Alfred Lichtenstein Die Dämmerung Die Dämmerung Ein dicker Junge spielt mit einem Teich. Der Wind hat sich in einem Baum gefangen. Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich, Als wäre ihm die Schminke ausgegangen. Auf lange Krücken schief herabgebückt Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme. Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt. Ein Pferdchen stolpert über eine Dame. An einem Fenster klebt ein fetter Mann. Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen. Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an. Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen. Die Nacht Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen. Zerbrochne Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen. An manchen Ecken stottern starke Straßenbahnen, Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen. Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder, Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen. Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen ... Wehleidge Kater schreien schmerzhaft helle Lieder. Das Vorstadtkabarett Verschweißte Kellnerköpfe ragen in dem Saal Wie Säulenspitzen hoch und übermächtig. Verlauste Burschen kichern niederträchtig, Und helle Mädchen blicken hübsch brutal. Und ferne Frauen sind so sehr erregt ... Sie haben hundert rote runde Hände, Gebärdelose, große, ohne Ende Um ihren hohen bunten Bauch gelegt. Die meisten Menschen trinken gelbes Bier. Verrauchte Krämer glotzen grau und bieder. Ein feines Fräulein singt gemeine Lieder. Ein junger Jude spielt ganz gern Klavier. Die Fahrt nach der Irrenanstalt I Auf lauten Linien fallen fette Bahnen Vorbei an Häusern, die wie Särge sind. An Ecken kauern Karren mit Bananen. Nur wenig Mist erfreut ein hartes Kind. Die Menschenbiester gleiten ganz verloren Im Bild der Straße, elend grau und grell. Arbeiter fließen von verkommnen Toren. Ein müder Mensch geht still in ein Rondell. Ein Leichenwagen kriecht, voran zwei Rappen, Weich wie ein Wurm und schwach die Straße hin. Und über allem hängt ein alter Lappen – Der Himmel ... heidenhaft und ohne Sinn. In den Abend Aus krummen Nebeln wachsen Köstlichkeiten. Ganz winzge Dinge wurden plötzlich wichtig. Der Himmel ist schon grün und undurchsichtig Dort hinten, wo die blinden Hügel gleiten. Zerlumpte Bäume strolchen in die Ferne. Betrunkne Wiesen drehen sich im Kreise, Und alle Flächen werden grau und weise ... Nur Dörfer hocken leuchtend: rote Sterne – Intérieur Ein großer Raum – halbdunkel ... Tödlich ... Ganz verwirrt ... Aufreizend! ... Zärtlich ... Traumhaft ... Nischen, schwere Türen Und weite Schatten, die in blaue Winkel führen ... Und irgendwo ein Ton, der wie ein Sektglas klirrt. Auf schwachem Teppich liegt ein breites Bilderbuch, Von grünem Deckenlicht verzerrt und übertrieben. Wie – weiche Kätzchen – fromm sich weiße Fräulein lieben! Vom Hintergrund ein Greis und seidnes Taschentuch. Der Morgen ... Und alle Straßen liegen glatt und glänzend da. Nur selten hastet über sie ein fester Mann. Ein fesches Mädchen haut sich heftig mit Papa. Ein Bäcker sieht sich mal den schönen Himmel an. Die tote Sonne hängt an Häusern, breit und dick. Vier fette Weiber quietschen spitz vor einer Bar. Ein Droschkenkutscher fällt und bricht sich das Genick. Und alles ist langweilig hell, gesund und klar. Ein Herr mit weisen Augen schwebt verrückt, voll Nacht, Ein siecher Gott ... in diesem Bild, das er vergaß, Vielleicht nicht merkte – Murmelt manches. Stirbt. Und lacht. Träumt von Gehirnschlag, Paralyse, Knochenfraß. Landschaft (Zu einem Bild) Mit allen Zweigen wirft ein schmaler Baum Um arme Kreuze Glanz der Dunkelheit. Die Erde dehnt sich schmerzlich schwarz und weit. Ein kleiner Mond rutscht langsam aus dem Raum. Und bei ihm schweben fremd, unnahbar, groß Aeroplane himmelhin, hinauf! Sehnsüchtge Sünder glotzen gläubig auf Und reißen sich von ihren Gräbern los. Das Konzert Die nackten Stühle horchen sonderbar Beängstigend und still, als gäbe es Gefahr. Nur manche sind mit einem Mensch bedeckt. Ein grünes Fräulein sieht oft in ein Buch. Und einer findet bald ein Taschentuch. Und Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt. Aus offnem Munde tönt ein alter Mann. Ein Jüngling blickt ein junges Mädchen an. Ein Knabe spielt an seinem Hosenknopf. Auf einem Podium schaukelt sich behend Ein Leib bei einem ernsten Instrument. Auf einem Kragen liegt ein blanker Kopf. Kreischt. Und zerreißt. Der Winter Von einer Brücke schreit vergrämt ein Hund Zum Himmel ... der wie alter grauer Stein Auf fernen Häusern steht. Und wie ein Tau Aus Teer liegt auf dem Schnee ein toter Fluß. Drei Bäume, schwarzgefrorne Flammen, drohn Am Ende aller Erde. Stechen scharf Mit spitzen Messern in die harte Luft, In der ein Vogelfetzen einsam hängt. Ein paar Laternen waten zu der Stadt, Erloschne Leichenkerzen. Und ein Fleck Aus Menschen schrumpft zusammen und ist bald Ertrunken in dem schmählich weißen Sumpf. Die Operation Im Sonnenlicht zerreißen Ärzte eine Frau. Hier klafft der offne rote Leib. Und schweres Blut Fließt, dunkler Wein, in einen weißen Napf. Recht gut Sieht man die rosarote Cyste. Bleiern grau Hängt tief herab der schlaffe Kopf. Der hohle Mund Wirft Röcheln aus. Hoch ragt das gelblich spitze Kinn. Der Saal glänzt kühl und freundlich. Eine Pflegerin Genießt sehr innig sehr viel Wurst im Hintergrund. Trüber Abend Der Himmel ist verheult und melancholisch. Nur fern, wo seine faulen Dünste platzen, Gießt grüner Schein herab. Ganz diabolisch Gedunsen sind die Häuser, graue Fratzen. Vergilbte Lichter fangen an zu glänzen. Mit Frau und Kindern döst ein feister Vater. Bemalte Weiber üben sich in Tänzen. Verzerrte Mimen schreiten zum Theater. Spaßmacher kreischen, böse Menschenkenner: Der Tag ist tot ... Und übrig bleibt ein Name! In Mädchenaugen schimmern kräftge Männer. Zu der Geliebten sehnt sich eine Dame. Sonntagnachmittag Auf faulen Straßen lagern Häuserrudel, Um deren Buckel graue Sonne hellt. Ein parfümierter, halbverrückter kleiner Pudel Wirft wüste Augen in die große Welt. In einem Fenster fängt ein Junge Fliegen. Ein arg beschmiertes Baby ärgert sich. Am Himmel fährt ein Zug, wo windge Wiesen liegen; Malt langsam einen langen dicken Strich. Wie Schreibmaschinen klappen Droschkenhufe. Und lärmend kommt ein staubger Turnverein. Aus Kutscherkneipen stürzen sich brutale Rufe. Doch feine Glocken dringen auf sie ein. In Rummelplätzen, wo Athleten ringen, Wird alles dunkler schon und ungenau. Ein Leierkasten heult und Küchenmädchen singen. Ein Mann zertrümmert eine morsche Frau. Der Ausflug (Kurt Lubasch gewidmet zum 15. 7. 1912) Du, ich halte diese festen Stuben und die dürren Straßen Und die rote Häusersonne, Die verruchte Unlust aller Längst schon abgeblickten Bücher Nicht mehr aus. Komm, wir müssen von der Stadt Weit hinweg. Wollen uns in eine sanfte Wiese legen. Werden drohend und so hilflos Gegen den unsinnig großen, Tödlich blauen, blanken Himmel Die entfleischten, dumpfen Augen, Die verwunschnen, Und verheulte Hände heben. Sommerabend Faltenlos sind alle Dinge, Wie vergessen, leicht und matt. Heilighoch spült grüner Himmel Stille Wasser an die Stadt. Fensterschuster leuchten gläsern. Bäckerläden warten leer. Straßenmenschen schreiten staunend Hinter einem Wunder her. ... Rennt ein kupferroter Kobold Dächerwärts hinauf, hinab. Kleine Mädchen fallen schluchzend Von Laternenstöcken ab. Die Fahrt nach der Irrenanstalt II Ein kleines Mädchen hockt mit einem kleinen Bruder Bei einer umgestürzten Wassertonne. In Fetzen, fressend liegt ein Menschenluder Wie ein Zigarrenstummel auf der gelben Sonne. Zwei dünne Ziegen stehn in weiten grünen Räumen An Pflöcken, deren Strick sich manchmal straffte. Unsichtbar hinter ungeheuren Bäumen Unglaublich friedlich naht das große Grauenhafte. Ruhe In müden Kreisen schwebt ein kranker Fisch In einem Tümpel, der auf Gräsern liegt. Beim Himmel lehnt ein Baum – verbrannt und krumm. Ja ... die Familie sitzt um großen Tisch, Wo sie mit Gabeln aus den Tellern pickt. Allmählich wird man schläfrig, schwer und stumm. Die Sonne leckt mit heißem, giftgem Maul Am Boden wie ein Hund – ein wüster Feind. Landstreicher fallen plötzlich spurlos um. Ein Kutscher sieht besorgt auf einen Gaul, Der, aufgerissen, in der Gosse weint. Drei Kinder stehen still herum. Gegen Morgen Was kümmern mich die flinken Zeitungsjungen. Mich ängstet nicht das Nahen verspäteter Autotiere. Ich ruhe auf meinen schreitenden Beinen. Verregnet ist mein Gesicht. Grünliche Reste der Nacht Kleben um meine Augen. So hab ich mich gern – Wie die spitzen, heimlichen Wassertropfen auf tausend Wänden knacken. Von tausend Dächern plumpsen. Auf blinkenden Straßen hüpfen ... Und alle grämlichen Häuser Horchen auf ihren Ewigen Gesang. Dicht hinter mir ist die brennende Nacht verdorben ... An meinem Rücken lagert ihr dunstiger Leichnam. Doch über mir fühl ich den rauschenden, Kühlen Himmel. Siehe – ich bin vor einer Strömenden Kirche. Groß und still empfängt sie mich. Hier will ich etwas verweilen. Versunken sein in ihre Träume. Träume aus grauer Glanzloser Seide ... Unwetter Erstarrter Mond steht wächsern, Weißer Schatten, Gestorbnes Gesicht, Über mir und der matten Erde. Wirft grünes Licht Wie ein Gewand, Ein faltiges, Auf bläuliches Land. Aber vom Rand Der Stadt steigt sanft Wie fingerlose, weiche Hand Und furchtbar drohend wie Tod Dunkel, namenloses ... Wächst höher her Ohne Ton, Ein leeres, langsames Meer – Erst war es nur wie eine müde Motte, die auf letzten Häusern kroch. Jetzt ist es schwarz blutendes Loch. Hat schon Die Stadt und den halben Himmel verschüttet. Ach, wär ich geflohn! – Nun ist es zu spät. Mein Kopf fällt in die Trostlosen Hände Am Horizont ein Schein wie ein Schrei Kündet Entsetzen und nahes Ende. Die Siechenden Verschüttet ist unser Sterbegesicht Von Abend und Schmerzen und Lampenlicht. Wir sitzen am Fenster und sinken hinaus, Fern schielt noch Tag auf ein graues Haus. Unser Leben spüren wir kaum ... Und die Welt ist ein Morphiumtraum ... Der Himmel senkt sich nebelblind. Der Garten erlischt im dunklen Wind – Kommen die Wächter herein, Heben uns in die Betten hinein, Stechen uns Gifte ein, Töten den Lampenschein. Hängen Gardinen vor die Nacht ... Sind verschwunden sanft und sacht – – – Manche stöhnen, doch keiner spricht, Schlaf versargt uns das Gesicht. Nebel Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört. Blutlose Bäume lösen sich in Rauch. Und Schatten schweben, wo man Schreie hört. Brennende Biester schwinden hin wie Hauch. Gefangne Fliegen sind die Gaslaternen. Und jede flackert, daß sie noch entrinne. Doch seitlich lauert glimmend hoch in Fernen Der giftge Mond, die fette Nebelspinne. Wir aber, die, verrucht, zum Tode taugen, Zerschreiten knirschend diese wüste Pracht. Und stechen stumm die weißen Elendsaugen Wie Spieße in die aufgeschwollne Nacht. Die Stadt Ein weißer Vogel ist der große Himmel. Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt. Die Häuser sind halbtote alte Leute. Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel. Und Winde, magre Hunde, rennen matt. An scharfen Ecken quietschen ihre Häute. In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du – Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände ... Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott. Drei kleine Menschen spielen Blindekuh – Auf alles legt die grauen Puderhände Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott. Die Welt (Einem Clown zugeeignet) Viel Tage stampfen über Menschentiere, In weichen Meeren fliegen Hungerhaie. In Kaffeehäusern glitzern Köpfe, Biere. An einem Mann zerreißen Mädchenschreie. Gewitter stürzen. Wälderwinde blaken. Gebete kneten Fraun in dünnen Händen: Der Herr Gott möge einen Engel senden. Ein Fetzen Mondlicht schimmert in Kloaken. Buchleser hocken still auf ihrem Leibe. Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen. Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe. Tief aus dem Hirne sinken seine Augen. Prophezeiung Einmal kommt – ich habe Zeichen – Sterbesturm aus fernem Norden. Überall stinkt es nach Leichen. Es beginnt das große Morden. Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen: Nieder stürzen alle Lumpen, Mimen bersten. Mädchen platzen. Polternd fallen Pferdeställe. Keine Fliege kann sich retten. Schöne homosexuelle Männer kullern aus den Betten. Rissig werden Häuserwände. Fische faulen in dem Flusse. Alles nimmt sein ekles Ende. Krächzend kippen Omnibusse. Straßen Viel Himmel liegt auf allen singenden Einsamen Straßen im Laternenscheine. Ich schwing im Winde über graue Steine, Die spiegeln meinen Schritt, den klingenden. Ich spüre an der Stirne eiligen Verhauch von gelben und von dunklen Dingen. Ich will die Nacht mit Träumerein verbringen. Ich fühl den Mond ... grüngoldnen Heiligen. Winterabend In gelben Fenstern trinken Schatten heißen Tee. Sehnsüchtge wiegen sich auf hartem Schimmerteiche. Arbeiter finden eine sanfte Damenleiche. Johlende Dunkle werfen glimmend blauen Schnee. An hohen Stangen hängt, verfleht, ein Streichholzmann. Kaufläden flackern trüb durch frostbeschlagne Scheiben, Vor denen Menschenleiber wie Gespenster treiben. Studenten schneiden ein erfrornes Mädchen an. Wie lieblich der kristallne Winterabend brennt! Schon strömt ein Platinmond durch eine Häuserlücke. Bei grünlichen Laternen unter einer Brücke Liegt ein Zigeunerweib. Und spielt ein Instrument. Mädchen Sie halten den Abend der Stuben nicht aus. Sie schleichen in tiefe Sternstraßen hinaus. Wie weich ist die Welt im Laternenwind! Wie seltsam summend das Leben zerrinnt.. Sie laufen an Gärten und Häusern vorbei, Als ob ganz fern ein Leuchten sei, Und sehen jeden lüsternen Mann Wie einen süßen Herrn Heiland an. Nach dem Ball Die Nacht kriecht in die Keller, muffig matt. Glanzkleider torkeln durch der Straßen Schutt. Gesichter sind verschimmelt und kaputt. Kühl brennt der blaue Morgen auf der Stadt. Wie bald Musik und Tanz und Gier zerrann ... Es riecht nach Sonne. Und der Tag beginnt Mit Schienenwagen, Pferden, Schrei und Wind. Ein Mann streicht einen Herrenrumpf grau an. Alltag und Arbeit staubt die Menschen ein. Familien fressen stumm ihr Mittagsmahl. Durch einen Schädel schwingt noch oft ein Saal, Viel dumpfe Sehnsucht und ein Seidenbein. Landschaft Wie alte Knochen liegen in dem Topf Des Mittags die verfluchten Straßen da. Schon lange ist es her, daß ich dich sah. Ein Junge zupft ein Mädchen an dem Zopf. Und ein paar Hunde sielen sich im Dreck. Ich ginge gerne Arm in Arm mit dir. Der Himmel ist ein graues Packpapier, Auf dem die Sonne klebt – ein Butterfleck. Angst Wald und Flur liegt tot in Schutt und Scherben. Himmel klebt an Städten wie ein Gas. Alle Menschen müssen sterben. Glück und Glas, wie bald bricht das. Stunden rinnen matt wie trübe Flüsse Durch der Stuben parfümierten Sumpf. Spürst du die Pistolenschüsse – Ist der Kopf noch auf dem Rumpf. Mondlandschaft Oben brennt das gelbe Mutterauge. Überall liegt Nacht wie blaues Tuch. Fraglos ist, daß ich jetzt Atem sauge. Ich bin nur ein kleines Bilderbuch. Häuser fangen Träume bunter Schläfer Wie in Netzen in den Fenstern auf. Autos kriechen wie Marienkäfer Leuchtende Straßen hinauf. Landschaft in der Frühe Die Luft ist grau. Wer weiß was gegen Ruß? Bei einem Ochsen, der am Boden frißt, Steht staunend ein tiefernster Hochtourist. Bald gibt es einen kräftgen Regenguß. Ein Junge, der auf eine Wiese pißt, Wird zu dem Quell von einem kleinen Fluß. Was soll man machen, wenn man ernsthaft muß! Mensch, sei natürlich. Gib dich, wie du bist. Ein Dichter geht in dieser Welt umher, Besieht sich den geregelten Verkehr Und freut sich über Himmel, Feld und Mist. Ach, und notiert sich alles sorgsam auf. Dann steigt er einen hohen Berg hinauf, Der gerade in der Nähe ist. Rückkehr des Dorfjungen In meiner Jugend war die Welt ein kleiner Teich, Großmutterchen und rotes Dach, Gebrüll Von Ochsen und ein Busch aus Bäumen. Und ringsumher die große grüne Wiese. Wie schön war dieses In-die-Weite-Träumen. Dies Garnichtssein als helle Luft und Wind Und Vogelruf und Feenmärchenbuch. Fern pfiff die fabelhafte Eisenschlange – Sommerfrische Der Himmel ist wie eine blaue Qualle. Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel – Friedliche Welt, du große Mausefalle, Entkäm ich endlich dir ... O hätt ich Flügel – Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten. Ein jeder übt behaglich seine Schnauze. Die Erde ist ein fetter Sonntagsbraten, Hübsch eingetunkt in süße Sonnensauce. Wär doch ein Wind ... zerriß mit Eisenklauen Die sanfte Welt. Das würde mich ergetzen. Wär doch ein Sturm ... der müßt den schönen blauen Ewigen Himmel tausendfach zerfetzen. Nachmittag, Felder und Fabrik Ich kann die Augen nicht mehr unterbringen. Ich kann die Knochen nicht zusammenhalten. Das Herz ist stier. Kopf muß zerspringen. Rings weiche Masse. Nichts will sich gestalten. Die Zunge bricht mir. Und das Maul verbiegt sich. In meinem Schädel ist nicht Lust noch Ziele. Die Sonne, eine Butterblume, wiegt sich Auf einem Schornstein, ihrem schlanken Stiele. Regennacht Der Tag ist futsch. Der Himmel ist ersoffen. Wie falsche Perlen liegen kleine Stumpen Zerhackten Lichts umher und machen offen Ein wenig Straße, ein paar Häuserklumpen. Verfault ist alles sonst und aufgefressen Von schwarzem Nebel, der wie eine Mauer Herunterfällt und morsch ist. Und im Pressen Bröckelt wie Schutt der Regen – dichter – grauer – Als wollte jeden Augenblick die ganze Verseuchte Finsternis zusammensinken. Wie eine seltsame, ertrunkne Pflanze Unten im Sumpf siehst du ein Auto blinken. Die ältsten Huren kommen angekrochen Aus nassen Schatten – schwindsüchtige Kröten. Dort schleicht eins. Dorten wird ein Schein erstochen. Der Regensturz will alles übertöten ... Du aber wanderst durch die Wüsteneien. Dein Kleid hängt schwer. Durchnäßt sind deine Schuhe. Dein Auge ist verrückt von Gier und Schreien. Und dieses treibt dich – und du hast nicht Ruhe: Vielleicht erscheint inmitten düstrer Feuer Der Teufel selbst in der Gestalt des Schweines. Vielleicht geschieht etwas ganz ungeheuer Blödsinniges, Brutales, Hundsgemeines. Punkt Die wüsten Straßen fließen lichterloh Durch den erloschnen Kopf. Und tun mir weh. Ich fühle deutlich, daß ich bald vergeh – Dornrosen meines Fleisches, stecht nicht so. Die Nacht verschimmelt. Giftlaternenschein Hat, kriechend, sie mit grünem Dreck beschmiert. Das Herz ist wie ein Sack. Das Blut erfriert. Die Welt fällt um. Die Augen stürzen ein. Der Sturm Im Windbrand steht die Welt. Die Städte knistern. Halloh, der Sturm, der große Sturm ist da. Ein kleines Mädchen fliegt von den Geschwistern. Ein junges Auto flieht nach Ithaka. Ein Weg hat seine Richtung ganz verloren. Die Sterne sind dem Himmel ausgekratzt. Ein Irrenhäusler wird zu früh geboren. In San Franzisko ist der Mond geplatzt. Beim Betrachten einer Menschenlunge in Spiritus Ganz ohne Grauen frißt du täglich totes Fleisch. Und totes Blut ist dir ein süßer Saft. Erschrickst du nicht? – Zwar haben deine frühsten Väter auch Und ehe du erwachtest wurde schon Dir tausend Totes in den Leib gestopft. Wie aber muß der erste, der das Tier Erschlug, herzlich erschrocken sein – Da, als er sah, daß das, was flatterte, Was sprang und schreien konnte und im Sterben noch So flehende Welt in den Augen hatte, Mit einemmal Nicht mehr da war. In der Lungenheilstätte Viele kranke Leute gehen in den Gärten Her und hin und liegen in den Hallen. Die die Kränksten sind, verfiebern Alle armen Tage in dem heißen Grab der Betten. Ach, katholische Schwestern schweben Müd umher in schwarzen Gewändern. Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben. In der Stadt feiern sie Fasching. Den Unterschied Möchte ich Klavier spielen können. Sonntag Ein Kaufmann geht mit Frau und Kind spazieren. Schulbuben fahren um die Wette Rad. Frau Sonne trocknet einen Leichenkutscher. Ein Spieler setzt den anderen schachmatt. Korrekte Leute wandern in die Kirchen. In einem Zimmer hängt sich einer auf. Todmüder Dichter wirft in schönster Stunde Zum letztenmal die kranke Faust hinauf. Die Zeichen Die Stunde rückt vor. Der Maulwurf zieht um. Der Mond tritt wütend hervor. Das Meer stürzt um. Das Kind wird Greis. Die Tiere beten und flehen. Den Bäumen ist der Boden unter den Füßen zu heiß. Der Verstand bleibt stehen. Die Straße stirbt ab. Die stinkende Sonne sticht. Die Luft wird knapp. Das Herz zerbricht. Der Hund hält erschrocken den Mund. Der Himmel liegt auf der falschen Seite. Den Sternen wird das Treiben zu bunt. Die Droschken suchen das Weite. Das Ende Ein Windkloß überzieht wie weißer Schwamm Die grüne Leiche der verlornen Welt. Erfrorne Flüsse sind ein Eisendamm, Der morsche Reste noch zusammenhält. In einer kleinen Regenecke steht Die letzte Stadt in steinerner Geduld. Ein toter Schädel liegt – wie ein Gebet – Schief auf dem Leib, dem schwarzen Büßerpult.