Mischka an der Marosch 1. Von der Theiß, der klaren, fischereichen, Ist der Geiger Mischka hingezogen, Wo der Marosch barsche Wogen Brausend durch beschäumte Klippen streichen. Der Zigeuner wandert, arm und heiter, In die Ferne, Fremde, fort und weiter; Wenn er auch am Wohlgeschmack der Erde Karg und selten nur sich weidet, Ist ihm jeder Ort doch bald entleidet, Und was heimisch, wird ihm zur Beschwerde; Wenig brauchend kommt und geht Dieser fiedelnde Aszet. Mischkas Hüttlein mit dem Halmendach Ragt empor vom Grund nur wenig Spannen, Und vorüber wild und jach Stürzt die Marosch durch die Felsen, Tannen. Horch, wie rauschen Mischkas helle Saiten Unter diesen Halmen, die vorzeiten Bei dem Klang der Lerchenlieder Auf dem Feld sich wiegten hin und wider. Nicht allein an Schall und süßen Weisen Ist dies niedre Hüttlein reich zu preisen; Strahlen hegt es auch in Fülle, Wie sie aus den schönsten Welten Uns herüber, flüchtig, selten, Leuchten durch die Menschenhülle. Mischkas treues Liebchen ruht im Grabe; Doch sie ließ zur Abschiedsgabe Seines Glücks ihm einen teuren Rest, Daß sein Herz sich minder härme; Wie die holde Sommerwärme Sterbend ihre Frucht uns läßt. Mischka geigt, und seine hellen Töne Trägt hinaus der Abendwind; Vor der Hütte steht die wunderschöne Mira, das Zigeunerkind. Die vom Abendrot Geküßte Ist vom leichten West umflogen, Und es flattert um der Brüste Melodiegeschwellte Wogen Ihres Haars gelockte Nacht; O, wenn diese schöne Brust erwacht! Dieses Busens keusche Wellen, Die noch Liebe nie empfanden, Selig, wem sie einst entgegenschwellen Und ans Herz im Sturm der Liebe branden! Selig, wer aus diesen schwarzen Augen Darf den ersten Blitz der Leidenschaft Und aus diesem Mund ein Flüstern saugen, Süß und wonneirr und zauberhaft, Daß der Cherub beim Gesang der Worte Sinkt in Schlummer an des Edens Pforte! Bald doch, bald die Worte unter Küssen In ein süßres Leben sterben müssen! – Also glühen die Gedanken Durch die Brust dem Liebeskranken; Einsam dort am Waldessaume, Harrt und lauscht er unterm Baume, Ob kein Rascheln aus dem Tannengrunde Ihm ein Wild verrät, zur Abendstunde Sachte auf den freien Anger schreitend, Freundlich aus dem Wald den Tag begleitend. Und er stellt dem Liebesglück ein Zeichen: Wenn ich heut ein edles Wild noch schieße, Werd ich meinen heißen Wunsch erreichen, Daß ich sie in meine Arme schließe. Sieh dort eine braune Wohlgestalt, Ruhig kommt ein Hirsch dort aus dem Wald, Daß der Jäger kann die Enden zählen: »Sechzehn! – sollens ihre Jahre sein? Gott der Liebe, laß mich jetzt nicht fehlen! Ha! er stürzt, halloh! nun ist sie mein!« 2. Mischka spielt zu einem Hochzeitreigen, Lustgelächter, Sporen, Gläser, Geigen Brausen wild im Edelhaus zusammen; Und die Tänzer schießen durcheinander, Um das Brautpaar, sturmgejagte Brander Auf dem Meer der Lust in hellen Flammen. Trauben, die des Sommers Strahl und Glut Eingesogen in ihr Blut, Strömen den empfangnen Himmel wieder Den Magyaren in die Glieder. Frauen, prangend in der Jugend Glanz, Schwebend durch den Saal im raschen Tanz, Und im Fluge heller Liebesblicke Zünden sich die seligsten Geschicke. Ha! Musik! wie waltet Mischkas Bogen! In den Rausch wird jedes Herz gezogen, Jeder Tropfen Weines scheint zu klingen, Jedes schöne Auge laut zu singen. Ist die Braut auch schon entschleiert, Noch drei Tage, noch drei Nächte Wird die Hochzeit fortgefeiert Von dem freuderüstigen Geschlechte. 3. Während Mischka geigt im Edelhause, Schleicht ein Mann zur strohgedeckten Klause. Mira steht allein und sinnend, Ihrem Vater eine Saite spinnend, Und sie hört, schon will der Abend dämmern, An der Tür, erstaunt, ein leises Hämmern. »Ach, wer pocht?« so ruft die Maid beklommen, »Räubern kann ihr Frevel hier nichts frommen, Und der Bettler fürchtet, bei so Armen Koste ihm ein Scherflein sein Erbarmen!« Doch sie hört um Einlaß Worte bitten Von so sicher weichem Klange, Mit so süßem Schmeichelzwange, Daß sie öffnen geht mit schnellen Schritten; Einen schönen Jüngling vor sich stehen Sieht sie, wie sie keinen noch gesehen. Und er spricht, ihr huldigend, die Worte: »Ja, ein Bettler kam an deine Pforte, Ach, ein Bettler ist es, schmerzlich darbend, Doch nicht Geld, noch Brot, kein Labekrug, Du nur, du allein bist ihm genug; Wund ist mir das Herz und nie vernarbend. Seit ich dich erblickt, du schönste Maid, Treibt mich rastlos irr mein Liebesleid. Wenn ich jage, gleich ich selbst dem Wild, Überall gejagt von deinem Bild. Wie das Wild, verfolgt, zum Schatten trachtet, Wie es blutend nach der Quelle schmachtet, Zieht es mich zu deinen Füßen nieder, In den Schatten deiner Augenlider, Glüht die Seele, vor dir hinzusinken Und ein holdes Wort von dir zu trinken. Peinlich scheint mir nun mein wildes Roß Unter meinen Wünschen hinzuschleichen, Wenn mein Sporn ihm stachelt in die Weichen, Daß es hinbraust wie ein Wetterstoß, Schleudernd blanken Schaum aufs Heidekraut, Und die Rossehirten jubeln laut. Wenn die Kerzen der Kapelle brennen Und der Priester opfert am Altare, Bete ich von Gott, du Wunderbare, Namen nur, die deine Reize nennen. Dein gedenk ich wachend und im Schlafe, Jeder Traum, von Liebesschmerz gebunden, Ruft nach dir und klagt dir seine Wunden, Wie nach seiner Heimat weint der Sklave!« Mira spricht, indem sie hold errötet: »Sind, o Jüngling, deine Worte wahr, Werd ich sein glückselig immerdar; Täuschen sie, so hast du mich getötet. Eines edlen Stamms du schöner Sprosse, Nach der Niedern treibt dich ein Verlangen; Doch du mußt, hat dich mein Arm umfangen, Bleiben bis zum Grabe mein Genosse!« Wie im Land, von wannen Mira stammt, Dort in Indien heiß die Sonne flammt, Süße Frucht mit schnellem Strahle reifend, Also urgewaltig, schnell ergreifend Ist ins Herz die Liebe ihr gedrungen, Weinend ist sie ihm ans Herz gesprungen. Hochzeit jubelt dort im Edelhause, Offen, mit Gepränge und Gebrause; Hier im Hüttlein still und schlicht, allein, Kaum belauscht von einem Dämmerschein, Welchen durch der Scheiben trübe Blenden Sterne nach dem Erdenhimmel senden. Hochzeit feiernd, hat im Haus die Stille Mit dem Dunkel traulich sich verschwistert, Nur das Stroh des Lagers, wenn es knistert, Spielt Musik, und zirpend eine Grille. Vieles wird mit Worten süß begonnen Und vollendet in des Kusses Wonnen. Und vorüber braust an Wort und Kuß Draußen durch die Nacht der wilde Fluß. Nur zuweilen ruhn und horchen beide Nach der Marosch ungestümen Wellen, Wie einst von der Paradiesesweide Aufgelauscht das Wild den Tigrisquellen. 4. Niemand kann verlernen Harrens Schmerzen Einem sehnsuchtsvollen Frauenherzen Je vergelten, niemand ihr vergüten, Was in solchen unermeßnen Stunden Still der Wurm genagt von ihren Blüten, Der auch nicht, um den sie es empfunden. Wenn er dann auch stürzt zu ihren Füßen, Wenn er unter Tränen, tausend Küssen Leiden und versäumtes Glück beklagt; Schmerz hat weh getan, der Wurm genagt. Aber mancher kehret nie mehr wieder, Drückt er auch ein Herz zum Grabe nieder. Mira! herrliches Zigeunerkind! Schnell hast du geliebt und welkst geschwind. Er verriet, verließ dich feigen Mutes, Weil die Liebe, die sein Herz verschönt, Ward in einer Schilderei verhöhnt Von den Adeligen seines Blutes. Eines Morgens kam in goldnem Rahmen Ihm ein Bild, und das entreißt dir ihn, Weils dich schmäht; auch hat er schon dahin Schnellgesprochner Liebe süßes Amen. Stattlich zeigt das Bild auf breitem Raum Seinen altberühmten Wappenbaum, Wie der Stamm sich spreitet, herrlich ragend, Ruhm und Glanz auf jedem Zweige tragend. Neben solchem Baume, hehr und stolz, Steht ein schlechtes, dürres Galgenholz, Galgen hinter Galgen ist zu schauen, Nach des Bildes Tiefe immer kleiner, Gleichsam schindend in der Vorzeit Grauen, Und an jedem hangend ein Zigeuner; Und zerstreut im grausen dürren Walde Sind viel schwarze Raben als Heralde; Andre, auf dem Stammbaum, breit sich setzend, An den Wappen sich den Schnabel wetzend. 5. Mira wird mit jedem Tage blasser, In den tiefsten Wald, auf Wildesbahnen Flieht sie, wenn der Marosch laute Wasser Sie zu schmerzlich jener Nacht gemahnen. Mischka klagt, doch fern, daß er verdamme Seines Kindes unglückselge Triebe, Weil bei ihm und seinem wilden Stamme Frei und heilig gilt des Menschen Liebe. Weinend sinkt sie oft am stillen Teiche Vor den Göttern hin um Trost und Hilfe; Und so fand man sie, das starre, bleiche Antlitz eingedrückt dem grünen Schilfe. Und der Jüngling, der ein Herz gebrochen, Läßt ein andres schon an seinem pochen. Mischka stiehlt sich in den Stall des Grafen Mitternachts – die müden Knechte schlafen –, Leise tastend schleicht der Pferdekenner, Prüfend Mähn und Schweif, von Roß zu Roß, Bis sein Griff erkennt den schnellsten Renner, Drauf der Graf jüngst durch die Heide schoß; Und er schneidet sacht mit scharfer Schere Haare aus dem Schweif der edlen Mähre, Zu behaaren seinen Fiedelbogen, Denn es kommt die Hochzeit angezogen; Mischka hat, bevor ers Freie sucht, Still des Rosses Hufe noch verflucht. 6. Wieder soll zu einem Hochzeitreigen Der Zigeuner frische Tänze geigen; Zimbal, klinge hell vom Hammerschlage! Klarinette, schmettre ins Gelage! Im Husarenwams, vielfach geflickt, Mit verblichnem Golde reich gestickt Und geziert mit mottenhaftem Brame, Nähert Mischka sich dem Bräutigame. Und er spricht mit bückendem Verneigen: »Möcht es Eurer Herrlichkeit gefallen, Eh die frischen Tänze hier erschallen, Mich zu hören erst ein Solo geigen. Damit möcht ich Eure Gunst erwerben; Habs zu Eurem Ehrentag erfunden, Schön ists, Herr, so herzlich tief empfunden, Daß vor Lust der Hörer möchte sterben.« »Sei gewährt der Bitte«, spricht der Graf, Den das Auge des Zigeuners traf, Hell, wie eines Seelendolches Blinken, »Spiele, sollst dafür Tokayer trinken!« – Stille wird der Saal, wie Miras Gruft; Alles hat um Mischka sich geschart, Und er läßt den Bogen, frisch behaart, Wie versuchend, sausen durch die Luft. Plötzlich streicht er durch die Saiten alle Und durch alle Herzen, schnell bemeistert; Seine Geige in der Freudenhalle Hat zur Rachegöttin sich begeistert. Frevler! horch! in diesem süßen Liede Säuselt und verweht der Unschuld Friede; – Hörst du, wie der Blitz der Liebe zündet? Wie ihr ganzes Herz in deines mündet? – Jener Brautnacht unermeßne Wonnen, Wie sie in ein Meer von Schmerz zerronnen? – Stürmen hörst du der Verlaßnen Klagen; Hörst den Wurm an ihrer Blüte nagen; – Horch, wie sie, zum Tod schon auf der Flucht, Weinend dich durch alle Wälder sucht; Wie sie alle Götter ruft um Hilfe, Bis sie tot zusammenbricht im Schilfe. – Furchtbar läßt der Alte deinem Lauschen Durch die Saiten die Vergeltung rauschen! – Aus dem Saal ist jede Lust gewichen, Dunkles Weh durch alle Herzen schlägt; Und nicht wissend, was sie tief bewegt, Hat die Braut sich weinend fortgeschlichen. Von der Macht gejagt des Racheschalls, Eilt der junge Bräutigam zu Rosse, Sprengt in finstrer Nacht aus seinem Schlosse, Stürzt und bricht im Graben sich den Hals. Die Zigeuner leeren ihre Neige, »Gute Nacht!« – Früh sieht ein Hirtenknab Mischka stehn an seines Kindes Grab Und hinein verscharren seine Geige. Meisterlos zerstreut sich seine Bande, Und fortan sah niemand ihn im Lande.