Von Weibern / Alte Lieder 1846 1. Klärchen Mir glänzen die Augen Wie der Himmel so klar; Heran und vorüber, Du schlanker Husar! Heran und vorüber, Und wieder zurück! Vielleicht kann's geschehen, Du findest dein Glück! Was weidet dein Rapp' mir Den Reseda dort ab? Soll das nun der Dank sein Für die Lieb, so ich gab? Troll nur dich von hinnen Auf deinem groben Tier Und laß meine strahlenden Sternaugen mir! 2. Regina Mein Schatz sitzt im Garten, Kehrt den Rücken dem Tal Und verbirgt mir ihrer Augen Himmlischen Strahl. Ihr goldbrauner Haarwuchs Weht über den Zaun; Ihren Mund und ihre Augen Doch läßt sie nicht schaun. Sie lässet erklingen Ihrer Stimme Getön. O du boshafte Hexe, Wie klingt es so schön! 3. Therese Du milchjunger Knabe, Wie schaust du mich an? Was haben deine Augen Für eine Frage getan! Alle Ratsherrn in der Stadt Und alle Weisen der Welt Bleiben stumm auf die Frage, Die deine Augen gestellt! Eine Meermuschel liegt Auf dem Schrank meiner Bas' – Da halte dein Ohr dran, Dann hörst du etwas! 4. Walpurgis Ich fürcht nicht Gespenster, Keine Hexen und Feen, Und lieb's, in ihre tiefen Glühaugen zu sehn. Am Wald, in dem grünen Unheimlichen See, Da wohnet ein Nachtweib, Das ist weiß wie der Schnee. Es haßt meiner Schönheit Unschuldige Zier; Wenn ich nächtlich vorbeigeh, So zankt es mit mir. Doch der Schein meiner Augen Und das Rot von meinem Mund Verscheuchen das Spukweib Alsbald auf den Grund. Jüngst, als ich im Mondschein Am Waldwasser stand, Fuhr sie auf ohne Schleier, Ohne alles Gewand! Es schwammen ihre Glieder In der taghellen Nacht; Der Himmel war trunken Von der höllischen Pracht. Aber ich hab entblößet Meine lebendige Brust; Da hat sie mit Schande Versinken gemußt! 5. Ännchen Drei Liebste will ich nehmen: Der erste muß ein Kaufmann sein, Der andere ein Gärtner, Der dritt ein Betteljung. Der Kaufmann soll mir bringen Wohl Perlen, Gold und Edelstein, Der Gärtner süße Früchte All für den Betteljung. Der Kaufmann soll mir bauen Ein Haus mit einem schönen Saal, Der Gärtner grüne Reben Für meinen Betteljung. Der Kaufmann soll mich kleiden In Seiden und in blauen Samt, Mein Haar der Gärtner kränzen Schön für den Betteljung. Der Kaufmann und der Gärtner, Sie sollen haben keinen Lohn, Doch viele tausend Küsse Mein lieber Betteljung. Und wenn wir sind gestorben Und schaun die ewige Seligkeit: Dann sollen sie begraben Mich und den Betteljung. Der Kaufmann soll errichten Von Marmor einen Leichenstein, Der Gärtner Rosen pflanzen Mir und dem Betteljung! 6. Agnes Ein Schreiner hobelt' spät und früh, Verliebt in eine Maid; Doch einen andern liebte sie, Das schuf dem Holzmann Leid. Es war gar traurig anzusehn, Wenn an der Arbeitsbank Voll Kummer in die Hobelspän' Sein blondes Haupt versank. Und hub er aus den Spänen dann Das gelbe Haar zurück, Ein Tränenstrom ihm niederrann, Herzbrechend war sein Blick. Da trat sie in die Werkstatt ein, Erblühend, schön und stolz: »Schafft mir ein Bett, Herr Schreiner mein! Von gutem Nußbaumholz! Soll auf gewundnen Säulen stahn, Ein Himmel drüber hin, Den malt mit blauer Farbe an Und goldnen Sternen drin! Und eine Wieg', die wie ein Reh So leicht und munter springt Und schaukelnd nach dem Takte geh, Wenn man dem Kindlein singt!« Betrübt und folgsam hob er nun Die schwere Arbeit an; Ich frag: Was konnt er andres tun, Der blonde Tränenmann? 7. Salome Singt mein Schatz wie ein Fink, Sing ich Nachtigallensang; Ist mein Liebster ein Luchs, O so bin ich eine Schlang. O ihr Jungfraun im Land, Von dem Berg und über See: Überlaßt mir den Schönsten, Sonst tut ihr mir weh! Er soll sich unterwerfen Zum Ruhm uns und Preis! Und er soll sich nicht rühren, Nicht laut und nicht leis! O ihr teuren Gespielen! Überlaßt mir den stolzen Mann! Er soll sehn, wie die Liebe Ein feurig Schwert werden kann! 8. Helene Tretet ein, hoher Krieger, Der sein Herz mir ergab! Legt den purpurnen Mantel Und die Goldsporen ab! Spannt das Roß in den Pflug, Meinem Vater zum Gruß! Die Schabrack mit dem Wappen Gibt 'nen Teppich meinem Fuß. Euer Schwertgriff muß lassen Für mich Gold und Stein, Und die blitzende Klinge Wird ein Schüreisen sein. Und die schneeweiße Feder Auf dem blutroten Hut Ist zu 'nem spielenden Wedel In der Sommerszeit gut. Und der Reitknecht muß lernen, Wie man Lebkuchen backt, Wie man Wurst und Gefüllsel Auf die Weihnachtszeit hackt! Nun befehlt Leib und Seele Dem heiligen Christ! Denn ihr seid verkauft, Wo kein Erlösen mehr ist! Seid der Liebe verfallen Und verpfänd't euer Blut! Müsset leiden und brennen In ewiger Glut! 9. Röschen Röschen biß den Apfel an, Und, zu ihrem Schrecken, Blieb ein perlengleicher Zahn In demselben stecken. Und das gute Kind vergaß Ihre Morgenlieder! Tränen ohne Unterlaß Träufelten ihr nieder! 10. Gretchen Das Dirnlein vor dem Gnadenbild Im trüben Kerzenglanz, Es flehte heiß, es flehte wild Um einen Myrtenkranz. Die Mutter Gottes schaute baß Herab von dem Gestell; Es flunkerte der Schmuck von Glas Auf ihrer Brust so hell. Die Orgel gab 'nen schönen Klang, Wie Donnerton im März; Vor Bangigkeit und Wehmut sprang Dem Kinde schier das Herz. Und unter selbem Herzen schwoll Ein zweites Herzlein an. Bald stand sie blaß und schandenvoll Mit Stroh hier angetan! 11. Das rote Bärbchen Wandl' ich in dem Morgentau Durch die dufterfüllte Au, Muß ich schämen mich so sehr Vor den Blümlein rings umher! Täublein auf dem Kirchendach, Fischlein in dem Mühlenbach Und das Schlänglein still im Kraut: Alles nennt und fühlt sich Braut! Apfelblüt im lichten Schein Dünkt sich stolz ein Mütterlein, Dieweil schon mit linder Wucht Ihr im Schoße keimt die Frucht. Gott! was hab ich denn getan, Daß ich ohne Lenzgespan, Ohne einen süßen Kuß Ungeliebet sterben muß? 12. Kunigunde Das Köhlerweib ist trunken Und singt im Wald; Hört ihr, wie ihre Stimme Im Grünen hallt? Ruht auf der roten Nase Der Abendstrahl: Glüht sie, wie wilde Rosen Im dunklen Tal. Sie war die feinste Blume, Berühmt im Land; Es warben Reich' und Arme Um ihre Hand. Sie trat in Gürtelketten So stolz einher; Den Bräutigam zu wählen Fiel ihr zu schwer! Da hat sie überlistet Der rote Wein – Wie müssen alle Dinge Vergänglich sein! Das Köhlerweib ist trunken Und singt im Wald; Wie durch die Dämmrung gellend Ihr Lied erschallt! 13. Sabine Du hast wohl dicht verschlossen Dein Gärtlein, frommes Kind, Da diese Heckensprossen So eng verwachsen sind? Doch blüht die Unschuld immer Darin, soviel ich seh; Sonst war es Lilienschimmer: Nun ist es weißer Schnee! 14. Sibylla Die alten Jungfern bleichen Ihr Tuch am Sternenschein, Da wird dann ohnegleichen Das Linnen zart und rein. Bei Tage an der Sonnen Tut's fast den Augen weh; Im Himmel wird's gesponnen, Das ist der weiße Schnee. Und Wiese, Feld und Garten Hast du schon vollgespannt? Willst du so bald erwarten Des Bräutigames Hand, Der an der Kirchenpforte Dich sanft vorüber trägt, Mit kühlem Liebesworte Dich in die Erde legt? 15. Creszenz Wie glänzt der weiße Mond so kalt und fern, Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern! Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand; Ach, weiterhin liegt meiner Jugend Land! Tief ab liegt des Gebirges Kluft und Schlund, Noch tiefer schwindet meines Glückes Grund! Und alle Morgen muß ich niederschaun In diesen Abgrund, wo die Nebel graun! Und alle Nacht rück höher ich hinauf, Zuletzt tut sich der kalte Himmel auf. Da sitzt Maria auf dem goldnen Thron, Auf ihrem Schoße schläft ihr sel'ger Sohn. Da sitzt Gott Vater, der den Heil'gen Geist Aus hohler Hand mit Himmelskörnern speist. In einem Silberschleier sitz ich dann Und schaue meine weißen Hände an, Bis irgend eine Harfensaite springt Und mir erschreckend durch die Seele klingt. 16. Die schöne Wirtin Alle meine Weisheit hing in meinen Haaren, Und all mein Wissen lag auf meinem roten Mund, Alle meine Macht saß auf dem sternenklaren, Ach, auf meiner Augen blauem, blauem Grund! Hundert Schüler hingen an meinem weisen Munde Und ließen sich von meinen klugen Locken fahn, Hundert Knechte spähten nach meiner Augen Grunde Und waren ihrem Winken und Blinken untertan. Nun hängt totenstill das Haar mir armem Weibe, Wie auf dem Meer ein Segel, wenn keine Luft sich regt! Und einsam klopft mein Herz in dem verlaßnen Leibe, Wie eine Uhr vom Schwarzwald in leerer Stube schlägt!