652. Sprüche und Segen. (Jeder Segen wird dreimal leise wiederholt und bei dem I.N.G. etc. ein Kreuz geschlagen. Mehrere der hier aus mündlicher Überlieferung mitgeteilten finden sich nach Aufzeichnungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert in Grimms Mythol. Anhang CXXXVI ff. 1. Ausgabe, und in Mones Anzeiger 1833, 234. 1837, 464 ff.) 1. An den Marienkäfer ( coccinella septempunctata ) Maikatt, Flügg weg, Stüff weg, Bring mi morgen good Wedder med. Marspęrd (Markpęrd), fleeg in Himmel! Bring mi'n Sack voll Kringeln, Mi een, di een, Alle lütten Engeln een. 2. An den Schmetterling. Kętelböter (Sommervagel) sett di! Nęs un Mund blött di. oder in Dithmarschen auch: Schomaker (Flœrlœr, Bottervagel) sett di! Schast ok Speck un Brot hebben. (Der Reim gehört wohl eigentlich der Libelle, dem Speckfręter oder Gadespęrd (Gottespferd); man nennt auch den Marienkäfer uns Herrgott sien best Pęrd.) 3. An eine Schnecke. Slingemuus, Kruup ut dien Huus, Stick all dien veer, fief Hörn ut. Wullt du's nech utstęken, Will ik dien Huus tobręken. Slingemuus etc. Snaak, Snaak komm herut, Sunst tobręk ik dien Huus. Tœkeltuut, Kruup ut dien Huus, Dien Huus dat brennt, Dien Kinder de schriegt (flennt?) Dien Fru de liggt in Węken: Kann'k di nich mal spręken? Tœkeltuut etc. Vgl. Mythol. S. 658. 4. An den Kuckuck. Kukuk in Hęwen, Wo lang schall ik lęwen? Sett di in de gröne Grastied Un tell mien Jaarstied. Kukuk, Speckbuuk, Ik birr di: Segg mi doch, Wo vęl Jaar Lęw ik noch? 5. Wenn die Knaben sich Weidenflöten (Wichelfleuten) machen, singen sie, den Weidenstock klopfend: Fabian Sebastian, Laat den Saft ut Holt gaan. oder im östlichen Holstein: Baß, Baß, Baß, Buribaß, Giff mi en gode Fleit (goden Brummel) af; Ik gęv di een werrer af. Vgl. Mythol. S. 1190. – Es ist ein gemeiner Glaube: »Fabian Sebastian (Jan. 20.) Lett den Saft int Holt gaan.« Dann darf kein Holz mehr gefällt werden. 6. An den Hollunder. – Arnkiel I, 179 erzählt: Man hat den Ellhorn auch heilig gehalten, daß ein Part diesen Baum nicht dürfen unterhauen. Wo sie aber denselben unterhauen mußten, haben sie vorher pflegen dies Gebet zu tun: Frau Ellhorn, Gib mir was von deinem Holz; Denn will ich dir von meinem auch was geben, Wann es wächst im Walde. Welches teils mit gebeugten Knieen, entblößtem Haupte und gefaltenen Händen zu tun gewohnt, so ich in meinen jungen Jahren zum öftern beides gehört und gesehen. (Vgl. oben S. 396 ff.) Über das Anbeten des Hollunders vgl. Thiele, Danm. Folkes. II, 282 f. 7. Wenn die Kuh gezeichnet ist. Addern (Ottern) und Schlangen Legen in Sanden. Un so gewann Un so verschwann Un so verschwann düt ook. 8. Ist ein Pferd oder eine Kuh krank, ziehe man ihnen ein Messer durchs Maul und spreche dazu: Dat Beest is krank Van ęten un drinken, Van Water und van Winde. So verswinde Dat, as de Dauw van dem Grase verswindet. Staatsbürgerl. Magazin Band 10, 1107. 9. Wenn eine Kuh verfangen ist. Dat Beest hett sik verfangt, In Frętent un Supent, In Water un Wind. Ik will dit stillen Mit Marien Kind. I.N. etc. Oder hat eine Kuh sich verfangen, so spreche man dreimal leise, dabei das Tier dreimal mit der Hand über den Rücken streichend: Kuh, Kuh, Kuh, Du bist verfangt, Unser Herr Christus ist gehangt. Kuh, Kuh, Kuh, Du bist vom Verfangen los, Unser Herr Christus ist vom Hangen los. Ebenfalls: Uns Herr Christus sien Hangenblood, Damit still ik dit Verfangenblood. 10. Hat ein Rind den Voß (die Bräune), so muß eine schwangere Frau ihm dreimal in den Mund blasen und sprechen: Voß, ik rade dik, Ungebaren jagt dik. I.N. etc. 11. Beim Blutstillen. Auf unserm Herrn Gott sein Haupt, Da blühen drei Rosen, Die erste ist seine Tugend, Die zweite ist seine Jugend, Die dritte ist sein Will. Blut, steh du in der Wunde still, Daß du weder Geschwüre Noch Eiterbeulen gebest. I.N. etc. Blood sta still, Na uns Herr Christus sien Will. Im Namen Gottes des Vaters und Sohn: Nu steit dat Blood schon. Ich sage dir Blut, stehe still, Es ist Maria ihr Will, Es ist Maria ihr Begehr, Steh du mir nun und immermehr. I.N. etc. Blut, ich sage dir, du sollst stehen und mußt stehen. Ebenso auch gegen Kopfschmerzen, Herzklopfen etc. 12. Gegen den Mord (Schlagfluß). Mord, du hest ęr dalschlaan: Unse Herr Christus seggt, Du schast wedder upstaan. oder: Uns Herr Christus un de Moort De güngen tosamen dœr en enge Poort. Uns Herr Christus de gewann, De Schlag un de Moort verschwand. 13. Gegen das Schlucksen Schluckop, Loop lank de Buuk op, Loop lankt Redder (einen eingezäunten Weg), Kumm nich wedder. Schluckop un ik Wi stegen dœr en Knick, Ik köm dardœr, Schluckop bleef davœr. Schluckop un ik Gingen œwern Weg, Schluckop füll' rin Un ik leep weg. Hukup, Sluckup, Loop lang de Hęg Kumm nümmer to Węg, Hukup ga weg. Ga vör min Nabers Dœr, Maak en lüttes Knickschen vœr, Hukup ga weg. 14. Gegen die Kolk Kolk, ik rade di mit en Füerfatt ut dat Huus En brave Mann un en böse Wief, Damit rade ik di de Kolk ut dinen Lief. I.N. etc. 15. Gegen das Fieber: Man schreibe in den Schornstein oder auf einen Zettel, den der Kranke essen muß: Fieber bleib aus, N N. ist nicht zu Haus. 16. Bei stillen Schmerzen (Rheumatismus). Christus durch den Wunden dein Entziehen allen Unglück dein Fünf Wunden Gottes helfen dir Denn ich bin deine Arzenei für und für. ( sic ) I.N. etc. 17. Gegen Gicht. Guden Abend, Herr Fecht, Ik bring em hundertnęgenunnęgentig Gicht. Nümm se man an, So bün ik darvan. oder: Man faßt eine Eiche oder den jungen Schößling einer schon abgeschlagenen Eiche (Ekenhessen) an und spricht: Ekenhessen, ik klaag di, All de riten Gicht de plaagt mi. Ik kann dar nich vœr gaan, Du kannst damit bestaan. Den eersten Vagel, de œwer di flüggt, Den giff dat mit in de Flucht, De nęm dat mit in de Lucht. I.N. etc. 18. Gegen die englische Krankheit. Engelsche Krankheit verswinn, Wie de Dau an de Sünn, Wie de Kukuk vör den Sœwenstern. 19. Gegen Flechten. De Hechel un de Flechel De gingen all beid œwer en Stechel. De Hechel de gewunn Un de Flechel verswunn. I.N. etc. 20. Gegen den Barmgrund ( tinea ). Man holt stillschweigend Wasser und wäscht den Kopf damit sogleich lauwarm, sprechend: So standen drei Mädchen wohl vor dem Brunn, De ene de wusch, de ander de wrung. Darin is verdrunken en Katt un en Hund, Damit verdriew ik di den Barmgrund. Vgl. Provinzialberichte 1797. S. 238. 21. Gegen die Rose (Helldink). Ik segg: Helldink, Helldink, Du schast ni stęken, Du schast ni bręken. Helldink, Helldink, Du schast ni kellen (quälen oder quellen?), Du schast ni schwellen. Dat schast du ni doon, Dat schast du ni doon. Peter un Paul gingen œwert Moor. Wat begegen ęr dar? Helldink, Helldink! – »Helldink, wo wullt du hin?« Nan Dörp. »Wat wullt du dar?« Kellen un schwellen un wee doon. »Dat schast du ni doon, Dat befęl ik di in Gottes Namen.« Hildink, ik raa di. Raa ik di nich seer, So jaag ik di noch vęl meer. I.N. etc. (Dies wird auch dreimal gesprochen, nach einer Pause noch dreimal, und nach einer neuen Pause wieder dreimal. Jedesmal wird die kranke Stelle dabei kreuzweise angeblasen.) Rode Ros' un witte Ros', Dunkle Ros' un helle Ros', Verswinn, Wie de Dau vör de Sünn. 22. Gegen die Bellrose. Petrus un Paulus Gingen ut Kruut to söken; Dar wollen se de Ros' mit verteen, De Kelleros', de Schwelleros', De Stękeros', de Brękeros', De Blätterros'; Awer allens wollen se damit verteen. I.N.G. etc. 23. Beim Gewächs. Man legt den Finger darauf und darf nicht darauf sehen, indem man spricht: Was ich seh, das wächst, Was ich seh, das vergeht. I.N. etc. Gegen Warzen gibt es nur ein Mittel. Man kann sie nur im Mondschein los werden. Man muß sich bei zunehmendem Mond ins Freie begeben, den Mond starr anblicken und mit der Hand über die Warzen hinstreichen, unter diesen Worten: Was ich ansehe, nimmt zu, Was ich überstreiche, nimmt ab. Ähnliche Mittel wird der vor kurzem unter großem Zulauf hier herumziehende Mondscheinmann angewandt haben, um damit Lahme, Blinde und andere Kranke zu heilen. 24. Gegen den Adel oder Fiek (Wurm) im Finger. Nicht zu schnell und zur Zeit nur einmal zu sprechen: De Adel un de Stool De gungen beid an enen Pool. De Adel de verswunn, De Stool de gewunn. I.N. etc. 25. Gegen Schmerz im Finger. Ik rad' en bęten Mit Heisterknaken, Mit Kreienföten, Schall di de Weedaag uten Finger staken. 26. Wenn man sich den Fuß vertreten. Ik hool mien Foot in'n Kattengang (wo die Katzen durchspringen können) So still ik wol den Gnirrband. 27. Bei einem Mal auf dem Auge. Dar seten dree Jünfern an den Weg. De een de puust dat Sand uten Weg, De ander de puust dat Loov vannen Boom, De drürr de puust dat Maal von Oog. I.N. etc. oder: Statt kreuzweise zu pusten, wird mit Stahl und Stein überkreuz Feuer geschlagen: Hier schrief ik enen Rink Mit en stalern Messer, De Rink is sund (gesund) Dat Hildink verschwund. 28. Gegen den Brand. Brand, Brand, Du geist œwer Moor un Land. Mit mien gesegnete Hand Rade ik düssen Brand. I.N. etc. Petrus und Johannes Gingen beide wandeln. Petrus nahm den Stab in die Hand, Damit still ik di den Brand. Hoch is de Hęwen, (Himmel) Rood is de Kręwen, (Krebs) Koold is de Dodenhand, Damit still ik düssen Brand. I.N. etc. Hoch is de Hęwen, Koold is de Nęwen (Nebel) etc. 29. Beim Flachssäen spreche man: Flaß, ik streu di in den Sand: Du must wassen as en Arm dick Un as en Kęrl lank. So auch beim Wurzelsäen: Du schast wassen as en Been dick Un as en Arm lank. 30. Damit die Hexen nicht über Nacht den Rahm von der Milch nehmen, spricht man beim Zudecken des Topfes: Hen un her, Un wedder um de Dœr Wat hest du bi mien Roomputt verlaren? 31. Das Feuer zu besprechen. Gott und Petrus gehen übers Land, Sie sehen brennen einen Brand. Brand, du sollst nicht brennen, Brand, du sollst nicht sengen, Brand, du sollst nicht hitzen, Brand, du sollst nicht schwitzen, Bis die liebe Mutter Gottes Ihren andern Sohn sollte gebären. I.N. etc. 32. Ofen anbeten beim Pfänderspiel. Awen, Awen, ik będ di an, 's Winters bist du'n goden Mann, 's Sommers seh ik di nich an. 33. Beim Regenwetter. Ręgen, Ręgen rusch'! De König faart to Busch. Laat den Ręgen œwergaan, Laat de Sünn wedderkamen. Lewe Sünn, kam wedder Mit dien golden Fedder, Mit dien golden Stralen Beschien uns altomalen. (Beschien dat ganze Engelland, Da hangt de Klocken an de Wand Wo Maria bawen sitt Mit dat lütje Kind in Schoot. Haalt en Stutenbotterbroot, Mi wat, di wat, Unse lütje Muuschkatt wat; Denn hefft wi altomal wat.) 34. Einen Dieb zum Stehen zu bringen. Mutter Maria reiste wohl über das Land, Sie hat ihr liebes Kind bei der Hand. Da kamen die Diebe und wollten stehlen. Da sprach sie zu St. Peter: Binde! St. Peter sprach: Ich habe gebunden Mit eisernen Banden mit Gottes Handen. Du, Dieb und Diebin, sollst gebunden sein. Wiederum sollst du stille stehen und nirgends hingehen. Du sollst stehen als ein Stock und starr sehen als ein Bock, Und zählen all das Gras, das auf der Erde wachst. Wiederum sollst du stille stehen und nirgends hingehen, Sollst stehen als ein Stock und starr sehen als ein Bock Und zählen die Sterne, die am Himmel stehen. Wiederum sollst du stille stehen und nirgends hingehen; Du sollst stehen als ein Stock und starr sehen als ein Bock Und zählen den Sand, der liegt am Meeresgrund. Wiederum sollst du stille stehen und nirgends hingehen; Du sollst stehen als ein Stock und starr sehen als ein Bock, Bis ich dir mit meiner Zunge Urlaub gebe. Den Himmel gebe ich dir zu deiner Hütte, Und die Erde zu Schuhen deiner Füße. Amen! in des Teufels Namen. 35. In Schleswiger Hexenprozeßakten wird erzählt, daß einmal drei Kunstfrauen (Zauberinnen) beschlossen, den Müller Claus Selk von seiner Mühle zu treiben und darauf um Leib und Seele zu bringen. Sie holten aus St. Jürgen, der Vorstadt, für einen Witten (alte Scheidemünze) Milch, kochten sie unter Anrufung aller Teufel, und füllten sie dann unter denselben Ausrufungen mit Löffeln auf zwei heiße Steine aus, indem sie sprachen: So soll in aller Teufel Namen Der Müller vergehen, Wie die Milch auf den heißen Steinen. Und dann rief die eine: Amen! in aller Teufel Namen. 36. Gegen Hieb und Stich gesichert ist der, der ein weißes Pergament mit diesem Zeichen † A. 36. m. 9. ††† bei sich trägt und dann, wenn der Stich geschehen soll, sagt: Ich beschwöre dich, Degen gut, Daß du nicht von mir sollst bringen Blut; Dies zähl ich dir, Schwert, zur Buß. In den Namen der Geister Gufalon, Samalekti etc. Laß, Husumsche Nachrichten I, 151. 37. Liebessegen. Will eine Jungfer ihren zukünftigen Bräutigam sehen, so muß sie um Mitternacht vor Neujahr rückwärts in der Küchentür stehen und sprechen: Gott grüß dich Abendstern, Du scheinst so hell von fern, Über Osten, über Westen, Über alle Kreiennesten. Ist einer zu mein Liebchen geboren, Ist einer zu mein Liebchen erkoren, Der komm, als er geht, Als er steht, In sein täglich Kleid. Laß, Husumsche Nachrichten I, 151. 39. Zur guten Nacht. 1. To Bett, to Bett, De'n Leevsten hett. De kenen hett, Mutt ook to Bett. Goden Abend, gode Nacht! Mit Rosen bedacht, Mit Nęgelken bestęken Kruup ünner de Dęken! Morgen frö, wills Gott, wölln wi uns wedder spręken. Vgl. den Wunsch aus dem 15. Jahrhundert in Mones Anzeiger 1834, 290. 2. Herr Jesu, ik will slapen gaan: Laat veertein Engel bi mi staan! Twee to minen Hövden, Twee to minen Föten, Twee to miner rechter Hand, Twee to miner luchter Hand, Twee de mi decken, Twee de mi wecken, Twee de mi wisen In dat himmlische Paradiesen. Vgl. Schütze, Idiotikon I, 76. Firmenich S. 246. 3. Nu will ik slapen gaan Und mi op minen Gott verlaten. Und wenn de bitter Dood kümmt Und will mi besliken, So för mi, Herr Jesu, In din Himmelrike. Diesen und den vorhergehenden Spruch führt schon Agricola zum 547. Sprichwort an.