welke Blättchen grün am Rot. Als sie das ausgegraben, Wird sie gelächelt haben: Radieschen auf einem Walfischboot! Fern auf dem Eismeer Radieschen! Mein gutes Lieschen. Als ich zuletzt – vor einem Jahr – Auf Urlaub mit der Liese Auf der Oktoberwiese In dem Aquarium war, Da zeigte man ein Haifischei. Durchsichtig war es fast wie Glas, Und innen zappelte ein Hai, Der knapp zwei Zentimeter maß. Radieschen ist kein Säugetier, Und Lieschen ist kein Harpunier. – Hallo! Hallo! He! Alle Mann an Deck! – »Was?« – – – – – »Wo?« Voraus! Zwei Strich an Steuerbord! Speck! Kuttel Daddeldu über Nobile (Juli 1928) So große Kerle gingen tot. Gott weiß, was fern in höchster Not Noch heute kämpft, vom Eis umklammert, Für dieses Großmaul, das jetzt jammert Um seinen angequetschten Zeh. Wann hat ein Captain je in See Als erster seine Crew verlassen?! Dem möcht ich in die Kiemen fassen! Ach, daß sie den gerettet haben! Er müßte, tief ins Eis gegraben, Mit einem Lorbeerstock im Hintern, Solang die Welt steht, überwintern. Verflucht, ich kann nicht richtig beten, Doch hab ich eine solche Wut. Gott sei zu Amundsen recht gut. Und wenn mir Nobile begegnet, Will ich ihm das Gedärm zerkneten Und ihn und sein ihm teures Leben An andre Fäuste weitergeben, So, daß er Luft und Wasser segnet. Begrüßung eines soeben Gelandeten Ich wünsche dir Glück zum festen Boden. – War das dein erster Flug? – Ich glaube, du fährst am besten Das nächstemal mit dem Eisenbahnzug. Ganz bleich siehst du aus. Und doch Bist du so lebhaft und aussprudelnd froh. Warst du unterwegs ebenso? Du zitterst ja noch. Ja, die Luft hat keine Balken. Aber nun genieße du das Nun. Über Flügel denken Falken Anders wie ein Huhn. Sind dir vier Wolkenstunden Zu langsam verronnen, Hast du die Erde nun wieder gefunden, Sie neu liebgewonnen. Wer oben unzufrieden, Ängstlich oder auch krank war, Sei dann hienieden Wenigstens dankbar. Manila Als ein altes Tau durch derbe, Doch verständniswarme Hände glitt, Sagte eine Stimme: »Bob, ich sterbe, Ehe Land in Sicht. Und du stirbst mit.« Noch bevor die Stimme Antwort kriegte, Kämpften sie: Vollschiff gegen Orkan. Hatten oft gekämpft, bis eines siegte. Und das andre war dann abgetan. Nur ein Treibstück wurde aufgefunden. Daran hingen kalt, ersoffen, blau Zwei alte Matrosen, angebunden Mit einem alten Tau. Trostworte an einen Luftkranken Recht so! Speie, lieber Mitgast, speie! Speie dreist und ungeniert und laut, Daß sich einmal andersrum befreie, Was für dich passé ist und verdaut. Speie froh. Es wird dir polizeilich Und moralisch jederzeit verziehn. – Ja, ich gebe zu: Ich habe freilich Da leicht reden, weil ich nie gespien. Und der Himmel möge auch verhüten, Daß es je geschieht. Ich stell mir bloß Vor, wie unten deine Tüten Landen in der Mutter Erde Schoß. Andern Luft und Appetit verderben, Kann ein schadenfröhlich freier Sport Sein. Und niemand wird deswegen sterben. Denn der Magen ist wie ein Abort. Schlechter Tag Müde streichen meine Finger Über Runzeln, über Narben, Über graue Haare. Prost, ihr Freunde, die in diesem Jahre Mir entstarben! – Bums!! Bums und klirr!! – Nun hab ich sozusagen Instinktiv Eine Fliege totgeschlagen. War es nicht, als ob sie Hilfe rief?! Glas kaputt. So! Und jetzt löst mein vierter, Letzter Knopf sich scheu von Hose und Faden. Muß ich alles, alles ausbaden!? Ach, ich werde immer deprimierter. Wenn doch eine Motte jetzt geflogen käme. Ach, ich würde sie zu Plüschsesseln einladen. Und noch Samt ihr hinlegen, Weil ich mich doch wegen Der Fliege so schäme. Frucht-Zucht-Frucht Bananen, Melonen, Ananas – –. Alle Früchte haben etwas – Frei gesagt: Unanständiges, Etwas Nuditätes an sich. Darüber freue ich mich. Denn das ist etwas Unbändiges. Instinktiv oder auch bewußt Haben wir alle daran unsre Lust. Aber die darüber erschreckt sind, Sich entrüsten und jemand verklagen, Denen wollen wir andere sagen, Daß wir schon lang nicht mehr a.A. geleckt sind. Und das muß – wenn auch nur theoretisch – Immer mal wieder auf Erden geschehn. Sonst werden wir Mehlbrei und hyperästhetisch Und werden rot, wenn wir Pfirsiche sehn. Deutsche Sommernacht Wenn die Pfirsichpopos Sich im Sekt überschlagen. Und der Teufel legt los, Uns mit Mücken zu plagen. Und wir füllen einmal reichlich bloß Einem Armen Tasche und Magen. Doch es blähn sich Männerbäuche. Tabakblau hängt sich an Sträuche. Wenn wir dann die Jacken ausziehn, Und ein Bratenduft poussiert Jasmin – – In das dunkle Umunsschweigen Senden zwei entfernte Geigen Schwesterliche Melodie. Uns durchglüht ein Urgedanke. Und es wechseln runde, schlanke Frauenbeine Knie um Knie. Und auf einmal lacht die Runde, Weil ein Herr aus einem Hunde Hinten einen Faden nimmt. Wenn dann wirklich alles, alles lacht, Dann ist jene seltne deutsche Nacht, Da mal alles stimmt. Rheinkähne Den Rhein durchgleiten die großen Kähne. Breit und flach. Es sitzen zwei Badehosen Auf dem hintersten Dach. In diesen Hosen stecken Zwei Männer, nackt und braun. Die lieben das Tempo der Schnecken Und schimpfen auf ihre Fraun. Und mustern die fremden Weiber, Die strandlängs promeniern. Glauben doch oft nackte Leiber, Daß sie an sich imponieren. Wie ausgetretene Schuhe Sind diese Kähne. Hat jeder Kahn Solch friedlich häusliche Ruhe, Hat keiner das Getue Der preußischen Eisenbahn. In jedem Kinderwagen Am Strande rollt ein Kind. Keins dieser Kinder wird fragen, Was Schleppkähne sind. Spielen Kinder doch ... Sahst du in der Bahn auf Reisen: Fährt dein Spiegelbild daneben Draußen heil durch Fels und Eisen? Was ist Schein und was ist Leben? Wirrgespräch von Schizophrenen –? Und der Wirrsinn deiner Träume –? Warum suchen wir, ersehnen Unterschiede, Zwischenräume? Nach dem Nichts, dem Garnichts schielen Alle, Freude, Gleichmut, Trauer. Aus dem Garnichts lockt ein Schauer So und so mit fremden Spielen. Manchmal, zwischen trocknen Zeilen: Barmt es, winkt es oder lacht es. – Spielen Kinder doch zuweilen Wundersames Selbsterdachtes. Im Flughafen Oberwiesenfeld Am Flugplatz vor der Restauration Sitzen wir morgens im Garten, Trinken Whisky und warten. – Ein Russe singt aus dem Grammophon. Flugzeuge landen von Zeit zu Zeit, Und jedes aus anderer Gegend. Ich höre, daß es in Bozen schneit Und daß es in Hamburg regnet. Ich hab eine arktische Landschaft gemalt. Ein Herr hat das Bild gekauft und bezahlt, Und ich weiß, daß er darauf wartet. Wir setzen das Bild – als wär es ein Hauch – Ganz zart in eines Flugzeuges Bauch. Und nun: Dieses Flugzeug startet. Flieg wohl, du Junkers, du stolzer, Mit meinem eiskalten Bild im Leib! Grüß Zürich, Hügin und dessen Weib Und euren Herrn Mittelholzer! Freundschaft Erster Teil Es darf eine Freundschaft formell sein, Muß aber genau sein. Eine Freundschaft kann rauh sein, Aber muß hell sein. Denn Allzusprödes versäumt oder verdirbt Viel. Weil manchmal der Partner ganz plötzlich stirbt. Mehr möchte ich nicht darüber sagen. Denn ich sitze im Speisewagen Und fühle mich aus Freundschaft wohl Bei »Gedämpfter Ochsenhüfte mit Wirsingkohl«. Freundschaft Zweiter Teil Die Liebe sei ewiger Durst. Darauf müßte die Freundschaft bedacht sein. Und, etwa wie Leberwurst, Immer neu anders gemacht sein. Damit man's nicht überkriegt. Wer einmal den Kanal Überfliegt, Merkt: Der ist so und so breit. Und das ändert sich kaum In menschlein-absehbarer Zeit. Wohl aber kann man dies Zwischenraum Schneller oder kürzer durchqueren. Wie? Das muß die Freundschaft uns lehren. Ach, man sollte diesen allerhöchsten Schaft, Immer wieder einmal jünglingshaft Überschwenglich begießen. Eh' uns jener ausgeschlachtete Knochenmann dahinrafft. Entomologische liebe Ein Käfer, den ich kenne, Die Goldhenne, Spritzt einen üblen Saft. Ich habe mir eine Betthenne – Nein, Bettpfanne angeschafft. Nur zur eigenen Benützung, Nicht etwa zur Unterstützung Dieses Käfers, der bei Tag und Nacht Neben meinem Krankenlager steht Und sich freut, wenn es mir naß ergeht. Eingefangen in ein Glasgebäude Lebt er. Ich verstehe seine Freude. Wenn er nie in Freiheit bei mir sitzt, So doch nur, weil er so übel spritzt. Doch nachdem ich nun seit sieben Wochen Ihm durchs Glas so freundlich zugesprochen, Weiß er schon, daß ich ihn Goldfink nenne. Wir sind Schicksalskameraden. Demnächst will ich meine Goldhenne Zu Bettpfannkuchen einladen. Sonntagspublikum vor Bühnen Sonntagskinder sind Arbeitsfreie, Ungewöhnte. – Der Künstler verzeihe Ihnen ihr fremdes Geschau. Sonntagskinder sind plötzliche Fürsten, Glücklich an Sonne, Dünnbier und Würsten. Sonntagskinder sind himmelblau. Kommen erwartend, spaziergangsmüde, Niemals intolerant oder prüde, Aber immer um Jahre zurück; Merken es nicht, wenn die Rampenscheinwelt Sich auf ihre Müdigkeit einstellt, Schlafen sich nachtweg ins Wochentagsglück. An die Masse Ich halte zu euch, aber liebe euch nicht, Weil ihr das niemals versteht. Und ich liebe – ich liebe – – ich liebe euch doch, Weil ihr solcher Liebe entgeht. Wenn ihr einmal Gelegenheit habt, Laut zu brüllen gegen Mauern, Dann schweige ich. Ich bin mehr begabt Als ihr. Und kann dann nur trauern. Hundstagsgespräch »Die Menschen sind Hunde Und sie müßten uns ›Menschen‹ nennen«, Sagte einer der Windhunde Nach dem ersten Rennen. »Wenn man Menschen falschen Hasen vorsetzt, Endet der dann auch in ihrem Magen. Aber was haben wir von dem Hasen zuletzt, Den sie vor uns herjagen?« »Falscher Hase hin – falscher Hase her –«, Sagte der zweite Windhund. »Ich bin schließlich doch kein Kind und Setze mich auf meine Art zur Wehr.« »Wehr setzen – Wehr setzen –«, Sagte der dritte Windhund. »Damit erreicht man nichts. Nein, Paßt auf, beim nächsten Falschenhasenhetzen Laufe ich zunächst geschwind und Bleibe plötzlich stehn und hebe ein Bein.« »Bein heben oder Nichtbeinheben – Lasset uns wenigstens sportlich rein leben«, Sagte Hund Vier und unterbrach Sich und lief einer Hündin nach. Dem Mann, der ... Der Mann, der meine Schuhe putzt Am Bahnhofsplatz, Hat abends, wenn er die Trambahn benutzt, Neben sich einen Schatz. Wie gern würde ich diesem Kind Auch mal die Schuhe reinigen. Jedoch sie sagt: »Baron, Sie sind Ein dickes Schweinigen.« Weil mir das Titelchen »Baron« Nicht zukommt noch mir nutzt, Gab ich heute großen Extralohn Dem Mann, der meine Schuhe putzt. Offener Antrag auf der Straße Ich habe einen Frisiersalon. Komm mit. Dort wollen wir knutschen. Ich wollte, ich wäre ein Malzbonbon Und du, du würdest mich lutschen. Wir geben dem Lehrbub den Nachmittag frei Und schreiben »Geschlossen bis sieben«. Ich habe Rotwein im Laden und drei Dicke Roßhaarsäcke zum Lieben. Ich werde dich unentgeltlich frisiern Und dir die Nägel beschneiden. Du brauchst dich gar nicht vor mir geniern, Denn ich mag dicke Fraun leiden. Ich habe auch Schwarzbrot und Butter und Quark Und außerdem einen großen – – Donnerwetter, sind deine Muskeln stark! Du, zeig mal: Was hast du für Hosen? Wenn du dann fortgehst, bedanke dich nicht, Sondern halt es mit meinem Freund Franke. Der sagt immer, wenn man vom lieben Gott spricht: »Wem's gut geht, der sagt nicht danke.« Drei Tage Tirol Ich bin nach Tirol gereist Und hab das Zuhause vergessen. Ich habe viel Freiheit gefressen Und viel Gesellschaft gespeist. Landschaften hab ich gesoffen Und Illusionen geraucht. Die Menschen, die ich getroffen, Standen meist so zu den Sternen, Daß man, um sie kennenzulernen, Nicht erst zu verreisen braucht. Das nennt man Drahtseilbahn: Es hing Ein Zündholzschächtelchen an Zwirn. Und ein Gewitter kam. – Das ging Mir superior durch Herz und Hirn. Wie tut ein wildes Wandern wohl, Wenn man sein Einsamgehn durchleuchtet! An allen Stellen angefeuchtet Kam ich nach Hause aus Tirol. Aus der Kundenkunde Die Kunden kommen und gehn, Großeltern, Eltern und Kind. Doch wenn es schlimme sind, Dann bleiben sie lange stehn; Die Sekundenkunden Sind noch nicht erfunden. Die Kunden kaufen und zahlen, Doch manche wollen nur Waren besehn, Sich orientieren. Man nennt sie »Sehleute« und »Orientalen«; Der fleißige Kaufmann kennt sie. Es stottern und feilschen die Kunden Und schwatzen und lassen sich stunden. Und stehlen sogar. Dagegen stiehlt nie Die aristokratische Kleptomanie. Der lockere Kunde von Beruf Hat meistens einen Pferdehuf. Wer seinen Kunden kündigt Und meint, es ginge so: allein, Selber sein eigener Kunde zu sein, Der wird leicht vom Schicksal entmündigt. Geld allein Wie gut, daß alle einander nicht gleichen. Wie recht, daß manche es erreichen, Daß sie eines Tages reich sind. Wie gut, daß auch diese einander nicht gleich sind. Schlechte Menschen ohne Geist, ohne Geschmack, Wenn sie noch so reich sind, bleiben nur Pack. Die Fliege im Flugzeug Ich war der einzige Passagier Und hatte – nur zum Spaße – Eine lebende Fliege bei mir In einem Einmachglase. Ich öffnete das Einmachglas. Die Fliege schwirrte aus und saß Plötzlich auf meiner Nase Und rieb sich die Vorderpfoten. Das verletzte mich. Ich pustete. Sie setzte sich Auf das Schildchen »Rauchen verboten«. Ich sah: Der Höhenzeiger wies Auf tausend Meter. Ha! Ich stieß Das Fenster auf und dachte An Noahs Archentaube. Die Fliege aber – ich glaube, Sie lachte. Und hängte sich an das Verdeck Und klebte sehr viel Fliegendreck Um sich herum, im Kreise, Unmenschlicherweise. Und als es dann zur Landung ging, Unser Propeller verstummte, Da plusterte das Fliegending Sich fröhlich auf und summte. Gott weiß, was in mir vorging, Als solches mir durchs Ohr ging. Ich weiß nur noch, ich brummte Was vor mich hin. So ungefähr: Ach, daß ich eine Fliege wär. An einen Glasmaler Ja, du weißt: Es richten deine Farben sich nach jedem Scheine, Immer nur nach andrer Meinung, Kläglich mild Bis kitschig wild, Durch sich selbst niemals Erscheinung. Dein Genie erwählt mit großem Blicke aus Charakterlosem Teile klug sich zu Organen. Untertanen, Die du streng wie innig meisterst Und für deinen Dienst begeisterst: Aus dem Licht, das unser Leben Stimmt, Einleuchtendes zu geben. Wie's gelingt, verwandeln deine Künste Glas in Edelsteine. Schöne Fraun mit schönen Katzen Schöne Fraun und Katzen pflegen Häufig Freundschaft, wenn sie gleich sind, Weil sie weich sind Und mit Grazie sich bewegen. Weil sie leise sich verstehen, Weil sie selber leise gehen, Alles Plumpe oder Laute Fliehen und als wohlgebaute Wesen stets ein schönes Bild sind. Unter sich sind sie Vertraute, Sie, die sonst unzähmbar wild sind. Fell wie Samt und Haar wie Seide. Allverwöhnt. – Man meint, daß beide Sich nach nichts, als danach sehnen, Sich auf Sofas schön zu dehnen. Schöne Fraun mit schönen Katzen, Wem von ihnen man dann schmeichelt, Wen von ihnen man gar streichelt, Stets riskiert man, daß sie kratzen. Denn sie haben meistens Mucken, Die zuletzt uns andre jucken. Weiß man recht, ob sie im Hellen Echt sind oder sich verstellen? Weiß man, wenn sie tief sich ducken, Ob das nicht zum Sprung geschieht? Aber abends, nachts, im Dunkeln, Wenn dann ihre Augen funkeln, Weiß man alles oder flieht Vor den Funken, die sie stieben. Doch man soll nicht Fraun, die ihre Schönen Katzen wirklich lieben, Menschen überhaupt, die Tiere Lieben, dieserhalb verdammen. Sind Verliebte auch wie Flammen, Zu- und ineinander passend, Alles Fremde aber hassend. Ob sie anders oder so sind, Ob sie männlich, feminin sind, Ob sie traurig oder froh sind, Aus Madrid oder Berlin sind, Ob sie schwarz, ob gelb, ob grau, – Auch wer weder Katz noch Frau Schätzt, wird Katzen gern mit Frauen, Wenn sie beide schön sind, schauen. Doch begegnen Ringelnatzen Häßlich alte Fraun mit Katzen, Geht er schnell drei Schritt zurück. Denn er sagt: Das bringt kein Glück. Bürger, den ich meine Tanzunterricht bis Stammtischbier. Solch Bürger ist behütet. Der Bürger ist kein Säugetier. Der Bürger ist gebrütet. Doch was ich hiermit Bürger nenn, Sind satte Mittelpunkte. Wie die sich wohl benähmen, wenn Man sie in Eiweiß tunkte. Und glaubte doch es überwunden Warum hast du mich ins Gesicht Geschlagen? Und ich konnte nicht Mich wehren, noch etwas sagen. Warum hat ein Augenblick so roh Unsre ganze Heimlichkeit zertrümmert? Konntest du denn danach irgendwo Glücklich sein und unbekümmert? Fandest du nie später jenen Mut, Frei mir neu zu nahn? Was uns jemals weh getan, Ach wie bald war's wieder gut. Aber was wir andern Wehes taten, – – – – –? –! Es ist leicht und ehrlich, wenn ich sag: Lebe wohl! Gut Nacht! und Guten Tag! – Auch im Kriege sprachen so Soldaten. Du und die Nacht Gib du dem Tag, was aus dir will. Die Nacht ist still. Auch wenn in einem Nachtlokal Du welche Leute, die Skandal Begeistert, siehst. Nicht, daß du fliehst! Auch wenn ein Raufbold dich berennt, Oder ein blöder Korps-Student Mit Gott – dem's einfiel, dort zu wandeln – Will anbandeln. Dieweil das meiste schläft, baut aus Gestirnen Sich Unkenmärchenhaftes. Gruslig schiebt Schlechtes Gewissen seine Heimlichkeiten, Und Hirne dampfen über Nachtarbeiten. Dieweil die Stille dürstend Weisheit siebt, Schwelgt Animalisches, und Sehnsucht liebt. Gib du der Nacht, was dir der Tag vergibt. Gruß an Junkers Ich kenne den Herrn Junkers nicht. Mag es auch schmeichlerisch klingen, Ich widme ihm dennoch dies Gedicht, Beschwingt von seinen Schwingen. Aus meiner Laune steigt es frei, Entflogen, nicht entwachsen. Es reimt sich Kriecher- und Fliegerei Nicht einmal gut in Sachsen. Ich bin mit Junkers' Maschinen schon Oft über die Lande geflogen, Hab meinen Tages- und Wochenlohn Darüber oft weit überzogen, Sprach immer zu mir zuvor: »Überleg's Dir!« – Aber flog doch auf gehimmelt Durch Wetter und Wolken. Und fand unterwegs Ein Glück, das unten verschimmelt. Ich stehe nun – scheint's mir – auf gleichem Fuß Mit den Möwen, Adlern und Schwalben. Ich sende Herrn Junkers meinen Gruß Und komme ihm zweimal einen Halben. Blues Wenn du nicht froh kannst denken, Obwohl nichts Hartes dich bedrückt, Sollst du ein Blümchen verschenken, Aufs Geratewohl von dir gepflückt. Irgendein staubiger, gelber, – Sei's Hahnenfuß – vom Wegesrand. Und schenke das Blümchen dir selber Aus linker Hand an die rechte Hand. Und mache dir eine Verbeugung Im Spiegel und sage: »Du, Ich bin der Überzeugung, Dir setzt man einzig schrecklich zu. Wie wär's, wenn du jetzt mal sachlich Fleißig einfach arbeiten tätst? Später prahle nicht und jetzt lach nicht, Daß du nicht in Übermut gerätst.« Mein Wannenbad Es muß wieder mal sein. Also: Ich steige hinein In zirka zwei Kubikmeter See. Bis übern Bauch tut es weh. Das Hähnchen plätschert in schamlosem Ton, Ich atme und schnupfe den Fichtenozon, Beobachte, wie die Strömung läuft, Wie dann clam, langsam mein Schwamm sich besäuft. Und ich ersäufe, um allen Dürsten Gerecht zu werden, verschiedene Bürsten. Ich seife, schrubbe, ich spüle froh. Ich suche auf Ausguck Vergebens nach einem ertrinkenden Floh, Doch fort ist der Hausjuck. Ich lehne mich weit und tief zurück, Genieße schaukelndes Möwenglück. Da taucht aus der blinkenden Fläche, wie Eine Robinsoninsel, plötzlich ein Knie; Dann – massig – mein Bauch – eines Walfisches Speck. Und nun auf Wellen (nach meinem Belieben Herangezogen, davongetrieben), Als Wogenschaum spielt mein eigenster Dreck. Und da auf dem Gipfel neptunischer Lust, Klebt sich der Waschlappen mir an die Brust. Brust, Wanne und Wände möchten zerspringen, Denn ich beginne nun, dröhnend zu singen Die allerschwersten Opernkaliber. Das Thermometer steigt über Fieber, Das Feuer braust, und der Ofen glüht, Aber ich bin schon so abgebrüht, Daß mich gelegentlich Explosionen – – Wenn's an mir vorbeigeht – – Erfreun, weil manchmal dabei was entzweigeht, Was Leute betrifft, die unter mir wohnen. Ich lasse an verschiedenen Stellen Nach meinem Wunsch flinke Bläschen entquellen, Erhebe mich mannhaft ins Duschengebraus. Ich bück mich. Der Stöpsel rülpst sich hinaus, Und während die Fluten sich gurgelnd verschlürfen, Spannt mich das Bewußtsein wie himmlischer Zauber, Mich überall heute zeigen zu dürfen, Denn ich bin sauber. – Humorvolle Spinner Spinnete Köpfe, gescheit und begabt, Weil ihr einen Pieps, einen Vogel habt, Verlachen euch manche und meiden Euch. Ich mag euch leiden. Ein Piepvogel lebt so hoch und frei Über den Filzlatschen der Spießer. Der Spießer meint: Ein Bandwurm sei Kein stiller Genießer. Doch Spießermeinung ist nicht mal so wichtig Wie das, was aus Piepvogel fällt. Nur der, der im Kopf nicht ganz richtig Ist, lebt sich und unterhält. Wohlgemeint an Biedermann Geh doch einmal ins Gegenteil Und laß dich etwas kitzeln! Wir sind oft unbefriedigt, weil Wir übersicher witzeln. Wir ziehen satt in geregeltem Trott Auf Wegen, die scheinbar nie krumm gehn, Eine bröcklige Gipsbüste von Gott, Nach der wir uns gar nicht mehr umsehn. Ich sage »wir«, und ich meine dabei »Gut mittelbeamtlich erzogen« Im Sinne von Kirche, Staat, Polizei. Alles andre ist ja erlogen. Ach reise doch mal nach Andrerseits Und freue dich mit Verdammten, Wär's nur an einem »Beinespreiz« Für die mittleren Beamten. Chemnitzer Bußtag 1928 Ich aber ging zum Tambour hin, Weil ich nicht gern im Trüben bin, Und weil im Tambour Lou verkehrt Und immer vieler Männer harrt. Und dennoch ist die Lou apart Und wird von mir verehrt. Die Lou hat hoch im Hinterbein Flecken, die biß ein junger Fratz von Kollegin ihr hinein, Aus Liebe nicht, aus Hunger. Wenn ich nicht mehr in Chemnitz bin, Geht ihr einmal zum Tambour hin Und schaut nach meiner Lou! Doch wer mir diese Lou verführt, Behandle sie, wie's ihr gebührt, Und zahle zehn Mark zu. Trennung von einer Sächsin (1928) Ich kann dir alles verzeihn. Aber du mußt mir die Freiheit lassen, Mich nicht mehr mit dir zu befassen. Sächsische Quengelein, Auch wenn man ihrer nur träumt, Sind etwas, womit man die Zeit versäumt. Du hast viel warmes Gemüt Und lügst oft aus Höflichkeit. Und auf diesem Boden blüht Und gedeiht die Geschmacklosigkeit. Ich weiß das genau. Denn ich bin In Sachsen erwachsen. Das zu verschweigen Oder deswegen mokant sich zu zeigen, Hätte nicht – – oder nur sächsischen Sinn. Ich kann deiner Falschheit nicht trauen. Geh jetzt zur Ruh! Blondhaarig mit schwarzen Brauen, So schönes Mädchen du! Aussichten sind unendlich weit. Aber Sächsisch in dieser Zeit, Eins, Neun, Zwo, Acht – – – Gute Nacht. Als sie dann traurig ging, Ward mir so bang und kalt. Gab ich ihr keinen Halt. Armes Ding! Platzmusik in Stuttgart (1928) Das ist ein froher Sonntagsblick: Stuttgart, Studenten, Platzmusik. Da stehen sie in Grüppchen Nach Kopfbedeckung, grün, rot, blau Und löffeln sich ihr Süppchen Und wissen alle nichts genau. Warum wird nicht gesungen, Warum wird nicht marschiert zum Takt Der Zeitmiliz, die alles packt? Es bummeln diese Jungen Vorbei, ein wachsendes Geschlecht, Von keinem Zwang gezwungen. Sie haben recht. Der Platz ist schön. Der Platz ist weit. Ein Sonntagsvolksgewimmel Hat seine eigene Einigkeit Und einen offiziellen Himmel. An meine Herberge in Stuttgart (1928) Ihr habt mich reich und leise Verwöhnt. Das mir geschenkte Glück – In irgendwelcher Weise Kehrt es gewiß zu euch zurück. Wie ich Meinzeit durchhetze, Geb ich euch keine Dankbarkeit. Doch wirken sich Gesetze Des Lebens aus in jeder Zeit. Laßt lachen uns beim Scheiden. Im Lachen zeigt sich Herz und Geist. Ich mag euch ehrlich leiden, Wär ich auch noch so weit verreist. Der letzte Tag vergangnen Jahrs Ich ging auf Abenteuer Durch finsteres Gassengewirr. Ein Fenster in schiefem Gemäuer. Inseits ein leises Geklirr Und ein kleines, bläuliches Feuer. – Durchaus ganz geheuer: Feuerzangen Bowle. Bin weitergegangen. Das Eckhaus ist ein Bordell, Die ganze Stadt weiß es. Ich ging ganz langsam, nicht schnell, Wegen des Glatteises Hin und hinein. Da saß unterm Christbaum allein Ein magerer Zuhälter. Er konnte siebzig, auch älter, Er konnte auch Lebegreis sein. Wir wechselten falsche Namen, Und weil gar keine Damen Da waren, sangen wir traurig ein Lied, Seltsam war die Stimme des Greises. Ich schied, Schlich langsam wegen des Glatteises. Das glättste von allen Wintern, Die je ich erlebt. Kein Sand gestreut. Man geht – sitzt auf dem Hintern, Hat nichts gebrochen – erhebt Sich wieder – und sitzt erneut. Quer übern Weg plötzlich lief Eine Katze. Also: Ich trat Schnell drei Schritt zurück. Da rief Hinter mir »Au!« ein Marinesoldat. Wir gestanden als Wasserratten, Was wir zuvor schon getrunken hatten. Wir haben uns an-ahoit. Kein Sand war gestreut. Wir lagen. – Was soll ich lange noch sagen – Liefen, lagen, liefen –. Und riefen Die Damen herunter, wollten was tun, Wildes, wie Stierkampf oder Taifun. Doch wir entschliefen Ohne Weiber unter dem Baum. Der Lebezuhälter Pfiff rückwärts im Traum. Der nächste Tag war viel kälter. Silvester Es gibt bei Armen und Reichen So manche Herzen bang und still; Aus manchem dieser Herzen will Die Sorge nimmer weichen. Ich bin einer neuen Idee auf der Spur Und überlege sie sehr: Man sollte armen Leuten nur Gutes tun oder sagen, Ohne vorher oder hinterher Nach ihnen zu fragen. Wer hat das wohl zuerst bestellt, Was nun so glatt sich leiert: Daß jeder Stand und alle Welt Terminlich trauert und feiert. So wünschlein-pünschlein den andern gleich Will ich mich nüchtern betrinken, Um gegen Morgen durchs Federweich In Kaktusträume zu sinken. Etwa: Daß eine Mutschekuh, Die vollgefressen mit Heu war, Mein Zimmer betrat und rief mir zu: »Prost Neujahr, Herr Doktor, prost Neujahr!« Lebhafte Winterstraße Es gehen Menschen vor mir hin Und gehen mir vorbei, und keiner Davon ist so, wie ich es bin. Es blickt ein jedes so nach seiner Gegebenen Art in seine Welt. Wer hat die Menschen so entstellt?? Ich sehe sie getrieben treiben. Warum sie wohl nie stehenbleiben, Zu sehen, was nach ihnen sieht? Warum der Mensch vorm Menschen flieht? Und eine weiße Weite Schnee Verdreckt sich unter ihren Füßen. So viele Menschen. Mir ist weh: Keinen von ihnen darf ich grüßen. Stille Winterstraße Es heben sich vernebelt braun Die Berge aus dem klaren Weiß, Und aus dem Weiß ragt braun ein Zaun, Steht eine Stange wie ein Steiß. Ein Rabe fliegt, so schwarz und scharf, Wie ihn kein Maler malen darf, Wenn er's nicht etwa kann. Ich stapfe einsam durch den Schnee. Vielleicht steht links im Busch ein Reh Und denkt: Dort geht ein Mann. Winterflug 1929 Merkwürdig: Durch meine Lebenszeit War ich wie gegen Tod gefeit. Weiß heute wohl, warum. Als ich noch nicht es wußte, war Gott immer bei mir in Gefahr, Weil ich nicht – – eben darum. Unter mir: Tausend Bäume stehen, Kahlfressen wie von Ratten, Und werfen auf den Schnee, die Schneen Gleichviel blauzarte Schatten. Wenn man vom Flugzeug niederblickt Auf so verschneite Welt, Dann glaubt man nicht mehr an Durchlaucht. Ich hätte gar zu gern geraucht Und einen Meukow mir bestellt Und eine Frau vor mir gezwickt. Leben wie im Karneval Jeder summt sein Sümmchen Oder brummt sein Brümmchen Wie ein Bär oder wie ein Bienchen, Wenn er ganz in sich Hindöst. – Aber öffentlich Zieht dann jeder, jede, Jedes sein Mienchen. – – – (Fällt mir plötzlich ein Gerede Ein, eines Arztes mit schizophrenen Fraun. Hielt der Arzt sie heimlich lieb am Zügel. Sagte eine: »Hängen Sie meinen Linken Lungenflügel An den Gartenzaun!«) Jedes flucht sein Flüchlein, Wenn's nicht ging, wie's ihmnach gehen soll. Manches weint ein Tüchlein Oder scheißt ein Höslein voll. Das störend niedrige Geschmeiß Ist schwierig zu erreichen. Es bleibt Gesetz: Die Schnake weiß, Dem Kuhschwanz auszuweichen. Faschingsvollmond Ein Freund, ein Dieb aus der Nähe von Metz, Wollte mich betrunken machen. Es gelang ihm durch dauerndes Anstoßen. Wir stolperten über ein Polizeigesetz, Lagen dann in zwei stecknadelgroßen Blutlachen. »Warum willst du mich denn betrunken machen?« Frug ich. – »Um Dich zu berauben!« – Diesem Freunde konnte ich glauben; Er küßte mir oft die Hände, in Wien. – Nun lag er mit rührend blutender Nase Mitten in der Theresienstraße Neben mir. Wo uns der Vollmond beschien. Wir wollten einander aufraffen, Aber Der Mann im Monde trat Eben in den Hof seines Mondes Und signalisierte uns: Lohnt es Sich, einen Hofhund hier anzuschaffen? Oder empfehlen Sie Stacheldraht? Ein Schutzmann kam und nahm eins von uns beiden. Ich ließ meinem Freunde zur Aufbewahrung Die Brieftasche. Aber nicht nur das Scheiden, Auch andres tut weh. Zum Beispiel Erfahrung. Ich kann die Gegend um Metz nicht leiden. Entschuldigungsbrief Mein lieber S., als ich am andern Tag Erwachte, wußte ich nicht mehr Genaues. Ich hab ein rotes Auge, Ruth ein blaues. Wie sich das zugetragen haben mag!! In meinem Anzug klebt ein Pfund Spinat. Wie kam das nur? Ich weiß nur noch, daß Deine Frau oder Oskars in den Spiegel trat. Doch wer goß Hermann Suppe auf die Beine? Ich gebe zu, daß ich den Anlaß gab. Ich war besoffen wie noch nie seit Wochen. Verzeiht mir, was ich ge-, zer- und verbrochen Und daß ich Fips mit Wachs beträufelt hab. Nun sind wir alle plötzlich jäh entzweit Und waren Freunde, die nie beßre finden. Man sollte bei solch reicher Festlichkeit Lieber mehr essen und sich überwinden. Wie war die Bowle gut und der Fasan! Vorbei. – Am liebsten würd ich mich erhängen. – Verdammt nicht ganz den, der das Porzellan Euch gern ersetzen will. Ohne sich aufzudrängen. Preisaufgaben Das Es ki mo no to ne Besteht aus fünfmal Wort. Und eine Kaffeebohne Treibt niemals Pferdesport. Man soll nicht Pferde reizen. Ein Pferd ist keine Kuh. Wenn Aale Beine spreizen, Sieht niemals jemand zu. Je mand ar in der brüs te, Recht sauber eingehüllt, Erregen oft Gelüste, Die manches gern erfüllt. Man ches ter ho sen il es –, Geht vieles stumpf einher. Quatsch gibt den Dummen vieles, Gibt Klugen manchmal mehr. Abermals in Zwickau (1929) Rings um das Zwickauer Krankenstift Torkeln im Schnee fette Raben, Die wissen nicht, was Pulver und Gift Ist und wie gut sie es haben. Es geht modern und freundlich zu In den sauberen Krankenstationen. Ich möchte gern einmal in Ruh Dort ein, zwei Jahre wohnen. Wenn das verdammte Kranksein nicht war, Das die zum Eintritt verlangen! (Dann wird man zwar wie ein Teddybär Von Ärzten und Schwestern empfangen.) Ich denke mir: Sie sterben nie – Die außerhalb – die Raben – Und sind wohl auch nur Krähen, die Was gegen Zwickau haben. Weil sie mit ihrem großen Blick So hell und weitaus spähen. – Ein neuer Eindruck hier in Zwick. Prost, Ärzte! und prost, Krähen! Brief auf Hotelpapier (1929) Wenn du nach Halle gehst, Dann geh nach Hamburg, Wenn du von gutem Leben was verstehst. Wenn du nach Halle reist, Magst du zuvor mich fragen. Ich kann dir manches sagen, Was du vielleicht nicht weißt. Daß du in kurzer Frist Nur Allerbestes pickst. Die Stadt ist nämlich etwas trüb gemixt. Doch kommt's auch darauf an, wer du nun bist. Ziehst du nach Halle, grüße Giebichenstein Und Marcks und andres Nochzuunterschätzte. Und möchte alles dir gewogen sein, Was mich so freundlich hier anringelnätzte. Vorausgesetzt: Du hast ein Herz am Rost Und für Geschmack ein heiteres Gesicht. Dann, wie gesagt, quartier dich vor der Post Gleich in Stadt Hamburg ein. Halle entgeht dir nicht. Königsberg in Preußen (Februar 1929) In Königsberg zum zweitenmal. Ich wohnte im Hotel Central, Dort war gut hausen. Doch draußen: An Kälte zweiunddreißig Grad. Ich ächzte und ich stöhnte. Ja, Königsberg war stets ein Bad Für südwarm weich Verwöhnte. Und weil ein Streik der Autos war, Verfluchte ich den Februar, Was den durchaus nicht rührte. Doch was ich so an Menschen sah, Das war mir hell und war mir nah, So, daß ich Freundschaft spürte. Die Mädchen, die mir's angetan, Die wirkten so wie Walzen Und schmeckten doch wie Marzipan, Nur kräftig und gesalzen. Und sollte es hier einen Sarg, So krumm, wie ich bin, geben, So möcht ich gern in Königsbarg Begraben sein und leben. Asta Nielsen weiht einen Pokal (München, März 1929) Du irrst, Asta, wenn Du denkst: Dieser Pokal sollte Dein sein. Du sollst ihn nur einweihn, Daß Du ihn mir schenkst. Der ich gestern wieder einmal Vor Deiner Kunst glühte, Trinke nun künftig aus diesem Pokal Deinen Kuß und Deine Güte. Denn das Herz ist durstiger als Kehle. Glas zerbricht einmal. Menschenfleisch stirbt. Deine große Barfußmädchenseele, Asta, ewig lebt sie, webt und wirbt. Arbeit Ist es unrecht, die Arbeit zu lieben? Warum sind sie aus dem Paradies vertrieben? Jeder weiß es. »Im Angesicht deines Schweißes ...« – Nein anders: »Im Schweiß deines Angesichts Sollst du dein Brot ...«, heißt es dort. – Wie? Wunderlich! – Schweiß ist doch Arbeit. – Ist die Arbeit Strafe des Höchsten Gerichts? Geh, Exegesel, tu deine Pflicht, Ohne daß du Verbotenstes frißt, Und mit dem Verstande suche nicht, Was dein Gewissen viel besser ermißt. Gespräch mit einem Blasierten Nun, wie war Ihr Flug? Fragte ich irgendwen. Er meinte: »Langweilig genug – – Immer bloß Landkarten sehn – – Außerdem zog es.« Angst? »Mir gangst!« Haben Sie gekeks' ...? »Keineswegs«, Lachte er oder log es. Wie war das Wetter? – »Bewegt.« Hat Sie der Start aufgeregt? »Gar nicht. Ich schlief.« Flogen Sie hoch? – »Nein, tief.« Wie war das Personal? »Wahrscheinlich ganz bieder.« Flogen Sie zum erstenmal? »Ja, und nie wieder.« War denn die Landung vergnügt? »Nein, alles hundsmiserabel.« Danke, sagte ich, genügt! Halten Sie jetzt Ihren Schnabel. Fluidum Von Auge zu Auge wogen Moleküle Gefühle, Ehe das Auge sieht, Ehe sich das Gesicht Zur Miene verzieht, Ehe der Mund verlogen Oder verlegen spricht. Wenn sie genauer erkennend sich Verachten oder hassen – – – Müßten zwei Höfliche eigentlich Wortlos einander verlassen. Aber wenn jene zarten Fluiden Kampfredlich oder in Frieden Im Begegnen Einander segnen – – – Ist es denn irgendwie schlimm, Wenn zwei Menschen, die sich leiden Können, ohne Wort, ohne Nimm Und ohne Gib Bald wieder vonander scheiden? »Den oder die habe ich lieb.« Abgesehen von der Profitlüge Die kurzen Beine der Lüge sind Auch nur etwas Relatives. Ein Segler kreuzend gegen Wind Ist immer etwas Schiefes. Ob sie aus Anstand, aus Mitleid gibt, Sich hinter der Kunst will schützen, Wenn sie nicht innerst sich selber liebt, Wird Lüge niemandem nützen. Es gibt eine Lüge, politisch und kühn, Und die ist auch noch zu rügen. Ich meine: Wir sollten uns alle bemühn, Möglichst wenig zu lügen. Zu dir Sie sprangen aus rasender Eisenbahn Und haben sich gar nicht weh getan. Sie wanderten über Geleise, Und wenn ein Zug sie überfuhr, Dann knirschte nichts. Sie lachten nur. Und weiter ging die Reise. Sie schritten durch eine steinerne Wand, Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand, Durch Grenzverbote und Schranken Und durch ein vorgehaltnes Gewehr, Durchzogen viele Meilen Meer. – Meine Gedanken. – Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei. Und als sie dich erreichten, Da zitterten sie und erbleichten Und fühlten sich doch unsagbar frei. Sehnsucht nach Berlin (1929) Berlin wird immer mehr Berlin. Humorgemüt ins Große. Das wär mein Wunsch: es anzuziehn Wie eine schöne Hose. Und wär Berlin dann stets um mich Auf meinen Wanderwegen. Berlin, ich sehne mich in dich. Ach komm mir doch entgegen! Großplatztauben Auf großen Plätzen in den Städten Mästen sich Taubenschwärme. Es gehen knurrend manchmal Gedärme Vorbei, die nur ein solch Federvieh Gar zu gern und gebraten hätten. Man erziehe rechtzeitig sein Kind Zu der Liebe zu allen Tieren. Kinder, die schön angezogen sind, Sollen mit reichgekleideten Müttern Tauben öffentlich hätscheln und füttern Und sich dabei Neckisch und lieblich photographieren Lassen. – Spatzen sind vogelfrei. Ich habe vor markusplatzigen Tauben Etwas Angst wegen meines Hutes. Ich kann mir nicht viele Hüte erlauben. Ich wünsche den Photographen nur Gutes Und den Müttern auf der Parade – Nicht ihrem Kind – All das, wofür meine Hüte zu schade Sind. Eine Zuschauerin im Flughafen »Nie wieder wird's Menschen geben, Die so viel erleben, Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit! Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden – Wird keiner auch uns darum beneiden – Haben doch alles, was in der Welt Früher geschah, in den Schatten gestellt. O unsre Zeit! Und speziell unser Land!« Der Platzleiter bückte sich, hob galant Ein Buch auf, gab's mit der linken Hand Der Dame zurück, nicht mit der rechten. (Er war im Kriege in Luftgefechten Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.) »Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt: Nie wird – nie hat eine Generation Soviel Erfindungen neu erlebt. Denken Sie nur an Edison, An Fahrrad, Auto und Grammophon, An Kino, Radio, Röntgenstrahlen, Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan. All das hat unsere Zeit getan! Und was noch folgt, ist kaum auszumalen. Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen. Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen Empor. Wir werden zu höheren Fernen Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen. Wir werden vielleicht Die alleräußerste Peripherie Des Weltalls erreichen. – – Ich danke Ihnen, das haben Sie Und Ihresgleichen Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.« Die Dame schwieg, und sie fächelte Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen. Der Flugplatzleiter lächelte. »Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen«, So sagte er heiter, »Doch zog sie sich immer um jedes Stück Meiner erstrebten Annäherung weiter Und höher zum alten Abstand zurück.« Natur Wenn immer sie mich fragen, Ob ich ein Freund sei der Natur, Was soll ich ihnen nur Dann sagen? Ich kann eine Bohrmaschine, Einen Hosenträger oder ein Kind So lieben wie eine Biene Oder wie Blumen oder Wind. Ein Sofa ist entstanden, So wie ein Flußbett entstand. Wo immer Schiffe landen, Finden sie immer nur Land. Es mag ein holder Schauer Nach einem Erlebnis in mir sein. Ich streichle eine Mauer Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein. Und keiner von den Steinen Nickt mir zurück. Und manche Leute weinen Vor Glück. Schroffer Abbruch Laß mich doch allein, Bitte, bitte! Meine Schritte Sind deinen zu klein. Merkst du denn nicht, Was höfliche Worte sind? Deine Blicke stellen sich blind. Was aus dir spricht, Ist nur Angst und die Sucht, Fremdes zu gewinnen. Jemand, vor sich selbst auf der Flucht, Findet nicht Ruhe, Sich zu besinnen, Vergißt die Tat vor Getue. Du kannst dich selbst nicht ertragen, So schwach bist du. Blicke ein Jahr lang nur in die Höh Und höre nur Stillem zu. Mehr kann ich dir nicht sagen. Adieu! Rückkehr zweier Thüringer aus England Goodbye. I go, Anybody to irgendwo. Lebe wohl, du Land, das ich verehre! On the pier winks no girl, no man. Oh, the Channel is larger than Many many Meere. Only altogether was to me The only English friend. And it seems to be Und muß wohl so sein: Unser Kontinent hat einen wärmeren Sonnenschein. Dennoch komme ich aus guter Zeit. England was light and was polite. England is a happy land, Und es braucht uns nicht, And it doesn't understand, Was aus foreign Herzen sucht und spricht. Wenn es wüßte! Das Schiff rollt. Es entschwindet die Küste. Ich fühle mich frei. England, goodbye! Nun war ich drüben überm Kanal In London, fast eine Woche. Nun fahre ich nach Schnepfental. Für mich beginnt nun wieder einmal Eine Epoche. Muß ich auch für das letzte Stück Einen Personenzug nehmen, Nur in der Ferne liegt das Glück, Durchaus nicht im Bequemen. Anni ist Anni und immer ganz Ohr Für Worte, wie ich sie wähle. Nun stelle ich mir in Gedanken vor, Wie ich ihr von London erzähle. Ich habe studiert und photographiert – Die Bilder kann ich auch zeigen. Ich wollte nur, ich wäre blasiert. Dann könnte ich unterwegs schweigen. So aber bin ich zu mitteilsam. Fast wie ein unmündiger Knabe. Es ist beschämend und doch sehr heilsam, Daß ich schreckliches Heimweh habe. Meine alte Schiffsuhr In meinem Zimmer hängt eine runde, Alte, achteckige Segelschiffsuhr. Sie schlägt weder Glasen noch Stunde. Sie schlägt, wie sie will, und auch nur, Wann sie will. Die Uhrmacher gaben Sie alle ratlos mir zurück; Sie wollten mit solchem Teufelsstück Gar nichts zu tun haben. Und gehe sie, wie sie wolle, Ich freue mich, weil sie noch lebt. Nur schade, daß nie eine tolle Dünung sie senkt oder hebt Oder schüttert. Nein, sie hängt sicher Geborgen. Doch in ihr kreist Ein ruhelos wunderlicher Freibeuter-Klabautergeist. Nachts, wenn ich still vor ihr hocke, Dann höre ich mehr als Ticktack. Dann klingt was wie Nebelglocke Und ferner Hunds wachenschnack. Und manche Zeit versäume Ich vor der spukenden, unkenden Uhr, Indem ich davon träume, Wie ich mit ihr nach Westindien fuhr. Nach der Trennung. Lichterfelde War so oft schon dieses Scheiden. »Lebewohl!« (Auf nur vier Wochen) Schon gemeinsam schwer gesprochen, – Schwerer jedem dann von beiden. Jedes lächelte und lachte Über das, was Üblich sprach. Jedes wußte das und dachte Hinterher ganz anders, lange nach. Dies Berlin ist grausig tief und flach Und so breit. Es gibt dafür kein Dach. Schaurig schon, daß Menschen dort verschwinden. Aber stelle arme Fraun dir vor, die dort Schamvoll irrend einen öffentlichen Abort Suchen und nicht finden. Lichterfelde. Blieb mein D-Zug stehn. Und ich sah im Schnellzug vis-à-vis Ein so blasses schönes Eisenbahnergesicht, Wie ich fremdfern nie Ein Gesicht so innig hab gesehn. Du, du meine Frau, wirst mich verstehn. Enttäuschter Badegast Wenn ich im Badeanzug bin Und im Familienbade, Geht die Erotik fort. Wohin Weiß Gott. Wie schade! Und Weiber jederlei Gestalt, Sie lassen alle dann mich kalt, Wie die verdammte Jauche Der See, in die ich tauche, Kalt macht, speziell am Bauche. Von der Kabine bis ans Meer Geniere ich mich immer sehr. Trotz Spucke und trotz Laufgeschwind Merkt jede Frau und jedes Kind, Daß meine Füße dreckig sind. Und niemand fragt woher. Daß jemanden, der nicht gut schwimmt, Daß man den gar nicht mehr als Mann, Sondern als Tauchemännchen nimmt – – So handeln Weiber, die bestimmt Wären, mich aufzuregen. Mir schmeckt das Badewasser nie. Ich denke immer an Pipi Und kann das auch belegen. Es liegt mir fern, hier indiskret Krampfadern aufzuwühlen, Doch jede Frau, die baden geht, Weiß nichts von meinen Gefühlen. Leere Nacht Es ließ ein Huhn sich braten. Ich roch es. Doch es lockte nicht. Mich grüßten zwei Soldaten. Sie hatten kein Gesicht. Ich schritt an Licht und Scheinen Vorbei. Und schritt. Und schritt vorbei. Ich sah ein Mädchen weinen. Doch meine Brille ging entzwei. Ein Bogen strich die Geige. Und Stumme tranken Luft. Mich streiften nasse Zweige. Und irgend jemand sagte »Schuft«. Bin beinah überfahren. Das Auto hat mich ausgelacht. Wo meine Freunde wohl waren In dieser gottvergessenen Nacht? Einem ängstlich Einsteigenden Flieg zu, Insasse! Und lasse, Lasse dich Nur äußerlich Von andern lenken. Du mußt denken: Deine Linie geht Nach deinem Willen Und im stillen Wie ein arglos Gebet. Selbstverständlich interessiere dich Sehr für Wetter, Höhenmesser, Richtung, Zeit etcetera. Jedoch: Weite Gedanken tragen dich Noch höher und noch besser Als es deine Maschine tut, Fliege gut! An einen Geschäftsfreund Schlage nicht Freundschaften in den Wind, Die by and by ersprießlich, Außerdem aufrichtig sind! Was siegt denn schließlich? Organischer Erwerb. Eilgier führt zum Verderb. Jedwedes Experiment, Das Werte überspringen will Oder Werte verkennt, Entschläft mindestens auffällig still. Boheme ist ein kurzes Bequem Mit langem Schwanz Reue. Wer Anstand und Treue Aufgibt oder unterbricht, Scheißt sich selber ins Gesicht. Kurz, ich rufe dir herzlich zu: »Du?! – Du?!« Schläge Es schlägt im Busch eine Nachtigall. Es schlägt ein Knecht auf dem Sommerball Einem andern den Schädel entzwei. Es schlägt eine Turmuhr drei. Es sagt die Nacht, wenn sie vorbei Ist: »Guten Tag!« Es schlägt ein frischer Trommelschlag Die Schläfrigkeit zu Brei. Es sagt der Tag, wenn er vergeht: »Gut Nacht!« Will nichts besagen. Schlägt alles – auch letzte Stunde – vorbei. Doch wer sich drauf und dran versteht, Der hört in jeder Schlägerei Herzen schlagen. Hymnüs'chen Es gehört zu den fröhlichen Sachen, Sich bei den Schleimhäuten beliebt zu machen. Und demjenigen, das so hinein Kommt, müssen Schleimhäute auch dankbar sein. Im Reizen und im Befriedigtwerden Liegt alles Glück auf Erden. Kriegen Sie aber diese Worte Bitte nicht in den falschen Hals. Denn die sind vieldeutig. Diesenfalls Red ich von Tabak jedweder Sorte. Tabak zum Rauchen, Schnupfen und Kauen. Und da ist nichts wichtiger als Guter Geschmack und gutes Verdauen. An meinen Zigarettenrauch Gleite ins Weite und in die Höh! Adieu, du zartes Bleu Meines Zigarettenrauches, Der du so sanft entfliehst. Wenn du ein zierliches Nasenloch siehst, Küß dem die Haare als Gruß meines Hauches. Ob dich ein Höhendruck Zur Erde zurückschlägt, Eine Strömung, eines Windes Ruck Dich zu Himmelsglück trägt, – Finde das, was du erwartetest. In dem hold gewürzten Augenblick, Da du aus mir startetest, Spielte Ziehharmonikamusik Ein Lieblingslied von mir: La Paloma, Und auf Schwingen dieser Volksweise Steigst du auf. Glückliche Reise! Aus Nikotin ins ewige Aroma. Das scheue Wort Es war ein scheues Wort. Das war ausgesprochen Und hatte sich sofort Unter ein Sofa verkrochen. Samstags, als Berta das Sofa klopfte, Flog es in das linke, verstopfte Ohr von Berta. Von da aus entkam es. Ein Windstoß nahm es, Trug es weit und dann hoch empor. Wo es sich in das halbe, bange Gedächtnis eines Piloten verlor. Fiel dann an einem Wiesenhange Auf eine umarmte Arbeiterin nieder, Trocknete deren Augenlider. Wobei ein Literat es erwischte Und, falsch belauscht, Eitel aufgebauscht, Mittags dann seichten Fressern auftischte. Und das arme, mißbrauchte, Zitternde scheue Wort Wanderte weiter und tauchte Wieder auf, hier und dort. Bis ein Dichter es sanft einträumte, Ihm ein stilles Palais einräumte. – – Kam aber sehr bald ein Parodist Mit geschäftlich sicherem Blick, Tauchte das Wort mit Speichel und Mist In einen Aufguß gestohlner Musik. So ward es publik. So wurde es volkstümlich laut. Und doch nur sein Äußeres, seine Haut, Das Klangliche und das Reimliche. Denn das Innerste, Heimliche An ihm war weder lauschend noch lesend Erreichbar, blieb öffentlich abwesend. Der große Christoph Wer Rigas Hafen kennt, Kennt auch das Holzmonument, Das man den großen Christoph nennt. Der Heilige mit seinem Wanderstabe. Auf seiner Schulter sitzt der Jesusknabe. Den hat er, wie die Leute dort sagen, Durch die Düna getragen. Die Flößer und die Schiffersleute schenken Ihm Blumen, Bänder hin und andrerlei Und bitten frömmig ihn dabei, Er möge dies und das zum Guten lenken. Es kommen viele Leute so und gehn. Der Christoph trägt um seine Lenden Ein Hemd, vier Hemden, manchmal zehn, So je nachdem, was sie ihm spenden Und andermal auch wieder stehlen. Er trägt und gibt das Gerngewollte. Und Christus schweigt; er ist ja noch so klein, Und beide lächeln ob der simplen Seelen. Und wenn sie wirklich etwas wurmen sollte, Dann kann das nur ein Holzwurm sein. Spielball Es weint ein Kind. Ein Luftballon mit dünnem Zopf Und kleiner als des Kindes Kopf Entflieht im Wind. Und reist und steigt verwegen. Ein Nebel wallt. Ein Fehlschuß knallt. Dann fällt ein sanfter Regen. Rundrote Riesenbeere Rollt müde und verschrumpft In einem Wipfelmeere, Hat austriumpht. Witziger Kräherich Bringt seinem Bräutchen Ein hohles Häutchen, Die aber ärgert sich. Ein ehemaliger Matrose fliegt Ich bin einst in Seemannsjahren Oft elbauf, elbab gefahren. Auf der Seite, wo wir dann Stadt Altona Sichteten, stand ich an Deck und sah. Sah ein Haus. Vom Schornsteinruß geschminkt, Kiekt es lustig nach der Elbe hin. Und ich wußte: Meta wohnt darin. Wenn ich dort vorbeigefahren bin, Hat sie mir und hab ich ihr gewinkt, Ein Signal »Ich liebe dich«. Und ich sah sie, und sie sah auch mich. Heute flog ich über das vertraute Altona. Hab nicht das Haus entdeckt. Doch ich hab die Hand hinausgestreckt, Hab gewinkt, wie ich es einst getan. Und ich wußte: Meta schaute, Winkte auf nach meinem Wolkenkahn Oder wie sie's nennen, »Aeroplan«. Wenn man sich auch sonst von nah, Teufel eins, viel lieber sah, Dacht ich doch verliebt und bang Oben dort im Wolkenhang: Wenn ich jetzt hinunterstürze, Fängt mich Meta in der Schürze Auf. Neidisches über einen Klo-Mann Anfangs hat er kläglich gestöhnt, Denn er war zuvor in der Küche Kartoffelschäler und andre Gerüche Von daher gewöhnt. Er ist ebenso dumm wie faul. Er öffnet die Türen zu den Aborten, Und nach kurzen, blödsinnigen Worten Über das Wetter hält er das Maul. Nie ist er freundlich. Dennoch verehren Ihn manche sehr; Besonders die, die ihm hinterher Handtücher stehlen und Nagelscheren. Ich weiß nicht, warum ich mich vor ihm geniere. Er läßt mir niemals zum Waschen Zeit, Und durch seinen Geiz in bezug auf Papiere Geriet ich schon oft in Verlegenheit. Im Grunde ärgert's ihn, wenn man seine Geräte benutzt. Obwohl er niemals, auch nicht mal zum Scheine, Daran etwas putzt. »Gedenket des Alten, Denn er muß alles reine halten!« Schreibt er mit Seife, Frechheit und Ruhe Jeden Morgen groß an den Spiegel. Und dabei hat dieser Schweinigel So ein vornehm nervöses Getue, Das jeden zwingt, ihm viel Trinkgeld zu geben, Und er zählt immer gleich nach, wieviel. – – Ja, so ein bequemes, geldbringendes Leben Zu führen, das wäre wohl jedermanns Ziel. Seehund zum Robbenjäger »Ich bin ein armer Hund. Ich habe keine Brieftasche. Im Gegenteil: Man macht aus mir welche; sehr wohlfeil. Und Wohlfeil ist Schund. Taten wir jemals Menschen beißen?! Im Gegenteil: Jedes menschliche Kind Wird uns, wenn wir auf den Lande sind, mit Steinen totschmeißen. Wie ihr Indianer und Neger Nicht glücklich für sich leben ließt, Stellt ihr uns nach und schießt Uns nieder. Für Bettvorleger! Wo ihr Menschen Freischönes erschaut, Öffnet ihr, staunend, euren Rachen. Warum erstrebt ihr es nicht, euch vertraut Mit den Tieren zu machen? Wilde Tiere sahen allem, was neu Und friedlich war, anfangs unsicher zu. Wer nahm den wilden Tieren die Ruh? Wer gab ihnen zur Angst die Wut? Der Mensch verkaufte Instinkt und Scheu. Das Tier ist ehrlich und deshalb gut.« Kauderwelscher Bettlerdank Ich danke dir für Wasser, Wein und Speise, Und ich bin froh, daß meine Sprache fremd Hier ist. – Ein Bettler mit verlaustem Hemd Will ich nur sein. Auf meiner Weiterreise Träum ich davon, wie gut und leise Du von der Schwelle nach der Küche gingst Und – was ich weiß – wie rührend schön du singst. Denn ich hab lange dich belauscht, bevor Ich klingelte an deinem starren Tor. Du hast mich offnen Herzens angeblickt. Doch ich bemühe mich, mich zu verstellen. Du sollst nicht ahnen, wen und wie – – Himmlisch hast du mein Bettelherz erquickt! So ziehen eilig sanfte Wellen Vorbei; doch sie vergehen nie. Und eine Welle, die du selbst entsandtest Und die ich selber nie erkennen lerne, Bringt dir vielleicht aus einer fremden Ferne Den Dank zurück, den du an mir nicht fandest. Der Unfall Es sprach das Gehirn erschüttert Zur Nase: »Du blutest stark!« Es sagte der Hut verbittert: »Ich bin total zerknittert Und war auf Seide gefüttert Und kostete dreißig Mark!« Es sagte das Auge verschwommen: »Ich fühle mich wieder frei. Das Ganze wird uns gut bekommen; Das Herz ist nicht entzwei!« Das Herz sagte: »Sowas kommt vor. Vor allem aber lebt unser Humor, Und deshalb werde ich nun In eurem Namen Gott innig danken, Wie das die Erschreckten und Kranken Leider fast nur die – tun!« Morsche Fäden Zu einem Trödler Kam ein Greis mit einer sauern Gurke, Sprach: »Ich bin ein Gnadenbrötler Bei einem Bauern. Der ist ein Schurke. Diese Gurke bringe ich aus Not. Kleine Knöpfe möchte ich dafür. Denn man kann sich nicht mit Gnadenbrot Knöpfe kaufen für die Hosentür.« Und der Trödlersmann verschmähte Nicht die Gurke noch des Greises Wort, Denn der kam ihm sehr bedürftig vor, Sondern bückte sich und nähte Hundert goldne Knöpfe ihm sofort Eigenhändig an das Hosentor. Und der Greis sprach: »Danke« und verneigte Sich und ging mit offnem Hosenlatz Selig durch die Straßen, und er zeigte Allen Menschen seinen goldnen Schatz. Bis ihn schließlich ein gewisses Schicksal in ein Irrenhaus berief, Ob Erregung öffentlichen Ärgernisses. Bis er Knöpfe schluckte und entschlief. Köln-Brüssel-London Ach, mir war seltsam. Nach dem Start erwog ich, Ob's komisch sei, wenn man sentimental Denkt. Ach, zum ersten Male überflog ich – Ein ehemaliger Seemann – den Kanal. Im Sonnenwetter, das wir anfangs hatten, Sah ich zur Erde. Lautlos eilend schlich Tief unter uns, doch mit uns, unser Schatten. Und ich ward traurig, als er plötzlich wich. Und Brüssel dann. Ein kurzer Aufenthalt. Ich hab als Sieger dort einmal gelitten, Im Krieg. Ich habe dort nichts abzubitten. Und doch: Es überlief mich kalt. Und weiter ging's, durch wechselvolle Höhen, Nunmehr durch Grau und schwere Hagelböen. Doch mich betrank's. Wie lange war es her, Daß ich zur See ging?! – Segelschiff und Meer! – Und als nun fern, dann näher der Kanal Auftauchte, ich die Küste überschwebte, War's, daß ich nun zum zweiten erstenmal Stolz, ehrlich staunend Globetrot erlebte. Die Ufer unsres Kontinents entschwanden. Zwei Dampfer sah ich, die mit ihren Wellen Scheinbar ganz still, wie starrgefroren standen. Dann brach die Sonne durch und wies mit hellen, Vergnügten Fingern auf das Inselland Und auf zwei Flieger. Diese zogen An uns vorbei, als wir den Kuchenrand Von Englands Küste überflogen. Land unter uns. Bis sich vom Flugplatz Croydon Blinkauf, blinkab ein Winkefeuer zeigte. Als dann sich unser Kahn zur Landung neigte, Wie brannte ich auf lang entbehrte Freuden. 7. August 1929 Ein Zeppelin fliegt übers Meer. Aber es gibt schon heute Ganz gut gescheite Leute, Die interessiert das gar nicht sehr. Der Weltenraumverkehr floriert Seit Urzeit, niemals minder. Wo gut? Wo schlecht? – Das interessiert Die Greise wie die Kinder. Was man im Leben sich erwarb, War Gnade oder Beute. Da ich Geburtstag feiere, starb Die Kathi Kobus heute. Es hat an solchen Tagen – – – – – – – Was wollte ich denn eigentlich sagen? – Es hat ein Jedes was erträumt. Es hat ein Jedes was versäumt. Gruß ins Blaue Sehr verehrte, auserlesene, Einmal nahe mir gewesene, Nunmehr tote Damen und Herrn! Ich hätte all Ihnen gar zu gern Noch etwas vor dem Tode gesagt. Hab ich versäumt oder nicht gewagt, Zu sagen, wonach kein Toter fragt, Liegt nun jede Aufdringlichkeit fern. Dorthin, wo Sie jetzt weilen, reicht keine Lüge. Sie wissen auch, wie ich es meine, Wenn ich aus reuevollem Bedürfnis Jetzt mit einem Whiskygeschlürfnis X-wärts proste. Ich weiß, wer es wagen Darf, eine Flunder noch breit zu schlagen. Wer hat gewonnen? Weil du berühmt bist und mir Wahrheit sagst, Zerschlag ich dir ein Stück von deinen Zähnen. Nun du mich meidest und sogar verklagst, Bitt ich dich um Verzeihung unter Tränen. Du lächelst siegreich, läßt mich also leiden. – – Ich werde reich und gut. Du wirst senil. Ich frech. – Und wir versöhnen uns und meiden Und plagen uns im wechselschroffen Spiel. Doch immer ruhiger und mehr besonnen Legt sich der Kampf. Die Wahrheit steht. Es fragt Jeder von uns und jeder neu verzagt: »Wer hat gewonnen?!«