Das menschliche Herz 1787–1790. [Widmung.] An Ihre Majestät, Charlotte, Königinn von Groß-Brittanien. Verehrungswürdigste Königinn, Seine Königliche Hohheit, der Prinz Eduard, äußerten bey Ihrer Durchreise durch Zürich einiges Verlangen nach einer Handschrift, die für Ihre Majestät, Seine Königliche Frau Mutter, einiges Interesse haben mögte. Nähere Erkundigungen veranlaßten die Seines guten Herzens würdige, mir ganz willkommene Antwort: »Etwas über das menschliche Herz«. Ich stand nicht lange an, das menschliche Herz nur von seiner guten Seite zum Gegenstande meiner Bearbeitung zu machen und eine dichtersche Einkleidung zu wählen. Was sollte, dacht' ich, die beßte Mutter mit einem bösen Herzen zu thun haben? Und welcher nicht böse Mensch beschäfftigt sich gern lange nur mit Betrachtung, ich will nicht sagen: mit ausführlicher Zergliederung, eines schlechten Herzens? Freylich, das menschliche Herz ist ein aus unzähligen Widersprüchen zusammengesetztes, unermeßliches Ganzes, und das beßte Herz hat Seiten, hat Regungen, hat Momente, die es gern vor Gott, vor allen guten Geistern und vor sich selber verbürge; und es bleibt bey dem uralten Ausspruche, der mit sehr Wenigem sehr Vieles sagt: »Das menschliche Herz ist ein trutzig und verzagtes Ding; wer will es ergründen.« Und wir können kaum an das menschliche Herz denken, daß uns nicht ein großes Wort des größten oder vielmehr des Alleinweisen, des einzigen Herzenkenners zu Sinne komme: »Aus dem Herzen kommen alle bösen Gedanken«; »Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens Gutes hervor, der böse Mensch aus dem bösen Schatze seines Herzens das Böse«. Deß ungeachtet glaubt' ich mir erlauben zu dürfen, das Herz auch nur von seiner guten Seite gezeigt das menschliche Herz zu nennen und darinn den Sprachgebrauch völlig für mich zu haben, indem tausendmal das Wort »Herz« für »gutes Herz, Empfindsamkeit, Theilnehmung, Liebe« gebraucht wird. Man sagt: »Ein Mensch ohne Herz, ein Mensch voll Herz, ein Mann von Kopf und Herz.« Auch mußt' ich deßwegen die allgemeine Benennung beybehalten, weil ich von der Vortrefflichkeit und Größe des menschlichen Herzens Manches überhaupt zu sagen hatte, was sich nicht geradezu nur vom guten Herzen als solchem sagen läßt, und hauptsächlich mit deßwegen, weil ich dennoch hin und wieder, wie wohl sparsam und um des Contrastes willen, etwas, das nicht zu seiner Ehre gereicht, sagen mußte. Daß ich die Sache dichtersch behandelt, wird bey Ihrer Majestät, das heißt: bey einer solchen Kennerinn und Ehrerinn der Deutschen Poesie keiner Entschuldigung oder Rechtfertigung bedürfen, so wenig als die Schmucklosigkeit, welche sich das Lehrgedicht besonders bey sentenziosen Stellen bisweilen erlauben muß. Das Lehrgedicht muß sich sehr oft, wenn es nicht schwülstig werden soll, damit begnügen, wichtige Wahrheiten so klar, so kurz und so leicht einleuchtend und behaltbar wie möglich zu sagen. Ich bin übrigens weit davon entfernt, irgend eine matte Stelle dieses äußerst unvollständigen Versuches damit entschuldigen zu wollen. Ich bin glücklich genug, wenn diese Fragmente – denn was anders läßt sich über das menschliche Herz schreiben – Ihrer Majestät und Seiner Königlichen Hohheit einige frohe Augenblicke verursachen, wenn hie und da Beyde Sich als in einem Spiegel schnell finden und leicht anerkennen können, wenn die eine oder andere Stelle vermögend seyn sollte, irgend ein Gewölke, das über Ihren Häuptern schweben mögte, zu zerstreuen. Der Zweck des Dichters kann immer nur einer seyn: angenehme Reminiszenzen und Ahnungen aus der Tiefe unserer geistigen Natur gleichsam herauf zu zaubern und uns das Wort des Vaters aller Sterblichen, da er die Mutter aller Lebendigen erblickte, sanft abzunöthigen: »Fleisch von meinem Fleisch' und Gebein von meinem Gebeine«! Mehr, vortreffliche Königinn, darf ich nicht sagen als: Ich ersterbe Ihrer Majestät unterthänigst ergebner Verehrer Johann Caspar Lavater. Zürich, den 2. Februars 1789. »Gott hat die Welt in des Menschen Herz gelegt«. Salomo. Erster Gesang: Allgemeines Lob des menschlichen Herzens; Summe des ganzen Gedichtes Gepriesenstes von Allem, was die Sprache Der Erdensöhne sang! Dich wählt mein Lied Dich, Menschenherz! Für Dich besayt' ich meine So lange nie berührte Leyer, suche Den Goldklang, welcher Dir geziemt, du Wunder Der Schöpfung! Kern der Menschenbrust! Du Eins Voll Unausdenkbarkeit! Des Lebens Quelle! Du, des Bewußtseyns Sitz! Du liebend Leben! Du Welt der Welten! Herz! Du Innbegriff Der Wirklichkeiten all'! Die Tief' und Höhe Vereinigt sich in Dir! Es findet jeder Erhabne Himmelsfürst in Dir sich selbst! Es findet sich die Gottheit selbst in Dir! O Menschenherz! Geheimniß! Offenbahrung! Der Menschheit Ruhm! Du Krone des Geschlechtes, Dem keines gleicht! Du Urkraft aller Kräfte! Der Gottheit gleich, verborgen und gewiß! Ein unermeßlich Reich, gedrängt von Reichen, Die unermeßlich sind! Du unerforschtes! Du innig Nahes, Fernes, Allbekanntes, Das tausend Namen nicht, das zehentausend Nicht nennen! Du, dir niemals gleiches Selbst! Du Eins und Alles! Lied der Lieder Du! Gesang der Sänger all', an deren Stirne Ein Strahl des Urlichts brach, auf deren Scheitel Die Hand des Genius, die Weyherinn Zu ewigen Gesängen, segnend ruhte! Wem gab der Himmel je nur Eine Sayte, Die nicht für Dich erklang? Doch, welcher Der Sterblichen vermißt sich je zu sagen: »Ich sang das Menschenherz«! Wie zahllos sind des Mayenthaues Tropfen! Des Frühlings Blumenheer' und Halm' und Blätter! Doch, größer, Menschenherz, ist deiner Kräfte Unausforschbare Zahl! Der Pfade sind Und Höh'n und Tiefen mehr in Dir als Pfade, Als Höh'n und Tiefen sind, als Flüß' und Bäche Du zeigst und birgst, o baumgeschmückte Erde! Ich sehe mehr der Krümmungen in Dir, Als aller Ströme, die aus fernen Öden Durch Städte sich und Länder, Thal' und Felder Ergießen! Labyrinthe viel! Wie schrecklich, Zu schau'n der tiefen Unabsehbarkeit! Ich wende mich, ihr Labyrinth' und Tiefen! Am Eingang schon verlischt die Fackel mir. O wendet, wendet euch, ihr reinen Blicke, Mit Licht und Tag vertraut! Kein Faden leitet Hinein, hinaus! Dich sing' ich nicht, verkehrtes, Verworfnes Menschenherz, ohn' Licht und trugvoll. Nur schnell geworfne Züge, bebend nur, Wird selten zwahr mein Lied zu zeichnen wagen, Daß Schatten nicht dem lichten Bilde fehle. Ein böses Herz entsagt der Menschheit Namen; Ich mag nicht dein! Nicht quäle sich mein Herz, Dich zu beschau'n! Vergött're du dich selbst Und zaubre dir Satane her zu Sängern! Du magst die Stimmen leih'n zum Wuthgesange, O Abgrund, wo bey Bosheit Bosheit brüllt! Gieb zum Gemähld', o Hölle, Farben her! Ihr Eisgebürge, die kein Sonnenstrahl Zerfließen macht, die kein Jahrhundert schmelzt! Ihr leiht dem Bild und Liede Todeskälte! Ich weile nicht, ich trett' und schmettre nieder! Dich sing' ich, Menschenherz, der Menschheit Ehre! Der Menschlichkeit und eines Gottes froh Und reiner Geisterwelt und lichter Zukunft! Dich, edles Herz, allein des Namens werth, Besingt entzückt mein heiliger Gesang! O Menschenherz! Allmächtiger als Alles! Bezwingst du nicht die Herrscherinn Vernunft? Und führt ein Pfad zu ihr so schnell wie Du? O Menschenherz! Bist Du nicht Meisterinn Der Königinn von zehen andern Kräften? Beherrschest Du nicht die Verrätherinn Von ihr, die allverrufne Phantasie, Die jeder Weisheit, jeder Jugend Larve Sich vorzuhalten weiß, die Allgestalterinn, Die nie noch hoch genug gepriesne Mittlerinn, Ach! ohne die der Mensch nichts schönes kennt – Die nie genug verfluchte Zaubrerinn, Die Heuchlerinn von Dir? Bezwingst du sie Nicht schneller stets, als die Vernunft sie zwingt? Genie des Herzens! Dir ist kein Genie gleich! Du bist, so schwach Du bist, ein Held durch Liebe! Dein Muth verachtet tief Gefahr und Leiden! Vor deinem Blicke schwinden Schrecknisse! Die Mitternacht wird Tag! Ein Thal die Höhe; Gebürge sinken Dir zu breiten Bahnen! Gestirne selbst entfliehen unter Dich – Du dringst in Höh'n, die nie kein Flug erreicht! In Tiefen hin, wo der Gedanke nur – Den Finger auf dem Mund – entfernt und bebend Dir nachschaut. Allso dringt krystallne Fenster Der Stral hindurch und läßt die Luft zurücke. Zweyter Gesang: Unschuld, Liebe, Güte, Sanftmuth, Barmherzigkeit, Großmuth O edles Menschenherz! Auch überworfen Von Sturm und Wogen, schmachtend, seufzend auch, Wenn schwarze Wuth zehnfacher List und Bosheit Dich zehnfach ängstigt, Scham Dir anhaucht, Daß Brüder so entweyh'n der Menschheit Namen, Des Menschenherzens Ehre so verlästern, Im heißesten Moment der edeln Wehmuth Verläßt Dich nicht der Weisheit Heldenkraft, Zu söndern scharf die Bosheit von dem Bösen, Nicht ihm, der Bosheit nur in ihm zu fluchen! Du hassest nur, was Licht und Liebe hasset! Du segnest den, deß bitterscharfen Schiefsinn Du zürnend, wehmuthvoll und bang verdammest Und in den Schlund des bodenlosen Abgrunds Verwünschest, welchem er, dem Hauch der Pest gleich, Die rechts und links erwürgt und schlachtet, aufstieg! O edles Herz! Du zürnst, wie Engel zürnen! O edles Herz, dein Zorn ist schöner noch, Noch lieblicher als Sanftmuth, Huld und Gnade! So zürnte der mit Männerzorn und Liebe Des Vaters, dessen Brust voll Kinderhuld Und milden Segens war für holde Kinder! O edles Herz! Du zürnest, blutig weynend, Wenn Du nicht retten kannst und nach der Rettung Des Bösewichts, wie nach dem Morgenroth Der Wächter, lechzest, lechzest, wie nach Einem, Nur Einem Tropfen Kühlung jener lechzte, Der den verdrängten Brosamdürftigen, Beleckten von der Hunde Mitleid, fern sah Im Schose Abrahams, der Schmerzenstage, Der Jammernächte frey, umstralt mit Lichte! Dritter Gesang: Aufmerksamkeit, Beobachtungsgabe, Edelsinn, Dankbarkeit, Freudenerfindung O Menschenherz! Was gleichet deinem scharfen Gerechten Feinsinn? Wer versteht, wie Du, Was nie verstehbar ist dem rohen Hartsinn? Dir ist, wie Mittagsstral, so manche Nacht hell, Ein Greuel Dir die Sylbenklauberey Der Schalkheit, welche laut vom höchsten Recht spricht, Und höhnend lacht, wenn schlichte Menschlichkeit Es Teufeley und höchstes Unrecht nennet. O Menschenherz! An Stralen ist die Sonne Nicht reicher, nicht der Ocean an Wogen Als Du an feinen Freuderfindungen. Den vollsten Kelch der Menschenlust genießet Nur der, der nie das Ziel der Freuderfindung Für Freudedürftige zu seh'n vermag. Nur der empfindet tief den hohen Adel Der Menschheit, läßt sich nie die Götterwürde Der menschlichen Gestalt verleumden, der Stets unerschöpflich ist an Menschenfreuden. Gott ist nur Gott durch Lieb' und Schöpfungswonne. Erfinden ist's was anders als erschaffen? Wer nichts erfand, kennt Schöpfungsfreude nicht. An Gottes Statt, in Gottes hohem Namen Erschafft der Freuderfinder. Lieber, froher Erschuff der Schöpfer nie als durch den Guten, Der nie sich selig nennt als wenn er Brüder Beseligt! Herz, Du bist's, was Gott erkohr! Das Beßte wählt der Beste nur. Der Thron Gebührt dem Könige, das Herz dem Vater Der Menschenherzen nur. Der ewig liebt, Bewohnt der Höhen Höh' und Dich, o Du, Der Geisterwelten Ehre, Menschenherz, Wo Freuderfindung sich mit Einfalt paart! Vierter Gesang: Aufrichtigkeit, Wahrheitliebe, Tugend, Dehmuth O reines Herz! Was gleichet deiner Würde, Bist Du und bist Du stets der Wahrheit Spiegel, Ein offner Sinn für alle Wirklichkeiten, Ein Wiederhall von jeglicher Erfahrung! So prallt der Stral von hellgeschliffner Fläche Zurück, wie drauf er fiel, in gleicher Richtung! Das wahre Herz verträgt auch nicht die kleinste Verschiebung, die so leicht zur Lüge wird. Es wittert jedes Wort der Nachricht und des Urtheils, Das Mißverstand und Unrecht zeugen könnte, Und sein Bekenntnis ist die innerste Empfindung, ist es selbst. Es kann den fremden Entlehnten Schein so wenig tragen, als Ein fremdes Ohr und ein entlehntes Aug. Umsonst mag sein der schlaue Weltling lachen, Umsonst mag ihm die Klugheit warnend stets Zur Seite geh'n. Es wird sich nie verläugnen, Wird immer wahr und nur es selber seyn. Als sprächest Du vor zehentausend Zeugen, Als hörten Dir mit allen ihren Ohren Des Himmels Milliarden schweigend zu, So sprichst Du, wahres Herz, mit jedem Einen, Ihn treibe Lieb' und herzliches Vertrauen, Ihn führe Mißtrau'n Dir und Schalkheit zu, Dein Wort ist wie Du selbst, ist nur Du selber, Dein ganzes Du, Dein inniges Empfinden. Dein Wesen ist in jeder Deiner Sylben, In jeglicher Gebehrd' ist Deine Seele. Fünfter Gesang: Eheliche Liebe, kindliche Liebe, Bruderliebe, Schwesterliebe, Freundschaft, Patriotismus O Menschenherz! Wer bethet Dich nicht an, Erblickt er Dich im Patriotenauge! Im Herzen keimt des Vaterlandes Liebe, Der große Sinn für's höchste Wohl der Bürger, Bedürfniß, das nichts will als Freyheit Aller Und möglichsten Genuß des Erdelebens In der Vereinigung mit Gleichgesinnten! Der edle Sinn macht Tausende zu Einem, Der Eine wird sein Vater, Bruder, Sohn, Wird Herzensfreund und Bräutigam und Braut. Er lebt im Ganzen nur und übersiehet Den Theil im Ganzen nicht; der Einzelste Ist heilig ihm als Theil des großen Ganzen; Er findet Namen nicht für seinen Abscheu Vor Eigennutz und vor Vergött'rung seiner. Ihm ist der König nichts als ein Verbrecher, Wenn er sich bläht auf seines Landes Nacken! Ihm ist der Fürst der Missethäther Erster, Dem heilig nicht wie Gott der Reichsgenossen Bedürfniß ist nach Freyheit und nach Leben! Ihm ist nur König der, ein Bild der Gottheit, Der sich ein Tropfen nur im Ozean Des Vaterlandes ist, der jauchzend Viele Beglückter sieht als sich, den Nächte schlaflos, Den Tage fastend finden, Morgen staunend Für Völkerwohl, der sich als Nation Dem Herrscher stellt der Erdenationen! Sechster Gesang: Religion O Menschenherz! Des Gottesglaubens fähig! Die mehr als groß bist Du! Doch sollst Du nie In Deiner Größe Dich erkennen. Blicke, Nur schnelle Blick' auf Dich sind Dir vergönnet! Dir ward die Wunderkraft, ein Höchstes, Beßtes Persönlich Dir, Dir als ein Du zu denken, Mit diesem Du Dich kindlich zu vereinen, Dem hohen Du zu sagen: »Schöpfer, Vater, Du bist und bist in mir! Bist, wo ein Seyn ist! Du Leben, lebst in jedem Leben! Liebe, Du liebst in jeder Ich-entstorbnen Liebe! Du sprichst mit mir von jedes Weisen Lippen! Du stralst mich an im reinen Sonnenstrale! Du leuchtest mir im mildern Mondesglanze! Die Sterne sind von Deiner Herrlichkeit Entsunkne Funken nur! Die Erd' ein Stäubchen! Ein Tropfen ist vor Dir der Ozean! Und Ein Gedanke nur ein Weltsystem! Du bist ein Licht, ohn' alle Finsternisse! Des Lebens Quell und alles Daseyns Wurzel! Der Kräfte Kraft! Der Mittelpunkt der Sphären! Ein ewig Eins, das Allen Alles ist, Dasselbe jedem ist und jedem anders«. Religion! Du Ahnung unsichtbarer Erhabner Geistigkeiten! Vollgefühl Von immer mehr gereifter Gotteskraft In uns und außer uns! Du Sinn für's Eine In Allem dem, was ist und war und seyn wird! Du immer reger Trieb nach Ewigem! Du stiller Durst, der stets und nie sich sättigt Nach Unermeßlichkeit, die Eins nur ist! Nach Unermeßlichkeit, die menschlich ist! Wer sandte Dich, o göttlichster der Triebe In uns're Brust, gebaut aus Erd und Wasser? Wer gab dem Herzen Dich, das in uns schlaget? Bedürfniß, Dich, nach unbegränztem Eins, Das nicht zu fassen ist und doch umfaßt wird? Religion! Du höchste Zauberkraft! Du Schöpferinn des ungeschaffnen Wesens! Gebährerinn unsterblicher Naturen, Die nichts für's Auge sind, und dennoch wahrer Als Sonnenlicht dem Aug' am Mittag ist! Kein Daseyn gleicht dem Daseyn, das des Glaubens Magie erschafft – nicht Du, o Täuscherinn, O Bilderschöpferinn, der Träume Mutter –, Der ächte Glaube schafft für inn're Sinnen. Ja, Menschenherz! Du übertriffst Dich selber, Verstummest ehrfurchtsvoll und voll von Dehmuth Vor Deiner Größe, Deiner Einzigkeit, Im seligsten Moment des Kinderglaubens An Einen, Einen nur. Ihm schlägt mit Beben Mein unrein Herz mit Wonne doch entgegen! Sein Namen ist wie Siegesruf den Herzen! O Du, Du Einer! Zürne nicht, daß Deinen Von allen Himmeln millionenmal, Doch würdig nie genannten Namen bebend, Vertrauend doch der Sünder Sündigster Zu nennen wagt! O Du, Du Einzigster, Den nicht gezeugt ein Sohn der Sündererde, Den doch gebahr der Sarah frömmste Tochter, Der reiner ist als jede Sonnenreinheit, Als jede Lichtnatur, die Gottes Himmel Erzeugt und zeugen kann, und der doch menschlich Und im Gewand der Todeserben minder Geworden als der Boten Gottes Letzter, Ihr König doch und ihrer Fürsten Fürst Im Thale der Verwesung duldend wallte, Zu Dir, zu Dir kann sich ein Menschenherz Erheben, Dich sich gegenwärtig machen! Nicht gegenwärtig nur, gewisser als Gewiß und Deiner froh und froher Dein Als aller Erdenfreuden, aller Wonnen Der Menschenfreundlichkeit und des Vertrauens, Der Weisheit Freuden all' und aller Freuden Der Vaterzärtlichkeit und Mutterliebe! Religion! Den ewig hohen Werth Von Dir, Vertrauteste der Auserwählten, Besiegelte der Herr der Herrlichkeit, Der sich für Dich in Todesnächte stürzte, Dich aus dem Grab unsterblich, neu und göttlich Zurück gebracht und Menschenherzen schenkte!