Mit roten Kressen Glut Mit roten Kressen hatt' ich mich geschmückt – du hast sie jäh an deiner Brust zerdrückt. Mit bleichen Wangen bot ich dir den Gruß – in Flammenwogen tauchte sie dein Kuß. Mit ruhigem Herzschlag trat ich zu dir her, – und nun, und nun: ich kenne mich nicht mehr.... Nun lachst du mich verstohlen an mit dunklem Auge, du fremder Mann; mit brennender Lippe streifst du mich – heiß pocht mein Herz: ich kenne dich! Aus schwüler Träume Zauberspuk, aus Wüstenschemen voll Lug und Trug, aus Frühlingsnächten voll Windeswehn hab ich dein Bild mir winken sehn! Aus düster flammendem Morgenrot, das Hagelschauer den Saaten droht, aus lohendem Blitz, wenn ein Wetter braut, hat schon dein Auge mich angeschaut . . . Nun trittst du selbst in meinen Pfad: ich weiß, daß mein Verhängnis naht; mit brennender Lippe streifst du mich – wild rast mein Blut – ich grüße dich! Und als ich aus dem liebebangen, dem Kindertraum emporgeschreckt, hieltest du meine Hand umfangen und hast mit Küssen sie bedeckt. Ich hab im Blick dir lodern sehen der Sehnsucht zwingende Gewalt – – ich sah die Fieberschauer gehen durch deine trotzige Gestalt. Umsonst! umsonst nun Kampf und Beben: du hast gewußt, was dir gefrommt . . . . ein Blütenopfer war dein Leben, neige dein Haupt – der Herbststurm kommt! Auf meinen Lippen brennt dein Kuß, er brennt wie Feuer und Sünde, er brennt wie himmlischer Hochgenuß und macht mich zum schwachen Kinde. Viel wilde Rosen erblühn und glühn und glühn und verwelken am Hage – und der Wald ist duftig, der Wald ist grün am leuchtenden Julitage . . . . . Vom Meer herauf die Sonne grüßt, Tautropfen am Riedgras beben: – – wir haben uns kaum Willkommen geküßt und sollen uns Abschied geben! Und gehen sollst du, geliebter Mann, mit all' dem zitternden Bangen, mit der ungelöschten Glut hindann – und durften uns kaum umfangen. Wie lange währt es, so schwillt der Wein, im Felde die Sicheln klingen; all', was da blühte im Sonnenschein, wird reifen und Früchte bringen. Die Luft wird kühl, und das Laub verdorrt, Schnee liegt auf Hängen und Hagen ... wir aber werden von Ort zu Ort die zehrenden Gluten tragen. Ich lag in deinen Armen in willenloser Haft, durch deine Seele brauste der Sturm der Leidenschaft. Du zogst an deine Lippen aufjauchzend meine Hand – auf deiner stolzen Stirne ein Wort geschrieben stand. In schweren dunklen Zügen ein rätselwirres Wort, – ich seh' vor meinen Augen es leuchten immerfort. Es glüht in meinem Herzen und brennt sich in mein Hirn, es lockt mich in die Hölle das Wort auf deiner Stirn . . . . Und weil du meinem besseren Wesen mich entfremdet hast in jener schwülen Stunde, weil ich dich liebe, darum hass' ich dich, ja, hass' ich dich aus meines Herzens Grunde! Ich rüttle wild das eiserne Geflecht, das ich mir selber habe schmieden müssen; in deinen Armen hass' ich dich erst recht – und töten möcht' ich dich mit meinen Küssen! Laut pocht mein Herz – und dürstend blickt dein Aug': den Becher hebst du, – wohl, so laß uns trinken! Verglühen sollst du noch in meinem Hauch und sterbend mit mir in die Flammen sinken! Und siehst du nicht auf meiner Stirn das blutige Mal, den roten Streif? – Er drückte weh und wund mein Hirn, und ich zerbrach den Kettenreif. Des frommen Spieles ward ich müd, aus meinem Herzen bricht ein Schrei: es wogt die Nacht – die Lippe glüht – und aller Bande bin ich frei! Zieh mich noch einmal an deine Brust, erstick mich in lodernden Küssen: wir haben vom ersten Blick ja gewußt, wie bald wir scheiden müssen. Wir haben geschwelgt in heißem Genuß, als gält' es ein ewiges Meiden, und doppelt geküßt jeden feurigen Kuß, als wär' es der letzte vorm Scheiden! Bei dem die Minne am längsten wohnt, nicht der mag am besten fahren – – wir haben genossen in einem Mond die Seligkeit von Jahren! Ich habe aus dem übervollen Pokal der Liebe rasch gezecht, ich nahm im Sturm, im heißen, tollen lenzseligen Rausch mein Jugendrecht. Dann hat der Trotz zu roten Flammen empört in mir das wilde Blut – und all mein Leben brach zusammen in schrankenloser Liebesglut. Was mir das Reinste schien und Beste, begraben liegt's im Flammenschoß. Am glühend heißen Aschenreste harre ich schauernd atemlos des lichten Wunders, das sich zeigen: des Phönix, der da lebensvoll aus toten Erdengluten steigen und mich gen Himmel tragen soll. Margarete Dornige Wege bin ich gewandelt, blutende Wunden trag ich im Herzen, lichtlose Tiefen hab ich durchmessen . . . . In Wogen des Schmerzes, im Abgrund der Qual fand ich eine Perle: Dich, Margarete! Wir schreiten über den Dünenweg, als gält' es das Glück zu packen – die Zweige schlagen uns ins Gesicht, der Sturm sitzt uns im Nacken. Vorüber geht es am grünen Grund, am riedbewachsenen Hange, vorüber am Siebenbirkenplatz . . . . Die Wellen murmeln so bange. Zur Linken ein steinernes Festungstor; aus moosiger Mauern Kranze blickt das Gesicht der alten Zeit – das ist die Heydenschanze. Zur Rechten das weite, blauende Meer, darüber die Möwen kreisen, drauf spielt der trotzige Harfner Sturm uralte Freiheitsweisen. Und nun ein blühender Schlehdornhag – der Fink schlägt in den Wipfeln, dann geht es aus schattigem Grund empor zu leuchtenden Bergesgipfeln. Und fragen wir schier erstaunt, wohin der Weg uns endlich führe: – da sind wir schon am Ziel, da stehn wir an der Friedhofstüre. Rotblühende Tannen nicken scheu uns zu mit dumpfem Geflüster – und drüben grüßt vom Leichenhaus das Kreuz uns ernst und düster. Ich lasse dich nicht, mein letztes Glück, ich halte dich fest mit kräftiger Hand: schaumsprühende Woge kehrst du zurück an meines Lebens verlassenen Strand. Du nie versiegendes tiefes Meer, du Abgrund der Liebe, ich lasse dich nicht, – meine Stirn so heiß und mein Auge schwer, du gibst mir Kühlung, du gibst mir Licht! Ob, was ich baute, in Trümmer bricht, wonach ich faßte, wie Schaum zerstiebt: der sich mein Wesen zu eigen gibt, du meine Seele, ich lasse dich nicht! Im fernen Westen ein blasses Rot, auf schimmernden Wassern ein Fischerboot. Von den Gräbern über die Dünen her weht Blumenduft, so schwül und schwer. Ein Vogel mit müdem Flügelschlag irrt durch den blühenden Brombeerhag – Und es fällt der Tau, und der Tag schläft ein . . . wir beide hier oben ganz allein. Wir beide hier oben Hand in Hand schaun stille hinab ins verdämmernde Land: In blassen Nebeln die Welt versinkt, die letzten Laute die Stille trinkt. Nun gleitet über das dunkle Meer mit Sternensegeln die Nacht daher, Und wo sie landet, wird Fried und Ruh, – und einsam hier oben ich und du . . . . . . . So fass' ich deine beiden Hände und blick ins Auge dir ohne Laut: du bist mein eigen bis ans Ende, mir Schwesterseele, tiefvertraut. Kein Trauern kenn ich, kein Begehren, nickst du mir lieb und lächelnd zu: – es ist, als ob wir fern auf blauen Inseln wären, als überflösse nun ein abendlich Verklären die sturmesmüde Welt – ein Traum von Sonnenruh. Weib Befreiung Eine Kraft ist in mir frei geworden, die mit eisernen Ketten seit Jahrtausenden gebunden lag. Gebunden in mir. Eine Kraft, die ich mit flammender Seele erstrebt und mit brennenden Tränen erbeten habe . . . eine Kraft, nach der meine Sehnsucht durch schwarze Höhlen suchen gegangen und auf bereifte Gipfel gestiegen ist . . . eine Kraft, die mich in des Mannes Arme getrieben und auf meine verdürstenden Lippen den Schrei gelegt hat: » Herr – gib!« Aber die schwarzen Höhlen waren bewohnt von Schlangen und Ungetier, und auf den Bergen waren alle Kräfte tot. Und der Mann gab mir wohl auf meinen zitternden Ruf; gleichzeitig aber nahm er auch von mir. Und da ich genauer zusah, erkannte ich, daß dem viel mehr war, das er mir genommen, denn das er mir gegeben hatte. Da stieg ich hinab in die Hütte des Elends. Und als ich am Schmerzenslager des Weibes stand, das keine Milch in den Brüsten hatte und nicht wußte, womit es sein Kindlein nähren sollte, und das dennoch auf das Neugeborene mit einem leuchtenden Blicke herniedersah, in dem eine Welt von Kraft lag: – da fühlte ich ein Verwandtes erwachen und etwas frei werden in mir und los von einem ungeheuren Bann. Und alle Sehnsucht war von mir genommen wie der Morgentau von der Mittagswiese. Da erkannte ich, daß es die Kraft war, die ihre Schwingen in mir regte. Die Kraft, nach der ich irrend, blutend und blind die vielen Jahrtausende lang gesucht. Und die Kraft in meinem Herzen hob ihr Haupt empor und riß meine Seele mit sich hinaus in eine reine, blaue, klingende Welt . . . Ich nahm die Laute in meine Hände und sang . Sang von den Blicken des Weibes, die meine Ketten zerbrochen hatten und mich das Schaffen gelehrt. Das Weib Ich sah das Weib, wie tiefer Sehnsucht voll es auf den dürren dornenbewehrten Aeckern nach Paradiesen suchte, – sah das Weib, von dunklem Fluch gehetzt, mit blutenden Füßen durch die Wüsten irren . . . Ich sah das Weib, von Gotteskraft gesegnet, die allen Fluch in lauter Licht verwandelt: sah, wie es Mutter ward, Gebärerin der kommenden Geschlechter, und in den Augen der Gemarterten, die opferfroh mit tausend Toden rang und tausend Leben gab, – in ihren Augen las ich diese Lieder : Aus Felsenöde von zerklüftetem Berggrat in den lichtlos fahlen Morgenhimmel ragt ein Kreuz. Ueber dem Kreuz schwebt auf schweren, schwarzen Schwingen – wie ein nachtgeborner sehnsuchtgetragener Schmerzgedanke – ein Königsadler einsam und lautlos in der dämmernden Frühe dahin . . . Am Kreuz aber hängt, in Ketten geschlagen, sich windend in blutiger Qual, ein Menschenleib – der nackte Körper einer Frau. Jeden Muskel gestrafft an den weißen, zuckenden Armen, das Haupt geneigt und die starrenden Blicke hilfesuchend nach Ost gerichtet – auf den heißen, vertrockneten Lippen die stöhnende Frage, den Schrei nach Erlösung: »Wie lange noch, Herr – oh, Herr, wie lange noch? –« Nur ein Wolkenschatten geht über die Gefilde. und aus der Wolke – von einem Heiligenschein aufflammender Strahlen umgeben – blickt ein Dulderantlitz, neigt ein dornengekröntes Heilandshaupt schmerzvoll lächelnd sich dir entgegen. Seine Augen suchen die deinen – und die gequälten, dürstenden Lippen zucken und stammeln, als wollten sie reden, helfen und trösten und Antwort dir geben auf deine stöhnende Frage – und wissen keinen Trost und finden keine Antwort . . . Nur ein Wolkenschatten geht über die Gefilde. Vom Meere braust der Wind, die sieben Birken schwanken – durch mein gequältes Haupt hinflattern irre Gedanken . . . Die Sonne sank zu Grab, ihr Glühn hat all gelogen, ein windverwehtes Blatt treibt über die dunklen Wogen. Das war im Traum: – Ein schattendunkles Tal, ein bleiern Wasser, tief im Schilf versteckt, erlenumsäumt, von Lailich zugedeckt – darüber lag das Mondlicht kalt und fahl wie tote Liebe . . . Ein scheuer Wind schlich durch das feuchte Gras und schluchzte leis – und sprang dann jäh empor und hob des Lailichs grünen Schleierflor – und aus der Tiefe starrte blicklos, blaß mein eigen Antlitz . . . Vom Schlafe bin ich jäh erwacht: es heult mein Hund in dunkler Nacht. Er heult im Traum – wie dumpf und bang! Aus weiter Ferne ein Weheklang . . . Ums Fenster nächtiges Grausen spinnt: leis raunend singt Novemberwind Ein Sterbelied der kranken Welt – – – und morgen fegt der Sturm das Feld, Und morgen deckt den Hag der Schnee . . . mir ist so weh, zum Sterben weh! Mir ist, als sollte ich nimmer schauen die Rosen blühen, die Wogen blauen, – Mir ist, als hörte ich nimmermehr in Frühlingslüften der Vögel Heer, – Als grüben sie bald im Totenschrein mich in die kalte Erde ein, Und schlafen müßt ich da Jahr und Tag, und niemand hielte mir Totenklag . . . Und niemand segnet mein Grab, – vielleicht, daß noch mein Hund auf den Friedhof schleicht Und einsam hält da die Leichenwacht und bange heult durch die Winternacht – – – Fahldunkel des Dezembermorgens brütet über der Welt. Nur am Südosthimmel hin dehnt sich ein schmaler herzblutroter Streif. Rastlos schlägt das Meer ans Ufer; dumpfgrollend raunt die Tiefe ein nächtliches Geheimnis der zagenden Frühe zu . . . Und durch den Nebel auf der Heide schwimmen ferne, weiche, verlorene Töne – Kinderstimmen gleich: die Weihnachtsglocken. Ich bin allein in der schweigenden Feiertagsfrühe. Und wende mein Haupt gen Osten, wo die Sonne sich erheben soll, und wende meinen Blick gen Himmel, von wo die Liebe herabgestiegen ist in dieser Nacht. Ein warmer Schein kommt von Südosten hergeflossen, so daß der Schnee am Dünenhange leicht errötet. Und da . . . im unberührten Weiß vor mir erblick' ich eine Fußspur . . . Die Spur eines nackten Menschenfußes. Schmal und zierlich nur: ein Frauenfuß. Ein Schaudern fliegt mir durch den warmen Leib – mich friert bis in das Mark. »Wo kommst du her? – Wohin bist du gegangen?« Lauter klingen die Feiertagsglocken herüber . . . »Wohin bist du gegangen?« – Ein Schatten huscht an mir vorüber, ein körperloses Schemen nur . . . Ich seh' ihn nicht: ich fühle seinen eisigen Hauch und das Wehen gelösten Haares um meine Stirn . . . Notdürftig bekleidet – mit nackten Füßen in dem kalten Schnee . . . und jetzt – jetzt sehe ich sie auch – sie, die in der schwülen Sommernacht ihr Alles einst der Liebe geopfert hat, – sie, die nun, verlassen und von Haß und Hohn verfolgt, von wehem Hoffen und tödlicher Sehnsucht emporgetrieben, vom zerwühlten Lager in die Winternacht hinausgeflüchtet ist, um Frieden zu suchen an dem Fest der Liebe – ach, nur Frieden! – Mit schneebleichen Lippen und todesstarrem Gesicht, mit weitoffenem, erloschenen Augenpaar seh' ich sie vorüberhuschen, die Düne hinab, über den schimmernden Schnee hinweg, und tiefer hinab, tiefer, immer tiefer . . . Ein Angstschrei erstickt in meiner Kehle: mit beiden Armen greife ich in die Luft und fasse nichts – mit irren Blicken suche ich umher und sehe nichts – nichts mehr als die entsetzliche Fußspur vor mir, die hinabführt bis an das gurgelnde Wasser . . . Mein liebes Kind, in Schmerzen – mein armes Kind, in Schmach bis zum Befreiungstag trag ich dich unterm Herzen. Getränkt mit meinen Tränen, genährt mit meinem Blut, – mein höchstes Erdengut – ich darf dich nicht ersehnen! Darf fühlen nur mit Beben, geheimer Lust und Pein – noch eins mit meinem Sein – dein jungerwachend Leben. In grüner Wälder Stille geh ich zur tiefen Nacht, – aus reifer Ernten Pracht keimt mir der Lebenswille. Fern von der Menschen Blicken, von der Gerechten Zorn, trink ich aus ewigem Born ein schmerzliches Entzücken . . . Bis an den Tag der Schmerzen, den Tag, der dich mir nimmt, schlaf ruhig, du mein Kind, schlaf unter meinem Herzen. Mutter der Barmherzigkeit, Retterin aus Todesnöten, halte deinen Fuß bereit, schützend vor mich hinzutreten, die gebenedeite Hand, die den Herrn der Welt durft' pflegen, auch auf meines Kindes Haupt, aller Gnaden voll, zu legen . . . In dunkler Straße das niedre Haus – vorüberflutet der Welt Gebraus. Voll Stroh die Lade, nicht Bett noch Schrein, und drüber des leuchtenden Sternes Schein! Und drinnen das reichste Glück der Welt: die Mutter, welche ihr Kindlein hält. Und aus den Augen des Kindes fällt ein Heilandsblick in die dunkle Welt . . . Ich glaube: wer dem Tod geweiht ins schmerzenreiche Dasein tritt, der bringt für seine Spanne Zeit die Fülle der Erkenntnis mit . . . Den letzten Blick in das bleiche Gesicht, du einsame Mutter, weine nicht! So trüb' die Sorge dein Haupt umspinnt, so friedlich und sorglos schläft dein Kind! Sie nahmen es bald von deiner Seit'; sein kurzes Leben war Qual und Leid, Sein frühes Sterben ist Trost und Ruh', – lächle noch einmal dem Liebling zu! Den letzten Blick in das süße Gesicht . . . Freue dich, Mutter, – weine nicht! Was kommst du zu mir alle Nacht und pochst an meine Fensterscheiben? Ich darf nicht auftun, armes Kind – du mußt im kalten Grabe bleiben. Ich darf nicht auftun, süßes Kind, darf dich nicht hegen, dich nicht tränken . . . Ich darf an dich nur alle Nacht, nur alle Nacht in Tränen denken. Die Erde deckt dich zu, ich weiß nicht wo . . . Auf deinem Grabe blühen keine Blumen, kein Vogel singt ein Wiegenlied für dich; und dennoch schlummerst du so tief und süß, so tief und süß, wie selbst in Mutterhut kein Kindesauge sich zum nächtigen Frieden schließt. Ein kurzer Frühling war's, ein Lenz von Tagen, den du gelebt. – Doch war's ein goldener Lenz, und blauer Himmel lachte über dir, und lichter Sonnenschein umspann dein Lager. In deiner Augen sammetbraunen Kelch fiel keiner Wolke Schatten, süße Knospe – in deiner Wurzel aber saß der Wurm; und als der Sturmwind kam, verwehtest du, mein Sonnentraum . . . Seit jenen schmerzenreichen Frühlingstagen lieb' ich den Lenz, wie ich ihn nie geliebt, und seine Knospen lieb' ich schmerzlich heiß und pflückt sie gerne, eh' der Sturm sie bricht, und sonnenklare Kinderaugen lieb' ich und küsse gern aus ihrem Sammetkelch die Tränen fort . . . und leg' die Blütenpracht des Frühlings gern in weiche Kinderhände . . . Die Erde deckt dich zu, ich weiß nicht wo, zu deinem Grab ist mir die Spur verloren. Doch aus der Veilchen frühem Duft umhaucht dein Wesen mich, – aus jedem Kindesauge blickst du mich an – und lächelst dein Sonnenlächeln mir ins wunde Herz . . . Und wo ich geh' im Dämmerschein, im öden Park – ich geh' zu Zwei'n: im Märzschneetreiben um mich wallt ein Lenzhauch, eine Duftgestalt mit flehenden Kinderaugen . . . Ein wehes Weinen irrt im Wind; empor aus feuchter Tiefe spinnt ein Brodem, der mich kühl umfängt, der weich an meine Brust sich drängt mit dürstenden Kinderlippen . . . Kein Kreuzlein, das ich dir gesetzt, – und kein Veilchen, das ich auf dein Grab gepflanzt . . . Deine Flamme flackerte auf, sehnsüchtig und blaß, ein Weilchen nur, – und dann kam der Märzwind heran und blies die zarte kleine Flamme aus. Keine Spur ist von der Flamme mehr zu sehen – und auf deinem Grabe haben sie keinen Hügel aufgeschüttet. Die Erde ist so eben, und die Luft so klar – In meinem Herzen aber fühle ich die Spur der Flamme, die darin gebrannt. – Und in meinem Leben gähnt eine tiefe Gruft, in die alles versinkt, was mich erfreut und durchglüht, alles, was auf meinem Pfade schreitet und aus meinem Becher trinkt – Und alle Rosen, die mir blühen, – und alle Sterne, die mir glänzen . . . Und wie dein Grab keinen Hügel hat, so hat diese Gruft keinen Grund. Fände ich nur dein Grab und dürfte den Staub auf deinem Sarge küssen, so schlösse sich wohl die Gruft, und mein Herz würde wieder gesund . . . Oh, daß ich kein Kreuzlein dir gesetzt und keine Blume dir gepflanzt! – O du heiliges blasses Glück, du mit dem leuchtenden Kinderblick . . . Durch die Felder bin ich dich suchen gegangen, Tropfen hingen an meinen Wangen, auf den feuchten Wiesen der Nebel lag, – es war am Allerseelentag. Vor dem Stadttor am geweihten Ort viel irre Lichtlein brannten dort und nickten mir zu mit leisem Blinken und war ein Huschen und Händewinken . . . Ich aber bin mit nassen Wangen und scheuem Schritt vorbeigegangen. – Freiheit Dem Kampf entgegen So schlaf in Frieden, armes Lamm . . . Laß einsam mich auf steinigen Wegen im Straßenstaube fürbaß ziehn des Tages großem Kampf entgegen. Es geht ein Brausen durch die Luft wie eines starken Sturmes Wehen: Aus Trümmern tausendjährigen Wahns will eine neue Welt erstehen. Des Wertes Wage schwankt nicht mehr, schon neigt sich tief die goldene Schale – des neuen Glaubens Märtyrer empfingen ihre Wundenmale. In deinem Tempel knieen sie, von Schmerz durchloht und edlem Grimme, du dreimal heilige Natur, und hören der Verheißung Stimme: »Raum hat die Erde allerwärts, der Himmel Luft für Millionen – der Aermste soll auf eigenem Grund im Schatten seines Daches wohnen! Und trinken soll mit vollem Zug, wer nach dem Born der Wahrheit dürstet, – und wem der Geist die Krone reicht, die göttliche, der sei gefürstet! Fortan soll keine Mutter mehr ihr Kind in tausendfachen Schmerzen verleugnen müssen, das sie trägt in heiligster Liebe unterm Herzen. Das reine Antlitz der Natur, wer wagt, mit Schmach es zu bewerfen? – Das Schwert der siegenden Vernunft, zum letzten Kampfe sollt ihr's schärfen! –« Und glühend stürmen sie zum Streit, laut gellend schreit die Schlachttrompete, – hoch über ihren Häuptern flammt des neuen Tages Morgenröte. Aus Ketten schmieden sie den Stahl, von Herzblut rot die Banner wehen . . . Mich aber laßt mit nackter Brust in ihren ersten Reihen stehen! Genug der Qualen! Ich ging mit dir durch alles Elends Tiefen, geknechtet Volk, durch einen Pfuhl der Schmach; die Stimmen hört' ich, die nach Freiheit riefen, und meine Seele hallte zitternd nach. Ich schlief mit dir in deiner Armut Hütten, in die kein Mondlicht mild verklärend scheint, all deinen Jammer hab' ich durchgelitten, all deine Tränen hab' ich mitgeweint! Ich frohnt' wie du dem Sausen der Maschine im grauen Tagewerk voll Staub und Dunst; mit deinen Töchtern ging ich, daß ich diene, – um trocken Brot verkauft' ich Geist und Gunst! Ich ballt' die Faust – und doch: das Joch zu tragen, beugt' ich die Stirn vor des Gesetzes Fluch – und deine Zähne hört' ich knirschend schlagen und knirscht mit dir ein trotziges: »Genug!« Genug des Knechttums und genug der Qualen! Der Gott des Zorns, den deine Sehnsucht träumt, geht durch die Welt. – Und wenn aus seinen Schalen der erste Tropfen brausend überschäumt, dann weh dem Götzen, der auf ehrnen Achsen das Feld zerstampft, von deinem Schweiß beträuft: aus deinen Tränen wird die Sturmflut wachsen, die seine goldne Herrlichkeit ersäuft! Dann aus den Himmeln fällt der Wahrheit Feuer in deine Nacht, das einst Prometheus stahl – an ihrem Brand entzündet sich ein neuer: der Welterlösung leuchtend Flammenmal! Lichttrunken will ich dann die Arme heben und jauchzen in den glühen Glanz hinein – und wenn des Liedes Gabe mir gegeben, laß mich die Stimme deiner Freiheit sein! Die Zeit ist nah Ein Gloria singend geht die Winternacht durch Schneegefilde; keines Sternbilds Pracht schaut aus den schwarzverhüllten Himmeln nieder, – durch eisbereifte Fenster aber bricht ins Straßendunkel eine Flut von Licht und eine Woge kindhaft süßer Lieder. In Bethlems Tälern nicht, – nicht weltenfern und himmelhoch glänzt heut der Weihnacht Stern, nach dessen Strahl die Brust sich sehnend weitet: die Zeit ist nah, wo licht und hüllenlos, wo neugeboren aus der Menschheit Schoß die Liebe durch des Elends Nächte schreitet. Die Zeit ist nah, wo jede Klage schweigt, wo jedem Flehn ein menschlich Herz sich neigt, Das Bruder heißt den Irrenden und Armen, – wo sich der Keim aus brauner Scholle drängt und Licht und Wärme als sein Recht empfängt und nicht als Bettelgabe – aus Erbarmen! Die Zeit ist nah: schon blüht ein bleiches Rot im Osten auf, – schon zuckt in heißer Not ein letztes Wehe durch der Menschheit Glieder; sie ruft und ringt – der Dämmerung Schleier fällt: erlösungsfreudig steigt zur dunklen Welt das Himmelskind, die goldne Liebe, nieder. Jahrwende Am altersgrauen Baum der Zeit ist eine Blume abgeblüht, und eine Knospe tut sich auf. Die Menschheit seufzt in gleicher Fron; von ihrer müden Stirne fällt der Schweiß in Tropfen erdenwärts. Ihr Glaube aber träumt im Licht: vor ihren Sehnsuchtsblicken schwimmt das Morgenrot des neuen Tags. Wie auch die Kette klirrt und drückt, der Zukunft Sturm zerbricht sie doch, – und jedes Jahr löst einen Ring. Und jede Knospe, die erblüht am altersgrauen Baum der Zeit, birgt einen Keim der künftigen Frucht. So grüß ich dich, du neues Jahr; du junge Knospe tu dich auf, und blüh' in lichtem Rosenrot! Des Friedens milder Maienwind umspiele deinen vollen Schoß, der Liebe Geist befruchte dich! Und deine Düfte gieße aus, – mit Blütenblättern kränze du der Menschheit tiefgefurchte Stirn. In des Jahrhunderts Niedergang sei du ein lichter Zukunftstraum, sei du ein Gruß der neuen Zeit! Der Heiland Im Prunkschloß nicht, in goldner Königshalle: in enger Krippe und im niedern Stalle ist einst der Strom des ewigen Lichts entsprungen, der Lebenschöre Vollakkord erklungen. Nicht im Gewand von Goldstoff oder Seide: mit nackten Füßen und im härenen Kleide ging einst der Christ in seiner Freunde Schar hinauf zum Haus, das seines Vaters war. – Und als am Kreuz, verblutend, wegbestaubt er sterbend neigt' das schmerzgekrönte Haupt, da weinten um des künftigen Heils Verkünder die Armen nur, die Zöllner und die Sünder . . . Doch nicht am Kreuze kann der Geist verbluten, und was aus Gott entsprang, muß rastlos fluten. Und heut, nachdem Jahrtausende verflossen, durchbebt die Welt ein heimlich Glühn und Sprossen: im Volke wandelt, segnend, unerkannt der Heiland schon im dürftigen Gewand. Und wieder schaun des nahen Heils Verkünder Enterbte nur, die Siechen und die Sünder, indes der Fromme hohnvoll fragend geht, »was Gutes kommen kann aus Nazareth –?« Das Kind, dem einst der Engel Loblied scholl, der Friedenskönig, der da kommen soll, aus dessen Mund ertönt das zweite »Werde«, ihr ahnt ihn nicht, ihr Mächtigen dieser Erde. In seinem hagern Antlitz lest ihr nur die tiefe Sehnsucht aller Kreatur: den Trieb nach Glück, den heißen Durst nach Licht – die Gottesglorie aber seht ihr nicht. Der Armen fürchtet ihr, der Sklaven Heer, das ihn umdrängt mit zitterndem Begehr, und vor dem Schrei, der aus der Tiefe hallt, verschließt ihr eure Ohren mit Gewalt, und flüchtet euch in eurer Schlösser Schutz und ruft die Söldner auf zu Wehr und Trutz und schickt vom Schloßhof schon mit Spieß und Stangen die Häscher aus, den Fremdling einzufangen – Und laßt beim ersten blassen Morgenschimmern durch eure Knechte schon den Kreuzstamm zimmern. Ich aber sag euch, daß, noch eh die Hallen im Frührot glühn, in Staub die Balken fallen, und daß die Nägel rosten, eh zur Qual des Menschensohns erhöht der Marterpfahl, – ich aber sag euch, was die Bibel lehrt: wenn der von Gott Gesandte wiederkehrt, dann wird erlöst, was unfrei, krank und dumpf, dann wird die Schärfe eurer Waffen stumpf. Die Kette klirrt, das letzte Kreuz zerbricht, in alle Kerker strömt das Sonnenlicht – ein Liebeslächeln, ach, ein Freiheitsstrahl fällt in den staubigsten Maschinensaal . . . Und kommt ein Frühling, dessen Blütenpracht dem ärmsten Kind mit tausend Wonnen lacht, – und eine Flamme, die, was Spreu, verzehrt, wenn Christ der Herr als König wiederkehrt . . . Dann wird das Kleid, das seinen Leib umschließt zu lauter Licht, darin die Welt zerfließt – und aus des Dornenkranzes bitterem Hohne erblüht der Liebe rote Rosenkrone. Fabrikausgang Bleigraue Schatten zittern durch die Luft, aus hohen Essen quillt ein blauer Duft. Durch Steingefüge dröhnt der Hämmer Ton, um Erzgeäst schwirrt dumpf die Transmission, schwirrt stumpf und dumpf, noch eh' die Sonne kam bis daß der Tag verglüht in Zorn und Scham, bis daß die Nacht barmherzig deckt die Qual – Ein Glockenzeichen gellt im Arbeitssaal. Da stockt der Lärm – und kreischend geht das Tor: Ein Jüngling stürmt, ein Knabe fast, hervor; im staubigen Rock, die Mütze im Genick, ein frohes Leuchten noch im Kinderblick, staunt er die Welt wie neugeboren an – da schiebt ihn seitwärts schon sein Nebenmann. Da drängt's hervor wie flügellahme Brut, da wächst und wogt des Elends graue Flut: Mit bangem Blick die blasse Mutter hier, – zu Hause weint der Säugling schon nach ihr. Das Mädel dort, Chrysanthemum am Hut, – in flacher Brust erlogne Liebesglut, – das frech vertraut dem nächsten Burschen nickt, – der Mann, der stieren Auges vor sich blickt, – und nun der Greis, der matt nach Hause wankt und für den Hungerlohn dem Schöpfer dankt . . . Des Landes Mark, der Großstadt Kraft und Glut verschlingt des Elends uferlose Flut. Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer, zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavenheer, zu kurzer Rast, daß schlafgestärkt die Kraft beim nächsten Morgengraun aufs neue schafft. Mit frischer Gier, mit niegestillter Wut trinkt die Maschine ihres Herzens Blut. Vorüberziehn, in seltsam scheuer Hast, sie an der Arbeitsherren Prunkpalast: den Tisch, der dort vor Ueberfülle bricht, sie deckten ihn; doch ihnen blüht er nicht . . . . Zwei Männer nur, den Hammer in der Hand, hemmen den Blick und starren unverwandt in all den Glast, der Freude goldenen Sitz; aus ihren Augen zuckt des Hasses Blitz. – So blickt der Leu, wenn sich die Schlange regt. – sie wissen wohl , wohin ihr Fuß sie trägt, sie schaun ihr Ziel, so sternenlicht und weit . . . Und um sie braut die große Einsamkeit, die schwere Ruh. – Vom Himmel dichtgedrängt die schwarze Wolkenmasse niederhängt, indes am freien Horizont verloht sturmdunklen Blicks ein blutig Abendrot. Der Zukunft Krone Dem Mann der Arbeit – und ob er schwingt die Axt in der nervigen Rechten, und ob er das Gold aus der Erde ringt aus des Bergwerks dämmernden Schächten, ob er lehrt und schafft und die Feder hält und den Meißel führt, – ihm gehört die Welt, ihm gehört der Zukunft Krone! Wir haben gebeugt in Fron und Joch den trutzigen Nacken lange, – und heimlich glühte das Herz uns doch bei des Hammers ehernem Klange. Der Schweiß, der nieder die Stirn uns rann, er adelt uns alle, Weib und Mann, und gibt uns der Zukunft Krone. Wir wollen kein feiges, kein halbes Geschlecht, kein tröstendes Wort, uns zum Hohne: wir wollen für jeden sein heiliges Recht, für jeglichen Arbeit, die lohne, – und Freude, wo brennend die Träne jetzt fällt, und Frieden der ganzen, der seufzenden Welt – und dem Volke der Zukunft die Krone! Silvesterklänge Eisnebel drängen vom grauen Meer gespenstisch über die Dünen her und hüllen in frühen Dämmerschein die schneelichtleuchtenden Weiten ein und ziehen die schimmernden Spinneweben über des Waldes erstarrtes Leben. – Einsam schreit ich im tiefen Hag – ein Rabe mit lautlosem Flügelschlag streift vom aufschnellenden Tannenast die weiße, stäubende Winterlast; und durch die Lüfte, verdämmernd weit, schwimmen die Stimmen der Einsamkeit . . . . . Sie flüstern heimlich wie Frühlingswind, wenn rings der Saft in den Zweigen rinnt, sie raunen zärtlich wie Liebesgruß, wie ein wonneschauernder Brautnachtkuß, sie weinen schmerzlich wie Klagesang und sie schwellen zum hellen Glockenklang – – von allen Türmen grüßen, locken – läuten und stürmen Silvesterglocken! Ein blutiges Rot im Westen blüht, ein brausender Windstoß kommt aus Süd, und der Schnee stäubt auf – und es will auf Erden ein neues Jahr geboren werden. Ein neues Jahr, eine neue Zeit . . . . . . Aus der schweigenden Schneeeinsamkeit kehre ich heim; da gleißt und bricht aus breiten Fenstern ein Strom von Licht und tönt ein Lachen und Gläserklingen: sie feiern Silvester mit Scherz und Singen. Vorüber an prunkender Villen Geheg durch schmutzige Gassen führt mein Weg. Hier tönt nur Fluchen; ein trübes Licht träg durch befrorene Scheiben bricht. Das Elend hütet des Hauses Schwelle, – an der erkalteten Feuerstelle hockt die Verzweiflung und stiert und lacht gell auf in der eisigen Winternacht . . . . . Da, horch: aus den Lüften ein Glockenchor! Da, schau: aus des Gäßchens niedrigem Tor tritt weißgewandet ein leuchtend Kind, so zart und hold, wie die Engel sind. Mit bloßen Füßchen im kalten Schnee es lächelt sonnig: ihm tut's nicht weh – kommt es die Straße heraufgeschritten und steht vor dem Haus in des Gäßchens Mitten und pocht so leise wie Nachtgespenster mit der leuchtenden Hand ans Kammerfenster. Und wie der Klang durch die Stube hallt, erhebt sich am Herde die dunkle Gestalt, und von der Schwelle der Hüter weicht: auf nackten, rosigen Füßchen schleicht ein scheues Hoffen, ein Neujahrstraum sich in den unwirtbaren Raum und küßt der Darbenden blasse Lippen und läßt sie aus Schalen voll Manna nippen . . . und träufelt Trost in der Schlafenden Ohren: »Es wird eine neue Zeit geboren!« Flug Flug Ich gürte dich, mein Flügelroß: wir fliegen weit ins Land hinein nach einem fernen Märchenschloß, das dämmert weiß im Mondenschein. Um seine Zinnen windet sich die scharlachrote Blütenpracht, durch seine Säulengänge weht der lilienschwüle Hauch der Nacht. Und rings der Blick ins blühende Land, das blau verschwimmt im Mondscheinduft, – und tief im Park mit süßem Klang ein seltener Wundervogel ruft. Der Silberspringquell steigt und fällt und plaudert leis'; – hier halte Ruh, mein schnelles Roß, mein weißes Roß, aus Marmorschalen trinke du, – indes ich heimlich suchen geh tief, tief im mondumflossnen Hag, ob aus dem Lorbeerdickicht nicht die weiße Hand mir winken mag . . . . Der goldene Schlüssel Dir, – dem goldenen Schlüssel zum sonnigen Lande der Freiheit, dir sing ich. Irgendwo, irgendwo in der Welt, – in Orangenwäldern vielleicht, wo der Glutwind die Zweige bricht und sie reifer, saftstrotzender Früchte voll dem Wanderer in den Schoß wirft, – oder an Norwegs Felsenkap, das die kühle Stirn hoch in schimmernde Wolken hebt und niederschauend sich spiegelt in den träumerisch blauen Augen des Fjords – irgendwo in der Welt weilt die Fee, die dich mir versprochen ihr Wort mir zu lösen. und nun der Zeit nicht gedenkt, in heiliger Stunde Jahre verrauschen, auf meinen Scheitel fällt Schnee. In den Tiefen der Seele aber wirkt und schafft befruchtete Frühlingskraft und keimt und gebiert an das Licht der Gewißheit leuchtende Blume: ein Tag wird kommen und eine Stunde blühen aus dem Dämmerdunkel des Alltagsdaseins, so wonnig und wärmend von Gebeten begrüßt, wie die Siegerin Sonne der eisigen Oede den Schauern der arktischen Nacht enttaucht. Und leise, leise, lockend wie Harfenlaut klingt es und klirrt es vor der Tür meiner Hütte und pocht und pocht. Ich erkenne den Laut und erhebe mein Haupt und lächle und lausche . . . . . Da knarren und knirschen die rostigen Riegel: die Tür springt auf. Ueber die Schwelle strömt eine flimmernde Flut von Sonnensilber – und mitten drin in dem Sonnenlichtmeer die Fee, die dich mir versprochen, den goldenen Schlüssel zum Lande der Freiheit, und die nun gekommen ist, ihr Wort zu lösen. Liebevoll lächelnd schreitet die Lichtmar durch das Dunkel der Hütte. Um sie her wallen und weben gleißend und glimmernd die goldenen Fäden und legen ein Lichtband über die lastende Staubschicht am Boden, über die drückenden Ketten am Arm mir, über den klappernden Webstuhl, an den ich geschmiedet war Jahre, o Jahre lang, wie Prometheus dereinst an die Felsen des Kaukasus. In leuchtenden Händen trägt sie den Schlüssel, – und wie sie leise den Arm mir berührt, springt die Kette mit klirrendem Klang, – springt – fällt – und ich hebe die Hände jubelnd und jauchzend und fasse die strahlenden Finger der Fee und schreite mit ihr aus dem Dunste der Dienstbarkeit, aus der Hütte farbloser Finsternis in die Helle, in die sonnigen Lande der Freiheit hinaus. Durch Rosenbüsche und Lilienfelder wandle ich träumend und duftbefangen; Wundblätter vom Wege legen sich lindernd mir auf die blutig geriebenen Arme; Scharlachdolden neigen sich nieder aus exotischem Blättergewirr, küssen die Stirn mir mit feurigen Lippen – Palmenfächer und Riesenfarren wölben sich über meinem Haupte, gegen die sengenden Gluten der Sonne Schatten spendend ein duftiges Dach. Aber weiter – aus Palmenhainen und Lilienfeldern zieht mich die Sehnsucht zu sonnigen Höhen. Wo Dornenhecken den Fuß mir hemmen, berühr ich sie lächelnd mit goldenem Schlüssel und schreite mitten durch Rosenhage; mitten durch marmorne Märchenschlösser öffnet der Schlüssel mir leuchtende Wege, – über Steine und Felsgeröll geh ich so sanft wie auf sammetnem Teppich, weiter und weiter, höher und höher, bis mir zu Füßen in bläulichem Duft die blühende Ferne verschwimmt, versinkt, – bis mir zu Häupten der Sphären Gesang, die goldene Harfe des Weltalls klingt . . . .. Und wieder nieder aus den heiteren Höhen himmlischer Herrlichkeit in die Täler des Schmerzes schreite ich schweigend. Aus seligen Gefilden in sumpfige Niederung – Geschöpf zu Geschöpfen – treibt mich das Herz. Wo ein Vöglein gefangen hinter Gitterstäben sehnsüchtige Lieder girrt, – wo, zitternd vor Fieberdurst, kettengeschlossen ein hungernder Hund die Nächte durchheult, – wo ein Dulder gefesselt ans Marterpfühl, aus des Krankenzimmers giftigem Broden nach dem heilenden Hauch der Höhen seufzt, – wo Menschenblüten verwelken im Dunste der Dienstbarkeit und unter des Alltags gleichmäßig dröhnendem Hammerschlag eine Kraft zermürbt, – – wo immer ein Mensch eine Kette schleppt, sei es Sehnsucht und Sorge, sei es Schmerz oder Schmach – – Da geh ich und wandle und schließe und schließe mit goldenem Schlüssel Ketten und Schlösser auf und führe freudig die Qualbefreiten in die sonnendurchglühten Gefilde der Freiheit und an der Schönheit kühlenden Quell. Doch wo gebrochen eine Seele trauert an dunklen, verschütteten Grüften, die kein Schlüssel mehr sprengt, und hinaus sich sehnt, – über Höhen hinaus, die ein Fuß noch beschreitet, – da lege ich leise und heimlich, daß der Klang sie nicht schrecke, den goldenen Schlüssel beiseite und neige mich nieder zu der armen trauernden Seele, ein Lied ihr zu singen, das ich erlauschte, als ich einsam stand auf den himmlischen Höhen, als mir zu Füßen die Welt in leuchtendem Duft zerfloß und über mir ein lichter Engel die Harfe spielte, die mit Sonnenstrahlen besaitet war, und das Lied dazu sang unsterblicher Liebe , die göttlicher als die Freiheit ist. Das Märchen meiner Tage Da geht mir durch den Sinn die alte Sage von jenem König, dem, was er berührt, zu Golde ward: – das Märchen meiner Tage. Als noch mein Geist, der Erdenfesseln frei, in seliger Gefilde Wonne schwelgte, trat lächelnd zu ihm der Erhörung Fei. Ihr roter Mund verhieß ihm reichen Segen auf seiner Pilgerfahrt: »Nun wähle dir den Leitstern selbst auf deinen Erdenwegen.« Vor meines Geistes Augen hingestreut lag alles Glück und alle Herrlichkeiten, die seinen Lieblingen das Leben beut. Da funkelten des Reichtums Diamanten, der Liebe Rosen blühten düftereich, der Weltlust helle Opferfeuer brannten, der Freundschaft Perlen glänzten auf der Schnur; doch meinen Geist vermochte nichts zu locken, als eines Himmelssternes Schimmer nur: »Ob meinem Haupte strahlt der Stern der Lieder, nimm hin des Reichtums Glanz, der Liebe Lust: im Reich der Dichtung blüht mir alles wieder. Und was dein Mund mir schönes bieten mag, ich geb es freudig hin um seinen Schimmer, ins tiefste Dunkel trägt er lichten Tag. Nicht sorg ich mehr, daß ich den Heimweg finde: was meine Hand berührt, wird Poesie – o gib den Stern mir mit als Angebinde!« Und lächelnd winkte der Erhörung Fei. – Da sank ein dumpfer Schlaf auf meine Lider; als ich erwachte, war der Traum vorbei. Im dunklen Tal der Welt fand ich mich wieder; und Zentnerlasten beugen mir das Haupt, und Eisenfesseln drücken mir die Glieder. Die glühende Bilderpracht des Lebens blinkt vor meiner Sehnsucht fieberheißen Blicken, wie durch die Wüste die Morgana winkt. Der Freundschaft Lächeln hab ich nie empfangen; wenn sie bei andern sich zu Gaste lud, an meiner Tür ist sie vorbeigegangen. Und selbst die süße Liebe pochte nur zum Spiele an mein Herz; als ich geöffnet, da fand ich nicht mehr ihrer Tritte Spur. Und bange Töne klingen mir im Haupte: im Liede glüht und blüht mir alles neu, was mir die Welt versagte oder raubte, der Winde Wehen klingt wie Melodie; ob meinem Haupte strahlt der Stern der Lieder, was meine Hand berührt, wird Poesie. Du holde Fei des Himmels logst mir nimmer! Du arge Fei, du hast mich nicht gewarnt, daß meines Sternes Glück nur Schein und Schimmer, – und daß ich mit des Daseins Fesseln auch des Daseins Lust und Weh empfinden würde, – ach, brennende Lippen kühlt kein Himmelshauch! Heiß pocht mein Herz nach irdischem Glück und Lieben, und will ich's fassen, faß ich Luft und Dunst, und nur das Lied, das Lied ist mir geblieben. Den Fischer neid ich, der vom Strande kehrt mit raschem Schritt, die Last auf seinem Rücken: daheim erwartet ihn sein Weib am Herd. Den Bauer neid' ich mit der Hand am Pfluge: er schaut im Geist der künftigen Ernte Pracht, und frische Labung quillt aus seinem Kruge. Und von der Dirne, die im Tanz sich schwingt, wie tauscht ich gern für alle meine Lieder die Rose nur, die ihr am Busen blinkt! Wie gäb ich freudig die erträumten Schätze für einen Trunk aus dieses Lebens Quell, daß er die glühenden Lippen mir benetze! Mir aber blüht die Lust der Jugend nie, auf meinen Feldern reifen keine Früchte, – was meine Hand berührt, wird Poesie. Beati qui in Domino moriuntur Da riß der Geist mich fort auf Sturmesflügeln und trug mich über Mauer, Tor und Strom zur alten heiligen Stadt auf sieben Hügeln. Die tolle Nacht zum Aschermittwoch sank auf Rom herab, das, Rosen in den Locken, berauschten Sinns den Kelch der Freude trank. Mich aber zog es aus dem Lärm der Gassen, der grellen Farbenpracht des Karnevals zu einer Villa, lichtlos und verlassen. Wie kam's, daß sie, die nur der Lust geweiht, die freudenreiche Villa Cavalotti, am Fasching sank in Nacht und Dunkelheit? Wohl mag sie trauern, da ihr Stern erblich; mit leisem Seufzen nur um ihre Mauern gespensterhaft der irre Nachtwind strich: Denn er, der römischen Jugend ein Verderben, des Bundes Meister und der Kunst Mäcen, Ernesto Cavalotti, kam zum Sterben. In Seide ruht er und auf Purpurpfühlen, – und keine Hand erhebt sich, ihm die Stirn, die fieberglühende, mitleidsvoll zu kühlen?! Weilt von den Frauen, die sein Kuß beglückt, nicht eine hier, daß sie in Todeswehen dem vielgeliebten Mann die Kissen rückt? – Hielt keiner seiner Freunde bei ihm stand? – Sind schon die Funken, die sein Geist versprühte, bevor sein Blick erloschen, ausgebrannt?! – – Die Lust des Faschings rief sie alle – alle –; ein Diener nur mit welkem Angesicht lehnt einsam wachend in der Säulenhalle, indes der kranke Herr sich unruhvoll auf seinem Lager dehnt und von der Gasse das Fastnachtstreiben laut und lauter scholl. Da plötzlich lächeln Cavalottis Züge: es ist, als habe ein Trompetenstoß den fliehenden Geist belebt zur letzten Lüge. Er strebt empor und winkt dem alten Mann: »Die andern sind zerstoben und verflogen – Du bliebst mir treu; nun hör mein Letztes an. Mein Lebenlang hab ich gewirkt im Dienste der freien Wahrheit, hab verhöhnt, verflucht der Priesterweisheit taube Hirngespinste. Das Kreuz, davor der feige Pöbel kriecht, mit Füßen trat ich's und zerriß der Dornen Gewinde, das um seinen Stamm sich flicht. Die Wahngebilde, ich bezwang sie alle – nun kommt der schwerste Kampf, der stärkste Feind und kommt zur rechten Stunde: – Carne vale! Zum letzten Siege steh ich kampfbereit; hörst du die Hörner durch die Gassen gellen? den Mantel her, das rote Narrenkleid! Im Festschmuck will ich Ehre ihm bekunden, dem »Boten Gottes«, den ich stets gehaßt, des Narrengotts, den Pfaffentrug erfunden, den Dummheit nur und Heuchelei verehrt! der Mummenschanz des Lebens geht zu Ende – so laß mich sterben, meines Lebens wert!« – Und zitternd eilt der Diener, dem Gebote des Herrn zu folgen; mit dem Domino , dem flammendroten, schmückt er ihn zum Tode. Und da er sorglich ordnet das Gewand, da streift sein Blick die spottverzerrten Züge, – und angstvoll flehend hebt er seine Hand: »O Herr, gedenket eurer armen Seele!« – Doch der, die Arme wie zum Kreuz verschränkt, ruft hohnvoll, schrill, mit schon gelähmter Kehle, den starren Blick gerichtet himmelwärts: – »Beati qui in ›Domino‹ moriuntur!!« – Das war des Cavalottis Fastnachtsscherz. Das Auge bricht, die Hand sinkt kraftlos nieder, doch um den Mund das grause Lachen bleibt ; ein Grau'n durchbebt des alten Dieners Glieder. Scheu schleicht er, wie von Geistermacht bezwungen, zur Türe sich und scheu sich zum Portal, – da ist der lustige Faschingslärm verklungen. Da ist versiegt der bunte Menschenstrom. Vom Dome klingt ein dumpfes Sterbeläuten: der Aschermittwoch dämmert über Rom. Und in die Kirche zieht's ihn, Gott die Ehre zu geben; – dort im Schein des ewigen Lichts beugt er die Knie und betet: »Miserere –«. Der Rufer Die Blumen im Alleghanytal, sie duften so süß wie nie zumal, vom fächelnden Odem der Nacht gewiegt. Die Welt in den Armen des Schlummers liegt; nur leise flüstern wie Liebesgruß die träumenden Wasser im Fluß – im Fluß – und Maienzauber webt weit und breit und lächelnde, blühende Einsamkeit. Da horch! – durch die schweigende Nacht ertönt ein dumpfer Laut – und es hallt und dröhnt wie Hufgeklapper und Roßgeschnauf . . . Du schlummernde Erde, wach auf, wach auf! Ein Reiter jagt aus der Ferne her – und die Erde erwacht und atmet schwer, – es löst sich die Knospe in jäher Hast aus dem Blatt, das schützend sie umgefaßt, und sie schaut empor – und das Rot wird fahl der Rose im Alleghanytal. Dumpf murrt der Fluß, und er raunt und klagt . . . Zur Stadt hinunter der Reiter jagt, die Funken sprühen, der Staub wallt auf, – es blinken die Lichter von Johnstown auf. Viel Kerzen schimmern im hohen Saal, es greift der Zecher zum Goldpokal. Aus flackernden Blicken die Freude glüht, von trunkenen Lippen die Rede sprüht . . . Und auf der Schwelle zerlumpt, verstaubt, mit wunden Füßen, mit wehem Haupt ein Ausgestoßener Nachtruh hält, – die Lippe lechzt, und die Wimper fällt . . . Da hallt das Pflaster von Rosseshuf, da schallt von der Straße der Warnungsruf; er klingt zu den jubelnden Zechern empor, er dringt an des schlafenden Bettlers Ohr: »Hinauf, daß ihr Hügel und Felsen erreicht, das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!« »Das Wasser? – Das Wasser! Du faselst, Tor! Der Sekt soll steigen! Der Schaum empor!« Und das Glas erklirrt, und der Pfropfen knallt – ein fernes Brausen dumpf widerhallt. »Das Wasser – das Wasser?« – In Traumesbann nachlallt es der Arme – da rollt es heran wie wogende Berge, das Flutengebraus – und es wanken die Mauern, es stürzt das Haus. Ein fahler Streifen im Osten tagt: zur Stadt hinunter der Reiter jagt, als säß ihm im Nacken der bleiche Tod . . . Aufblitzen die Dächer im Morgenrot. Durch die Lüfte erklingt es wie Lerchengesang. Die Burschen ziehen den Rain entlang, das Messer im Gurt und die Rose am Hut, im Auge den blitzenden Jugendmut – Und am schimmernden Tamarindenzweig, da lehnt eine Dirne, vor Sehnsucht bleich; feuchtglänzenden Blickes späht sie hinaus: »Er hat es versprochen und blieb mir aus?! –« Da kommt's durch die Felder herübergebraust – nur locker umschließt noch den Zügel die Faust, wild flattert das Haar, jede Ader klopft – dem Roß der Schaum von den Stangen tropft. Und da er vorbeischießt im rasenden Lauf, da gellt seine Stimme: »Hinauf! Hinauf! Auf daß ihr die rettenden Hügel erreicht, – das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!« Ein spöttisches Lachen vernimmt er noch: »Das Wasser, Du Narr? – Ei, so zeig' es uns doch!« Doch das Mädchen schaut auf mit erglühendem Blick: »Das Wasser?! – Er kommt nicht! O, gnädig Geschick, O rette ihn – rette –« Noch betet ihr Mund, da zieht sie die sprudelnde Flut auf den Grund, – da löschen die Wogen mit dumpfem Gebraus die Flammen der Jugend, der Sehnsucht aus. Der Tag bricht an, und das Wasser schäumt – »Nun keine Sekunde, mein Roß, gesäumt! Schon wirbeln die Fluten im dichten Tann, dort atmen noch Menschen – bergan, bergan!« Zwei Buhlen ruhen am Felsenhang – die Nacht war schwül und die Nacht war lang voll Liebeszauber, voll Maienlust . . . sein Haupt sank müde auf ihre Brust. Im Walde noch schluchzt die Nachtigall – da klingt es von ferne, ein dumpfer Hall, Und er naht im schimmernden Morgenlicht, der Rufer, der Retter – sie hören's nicht. Sein Blick starrt gläsern, sein Haar ist ergraut; doch wie er die schlummernden Liebsten erschaut, da hemmt er noch einmal des Rosses Lauf, und es schrillt eine Stimme! »Wacht auf, wacht auf! Auf daß ihr die rettenden Hügel erreicht, – das Wasser, das Wasser der Sündflut steigt!« Das Weib schrickt auf aus des Mannes Arm, doch er zieht sie nieder: »Sei ohne Harm, mein Lieb, – der Himmel ist klar und blau, und die Rosen blitzen im Morgentau, die Rosen im Alleghanytal –« Und er fährt in die Höhe, das Antlitz fahl, das Haar gesträubt – und er lauscht – und lauscht: – um die schützenden Felsen kommt es gerauscht wie Sündflutwogen, wie Todesgraus – und löscht die glühendste Liebe aus. Und weiter, weiter in jäher Hast, – aufstöhnt das Roß – doch er gibt nicht Rast. Die Dörfer, die Städte versinken im Schwall, schon wogen die Fluten von Wall zu Wall, nun aufwärts, aufwärts den engen Pfad! Da winkt von des Berges steilstem Grat, die eigene Rettung – hinauf, Gesell, die Felsen stehen, dein Roß ist schnell! Und das Roß im Sterben zusammenbricht, – zu Fuß denn weiter – er rastet nicht. Wo eng an die schützenden Tannen geschmiegt ein kleines verstecktes Häuschen liegt, dort schlummern noch Menschen! – Der kalte Schweiß perlt ihm von der Stirn, die Brust fliegt heiß, und er schleppt sich bis vor des Hüttleins Tür, – ein weinender Knabe tritt herfür. »Und bringst Du nicht heim mein Mütterlein? Sie ging zur Stadt, und ich blieb allein – sie ging zur Stadt, und sie weilt so lang, Du fremder Mann, mir ist so bang!«– »Die Mutter, mein Knabe«, – sein Blick starrt hohl, – »die Mutter, die Mutter; ich sah sie wohl – von jenem Berge dort winkt sie Dir, sie ruft mein Knabe – hinauf zu ihr!« Da lächelt das Kind und eilt hinan; an der Tür noch lehnt der sterbende Mann, noch einmal schlägt er die Augen auf: »Mein wackerer Knabe, hinauf, hinauf! Ein Schritt noch – ein Schritt – und das Ziel ist erreicht; so hoch keine Woge der Sündflut steigt! Gott schütze dich droben im sonnigen Licht, gerettet, gerettet!« – Sein Auge bricht, sein Haupt sinkt nieder zum feuchten Grund, die Flut küßt schweigend den starren Mund. Das blühende Alleghanytal durchtobt der brausende Wogenschwall, doch über den wirbelnden Wassern kreist versöhnend der ewigen Liebe Geist! Kämpfe O, einen Sturm! O schilt nicht, daß mein Flug erlahmt, daß farblos meine Lieder kranken: mein Herz ward müde, stumpf mein Hirn, zu stumpf für einen Glutgedanken. Im öden Dünensand verweht ist all mein Ringen – Lust und Fehle –, es tönt wie müder Wogenschlag das Lied aus einer kranken Seele. O, einen Sturm, mein Gott, mein Gott, daß er die Kraft mir neu belebe, daß er in Blitz und Wetterschlag von meinem Pfad die Nebel hebe! Nur einen Strahl des Lichtes, Herr! – Ich hebe aus den Eisenketten den wundgeriebenen Arm empor: noch kann mich deine Gnade retten. Du schenktest einst im Morgengraun ein köstlich Kleinod deinem Kinde, ein Kronjuwel im Erdenstaub, – nun hilf mir, daß es nicht erblinde! Nun schließe du die finstre Kluft, darin mein Bestes will versinken, – den bleichen Schemen wehre, die das Blut aus meinen Adern trinken! O, einen Sturm, mein Gott, mein Gott, daß er die Kraft mir neu belebe, daß er in Blitz und Wetterschlag den Bann von meiner Seele hebe! Aus der Enge Hinaus möcht ich ziehn in die blühende Weite, ein Lied auf der Lippe, den Lenz als Geleite, in rauschende Wälder an sonnigen Borden, auf ragende Berge – nach Süden, nach Norden – Hinaus nur, hinaus! Hinaus möcht ich ziehn auf die lärmenden Gassen, ein Tropfen, versinken im Meere der Massen, der eigenen Pulse Anschwellen und Schwinden erschauernd als Herzschlag der Menschheit empfinden; Hinaus nur, hinaus! Hinaus möcht ich ziehn in die schimmernde Ferne; – schon glänzen zu Häupten mir tropische Sterne: in glühenden Nächten, in pressenden Armen möcht ich zu lachendem Leben erwarmen . . . Hinaus nur, hinaus! Spätrot Goldene Sonne, kaum gesunken, wolkenüberschattet Glück, zauberst du in Spätrotfunken einen schöneren Tag zurück? Holde Jugend, kehrst du wieder? – In des Abends Rosenschein fallen mir verklungne Lieder, halb vergessne Weisen ein: Seufzer, Küsse, leise Klagen, Liebeslust und Liebesnot – daß des Herzens heißes Schlagen mir die Brust zu sprengen droht! Spätrotschein und solche Lieder . . .! Und es geht mir durch den Sinn leise Mahnung, daß ich wieder unverzeihlich töricht bin. Irrlicht Ich hab mich lange Zeit gesträubt und wollt es nie und nie verstehen, was ich im Leuchten deines Blicks, im Zucken deines Munds gesehen. Es war in tiefer Dunkelheit ein Irrlicht, welches mich geblendet; und daß der Pfad, auf den es lockt, in Nacht und Not und Grauen endet – Ich weiß es längst: – In bleicher Angst halt ich die Augen fest geschlossen, und dennoch fühl ich Fieberglut durch alle Adern mir ergossen – Und dennoch pocht bei deinem Blick mein Herz in immer heißern Schlägen: magnetisch zieht das Zauberlicht den Tiefen mich der Schuld entgegen. Letzte Liebe So weiß ich, daß in blauer Ferne dein Herz in Liebe für mich schlägt, daß dich bis hoch ins Reich der Sterne der Sehnsucht Engelsfittich trägt; so seh ich noch im welken Garten dich, lächelnder Gedanken voll, der letzten Rosenknospe warten, weil sie für mich erblühen soll. Und mag auf unserer Sehnsucht Flammen herniedertaun der Reif der Nacht, mag schonungslos die Welt verdammen den Traum, der uns so selig macht, – vergeblich wird sie drohn und schelten: in Treuen bleib ich dir geeint und will's dir königlich vergelten, daß du um mich – um mich geweint. Da bricht aus winterlichem Schweigen ein lichter Sonnenblitz hervor, da lacht auf halbentlaubten Zweigen ein sommerlicher Rosenflor, und aus dem fast erstarrten Herzen, wie einst zur holden Maienzeit, entspringt ein Strom von Lust und Schmerzen, ein heißer Quell der Zärtlichkeit. So mag die Liebe dich behüten, sie, »die nichts Böses sinnt und sucht«; wirst atmen mit dem Duft der Blüten zugleich den Duft der reifen Frucht. So mag denn gleich der goldnen Sage von Frühlingsglück und Auferstehn durch unsrer Jugend Spätherbsttage der Traum der letzten Liebe gehn. Im Novembersturm Der Sturmwind rast und der Regen schlägt ans Fenster in schweren Tropfen – Ich fühl in der tollen Novembernacht mein Herz wohl hörbar klopfen. Es schlägt in brennender Ungeduld sehnsüchtig und beklommen . . . Ach, wenn die Stunde doch Flügel hätt' und wäre der Winter gekommen! Und deckte die Ströme das blinkende Eis und der Schnee die schweigende Runde – und wären wir endlich allein, allein in der heimlichen Mitternachtsstunde! O Liebster, Liebster, – der Sturmwind rast und der Regen rauscht endlos nieder – mir aber fluten durch Haupt und Herz traumselige Liebeslieder. Sonnenwendspuk Da blitzt aus mitternächtgem Dunkel ein ferner fahler Schein herauf; mit Augen, licht wie Sterngefunkel steht meine Kindheit vor mir auf; sie grüßt so süß, und lächelnd lauschen möcht ich den Worten, die sie spricht, – ich hör ihr Raunen, Flüstern, Rauschen, doch ihren Sinn erfaß ich nicht. Da hallt in nächtlich-tiefem Schweigen ein leiser Laut wie Harfenton, da gaukelt um mein Bett ein Reigen von Freuden, die mir längst entflohn – Mir ist, als sollt noch einmal wenden die dunkle Bahn sich sonnenwärts: mit leisen, kühlen Geisterhänden pocht meine Jugend an mein Herz. O Kinderlust, verklungne Weise von Heimatflur und Vaterhaus, du nahst wie Gottes Engel leise und teilst des Lichtes Botschaft aus – O Liebe, die mit Rosenketten mein liedersprühend Haupt umwand, kommst du noch einmal, mich zu retten, zu retten von des Abgrunds Rand?! – Von der Adventszeit geht die Sage, sie locke manch verlornes Kind zur Heimkehr – ach, durch leere Hage streicht seufzend der Dezemberwind, das ist die Nacht der Sonnenwende, – doch glänzt für mich kein Weihnachtslicht – O Herr im Himmel, mach ein Ende, denn meine Kraft zerbricht – zerbricht! – O Herr im Himmel, mach ein Ende! – doch schon erblaßt der matte Schein; dumpf schlägt die Uhr: – der Sonnenwende Gespensterstunde bricht herein. Und wieder tönt ein Raunen, Locken wie Nixensang, wie Geisterchor. – Mit fliegenden Pulsen, tief erschrocken richt ich vom Lager mich empor. Ein Gaukeln ist's, ein irres Schweifen – die alten Götter sind erwacht, die fieberheiße Stirne streichen mir Schemen der Mittwinternacht, – aus längst verschollner Vorzeit Feiern klingt Zauberkunde dumpf herauf: das Haupt umhüllt von Nebelschleiern steht meine Zukunft vor mir auf. Sie hebt beschwörend ihre Hände, wie Drudenweisheit klingt ihr Spruch: »Du stehst an deines Lebens Wende – nun gilt es Segen oder Fluch! Zwei Wege hat auch dir beschieden geheimnisvolle Schicksalsmacht – der eine führt zu Licht und Frieden, der andre in die ew'ge Nacht. Der eine führt durch steinige Gründe, der andre durch ein blumig Tal – ein Pfad des Lichts – ein Pfad der Sünde! Die Götter lassen dir die Wahl! Es quillt empor aus einem Borne des Guten Strom – des Bösen Macht« – so klingt der Spruch der Schicksalsnorne in schweigender Mittwinternacht. Ihr Blick erlischt in Sterngefunkel, ihr Wolkenkleid zerfließt in Luft; nun hellt kein Schimmer mehr das Dunkel, und keine süße Stimme ruft. Ein Warner war es – kein Erretter, der dem Gefallnen naht voll Huld, – klug sind sie doch, die ew'gen Götter, und wahren sich vor jeder Schuld! – Klug sind sie schon seit Odins Zeiten: sie gaben uns ein fühlend Herz, sie stellten uns in Kampf und Streiten, sie warfen uns in Not und Schmerz. Sie weisen uns den Kelch der Rose und mahnen höhnend zur Geduld . . . und bricht der Schild im Kampfgetose, so tragen eben wir die Schuld! Zwei Wege wurden uns beschieden durch strengverhüllte Schicksalsmacht: der eine führt zu Licht und Frieden, der andre in die ew'ge Nacht. Der eine: Tragen und Entsagen, der andre: Lust und Lebensmut. – Und wird der Himmel mir zerschlagen, so geh ich durch der Hölle Glut. Wiedersehn Aufblitzen im goldigen Sonnenstrahl Millionen glitzernder Sterne – durch schneeige Flächen braust der Zug herbei aus dämmernder Ferne. Er keucht und stöhnt – und es gellt ein Pfiff, ein hastiges Drängen und Treiben – der schneidende Wind, der schwarze Rauch, befrorene Fensterscheiben! Und doch: es liegt mir im Sinn, im Sinn, als käme das Glück gefahren, Als kläng durch die Lüfte das Jubellied heimkehrender Vogelscharen, Als quöllen Wolken von Rosenduft empor aus dem dampfenden Schlote, und er nahte mir strahlend in Licht und Glanz, der lächelnde Götterbote. Da schmilzt das Eis in der Sonne Kuß, da rieseln und rauschen die Quellen, und es klingt mir im Ohr wie Möwenschrei, wie brandende Meereswellen! Vernahmst du jemals des Schiffers Ruf, der sicher durchfuhr die Klippen? – Doch eh' ich den Mund noch öffnen mag, verschließen ihn deine Lippen. Zuversicht Nun mag kommen, was da will, mag die Lust verwehen: Jedem Unglück halt ich still, seit ich dich gesehen! Seit ich dir im Arm geruht, schreckt mich nicht der Hölle Glut, find ich noch in Schmerzen Trost an deinem Herzen. Mag dich hundert Meilen auch weit das Schicksal führen, mein ich deines Mundes Hauch immer noch zu spüren, strahlt mir deiner Augen Schein leuchtend bis ins Herz hinein – wenn mir nichts mehr bliebe, bleibt mir deine Liebe! Will ich heut vom Haupte mir eine Locke trennen, sollen morgen schon auf ihr deine Lippen brennen, – deine Lippen, die sich fest jüngst auf meinen Mund gepreßt, dort in seligen Stunden süße Rast gefunden. Draußen unter Schnee und Eis will der Lenz sich regen, aus den Wolken rauscht es leis, linder Gottessegen. Liebster, schau: die Welt erwacht . . . Höher als die Frühlingspracht, als die Blütentriebe preis ich deine Liebe. Auf dem Ball Heut in der rauschenden Festespracht hab ich, mein Schatz, an dich gedacht, – an prunkender Tafel, in schimmernden Reihn war meine Seele mit dir allein. Mit Blumen, die deine Hand gepflückt, hatt ich mir Haare und Brust geschmückt; als am vollsten der Becher der Lust geschäumt, hab ich vergangene Lust geträumt. Die Weise schwoll und der Tanz begann – mich rührte der Odem Gottes an; aus der Seele hallte der Klang zurück: ein Lied von künftigem großen Glück. Stummes Glück Das war zur schimmernden Maienzeit, da sang ich Lieder voll Lust und Leid: des Waldquells Rauschen, der Vögel Singen, in tönende Reime tät ich's bringen. Und wenn ich der kommenden Lust gedacht – wie wollt ich erst singen zur Rosenpracht, wie wollt ich in jubelnden Tageweisen die Sommersonne, die goldene, preisen! Der Frühling schwand, und die Sonne stieg, der Fink und die Finkin fanden sich –: in Waldes Dunkel, an Baches Borden, die jubelnden Sänger sind still geworden. Und mir auch erging es wundersam: als meinem Leben der Sommer kam und die Rosendüfte mein Haupt umfingen, In Kuß und Seufzer verklang mein Singen . . . Von der Lippe flutet das Lied zurück: im namenlosen, im stummen Glück nur kann ich vor dir die Seele neigen, nur lieben und schweigen. Sonnenwende Es fiel ein Blütenregen herab auf Wald und Feld, ein Netz von Sonnenstrahlen umspinnt die grüne Welt; das flammt und blüht und duftet und höhnt den Glockenschlag, als ging er nie zu Ende, der süße, goldene Tag . . . O Tag der Sonnenwende, vollblühende Rosenzeit, du hast mir ins Herz geduftet berauschende Seligkeit! Das pocht und glüht und zittert und bebt im Vollgenuß, als ging er nie zu Ende, der süße, erste Kuß – O Tag der Sonnenwende – – – – – – – – – – – – – – Lied Laß ab mit deinen Blicken – nicht können sie fortan mich fester noch umstricken, als sie es schon getan. Laß ab mit deinen Worten, die schmeichelnd mich betört, – mein Ohr doch allerorten nur deine Stimme hört. Laß ab mit deinen Küssen, – mein Herz pocht bang und schwer: ich hab dich lieben müssen und seh kein Ende mehr . . . Meerfahrt Fühlst du die Bretter schwanken? schon brandet dumpf das Meer – am Horizonte lagern die Wolken schwül und schwer . . . Ha, Wogen und Blitz und Stürme! mir wird so froh zu Mut: ich fahre mit dir zusammen durch die wildeste Flut! Weltflüchtig Das Mondlicht überfloß den Strand mit sanftem, süßem Schein; wir gingen beid im Dünensand weltflüchtig und allein. Kein Menschenauge hat gesehn, wie du herab dich bogst und liebesicher lächelnd mich in deine Arme zogst. Ich weiß nicht, war's ein Liebeswort, das flüsternd zu mir drang, war's träumerischer Nixenruf, der aus den Wassern klang?! Morgen Der erste rosige Dämmerschein schwimmt draußen in grauer Luft, durchs offene Fenster der Frühwind weht uns würzigen Fliederduft. Zerronnen ist all im schimmernden Licht der finstere Traum der Nacht . . . an deiner wogenden Brust bin ich zum Leben aufgewacht! Lavasturz Mein Herz ist wie die Märchenstadt, drin Lachen und Lust erklungen, bis donnernden Grimms die Lavaglut ihr Totenlied gesungen. Da sank dem Zecher der Goldpokal, gefüllt bis zum Ueberlaufen, da ward der Liebe das Hochzeitsbett zum lodernden Scheiterhaufen. Und ein Glutschrei war es, ein Flammenmeer wie stürzender Sonnen Gefunkel, dann legte darüber bleiern und schwer sich Asche und Nacht und Dunkel . . . . . . Mit leisem Nicken An einem fernen, fremden Ort war's, wo ich all mein Glück verloren; ich ging, dich suchend, fort und fort vorbei an festverschlossenen Toren. Am fernen Horizont erblich der Abendröte letzter Schimmer – mit blutendem Herzen sucht ich dich und suchte dich und fand dich nimmer. Dann war's nach Jahren, als sich grau das Haar um meine Schläfe schmiegte, als auf der blütenleeren Au der letzte Halm im Wind sich wiegte, Daß wir uns trafen – daß du mir von fern gewinkt mit leisem Nicken . . . . . . . Ein Gruß von dir – ein Laut von dir – ein Widerschein aus feuchten Blicken! Und eh ich noch die liebe Hand mit zärtlich festem Druck umfangen, war schon dein Bild am Himmelsrand wie Spätrotschein dahingegangen. Da wacht ich auf. – Vor Sehnsucht blaß sah Morgendämmrung in mein Zimmer; mein Herz schlug laut, mein Aug war naß – – – ich fühl's: ich seh dich nun und nimmer. Vorbei Und wenn du wieder zu mir trätest und weinend um Verzeihung bätest, es wird doch nimmer, wie es war: das Glück ist tot, das wir genossen, die Blüte, die sich uns erschlossen, ist nun verwelkt, für immerdar. Mir würde stets vor Augen stehen, wie ich so maßlos dich gesehen im Zorn, dem jeder Grund gebrach – und bei dem Kuß von deinem Munde gedächt ich doch der bösen Stunde, als er so bittre Worte sprach. In jener Stunde sank für immer der fromme Glaube mir in Trümmer, daß du mein Bild im Herzen trugst, daß ich dein tiefstes Sein besessen – – – vergeben kann ich – nicht vergessen: die Wunde brennt, die du mir schlugst. Nein, geh: ich hab es überwunden, den Frieden hab ich jetzt gefunden, den deine Liebe mir nicht gab. Geh hin, vor deinen Gott zu treten – und wenn ich sterbe, magst du beten und weinen über meinem Grab. Verlornes Glück Noch einmal, eh' am Himmelsrande der letzte Sonnenblick verglüht, zieht mich ein Sehnen an die Stätte, wo meines Lebens Glück geblüht. Durch hochgewölbte Gänge fluten der Dämmrung Schatten kalt und bleich – leis mahnend pocht wie Geisterfinger ans Fenster ein Spireenzweig. Und rings im Haus ein tiefes Schweigen, wie ausgestorben jeder Raum . . . An meiner Seite lächelnd wandelt ein halbvergessner Jugendtraum; von weltverlornen Küsten zaubert entflohene Wonnen er zurück und küßt mir in die müde Seele ein letztes Bild vom Erdenglück. Ein letztes Lied in diesen Räumen! Der Herbstwind rast am Gartentor – hier aber wogen Rosendüfte und singt ein Nachtigallenchor. Von all den süßen Liebesworten, die schmeichelnd deine Lippe sprach, – von meinen Seufzern, deinen Küssen wird hier ein flüsternd Echo wach. Der alte Zauber lockt mich wieder, der Leib und Seele mir gebannt: dein Odem über meiner Stirne, auf meinem Herzen deine Hand! Der Spiegel wirft im Dämmerschimmer mir dein geliebtes Bild zurück – – zum letzten Male trink ich wieder aus deinem Born, verlornes Glück! Und lauter tönt des Windes Brausen, der Sonne letzter Strahl erblich; ich aber berg in meine Hände das Haupt und weine bitterlich. Nun liegt die Nacht auf allen Wegen . . . . . . und langsam wend ich meinen Schritt und nehm aus den geliebten Räumen mir der Erinnrung Sterne mit. Stille Dornen Der Frühling meines Lebens blühte lang schon ab – nun trug ich auch den leuchtenden Sommer zu Grab . . . . Die blühende Rosenkrone verlor nun Duft und Glanz . . . auf meine blutende Stirne drückt der nackte Dornenkranz. Im Abendschatten Nun liegt der Reif auf allen Matten, der letzte fahle Schein erblich, und traumhaft kommt im Abendschatten ein Todessehnen über mich. Ich ließ in dämmergrauer Ferne die Hoffnung lange schon zurück und forsche nicht im Buch der Sterne dem Rätsel nach vom Menschenglück. Mir geht kein Sommertag zu Ende, gewebt aus Duft und Farbenpracht: – mein ist die Wintersonnenwende mit ihrer ewig langen Nacht, – mit ihrer Nacht voll Geisterchören, voll Eisesschauer, Sturmesklang, die keine Blüte mag zerstören, weil nie ans Licht die Knospe drang. In dunkler Stunde Da war's noch einmal, daß ich fest an meines Schicksals Sterne glaubte, bis mir die Welt mit jäher Hand die letzte Blütenhoffnung raubte. Ich hab' geirrt, ich hab' gefehlt mit meinem Blut, dem jugendheißen; ein kleiner Fehl – doch groß genug, um Herz von Herzen loszureißen. Die Freundschaft schwand wie Wolkenflug, die Liebe sank wie Sonnengluten, und die mir einst so hold gelacht, sehn mitleidslos mein Herz verbluten. Ihr Auge kalt, ihr Antlitz streng – o, meiner Jugend töricht Wähnen! Danieder kämpf ich stolz und stark auch dieser Stunde bittre Tränen. Und nimmer soll vor ihnen sich mein Haupt erbarmenheischend neigen; – ich hab's gewollt und kann es jetzt: der Welt ein lachend Antlitz zeigen! In Stunden nur der Einsamkeit, in Stunden der Erinnerungen, da fühl ich's doch, wie tief, wie tief der Stachel mir ins Fleisch gedrungen. Es war nicht Sünde, war nicht Schuld, der Jugend Leichtsinn war's zu nennen – doch groß genug, um Herz von Herz für Zeit und Ewigkeit zu trennen. In Tränen Die Fliederblüten fallen. Und wieder ist ein Lenz dahin mit seinen Träumen allen. Vom Meere wehr ein sanfter Wind und singt die Schlummerlieder den Freuden, die entschlafen sind. Nun blühn ja wohl die Rosen – und unterm dichten Laubendach die Turteltauben kosen. Ich seh es nicht, ich weiß es kaum: vor meinem Blick, ein Schleier, liegt ein gestorbner Traum. Ein feuchter Tränenschleier hängt zitternd überm Rosenhag und wandelt mir den Sommertag zur düstern Totenfeier. Erinnerung 1. Das ist der Platz, auf dem ich stand zum letzten Mal, zum letztem Mal an deiner Seite Hand in Hand – – – nun ging ein Wetter übers Land, die Luft ward kühl, das Laub wird fahl. Jenseits der Düne schäumt das Meer, sein Rauschen klingt wie Klagesang; scharf weht der Wind von Osten her – – – mir pocht das Herz so sehnsuchtsschwer: ich seh dich nicht, weiß Gott, wie lang! So schleppt sich müde Tag für Tag, schon färbt sich rot der Waldessaum; in Tränen steht der Rosenhag – – – daß ich in deinen Armen lag, es dünkt mich wie ein Traum . . . 2. Als noch von deinem Munde mir Wort und Gruß erklungen, in glückberauschter Stunde ist mir kein Lied gelungen. Erst wenn der Sonnenball verglomm in sprühenden Funken, anhebt erinnerungstrunken ihr Lied die Nachtigall. Begegnung Und neulich traf sich's auf der Reise: du bogst dein bleiches Angesicht am Fenster vor und nicktest leise – dann pfiff der Zug; du sahst mich nicht. War's so, daß wir uns finden sollten nach langer Irrfahrt wunderlich?! Ich weiß nicht, wem dein Gruß gegolten, und nahm ihn lächelnd an – für mich. Nachtwandlerin Ahnungslos an Abgrunds Rande wandelst du, vom Tod umhegt – welche Gottheit hat die Binde deinen Augen umgelegt? Ströme brausen dir zu Füßen, doch dein Herz erzittert nicht, – bleich erglänzt im Mondenstrahle dein verklärtes Angesicht. Die letzte Note Nun ist die letzte Note vom alten Lied gesungen, an der verstaubten Harfe die letzte Saite ist gesprungen. Kaum rührt ein Hauch die Lüfte mit leisem tönenden Beben, wenn über die toten Saiten hinflattern die Spinneweben . . . Alltag So schleppen sich in breiter Spur dahin die müden Tage, der Sang der Liebe tönt mir nur wie eine ferne Sage. Das eine Wort, das mich beglückt, war in den Wind gesprochen, – den Goldreif, der mein Haupt geschmückt, hat deine Hand zerbrochen. Wetterleuchten Durch die dichtverhüllten Fenster dringt noch der letzten Blitze mattes Leuchten, – und die Stunde naht auf regenfeuchten Sohlen, die dich wieder zu mir bringt. Jahre liegen zwischen dir und mir: Herzen, deren Pulse nicht mehr pochen, Klüfte, deren Brücken abgebrochen – tote Gluten, Staub und Grabeszier. Aber heut umweht von Liedern mich noch ein Ton, die einst so süß mir däuchten, und die Brust durchzuckt's wie Wetterleuchten, das noch blitzt, wenn schon die Wolke wich. Lächle, ob ich finster blicken mag! Strahle mir mit deiner Augen Sonnen neu ins Herz die längstverrauschten Wonnen, unserer Liebe heitern Frühlingstag. Aus den Schalen duftet Veilchenpracht dir zum Gruß, und volle Kelche schäumen: o, noch einmal laß den Traum mich träumen, der mein Herz so selig einst gemacht! Ruh' dich aus! Nun laß dich nieder, flüchtige Taube, du Unruhvolle, halte Rast! In meines Gartens dunklem Laube erscheinst du wie ein seltener Gast. Hier tönen keine Vogellieder, kein Rosenflor erblüht für mich – verstoßne Taube, laß dich nieder, an meinem Busen berg' ich dich! Wohl stand dein Sinn in blaue Ferne, dein Auge trank das goldne Licht, doch bis hinauf ins Reich der Sterne die müde Schwinge trug dich nicht. Es sank dein Heim der Glut zum Raube, irr flatternd flogst du weit hinaus . . . nun laß dich nieder, flüchtige Taube, in meinem Garten ruh dich aus! Verschüchtert Kind, laß ab zu zittern; nicht schreib ich dir ein hart Gesetz, ich berg' dich nicht in goldenen Gittern und spanne deinem Flug kein Netz: ein Dach für dich im lichten Laube, ein Nest für dich im tiefsten Grün . . . an meinem Herzen, flüchtige Taube, soll dir die Heimat neu erblühn! Ausgekostet In alle Tiefen bin ich gestiegen, erklommen habe ich alle Höhn: ich sah um die Gipfel die Adler fliegen und hörte der Stürzenden Angstgestöhn. Nichts Menschliches ist mir fremd geblieben; aus dem Becher trank ich der bittern Not – und ein wettersturmwildes, gewaltiges Lieben hat wie sengende Flamme mein Haupt umloht. – Nun steh ich abseits – am Straßenrande und hör in den Fernen des Nachtwinds Wehn und seh im sinkenden Sonnenbrande die letzten Schatten vorübergehn . . . Krankenwacht Dumpfe Stille braut und braut rings im Haus, – zuweilen nur leiser Stundenschlag der Uhr und ein geisterhafter Laut wie ein banges, tiefes Stöhnen . . . Nicht der Wind, der nächtlich singt, – ach, ein Seufzen grambeschwert hebt die Brust, die mich genährt – eine müde Seele ringt mit dem letzten großen Schweigen. Müde glimmt zur Krankenwacht noch die Lampe – müde fort starrt mein Blick – – – ach, nur ein Wort, nur ein Schrei in dieser Nacht! Nicht dies hoffnungslose Schweigen . . . Schlaf und Tod Süß und wonnesam ist der Schlaf. – In der strengen Schule des Lebens, wo gleich unverständigen Kindern wir die krausen, verworrenen Rätsel mühsam zusammenbuchstabieren aber nimmer den Sinn erforschen, wo der Schmerz mit ehernem Griffel Runen auf unsere Stirnen schreibt, dünkt der Schlaf die Erholungsstunde mir, die süße, köstliche Pause, da die verschlossene Türe aufspringt und statt dumpfigen Bücherstaubes Sonnenstrahlen und Luft wir atmen . . . süß und wonnesam ist der Schlaf. – Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung von all den lastenden, quälenden Sorgen um des Daseins traurige Narrheit, um der Zukunft lichtloses Dunkel, um das eine, selige Glück, das gleich silbernen Wasserwogen meines Lebens dornige Wüste noch mit blühenden Blumen schmückte, und nun haltlos wie Regentropfen mir in der zitternden Hand zerrinnt. – Süß und wonnesam ist der Schlaf, aber eines noch däucht mich süßer: nicht das Vergessen nur, – das Vergehen! Nicht das Ausruhen, – nein, die Ruhe! Sei willkommen mir, goldene Stunde, die den Schüler gereiften Sinnes aus der drückenden Mauern Enge über die Schwelle hinaus in lichte sonnendurchstrahlte Weiten führt – – Sei gesegnet, du Götterbote, der auf rauschenden Adlerschwingen meine Seele aus Nacht und Dunkel aufwärts trägt zu den fernen Höhn, wo aus goldenem Schacht des Glückes nie versiegende Quellen sprudeln! – Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen, aber das Süßeste ist der Tod. Bild Blaß und herbe dein Gesicht, tief im Blick erloschne Funken, hast den Kelch der Bitternis bis zum Grund du leergetrunken. Langsam hebst du ihn vom Mund, lautlos starrst du in die Ferne – über deinem Haupte gehn klar und kalt die ewigen Sterne. Aus jungen Tagen In ausgefahrnen Gleisen Tausend helle Tropfen sprühen glitzernd auf im Flutenschaum; tausend taube Blüten fallen nieder von der Menschheit Baum; tausend blasse Sterne kreisen ungesehn im Weltenraum – ach, in ausgefahrnen Gleisen meine Spur bemerkt ihr kaum. Ach, in ausgefahrnen Gleisen meine Spur bemerkt ihr kaum – und doch träumte meine Seele einen stolzen Sonnentraum; und doch zog ich trunknen Mutes einst ins Land der Wunder aus, und die blaue Märchenblume bracht ich jubelnd mit nach Haus. Tausend taube Blütenflocken fallen von der Menschheit Baum, und nur selten reift die Goldfrucht unter seiner Blätter Saum – – Ueber meinem Lebenswege liegt ein Nebel dumpf und dicht, und das Ziel in weiten Fernen, meinem Blick erscheint es nicht. Doch die blaue Wunderblume, die ich jubelnd einst gepflückt, wankend unter Kettenlasten halt ich sie ans Herz gedrückt – und aus ihrem Kelche singen Stimmen süß und sehnsuchtsvoll mir ein Lied von jenen Bergen, die ich nie erreichen soll. – Spinnlein Maiblumen pflückt ich mir einen Strauß und brachte ihn abends mit nach Haus und stellte ihn in ein Wasserglas auf den Schreibtisch neben mein Tintenfaß – und schlief und träumte von Blumenblühn, von Wogenrauschen und Waldesgrün, und als die Sonne ins Zimmer sah, welch lieblich Wunder beschien sie da: ein Spinnlein, das ich vergangene Nacht, im Strauß verborgen, mit heimgebracht, war seiner duftigen Haft entronnen und hatte ein schimmerndes Netz gesponnen; das schwankte nun zwischen dem Blumenglas und dem Liederbuch über dem Tintenfaß. Da lacht ich: du willst eine Dichterin sein – und die Spinnen spinnen dein Tintfaß ein? So laß es gelten als freundliches Bild: das Lied, das dir frisch aus der Seele quillt, schreib es nicht nieder mit Stift und Stahl, – gib es dem leuchtenden Sonnenstrahl und sing es hinaus in die blühende Welt . . . Nachsingen mag es, wem es gefällt! Viele Wasser fließen – – Viele Wasser fließen noch den Berg hinab, eh ich meinen Nachen segelfertig hab. Viele rote Rosen welken noch im Hag, eh ich mir ein blühend Kränzel winden mag. Ach, und viele Jahre müssen noch vergehn, eh ich meinen lieben Schatz soll wiedersehn . . . O sei gesegnet Du bist nicht falsch, wie alle noch, die mir auf schmalem Pfad begegnet, um deine Stirn weht Gotteshauch, ein Geist des Lichts, – o sei gesegnet! O sei gesegnet tausendmal für deines Sinnes edle Klarheit, für jede Tat voll Mut und Kraft, für jedes Wort voll Glut und Wahrheit. O sei gesegnet, daß du mir geoffenbart dein tiefstes Wesen, – ein guter Geist war's, der mich trieb, die Schrift auf deiner Stirn zu lesen. Ein guter Geist, der heimatwärts den sturmverschlagnen Nachen lenkte und durch den Glauben mir an dich den an die Menschheit wiederschenkte. Fahr wohl – Aus rastlosem Ringen nach Schein und Schaum in ewige Ruh gerettet – fahr wohl, mein schöner Jugendtraum, sie haben dich sanft gebettet. Sie haben des Friedens Palmenzweig um deine Stirn geschlungen, den Sarg geschmückt mit Lorbeer reich, den lebend du nicht errungen. Und wenn der Abend sinkt herab, von fern die Glocken klingen, dann will ich schleichen an dein Grab und dir die Rose bringen. Heimatklänge Frühling Zu meinen Füßen im welken Laub und mir zu Häupten singt der Wind in den knospenden Buchenkronen. blühen die Anemonen, Ist das ein strahlender Sonnenschein – ist das ein wonniges Wetter! Es rauschen unter meinem Fuß die abgestorbenen Blätter . . . Das ist der lachende Frühlingswind, der kommt aus dem sonnigen Süden und grüßt von der blauen Adria die Wellen, die wintermüden. Das ist der lachende Frühlingswind, der wandert weiter am Strande und küßt noch heute ein einsam Grab im nordischen Nebellande. Auch in den düstern Tannenwald zieht singend König Frühling ein: die jungen Knospen lockt er bald, die glühn wie Blut im Sonnenschein. Durch die wogende Brust des Waldes geht ein Atemholen tief und stark – ein Baum nur trauernd seitwärts steht, den traf der Frost bis tief ins Mark . . . Mainacht So geh ich einsam wieder meine Bahnen im gleichen Schritt im kalten Dämmerlicht, und selten treibt ein stummes Liebesahnen das Blut mir noch ins bleiche Angesicht. Das ist, wenn traumesselig in der holden Frühsommerzeit das Herz der Erde klopft, wenn langsam durch die blauen Fliederdolden auf meine Stirn der Nachttau niedertropft. Dann geht ein Raunen in den Dornenhagen, um die das Mondlicht goldne Schleier webt, daß, süß erschreckt von ahnungsbangen Fragen, ihr junges Haupt die Rosenknospe hebt – Dann schwillt empor aus dunklen Rätseltiefen der Nacht ein Hauch und löst den Zauberbann und rührt, die lange, lange klanglos schliefen, die Saiten meiner Seele tönend an . . . Fruchthauch Ich liebe dich, du weicher Wind, der schmeichelnd meine Stirn umfängt, der mir erstorbenen Sommerglücks Fruchtkeime in die Seele senkt . . . Herbst Ueber den brennenden Meeressand sind wir beide geschritten, als mir dein trotziger Mund gestand, was du erlebt und erlitten. Weithin lachender Sonnenschein, duftverschleierte Fluren . . . sahen denn unsere Augen allein rings des Verderbens Spuren? Welk am Stengel, duftlos und matt, hing die Rose, die süße; ein vertrocknetes Lindenblatt warf uns der Wind vor die Füße. Glanzumflossen und ohne Schmerz nahte des Sommers Scheiden – du nur, zuckendes Menschenherz, du mußt leiden, mußt leiden! – Seine Blüte hat jeder Strauch, Früchte der Baum getragen – du nur, ringender Menschengeist, mußt entsagen – entsagen! Ueber den brennenden Meeressand sind wir beide geschritten, als mir dein trotziger Mund gestand, wie du geliebt und gelitten. Träume nur, Seele ... In den verdämmernden Herbsttag hinein zauberst du lachenden Sonnenschein, und aus der Blätter vergilbendem Flor blühen dir duftige Veilchen empor, träumende Seele – Tönt denn der Glocken dumpfhallender Klang dir wie ein schmetternder Lerchengesang? Siehst du der Erde verweintes Gesicht, fühlst du die eisigen Nebel denn nicht, träumende Seele? – Träume nur, träume . . . der Frühling ist weit; Rosen hat's nimmer im Winter geschneit – dumpf nur und klagend, verweht vom Nordwest, läuten die Glocken zum Totenfest. Träume nur, Seele . . . Frost Vom Meer heran braust schwirrend ein schneidender Nordnordost, durch öde Straßen klirrend schreitet der scharfe Frost. Im Schnee verloren die Pfade und Tür und Tor verweht – nur daß der Stern der Gnade noch leuchtend am Himmel steht! Eisnacht Wie in Seide ein Königskind schläft die Erde in lauter Schnee, blauer Mondscheinzauber spinnt schimmernd über der See. Aus den Wassern der Rauhreif steigt, Büsche und Bäume atmen kaum: durch die Nacht, die erschauernd schweigt, schreitet ein glitzernder Traum. Heimweh 1. Ich fliege mit euch, ihr Winde, weit in die Welt hinaus bis unter die grüne Linde vor meines Vaters Haus. Ich eile durch Himmelshallen euch, wandernde Wolken, nach und höre die Tropfen fallen auf meines Vaters Dach. Heimkehrend von langer Reise, voll Sehnsucht für und für, klopfe ich bang und leise an meines Vaters Tür. Mir ist, als müßte von innen ertönen ein traut »Herein« – als blühte noch immer da drinnen die liebe Heimat mein! Als träte mir grüßend entgegen manch lächelnde Gestalt, die lang schon auf den Wegen des ewigen Friedens wallt, – als dürfte ich wieder lauschen dem Knistern des Feuerherds – und die Regentropfen rauschen eintönig niederwärts. Der Sturm singt vor den Toren, die See grollt dumpf und schwer, meine Heimat ist verloren, ich finde sie nimmermehr . . . 2. Aus wallenden Herbstesnebeln grüßt mich dein Angesicht, mein lieber, trauter Bruder, wie Maiensonnenlicht! Rings blütenduftig Schweigen am Sommernachmittag, hoch über unsern Häuptern das grüne Laubendach. Du warest heimgekehret, und ich hielt deine Hand und lauschte deinen Worten Vom schönen Feindesland, von Schlachtengebraus und Siegen, – dein Auge blitzte klar, du strichst dir aus der Stirne dein dunkellockig Haar – – – Wie kommt's, daß grade heute ich dein gedenken muß? Der Herbst blickt in die Fenster und grüßt mit rauhem Gruß. Verödet liegt nun der Garten, die Bäume sind längst geleert – und du bist fortgezogen, von dannen niemand wiederkehrt. 3. Ich war ein Kind und er war schon groß, und wir liebten uns recht wie Geschwister, ich setzte mir auf seinen blanken Helm und schnallte mir um den Tornister. Dann schlich ich verstohlen, daß keiner es sah, in die Ecke zu seinem Gewehr und versucht es zu heben und prüft es wohl und fand es für mich zu schwer . . . Zu schwer! – O mein toter Liebling du, o du blühende, selige Zeit! ich wurde groß und ich trage Last, und du bist längst befreit. Ostara 1. Klinge denn, klinge, mein Saitenspiel, will mich nicht grämen noch schämen: daß mir die Liebe vom Himmel fiel, mag es die Welt vernehmen! Küsse denn, küsse zum andern Mal, leuchtende Frühlingssonne, mir aus den Augen mit goldigem Strahl selige Tränen der Wonne! Rausche denn, rausche, mein blaues Meer, flute aus allen Borden: eisige Nebel drückten dich schwer – nun ist es Lenz geworden! Lachender Frühling, ich grüße dich, sprudelnder Jugendbronnen: all deine Schönheit erblüht für mich, mein sind all deine Wonnen! 2. Vom Himmel ist der Frühlingsregen herabgerauscht die ganze Nacht, – ich hör im Traum die Tropfen fallen und habe lächelnd dein gedacht. Und nun im lichten Frührotkleide der Tag vor meiner Türe steht, nun schließ ich unter Tränenströmen dich in mein heiligstes Gebet. 3. Komm du, wir wollen traulich schreiten wie selige Kinder, Hand in Hand, durch blütenschwangre Frühlingsweiten, durch warmbesonnten Meeressand. Die Luft erklingt, die Wipfel lauschen, die Sonne grüßt uns trunknen Blicks, – und über unsere Seelen rauschen die Wogen des Ostaraglücks. Das ist ein Wachsen und ein Werden, wir wandeln wie voll süßen Weins: Eins sind wir mit der Kraft der Erden, und mit dem Himmel sind wir eins. Wie rings die Ferne sich entschleiert in Glut und Glanz und Windeswehn, so – Aug in Auge! – leuchtend feiert die Gottheit in uns Auferstehn! 4. Blumen pflückt ich auf der Frühlingswiese, blaue Blumen aus dem Paradiese, Blumen mit den tiefen quellenfeuchten Augen, die wie Menschenaugen leuchten. Ach, aus diesen Kelchen laß mich nippen: dürstend heb ich sie an heiße Lippen, und ich trinke – und ein Sommersehnen träumt in mir, ich trinke deine Tränen.... 5. Wir gingen schweigend Hand in Hand über das reife Ackerland, über die glühe Haide, – im fernen Westen starb das Licht: wir grauten uns im Dunkel nicht, wir lachten im Leide. Und rot erglomm der junge Tag, und laut erscholl der Lerchenschlag, – wir weinten vor Liebe und wußten: hinter den Bergen lag ein Märchenreich, ein Sonnentag, der ewig bliebe. 6. Gedanke du voll stiller Majestät, der mir durchs Hirn an sonnigen Tagen geht, wenn rings die Welt nach Frucht und Reife ringt, du Lied der Sehnsucht, das in lauer Nacht, wenn nur der Mond auf blauen Bergen wacht, das rauschende Blut in meinen Adern singt – Du Lebensflut, die aus den Tiefen quillt begrabnen Seins und rastlos wächst und schwillt und von Geschlecht sich zu Geschlecht ergießt, verborgener Stern im tiefsten Weltenraum, der schlummernd seine Strahlen keusch verschließt, – du meiner Liebe rosiger Knospentraum: ich fordre dich vom Himmel kraft der Kraft die dieses Frühlings holde Wunder schafft, die, Purpurblut, in schwellender Traube schäumt, die im begrenzten Raum Unendlichkeiten träumt, ich glühe nach dir, wie Frührot nach dem Tag! Aufjauchzend steh ich vor der Zukunft Tor und klopfe an mit starkem Herzensschlag: die schweren Marmorflügel drehn sich schon und klaffen weit – – Auf beiden Händen heb ich dich empor, hebe dich zu des Geisterkönigs Tron, daß er mit Feuer deine Stirne weiht, du meine Sehnsucht, meine Ewigkeit: Mein ungeborener Sohn !