Wilhelm Müller Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten 2 1824 Dem Meister des deutschen Gesanges Carl Maria von Weber als ein Pfand seiner Freundschaft und Verehrung gewidmet von dem Herausgeber. Tafellieder für Liedertafeln König Wein Der König, dem ich diene, Als treuer, tapfrer Held, Er ist der größte König In Gottes weiter Welt. Die Fahne, der ich folge, Sie ist ein grüner Zweig, Der weht vor allen Schenken In meines Königs Reich. Ich trage seine Farbe In meinem Angesicht: Auf Kragen und Rabatten Sieht unser König nicht. Hochroth ist seine Farbe, Glänzt wie ein Edelstein, Die Farbe unsrer Feinde Hat matten, bleichen Schein. Ihr General und König Wird Durst auf Deutsch genannt, Zieht sengend und verbrennend Durch unsres Königs Land. Bibamus, eh bibamus! Ist unser Feldgesang, Und unsre Schlachttrompete Ist voller Gläser Klang. Auch fehlen nicht die Trommeln, Auch donnert mancher Schuß: Wir schlagen auf die Tische, Wir stampfen mit dem Fuß. Wir haben scharf geladen, Wir führen gut Gewehr: Kanonen sind die Flaschen, Von edlem Safte schwer. Wohlauf, wohlauf zum Siege! Die Nase und der Bart Sind besser, als im Helme, In einem Glas bewahrt. Und wirft ein Hieb mich nieder In diesem wilden Strauß, Ich schlafe jede Wunde In wenig Stunden aus. Heil dir, mein großer König, Heil dir und deinem Thron, Und allen treuen Brüdern In deinem edlen Frohn! Schlechte Zeiten, guter Wein Über schlechte Zeiten Klag' ich nimmermehr, Wird von gutem Weine Nur mein Faß nicht leer. Willst die Zeitung lesen? Bruder, geh' zu Bier! Zu dem Saft der Reben Schmeckt kein Löschpapier. Ob auf dieser Erden Auch von Tag zu Tag Matter, kälter, schwächer Alles werden mag: Doch der Wein im Fasse Trotzt der Macht der Zeit, Fühlet nichts vom Alter Als die Würdigkeit. Was das Jahr dem Menschen Allgemach entrafft, Das, das giebt's dem Weine: Gluth und Muth und Kraft. Wollen's wieder holen Aus dem Faß hervor, Was im Flug der Jahre Jeglicher verlor! Und wer mit dem Leben Lebt in Leid und Streit, Trink' aus altem Fasse Alte gute Zeit! Warnung vor dem Wasser Guckt nicht in Wasserquellen, Ihr lustigen Gesellen, Guckt lieber in den Wein! Das Wasser ist betrüglich, Die Quellen sind anzüglich: Guckt lieber in den Wein! Narciß, der hat's erfahren In seinen schönsten Jahren: Er sah nicht in dem Wein, Nein, in dem Quell der Wildniß, Sein allerliebstes Bildniß: Guckt lieber in den Wein! Trink' ich aus vollem Glase, Da spiegelt meine Nase Sich lang und roth im Wein Sie ist nicht zum Verlieben, Sie ist nicht zum Betrüben, Drum guck' ich in den Wein. Schon Mancher ist versunken, Noch Keiner ist ertrunken In einem Becher Wein. Die sich darin betrachten, Sie können nicht verschmachten, Drum guck' ich in den Wein. Ihr lustigen Gesellen, Guckt nicht in Wasserquellen, Guckt lieber in den Wein! Doch über euer Gucken Vergeßt auch nicht zu schlucken: Trinkt aus, trinkt aus den Wein! Selbstgenügsamkeit des Zechers Wenn ich trinke guten Wein, Fällt es mir mit nichten ein, Über dieser Erde Schranken Aufzuschwingen die Gedanken, Und zu schaun in blaue Fernen Nach des ew'gen Ruhmes Sternen. Wenn ich trinke guten Wein, Will ich nicht im Himmel sein. Wißt ihr von dem Phaeton, Phöbus naseweisem Sohn, Der auf seines Vaters Wagen Wollte durch den Himmel jagen? Jupiter mit seinem Blitze Schmettert' ihn vom Kutschersitze Häuptlings in den Po hinab, Und das Wasser ward sein Grab. Anders ging es nicht dem Kind, Das aus Kreta's Labyrinth Wollt' auf seinen eitlen Schwingen Grad' empor zur Sonne dringen. Bald zerschmolz das Wachsgefieder, Und der Vogel stürzte nieder: In des Meeres bittrer Fluth Büßt' er seinen tollen Muth. Phaeton und Ikarus, Du im Meer, und du im Fluß, Hättet ihr hübsch Wein getrunken, Nimmer wäret ihr gesunken Von dem hohen Himmelsbogen In die tiefen Wasserwogen: Die da trinken guten Wein, Wollen nicht im Himmel sein. Wenn ich trinke guten Wein, Fällt mir oft eur Schicksal ein, Und ich blick' als frommer Zecher Nieder in den engen Becher, Nicht empor nach Ehrensternen, Nicht hinaus in blaue Fernen: Wenn ich trinke guten Wein, Mein' ich, was ich will, zu sein. Wein, der Lebensbalsam An dem Strand des grünen Nils, In dem Reich des Krokodils, Ließen Männer einst und Weiber Salben ihre todten Leiber Mit des Balsams edlem Duft Für die enge, finstre Gruft. Ach, was hilft es ihnen doch, Stehen ihre Leiber noch Hart und steif in Felsenkammern? Muß uns nicht der Balsam jammern, Den man ohne Nutz und Noth Hat versalbet an dem Tod? Ich hab' einen andern Sinn: Weil ich noch lebendig bin, Will ich meinem Leibe geben Balsam von der Frucht der Reben, Der ihn auf der Oberwelt Frisch und stark und fest erhält. Schenket mir vom besten Wein In den größten Becher ein! Balsam, wolle du bewahren Auch noch unter weißen Haaren Unsre Stirnen glatt und blank, Unsre Herzen froh und frank! Doppeltes Vaterland An der Elbe Strand Liegt mein Vaterland, Lieb's von ganzer Seele. Aber meine Kehle Ist zu Haus am Rhein, Dürstet nur nach Wein. Wem es Freude schafft, Trinke Brüderschaft Mit den kalten Fröschen! Meinen Durst zu löschen Hol' ich mir vom Rhein Lebenswarmen Wein. Spricht ein kluger Mund Wein sei nicht gesund, Ei, so trink' er keinen! Doch mir will es scheinen: Der den Geist erfreut, Thut dem Leib kein Leid. Mancher Medikus Trank sich aus dem Fluß Flüsse in die Glieder. Wein und frohe Lieder! Heißt mein Rezipe Wider jedes Weh. Und muß einst es sein, Sterb' ich doch an Wein Lieber als an Pillen. Vor dem letzten Willen Leer' ich erst mein Faß Bis auf's letzte Glas. Die schönsten Töne Von allen Tönen in der Welt Ist keiner, der mir baß gefällt, Als voller Gläser Klingen, Wenn einen Spruch, wie 's Herz ihn meint, Entgegenbringt der Freund dem Freund, Daß hoch die Tropfen springen. Auch hör' ich gern des Hammers Schlag, Der aus den Tonnen allgemach Den Spund weiß aufzutreiben. Und wenn der liebe klare Wein Rinnt plätschernd in die Flaschen ein, Der Klang ist zum Betäuben. Hoch springt mir gleich mein Herz empor, Hör' ich der Winzer Jubelchor Von einem Berge schallen, Verkündend gute Erntezeit, Verheißend Heil und Seligkeit Uns treuen Zechern allen. Wer's also meint, der stoße an, Und wer nicht mit mir singen kann, Sein Glas das wird doch klingen. Und wer den Becherklang nicht liebt, Und wer sich ohne Schmerz betrübt, Dem soll'n die Kauze singen! Geselligkeit Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Mag allein der Geizhals fasten Neben dem gefüllten Kasten, Mag der Dieb an dunkler Mauer Einsam schleichen auf der Lauer. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Mag allein der tiefe Weise Brüten, bis er wird zum Greise So zu leben und zu lieben, Wie's die Schule vorgeschrieben. Ich bin nicht gern allein. Mit meinem Glase Wein. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Mag der Mönch in seiner Zelle Einsam ringen mit der Hölle, Die mit süßem Bratenrauche Nachstellt seinem feisten Bauche. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Knäblein, klag' im Mondenscheine Einsam dem verschwiegnen Haine, Was die Holde, die dir's lehrte, Gern mit eignen Ohren hörte. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Wenn verdorben ist mein Magen, Will ich nach dem Tranke fragen, Den man muß aus kleinen Flaschen Ganz allein mit Löffeln naschen. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Muß ich einst allein auch sterben, Lass' ich doch nicht viel zu erben, Will mein Lebelang den Becher Schwingen in dem Kreis der Zecher. Ich bin nicht gern allein Mit meinem Glase Wein. Stundenglas und Weinglas Der Alte, der die Stunden mißt, Hat Sand in seinem Glase, Daher er auch so grämlich ist Vom Zeh bis in die Nase. Hätt' er im Glase unsern Wein, Was würden das für Zeiten sein! Da würde sie den trägen Schritt Gar bald verlernen müssen, Die gute Zeit, sie müßte mit Auf Händen und auf Füßen, Sie müßte mit uns, Zug auf Zug, Hinauf, hinab, in leichtem Flug! Nun aber rinnt sie stäubchenweis Durch ihre Nadelöhre, Und ängstlich guckt der finstre Greis, Daß nichts den Paß ihr störe. Und wenn das Glas ist ausgeleert, So wird es wieder umgekehrt. Hätt' er im Glase unsern Wein, Ich glaub', es könnt' geschehen, Daß dann viel flinker aus und ein Die Stunden thäten gehen. Das Glas wär' schneller ausgeleert Und öfter wieder umgekehrt. Nun, Kronus, bleib' in deinem Gang! Ich geh' nach meinen Sinnen, Und lasse keine Stunde lang Mein Glas feintröpfelnd rinnen. Hinein, heraus mit einem Zug! Zum Schleichen ist noch Zeit genug. Der Nachtwächter Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Weil die Uhr hat Zehn geschlagen, Laßt uns unsrer Rausche Zahl Überschlagen auch einmal. Will das Jahr, in dem wir leben, Nicht die volle Zahl dir geben, Trink' den zehnten heute dir, Und du bist so gut, wie wir. Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Weil die Uhr hat Elf geschlagen, Denkt doch an den Elferwein, Und schenkt keinen schlechtern ein. Denn der edle deutsche Elfer Ist der wahre Seelenhelfer. Elf! ihr Herrn, der Wächter spricht: Höret und verzählt euch nicht! Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Weil die Uhr hat Zwölf geschlagen, Und zur Neige geht der Tag, Seht auf euren Tischen nach, Ob sich hier und da nicht zeigen Volle Flaschen oder Neigen. Alle müssen sein geleert, Eh' der Wächter wiederkehrt. Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen: Weil die Uhr hat Eins geschlagen, Und der neue Tag beginnt, Holet neuen Wein geschwind, Und erwählt euch einen Andern, Mit dem Horn umher zu wandern. Guten Morgen! Guten Tag! Meine Uhr geht immer nach. Oben ab! Deutsche Weine in dem Keller, Deutsche Lieder in der Brust! Und die Sorgen und die Heller Schwimmen fort im Strom der Lust. Schwimmet nur in meinem Rheine! Lauter brauset jeder Fluß, Wenn er über harte Steine Seine Wellen treiben muß. Was im tiefen Grunde liege, Macht mich heute noch nicht bang'; Denn ich habe zur Genüge Nachzugießen Wein und Sang. Auf den goldnen Spiegelflächen Perlt der Freude frischer Schaum. Lasset oben ab uns zechen! Ohne Schaum kein schöner Traum. Und wer in den Grund will schauen, Sieht sein eigenes Gesicht: Helle Stirne, glatte Brauen, Nebelloses Augenlicht. Sollt' ich in der Tiefe wühlen, Um zu trinken trüben Wein? Ehe wir die Hefen spülen, Muß der Saft getrunken sein. Alexander und Diogenes Bringt mir die liebe Jugend fort Mit ihrem Saus und Braus! Es ziemet sich ein kluges Wort Zu einem guten Schmaus. Drum setzet Einen zu mir her, Der älter ist, als ich, Und weitgereist durch Land und Meer: Nach diesem dürstet mich! Der in dem stillen dunkeln Faß Viel Jahre lang gedacht, Er weiß gewißlich dies und das, Was uns auch weiser macht. Diogenes sei er genannt, Der Herr Philosophus, Und wär' ich Herr von Griechenland, Ich böt' ihm meinen Gruß. Und spräche: Wenn ich Ich nicht wär' Und ich nicht tränke dich, So wollt' ich Du sein ohn' Beschwer, Und du, du tränkest mich! Die Arche Noäh Das Essen, nicht das Trinken, Bracht' uns um's Paradies. Was Adam einst verloren Durch seinen argen Biß, Das giebt der Wein uns wieder, Der Wein und frohe Lieder. Und als die Welt auf's Neue In Bauches Lust versank, Und in der Sünde Fluthen Die Kreatur ertrank, Blieb Noah doch am Leben, Der Pflanzer edler Reben. Er floh mit Weib und Kindern Wohl in sein größtes Faß, Das schwamm hoch auf den Fluthen, Und Keiner wurde naß. So hat der Wein die Frommen Dem Wassertod entnommen. Und als die Fluth zerronnen, Da blieb das runde Haus Auf einem Berge sitzen, Und alle stiegen aus, Begrüßten froh das Leben, Und pflanzten neue Reben. Das Faß blieb auf dem Berge Zum Angedenken stehn: Zu Heidelberg am Neckar Könnt ihr es selber sehn. Nun wißt ihr, wer die Reben Am Rhein uns hat gegeben. Und will noch Einer wagen, Den heil'gen Wein zu schmähn, Der soll in Wasserfluthen Erbärmlich untergehn! Stoßt an und singt, ihr Brüder: Der Wein und frohe Lieder! Der neue Demagoge Euch, ihr edlen deutschen Reben, Sei mein Lied geweiht! Sing' ein Andrer von den Helden Dieser lieben Zeit. Fehlen mir auf ihre Namen Reime zum Gedicht, Und zum Ungereimten brauchen Sie den Dichter nicht. Hab' mich in dem Geist der Zeiten Auch einmal berauscht; Hab' den Rausch nun ausgeschlafen Und den Trank vertauscht. Deutsch und frei und stark und lauter In dem deutschen Land Ist der Wein allein geblieben An des Rheines Strand. Und er läßt die deutsche Tugend, Läßt den deutschen Muth Frank und frei im Glase sprudeln, Und man heißt es gut. Und er zieht durch Deutschlands Gauen, Predigt deutschen Geist, Wenn durch froher Männer Runde Er im Becher kreist. Landsmann! grüßt ihn mit Entzücken Jeder deutsche Mund, Und er hält in alter Treue Seinen deutschen Bund. Frägt nicht nach der Herren Wechsel, Nach der Seelen Tausch, Kennt nur eine deutsche Erde, Einen deutschen Rausch. Ist der nicht ein Demagoge, Wer soll einer sein? Mainz, du heil'ge Bundesfeste, Sperr' ihn nur nicht ein! Freiheit im Wein Und wüßt' ich, wo es besser wär', So zög' ich aus der Welt. 'S ist wahrlich keines Bleibens mehr In diesem Erdenzelt! Hab' mit dem Teleskop von fern Des Himmels Rund besehn, Ob nicht in irgend einem Stern Weinstöcke sollten stehn. Doch hab' ich keine noch entdeckt, Und Herschel ist nun todt! Wenn uns die Welt noch ärger neckt, Wohin aus unsrer Noth? O Brüder, Brüder, schwebt mir ja In's Blaue nicht hinaus! Die beste Freistatt liegt so nah In unsres Wirthes Haus. In seinen Keller flüchten wir, Und der ist bombenfest. Potz alle Welt! wir trotzen dir, Wenn Sturm du blasen läßt! Wird auch die Freiheit vogelfrei Hier oben wohl genannt, Da unten hat die Sultanei Sie noch nicht weggebannt. Noch braust sie auf im jungen Wein, So oft die Reben blühn: Dann will der Geist entfesselt sein Und in dem Becher glühn. Und in dem Brausen toben sich Die wilden Hefen aus: Der ächte Geist, er hält den Stich Und triumphirt im Strauß. Auf, Brüder, lösen wir den Spund, Und machen frei den Wein! Sein freier Geist weih' unsern Mund Zu freien Liedern ein! Guter Wein, gut Latein Guter Wein lehrt gut Latein. Sitz' ich bei dem vollen Glase, Mein' ich, ein Apoll zu sein, Und es hebt sich meine Nase In die Wolken fast hinein. Zöpfe, Beutel und Perrücken Wachsen flugs auf meinem Haupt, Es mit Ehren auszuschmücken, Die kein Säkulum ihm raubt. Guter Wein lehrt gut Latein. Seh' ich schon der Flasche Boden, Ist mir auch Apoll zu klein; Kühner, als die kühnsten Oden, Stürm' ich in die Welt hinein. Und nach meinem Saitenspiele Lass' ich sich die Reiche drehn; Liberale und Servile Müssen Musterung bestehn. Guter Wein lehrt gut Latein. Ist der Tisch erst naß geworden, Werd' ich gar ein Taktikus, Lasse nach der Regel morden, Und es geht auf Hieb und Schuß. Mit dem Finger mal' ich Flüsse, Seen mit der ganzen Hand; Meines rothen Weines Güsse Strömen für das Vaterland. Guter Wein lehrt gut Latein. Ist der Tisch dann abgewaschen, Steck' ich ein das Schwert indeß, Und vor meinen leeren Flaschen Halt' ich friedlichen Kongreß. Länder reiß' ich flugs in Stücken, Kann mit einer neuen Nath Alte Fetzen wieder flicken – Bin ich nicht ein Diplomat? Guter Wein lehrt gut Latein. Komm' ich an die letzten Tropfen, Ist mir nichts mehr gut genug; Und ich riech' an meinem Pfropfen, Kritisire den Geruch. Leer ist meine Westentasche, Und der Wirth liebt baares Geld. – Schafft mir eine neue Flasche, Oder eine neue Welt! Vergangenheit Wann im Kreise froher Zecher Ich in meinen vollen Becher Schaue hellen Blicks hinein, Wann um mich die Gläser klingen, Und die Freunde Lieder singen Dir zur Ehren, deutscher Wein! Dann, dann steht's vor meinen Blicken, Wie die goldnen Trauben nicken Nieder in den klaren Fluß, Wie die Wogen lustig rauschen, Und die Winzerinnen lauschen Auf des Fischers Abendgruß. Und der Mond am stillen Himmel Freut sich mit an dem Getümmel, Das er auf der Erden sieht, An den Fässern mit den Kränzen, An den Liedern und den Tänzen, Bis er sacht von dannen zieht. Zündet an die bunten Lichter, Daß die seligen Gesichter Nicht die finstre Nacht bedeckt! Wer zu selig für das Helle, Sucht sich eine dunkle Stelle, Wo kein Nüchterner ihn neckt. Auch die Liebe kennt viel Wege In dem grünen Weingehege, Und sie alle stehn ihr an; Denn auf krummen und geraden, Breiten oder engen Pfaden Geht's in Amors Kanaan. Brüder, laßt die Gläser klingen, Laßt ein frohes Hoch uns bringen Unsrem alten deutschen Rhein, Ihm und seinen jungen Reben, Daß dies Jahr uns möge geben Einen neuen Elferwein! Zukunft Seh' ich eine volle Traube, Die aus dichtem Rebenlaube Ungeduldig blickt hervor, Buhlend mit den Sonnenstrahlen, Die mit klarem Gold bemalen Ihrer Beeren grünen Flor: Dann, dann denk' ich an die Säfte, An die wunderbaren Kräfte, Die der Beere Rund umschließt, Fülle schon mir einen Becher Mit dem jungen Sorgenbrecher, Der aus diesen Trauben fließt. Meine Freunde sind geladen, Wollen sie mit mir sich baden In dem Quell der Fröhlichkeit. Seht, der Spund ist aufgehoben, Und die Geister ziehn nach oben, Und der Himmel ist nicht weit. Volle Becher hör' ich klingen, Höre neue Lieder dringen Süß bethörend in mein Ohr. Horch, es rauscht im Rebenlaube! Sieh, es regt sich in der Traube! Lieder, Lieder, nur hervor! Die Blume des Weins Es blühen Blumen mannigfalt In Feld und Garten, Wies' und Wald, Und hinter Rahm und Glase; Sie schütten ihren süßen Duft Mit vollen Schalen in die Luft Zum Opfer für die Nase. Und von den Blumen mannigfalt In Feld und Garten, Wies' und Wald, Erwähl' ich heut' mir keine. Kein indianischer Geruch Thut meiner Nase noch genug: Sie riecht an deutschem Weine. Heb' ich mein Glas zur Nas' empor, Möcht' ich, daß Auge, Mund und Ohr Sogleich auch Nasen wären, Um aus dem vollen, goldnen Strauß Bis auf den letzten Gran heraus Den Balsamduft zu leeren. Gesegnet sei des Winzers Hand, Die an des deutschen Stromes Rand Mir solchen Strauß gebunden, Von Blumen nicht, die schnell verblühn, Die ihren leichten Duft versprühn In wenig Maienstunden. Die Blume, die im Fasse ruht, Sie trotzt der dürren Sommergluth In ihrer kühlen Klause, Läßt Eis und Schnee vorüberwehn, Sieht Lenze kommen, Lenze gehn, Und blüht zu jedem Schmause. Und schlürf' ich ihre Düfte ein, Sie rieseln mir durch Mark und Bein, Wie reine Ätherflammen, Und wirbeln in verklärtem Glanz Zu einem hellen Sternenkranz Sich um mein Haupt zusammen. Gesellschaftliches Trinklied für Philister Brüder, stellt das Trinken ein! Was nicht sein kann, kann nicht sein: Lehren unsre Weisen. Denkt, ihr müßt noch gehn nach Haus, Könnt' ein Aug' euch fallen aus, Ach, vielleicht gar zweie! Setzt die Flaschen all' beiseit, Morgen ist ja auch noch Zeit, Neigen auszutrinken. Gute Pfropfen aufgesteckt, Daß kein Kellner sie beleckt! Alles ist bezahlet. Und zum Abschied stimmet ein: Was nicht sein kann, kann nicht sein. Viel giebt's in der Welt zu sehn: So sah ich zwei Esel stehn Einst auf meinen Reisen. 'S mocht' wohl Mann und Weibchen sein, Und ein Bach, o grimme Pein! Schied sie von einander. Er wollt' hin und sie wollt' her, Schrieen beide gar zu sehr, Daß es mich erbarmte. Doch bald fiel es beiden ein: Kalt und tief kann 's Wasser sein – Gaben sich zufrieden. Und zum Abschied stimmet ein: Was nicht sein kann, kann nicht sein. Einst hatt' ich ein Mägdlein lieb, Sie auch fühlte gleichen Trieb In dem schönen Herzen. Dacht' ich: Bin ja reif zum Frein, Sie auch wird's zufrieden sein; Muß mich 'mal erkund'gen. – Nachbar, sagt, was einem Mann Eine Frau wohl kosten kann Jährlich zu ernähren. – Hundert Thaler recht und gut. – Ach, da schwand mein Freiersmuth, Denn mir fehlt' ein Thaler! Und zum Abschied stimmet ein: Was nicht sein kann, kann nicht sein. Gar ein seltner Knab' ich war, Las so manches liebe Jahr In viel dicken Büchern. Doch in einem fand ich halt: 'S wird kein kluges Kindlein alt: Und hört' auf zu lesen. Doch was ich nun einmal weiß, Macht mich vor der Zeit zum Greis; Denn es giebt auf Erden Keinen so gelehrten Mann, Der den Klugen lehren kann, Wieder dumm zu werden. Und zum Abschied stimmet ein: Was nicht sein kann, kann nicht sein. Meine Muse Meine Mus' ist gegangen In des Schenken sein Haus, Hat die Schürz' umgebunden Und will nicht heraus; Will Kellnerin werden, Will schenken den Wein: Da steht sie am Thore, Und winkt mir herein. Und über ihrem Haupte Da spielet die Luft Mit grünenden Zweigen Und würzigem Duft. Seht, wie sie sich drehet So flink, so gewandt, Die Kann' unter'm Arme, Das Glas in der Hand! »Herein, lieber Zecher! Ich schenke dir Wein, Ich schenke dir Lieder Noch obendarein. Nur mußt du hübsch bleiben Im Wirthshaus bei mir: Ich gebe freie Zeche Und freies Quartier. Drum locke mich nimmer Hinaus in den Hain Zu einsamen Klagen Ob sehnlicher Pein. Hier unter den Zweigen Vor unserem Haus Da schlafen die Leiden Gar lustig sich aus. Auch laß uns nicht schweifen Umher in der Welt, Einen Helden zu suchen, Der Allen gefällt. Gar lang sind die Wege, Gar kurz ist die Zeit, Und auf den Karpathen Sind die Straßen verschneit.« So ließ sie sich hören – Wer hielte das aus? Flugs bin ich gesprungen Ihr nach in das Haus. Nun schenke mir Lieder Und schenke mir Wein, Und rufe mir frohe Gesellen herein! Rückwärts! Bei Achtundvierziger zu singen. Rückwärts! heißt das Wort der Zeit: Rückwärts soll es gehen! Brüder, laßt doch sehn, wie weit Wir uns rückwärts drehen? Brüder, wißt ihr, wo ich bin? Anno Achtundvierzig. Rückwärts, rückwärts geht mein Sinn: Da wird's warm und würzig. Mancher hat's gar weit gebracht Mit sothanem Schreiten. Kreuze, Sterne, Gold und Macht Schafft's den guten Leuten. Ich bin auch ein Held der Zeit, Könnt' was Großes werden: Wär' ein Keller nur so weit, Wie das Rund der Erden! Geist der Zeit und Geist des Weins Bei Zweiundzwanziger zu singen. Was klagen wir ob Jahr und Zeit? Laßt fahren, Brüder, Zorn und Leid Beim blanken, vollen Becher! Was dieses Jahr auch Arges thut, Der Wein macht Alles wieder gut Für alle gute Zecher. Es ist der gute Geist der Zeit Mit seiner Kraft und Herrlichkeit Gefahren in die Reben; Drum wollen sie uns dieses Jahr Ein Säftchen stark und warm und klar Für unsern Keller geben. Laßt fahren, Brüder, Zorn und Leid! Es ist der gute Geist der Zeit Für uns noch nicht verflogen. Wir holen ihn beim frohen Schmaus Aus Zweiundzwanziger heraus: Der hat ihn eingesogen. Ei Zeit, was bist du matt und schaal, Und trüb' und kalt, und bleich und fahl, Und wohl vielleicht noch ärger! Dein Geist, wenn's doch ein Geist soll sein, Frißt sauer uns durch Mark und Bein, Wie schlechter Grüneberger! Ei Wein von diesem schlechten Jahr, Was bist du stark und warm und klar, Was duftest du im Glase! Auf, laßt mit einem vollen Zug Uns gleich vertreiben den Geruch Der Zeit aus unsrer Nase! Wer trinkt mit uns? Heran, ihr Herrn! Wir geben diesen Wein euch gern, Ihr Großen und ihr Kleinen. Trinkt alle denn in einem Zug, Trinkt alle, bis ihr habt genug! Vivant, die's redlich meinen! Der Teufelsbanner Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Der Teufel dacht' in seinem Sinn, Ich sollt' ein Frömmler werden, Und weil ich's nicht geworden bin, So zieht er mir Geberden, Zeigt Rosenkränz' und Geißeln mir Und thut sich drehn und bücken; Ich sitze bei dem Glase hier Und spotte seiner Tücken. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Dem Teufel fiel es wieder ein, Das Kriechen mir zu lehren; Er pfiff und lockte grob und fein, Und sprach von hohen Ehren. Flugs warf ich in die Brust mich recht Und reckt' empor den Nacken, Trank Pereat dem Wurmgeschlecht: Da wies er mir die Hacken. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Da endlich, Brüder, wollt' er mich Zum Diplomaten machen, Und wähnte schon: Jetzt hab' ich dich! Ich lacht' und ließ ihn lachen. Er führte mich zu einem Schmaus Mit großen Diplomaten: Ich trank die besten Flaschen aus, Und aß den feinsten Braten. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Nun will er in Verzweiflung heut' Zum Dichter mich kreiren, Und meint, ich soll aus Dankbarkeit Ihn weidlich honoriren. Ich aber lass' in hellem Ton Mein frohes Lied erklingen: Herr Satanas, ich singe schon! Jetzt rühre deine Schwingen! Lustig leben, selig sterben, Heißt des Teufels Spiel verderben. Weisheit im Wein Wollt ihr werden weise Leute, Liebe Brüder, macht es heute, Wie es gestern ward gemacht. Trinket Wein! Er weckt die Geister, Macht die blöden Zungen dreister Und erhellet jede Nacht. Also haben es gehalten Unsre lieben tapfern Alten, Sie beriethen sich beim Glas, Und die neuen Diplomaten Halten auch auf Wein und Braten Und hernach auf dies und das. Glaubt ihr, ohne gute Weine Käme Deutschland auf die Beine? Liebe Brüder, glaubt es nicht! Frankfurt zapft die allerbesten Seinen hohen weisen Gästen, Und sie ehren ihre Pflicht. Freuet euch! An Gottes Segen Ist das Meiste doch gelegen, Und er segnet Main und Rhein. Nicht bei Wassern oder Bieren Will man uns konstituiren, Und die Freiheit lebt im Wein. Deutsches Recht und deutsche Reben, Deutsches Licht und deutsches Leben, Steigt empor im deutschen Land! Freudig folgen wir dem Zügel Dessen, der vom besten Hügel Erntet an des Rheines Strand. Meine Kameradschaft Wer will mein Kamerade sein, Der darf nicht fest stehn auf dem Bein. Komm, Glas, ich schlag' den Fuß dir ab, Ich will von heut' an sein dein Stab, Will nimmer von dir lassen. Mund an und ab, Mund ab und an, So lang' ich dich noch heben kann! Nur nimmer leer und stille stehn, Nur nimmer, nimmer müßig gehn, Wo's giebt noch volle Flaschen! Die Flaschen werft zum Thor hinaus, Daß nicht etwa in Hof und Haus Sie zähl' ein nüchtern kluger Mund Und in der Zeitung mache kund, Wie tapfer wir gewesen. Wir dürsten nicht nach Heldenruhm, Wir preisen nur ein Alterthum, Das ist das Alterthum des Rheins, Das Alterthum des deutschen Weins, Der uns im Glase sprudelt. Und wenn die letzte Flasche klingt, Die um die Thür in Scherben springt, Dann seufzen Alle Mann für Mann, Wie Alexander einst gethan: Giebt's nichts mehr zu zerstören? Tres faciunt Collegium Tres faciunt Collegium. Wir zwei und ein Pokal! Zwei sitzen, Einer geht herum In unsrer vollen Zahl. Und einig sind wir alle drei, Daß Rebensaft kein Wasser sei. Tres faciunt Collegium. Lisett' und ich sind zwei, Die Nachtigall ist auch nicht stumm, Und also werden's drei. Und einig sind wir ohne Frist, Daß es am Abend düster ist. Tres faciunt Collegium. Ein Doktor, ein Barbier, Und ich dazu, macht um und um Eins weniger als vier. Und einig sind wir ohne Noth: Es wächst kein Kraut uns für den Tod. Tres faciunt Collegium. Drei Sprüche gab ich aus, Ein richtiges Trifolium – Apollini sit laus! Die drei auch stimmen überein, Sie könnten ihrer vier wohl sein. Der Zechbruder und sein Pferd Romanze. Ich hatt' einmal ein Gaul, Das thät schön galoppiren, War von gar frommer Art, Ein Kindlein konnt' es führen; Doch wenn es an ein Wirthshaus kam, Den Kopf es in die Beine nahm, Warf in den Sand mich lieber, Als daß es ging vorüber. Der Wirth saß vor der Thür, Und sprang herzu behende; Gleich stand das Rößlein still, Als ob's ein Zauber bände. So ging's in Stall und Stub' hinein, Das Roß fraß Hafer, ich trank Wein: Das Rößlein wurde wählig, Der Reiter wurde selig. Da fiel es denn mir ein, Das Rößlein zu verkaufen, Das mich so tückisch zwang, Mich täglich zu besaufen. Denn ach! viel Schenken giebt es hier, Und überall gut Wein und Bier: In jeder nur ein Gläschen, So wirbelt's schon im Näschen. Verruchtes Teufelsthier! Nun hatt' ich's in den Taschen, Als baares blankes Geld, Vollauf zu tausend Flaschen. Doch um zu zeigen, wer ich sei, Wollt' ich am Wirthshaus frank und frei Gleich 'mal vorübergehen, Ohn' auch hinein zu sehen. Und als ich ging vorbei, Da ward das Geld lebendig, Und wühlt' und stieß und sprang Umher so ganz unbändig, Als wollt' es auf der Stelle schier Zermalmen alle Rippen mir, Bis ich mich ließ bethören, In's Wirthshaus einzukehren. Da fand das arge Geld Bald seine gute Ruhe. Nun liegt der ganze Schatz Schon in des Schenken Truhe. Ach, aber tief in meinem Bauch Da liegt das Gaul, die Thaler auch, Und treiben's zum Erbarmen Noch immer mit mir Armen. Wenn ich ein Wirthshaus seh', Fängt's in mir an zu toben, Als wollt' es kehren gleich Das Unterste zu oben. Und sprech' ich in dem Wirthshaus ein, Der Wirth, der Schuft, giebt keinen Wein Für's Gaul und's Geld im Magen, So arg sie mich auch plagen. Der Trinker von Gottes und Rechts wegen Romanze. Ich hatt' in meiner Mutter Leib Gewohnt ein halbes Jahr, Da sprang zu hoch das junge Weib, Dacht' nicht an die Gefahr. Auf einem Weinberg tanzte sie Bei einem Winzerfest; Das Röcklein flog bis an die Knie', Das Mieder saß nicht fest. Da roch ich was von Rebensaft, Da hört' ich Gläserklang, Und flugs heraus aus meiner Haft Sprang ich in wildem Drang. Sie legten mich auf Rebenlaub, Sie sprengten mich mit Wein, Ich blieb nicht blind und stumm und taub, Und sog die Tropfen ein. Ein Schenkwirth war mein Herr Papa, Goß immer ein und aus. Das Wasser stand dem Weine nah Allzeit in seinem Haus. Und als der Pfaff nach Wasser rief', Daß er mich taufte drein, Mein Vater sich in Eil' verlief Und brachte blanken Wein. Damit begoß der heil'ge Mann Mein Haupt und mein Gesicht, Und sprach dazu den Segen dann, Ich schrie und muckte nicht. In sel'gem Rausche lag ich da Den ganzen lieben Tag; Sie glaubten schon mein Ende nah, Da ward ich jauchzend wach. Und als ich lernte selber stehn, Trieb ich's, wie mein Papa: Sollt' ich zum Wasserfasse gehn, Gar oft ich mich versah, Und schöpfte nebenbei heraus Und nebenbei hinein; Ich war der einz'ge Gast im Haus, Der zechte reinen Wein. Und nun, ihr Leute, sagt mir an, Wie sollt' es anders sein, Als daß mein Mund nichts trinken kann, Als guten reinen Wein? Er ist's, der vor der Zeit mich rief In diese Welt heraus; Wär' er nicht mehr, fürwahr, ich lief' Auch vor der Zeit hinaus. Er ist es auch, der mich hernach Zum Christen hat gemacht, Das hab' ich mir so manchen Tag. Fein christlich überdacht. Und weil's muhamedanisch ist, Zu trinken keinen Wein, Will ich beim Wein ein guter Christ Trotz Türk' und Teufel sein! Est Est! Romanze. Hart an dem Bolsener See, 1 Auf des Flaschenberges Höh', 2 Steht ein kleiner Leichenstein Mit der kurzen Inschrift drein: Propter nimium Est Est Dominus meus mortuus est. Unter diesem Monument, Welches keinen Namen nennt, Ruht ein Herr von deutschem Blut, Deutschem Schlund und deutschem Muth, Der hier starb den schönsten Tod – Seine Schuld vergeb' ihm Gott! Als er reist' im welschen Land, Vielen schlechten Wein er fand, Welcher leicht, wie Wasser, wog Und die Lippen schief ihm zog; Und er rief: Ich halt's nicht aus! Lieber Knappe, reit' voraus! Sprich in jedem Wirthshaus ein, Und probire jeden Wein; Wo er dir zum besten schmeckt, Sei für mich der Tisch gedeckt, Und damit ich find' das Nest, Schreib' an's Thor mir an ein Est. Und der Knappe ritt voran, Hielt vor jedem Schenkhaus an, Trank ein Glas von jedem Wein, War der gut, so kehrt' er ein, War der schlecht, so sprengt' er fort, Bis er fand den rechten Ort. Also kam er nach der Stadt, Die den Muskateller hat, Der im ganzen welschen Land Für den besten wird genannt; Als von diesem trank der Knecht, Dünkt' ein Est ihm gar zu schlecht. Und mit feuerrothem Stift, Und mit riesengroßer Schrift, Malt er nach des Weins Gebühr Est Est an der Schenke Thür; Ja, nach anderem Bericht Fehlt die dritte Silbe nicht. Der Herr Ritter kam, sah, trank, Bis er todt zu Boden sank. Schenke, Schenkin, Kellner, Knapp' Gruben ihm ein schönes Grab, Hart an dem Bolsener See, Auf des Flaschenberges Höh'. Und sein Knapp', der Kostewein, Setzt' ihm einen Leichenstein, Ohne Wappen, Stern und Hut, Mit der Inschrift kurz und gut: Propter nimium Est Est Dominus meus mortuus est. Als ich nach dem Berge kam, Eine Flasch' ich zu mir nahm, Und die zweite trug ich fort Nach dem weltberühmten Ort, Wo der deutsche Ritter liegt, Der vom Est Est ward besiegt. Selig preis' ich deine Ruh', Alter, guter Freiherr du, Der du hier gefallen bist Von dem Trank, der doppelt ist, Doppelt ist in Kraft und Gluth, Goldnes Muskatellerblut! Jahr für Jahr an jenem Tag, Wo dein Leib dem Geist erlag, Zieht, was trinkt in Hof und Haus, Feierlich zu dir hinaus, Und begießt mit deinem Wein Dir den Hügel und den Stein. Aber jeder deutsche Mann, Welcher Est Est trinken kann, Denke dein bei jedem Zug, Und sobald er hat genug, Opfr' er fromm dem edlen Herrn, Was er selbst noch tränke gern. Also hab' ich's auch gemacht Und dazu dies Lied erdacht. Lieber singen Eins beim Wein, Als im Grab besungen sein. Propter nimium Est Est Liegt manch Einer schon im Nest. Fußnoten 1 Lago di Bolsena. 2 Montefiascone. An die Ungünstigen Und laßt mir doch mein volles Glas, Und laßt mir meinen guten Spaß Mit unsrer schlechten Zeit! Wer bei dem Weine singt und lacht, Den thut, ihr Herrn, nicht in die Acht! Ein Kind ist Fröhlichkeit. Es neckt und zeckt aus Zeitvertreib, Rückt aber Keinem auf den Leib Mit hartem Stoß und Schlag; Es hat's auf Niemand abgesehn, Und Allen, die vorübergehn, Schickt es ein Schnippchen nach. Wie groß und schwer die Leute sind, Was frägt danach das wilde Kind? Bleibt es doch leicht und klein. Es spritzt dem steifen Lachenicht Ein Glas Champagner in's Gesicht Und kichert hinterdrein. So laßt ihm denn sein volles Glas, Und laßt ihm seinen guten Spaß Mit unsrer schlechten Zeit! Seht nur nach dem, der Wasser schluckt, Und einsam in dem Winkel muckt, Und stumme Galle speit. Er soll von altem Adel sein, Und erbt die Gicht durch Arm und Bein Schon von dem zwölften Ahn. Er heißt der Herr von Mißvergnügt, Der Steine sä't und Wasser pflügt, Und doch nicht ernten kann. Vor diesem seid auf eurer Hut! Der Unmuth thut nicht eher gut, Bis ihr ihn tauft mit Wein. Und soll das Werk von Statten gehn, So ladet zum Gevatterstehn Den Übermuth ihm ein. Ungünstige gestrenge Herrn, Noch einen Becher leer' ich gern Auf euer Wohl zuletzt. Es geht auf Erden jede Kunst Nach Brot und Wein, nach Dunst und Gunst, Und wohlfeil ist es jetzt. Die Winterreise Gute Nacht Fremd bin ich eingezogen, Fremd zieh' ich wieder aus. Der Mai war mir gewogen Mit manchem Blumenstrauß. Das Mädchen sprach von Liebe, Die Mutter gar von Eh' – Nun ist die Welt so trübe, Der Weg gehüllt in Schnee. Ich kann zu meiner Reisen Nicht wählen mit der Zeit: Muß selbst den Weg mir weisen In dieser Dunkelheit. Es zieht ein Mondenschatten Als mein Gefährte mit, Und auf den weißen Matten Such' ich des Wildes Tritt. Was soll ich länger weilen, Bis man mich trieb' hinaus? Laß irre Hunde heulen Vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, – Gott hat sie so gemacht – Von Einem zu dem Andern – Fein Liebchen, Gute Nacht! Will dich im Traum nicht stören, Wär' Schad' um deine Ruh', Sollst meinen Tritt nicht hören – Sacht, sacht die Thüre zu! Ich schreibe nur im Gehen An's Thor noch gute Nacht, Damit du mögest sehen, Ich hab' an dich gedacht. Die Wetterfahne Der Wind spielt mit der Wetterfahne Auf meines schönen Liebchens Haus. Da dacht' ich schon in meinem Wahne, Sie pfiff' den armen Flüchtling aus. Er hätt' es ehr bemerken sollen, Des Hauses aufgestecktes Schild, So hätt' er nimmer suchen wollen Im Haus ein treues Frauenbild. Der Wind spielt drinnen mit den Herzen, Wie auf dem Dach, nur nicht so laut. Was fragen sie nach meinen Schmerzen? Ihr Kind ist eine reiche Braut. Gefrorene Thränen Gefrorne Tropfen fallen Von meinen Wangen ab: Und ist's mir denn entgangen, Daß ich geweinet hab'? Ei Thränen, meine Thränen, Und seid ihr gar so lau, Daß ihr erstarrt zu Eise, Wie kühler Morgenthau? Und dringt doch aus der Quelle Der Brust so glühend heiß, Als wolltet ihr zerschmelzen Des ganzen Winters Eis. Erstarrung Ich such' im Schnee vergebens Nach ihrer Tritte Spur, Hier, wo wir oft gewandelt Selbander durch die Flur. Ich will den Boden küssen, Durchdringen Eis und Schnee Mit meinen heißen Thränen, Bis ich die Erde seh'. Wo find' ich eine Blüthe, Wo sind' ich grünes Gras? Die Blumen sind erstorben, Der Rasen sieht so blaß. Soll denn kein Angedenken Ich nehmen mit von hier? Wenn meine Schmerzen schweigen, Wer sagt mir dann von ihr? Mein Herz ist wie erfroren, Kalt starrt ihr Bild darin: Schmilzt je das Herz mir wieder, Fließt auch das Bild dahin. Der Lindenbaum Am Brunnen vor dem Thore Da steht ein Lindenbaum: Ich träumt' in seinem Schatten So manchen süßen Traum. Ich schnitt in seine Rinde So manches liebe Wort; Es zog in Freud' und Leide Zu ihm mich immer fort. Ich mußt' auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht, Da hab' ich noch im Dunkel Die Augen zugemacht. Und seine Zweige rauschten, Als riefen sie mir zu: Komm her zu mir, Geselle, Hier findst du deine Ruh'! Die kalten Winde bliesen Mir grad' in's Angesicht, Der Hut flog mir vom Kopfe, Ich wendete mich nicht. Nun bin ich manche Stunde Entfernt von jenem Ort, Und immer hör' ich's rauschen: Du fändest Ruhe dort! Die Post Von der Straße her ein Posthorn klingt. Was hat es, daß es so hoch aufspringt, Mein Herz? Die Post bringt keinen Brief für dich: Was drängst du denn so wunderlich, Mein Herz? Nun ja, die Post kommt aus der Stadt, Wo ich ein liebes Liebchen hatt', Mein Herz! Willst wohl einmal hinübersehn, Und fragen, wie es dort mag gehn, Mein Herz? Wasserfluth Manche Thrän' aus meinen Augen Ist gefallen in den Schnee; Seine kalten Flocken saugen Durstig ein das heiße Weh. Wann die Gräser sprossen wollen, Weht daher ein lauer Wind, Und das Eis zerspringt in Schollen, Und der weiche Schnee zerrinnt. Schnee, du weißt von meinem Sehnen: Sag' mir, wohin geht dein Lauf? Folge nach nur meinen Thränen, Nimmt dich bald das Bächlein auf. Wirst mit ihm die Stadt durchziehen, Muntre Straßen ein und aus: Fühlst du meine Thränen glühen, Da ist meiner Liebsten Haus. Auf dem Flusse Der du so lustig rauschtest, Du heller, wilder Fluß, Wie still bist du geworden, Giebst keinen Scheidegruß. Mit harter, starrer Rinde Hast du dich überdeckt, Liegst kalt und unbeweglich Im Sande hingestreckt. In deine Decke grab' ich Mit einem spitzen Stein Den Namen meiner Liebsten Und Stund' und Tag hinein: Den Tag des ersten Grußes, Den Tag, an dem ich ging, Um Nam' und Zahlen windet Sich ein zerbrochner Ring. Mein Herz, in diesem Bache Erkennst du nun dein Bild? Ob's unter seiner Rinde Wohl auch so reißend schwillt? Rückblick Es brennt mir unter beiden Sohlen, Tret' ich auch schon auf Eis und Schnee. Ich möcht' nicht wieder Athem holen, Bis ich nicht mehr die Thürme seh'. Hab' mich an jedem Stein gestoßen, So eilt' ich zu der Stadt hinaus; Die Krähen warfen Bäll' und Schloßen Auf meinen Hut von jedem Haus. Wie anders hast du mich empfangen, Du Stadt der Unbeständigkeit! An deinen blanken Fenstern sangen Die Lerch' und Nachtigall im Streit. Die runden Lindenbäume blühten, Die klaren Rinnen rauschten hell, Und ach, zwei Mädchenaugen glühten! – Da war's geschehn um dich, Gesell! Kömmt mir der Tag in die Gedanken, Möcht' ich noch einmal rückwärts sehn, Möcht' ich zurücke wieder wanken, Vor ihrem Hause stille stehn. Der greise Kopf Der Reif hatt' einen weißen Schein Mir über's Haar gestreuet. Da meint' ich schon ein Greis zu sein, Und hab' mich sehr gefreuet. Doch bald ist er hinweggethaut, Hab' wieder schwarze Haare, Daß mir's vor meiner Jugend graut – Wie weit noch bis zur Bahre! Vom Abendroth zum Morgenlicht Ward mancher Kopf zum Greise. Wer glaubt's? Und meiner ward es nicht Auf dieser ganzen Reise! Die Krähe Eine Krähe war mit mir Aus der Stadt gezogen, Ist bis heute für und für Um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Thier, Willst mich nicht verlassen? Meinst wohl bald als Beute hier Meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr gehn An dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich sehn Treue bis zum Grabe! Letzte Hoffnung Hier und da ist an den Bäumen Noch ein buntes Blatt zu sehn, Und ich bleibe vor den Bäumen Oftmals in Gedanken stehn. Schaue nach dem einen Blatte, Hänge meine Hoffnung dran; Spielt der Wind mit meinem Blatte, Zittr' ich, was ich zittern kann. Ach, und fällt das Blatt zu Boden, Fällt mit ihm die Hoffnung ab, Fall' ich selber mit zu Boden, Wein' auf meiner Hoffnung Grab. Im Dorfe Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten. Die Menschen schnarchen in ihren Betten, Träumen sich Manches, was sie nicht haben, Thun sich im Guten und Argen erlaben: Und morgen früh ist Alles zerflossen. – Je nun, sie haben ihr Theil genossen, Und hoffen, was sie noch übrig ließen, Doch wieder zu finden auf ihren Kissen. Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde, Laßt mich nicht ruhn in der Schlummerstunde! Ich bin zu Ende mit allen Träumen – Was will ich unter den Schläfern säumen? Der stürmische Morgen Wie hat der Sturm zerrissen Des Himmels graues Kleid! Die Wolkenfetzen flattern Umher in mattem Streit. Und rothe Feuerflammen Ziehn zwischen ihnen hin. Das nenn' ich einen Morgen So recht nach meinem Sinn! Mein Herz sieht an dem Himmel Gemalt sein eignes Bild – Es ist nichts als der Winter, Der Winter kalt und wild! Täuschung Ein Licht tanzt freundlich vor mir her; Ich folg' ihm nach die Kreuz und Quer; Ich folg' ihm gern, und seh's ihm an, Daß es verlockt den Wandersmann. Ach, wer wie ich so elend ist, Giebt gern sich hin der bunten List, Die hinter Eis und Nacht und Graus Ihm weist ein helles, warmes Haus, Und eine liebe Seele drin – Nur Täuschung ist für mich Gewinn! Der Wegweiser Was vermeid' ich denn die Wege, Wo die andren Wandrer gehn, Suche mir versteckte Stege Durch verschneite Felsenhöhn? Habe ja doch nichts begangen, Daß ich Menschen sollte scheun – Welch ein thörichtes Verlangen Treibt mich in die Wüstenein? Weiser stehen auf den Straßen, Weisen auf die Städte zu, Und ich wandre sonder Maßen, Ohne Ruh', und suche Ruh'. Einen Weiser seh' ich stehen Unverrückt vor meinem Blick; Eine Straße muß ich gehen, Die noch Keiner ging zurück. Das Wirthshaus Auf einen Todtenacker Hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren: Hab' ich bei mir gedacht. Ihr grünen Todtenkränze Könnt wohl die Zeichen sein, Die müde Wandrer laden In's kühle Wirthshaus ein. Sind denn in diesem Hause Die Kammern all' besetzt? Bin matt zum Niedersinken Und tödtlich schwer verletzt. O unbarmherz'ge Schenke, Doch weisest du mich ab? Nun weiter denn, nur weiter, Mein treuer Wanderstab! Das Irrlicht In die tiefsten Felsengründe Lockte mich ein Irrlicht hin: Wie ich einen Ausgang finde, Liegt nicht schwer mir in dem Sinn. Bin gewohnt das irre Gehen, 'S führt ja jeder Weg zum Ziel: Unsre Freuden, unsre Wehen, Alles eines Irrlichts Spiel! Durch des Bergstroms trockne Rinnen Wind' ich ruhig mich hinab – Jeder Strom wird 's Meer gewinnen, Jedes Leiden auch ein Grab. Rast Nun merk' ich erst, wie müd' ich bin, Da ich zur Ruh' mich lege; Das Wandern hielt mich munter hin Auf unwirthbarem Wege. Die Füße frugen nicht nach Rast, Es war zu kalt zum Stehen, Der Rücken fühlte keine Last, Der Sturm half fort mich wehen. In eines Köhlers engem Haus Hab' Obdach ich gefunden; Doch meine Glieder ruhn nicht aus: So brennen ihre Wunden. Auch du, mein Herz, im Kampf und Sturm So wild und so verwegen, Fühlst in der Still' erst deinen Wurm Mit heißem Stich sich regen! Die Rebensonnen Drei Sonnen sah ich am Himmel stehn, Hab' lang' und fest sie angesehn; Und sie auch standen da so stier, Als könnten sie nicht weg von mir. Ach, meine Sonnen seid ihr nicht! Schaut Andren doch in's Angesicht! Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei: Nun sind hinab die besten zwei. Ging' nur die dritt' erst hinterdrein! Im Dunkel wird mir wohler sein. Frühlingstraum Ich träumte von bunten Blumen, So wie sie wohl blühen im Mai, Ich träumte von grünen Wiesen, Von lustigem Vogelgeschrei. Und als die Hähne krähten, Da ward mein Auge wach; Da war es kalt und finster, Es schrieen die Raben vom Dach. Doch an den Fensterscheiben Wer malte die Blätter da? Ihr lacht wohl über den Träumer, Der Blumen im Winter sah? Ich träumte von Lieb' um Liebe, Von einer schönen Maid, Von Herzen und von Küssen, Von Wonn' und Seligkeit. Und als die Hähne krähten, Da ward mein Herze wach; Nun sitz' ich hier alleine Und denke dem Traume nach. Die Augen schließ' ich wieder, Noch schlägt das Herz so warm. Wann grünt ihr Blätter am Fenster? Wann halt' ich dich, Liebchen, im Arm? Einsamkeit Wie eine trübe Wolke Durch heitre Lüfte geht, Wann in der Tanne Wipfel Ein mattes Lüftchen weht: So zieh' ich meine Straße Dahin mit trägem Fuß, Durch helles, frohes Leben, Einsam und ohne Gruß. Ach, daß die Lust so ruhig! Ach, daß die Welt so licht! Als noch die Stürme tobten, War ich so elend nicht. Muth! Fliegt der Schnee mir in's Gesicht, Schüttl' ich ihn herunter. Wenn mein Herz im Busen spricht, Sing' ich hell und munter. Höre nicht, was es mir sagt, Habe keine Ohren. Fühle nicht, was es mir klagt, Klagen ist für Thoren. Lustig in die Welt hinein Gegen Wind und Wetter! Will kein Gott auf Erden sein, Sind wir selber Götter. Der Leiermann Drüben hinter'm Dorfe Steht ein Leiermann, Und mit starren Fingern Dreht er was er kann. Barfuß auf dem Eise Schwankt er hin und her; Und sein kleiner Teller Bleibt ihm immer leer. Keiner mag ihn hören, Keiner sieht ihn an; Und die Hunde brummen Um den alten Mann. Und er läßt es gehen Alles, wie es will, Dreht, und seine Leier Steht ihm nimmer still. Wunderlicher Alter, Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern Deine Leier drehn? Ländliche Lieder Der Berghirt Wenn auf dem höchsten Fels ich steh', In's tiefe Thal hernieder seh' Und singe, Fern aus dem tiefen dunkeln Thal Schwingt sich empor der Wiederhall Der Klüfte. Je weiter meine Stimme dringt, Je heller sie mir wiederklingt Von unten. Mein Liebchen wohnt so fern von mir, Drum sehn' ich mich so heiß nach ihr Hinüber! Viel steile Berge vor mir stehn, Die Flüsse schäumend sich ergehn Im Thale. Der Aar sich in die Wolken schwingt, Die Gemse durch die Klüfte springt Hinüber! Die Wolken ruhen auf der Höh', Und durch die Nebel glänzt der Schnee Der Gipfel. Je stolzer mir mein Mädchen thut, Je höher steigt empor mein Muth In Liebe. Ein Glöckchen klingt im stillen Thal, Die Essen rauchen überall Im Dorfe. Ach, Mädchen, Mädchen, nimm mich bald! Es ist so öd', es ist so kalt Hier oben. Liebesaufruf Nun ist dein kleines Fensterlein Wohl wieder aufgethaut? Lieb Dirnel, hab' so manches Mal Im Winter 'nach geschaut. War'n dicke weiße Blumen vor, Ich konnte dich nicht sehn; So mußt' ich über Eis und Schnee Betrübt nach Hause gehn. Da hab' ich auf dem kalten Weg An dich recht warm gedacht, Hab' deinen lieben Namen laut Genannt bei Tag und Nacht. Wenn ich so oft gebetet hätt' Die ganze Winterzeit, Als dein gedacht in einem Tag, Ich wäre benedeit. Ob's Lieben wohl was Böses ist? Die Vöglein thun's uns vor, Und schwingen doch mit Sang und Klang Zum Himmel sich empor. So zieh' ich aus zur Maienzeit Auf grüne Liebeslust! Ist's Fensterlein erst aufgethaut, Wird's warm auch um die Brust. Ergebung Bin gefahren auf dem Wasser, Hab' kein Ruder eingetaucht; Hab' das Lieben ausgelernet, Keinen Lehrer je gebraucht. Gestern fuhr ich auf dem Wasser, Heute sitz' ich auf dem Sand; Gestern hatt' ich noch ein Dirnel, Heut' hat's mir den Korb gesandt. Und nun ich im Trocknen sitze, Sing' ich mir ein Lied dazu, Und als ich mein Dirnel küßte, Hatt' ich zum Gesang nicht Ruh'. Daß es ist im Walde schattig, Seht, das macht der Bäume Laub, Und daß ich ein Liedchen singe, Seht, das macht, mein Schatz ist taub. Willst nicht hören, wirst wohl fühlen, Wenn's zum Ändern ist zu spat. Kind, wach' auf, wach' auf und horche! Über Nacht kömmt guter Rath. Bin zu dir so oft gegangen In der Nacht durch Eis und Schnee, Hab' vor deiner Thür gesungen, Wind und Wetter thät nicht weh. Blieb das Fenster auch verschlossen, Hat kein Lied mich doch gereut. Meine Saiten sind gesprungen, 'S ist das letzte Liedel heut'. Jägers Lust Es lebe, was auf Erden Stolzirt in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder, Die Jäger und die Jagd! Wie lustig ist's im Grünen, Wenn's helle Jagdhorn schallt, Wenn Hirsch' und Rehe springen, Wenn's blitzt und dampft und knallt! Ich hab' mir schwarz gesenget Das rechte Augenlied: Was thut's, da mich mein Dirnel So schwarz auch gerne sieht? Mein Stutz 1 und meine Dirne, Sind die mir immer treu, Was thu' ich weiter fragen Nach Welt und Klerisei? Im Walde bin ich König, Der Wald ist Gottes Haus; Da weht sein starker Odem Lebendig ein und aus. Ein Wildschütz will ich bleiben, So lang' die Tannen grün, Mein Mädchen will ich küssen, So lang' die Lippen glühn. Komm, Kind, mit mir zu wohnen Im freien Waldrevier! Von immergrünen Zweigen Bau' ich ein Hüttchen dir. Dann steig' ich nimmer wieder In's graue Dorf hinab, Im Walde will ich leben, Im Wald grabt mir ein Grab! Daß nicht des Pfarrers Kühe Darauf zur Weide gehn: Das Wild soll drüber springen, Kein Kreuz im Wege stehn. Fußnoten 1 Büchse (U). Jägers Leid Es hat so grün gesäuselt Am Fenster die ganze Nacht – Mein Schatz im Tannenwalde, Hast wohl an mich gedacht? Und wann alle Bäume rauschen Im weiten Jagdrevier, Und weht kein Lüftchen am Himmel, Herzliebste, dann fing' ich von dir! Und wann alle Zweige sich neigen Und nicken dir Grüße zu, Herzliebste, das ist mein Sehnen, Hat nimmer Rast, noch Ruh'! Ach Welt, ich muß dich fragen, Warum du bist so weit? Ach Liebe, ferne Liebe, Warum nicht heißt du Leid? Ich möchte die Büchse laden, Nicht laden mit Pulver und Schrot, Ich möcht' in die Lüfte schießen All' meine Liebesnoth. Und wenn von allen Bäumen Stürzen die Waldvögelein, Dann ist der Schuß gefallen – Wer soll nun Sänger sein? Liebesgedanken Je höher die Glocke, Je heller der Klang: Je ferner das Mädchen, Je lieber der Gang. Der Frühling will kommen, O Frühling, meine Freud'! Nun mach' ich meine Schuhe Zum Wandern bereit. Wohlauf durch die Wälder, Wo die Nachtigall singt! Wohlauf durch die Berge, Wo 's Gemsböcklein springt! Zwei schneeweiße Täubchen, Die fliegen voraus, Und setzen sich schnäbelnd Auf der Hirtin ihr Haus. Ei bist du schon munter, Und bist schon so blank? Gott grüß' dich, schön's Dirnel! Ach, der Winter war lang! Zwei Augen wie Kirschkern', Die Zähne schneeweiß, Die Wangen wie Röslein Betracht' ich mit Fleiß. Ein Mieder von Scharlach, Ganz funkelnagelneu, Und unter dem Mieder Ein Herzlein so treu! Und ihr Lippen, ihr Lippen, Wie preis' ich denn euch? So wie ich will sprechen, So küßt ihr mich gleich! Ei Winter, ei Winter, Bist immer noch hier? So darf ich doch wandern In Gedanken zu ihr. Auf Siebenmeilenstiefeln Geht's flink von der Stell', Auf Liebesgedanken Geht's siebenmal so schnell. Ausforderung 1 Eine hohe Hahnenfeder Steck' ich auf meinen Hut! Mein Hut hat grüne Farbe, Mein Herz hat frischen Muth. Was will die Hahnenfeder? Sie ruft zu Kampf und Streit, Sie ruft: Ich lieb' die Beste Im Lande weit und breit! Und kennst du eine bessre, Und ist sie deine Wahl, Steck' auf eine höh're Feder, So raufen wir einmal. Und muß ich unterliegen, Und lieg' ich in dem Sand, Ich halt' auf meinem Spruche Zeitlebens festen Stand. Und ist dein Dirnel schöner, So trag's zur Stadt hinein, Zum Markte, zum Verkaufe, Für's Dorf ist's halt zu fein. Und ist dein Dirnel frömmer, So führ' es gleich nach Rom, Und laß es heilig sprechen, Zur Lieb' ist's halt zu fromm. Fußnoten 1 In Tyrol pflegen junge Bauerbursche sich Hahnenfedern auf den Hut zu stecken, zum Zeichen, daß sie bereit sind, es mit Jedem im Raufen aufzunehmen (U). Abschied Was soll ich erst kaufen Eine Feder und Tint'? Buchstabiren und Schreiben Geht auch nicht geschwind. Will selber hinlaufen Zu der Nannerl in's Haus, Will's mündlich ihr sagen: Unsre Liebschaft ist aus! Unsre Liebschaft ist zerrissen, Wird nimmermehr ganz; Und morgen da führ' ich Ein' Andre zum Tanz. Es springen viel Dirnen Und singen dazu, Ach Nannerl, ach Nannerl, Doch Keine wie du! Unsre Liebschaft ist zerrissen, Unsre Liebschaft ist aus! Ich klopfe nicht wieder An der Nannerl ihr Haus. Der Häuser giebt's viele Mit Fenstern darein; Doch's klinget kein Fenster Wie deines so fein! Unsre Liebschaft ist zerrissen – Leb' wohl denn, mein Kind! Was ist's, daß so beißend Aus den Augen mir rinnt? Es weinen viel Bursche Und jammern dabei – Doch, Nannerl, 's kömmt Keinem Vom Herzen so treu! Unsre Liebschaft ist zerrissen, Mein Herze dazu – Ach Nannerl, mein Nannerl, Was meinest denn du? Und müssen wir scheiden In jetziger Zeit, Führ' Gott uns zusammen In die ewige Freud'! Erlösung Vor meines Mädchens Fenster, Da schwing' ich meinen Hut, Ich schwing' ihn in die Lüfte Mit freiem, leichtem Muth. Sieh, sieh die grüne Flagge, Die von dem Hut mir weht! Das Band weht in die Weite, Mein Weg von dannen geht. Kind, hast in deinem Käfich Gequält mich lang' genug. Ich hab' den Stab zerbrochen, Hab' wieder freien Flug. Juchhe, ihr Berg' und Wälder! Juchhe, nun bin ich frei, Und schlage froh ein Schnippchen Der harten Liebestreu'! Nun hüpft und springt, ihr Heerden! In's Freie geht's hinaus. Sollt nicht mehr Stoppeln suchen Vor meines Mädchens Haus. Ich treib' euch auf die Weide Nach frischen Felsenhöhn, Wo thauig ist der Rasen, Wo kühle Bächlein gehn. Rupft im Vorübergehen Euch noch ein Hälmchen aus, Indeß mein Abschiedsliedchen Ich singe vor dem Haus. Die Umkehr Auf die Alpen dort bin ich gestiegen, Habe weit und breit mich umgesehn: Heerden sah ich in dem Grase liegen, Schäferinnen bei den Schäfern stehn. Aber auf den schönen grünen Auen Fand ich Eine, die ich suchte, nicht; Und das lange, ferne, starre Schauen Machte trübe meiner Augen Licht. In das Thal bin ich zurückgegangen, In das kleine, tiefe, finstre Thal, Habe meinen Mantel umgehangen Und mich hingestreckt mit meiner Qual. Ja, und wenn die Engel einst mich führen Aus dem Grabe nach dem Paradies, Seh' ich erst vor seinen goldnen Thüren Weit und breit mich um nach ihr gewiß. Wenn sie meine Augen nicht erblicken, Kehr' ich um und schaue nicht hinein. Will in' s enge, dunkle Grab mich drücken Und verschlafen alle Freud' und Pein. Abrede Vor meiner Liebsten Fenster Da klingen meine Sporn: Thu' auf, Herzallerliebste, Laß schwinden deinen Zorn! Die Fiedel ruft zum Tanze, Meine Tänz'rin sollst du sein: Ich kann nicht von dir lassen, Es fällt mir gar nicht ein. »Mein Zorn der ist verschwunden, Mein Tanzkleid ist bereit, Doch wenn's ein Nachbar sähe, Es brächt' mir Schmach und Leid.« So geh' voraus zur Schenke Und steh' nicht vorn am Thor, Tritt in den tiefsten Winkel, Gewiß, ich hol' dich vor. Und schwenk' ich dich im Tanze, So zieh' mir ein Gesicht. Dann denken alle Leute: Die tanzte lieber nicht! Und red' ich mit den Andren, Das mach' dir keine Pein, Ich rede mit den Andren Und denk' auf dich allein. Und willst du gehn nach Hause, So warte nicht auf mich, Geh' fort nur auf dem Steige – Gewiß, ich treffe dich. Der Kranz Sie war kaum aus dem Kinderkleid, Das Mieder war ihr noch zu weit, Da liefen schon am hellen Tag Ihr alle flinke Bursche nach. Sie ließ es ohne Zank geschehn, Hat sich auch manchmal umgesehn. Die Mutter sprach: Nimm dich in Acht! Schon manche Dirne hat's gebracht Um's grüne Kränzchen in dem Haar, Daß sie im Dorf die Schönste war. Da fiel es erst der Tochter ein: Sollt' ich denn wohl die Schönste sein? Nach einer Quelle thät sie spähn, Sie wollte sich darin besehn, In manche guckte sie hinein, Doch keine war recht klar und rein; Da kam ein Jäger frank und frei, Und sagt' es ihr, wie schön sie sei. Und siehe, schon im andern Jahr Hat sie den grünen Kranz im Haar, Hat sie den grünen Mann im Arm, Hat sie im Hause Reigenschwarm: Da lacht sie keck der Alten zu: Nun, Mutter, sag', was meintest du? Die Mutter sprach: Nimm dich in Acht! Und ach, noch in derselben Nacht Fiel ihr das Kränzchen aus dem Haar; Da seufzte sie: Es ist doch wahr! Und fragte nie die Mutter mehr, Wie's mit dem Kranz gemeinet wär'. Wanderlieder Der ewige Jude Ich wandre sonder Rast und Ruh', Mein Weg führt keinem Ziele zu; Fremd bin ich in jedwedem Land, Und überall doch wohlbekannt. Tief in dem Herzen klingt ein Wort, Das treibt mich fort von Ort zu Ort; Ich spräch's nicht aus, nicht laut, nicht leis', Sollt' ew'ge Ruh' auch sein der Preis. Es wärmt mich nicht der Sonne Licht, Des Abends Thau, er kühlt mich nicht; Ein lauer Nebel hüllt mich ein In ewig gleichen Dämmerschein. Kein Mensch sich je zu mir gesellt, Es lacht kein Blick mir in der Welt: Kein Vogel singt auf meinem Pfad, Ob meinem Haupte rauscht kein Blatt. So zieh' ich Tag und Nacht einher, Das Herz so voll, die Welt so leer; Ich habe Alles schon gesehn, Und darf doch nicht zur Ruhe gehn. Vom Felsen stürzt der Wasserfall, Fort schäumt der Fluß im tiefen Thal; Er eilt so froh der ew'gen Ruh', Dem stillen Ozeane zu. Der Adler schwingt sich durch die Luft, Verschwebend in des Äthers Duft; Hoch in den Wolken steht sein Haus, Auf Alpenspitzen ruht er aus. Der Delphin durch die Fluthen schweift, Wenn in die Bucht der Schiffer läuft; Und nach dem Sturm im Sonnenschein Schläft er auf Wellenspiegeln ein. Die Wolken treiben hin und her, Sie sind so matt, sie sind so schwer; Da stürzen rauschend sie herab, Der Schooß der Erde wird ihr Grab. Der müde Wandrer dieser Welt, Ein sicher Ziel ist ihm gestellt. Was klagt er ob des Tages Noth? Vor Nacht noch holt ihn heim der Tod. O Mensch, der du den Lauf vollbracht, Und gehest ein zur kühlen Nacht, Bet', eh' du thust die Augen zu, Für mich um eine Stunde Ruh'! Der Mondsüchtige Du bleicher Mann da droben, Siehst wieder so mürrisch aus: Bist wohl recht unzufrieden Mit deinem luftigen Haus? Hör', Freund, wir wollen tauschen: Ich geh' und räume dir Für diesen kühlen Abend Mein warmes Lager hier. Dafür sollst du mich heben In deinen Mond hinauf, Mich mit ihm wandeln lassen Den hellen Himmelslauf. Will auch auf deiner Warte Ganz mäuschenstille stehn, Und nach der bösen Erde Nicht viel herunter sehn. Will keinen Dieb verrathen, Will stören kein liebendes Paar: Nur Eines möcht' ich sehen, Und das recht hell und klar. Dir, Mond, will ich's vertrauen: Es ist die Liebste mein, Die ich beschauen möchte In deinem goldnen Schein. Sie wohnet in der Ferne, Blickt oft empor zu dir: Du guckst im Weltgetümmel Wohl kaum einmal nach ihr. Ich wollt' sie besser finden, Ich kenn' ihr Fensterlein; Durch Laden, Glas und Gitter Schlüpft' ich zu ihr hinein. Hinein in ihre Kammer Mit aller Strahlen Fluth! – Wo ist der Mond geblieben? Der Himmel auf Erden ruht. Der Apfelbaum Was drückst du so tief in die Stirn den Hut? Wohin so früh, du junges Blut? »Herr Thürmer, schließt nur auf das Thor! Ich hab' eine lange Reise vor.« Und also ging's zur Stadt hinaus, Es hielt der Mond am Himmel Haus, Wohl über die Brücke, wohl über den See: Da wurde dem Wandrer so wunderweh. Es rauschten die Zweige vom Ufer her, Und sie rauschten so tief und sie rauschten so schwer. »Wer schüttelt die Zweige? Es weht ja kein Wind, Und es spielen um's Haupt mir die Lüfte so lind.« Da gab es im See einen plätschernden Schall, Als hätt' es gethan einen schweren Fall. »Herzliebste, das muß von dem Baume sein, Den ich habe gepflanzt in dem Garten dein. Die schönen Äpfel, so roth, so rund, Nun liegen sie unten im kalten Grund!« Die Bäume Grüne Bäume, kühle Schatten, In den Wäldern, auf den Matten, Seid dem Wandrer immer hold! Wollt an seine Straß' euch stellen, Flüsternd euch ihm zugesellen In des Mittags schwüler Gluth! Hat das Stadtthor mich empfangen, Such' ich wieder mit Verlangen Nach dem ersten grünen Baum, Der mit seinen frischen Zweigen Mir den rechten Weg will zeigen Zu dem kühlen Labewein. Euch begrüß' ich auch, ihr Linden, Mag euch gern auf Märkten finden, Dicht und kugelrund belaubt. In des Abends Feierstunde Führt mich die gewohnte Runde Immer zu den Bäumen hin. Vöglein in den Wipfeln singen, Und die Funkenwürmchen schwingen Ihre Lichter in dem Grün; Unten wollen sich ergehen, Die im Dunkel sich verstehen Besser als im Sonnenschein. Heim in meines Mädchens Garten Grünen Bäume vieler Arten, Doch vor allem preis' ich dich, Baum, in dessen glatten Rinden Unsre Namen sind zu finden Und ein flammend Herz darum. Haben oft dabei gesessen Und des Scheidens gar vergessen, Meinend, daß wir wären eins, Wenn wir so in eins verschlungen, So von einem Brand durchdrungen Unsre beiden Namen sahn. Heimkehr Vor der Thüre meiner Lieben Häng' ich auf den Wanderstab, Was mich durch die Welt getrieben, Leg' ich ihr zu Füßen ab. Wanderlustige Gedanken, Die ihr flattert nah und fern, Fügt euch in die engen Schranken Ihrer treuen Arme gern! Was uns in der weiten Ferne Suchen hieß ein eitler Traum, Zeigen uns der Liebe Sterne In dem traulich kleinen Raum. Schwalben kommen hergezogen – Setzt euch, Böglein, auf mein Dach! Habt euch müde schon geflogen, Und noch ist die Welt nicht wach. Baut in meinen Fensterräumen Eure Häuschen weich und warm! Singt mir zu in Morgenträumen Wanderlust und Wanderharm! Der Wandrer in Welschland In dem lichten Sonnenschein, Durch den immergrünen Hain, Wandrer, wie so eilig? Lerche ruft: Schau' um dich her, Rechts und links und kreuz und quer, Kennst die bunten Boten? Mandelblüth' das Veilchen grüßt: Ach, gar lange Zeit es ist, Daß sie sich nicht sahen! Mit den Grüßen, mit dem Duft, Flattert Zephyr durch die Luft, Froh der süßen Beute. In dem Ginster, an dem Quell, Horch, wie's da so flink und hell Auf und nieder raschelt! Halt, Lazertchen, laß mich sehn, Wie der Sonnenstrahl so schön Spielt auf deinem Rücken! Nachtigall ist auch dabei, Doch noch etwas blöd' und scheu, Sucht sie stille Plätze; Und was einzeln flog hinein, Fliegt bald paarweis aus dem Hain Mit Gesang und Girren. Amor, nun brich auf in Eil' Mit dem Bogen, mit dem Pfeil, Mit dem ganzen Heere! Zum Versteck, zum Überfall Lauben sich die Hecken all', Kleiner, scharfer Schütze! Devisen zu Bonbons Amor in der Vigne Jüngst fand in einer Vigne Ich Amorn mit den Andern, Die zu den losen Streichen Ihm nimmer fehlen dürfen. Die Kinder spielten Schaukel, Auf Weinguirlanden sitzend, Die hoch von Baum zu Baume Der Winzer pflegt zu ziehen. Flugs riß die beste Schaukel, Und Amor lag am Boden, Umsonst nach Hülfe schreiend; Denn die Gespielen flohen Und riefen: Diebe! Diebe! Aus vollem Halse lachend. Ich hob den armen Kleinen Vom Boden auf, befühlte Die umgeknickten Federn Und stäubt' ihm ab die Locken. Da rafft' er sich zusammen, Und ohne mir zu danken, Ging's fort, husch in die Lüfte! Noch stand ich, fast betroffen, Und sah ihm nach, dem Schalke, Da rief ein süßes Stimmchen Gar drohend mir entgegen: Seid ihr der Dieb der Trauben? Es war das Winzermädchen, Und hinter ihr ganz leise Hört' ich den Kleinen flüstern: Halt fest den losen Buben! Und sie hat's gut verstanden. Der Wildfang Wie eine Gemse springt sie hin, Entgegen frisch dem Winde! Roth, feuerroth brennt Wang' und Kinn Dem lieben, wilden Kinde. Ihr langes Haar vom Nacken fliegt, Die Bäume könnten's fassen, Doch jeder Zweig sich schüchtern schmiegt, Sie ruhig ziehn zu lassen. Die losen Disteln wagen's kaum, Die rüstige zu necken, Und nach des leichten Kleides Saum Die Stacheln auszustrecken. Amor, was soll's, daß wir im Thal Uns auf die Lauer legen? Sie ruht nicht – Wagen wir's einmal, Und treten ihr entgegen! Der Elfentraum In Nachtviolenkelchen eingeschlossen, Verschliefen einen heißen Tag die Elfen. Nun öffnen sie die schummertrunknen Augen Und blinzeln, weil zu nah die Funkenwürmchen Um ihre Lager schwärmen. – Gut geschlafen? Frägt Ariel sein Liebchen Ariella. – Ach nein, mein Herz, ich hatte bange Träume. Ich sahe dich, du warst in einen Tropfen Eiskalten Thau, der tief versteckt im Kelche Der Nachtviole lag, hineingefallen. Ich schrie und rief zu Hülfe, was von Elfen Im ganzen Kelche war – sie kamen alle, So weit sie meine Stimme nur vernahmen, Bis von den allerhöchsten Blätterspitzen – Ach ja, die Noth lehrt schreien, mein Geliebter! Und flugs hing eins sich an des andern Flügel, Wie Glieder einer Kette sich verbindend, Und unsre Kette ward so lang, mein Herzchen, So lang, wie ich gesehn noch keine andre, Selbst nicht bei unsres Königs Hochzeitfeier, Im großen Reigen, welchen alle Gäste Mittanzen mußten auf dem Lilienplane. Ich war das unterste der Glieder, wurde Hinabgelassen in den tiefen Tropfen, Und sahe dich – du lagst und zappeltest Und strecktest sehnlich deine lieben Arme Zu mir empor – ich aber sehnt' und dehnte Mich aus mit allen Kräften – Ach, vergebens! Die Kette war zu kurz, und alle Elfen Schrien hinter mir: Sie reißt, sie reißt, die Kette! Da wacht' ich auf und lag in deinen Armen Und mußte dich mit meinen Küssen wecken, Zu sehn, ob du auch wirklich unversehrt bist. Märzschnee Schnee im Märzen, Schmerz im Herzen, Er zergeht am Sonnenstrahl, Mag die blaue Luft ihn schicken, Mag er auch aus blauen Blicken Fallen in die Brust herein. Schnee im Märzen, Schmerz im Herzen, Er zergeht am Sonnenstrahl. Liebe Aus Schaum ist sie entsprungen, Mit Schaum will sie uns nähren, Wie Schaum muß sie zerfließen. So laßt uns denn die Schäume, Eh' sie zu Wasser werden, In vollen Zügen schlürfen. Ihr preist ja den Champagner, Je flüchtiger er schäumet: Was wollt ihr von der Liebe? Rosenknospe und Thautropfen So oft ich einen Tropfen Thau Seh' an der Rosenknospe hangen, Erkenn' ich meiner Liebe Bild. Die Rosenknospe bist du selbst, Die, kalt und starr, vor jedem Strahle Der Sonne noch das Herz verschließt. Ich aber bin der Tropfen Thau, Der, weil dein Herz ihm ist verschlossen, Sich in der Sonne Brand verzehrt. Frühling der Liebe Draußen tobt der böse Winter, Und die Blumen, die er knickte, Malt er höhnisch an die Fenster Mir in bleichen, starren Bildern. Winter, stürme nur und brause! Machst mich doch nicht mehr erzittern. Denn aus meines Herzens Grunde Lass' ich einen Frühling sprießen, Den der Schnee nicht kann bedecken, Den das Eis nicht macht gefrieren, Einen Frühling, dessen Sonne Ist das Auge meiner Liebsten, Dessen Luft und Duft ihr Odem, Dessen Rosen ihre Lippen, Und ich schweb' als junge Lerche Drüber hin mit meinen Liedern. Ein Rosenblättchen zwischen zwei Lippen Ein junges Rosenblättchen, Der Knospe kaum entwunden, Will gar sich unterfangen, Mit deines Mundes Röthe Sich prahlend zu vergleichen. Da kommen die Zephyre Und blasen es herunter, Und tragen es gerade Auf deine Purpurlippen, Wo es in Schimpf und Schande Sich büßend muß verzehren. Amors Feder Jüngst sah ich einen Knaben Mit rosenrothen Flügeln An einem Rohre schnitzen. Dacht' ich: 'S ist eine Feder: Und bat darum den Kleinen. Er warf sie mir entgegen Grad' auf die Brust, und lachte. Was hat er denn zu lachen? Fragt' ich mich selbst und setzte Mich nieder, um zu schreiben An meine gute Mutter. Doch ach, die arge Feder! Ich kann kein andres Wörtchen Damit, als Liebe, schreiben, Und immer, wenn ich schreibe, Denk' ich an schmucke Mädchen. Amor in einer Rosenknospe Frau Venus wollte neulich Ihr loses Söhnchen schlagen: Da ist er ihr entlaufen Und hat sich still gekauert In eine Rosenknospe. Kommt, ruft er, kommt, ihr Mädchen, Und pflückt euch eine Rose! Und Eine, selbst ein Röschen, Brach sich die Blum' und steckte Sie an den kleinen Busen. Das ist ihr schlecht bekommen! Denn Amor, ohne Bogen Und Pfeile, rupft ein Dörnchen Sich von dem Rosenstiele, Und sticht damit die Arme, Daß sie es viele Sommer Noch wird im Busen fühlen. Amors Fangeball Amor wollte Fangebällchen Neulich mit den Nymphen spielen. Diese ließen Knabenherzen, Die in Träumen sie gestohlen, Durch die Lüft', als Bälle, fliegen. Amor hatte nichts zu werfen; Alsobald sandt' er die Blicke Durch die weiten Himmelsräume, Und das Erste, was er sahe, War der Weltkreis, welcher ruhte In des Götterkönigs Rechten. Amor zielt' und traf die Kugel Grade durch die beiden Pole, Daß sie flugs vom hohen Äther Niederfiel zu seinen Füßen. Jetzt, ihr Nymphen, kann er spielen! Amor, ein Schmetterlingsfänger Ich fange Schmetterlinge Zu meinem Zeitvertreibe. Wo aber soll ich alle Die bunten Thierchen lassen? Ich werfe gleich die Pfeile Heraus aus meinem Köcher, Und lasse sie indessen Im hohen Grase liegen. Und wenn die Schnitterinnen Mit bloßen Füßen kommen Heut' Abend von der Wiese, So sollen sie sich ritzen; Denn meine Pfeile dürfen Mir nimmer müßig liegen. Amor, ein Schneider Amor ist ein Schneider worden, Näht die ersten runden Mieder Für die jungen Erdentöchter, Näht hinein viel kleine Seufzer, Viele leise, blöde Wünsche, Bange Neugier, scheue Lüstchen, Und viel süßes Namenloses. Manche Nadel bleibt zerbrochen Zwischen Zeug und Futter sitzen, Die nachher den Busen stachelt Und das Herz lebendig kitzelt. Auch manch Tröpfchen seines Blutes Läßt der Gott aus Nadelwunden In das weiche Linnen fallen. Hütet euch vor solcher Waare! Denn die rothen Tropfen brennen, Unaufhaltsam, unerlöschlich, Sich durch Adern, Fleisch und Nerven Bis in's tiefste Herzensgrübchen. Amor, ein Bettler Verbannet aus dem Himmel Um seine losen Streiche, Muß Amor hier auf Erden Verstohlen betteln gehen. Er klopft an alle Herzen, Und bettelt um ein Stübchen, Er schaut in jedes Auge, Und bettelt um ein Flämmchen, Er geht an alle Lippen, Und bettelt um ein Küßchen. Ach, wenn von allen Mädchen Ihm Eine, die ich meine, Die milden Gaben gäbe, So würd' er seinen Himmel Auf Erden wiederfinden. Amor, ein Sprachlehrer Amor ist ein Sprachverderber, Wortverdreher, Lautverwirrer, Der beim großen Thurm zu Babel Schon die Händ' im Spiele hatte. Wenn ich weine, raunt er leise Mir in's Ohr etwas von Wonne; Wenn ich schmachte, läßt er dennoch Reden mich von Seligkeiten. In dem lauten Schwarm der Feste Muß ich, diesem Lehrer folgend, Sagen, daß ich einsam stehe, Und im einsam stillen Haine Darf ich mich allein nicht nennen. Bittersüß und lieblichherbe, Grausam mild und labend schmerzlich, Solche Reden hat er viele Stehn in seinem Wörterbuche, Das die größten Sprachgelehrten Mir nicht auszudeuten wagen, Und mit dem ich alle Tage Mehr mein bißchen Deutsch verlerne. Die Schlummernde Mein Mädchen war entschlummert In einer Rosenlaube; Da sandt' ihr gleich Kupido Ein Heer von Liebesgöttern. Der schlug die goldnen Flügel, Die Wangen ihr zu kühlen, Der band sich Myrtensträuße, Die Mücken wegzujagen, Und Andre winkten drohend Den Vögeln in den Lüften, Die sie erwecken wollten Mit fröhlichen Gesängen. O nektarsüßer Schlummer, Wie hingest du voll Liebe, So wohlgefällig lächelnd, An ihren Augenwimpern! Und Amoretten blickten Mit großen Flammenaugen Aus ihren blonden Locken, Und ließen Pfeil' auf Pfeile Wie spielend um sich fliegen. Und doch, ihr kleinen Schützen, Auch spielend mit dem Bogen, Habt ihr mein Herz getroffen!