Alfred Lichtenstein Capriccio Der Athlet Einer ging in zerrissenen Hausschuhen Hin und her durch das kleine Zimmer, Das er bewohnte. Er sann über die Geschehnisse, Von denen in dem Abendblatt berichtet war. Und gähnte traurig, wie nur jemand gähnt, Der viel und Seltsames gelesen hat – Und der Gedanke überkam ihn plötzlich, Wie wohl den Furchtsamen die Gänsehaut Und wie das Aufstoßen den Übersättigten, Wie Mutterwehen: Das große Gähnen sei vielleicht ein Zeichen, Ein Wink des Schicksals, sich zur Ruh zu legen. Und der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Und also fing er an, sich zu entkleiden ... Als er ganz nackt war, hantelte er etwas. Der Lackschuh Der Dichter dachte: Ach was, ich hab den Plunder satt! Die Dirnen, das Theater und den Stadtmond, Die Oberhemden, Straßen und Gerüche, Die Nächte und die Kutscher und die Fenster, Das Lachen, die Laternen und die Morde – Den ganzen Dreck hab ich nun wirklich satt, Beim Teufel! Mag werden, was da will ... mir ist es gleich: Der Lackschuh drückt mich. Und ich zieh ihn aus – Die Leute mögen sich verwundert wenden. Nur schade ists um meinen seidnen Strumpf ... Die Gummischuhe Der Dicke dachte: Am Abend geh ich gern in Gummischuhen, Auch wenn die Straßen fromm und flecklos sind. In Gummischuhen bin ich nie ganz nüchtern ... Ich halte in der Hand die Zigarette. Auf schmalen Rhythmen tänzelt meine Seele. Und alle Zentner meines Leibes tänzeln. Der Rauch auf dem Felde Lene Levi lief am Abend Trippelnd, mit gerafften Röcken, Durch die langen, leeren Straßen Einer Vorstadt. Und sie sprach verweinte, wehe, Wirre, wunderliche Worte, Die der Wind warf, daß sie knallten Wie die Schoten, Sich an Bäumen blutig ritzten Und verfetzt an Häusern hingen Und in diesen tauben Straßen Einsam starben. Lene Levi lief, bis alle Dächer schiefe Mäuler zogen, Und die Fenster Fratzen schnitten Und die Schatten Ganz betrunkne Späße machten – Bis die Häuser hilflos wurden Und die stumme Stadt vergangen War in weiten Feldern, die der Mond beschmierte ... Lenchen nahm aus ihrer Tasche Eine Kiste mit Zigarren, Zog sich weinend Aus und rauchte ... Schwärmerei Paul sagte: Ach, wer doch ewig Auto fahren könnte – Wir bohren uns durch hochgestielte Wälder, Wir überholen Flächen, die sich endlos schienen. Wir überfahren den Wind und überfallen die Dörfer, die flinken. Aber verhaßt sind uns die Gerüche der langsamen Städte – Hei, wie wir fliegen! Immer den Tod entlang ... Wie wir ihn höhnen und ihn verspotten, der uns am Leben sitzt! Der uns die Gräben legt und alle Straßen krümmt – ha, wir verlachen ihn Und die Wege, die überwundenen, vergehen vor uns – So werden wir die ganze Welt durchauteln ... Bis wir einmal an einem heitern Abend An einem starken Baum ein kräftges Ende finden. Der Traurige Nein, dies Leben faß ich nicht mehr an. Mag man mich für närrisch halten – Heute geh ich nicht ins Gasthaus. Müde bin ich längst der Kellnerkerle, Die uns mit blasierten Fratzen, Höhnisch, schwarze Biere bringen Und uns ganz verworren machen, Daß wir nicht nach Hause finden Und die törichten Laternen Mit den schwachen Händen stützen Müssen. Heute hab ich größre Dinge vor – Ach, ich will den Sinn des Daseins suchen. Und am Abend werd ich etwas Rollschuh laufen Oder mal in einen Judentempel gehn. Capriccio So will ich sterben: Dunkel ist es. Und es hat geregnet. Doch du spürst nicht mehr den Druck der Wolken, Die da hinten noch den Himmel hüllen In sanften Sammet. Alle Straßen fließen, schwarze Spiegel, An den Häuserhaufen, wo Laternen, Perlenschnüre, leuchtend hängen. Und hoch oben fliegen tausend Sterne, Silberne Insekten, um den Mond – Ich bin inmitten. Irgendwo. Und blicke Versunken und sehr ernsthaft, etwas blöde, Doch ziemlich überlegen auf die raffinierten, Himmelblauen Beine einer Dame, Während mich ein Auto so zerschneidet, Daß mein Kopf wie eine rote Murmel Ihr zu Füßen rollt ... Sie ist erstaunt. Und schimpft dezent. Und stößt ihn Hochmütig mit dem zierlich hohen Absatz Ihres Schuhchens In den Rinnstein – Der Türke Ein ganz und gar perverser Türke kaufte sich Aus Trauer über den erst jüngst erfolgten Tod Der fetten Fatme, seines Lieblingsweibes, Bei seinem Mädchenhändler zwei noch ziemlich gut erhaltne – Man kann fast sagen: beinah nagelneue – Und eben frisch aus Frankreich importierte, Ehemalge Mannequins. Als er sie hatte, sang er, sich zur Feier: Setzt euch doch auf meine Schenkel. Fasset mich um meine Lenden. Streichelt mit den süßen Zungen Mir die weinerlichen Wangen. Ach, ihr habt so schön geschmückte Augen und so helle Hände, Müdeste von meinen Frauen, Und so lange, laue Beine. Morgen kauf ich sechs Paar neue Strümpfe euch aus dünnster Seide Und dazu ganz kleine schwarze Sammetschuhchen. Und am Abend sollt ihr tanzen Ganz verlogne, weiche Tänze In den kleinen Sammetschuhchen Und den neuen seidnen Strümpfen. In dem Garten. Vor der Sonne. Dicht am Wasser. Doch zur Nacht laß ich euch peitschen Von vier lächelnden Eunuchen. Der Barbier des Hugo von Hofmannsthal So steh ich nun die trüben Wintertage Von früh bis spät und seife Köpfe ein, Rasiere sie und pudre sie und sage Gleichgültge Worte, dumme, Spielerein. Die meisten Köpfe sind ganz zugeschlossen, Sie schlafen schlaff. Und andre lesen wieder Und blicken langsam durch die langen Lider, Als hätten sie schon alles ausgenossen. Noch andre öffnen weit die rote Ritze Des Mundes und verkünden viele Witze. Ich aber lächle höflich. Ach, ich berge Tief unter diesem Lächeln wie in Särge Die schlimmen, überwachen, weisen Klagen, Daß wir in dieses Dasein eingepreßt, Hineingezwängt sind, unentrinnbar fest Wie in Gefängnisse, und Ketten tragen, Verworrne, harte, die wir nicht verstehen. Und daß ein jeder fern sich ist und fremd Wie einem Nachbar, den er gar nicht kennt. Und dessen Haus er immer nur gesehen hat. Manchmal, während ich an einem Kinn rasiere, Wissend, daß ein ganzes Leben In meiner Macht ist, daß ich Herr nun bin, Ich, ein Barbier, und daß ein Schnitt daneben, Ein Schnitt zu tief, den runden frohen Kopf, Der vor mir liegt [er denkt jetzt an ein Weib, An Bücher, ans Geschäft] abreißt von seinem Leib, Als wäre er ein lockrer Westenknopf – Dann überkommts mich. Plötzlich ... Dieses Tier. Ist da. Das Tier ... Mir zittern beide Knie. Und wie ein kleiner Knabe, der Papier Zerreißt [und weiß es nicht, warum], Und wie Studenten, die viel Gaslaternen töten, Und wie die Kinder, die so sehr erröten, Wenn sie gefangner Fliegen Flügel brechen, So möchte ich oft wie von ungefähr, Wie wenn es eine Art versehen wär, An solchem Kinn mit meinem Messer ritzen. Ich säh zu gern den roten Blutstrahl spritzen. Frühling Ein gewisser Rudolf rief: Ich hab' viel zu viel gegessen. Ob's bekömmlich ist sehr fraglich. Nach so fettem Mittagessen Fühl' ich mich recht unbehaglich. Doch ich rülpse hübsch und rauche Zigaretten hin und wieder. Liegend auf dem schweren Bauche Pieps ich lauter Frühlingslieder. Sehnsuchtsvoll wie auf der Rampe Quietscht die Stimme aus der Kehle. Und wie eine alte Lampe Blakt der Wind die saure Seele. Wüstes Schimpfen eines Wirtes Es ist, um die Stühle durch die Spiegelscheiben auf die Straße zu hauen – Da sitz ich nun mit hochgezognen Augenbrauen: Alle Gasthäuser sind voll, Mein Gasthaus ist leer – Ist das nicht toll ... Ist das nicht merkwürdig ... Ist das nicht zum Kotzen ... Die dämlichen Spießer – die elenden Protzen – Bei mir geht jeder vorbei ... Verfluchte Schweinerei ... Dazu verbrenne ich Gas und elektrische Flammen – Möge mich Gott und Teufel verdammen: Donnerwetter ... Warum ist gerade mein Gasthaus leer ... Mürrische Kellner stehen vorwurfsvoll umher – Was kann ich denn dafür – Kein Aas kommt zur Tür – In engster Ecke sitz ich mit sehnsüchtgem Gesicht. Gäste kommen nicht. – – Das Essen verdirbt, der Wein und das Brot. Am liebsten machte ich die Bude zu. Und weinte mich tot ... Ärgerliches Mädchen Es ist schon spät. Ich muß verdienen. Aber die gehn heute alle vorbei mit blasierten Mienen. Nicht einen Glücksgroschen wolln sie mir geben. Es ist ein jämmerliches Leben. Komme ich ohne Geld nach Haus, Wirft mich die Alte hinaus. Fast kein Mensch ist auf der Straße mehr. Ich bin todmüde und friere sehr. So elend zumute war mir noch nie. Ich laufe umher wie ein Stück Vieh. Da endlich kommt drüben einer an: Ein ganz anständig angezogener Mann – Doch auf das Äußere darf man in diesem Leben Nicht viel geben. Er ist auch schon älter. [Die haben mehr Geld, Von den Jungen wird man eher geprellt.] Er ist mir vis-à-vis. Ich heb die Kleddage bis über das Knie. Ich kann mir dies leisten. Es zieht am meisten. Die Kerle kommen wie Fliegen Ins Licht zu uns Ziegen ... Der Kavalier bleibt wirklich drüben stehen. Er glotzt. Er winkt. Ich will schon bei ihm hingehn ... Ich denke: der wird mir ein großes Goldstück schenken. Dann besauf ich mich heimlich mit teuren Getränken. Das ist noch das schönste: einmal – allein Still für sich besoffen sein – Oder ich kann neue Schuhe kaufen ... Muß nicht mehr in gestopften Strümpfen laufen – Oder ... ich geh einmal nicht auf den Bummel hinaus. Und ruhe mich von den Kerlen aus – Oder ... ach, ich freu mich schon so ... Ich bin so froh – Da kommt die Kitti an. Und versaut den Mann. Der Angetrunkene Man muß sich so sehr hüten, daß man nicht Ohn jeden Anlaß aufbrüllt wie ein Tier. Daß man der ganzen Kellnerschaft Gesicht Nicht kurz und klein haut, übergießt mit Bier. Daß man sich nicht die ekle Zeit verkürzt, Indem man sich in einen Rinnstein legt. Daß man sich nicht von einer Brücke stürzt. Daß man dem Freund nicht in die Fresse schlägt. Daß man nicht plötzlich unter Hundswauwau Die Kleider sich vom feisten Leibe reißt. Daß man nicht irgendeiner lieben Frau Den finstern Schädel in die Schenkel schmeißt. Ein Generalleutnant singt: Ich bin der Herr Divisionskommandeur, Seine Exzellenz. Ich habe erreicht, was menschenmöglich ist. Ein schönes Bewußtsein. Vor mir beugen das Knie Hauptleute und Regimentschefs, Und meine Herren Generäle Horchen auf meinen Befehl. Wenn Gott will, beherrsche ich nächstens Ein ganzes Armeekorps. Frauen, Theater, Musik Interessieren mich wenig. Was ist das alles gegen Parademärsche, Gefechte. Wäre doch endlich ein Krieg Mit blutigen, brüllenden Winden. Das gewöhnliche Leben Hat für mich keine Reize. Der Fall in den Fluß Lene Levi lief besoffen Nächtlich in den Nebenstraßen Hin und wieder »Auto« brüllend. Ihre Bluse war geöffnet, Daß man ihre feine, freche Unterwäsche und das Fleisch sah. Sieben geile Männlein rannten Hinter Lene Levi her. Sieben geile Männlein trachten Lene Levi nach dem Leibe, Überlegend, was das kostet. Sieben, sonst sehr ernste Männer Haben Kind und Kunst vergessen, Wissenschaft und die Fabrik. Und sie rannten wie besessen Hinter Lene Levi her. Lene Levi blieb auf einer Brücke stehen, atemschöpfend, Und sie hob die wirren blauen Säuferblicke in die weiten Süßen Dunkelheiten über Den Laternen und den Häusern. Sieben geile Männlein aber Fielen Lenen in die Augen. Sieben geile Männlein suchten Lene Levis Herz zu rühren. Lene Levi blieb unnahbar. Plötzlich springt sie aufs Geländer, Dreht der Welt die letzte Nase, Jauchzend plumpst sie in den Fluß. Sieben bleiche Männlein rannten, Was sie konnten, aus der Gegend. Ein Armer singt: Die waren feine Zeiten, als ich noch In seidnen Socken ging und Unterhosen hatte, Manchmal zehn Mark erübrigte, um mir Ein Weib zu mieten, tags mich langweilte Und Nacht für Nacht in Kaffeehäusern saß. Oftmals war ich so satt, daß ich Nicht wußte, was ich mir bestellen sollte.