Friedrich Matthisson Gedichte aus den Studienjahren (1778–1781) Der Hügel 1778. Segen Gottes dem Mann, Segen des Enkels ihm, Und die Thräne des Danks ferner Jahrhunderte, Welcher schattende Wipfel Dir, o fröhlicher Hügel, gab! Und das duftende Grün deiner Gesträuche, die, Zweig geschlungen in Zweig, labende Kühlung streun, Und das Schnekkengewinde Deines blühenden Hekkengangs. Ueberirrenden Bliks, schauet mein Aug' umher, Ob kein Taxusgebild oder ein Buchsbaumrand Deine Schönheiten fälsche, Und, o Freude! ich späh' umsonst! Ungeschminkte Natur, eben so wunderschön Als in deinem Gefild, glükliches Schweizerland, Deinen blumichten Thalen, Und bewipfelten Felsenreihn, Weilt im Maiengewand, mütterlichliebevoll, Nachtigallen im Schoos, Blumen um ihrer Stirn, Hier im traulichen Schatten Melancholischen Fichtengrüns, Winkt und lächelt mir zu, winket und lächelt sanft, Schüttelt Blüthen herab, säuselt um mich herum, O ich folge, ich folge, Allbelebende Göttin, dir! Sieh! den Hügel hinan leitet die Göttin mich, Auf dem einsamen Pfad dämmernder Schattennacht, Zeigt des fröhlichen Hügels Ganze Fülle der Schönheit mir! Laubgewölbe voll Duft, welche dem Rastenden Kühlung bieten und Ruh', Rasen dem Schlummerer, Ueberhüllet von Geisblatt Oder rankendem Wintergrün; Und vom Gipfel herab, blühend wie Edens Flur, Das gesegnete Land, welches im Goldpallast Und in dörflicher Hütte Himmelselige Wohner nährt! Sag, o Hügel, mir an, warest vom Anbeginn Du von Düften bewölkt? sproßten dir Blumen auf? Und entwehte die Kühle Deinem zitternden Laube stets? Baumlos ragtest du einst, naket und dürftig auf, Sparsam keimte dein Gras unter dem Sand' hervor, Disteln zischten im Winde, Und dein Gipfel war schattenleer! Aber Blumen entblühn, Lauben bekleiden sich, Bäume treiben empor, lachender Mai beginnt, Wenn im Herzen des Edlen Nachweltliebe zu Thaten keimt. Solche Seelen belohnt, wenn in der Rasengruft Ihre Hülle von Staub lange der Ernte reift, Manches fühlenden Mädchens Einsamdankende Zähre noch. Segen Gottes dem Mann, Segen des Enkels ihm Und die Thräne des Danks ferner Jahrhunderte, Welcher schattende Wipfel Dir, o fröhlicher Hügel, gab. Wonne der Liebe Wer an der Geliebten Augen hangen, Wer mit Feuerinbrunst sie umfangen, Sich in ihrem Kuß berauschen kann, Welch ein hochbeglükter Mann! Er verlacht das leere Weltgetümmel, Seinen Blik umschweben tausend Himmel, Gold und Ehr' ist ihm ein Kinderspiel, Groß und hehr ist sein Gefühl! Könnten Engel Sterbliche beneiden, O! sie neideten ihm seine Freuden! O! sie tränken aus der Liebe Meer Ruh' und Seligkeit, wie er! Lächelnd tanzt ihm Jahr auf Jahr vorüber, Und ein Kuß in jene Welt hinüber Ist dem Glüklichen, im Abendroth Seines Lebens, einst der Tod. Sehnsucht Gottes Dämrung ist schön! Wonne der Himlischen Tönt dein Abendgesang, flötende Nachtigall! Und es hüllet mein Auge In den Schleier der Wehmuth sich? Die du liebest ist fern! flüstert mein Genius, Unter Erlen des Bachs wandelt die Traurende, Weilt im dämmernden Schatten, Wo die Zähre der Trennung rann! Die ich liebe ist fern! Eil', o mein Genius, Lispl' ihr: Einsam, wie du, denkt der Entfernte dein, Und es hüllet sein Auge In den Schleier der Wehmuth sich! An die Stille Wann aus leichter Silberhülle Luna niederschaut, Sehn' ich mich nach dir, o Stille, Wie der Jüngling nach der Braut! Ach! mit wehmuthsvoller Rührung, Freundin! denk ich dein, Hier wo Leichtsinn und Verführung Giftbethaute Rosen streun! Wo des Lasters Stirn zu kränzen Tausend Blumen blühn, Wo vor wilden Taumeltänzen Grazien und Unschuld fliehn; Wo der Name des Verbrechers Zu den Sternen dringt, Und das Haupt des Tugendrächers In des Kerkers Nächte sinkt! O beglückt, wen in des Haines Dämmerung versteckt, An der Quelle Rand, ein kleines, Buschumwölbtes Strohdach deckt! Du nur, heilge Stille, flügelst Hoch den Geist empor! Führst der Hofnung Schifflein, spiegelst Uns des Himmels Freuden vor! Hymne Herr! es verkündigt dich der Wandelsterne Gang, Durch alle Himmel tönt seraphischer Gesang, Die ganze Schöpfung schwebt in ewgen Harmonieen, So weit sich Welten drehn und Sonnenheere glühen! Dein Tempel, die Natur, ist deiner Herrlichkeit Und deiner Güte voll! des Frühlings Blumenkleid, Des Sommers Aehrenmeer, des Herbstes Traubenhügel, Des Winters Silberhöh'n sind deiner Allmacht Spiegel! Was bin ich, Herr, vor dir? Seit gestern leb' ich kaum, Und doch trennt von der Gruft mich nur ein kleiner Raum; Nur Traum und Dämmrung bleibt im Erdenthal mein Wissen, Mein Leben fleucht dahin umringt von Finsternissen! O du, den oft zu Gott der Andacht Flügel trug, Empor, empor, mein Geist, mit kühnem Adlerflug! Die Ewigkeit ist dein, zum lichten Engelleben, O sing ihm ewig Dank! wird dich der Herr erheben! Drum weih' ich dir allein, o Gott, der Harfe Klang! Dich preise früh und spät mein betender Gesang, Bis dies Gewand von Staub des Todes Hand zertrümmert, Und dir, o Quell des Lichts, mein Geist entgegenschimmert! Elisas Geburtstag To each his suff'rings: all are men, Condemn'd alike to groan, The tender for another's pain; Th'unfeeling for his own. Gray. 1779. Dein gedenk' ich, o Freundin, mit Thränen des Danks und der Freude, Dein mit Gefühlen der Ruh', Hier auf dem schwellenden Rasen, beschattet vom blühenden Kirschbaum, Wo, bei der Nachtigall Lied, Jüngst dein weinendes Auge sich hellte, wo uns des Abends Freundlicher Schimmer umfloß, Ach! und begrüsse mit Himmelsempfindung den Morgen des Tages Welcher der Erde dich gab. Ruhig fliesse mein Lied und sanft, wie dein Leben, du Edle, Wenn, am errungenen Ziel, Einst die lohnende Mirthe dich kränzt und die Liebe zum Eden Dir deine Pfade verschönt. Als die erste Freudenthräne der redlichen Mutter Ueber die Wange dir rann, Als zum erstenmal ihr Arm, mit süsser Entzückung, Um die Erflehte sich schlang: Siehe! da tönte das Lied der Engel aus leuchtenden Wolken, Dich zu begrüssen, herab! Schwester nannten sie dich und Bürgerin seliger Welten, Weihten der Unschuld dein Herz, Stimmten zum lautersten Einklang mit Gottes Natur deine Seele, Gossen für Alles, was groß Gut und erhaben und schön ist, dir Flammengefühl in den Busen, Bildeten sorgsam den Keim Zum beglückenden Wonnegedanken: daß Freundschaft und Liebe Jenseits der Grüfte noch blühn. Also begannen die Söhne des Lichtes, vereint mit der Harfe Bebendem Silbergetön: »Schwesterseele, willkommen auf Erden, holdseliges Mädchen, Sei uns mit Wonne gegrüßt! Sanft umwölkt sich dein Auge voll Unschuld am Busen der Mutter; Ahndet, Geliebte, dein Herz Schon in der Morgenröthe des Lebens die Stürme des Mittags? Zittert ein dämmernd Gefühl Jener nächtlichen Tage des hofnungslosen Ermattens, Unter der beugenden Last Unverschuldeter Schmerzen der Zukunft, dir bang durch die Seele? Dornicht und rauh ist der Pfad, Den die ewige Liebe dich leiten wird, aber am Ausgang Schimmert die Krone des Lohns. Unschuld, Einfalt und Liebe, und jede gefällige Tugend Schmücke, Geliebte, dich einst! Dann wird voll Hofnung und Ruh' und siegender Kraft, deine Seele Mitten im Thale der Nacht, Wo kein leitendes Sternchen dir funkelt, die Vaterhand segnen Welche durch Wüsten dich führt. Darum wandle voll göttlichen Friedens der Zukunft entgegen! Eh' noch dein Mittag sich neigt, Wird der Stürme Getümmel in Hauche des Frühlings sich wandeln, Wird deines irdischen Laufs Blumenumduftete Bahn in rosige Schimmer sich kleiden, Und, in Gefilden der Ruh', Dir dein Leben, durch jedes Entzücken der Tugend verherrlicht, Heiter und lächelnd entflieh'n. Eile, wir flehen voll Sehnsucht, o eil' im Wechsel der Jahre, Selige, selige Zeit! Schwesterseele, willkommen auf Erden, holdseliges Mädchen, Sei uns mit Wonne gegrüßt!« Theon an Lyda Ahi crudo amor! ch'egualmente n'ancide L'assenzio e'l mel, che tu fra noi dispensi; E d'ogni tempo egualmente, mortali Vengon da te le medicine, e i mali. Tasso. 1779. Nimmer, nimmer darf ich dir gestehen Was, beim ersten Drucke deiner Hand, Süsse Zauberin, mein Herz empfand! Meiner Einsamkeit verborgnes Flehen, Meine Seufzer wird der Sturm verwehen, Meine Thränen werden ungesehen Dir, o Holde, rinnen, bis die Gruft Mich in ihr verschwiegnes Dunkel ruft! Ach! du schautest mir so unbefangen, So voll Engelunschuld ins Gesicht, Wähntest den Triumph der Schönheit nicht! Lyda! Lyda! sahst du nicht den bangen Blick der Lieb' an deinen Blicken hangen? Schimmerte die Röthe meiner Wangen Dir nicht Ahndung der verlornen Ruh' Meines hofnungslosen Herzens zu? Daß uns Meere doch geschieden hätten Nach dem ersten, leisen Druck der Hand! Schaudernd wank' ich nun am jähen Rand Eines Abgrunds, wo, auf Dornenbetten, Thränenlos, mit diamantnen Ketten, Die Verzweiflung lauscht. Ach! mich zu retten, Holde Feindin meiner Ruh', verbeut Dir des strengen Schicksals Grausamkeit! Der Vollendete 1780. Heil! dies ist die lezte Zähre Die des Müden Aug' entfällt! Schimmern seh' ich schon die Sphäre Jener bessern Himmelswelt! Leicht, wie Morgennebel schwinden, Ist des Lebens Traum entflohn, Paradiesespalmen winden Engel für den Dulder schon! Schweben auf die Stäte nieder Wo er mit dem Tode ringt, Singen Hallelujalieder Bis die Erdenhülle sinkt; Ha! mit deinem Staubgewimmel Rollst, o Erde! du zurük! Näher glänzt der offne Himmel Schon des Ueberwinders Blik! Harfen rauschen ihm Willkommen! In der Lebensbäume Wehn, Engel singen: Heil! dem Frommen, Heil! dem Frühvollendeten! Der empor, mit Adlerschnelle, Zu des Lichtes Urquell stieg; Tod! wo ist dein Stachel? Hölle! Stolze Hölle! wo dein Sieg? Die Sterbende Heil! dies ist die letzte Zähre, Die der Müden Aug' entfällt! Schon entschattet sich die Sphäre Ihrer heimathlichen Welt. Leicht, wie Frühlingsnebel schwinden, Ist des Lebens Traum entflohn, Paradiesesblumen winden Seraphim zum Kranze schon! Ha! mit deinem Staubgewimmel Fleugst, o Erde, du dahin! Näher glänzt der offne Himmel Der befreiten Dulderin. Neuer Tag ist aufgegangen! Herrlich stralt sein Morgenlicht! O des Landes, wo der bangen Trennung Weh kein Herz mehr bricht! Horch! im heilgen Hain der Palmen, Wo der Strom des Lebens fließt, Tönt es in der Engel Psalmen: Schwesterseele, sei gegrüßt! Die empor mit Adlerschnelle Zu des Lichtes Urquell stieg; Tod! wo ist dein Stachel? Hölle! Stolze Hölle! wo dein Sieg? An ein Dorf How happy he who crowns in shades like these, A youth of labour with an age of ease! Goldsmith. Edens Blumen blühn in deinen Thalen, Edens Silberquellen Schlingen sich durch deine Schattenhaine, Buschumkränztes Dörfchen! Gottes Friede schwebt um deine Hütten, Wenn der Morgenröthe Rosenfarbner, goldbesäumter Schleier Lieblich dich umwallet. Gottes Friede schwebt um deine Hütten, Wenn die Nachtigallen, Im Getön der dumpfen Abendglokke, Schlummerlieder flöten. In der Dämmrung deiner Bäume wandeln, Arm in Arm geschlungen, Schwesterlich wie einst im Garten Adams, Seelenruh und Unschuld. An der Himmelstöchter Busen trinken Mädchen, Greis, und Jüngling, Nach des schwülen Erntetages Mühen Kraft und süsse Labung. Unter deinen Halmendächern wohnen Zucht und deutsche Treue, Sie, die stolzer Marmorsäle wildes Lustgetümmel fliehen. Sittsamkeit ist deiner Töchter Erbe, Gleich des Maienmorgens Purpur, glüht in keuscher Jugendröthe Ihre holde Wange. Edel sind und kraftvoll deine Söhne! Ihrer starken Rechte, Ungeschwächt vom Feuerhauch der Wollust, Blüht die öde Wüste. O daß mir, o Dorf, in deinen Schatten Meines Lebens Bächlein Ungesehn verränne, rein wie jener Wiesenquelle Silber. O daß endlich hier am treuen Busen Eines edlen Weibes, Die beweinte, längstverlorne Ruhe Wieder mich umarmte! Dort am Abhang jenes Blumenhügels, Wo durch Erlenreihen Silberblinkend sich das Bächlein windet, Wo die Linde flüstert, Wo die Eiche Dämmrung streut und Kühle, Wo des Thals Gesträuche Ihre grünen Lokken in des Seees Blauen Fluthen spiegeln, Stünde meine weinumrankte Hütte, Grünte meine Laube, Blühten meines Blumengartens Beete, Reiften meine Saaten. Jenes Buchenhaines Frühgesänge Wekten mich am Morgen, Jenes Apfelbaumes Nachtigallen Tönten mich in Schlummer! Aber ach! der Hofnung Aug' ist trübe! Tief der Zukunft Dunkel! Schwebt nicht auf des Weltgewimmels Wogen Unstät noch mein Nachen? Starb der Freude leztes, süsses Lächeln Nicht an Laura's Grabe? Welkte nicht ihr Kranz, der lebenduftend Meine Schläf' umblühte? Viel hab' ich geweint, und viel gerungen, Viel der Stürm' erduldet! Mancher Lenztag meiner Jugendzeiten Schwand mir gramumdüstert! O! wann wird die Nacht der Schwermuth tagen? Wann die Stund' erscheinen, Die mich dir entgegen bringt, o Dörfchen, Oder meinem Grabe? An ein Dorf How happy he who crowns in shades like these A youth of labour with an age of ease! Goldsmith. Flora krönt mit heitrer Blumenfülle Deine Rasenhügel, Ceres überströmt mit goldnem Segen Dein Gefild, o Dörfchen! Schwesterlich, in deiner Bäume Zwielicht, Wandeln, traut umschlungen, Wie durch Geßners Hirtenparadiese, Seelenruh' und Unschuld. Sittsamkeit blieb deiner Töchter Erbe; Ihrer Wangen Blüthe Prangt in keuschem Jugendroth, wie Guidos Himmlische Madonnen. Wacker sind und kraftvoll deine Söhne; Mit wie mancher Wildniß, Wo die Distel herrschte, rang um Aehren Schon ihr Arm von Eisen! O daß einst, o Dorf, in deinen Schatten, Bis zur letzten Woge, Mir der Strom des Lebens, rein wie jener Wiesenborn, entwallte! Dort, wo Pappeln Dämmrung streun und Kühle, Wo des Thals Gebüsche In des Mühlenteichs kristallner Klarheit Ihre Locken spiegeln: Winkte meine weinumrankte Hütte, Grünte meine Laube, Blühten meines Blumengartens Beete, Reiften meine Saaten! Jenes Buchenhaines Frühgesänge Weckten mich am Morgen; Dieses Apfelbaumes Nachtigallen Tönten mich in Schlummer! Stern der Hoffnung! Doch du bist umschleiert; Ach! das Wonnelächeln Meiner Grazie, der holden Freude, Starb an Lauras Grabe! Der Frühlingsabend Ueber des Frühlings Blüthen funkelt Hesper, Leiser wandelt des Abends linder Odem Durch des Hügels Blumen und durch der Haine Dämmernde Wipfel. Golden vom Schimmer lichter Westgewölke, Ruht im Thale des See's kristallner Spiegel, Lieblich kränzen flüsternde Pappeln seine Grünenden Ufer. Schmachtendes Sehnen nach des Tags Erwachen, Dem kein sterbender Abendglanz wird folgen, Trübt den Blick mir unter des jungen Frühlings Duftenden Blüthen! Lied der Schwermuth Ogni Oggetto ch'altrui piace Per me lieto più non è O perduto la mia Pace, Son'io stesso in odio a me. Rolli. Des schönsten Tages Abend sinkt bekrönt, Mit glanzbesäumten Purpurwolken nieder, Des Haines Bild, vom goldnen Stral verschönt, Blinkt aus des See's krystallnem Spiegel wieder, Durch Feld und Wald und Saatgefilde tönt Die Sängerin der Nächte Zauberlieder, Jezt schwebst du, Herzerfreuerin, o Ruh'! Der müden Schöpfung schlummerträufelnd zu! O Göttin, mit dem Engelangesicht, Von Gott zum Trost dem Sterblichen beschieden, Wenn jeder Stab in seinen Händen bricht, Du thaust jezt Labung auf das Haupt des Müden, Nur mir ins Herz strömst du wie vormals nicht, Allgütige! des Himmels süssen Frieden! Hast du, die einst mir stets zur Seite stand, Den Blik auf ewig von mir weggewandt? Dich sucht, in banger, sternenloser Nacht Mein Geist, auf naßgeweinter Schlummerstäte, Wo nur der Schwermuth trübes Auge wacht, Dich, die mich einst zum Erdengott erhöhte, Als noch, voll Herrlichkeit und Himmelspracht, Des Jugendlenzes erste Morgenröthe, O wie so rein, so mild, so wolkenlos Ihr schönes Licht auf meine Pfade goß! Als mein stillheitres, unbefangnes Herz Das grosse Lebensschauspiel noch nicht kannte, Bei fremder Freude, wie bei fremdem Schmerz Von engelreiner Mitempfindung brannte, Und ach! wie oft, geflügelt himmelwärts, In Andacht schmolz! – o Ruh! o Gottgesandte! Da kränztest du mit Scherz und Freude mich, Da nannt' ich Schwester, Busenfreundin dich! Im Nachtigallenhain, am Wasserfall, Am blumenvollen Hang bebüschter Hügel, Im Erlenwald, im bunten Frühlingsthal, An mondbeglänzter Bäche klarem Spiegel, Im Morgenlicht, im Abenddämmrungsstral, Umschwebte wonnesäuselnd mich dein Flügel, Auf Rosen hingegossen, wehtest du Mir Schlaf und Paradiesesträume zu! Oft wenn in schlummerloser Nacht, eu'r Bild Mit allen seinen tausend Seligkeiten Und goldnen Szenen mir die Seele füllt, O holde, ruhgeweihte Knabenzeiten! Dann wird die Dunkelheit, die mich umhüllt, Noch nächtlicher, und heisse Thränen gleiten; Vergebens fleh' ich weinend vom Geschik Nur einen Tropfen eurer Lust zurük. Vom Strome bittrer Leiden fortgerissen, Kennt dich mein zährentrüber Blik nicht mehr, O Ruh'! von meinen seligsten Genüssen Einst Schöpferin! Wie öd' und freudenleer Ist jezt, umnachtet von den Finsternissen Des tiefsten Kummers alles um mich her! Kein Freund erscheint, kein Stern der Hofnung lacht Trostblinkend durch der Zukunft Mitternacht! Am Grabe tagt des Lebens Dämmerung! Dort sinkt entnervt des Kummers Rechte nieder, Hoch zu den Sphären hebt, mit Adlerschwung, Der freie Geist sein sonnigtes Gefieder! Wann reichst du mir, o Tod! den Labetrunk? Wann sammlest du den Staub zum Staube wieder? Entschimmre bald dem Ozean der Zeit O Morgenglanz der ernsten Ewigkeit! Elegie 1780. Mein Geist, des Erdewallens müde, Sehnt sich, o Gruft! nach deiner Ruh, Denn meines Herzens goldner Friede Flog seinem Eden wieder zu. Wie Regenbogenschimmer schwanden Der Jugend holde Phantasien; Den Kranz, so Lieb' und Freundschaft wanden, Hies, Trennung, deine Hand verblühn! O! selige Erinnerungen! Da ich, am lenzumblümten Bach, Von Nachtigallen eingesungen, Als sorgenfreier Knabe lag; Da unbedornten Blumenwegen Entzükken Strom auf Strom entquoll, Mir Sphärenmelodie entgegen In jedem Frühlingsliede scholl; Da mir noch keine Thränen flossen, Als die die Freude weinen hies, Da ich, vom Mutterarm umschlossen, Mich überschwenglich selig pries; Da Ruhe Stund in Stunde webte, Mir wundersüße Lieder sang, Um jeden meiner Tritte schwebte, Bis ich den Kelch des Schlummers trank. O! steh mir immerdar zur Seite, Geliebtes Bild der Knabenzeit! Bis zur Vollendung, dann geleite Mich im Triumph zur Ewigkeit. Ach! meines Herzens goldner Friede Flog seinem Eden wieder zu, Mein Geist, des Erdenwallens müde, Sehnt sich, o Gruft! nach deiner Ruh! Hinauf! Hinauf! zu jenem Lande Von wo du stammest, o mein Geist! Wo du, im schimmernden Gewande, Dich ewig deines Gottes freust! Dort trinkst, in vollen Taumelzügen, Du süße, niebereute Lust! Dort wird der Zähren Quell' versiegen, Dort schwellt kein Seufzer mehr die Brust! Dort strömt dir Paradieseswonne Aus tausend Lebensbächen zu, Dort lächelt eine mildre Sonne Dir unaussprechlich sanfte Ruh! Bald reich, o Tod! dem Lebensmüden, Erschöpften Pilger deine Hand! Denn alles Menschenglük hienieden Ist Nebeldunst und leerer Tand! Hinab denn, o mein Leib! zum Staube! Bald wird dein lezter Morgen graun! Dann werd ich dich, an den ich glaube, Durch alle Ewigkeiten schaun! Der Abend 1780. Purpur malt die Tannenhügel, Nach der Sonne Scheideblik, Lieblich stralt des Baches Spiegel Hespers Fakkelglanz zurük; Wie in Todtenhallen düster Wirds im Pappelweidenhain, Unter leisem Blattgeflüster Schlummern alle Vögel ein! Nur dein Abendlied, o Grille, Tönt noch, aus bethautem Grün, Durch der Dämrung Rosenhülle, Süße Trauermelodien; Singt das bange Herz in Schlummer, Hemmt der Zähren wilden Lauf, Lös't der Liebe tiefsten Kummer Selbst in stille Wehmuth auf! Tönst du einst, im Abendhauche, Grillchen, auf mein frühes Grab, Aus der Freundschaft Rosenstrauche, Deinen Klaggesang herab: Wird noch stets mein Geist dir lauschen, Horchend, wie er jezt dir lauscht, Durch des Hügels Blumen rauschen, Wie dies Sommerlüftchen rauscht! An Leukon 1780. Trink des Stromes der Freude! sieh! noch fluthet Seiner schäumenden Wogen ganze Fülle Durch die rosenbekränzten Thale deiner Blühenden Jugend! Stürme werden sein lichtes Silber wandeln, Dornen auf dem beblümten Ufer wildern: Daß des Schöpfenden Blut die aufgewühlten Wellen bepurpurt! An den Lebensnachen 1780. Wenn schleierlos am Himmel die Sonne lacht, Kein Sturmgewölk die Bläue des Aethers hüllt, Wenn kühle Sommerwinde wehen Und mit den Lokken der Haine spielen: Dann, Lebensnachen, schwebe, gehaltnern Flugs, Auf deines Stromes spiegelnder Woge fort; Daß ich der Uferblumen viele Um meine Schläfe zu duften, breche! Wenn aber Nacht aus Donnergewölken träuft, Den Riesenfittig dräuend die Windsbraut hebt Des Erdballs Säulen tief erzittern, Schauernd sich Sterne mit Wogen gatten: Dann eil', o Nachen, schneller als sonnenan Der Adlerjüngling, kühneren Aufschwungs, fleugt, Daß ich an blühenden Gestaden Früher der stürmenden Nacht vergesse! An den Lebensnachen Wenn schleierlos Aurora der Fluth entsteigt, Im Blüthenschmuck des Lenzes die Schöpfung lacht, Wenn kühle Morgenlüfte säuseln, Und mit den Locken der Haine spielen: Dann, Lebensnachen, gleite gehaltnern Laufs, Wie Schwäne sanft auf spiegelnder Woge fort, Daß ich der Uferblumen viele, Mir um die Schläfe zu duften, breche! Wenn aber Zeus im Donnergewölke zürnt, Poseidon stolze Flotten wie dürres Laub Verstreut, der Erde Säulen zittern, Finsterniß über den Wassern brütet: Dann eil', o Nachen, schnell wie der goldne Pfeil Von Smintheus Bogen! Daß bei der Nachtigall Und Hirtin Melodein ich früher Donner und Nacht und Orkan vergesse! An Rosenfeld Trauter! dessen Bruderhand Durch der Jugend Feenland, Manches leichtbeschwingte Jahr, Trost und Schuz und Stab mir war; Dessen Auge sich ergoß, Wenn mir Nacht die Seel' umfloß, Dessen Brust, wenn Freude quoll, Sympathetisch überschwoll; Schau! der Trennung Stunde blikt Fürchterlich hernieder, zükt Schon den Seelendolch nach mir, Fernt, du Lieber, mich von dir! Allgewaltig gräbt der Schmerz Wund' auf Wunde mir ins Herz, Sie zu heilen, ach! vermag Nur des Wiedersehens Tag! Wenn in öder Ferne nun, In des Freundes Arm zu ruhn, Den kein Erdenlied besingt, Meine ganze Seele ringt: Webe dann sein Angesicht, Phantasie! aus Mondenlicht, Seinen Blik aus Aetherblau, Mir zur süßen Wonneschau! Daß in düstrer Trennungsnacht, Wo kein Stern der Freude lacht, Noch sein Lächeln himmelan Meine Seele flügeln kann! Horch! Geliebter, da umscholl Dich mein leztes Lebewohl! Dank für jede Wonne, Dank – Hier versieg', o mein Gesang!