Erinnerung 1. Das ist der Platz, auf dem ich stand zum letzten Mal, zum letztem Mal an deiner Seite Hand in Hand – – – nun ging ein Wetter übers Land, die Luft ward kühl, das Laub wird fahl. Jenseits der Düne schäumt das Meer, sein Rauschen klingt wie Klagesang; scharf weht der Wind von Osten her – – – mir pocht das Herz so sehnsuchtsschwer: ich seh dich nicht, weiß Gott, wie lang! So schleppt sich müde Tag für Tag, schon färbt sich rot der Waldessaum; in Tränen steht der Rosenhag – – – daß ich in deinen Armen lag, es dünkt mich wie ein Traum . . . 2. Als noch von deinem Munde mir Wort und Gruß erklungen, in glückberauschter Stunde ist mir kein Lied gelungen. Erst wenn der Sonnenball verglomm in sprühenden Funken, anhebt erinnerungstrunken ihr Lied die Nachtigall. Begegnung Und neulich traf sich's auf der Reise: du bogst dein bleiches Angesicht am Fenster vor und nicktest leise – dann pfiff der Zug; du sahst mich nicht. War's so, daß wir uns finden sollten nach langer Irrfahrt wunderlich?! Ich weiß nicht, wem dein Gruß gegolten, und nahm ihn lächelnd an – für mich. Nachtwandlerin Ahnungslos an Abgrunds Rande wandelst du, vom Tod umhegt – welche Gottheit hat die Binde deinen Augen umgelegt? Ströme brausen dir zu Füßen, doch dein Herz erzittert nicht, – bleich erglänzt im Mondenstrahle dein verklärtes Angesicht. Die letzte Note Nun ist die letzte Note vom alten Lied gesungen, an der verstaubten Harfe die letzte Saite ist gesprungen. Kaum rührt ein Hauch die Lüfte mit leisem tönenden Beben, wenn über die toten Saiten hinflattern die Spinneweben . . . Alltag So schleppen sich in breiter Spur dahin die müden Tage, der Sang der Liebe tönt mir nur wie eine ferne Sage. Das eine Wort, das mich beglückt, war in den Wind gesprochen, – den Goldreif, der mein Haupt geschmückt, hat deine Hand zerbrochen. Wetterleuchten Durch die dichtverhüllten Fenster dringt noch der letzten Blitze mattes Leuchten, – und die Stunde naht auf regenfeuchten Sohlen, die dich wieder zu mir bringt. Jahre liegen zwischen dir und mir: Herzen, deren Pulse nicht mehr pochen, Klüfte, deren Brücken abgebrochen – tote Gluten, Staub und Grabeszier. Aber heut umweht von Liedern mich noch ein Ton, die einst so süß mir däuchten, und die Brust durchzuckt's wie Wetterleuchten, das noch blitzt, wenn schon die Wolke wich. Lächle, ob ich finster blicken mag! Strahle mir mit deiner Augen Sonnen neu ins Herz die längstverrauschten Wonnen, unserer Liebe heitern Frühlingstag. Aus den Schalen duftet Veilchenpracht dir zum Gruß, und volle Kelche schäumen: o, noch einmal laß den Traum mich träumen, der mein Herz so selig einst gemacht! Ruh' dich aus! Nun laß dich nieder, flüchtige Taube, du Unruhvolle, halte Rast! In meines Gartens dunklem Laube erscheinst du wie ein seltener Gast. Hier tönen keine Vogellieder, kein Rosenflor erblüht für mich – verstoßne Taube, laß dich nieder, an meinem Busen berg' ich dich! Wohl stand dein Sinn in blaue Ferne, dein Auge trank das goldne Licht, doch bis hinauf ins Reich der Sterne die müde Schwinge trug dich nicht. Es sank dein Heim der Glut zum Raube, irr flatternd flogst du weit hinaus . . . nun laß dich nieder, flüchtige Taube, in meinem Garten ruh dich aus! Verschüchtert Kind, laß ab zu zittern; nicht schreib ich dir ein hart Gesetz, ich berg' dich nicht in goldenen Gittern und spanne deinem Flug kein Netz: ein Dach für dich im lichten Laube, ein Nest für dich im tiefsten Grün . . . an meinem Herzen, flüchtige Taube, soll dir die Heimat neu erblühn! Ausgekostet In alle Tiefen bin ich gestiegen, erklommen habe ich alle Höhn: ich sah um die Gipfel die Adler fliegen und hörte der Stürzenden Angstgestöhn. Nichts Menschliches ist mir fremd geblieben; aus dem Becher trank ich der bittern Not – und ein wettersturmwildes, gewaltiges Lieben hat wie sengende Flamme mein Haupt umloht. – Nun steh ich abseits – am Straßenrande und hör in den Fernen des Nachtwinds Wehn und seh im sinkenden Sonnenbrande die letzten Schatten vorübergehn . . . Krankenwacht Dumpfe Stille braut und braut rings im Haus, – zuweilen nur leiser Stundenschlag der Uhr und ein geisterhafter Laut wie ein banges, tiefes Stöhnen . . . Nicht der Wind, der nächtlich singt, – ach, ein Seufzen grambeschwert hebt die Brust, die mich genährt – eine müde Seele ringt mit dem letzten großen Schweigen. Müde glimmt zur Krankenwacht noch die Lampe – müde fort starrt mein Blick – – – ach, nur ein Wort, nur ein Schrei in dieser Nacht! Nicht dies hoffnungslose Schweigen . . . Schlaf und Tod Süß und wonnesam ist der Schlaf. – In der strengen Schule des Lebens, wo gleich unverständigen Kindern wir die krausen, verworrenen Rätsel mühsam zusammenbuchstabieren aber nimmer den Sinn erforschen, wo der Schmerz mit ehernem Griffel Runen auf unsere Stirnen schreibt, dünkt der Schlaf die Erholungsstunde mir, die süße, köstliche Pause, da die verschlossene Türe aufspringt und statt dumpfigen Bücherstaubes Sonnenstrahlen und Luft wir atmen . . . süß und wonnesam ist der Schlaf. – Schlaf ist Vergessen, ist die Befreiung von all den lastenden, quälenden Sorgen um des Daseins traurige Narrheit, um der Zukunft lichtloses Dunkel, um das eine, selige Glück, das gleich silbernen Wasserwogen meines Lebens dornige Wüste noch mit blühenden Blumen schmückte, und nun haltlos wie Regentropfen mir in der zitternden Hand zerrinnt. – Süß und wonnesam ist der Schlaf, aber eines noch däucht mich süßer: nicht das Vergessen nur, – das Vergehen! Nicht das Ausruhen, – nein, die Ruhe! Sei willkommen mir, goldene Stunde, die den Schüler gereiften Sinnes aus der drückenden Mauern Enge über die Schwelle hinaus in lichte sonnendurchstrahlte Weiten führt – – Sei gesegnet, du Götterbote, der auf rauschenden Adlerschwingen meine Seele aus Nacht und Dunkel aufwärts trägt zu den fernen Höhn, wo aus goldenem Schacht des Glückes nie versiegende Quellen sprudeln! – Dreimal süßer ist Schlaf, denn Wachen, aber das Süßeste ist der Tod. Bild Blaß und herbe dein Gesicht, tief im Blick erloschne Funken, hast den Kelch der Bitternis bis zum Grund du leergetrunken. Langsam hebst du ihn vom Mund, lautlos starrst du in die Ferne – über deinem Haupte gehn klar und kalt die ewigen Sterne.