Epigrammatische Spaziergänge Erster Gang 1. Was wir bringen Rosen pflückten einst die Weisen in der Musen Gartenflur, Spötter kamen hinter ihnen, und sie brachen Dornen nur. Als sie Dornen nicht mehr fanden, suchten Disteln sie zum Stich: Dornenlose Rosen bring' ich. Lieber Leser, willst du mich? 2. Most und Wein Willst du dich der Lieb' entschlagen, weil ein süßer Rausch sie ist? O du weiser Mann, bedenke, was du ohne Liebe bist! Wenn die Hefe liegt im Grunde, wirst du schaaler Most nur sein: Liebe treibt sie in die Höhe, und im Rausche wirst du Wein. 3. Fang' auf! Wenn die Engel Manna streuen, breite deinen Mantel aus! Wenn die Liebe fällt vom Himmel, flüchte nicht dich in dein Haus! Hast du Manna nicht gesammelt, sprechen dir die Menschen Hohn; Ließest du die Liebe liegen, schämst du dich vor Gottes Thron. 4. Getäuschte Liebe Sag', womit ist zu vergleichen der getäuschten Liebe Pein? Frag' den Garten, dessen Blumen schneien in dem Frühling ein. 5. Liebe und Lieblosigkeit Sage mir, mein spröder Bruder, ob ein trüber Tag im Mai Dir nicht lieber, als die helle Sternennacht des Jenners sei? Und dann deut' ich dir es aus, um wie viel der Liebe Leiden Mir begehrenswerther sind, als die liebelosen Freuden. 6. Rosen und Dornen Einen Rosenstrauß der Hoffnung vor uns tragend in der Hand, Wandern wir, der Liebe Pilger, nach dem hochgelobten Land. Lab' an seinem Duft und Schmelze unterweges deinen Sinn, Und du schreitest ohne Schmerzen auf des Pfades Dornen hin. 7. Herzenstausch Treue kann ich dir nicht geben, aber wohl mein treues Herz. Kann es deinem Treue lehren, so entbehr' ich's ohne Schmerz. Hat dein Herz dann ausgelernet, schick' es auf die Probe mir, Und ich gebe für den Schüler lebenslang den Lehrer dir. 8. Schiff und Herz Übel ist ein Schiff berathen auf dem sturmbewegten Meer, Doch ein Herz im Sturm der Liebe ist es wahrlich noch viel mehr. Jenes wirft die schweren Lasten, die es drücken, über Bord, Dieses schifft mit voller Ladung durch die wilden Fluthen fort. 9. Was ist Liebe? Frage, was die Liebe sei, Frage den, der liebefrei, Frag' ihn, den die Liebe kost, Frag' ihn, den die Lieb' erboßt, Lieb' und frage deine Brust – Hat's ein Andrer recht gewußt? 10. Was ist das Herz ohne Liebe? Wie ein Land ohne Herrn, Wie die Nacht ohne Stern, Wie der Becher ohn' Wein, Wie der Vogel ohn' Hain, Wie ohn' Aug' ein Gesicht, Wie ohn' Reim ein Gedicht, So ohne der Liebe Scherz und Schmerz Das Herz. 11. Die doppelte Wohnung der Liebe Zwei Häuser hat die Liebe für des Geliebten Bild: Erst wohnet es im Auge, bis dieses überschwillt Vom Thränenstrom der Schmerzen und zwingt zur Flucht den Gast; Dann steigt in's Herz er nieder und findet sichre Rast. 12. Liebe ohne Leid Willst du Rosen ohne Dornen, willst du Liebe ohne Leid? Laß sie auf die Wand dir malen in der holden Maienzeit, Und verschließe deine Fenster vor des Gartens süßem Duft, Und verriegle deine Pforte, wenn die Gärtnerin dich ruft. 13. Der Spiegel der Liebe Der Erde Dunst umschleiert selbst des Himmels Sonnenschein: Wie könnte wohl ein unrein Herz der Liebe Spiegel sein? 14. Eifersüchtige Liebe Wenn die Lieb' ist eifersüchtig, so bekömmt sie hundert Augen, Doch es sind nicht zwei darunter, die grad' aus zu sehen taugen. 15. Ächtes Alter Die wahre Liebe gleicht dem guten deutschen Wein; Er wird dem Alten nie zu alt zum Trinken sein. Und schäumt zum Rausch er dir in dem Pokal nicht mehr, So trink' als Arzenei die letzte Flasche leer. 16. Recht und Liebe Das Recht sagt: Jedem das Seine! Die Liebe: Jedem das Deine! 17. Bodenlose Liebe Die Lieb' ist der Säckel des Forunat: Je mehr sie giebt, desto mehr sie hat. 18. Empfänglichkeit In die kalte herbe Luft Haucht die Rose keinen Duft. Zu der Erde Liebeswonne Wärme dich in Gottes Sonne. 19. Küsse und Seelen Sage nicht, daß in des Menschen Brust nur eine Seele lebe. Fühl' ich doch, daß eine Seele dir mit jedem Kuß ich gebe. Und wie oft ich dich auch küsse, alle Küsse haben Seelen, Und mir werden eher Küsse, als den Küssen Seelen fehlen. 20. Kardinal der Liebe Bittre Pomeranzenschale schneidest du in meinen Wein, Aber mit dem andern Händchen wirfst du Zucker auch hinein. Spricht zu mir dein sprödes Mündchen bittre Worte manches Mal, Giebt mir süßen Trost dein Auge, und mein Herz trinkt Kardinal. 21. Atlas O Atlas, großer starker Riese, wie wird des Himmels Last dir schwer? Die Liebe trägt dieselbe Bürde und hüpft so selig hin und her. 22. Der Schmetterling Will der Schmetterling entflattern, reißt der Knab' ihm aus die Schwingen: Will die Liebe von dir fliegen, kannst du sie zum Bleiben zwingen? 23. Der April Der spröden Rosenknospe gleich erscheinst du mir, April, Die, wie auch Luft und Licht sie kost, sich noch nicht öffnen will. Doch aus den rothen Ritzen schielt sie dann und wann hervor, Und zittert schüchtern gleich zurück, wenn's trüb' ist vor dem Thor. 24. Einheit Denkst du anders, als ich denke, Geh' mit mir nur in die Schenke Zur Vereinigung. Denkst du aber, wie ich denke, Führ' ich auch dich in die Schenke Zur Bestätigung. Einheit suchen wir auf Erden: Einheit wird im Wein uns werden Zur Beseligung. 25. Welt und Himmel Dem Meer muß ich die Welt vergleichen, der Himmel giebt als Strand sich kund. Dort schwimmt die leere Muschel oben, die Perlenschnecke liegt im Grund. Doch wenn des Todes Woge beide zusammen an das Ufer trägt, Wird jene schmählich weggeworfen, die andr' als Kleinod eingelegt. 26. Doppeltes Feuer Die Erde wird bald ein Aschenhaufen; es brennen von oben und unten daran Der Himmel, so viel die Menschen wollen, die Hölle, so viel der Teufel kann. 27. Jedem das Seine Ist nach Gottes Willen nicht Wein und Kuchen für die Frommen, Warum laßt bei Brot und Wasser die Verbrecher ihr verkommen? 28. Des Menschen Seele und der Thautropfen An des Lebens voller Blüthe hängt des Menschen Seele fest, Wie des Thaues Perlentropfen in der Rose süßem Nest. Aber wann er auf die Erde mit den welken Blättern sinkt, Folgt er gern dem Strahl der Sonne, der ihn liebend in sich trinkt. 29. Doppelte Drehung Wie die Welt um ihre Achse, dreht der Mensch sich um sein Ich. Jene kreist auch um die Sonne: Mensch, die Sonne kreist um dich! 30. Weltlust Einer Buhlerin vergleichbar ist die süße Lust der Welt, Die in jeder Hand erhoben eine goldne Schlinge hält. Mit der einen hat sie eben ihren Liebling aufgehängt, Während sie mit ihrer andern sich ein neues Herzchen fängt. 31. Die beiden Bräute O Welt, du altes böses Weib, hast doch so viele Freier! Des Himmels Jungfrau steht verschmäht und weint in ihrem Schleier. 32. Unseliger Segen Glaube nicht, du seist von Gott gesegnet, Bleibst du trocken, wenn der Himmel regnet. 33. Frage Pflanze, willst du dumpf umschlossen in dem engen Glase sein, Oder unter'm Himmel fühlen Regen, Sturm und Sonnenschein? 34. Gegenfrage als Antwort Frag' den Grashalm, der der Sonne regenschwer entgegenzittert, Ob er heute wünschen möchte, daß es gestern nicht gewittert? 35. Die Schirme Schirme gegen Sonn' und Regen deinen Hut und deinen Kragen, Unter Gottes freiem Himmel soll das freie Herz dir schlagen. 36. Regen, Segen Der Regen fließet von den Bergen hernieder in des Thales Grund. Der Segen aus des Himmels Höhen wird selten hier den Hohen kund. 37. Licht und Rauch Tabaksfeuer ist Menschenbrauch, Aber die Sonne macht keinen Rauch. 38. Zwei Reisen Keine Reis' auf Erden scheint mir so groß und schwer zu sein, Als die Reis' aus uns heraus, als die Reis in uns hinein. 39. Zeit und Mensch Was heißt das, über die Zeit zu klagen? Wie Jeder sie macht, so muß er sie tragen. 40. Adams Erdenkloß Wie vergoldet und bemalt sich der Mensch so lange schon, Und noch immer guckt er durch, Vater Adams alter Thon. 41. Das Ziel Jeder hat ein Ziel vor Augen, dem er nachläuft bis zur Gruft, Aber oft ist's eine Feder, die er aufblies in die Luft. 42. Das Glück Laß dich von dem Glücke suchen: Fehlt's den Weg, so mag es fluchen. Aber suchst du selbst das Glück, Kömmst du fluchend oft zurück. 43. Form und Geist Kannst du ohne Erdenbild himmlischen Verstand verstehen, Wirst du ohn' Gefäß den Wein keltern, gähren, trinken sehen. 44. Oberflächlichkeit des Lebens Wie Wolkenbilder über den Fluß, so schweben die Menschen durch's Leben: Sie wollen sich über die Fläche nicht auf Flügeln gen Himmel erheben, Sie wollen sich auch mit ihrem Gewicht hinab in die Tiefe nicht tauchen, Drum kann ein jeglicher Wind so leicht ihr Alles in Nichts verhauchen. 45. Gefährliche Drehung Weil unter ihm die Welt sich dreht, drum dreht der Mensch sich auch so viel. Nimm vor dem Schwindel dich in Acht, wenn einst du stille stehst am Ziel! 46. Innere Reise Im dämmernden Schatten des Laubes versteckt, da reifen die Früchte der Reben: So muß, wer gedeihen im Innersten will, sich des äußeren Schimmers begeben. 47. Grenzen der Menschheit Könnten wir Alles mit eigener Kraft, Wie bald wär' Gott aus dem Himmel geschafft! 48. Veränderlich und beständig Wie schnell und leicht auf Erden auch Maschinen Alles treiben, Noch immer will die Erde doch im alten Gange bleiben. 49. Die Erfindungen Es ist noch nichts erfunden hier, so lange Menschen leben, Wofür ein Privilegium der Himmel hat gegeben. 50. Die schwerste Last Nichts ist dem Menschen so schwer zu tragen, Als eine Last von guten Tagen. 51. Der seligste Glaube Der seligste Glaub' auf dieser Welt, Der nur das glaubt, was ihm gefällt. 52. Die besten Gaben des Mundes Welche sind des Mundes beste Gaben? Lust zum Singen, Trinken, Küssen haben. 53. Glück und Unglück Über dein Unglück triumphiren, Ist leichter, als dein Glück regieren. 54. Die Jäger der Ruhe Die Menschen, die nach Ruhe suchen, die finden Ruhe nimmermehr, Weil sie die Ruhe, die sie suchen, in Eile jagen vor sich her. 55. Herz und Kopf In des Busens enger Zelle wohnt das Herz, als Eremit, Aug' und Ohren ihm erzählen, was es selbst nicht hört und sieht. Gläubig ist's und leicht zu täuschen, lauscht auch einem Mährchen gern. Stets bereit zu Klag' und Jubel, aber schüchtern vor dem Herrn, Der mit finsterm Stirnerunzeln oft ein dummes Kind es schilt, Und als Wacht im Kopfe thronet mit der Wahrheit blankem Schild. Aber an den bunten Bildern, die ihm zeigt der Sinne Spiel, Kann das Herz nicht satt sich sehen, nach dem Schilde blickt's nicht viel. 56. Der erste Flecken Wenn du durch den Koth der Straße mußt mit neuen Schuhen gehn, Wirst du, trippelnd auf den Spitzen, nach den blanken Steinen sehn. Hat sie erst beschmuzt ein Fleckchen, lernst du waten sicherlich. Hüte, Kind, in deiner Seele vor dem ersten Flecken dich! 57. Lehre und Beispiel Wenn des Weisen gute Lehre eine Hand ist, dich zu führen, In des Guten weisem Beispiel wirst du einen Flügel spüren. 58. Die Reisenden Auf einem Esel reitest du, dein Vordermann auf einem Roß, Und hinter deinen Fersen keucht zu Fuß ein ungezählter Troß. Du siehst mit Neid dem Einen nach, wie Viele sehn dir hinterdrein, Und wenn die Herberg' ist erreicht, gehn Alle doch zu Fuß hinein. 59. Unsichtbares Wirken Licht und Wärme giebt die Sonne, wenn auch Wolken sie verstecken: Also wirst in seinem Wirken Gottes Dasein du entdecken. 60. Memento mori! Springst du freudig durch die Thüre in dein neugebautes Haus, Denk', aus dieser selben Thüre tragen sie dich einst heraus. 61. Das geflügelte Wort Ist das Wort der Lipp' entflohen, du ergreifst es nimmermehr, Fährt die Reu' auch mit vier Pferden augenblicklich hinterher. 62. Gute Tage, schlechte Zeit Weil ihr zu gute Tag' euch macht, so müßt um schlechte Zeit ihr klagen. Macht eure ganze Zeit nur gut, und fraget nicht nach schlechten Tagen. 63. Die Verfolgten Wenn man jagt den Elephanten um sein weißes Elfenbein, Wenn man schlägt das Dach der Auster um die edlen Perlen ein, Sag', wie kann es dich verwundern, daß die Welt dich jagt und schlägt, Weil sie dir es angesehen, daß dein Busen Schätze hegt? 64. Nicht zu früh! Der Narr wirft bei der ersten Wärme hinweg sein altes Winterkleid. Vergiß nicht, wenn das Glück dir dämmert, den guten Freund aus böser Zeit. 65. Hülfe ohne Frage Willst du aus der Fluth mich retten, frag' nicht, wo hinein ich fiel, Wo ich jetzt zu Grunde sinke, das sei deines Auges Ziel. Reicher, frage nicht den Armen, wie er arm geworden ist. Willst du fragen, frag' dich selber, wie du reich geworden bist. 66. Geduld und Zorn Wer erst das Hemd der Geduld zerreißt, Gar oft die eigenen Blößen weist. Des Zornes Mantel ist zwar weit, Trügst du ihn nur mit Schicklichkeit. Du wirfst ihn dreifach um den Kopf, Und doch bleibt unbedeckt der Kropf. 67. Die starke Geduld Bedenke, Freund, daß die Geduld nie bei der Schwachheit steht. Das Mühlenrad, des Baches Spiel, mit Saus und Braus sich dreht, Indeß die Sonne ruhig stets die ew'ge Bahn durchkreist, Wie toll und arg die Erdenwelt sich unter ihr erweist. 68. Eigen Lob – Wenn nach mir die Rosen riefen: Riech' an uns! ich thät' es nicht; Und die Tugend sollt' ich proben, die von sich mit Ruhme spricht? 69. Feuer und Stroh Einer, welcher gerne redet, Einer, welcher gerne hört, Beid' ein Stündchen nur zusammen, und der Ein' ist schon bethört. 70. Disharmonie Erzähl' dein Glück dem Unglück nicht, dein Unglück nicht dem Glück! Hier klingt dir Leid auf deine Lust, dort Lust auf Leid zurück. 71. Der Schneeball Der Schneeball und das böse Wort, Sie wachsen, wie sie rollen fort. Eine Handvoll wirf zum Thor heraus, Ein Berg wird's vor des Nachbars Haus. 72. Was er weiß, macht ihn heiß Viele lange Jahr' es währt, Daß ein Tag den andern lehrt. Wird der jüngste Tag zu heiß, Ist's von Allem, was er weiß. 73. Regel der Censur Schilt mir Keinen von unten bis oben, Daß dir ein Plätzchen noch bleibe zum Loben, Stopf' auch Keinen mit Lob so voll, Daß der Tadel nicht weiß, wo hinein er soll. 74. Apfelblüthe und Mädchenwange So Apfelblüth', als Mädchenwange, je mehr in hellem Licht sie steht, Je schneller die verschämte Farbe der Knospenunschuld ihr vergeht. 75. Knechtschaft und Freiheit Sklavenhände selber können mir ein Joch vom Nacken heben: Aber das vermag kein Freier, Sklave, Freiheit dir zu geben. 76. Erdenhöhe, Himmelshöhe So sitz' auf deinem Elephanten, du hoher Mann, und brüste dich! Doch ich will bei der Sonne fragen, wie viel du näher ihr, als ich. 77. Der Ahnensaal Ein großer voller Ahnensaal ist kleiner leerer Enkel Lust. Bist du so groß, wie jen' im Saal, so nimm sie auf in deine Brust. 78. Wohin? Da, wo du recht hingehörst, ist es dir gewiß zu schlecht, Wo du aber möchtest sein, bist du keinem Andern recht. 79. Lebende Todte und todte Lebende Mancher liegt schon lang' im Grabe und beherrscht noch diese Welt. Unterdessen schläft der Andre, der zum Herrschen ist bestellt. 80. Der Gletscher In Eis gepanzert steht der Gipfel der Alpen in der Sonne Strahl. Kann ihn die Sonne nicht zerschmelzen, was klagst du ihm dein Leiden, Thal? 81. Alles an seinem Orte Wenn Ehre dich schmückt in des Königs Palast, Und Schand' in dem eigenen Hause du hast: Kann Schande von hier dich dort nicht beflecken, Wird Ehre von dort dich hier nicht bedecken. 82. Unnütze Besoldung Der Fürst, der einen Weisen nährt und ihn nicht frägt um Rath, Ist gleich dem Krüppel, der kein Bein und doch ein Reitpferd hat. 83. Getheilte Gewalt Der Ehestand ist gut bestellt, Wo jedes Theil sein Zepter hält. Die Frau regiere Herz und Topf, Der Mann den Becher und den Kopf. 84. Reichthum und Rauch Wie der Reichthum ist ein Rauch, kann dich mancher Schornstein lehren: Gold und Silber flog hinauf, Ruß wird man herunter kehren. 85. Das rechte Maß Aus der engsten Kammerzelle kannst du in den Himmel sehn, In dem kleinsten Vaterlande lernt der Mensch die Welt verstehn. Fühl' erst groß dich in dem Kleinen, aber dann im Großen klein, Und im Großen wie im Kleinen wird dein Maß das rechte sein. 86. Vaterlandsliebe Es ist das kleinste Vaterland der größten Liebe nicht zu klein: Je enger es dich rings umschließt, je näher wird's dem Herzen sein. 87. Riesenstolz Wer für sein kleines Vaterland sich dünken will zu groß, Der gleicht dem Riesen, der sich schämt vor seiner Mutter Schooß. 88. Wem gebührt die Krone? Die größten Wüsten sind leichter regiert, Als kleine Gärten kultivirt. 89. Wenn sie könnten! Wie Viele haben wohl die Nachwelt schon belogen? Doch frag' einmal, wie viel von Allen sie betrogen? 90. Vertröstung Ist der arme Fisch vertrocknet, was doch frommt ihm dann die Fluth? Glück, verheiß' mir nicht das Beste, mach' es gleich mir leidlich gut! 91. Die Weisheit, ein Edelstein Kannst die Weisheit du vergleichen einem reinen Edelstein, So begreifst du auch, weswegen Wenige sie kaufen ein. Dieser weiß sie nicht zu schätzen, mißt sie mit des Kiesels Maß, Und, weil scheckiger es schimmert, wählt er buntes Flitterglas. Jener möchte sie wohl haben, doch sein Beutel ist nicht schwer, Und ein blindes Huhn nur findet sie in Spreu von ungefähr. 92. Die Biene Wie die Biene Blumensäfte, also sammle Weisheit ein! Ist die Blüthenzeit vorüber, wird der Blüthen Honig dein. 93. Der rechte Lehrmeister Folg' als Jünger nicht dem Lehrer, dessen Saal ist immer voll, Weil im Spiel er alle Schüler zu Doktoren machen soll. Der mit Müh' dem Doktor lehret, daß er nur ein Schüler ist, Dessen kleine Pforte suche, eh' zu groß du worden bist. 94. Da Ächte bleibt der Nachwelt unverloren Wie liegt der edle Kern so lange in Spreu und Plunder tief versteckt! So bleibt auch oft das Werk des Meisters vom leichten Tand der Zeit bedeckt. Mag drüber hin das Unkraut wuchern, der starke Keim bricht doch hervor, Und streckt zu einem Wunderbaume sich vor der Nachwelt schnell empor. 95. Tiefe und Klarheit Wie hell und klar auch sei der Himmel, du kannst doch seinen Grund nicht sehn. Je tiefer das Gedicht ich schöpfe, je lichter wird es vor dir stehn. 96. Tiefe und Dunkelheit Es reizt der dunkle Sumpf mich nicht, hinein zu gehn: Wie tief dein Werk auch sei, ich mag es nicht verstehn. 97. Tantalus O Tantalus, dir gleicht der Dichter, der aus dem Himmel Nektar stahl. Er wandelt einsam auf der Erde, verwiesen aus der Götter Saal; Und wann von oben goldne Früchte im Traum ihm spielen um den Mund, So giebt er hier in süßen Liedern der Sehnsucht Qual und Wonne kund. 98. Das Prisma Dem Prisma gleicht des Dichters Seele, in welcher Freud' und Leid sich bricht Mit hellen und mit trüben Strahlen zu buntem Regenbogenlicht. 99. Kleines für Kleines Die liebe kleine Zeit will Kleines haben, Drum bring' ich ihr so viele kleine Gaben. Aus vielen Tagen wird ja doch ein Jahr – Sei ganz und sieh ein Ganzes in der Schaar. 100. Schreiber und Leser Schreiber, was bemühst du dich, immer gut zu schreiben? Liest dich denn ein Jeder gut? Treib's, wie's Alle treiben!