Der Gesang Rhingulphs des Barden als Darus geschlagen war Rhingulphs Ermunterung Heil mir! daß solch ein Saitenspiel Vom Himmel mir zum Loose fiel, Womit ich, tugendhafter Mann, Dir Kampf und Arbeit lohnen kan! Zwar sang ich sonst an Irmgards Brust Der Göttin Freya Frühlingslust, Und, warm von Herthas Honigwein, Den frischen bunten Herbst im Hain. Da strömte durch den Eichengang Im Walde wonniger Gesang, Bis sich das Lied am Felsen brach; Da sangen mirs die Elfen nach: Und ich war, wie die Biene schwärmt, Sich an den Sommerlüften wärmt, Vom Thaue trinkt, von Blumen ißt, Und mit Gesumme fröhlich ist. Doch mächtig, wie Allvater schuf, Traf meine Seel' ein andrer Ruf: »Held Herman sey nun dein Gesang; »Dein Lied sey, Varus Untergang!« Gefallen, ja gefallen ist Vor uns der klugen Römer List: Triumph! Zerdonnert ist die Macht Der Stolzen, und ihr Ruhm wird Nacht! Drum itzt von meinem Spiel zurück Der Freuden und der Liebe Glück! Herab vom zarten Schwalbenton Tobt es in tiefern Saiten schon, Und stimmt auf Hermans Siegeslied. Mit großer Thaten Bürde zieht Die Heldenzeit auf ihrer Bahn, Und reißt das Lied mit sich hinan. Dort wecket seines Jubels Schall Der göldnen Sterne Wiederhall, Und Hermans Name tönt ins Zelt Der Götter, wie hier durch die Welt. »Horch!« – rufte Thuisko: – »horcht, da zieht Rhingulphs des frommen Barden Lied!« – Da schauerte mein Herz; da fiel Ein Eichenkranz mir auf mein Spiel. Rhingulphs Gesang Erstes Lied Ha! Da liegen sie ja, Die Legionen, erschlagen! Erwürgt ihre Roße, die Wagen Zertrümmert, Schwert und Pfeil In Splittern, und die güldnen Adler Unsrer Beute Theil! Auf ewig Sieg und Freiheit dir; Sieg, Freiheit, meinem Liede von dir O Herman! Sieh, wie bleicht der Tod Die schwarzbehaarten Feinde; Ihr ungestümes Blut färbt die Gewäßer roth: Heil Herman unserm Freunde, Der, von Quirinus Purpur roth, Ehrwürdig kömmt, wie Götter hernieder steigen; Auch furchtbar; denn in grausen Schweigen Feyert ihn der Tod. Schmiedet, schmiedet sie ein, Die wenigen Verzagten, die wir fingen! Schleppt sie tiefer in Hain, Den Elfen das Opfer zu bringen! Oder löst Veledas Pfand: Die weise Jungfrau war des Sieges Bürge. Gebt sie, gebt sie ihrer Hand, Daß sie sie würge; Dann in diesen Strömen Bluts Nach der Zukunft spähe, Und im Opfer uns den Sieg, Rom den Untergang ersehe: Indeß mein Geist durch euern Jubel beginnt, Gleich Opferflammen durch den Wind, Sich höher, noch höher Und höher zu schwingen; Indeß die volle Harfe tönt! Denn Herz und Mund soll ihn besingen, Den Sieg, der, Herman dich, mit rothen Blumen krönt. Würgt' ich, o Held, gesteh es mir, Dort in der Schlacht nicht neben dir? Sah deines Armes Streiche nicht, Noch dein ferntödtend Angesicht? Sowahr dort auch mein Schwert geblitzt, So darf mein Schlachtgesang auch itzt Sich an die hohen Thaten wagen; Ihn soll der Adlerflug der Zeit Durch horchende Jahre weit und breit Umher auf brausendem Flügel, Zum Enkel hier im stillen Thal, Zum Enkel der sieben kriegerischen Hügel, Auf brausendem Flügel tragen. Horch! – Lispelt nicht von fernher schon Der Nachhall jeden Jubelton; Die Trauer Roms, und unsre That? »Blutend wälzt sich der Legat, Blutend der Tribun, blutend der Centurion, Auf zwey und einer Legion. Wer warf die große Saat aufs Feld? Siegmars, des Helden Sohn, ein Held! Getragen auf den Schilden, Wird er von allen Seiten Erretter begrüßt: Herman ist sein Name, Ewig seine Wohlthat, Wie sein Sieg es ist!« O wende dich! Wie strahlt der Glanz Des Helms durch deinen Rosenkranz, Als hätt' ihn Freya selbst gepflückt, Mit eigner Hand dich so geschmückt, Und führte dich zum Heldenmahl In Tohros Tausendfreudensaal: Als tanzte sie mit dir dahin, Sie, jedes Reizes Pflegerin, Blauäugigt und mit Haar von Gold: Denn dir ist Göttin Freya hold! Sie pflegt die Tage deines Seyns: Denn Reiz und Tapferkeit ist eins. Wohl mir! In ihrem Eichenhain Hat mich, dein Barde nun zu seyn, Hat Freya mich geweiht. Schon in der hüpfenden Knabenzeit Riß mich die stürmische Gewalt Herzlicher Neigung in den Wald: Da horcht' ich oft am Wasserfall; Ich lernte von der Nachtigall Am Abend, von der Lerche früh; Und selbst des Westwinds Melodie. Auch lauscht' ich oft bey Mondenglanz Auf den geheimnißvollen Tanz Der Jungfraun, welche sich im Hain Dem Dienst der schönen Freya weihn. Jed' um die Hüften ein Band, Ums Haupthaar Eichenkränze, Jed' ein Schwert in der Hand Tanzten sie Heldentänze, Schlugen sie Schwert an Schwert; da klang Ein Silbergetön in ihren Wonnegesang: Und indeß sie singen, Flimmert der Mond an den Klingen, Daß des Schauspiels Pracht War wie die Sterne der Nacht. Hundertstimmig sang der Chor, Thuiskons Krieg, das Treffen Tohr; Den Götterwink womit im Streit Der Feldherr Wuth bald Ruh gebeut; Den Ruhm, der in der Schlacht Den müden Mann erquickt; Den Sieg, der Götter selbst beglückt. Dann sangen Zwey und Zwey den Bund Der heilgen Freundschaft, den so Mund Als Hand und Herz vollziehn; Drauf sangen sie des edlen Weibes Liebe Wovon auch Helden glühn: Selig, selig ist, wem Freye, Warm von Lieb' und stark an Treue, Seine Gattin wählt! Aber, Jüngling, unsre Reigen Tönen nicht zur Lust des Feigen; Und in diesen Armen ruht Nur der Mann, Der biedre Mann, Welcher edle Thaten thut. Dann brach der hundertstimmige Chor Mit volleren Liedern rasch hervor; Der mächtge Wohlklang füllte den Hain, Da brausten die Eichen, Da rauschten die Tannen Holdselig darein. Nun wuchsen Keime des Gesanges In meinem Geist', und Kraft des Klanges Wurzelt' in meine Lieder ein Die ich nachahmt' im Eichenhain. So wuchs ich groß, und Arm in Arm Ward Godschalk mit mir auferzogen, Von gleichem Muth, von gleicher Freundschaft warm. Die Harfe wie der Bogen, Und mancher Held und manches Ziel, War unser Lied und unser Spiel: Dem Herzen das sonst alles fand War Liebe nur noch unbekannt; Oft fragten wir uns im Geheim: »Was mag die große Neigung seyn?« – Keiner des Räthsels mächtig, Ohne Führer und Licht, Wurden wir ernst und einsam; Alle Adern glühten, Alle Gedanken riethen Auf die mächtige Neigung, Und erriethen sie nicht. Und als ich einst im Rosenmonde, Auf dem duftenden Blumengras, Unter dem Schatten der Lindenblüte In der Ahndung Bilder tief verloren saß; Sieh', o siehe da! hinter den Eichen, Rings um mich, aus allen Sträuchen, Schwärmte der heilgen Mädchen Chor Gleich den Morgenlerchen hervor: Und da sang ein Rosenmund, Süß wie der Ruf der Ehre: Daß die Flamme Rhingulphs ihn Nicht zu früh verzehre; Wähle hie für Herz und Hand: Reizend gleich der Ehre, Heilig wie das Vaterland, Ist der Göttin Freya Band. Zitternd vor Ungestüm Hub ich an zu wählen. Götter! welcher Schönheit Zahl! – – Aber kurz war meine Wahl: Irmgard! kont' ich dich verfehlen? Andrer Augen Himmelblau Winkte mir vergebens: Hier ist, Irmgard, meine Hand Auf den ganzen Weg des Lebens! – Nun theilte sie, ein Herz ein Sinn, Mit mir die Süßigkeiten Der Liebe; war die Richterin Und Freundin meiner Saiten: Da ward die Zeit Mir Eine Seligkeit; Da kränzt ich mich mit Kränzen Von Rosen! – Denn das Leben Des Sterblichen ist wie der Rosenstrauch, Der holde Blumen trägt Und scharfe Dornen auch. Du, Godschalk, bist ein Stachel, Der, meine Brust durchborend, Mir bis ins Leben reißt! Ich sollte dich haßen, Verräther: Aber – du bist gefallen! – Und meine Thräne fleußt. Unbändig wie des Meeres Wogen, Betrüglich wie der Waßersand, Treuloser, hast du mich betrogen, Denn du betrogst dein Vaterland. Gelockt durch Römerschmeicheleyen Verließest du es in der Noth. Hast du nun nicht den Tod verdienet? – Wohlan – ach! du bist todt! Da schauderts mir durch Herz und Muth. Roth, alles roth vor mir, wie Blut. – Verderben möcht' ich dich, o Faust! – Still! – Ha, da ist sein Geist; er braust Wild über mir in der Fichte Zweigen Und es umflüstert fürchterlich Der Todtenklage Winseln mich. O gute Götter, laßt es schweigen! Daß ich die blutge Siegesfahn Hochjubilierend schwinge, Und daß der Barde als ein Mann Sein frohes Lied vollbringe: Denn Er, ist hin! – – In Irmgards Arm, (: An des Unwürdgen Seite:) War Teutschlands Knechtschaft unsre Quaal: Wir glühten, zürnten: – auf einmal Erscholl der Ruf zum Streite. Froh gürtete den Rachestahl Mir Irmgard an die Seite: Sie band und kränzte mir mein Haar, Sie reichte Lanz' und Bogen dar, Und reizte mich zum Streite. »Noch einmal (: fest umfing sie mich,:) Will ich mit ganzer Inbrunst dich, Mein freyer Rhingulph, küßen, Sieg oder Tod sey heut mit dir! Doch kämest du zurück zu mir Mit Feßeln an den Füßen, Mit wundenleerer Stirn und Brust, Wenn du zu siegen nicht gewußt, Noch weniger zu sterben: Dann will ich diesen Rhingulph fliehn; Nicht haßen, nur verachten, ihn Nie wieder sehn und sterben.« – Das war genug! das war zu viel! Ich warf mein schallend Harfenspiel Mit Stolz und Unmuth nieder. In Zorn zerrann der Geist der Lieder: So sprang ich hin, und hatte mein Schwert Im Huy auf unsre Feinde gekehrt, Im Huy den todesvollen Köcher In ihre Phalangen ausgeleert. Die Götter liebten uns. Der Sieg Trat den raubsüchtgen Römer nieder; Die Freiheit kehret wieder Und das versöhnte Schwert Ist in die Scheide zurückgekehrt: Nun ist die Zeit der Lieder! Irmgard! Ein Sieger grüßet dich! Komm, gieb mir meine Harfe wieder. Doch erst umarme mich. Dann wird der Sang entzückter klingen, Der in die Bardensaiten tönt: Denn Freude soll den Sieg besingen, Der uns mit diesen Feyerblumen krönt. Mein Herz singt mit, und mein Gedicht Sogar erkennt Roms Vorschrift nicht: Jedoch Triumph! wild, regellos, Bleibt noch das Lied der Freiheit groß! Zweites Lied Der entstellt die Rose nicht, Wer sie mit der bleichern Blume Zu einem Kranze flicht. Krieg ist mein Sang, und jauchzt nach Ruhme: Doch schändet's Bardenlieder nicht, Wenn sie sich kühn darnieder schwingen, Von deutscher Zucht und Sitte singen; Und welcher Sinn des Siegers war. Lerne Nachwelt, daß in Blöße Reichthum, und in Unschuld Größe, Tapferkeit bey Tugend war. Von eignen lieben Söhnen groß, Von eigner Tugend warm, Lag unser Mutterland im Schoos Des Glücks, der Ruh im Arm: Indeß schlaflose Tapferkeit Um unsre Freiheit wacht, Indeß der Ruhm die frohbedeckten Hütten Ehrwürdig macht, In welchen, schon seit Thuiskons Zeit, Die götteralte Redlichkeit Und Gnüge, die sich selbst belohnet, In schwesterlicher Eintracht wohnet. Rom staunt: denn schön und groß, Frisch wie der Eichenbaum, Wächst Teutschlands Jugend auf. Der Knabe wandelt kaum, So stärkt ihn Kampf und Lauf; Dann, zwischen spielenden Lanzen, Lernt er den Waffentanz Schlank wie die Schlange tanzen: Und er bekömmt den Kranz. Am Tische seiner ältern Brüder Sitzt er nun stolz im Rath, Und horcht auf Bardenlieder Voll von der Väter That; Und, Sieg an Sieg, lernt er sie bald; Dann pocht sein Herz ihm mit Gewalt, Dann weckt ihn oft ein Traum vom Streit; Er sucht des Bildes Ähnlichkeit, Und eilt, sobald der Hahn den Morgen angesagt, Hinaus zur kriegerischen Jagd. – Er kömmt: seht, wie die Bären ihn, Seht wie die Wölfe heulend fliehn! Habt ihr des Bäres Stärke, Habt ihr des Wolfes Muth, Tyrannen, die ihr dürstet Nach freyer Völker Blut? Ihr habt sie nicht! o rettet euch: Denn seine Jagd ist hinter euch! – Ermüdet sinkt er dann Am Felsenbache nieder, Und ruht bey seiner Beut' im Gras; Er singet mit der Lerche Lieder, Und ruft der zaudernden Sonne zu, Ob sie in träger Ruh Des Morgenrothes vergaß? Auf einmal tritt mit Siegerpracht Die Sonn' empor, und vorger Nacht Lezte graue Nebel fliehen; Er fühlt der sanften Wärme Macht, Er sieht im Thau die Wiesen blühen, Er athmet frische Frühlingsluft Durchbalsamt durch der Blüten Duft. Da strahlet Freud' aus seinen Blicken! Da ist Andacht, da ist Entzücken! Da feyert er den Vater der Natur! Er ist Druid' und Altar ist die Fluhr. Still! – ihn stört aus frommer Phantasey Ein Rauschen neben ihm vorbey. Die Schritte seiner Jungfraun eilen Daher; sie ging, als es getagt, Mit ihrem Bogen, ihren Pfeilen, Gleich einer Göttin auf die Jagd. All ihres Reizes Knospen sind entfaltet, Die edle Stirne krönt mit goldnen Locken sich, Und über ihren Herzen spaltet Ein reifer Busen sich: So steht sie vor ihm da, Mit röthlichem Gesicht, Und heimlicht ihr Ergötzen nicht. »Ach«, sagt sie endlich; »dort an jener Höhe Beschlich ich die entschlafnen Rehe; Ich ging, es hatte kaum getagt: Doch sieh, ich habe nichts gejagt.« – Treuherzig fodert sie, ein Theil von seiner Beute: Er, bietet Beut' und Herz und Hand. Da sinkt sie hin an seine Seite: Und Freya knüpft ihr Band. O segne Mana dich mit Frieden, Mit Ehre Thuisko dich! O pflege Hertha deine Felder Und speis' und tränke dich! Werd' alt und grau, an Kindern reich, Dem Vater und der Mutter gleich! So leben sie ein selig Leben. Der Wald, das Feld, die Quelle geben Genug für morgen und für heut. Ihr Götter, kontet ihr dem Leben Des Sterblichen mehr Fülle geben, Als die Genügsamkeit? – Drum magst du noch so stolz Von schwererstiegnen Höhen, O Rom, hohnlächelnd niedersehen Auf unsre Hütten her: Hast du viel Glück? Wir haben mehr! Ich habe dich gesehn, du Stadt, Die Könige zu Knechten hat: Es rief dein lauter Ruhm, auch mich Mit Hermans Bruder Gilberich, Den Ort zu sehn, wo vorger Zeit Dir Herman seinen Arm geweiht. Ich kam und sah: auf sieben Höh'n Stieg ich und blieb verwundernd stehn. Ich sah hinunter: weit und breit War alles groß, war Herrlichkeit. Ich dacht' an meine Hütte zurück, Schämte mich einen Augenblick, Und eilte voll wallender Freude hin Wie die Helden zu Thuisko ziehn. Hier, dacht' ich, wird die Tugend wohnen, Hier wird man Tapferkeit belohnen, Da wird das Gastrecht heilig seyn, Und Weisheit sich der Fülle freun. – Doch wie ganz anders fand ich dich! Ha, Falsche, wie betrogst du mich! Ich fragt' im Thal und auf der Höhe: Wo herrscht die Heiligkeit der Ehe? Wo wohnet Liebe sonder List? Wo Freundschaft ohne Falsch? Wo ist, Auch ohne Lohn und ohne Schwert, Das Recht gesichert, Tugend werth? – Wohl aber sah ich unter Schwelgerfesten Den Unterdrücker feist gedeihn, Und in bewachten Goldpalästen Den Feigen kühn bey tapfrem Wein: Auch gaben feile Bardenchöre Dem stolzen Imperator Ehre, Daß er zu seinen Sklaven Herab vom Himmel kam; Daß er, der Sohn der Götter, Daß er die Freiheit ihnen nahm! Ha, fort! Hinaus aus dieser Stadt, Wo selbst das Laster Barden hat! Hinweg, hinweg von diesen Mauern Wo Tugend, Unschuld, Redlichkeit In Staub getreten trauern Und weinen; wie man heimlich spricht: Denn selber sah ich sie dort nicht. Schnell floh dieß Otternest mein Fuß. Mich jagten Jammer und Verdruß, Daß Gilbrich mein Gefährt Von dannen nicht mit mir geflohen: Denn Troz den Bitten, Troz dem Drohen, Blieb er, und hieß nun Flavius; Und ward ein schimmernder Krieger Um Sold und um Gewinn, Und schwelgt in Üppigkeiten Die knechtischen Tage dahin! O streut dem Knaben Rosen! O komm, ihm liebzukosen, Du West, doch schone des jungfräulichen Gesichts! – Und so zerdampf' er in sein Nichts! Er fliehe seines Landes Sitte; Er fliehe seines Vaters Hütte; Doch ist er nicht der Rach' entflohn; Ist Hermans Bruder nicht und ist nicht Siegmars Sohn; Er ist nur Flavius. – Wie selig aber fließt das Leben Des freyen Enkels Teut, Dem es großmüthig gnügt was gute Götter geben, Ja den die Gnüg' erfreut! Am Abend eilt der edle Mann, Mit dem was ihm die Jagd gewann, Zu seines Weibes Honigseim, Zum Willkomm seiner Kinder heim. Dann sammelt sich zu seinem Freudentische Freund oder Nachbar, gleich an Ruhm Ihm, wie an guten Herzen: Da geht der vertrauliche Becher herum; Die Eintracht würzt den Honigwein Und mischet Ernst und Rathschlag drein. Hier wars: bey solchem Freudentische Ward jüngst in tiefverschwiegner Nacht, Varus, dein Untergang erdacht. So wie die selgen Götter sitzen In ihrem Himmel, Thron an Thron, Wenn sie Gedanken ihrer Größ' erhitzen, Daß ihre himmlisch blauen Augen Gleich ihren Siegesschwertern blitzen, Sah ich Siegmarn, und seinen Sohn, Und neben ihnen andre Rächer Der Freiheit. Da ergriff im Zorn Der Silberhaarigte den Becher: So möge gleich dem Schirlingsaft Mich dieser Becher tödten! So mög' einst vor der Rechenschaft Der Götter ich erröthen! Wenn ich, o Vaterland, nicht noch Mit Strömen Bluts dich räche; Wenn ich dieß schändlich schwere Joch Des Römers nicht zerbreche! Er sprachs. Sein Auge funkelt Rings um den Becherrand. Er tranks. Ihm bebt vor Alter, Noch mehr vor Zorn die Hand. Dann füllte Herman seinen Becher, Dem Vater nach; Hob ihn vor seine stieren Blicke Empor, und sprach: So sey im Becher das Verderben! So möge Herman namlos sterben, Wenn ich nicht, Vater, deinen Harm, Mit scharfem Schwerte räche! Wenn ich nicht morsch den frechen Arm Der Tiranney zerbreche! Da reichten alle Gäste dir, Greiß Siegmar, ihre Hände; Und jeder rief: »Verderben mir! Wenn ich nicht, Bruder Herman, dir Mein Gut und Blut verpfände!« Nun eilten wir rathsuchend Zur göttlichen Velleda Thurm. Die Nacht war tief, die Sterne bebten; Denn in den Lüften flog der Sturm, Und Sausen war im alten Haine Wo niemals Axt noch Bogen klang. Da fanden wir des Thurms Zusammengebirgten Steine: Da hub ich an, den Bardengesang. Mein Lied drang in die mosigte Höle, Wo sie, die Rune Velleda war: Und wer der Höle nahet, Den faßt der Schaur beim Haar. Heil uns! Hier sahn wir sie; die Locken Fliegend, im weißen Gewand; Sie schwang die nakten Arme, Fackel und Dolch in der Hand: Sie flog im Zaubertanze Rings um die heilge Lanze (Mich schaudert noch!) und sang Daß uns die Herzen bebten, Und Felß und Wald erklang. Krieg! (schwoll ihr Lied empor:) und Krieg! Dort, die Hügel hinüber! Nah an meinen Gränzen! Ah, die Schwerter glänzen! Freiheit, Ruhm, und Sieg! Deß ist euch Velleda Bürge: Löse, Herman, löse mich! Schaffe daß ich Opfer würge: Oder ich erwürge dich! Bald stand sie in Gedanken tief, Gab Siegmarn ihre Hand und rief: »Segne Tohro, grüße Mannen, Vater, denn sie riefen dich! –« So sprach das weise Weib, und wich In leiserm Tanze von dannen. Drittes Lied Siegsicher trozt der jagende Bär Vor einer Wölfin Höle daher. Wild springt hervor ihr kühnster Sohn; Voll Hunger blöckt sein Rachen schon: Doch wagt ers nicht, und hält den Lauf Des Stärkern nicht verwegen auf. Ihr aber, Römer, lebenssatt, Der reifen Frucht des Sieges satt, Wagt euch in unsre Wälder her Als ob hier ein Karthago wär; Auch unser Führer gleich am Fall Dem großgewesnen Hannibal? – Ha, was durchstört ihr Berg und Hain? Juwelen nicht noch Elfenbein, Nicht Silber oder Gold ist hier: Nur Eisen, Varus, haben wir! Wie? Lockte dich der Tod soweit? – Vielleicht daß unsre Biederheit Dein Herz mit Sehnsucht eingenommen, Solch edle Knechte zu bekommen? – Das ists! bey Gott! Drum drangst du ein, Gleich einer Seuche drangst du ein; Im ganzen Lande schleicht dein Gift, So wie die Pest mit gleichen Pfeilen Den Weisen und den Thoren trifft. O tief bis in das Grab verflucht Sei, Räuber, eure Ränkesucht! Doch eh ihr unsern Grimm bezähmt, Uns wie gefangne Bäre lähmt, Soll Brust und Herz euch beben! Hier ist die Freiheit; kommt und nehmt: Erst aber nehmt das Leben! Denn sterben, lieber wollen wir Der Erst' und Lezte sterben; Dann möget diese Wüsten ihr, Ihr mit dem offnen Rachen, erben! – Horch! – Welch ein weicher Saitenklang Wagt sich an meinen Rachegesang? Sieh doch, Mana-Thuiskons Kind, Sieh doch wie wir glücklich sind. Sieh den Ruhm in unserm Sold, Sieh das allmachtsvolle Gold, Schmuck, Bequemlichkeit und Kunst; Sieh an uns der Götter Gunst. Willst du nicht bey Scherz und Wein Gleich den Römern glücklich seyn? So sang mit ihrer Zauberstimme Rom, die Zauberin. Verderblich riß des Liedes Anmuth So manches beßre Herz dahin. Es wähnte sich zum Glück erlesen, Es opferte sich selbst zum Dank. O wär doch auf den Zaubergesang Ein Schwertschlag Wiederhall gewesen! Nun aber bauen sie umher. Schon mehrt sich nach und nach ihr Heer; Schon schwillt der kleine Gißbach auf Von der Gebürge Schnee: Es steigt und steigt der Fluthen Lauf Gefährlich an die Hütten auf Und macht das Feld zur See. Verschlungen ist des Feldes Frucht; Verschlungen Gnügsamkeit und Zucht; Die Tugend und die Freiheit fliehn Auf fluthumströmte Felsen hin, Und schauen ängstlich weit umher Ob da kein Retter weiter wär? Drey Adler, stolz, und feist von Beute, Schweben über der Wellen Wuth: Und sind sie schon der Vögel Fürsten; So eßen sie doch Raub, und dürsten Nach des Zerrißnen Blut. O nehmts zu Herzen und zu Ohren Wie dieser Fremdling hier stolziert; Bald uns, von freyen Müttern geboren, Als Jünglinge verderbt, Als Männer feßeln wird! Nicht Billigkeit, nicht Weihgefecht, Ein feiler Prätor spricht das Recht, Als wären wir, für Rom allein geboren, Kaum beßer als ein Knecht. O wehe dir, verführte Jugend! Der unerfahrne Jüngling weiß Itzt andre Freuden noch als Tugend, Und wird für Pracht und Wollust heiß; Der Väter Ernst ist ihm ein Scherz, Sein Arm entnervt, und welk sein Herz. O Rom, gieb uns die Kinder wieder, Die du geraubet hast! O meine Kinder, kehrt doch wieder: Uns jammert euer fast! Freund Godschalk, Mann nach meinem Herzen, Sowahr dich Tohr erhört, O komm zurück zu meinem Herzen! Ist Rom wohl deiner werth? – Umsonst! Weh mir! Entflohen Ist er und hört mich nicht; Er achtet nicht der Freundschaft Drohen, Die Noth des Vaterlandes nicht. Weint, weint um ihn im frühen Thaue Ihr Eichen, weint um ihn! Verdorre, verwelke, Hain und Aue, Wo ich, ach wo ich ihn So brünstig an den Busen schloß! Gewiß, er war für solche Sitten, Für solchen Tand zu groß! Er aber flieht! – So flieh' er hin Nach einem träumrischen Gewinn; Verlaße Vaterland und Freund, Ob jenes ruft und dieser weint; Er schmiege nach dem Herren sich, Und sey ihm – ah! – Nur lächerlich! Nun, Thuisko! unsers Ursprungs Gott! Dein Enkel wird des Fremdlings Spott? Wir füttern Wölf' in unsern Horden? So wird das Schwert nie wieder blos? Wie? oder ist des Lasters Loos Unsterblichkeit geworden? – Unsterblich nicht; nein, trauet mir: Sie sind des Todes so wie wir. Von frühem Römerblute naß, Bürgt euch Rhingulph der Barde das! Ich würgte den Tribunus, ha! Der sich den Tod an meiner Irmgard sah. Verbrecherischer Feuerfunken War in sein lodernd Herz gesunken. Ich fand, wie er mit Blicken Des Hungers sie verschlang; Ich staunte welch Entzücken Sein Aug' aus ihrem Anschaun trank. Bald furcht' ich sein Bestreben, Sein Tändeln, seinen Witz: Und schnell durchfuhr mich auch ein Jammer, wie durchs Leben Der Blitz. Da fühlt' ich Flammen nagen Am Herzen, Flammen im Gesicht; Da hätt' ich ihn erschlagen, Floh mich der Weichling nicht! Ich lief in die Dicke des Haines, Ich stürmt' ins Rosengesträuch; Ich hieb vor Wuth die Blüten Herunter und warf sie in Teich. O manche sinnlose Stunde Lag ich mit blankem Schwerte da: – Itzt klatschten die Wellen; da wacht' ich, Da lauscht' ich durch die Sträucher; Und – Götter! – Irmgard ist da! Schon warf sie hin ans Ufer Ihr züchtiges Gewand: Sie sank itzt ins Gewäßer; Doch waren Pfeil und Bogen In der Badenden Hand. Stracks war des Unsinns Nebel Verdampft, verraucht war meine Wuth: Ich dachte nur, die Federweiße In spiegelheller Fluth; Und wollte meiner Lieben mich entdecken, Und schlich sanft durchs Gesträuch, und nun – – O daß ihn Tohr zermalme! – Da schlich auch der Tribun. Schnell fuhr der Grimm mir ins Herz, Mich flügelten Rach' und Schmerz; Kaum sah ich daß Irmgard am Bogen Den Pfeil schon aufgezogen; Ich flog dem Pfeile zuvor: Der Hieb pfiff durch die Luft; der Schädel Des Frevlers nahm ihn ein; Da überströmte mich der Brunnen Des Blutes, und die rothen Fluthen Rieselten in Teich hinein. – Nun aber, nun mit Ernst und Eil', Auf auf, und tilget all den Greul! Auf Männer, auf, und brüderlich Rächt Euch, die Tugend, Irmgard, mich! Wo nicht; so möge schnell Noch in der Freiheit Armen Mein Geist von dannen ziehn, Die jeden Fittich schon entfaltet Euch Trägen zu entfliehn! Dann will ich Tohr und Mana grüßen, Siegmar an deiner Statt, Und alle Götter sollens wißen, Was Thuisko nun für Enkel hat! – – Doch horch! Was tobt hier? – O Triumph! Ist das nicht Kriegeston? – Was seh ich? Sieg euch, Ruhm und Heil! Denn ihr erwachet und mit Eil Zieht ihr zur Rache schon! Zwar seyd ihr noch ein kleines Heer: Doch Herman geht vor euch daher; Und schon ist Blut aufs Feld gefallen In Wehr und Gegenwehr, So wie, bey schwüler Hitze Dauer Zulezt, gebrochne Regenschauer Vor dem Gewitter her. In dem Schauer klang ein Römerbogen. Ach wohin ist der unselge Pfeil, Ach in weßen Brust ist er geflogen? Siegmar, Siegmar geht zur Heldenruh! Drück ihm, Sohn, drück ihm die Augen zu! Über uns ist er geflohn, Heimwärts schwebt der Gott nun schon, Blicket segnend noch herunter, Weiht uns seinen Sohn! Die Götter sahn aus ihrem Saal Ihn auf dem hellen Abendstrahl Mit eignen Kräften durch Des Himmels Stürme dringen, Um sich zu ihnen aufzuschwingen. Da schaute Mana, schritt hervor: »Noch sind sie meiner werth; o Tohr, O Thuisko, rettet meine Kinder!« Da lächelte der Götter Chor, Und sprach, seyd Überwinder. Da donnerte der Donnerer Tohr. O nun zusammen ihr Brüder, zusammen, Wie auf dem Opferheerd Die Wuth gemehrter Flammen Im Nu die Gabe verzehrt! Verwandl' in Rache deine Trauer; Auf, Herman, mit des Feldherrn Macht! Siehst du? Der angenehme Schauer Des feisten Schlummers, und die Nacht Liegt fest auf unsrer Feinde Heer. Schwüle Gewitter schleichen umher; Und Tohros heisre Stimme ruft, Und Manas Schwert blinkt in der Luft; Hertha hat schon das Feld geweiht: Das, das, Veleda, ist die Zeit! Auf! Laßt uns eilen, Laßt Schlachtgesang uns singen! Dann laßt uns eilen Den Weg des Sieges, Daß uns die Köcher auf den Schultern klingen Willkommen in Gewitterpracht, Willkommen uns, gewünschte Nacht! Der ferne Blitz gnügt unsrer Bahn: Drum halt des Mondes Aufgang an. Verbirg in Wolkenduft sein Licht: Denn unser Jüngling wandelt nicht Dem neuverlobten Mädgen zu, Um sie zu sehn in ihrer Ruh. Die Freiheit ist itzt seine Braut: Des kriegerischen Wolfes Haut Blöckt übern Angesicht voll Zorn, Die Klauen drohn am Herzen vorn. Denn wie der Wolf das feige Thier, Also zerreißen wollen wir! Hinweg mit diesen Römern! Weg Mit Großmuth, und mit Schonung weg! Wir sind der Freiheitsrache Heer! Die Mordlist schleicht vor uns daher, Und spähet still ob ihr gelingt Daß sie zu Varus Herzen dringt. Gespenster zeichnen ihr die Bahn: Es geißelt an die Zellter an, Es heulen Eulen durch die Luft Und Varus wird dreimal geruft. Merkt auf! schon dringt der Führer vor Den uns die Freiheit selbst erkor. Sie nannte Herman, und gebot: Da kam Er, und sein Knecht, der Tod. Ihm nach mit Schlachtgewehr und Muth Für Freiheit, Ehre, Haab und Gut. Allmächtige Götter, steht uns bey! Ihr Götter selber seyd ja frey! Seht da, die Wolken dämmern grau; Schon näßt der frische Morgenthau; Bald ist die Sonn' auf ihrer Bahn: Hinan! Was zaudern wir? Hinan! Viertes Lied Noch höher, Harfe; Siegerharfe, Noch lauter! Mehrern Jubels voll Laß alle deine Tön' erbrausen, So wie das Schlachtgetümmel scholl! O daß sie, Pfeilen gleich von Bögen, Mit lieblichem Gesäusel flögen, Und träfen Feind- und Freundes Brust Mit Überwinder Schrecken, Mit hoher Siegerlust! Wohlauf! Heb' an, die große Schlacht! Schon kam der Tag; es glitt die Nacht Vor uns im Thau dahin: Wir aber schlichen, Feind und Beute Im Morgenschlummer wegzufahn. – Ha! sie sind auf! Zum Streite, Zum Treffen, Brüder hinan! Schon fliegen von jeder Seite Des Waldes, Pfeile heran; Nun strömen ihre Cohorten Ins Blachfeld weit und breit: Willkommen vom Schlafe, willkommen! Seyd uns zum Tode des Kampfs geweiht. Heraus, du jener Wölfin Brut, Verlaß die sichern Läger! Genug zum Sterben ausgeruht: Heraus, dich sucht der Jäger! Heraus ans frohe Tageslicht! Denn mit blutfarbnem Angesicht Eilt schon die Sonn' empor und säumet Mit Purpur ihre Wolkenbahn; Da strahlt ihr Wagen, da schäumet Vor ihrem Feuerwagen Der Eber, ihr Gespann: Die Flammen seiner Nase prophezein, Heiß wird der Tag, heißblutend wird er seyn! Seht da, wie flattert in den Lüften Das purpurne Pannier so schön! Die goldnen Legionenführer, Die Adler, schimmern in den Höhn; Die Rosse stampfen und wiehern laut; Laut ruft die Tuba, der Feldherr laut: Auch schwinget, Weh euch! ungescheuht Der Rabe sich über euch hin und schreit. Heran mit Waffen! Heran zum Streit! Ha, welche fürchterliche Menge! Wie kühn! Wie so mit Siegsgepränge! – Unsinnige, so seht ihr nicht Die Schlingen die der Tod euch flicht? Seht ihr nicht, wie der Strahlenschimmer Die flatternden Wolken bricht? Sie werden zu Winden, die fahren Euch staubigt ins Gesicht! Seht ihr nicht die gestreckten Wälder, Drin euch kein Führer winkt? Den steilen Fels? Die schilfigten Felder, Wo Roß und Mann versinkt? Seht ihr nicht, welch Getümmel Euch dicht zusammen dreht? Und seht ihr nicht, daß Himmel Und Erd' euch widersteht? Doch unter Mana's Schwert gebeugt, Lauft ihr den Todesweg Blind. Euer Kriegsgott schweigt. So führ uns dann an ihre Schaaren, O Herman, mit Bedacht; Laß uns heut deine Kunst erfahren, So wie sonst deine Macht: Gebeut, (: ach unsre Herzen brennen!:) Wo sollen wir die Reihen trennen? Wo schlagen, und in Blute gehn? Dort, wo der kühnsten Krieger Mengen Sich wie Gewitterwolken drängen? – Dort wird der Führer Varus stehn! Wie mag das stolze Herz ihm klopfen; Wie ängstlich werden kalte Tropfen Von seiner blaßen Stirne fliehn! Wie wird er, mehr als um sein Leben, Um die von aller Welt Für uns geraubten Schätze beben! Dort unten vor der Reuterschaar Trabt Vala trotzig her. Sein schnarchend Roß ist ungestüm; Doch nicht so wild als er. Sein Schlachthelm, eines Drachens Sitz, Sein Schwert, sein Panzer, strahlt wie Blitz; Tod und Verderben ist sein Ruf: Schon wähnt er unser Blut An seines tanzenden Roßes Huf! Das Schwert her und die Lanze! Schon Erhebt sich eine Legion. Hört, hört, wie sicher sie sich freuen, Zu tödten oder zu zerstreuen: Denn – führt sie nicht Cejonius? Traun, wohl ein Held bey Wein und Kuß! – Du Weichling mit den Rosenwangen, Lebendig wollen wir dich fangen! Nie muß in Thuiskons Opferhain Ein röther Blut gefloßen seyn! Das Schwert her und die Lanze! Sie kommen; sie sind da! So jagen rasende Stürme Das Wetter tobender nah'. Schwarz zog es durch die Tannen Der Berg' und blitzte von ferne: Itzt ist im Blitze der Donner, Im Donner der Schlag auch da. Nun fahren die Lanzen, nun dringen Die Schwerter ins Schild, nun klingen Die Pfeile vom Bogen gejagt: Da quellen weite Wunden Von Todesschmerzen genagt; Der Staub fliegt in die Lüfte, Himmel und Erde zittert, Und heult, und jauchzt, und klagt. Willkommen Sieg! Da blutet schon, Da liegt die stolze Legion Und stirbt zu unsern Füßen; Ihr goldner Räubervogel stürzt Herab zu unsern Füßen. Hinan! daß wir die andern zween Noch heut in unsern Händen sehn! Hinan! und laßt es Arbeit kosten, Laßt Blut den Preis des Sieges seyn: Zwey Legionen beßre Krieger Dringen mächtig auf uns ein; Und wollen unsre Schaaren brechen, Und wollen ihrer Brüder Tod An uns gedoppelt rächen! Wie muthig sprengen sie heran, Wie listig sie uns rings umgeben, Um wie mit Netzen uns zu fahn! O bey des Vaters Götterleben, Hier, Herman, nimm dich unser an: Sonst ists um Sieg und Ruhm, Um Leben, mehr noch, mehr, Um unsre Freiheit gethan! Ihm nach, wie Schlag auf Schlag! Ihm nach: schon öffnet er, Wie durch die Nacht der junge Tag, Den Weg des Sieges vor sich her. Wir aber folgen Schritt auf Schritt; Wir kämpfen und wir tödten mit: So geht auf geilbewachsner Aue Der Mäher in dem Morgenthaue; Die blanke Sense schallt vor ihm Durch Blumen und Disteln ungestüm; Dann liegen sie verwelkt und fahl, Und werden dürr am Sonnenstrahl. Ihm nach, durchs blutgefleckte Thal! Ihm nach, auf die Berge voll Leichen, Wo Römerpfeile schräg herab Die kahle Höh' durchstreichen! Hinan, und schmettert sie hinab Von unsern Felsenspitzen; Zerbrecht ihre Bögen, zerbrecht den Schützen Alles Gebein, und werft's ins Grab! Ha! tobender zerfleischen sich Zween kühne Auer nicht: Sie sind die Heerdenführer beide; Sie treffen sich auf Einer Weide: Da dröhnt der Boden, das Streithorn bricht; Sie bluten, doch sie weichen nicht: Bis daß ergrimmt durch ihren Muth Die ganze Heerde kämpft, voll Wuth Einander anfällt, schrecklich brüllt, Und Staub den Tod in Wolken hüllt. Wer sähe das, und fühlte Die Lust des Würgens nicht? Sie tobt in meinem Busen, Und flammt mir im Gesicht; Und meine Faust, die friedlich Sonst nur die Harfe trug, Stürmt ins Gewirr des Feindes, Wie sie die Saiten schlug. Flieht, flieht Des zornigen Bardens Klinge, Damit sein Lied Nicht hundert Gefallene mehr besinge! Ha, wer ist der Verwegne Im römischen Gewand? Er kömmt voll Staub und Blutes, Er schreitet matt und einsam, Siegmüde hängt sein Schwert Ihm in gesunkner Hand. – So sehnst du dich zu sterben? Dein Wunsch geschehe dir! Heran! – Fluch und Verderben! – Wer bist du? – Wehe mir! Bist du es, du Verräther? Nicht teutsch mehr, Freund auch nicht! Wie darfst du mir noch schauen Ins zornige Gesicht? Wie, Godschalk, darfst du trauen, Nicht fliehen, zittern nicht? »O Freund – –!« Nicht Freund! – »O Rhingulph, Halt ein, und höre mich!« Was sollt' ich dich noch hören? Die Götter hörten dich! Sie sahen deinen Abfall, Sie wogen dein Verbrechen, Und sie verwarfen dich: Ihr Tod geht aus zum Rächen, Und kömmt, und rüstet mich! »Rhingulph, Rhingulph! – Schwachheit weicht, Jugend fehlt; nur allzuleicht! Sprich doch, du, den ich geliebt, Mehr als wie sich Brüder lieben, Ob die Freundschaft nie vergiebt?« Aber wer (: hör deine Schande!:) Vaterlands- und Freundschafts-Bande Zu zerreißen sich erkühnt; Wie verdiente der Vergebung, Der das Leben nicht verdient? – Hier ist Raum zum Büssen, hier! Waffen, Waffen über dir! Verachtend streifte mich sein Blick: Das fiel zweischneidig auf. Mein Lanzenwurf gabs ihm zurück: Doch fing sein Schwert ihn auf. Wir kämpften. Hieb auf Hieb erklangen, Daß die, so mit dem Tode rangen, Sich mühsam huben und uns sahn: Die Tödtenden in ihrer Wuth Erwachten aus ihrem Traume von Blut, Verweilten, und staunten uns an. Die Götter blickten itzt nach ihrem Runenbuche Wo Tod und Leben steht. Er falle! So stands, mit einem Fluche Gezeichnet stand es da. Weh ihm, da sank er; da lag er; da! Sein Leben entfloh. Ich hatte Mein Herz verwundet; ich starrte Betäubt hin in sein Blut; Verfluchte dieses Eisen, Verdammte meine Wuth. Da wandt' ich mich, und stieß mein Schwert Dem nächsten Römer in die Brust; Nahm ihm das seine; stürzte mich Ins Treffen, das schon fern entwich. Wie flohn da die Geschlagnen Gleich schüchternen Lämmern umher; Verlassen, matt, verfolget, Zerrißen von Wolf und Bär! Denn Varus, der Führer der Heerde, Liegt auf der blutigen Erde In Todeszückungen da, Und seine Seel' entbebt ihm. Ha! Er hatte nicht zum Streite, Kaum noch zum Sterben Muth: Er stieß sich in die Seite Sein Schwert, und ruht. Wohl dir! Der Tod ist beßer, Denn Siegmars zornger Sohn! O wohl dir, daß du dem Meßer Der unversöhnlichen Runen entflohn! Huy! da verstäubt mit seinem Reuter, Vala Numonius; Verläßt den müden Lanzenstreiter, Der nun erliegen muß: Doch sollst du nicht entrinnen, Sollst Rom nicht wiedersehn: Denn euer Glück ist müde Dem Unrecht beizustehn! Sie fliehn! sie fliehn Zum strömenden Rhein; Sie drängen, sie stürzen sich hinein. Doch Tohro donnert, und winkt Seinen bellenden Stürmen: Da brausen die Wellen und thürmen, Und Roß und Mann versinkt. Nun werden seine Waßerraben Bis zu der nächsten Schlacht Ein sattes Futter haben! Und nun, du kleiner Rest, heran! – Ihr Götter! Wie? Ist es gethan? – Es ist vollbracht! Kein Römer lebt, Der nicht mit Feßeln gebunden bebt. Triumph! Noch eins Triumph! Nun hat Der Tod gesäet seine Saat! Drei Legionen liegen, sterben; Sohn, Vater, Bruder ist hingerafft. Wir nur, wir sind die Erben Zu der Verlaßenschaft! Sie aber eilen zitternd, Um schrecklicher zu büßen, An ihres Lasters Hand Hinab ins große Schattenland. Blinde Nächt' umgeben Den Sündenrächer dort: Aber er hascht ihr Leben, Und seine Schlangengeißel Zerfleischt sie fort und fort. Da hallen des Elends Lieder In der Höh' und der Tiefe wieder, Daß er, der Wirth des Jammers, Horchend oft innehielt, Und grimmiges Erstaunen, Doch nie Erbarmung fühlt! Fünftes Lied Wie wenn der lezte Wintersturm Noch eine Nacht mit Sausen, Mit Schnee und Hagel, fürchterlich Durchwütete; dann schnell entwich, Auf fernem Gebürge zu brausen: Der erste göldne Frühlingstag, Der lauschend hinter Wolken lag, Steigt freundlich nun hernieder; Sein Athem, balsamirt und lau, Sein Morgenglanz, sein Abendthau, Belebt die Fluren wieder: So weicht von uns des Krieges Wuth; Verronnen ist das Römerblut, Und froher als der Lenz, Mit seinem Reiz und seiner Sonne, Erquicket uns des Sieges ganze Wonne! Nun kehrt die Freude wieder; Nun steigt der Ruhm hernieder Und jauchzt durch alle Welt: Nun eilt, gesandt von Teuts und Manas Thronen, Die Freiheit, um zu wohnen Wo man sie heilig hält! Ruhe folgt dem Streite: Nehmt die Schwerter der Beute, Heftet die Klingen den Pflügen an, Und spannt die gefangenen Roße daran; Bis satter Überfluß Von allen Feldern winkt; Indeß aus reingebleichten Schädeln Ihr diesen feuervollen edeln Erbeuteten Falerner trinkt. So müßen sie alle verderben, Die unsrer Freiheit drohn! So müßen sie fallen, so sterben, So schlage Tod und Hohn Ihre stolzen Schädel zu Scherben! Triumph, die Schmach ist gerochen, Errungen ist der Sieg; Die Kette, Triumph! zerbrochen: Das war ein göttlicher Krieg! Triumph, Triumph! so donnre Der Ruf, ihr kaum Entronn'nen, Auf eurer Flucht euch nach. Triumph, Triumph! verkündet's; Wir kommen bald mit Herman, Dem Schrecklichen, euch nach! Und theilen, endlich am Ziel, Dort im Orangeschatten, Durchs Loos eure Kinder und Gatten, Und eure Städt' im Spiel. Itzt aber, matt vom Streite, Gesättiget von Beute, Läßt euch der Sieger ziehn. Der Falk im ersten Hunger Zerriß vom Rabenneste Nur drey, und ließ die andern fliehn. So fliehet nur, doch saget's an; Dieß, Römer, haben wir gethan! Wir sahen euer Kriegesglück. Es kam: da riefen wir, zurück! – O welche Schmach von Ketten schwer! Ha, welche Knechtschaft rings umher! Noch dampft Karthagos letzte Glut; Schon lernt Iberiens Heldenmuth Sich zahm an euer Joch gewöhnen; Selbst der in kluger Flucht Furchtbare Parther sucht Euch wieder zu versöhnen. Auch läßt der falsche Gallier (: Zwar Nachbar, aber Freund nicht mehr:) Die euch bekannte Keule fallen: Wir aber, von ihm verrathen, von allen Verlaßen, wir zerbrachen doch Dieß uns schon angelegte Joch: Wir streuten Römerblut aufs Feld, Und Römerschande durch die Welt. Triumph! Noch eins, ihr Brüder, Triumph sey unser Ruf. Schlagt Hand in Hand ihr Brüder, Denn, Heil uns! wir sind wieder Frey, wie uns Thuisko schuf. Singt Lobgesänge den Göttern, Bringt Opfer und Dank den Rettern, Betet die Geber des Sieges an: Dieß Heil ist ihre Sache; Held Herman hat die Rache Aus ihrer Hand empfahn. Kommt, ihr frommen Druiden, Theilt mit uns den Gewinn! Kommt doch, heilge Mädgen, Nehmt die Gefangenen hin, Ihr Runen, des Sieges Bürgen; Vergiest ihr Herzensblut, Eh die Opfer sich würgen Mit ihren Ketten, in ihrer Schande Wuth! In des Eichwalds Mitte Prange dieses Adlerpaar. Ha, daß uns der göldne dritte So verschwunden war! Schwingt er sich nicht bald Aus dem Sumpf hervor; O so fliegt er warlich Jenen Schatten vor, Die vor unserm Grimm dahin Im Gedränge zur Hölle fliehn. Ha, nun tanze Veleda, tanze Göttliche Siegesbürgin In meinen Jubelgesang. Horch, wie feyert die Harfe? Wie tönt in ihre Saiten Dir alles Volkes Dank? O sing' uns deiner Weisheit Lieder Noch oft so glückverkündend wieder; Bis Rom der Wahrheit Werth ermißt, Daß dein Geschlecht den Göttern heilig ist. Aber nächst den Göttern haben Helden ihren Rang. Nächst den guten Göttern sagen Wir dem Helden Herman Dank. Heil des fürstlichen Mannes Tagen, Und stäter Ruhm, und ewiger Bardengesang! Ein Gott ists, der dem Sieger Das Leben gab: Drum stürmt sein Ruhm in die Himmel, Und überhüpft das Grab. Mit allgewaltgem Flügel Bahnt seinen Weg Unsterblichkeit; Sie trägt vor seinem Fluge Den Schild der Ehre, hoch und breit. Wie schimmern da die Namen Der Brudervölker, die so schön Mit dunkelrothem Römerblute In diesen Schild gezeichnet stehn! Heil euch, Cherusker! Hehr und theuer Ist euer Nam' ein Lobgedicht. Herman, Herman ist euer: Mehr Ruhms bedarf es nicht! Der goldgefärbte Mistel War nie Gewächs der niedern Distel: Die Eiche, die den Göttern heilig ist, Zeugt ihn aus Thaue, der vom Himmel fließt. Heil dir, du starker Schild-Zerbrecher, An Menge nicht, an Muth furchtbarer Langobarth, Der, seiner eignen Freiheit Rächer, Auch unsrer Freiheit Retter ward! Dich möge Thuiskon ehren; Dich Heldenstamm vermehren, Daß er, wie sich ein Strom ergeußt, Dereinst das Römerland durchfleußt! Wie jauchzt nun voller Freuden Der Katte mit dem kühnen Herz! Des Vaterlandes Leiden, (: Segnet ihn, ihr Götter!:) War sein größter Schmerz; Trug einen Ring von Eisen Zum Zeichen bittrer Schaam; Ließ traurig sich das Haupthaar, Den Bart sich traurig wachsen, Bis daß er Rache nahm. Triumph, er ist gerochen! Er hat den Ring zerbrochen, Er schneidet ab das wilde Haar, Worin sein Antliz schrecklich war. Berüchtigt ist der Tenkter, Berühmt das Roß auf dem er ficht; Denn kriegrischer und schneller Sind diese Fremdlingsroße nicht. Vergebens, daß ihr Römer Geschwind wie Schwalben floht: Er rannte mit den Schnellsten Blutwettend um den Tod; Warf ab die Sklavenkette, Gelangt' ans Ziel, voll Muth: Und da gewann er die Wette Bezahlt mit euerm Blut. Auch kam gereizt und racheschnaubend Der edle Kauz herzu. Zwar, wie der satte Bär im Winter, Lag er schon längst in süßer Ruh: Doch ist dem Schlummer nicht zu trauen; Weh dem, der ihn unehrerbietig weckt! Bald fühlt er seine Klauen, Hin in den blutgen Schnee gestreckt. Dann kehrt der Überwinder wieder, Und sinkt zu süßerm Schlummer nieder, Und wirft des siegenden Zorns Gewinn Den heißen Rachen der Wölfe, Den hungerbellenden Füchsen hin. Doch wie mit buntem Fell gezieret Der schöne Luchs einherstolzieret, Troz seiner Sanftheit eitel List Und grausam und unbändig ist; So zog der tapfre Schweve fürder, Geputzt zu Treffen und Gefahr, Mit seinen buntgemalten Waffen Und künstlich aufgeknüpftem Haar; Und ward vom Feinde fast verachtet Weil er kein Schrecken droht: Doch in der Asche lag Feuer, Und unter Blumen war Tod. – Unsterblichkeit! Wie strahlt dein Schild Mit all den großen teutschen Namen Ganz überfüllt! Wie hold schmückt unser Eichenkranz Der falben wehenden Locken Glanz! So fleug dann glorreich auf, Und wende dein Gesicht Auf niedrige Segeste nicht! – Sprach ich Segest? – Wie ist mir dann? War nicht Segest einmal ein Mann? – Segest! – ach daß ich dich muß nennen! Ach daß dich wird die Nachwelt kennen! »Thusneldens Vater war Segest; Sein Eidam, Herman der Sieger; Er selber aber fröhnte Rom, Und ward ein Knecht und ein Betrüger.« – Unseliger! Von Sohn zu Sohn Ruft dieß Gerücht, und spricht dir Hohn. Du aber trotz' auf Sklavensinn, Stirb einst in Königsstolz dahin; Sey du nicht deines Sohnes Trauer, Dein Grab sey wüst, und dein Gedächtniß Schauer! So fleug Unsterblichkeit gen Himmel: Dein breiter strahlender Schild Ist ja mit beßern Namen Ganz überfüllt. Ihr nach, ihr nach! Ihr Sieger, hebt Hebt euern Barden auf einen Hügel Von Römerleichen! Es bebt Mein Herz von neuen Dingen! Der Begeistrung Schauer schwebt Mit mir auf mächtigen Schwingen! Schon murrt der Sturm tief unter mir: Wohin, wohin? In welch Refier? Ha! welch ein Blick in Weiten Noch ungeborner Zeiten! Ich höre fremde Waffen streiten, Und, Götter, habe Rom erblickt, Von eigner Last zu Boden gedrückt! – – So sinke! stürze! liege da! Welch Getümmel! Teutsche Keulen Zerschmettern dir den Schädel. Ha! Wie umher die Schwerter eilen; Unsrer Enkel Schwerter. Ha! – – Nun seh ich auf der großen Trümmer Stolze Priester sitzen: Schrecklich ist des Opfermeßers Schimmer, Furchtbar nicken ihre Mützen, Grausam wütet ihr Wahrsagerstab: Denn ganz Rom ist seiner Größe Grab, Ist ein Nest der Ottern und der Eulen, Zerstört von teutschen Keulen, Verheert von teutschen Schwertern. Ha! Denn du verlachst, o Rath der Götter, Den sterblichen Stolz aus deinen Höhn. Er saust dahin, wie Wirbelwinde Den Staub aufblasen, und vergehn.