Pandora (Antipanegyrisches) Meergedanken O wär mein Herz das tiefe Meer Und meine Feinde die Schiffe: Wie schleudert' es sie hin und her An seines Zornes Riffe! Und endlich schläng es unter sie, Hinunter in die Tiefe, Daß drüber glänzend spät und früh Der Meeresfrieden schliefe. So aber ist's ein Wellchen kaum, Von tausend Wellen eine; Doch nagt und wäscht ihr leichter Schaum Am morschen Schiffsgebeine. Wir Wellen ziehen treu vereint, Und eine folgt der andern; Wir haben all den gleichen Feind, Nach dem wir spähn und wandern. Die Geisternot, der Wirbelwind, Der peitscht uns, bis wir schäumen, Bis alle wach geschlagen sind Aus ihren Wasserträumen. Und endlich sinkt im Trümmerfall, Was wir so lang getragen – Heil uns, wenn wir mit sattem Schwall Dann oben zusammenschlagen! Dann ruft's von allen Ufern her, Als ständ der Himmel offen: Das Schiff der Lügner ist im Meer Mit Mann und Maus ersoffen! Apostatenmarsch Bum! Bum! Bim, bam, bum! Schnürt den Sack und kehrt links um! Abgeweidet ist die Matte, Spute dich, du Wanderratte, Hungern ist kein Gaudium! Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Sind wir nicht ein schöner Zug, Galgenfroher Rabenflug? Hinter uns die guten Tröpfe Stehn und brechen sich die Köpfe Ob dem lustigen Betrug. Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Hohn und schriller Pfeifenklang Folgen uns den Weg entlang; Weiter, weiter in dem Kote! Weiße süße Gnadenbrote Lohnen uns den sauren Gang! Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Aus dem Busen reißt das Herz, Werft es fluchend hinterwärts! Pfaffenküch und Keller kühle, Spüle weg die Hochgefühle, Ei, es war nur Bubenscherz! Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Nieder mit dem Jungfernkranz! Ausgelöscht der Ehre Glanz! Ausgepfiffen jede Wahrheit! Angeschwärzt der Sonne Klarheit! In den Staub mit dem Popanz! Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Judas starb den dummsten Tod – Schäme dich, Ischariot! Magst du zappeln! Unsereiner Schwimmt mit Würde stets als reiner Goldfisch durch das Blut so rot! Dreht die Fahne, dämpft die Trommel: Bum! Bum! Bim, bam, bum! Auf Maler Distelis Tod Sie haben Ruh, die Kutten braun und schwarz, Die Fledermäuse, Raben-, Eulenköpfe, Spießbürger alle, mit und ohne Zöpfe, Und was da klebt im zähen Pech und Harz! Er hat sie drangsaliert und ließ sie tanzen, Die faulen Bäuche wie die krummen Rücken, Die dicken Käfer und die dünnen Mücken, Die Maulwurfsgrillen und die Flöh und Wanzen! Schaut her, ihr draußen, denen im Genick Der Adler und der Geier Fänge lasten, Schaut dies Gewimmel ohne Ruh und Rasten, Den Bodensatz in einer Republik! Solch einen Sabbat wohlgemut zu schildern, Braucht es fürwahr ein unerschrocknes Blut! Nun warf er hin den Stift, nahm Stock und Hut, Und fluchend steht das Volk vor seinen Bildern. Schlechte Jahreszeit Wo ist der schöne Blumenflor, Den wir so treu gehegt? Vom Hoffen und vom Grünen sind Herz, Garten kahlgefegt! Und wie in einer Nacht ergraut Ein unglückselig Haupt, Hat sich heut nacht das Vaterland Geschüttelt und entlaubt! Der Rhein entführt ins Niederland Die welke Sommerlust, Läßt öd und fahl die Felder uns, Den Frost in unsrer Brust. Die Silberfirnen hüllen sich In dunkle Wolken ein; Doch bald wird jeder Kehricht nun Ein blanker Schneeberg sein! Und alles wird so klein, so nah, So dumpf und eingezwängt; Wie drückend ob dem Scheitel uns Der graue Himmel hängt! Auf jedem Kreuzweg sitzt ein Feind – Es ist ein harter Stand: Mit Schurken atmen gleiche Luft Im engen Vaterland! Lied vom Schuft Ein armer Teufel ist der Schuft, Er weiß: es kennt ihn jedes Kind; Er wandelt wie ein Träumender, Wo unverdorbne Menschen sind. Ein dummer Teufel ist der Schuft, Weil doch er der Geprellte ist, Wenn ihn die Welt, die er betrog, Mit großen, klaren Augen mißt. Er geht einher im Silberhaar Und keimt schon in des Knaben Blick, Er kriecht umher in dunkler Not Und spiegelt sich in Glas und Glück. Bald sitzt er auf dem Königsthron Und heißt von Gottes Gnaden Schuft, Bald steckt er und vermodert er In eines Bettlers Hundegruft. Doch immer müht und plagt er sich Und tut, als wär er sehr gescheit; Wenn man an ihm vorübergeht, So pfeift er aus Verlegenheit. Laßt pfeifen sie und nagen nur, Die Ratten, im dunklen Erdenhaus; Es tagt dereinst ihr Wandertag, Dann schweigen sie und sterben aus! Jesuitenzug 1843 Hussa! hussa! die Hatz geht los! Es kommt geritten klein und groß, Das springt und purzelt gar behend, Das kreischt und zetert ohne End: Sie kommen, die Jesuiten! Da reiten sie auf Schlängelein Und hintendrein auf Drach und Schwein; Was das für muntre Bursche sind! Wohl graut im Mutterleib dem Kind: Sie kommen, die Jesuiten! Hu, wie das krabbelt, kneipt und kriecht, Pfui, wie's so infernalisch riecht! Jetzt fahre hin, du gute Ruh! Geh, Grete, mach das Fenster zu: Sie kommen, die Jesuiten! »Gewissen, Ehr und Treue nehmt Dem Mann und macht ihn ausverschämt, Und seines Weibes Unterrock Hängt ihm als Fahne an den Stock: Wir kommen, die Jesuiten!« Von Kreuz und Fahne angeführt, Den Giftsack hinten aufgeschnürt, Der Fanatismus ist Profoß, Die Dummheit folgt als Betteltroß: Sie kommen, die Jesuiten! »Wir nisten uns im Niederleib Wie Maden ein bei Mann und Weib, Und was ein Schwein erfinden kann, Das bringen wir an Weib und Mann: Wir kommen, die Jesuiten!« O gutes Land, du schöne Braut, Du wirst dem Teufel angetraut! Ja, weine nur, du armes Kind! Vom Gotthard weht ein schlimmer Wind: Sie kommen, die Jesuiten! Die öffentlichen Verleumder Ein Ungeziefer ruht In Staub und trocknem Schlamme Verborgen, wie die Flamme In leichter Asche tut. Ein Regen, Windeshauch Erweckt das schlimme Leben, Und aus dem Nichts erheben Sich Seuchen, Glut und Rauch. Aus dunkler Höhle fährt Ein Schächer, um zu schweifen; Nach Beuteln möcht er greifen Und findet bessern Wert: Er findet einen Streit Um nichts, ein irres Wissen, Ein Banner, das zerrissen, Ein Volk in Blödigkeit. Er findet, wo er geht, Die Leere dürft'ger Zeiten, Da kann er schamlos schreiten, Nun wird er ein Prophet; Auf einen Kehricht stellt Er seine Schelmenfüße Und zischelt seine Grüße In die verblüffte Welt. Gehüllt in Niedertracht, Gleichwie in einer Wolke, Ein Lügner vor dem Volke, Ragt bald er groß an Macht Mit seiner Helfer Zahl, Die, hoch und niedrig stehend, Gelegenheit erspähend, Sich bieten seiner Wahl. Sie teilen aus sein Wort, Wie einst die Gottesboten Getan mit den fünf Broten, Das klecket fort und fort! Erst log allein der Hund, Nun lügen ihrer tausend; Und wie ein Sturm erbrausend, So wuchert jetzt sein Pfund. Hoch schießt empor die Saat, Verwandelt sind die Lande, Die Menge lebt in Schande Und lacht der Schofeltat! Jetzt hat sich auch erwahrt, Was erstlich war erfunden: Die Guten sind verschwunden, Die Schlechten stehn geschart! Wenn einstmals diese Not Lang wie ein Eis gebrochen, Dann wird davon gesprochen Wie von dem schwarzen Tod; Und einen Strohmann baun Die Kinder auf der Heide, Zu brennen Lust aus Leide Und Licht aus altem Graun. Nacht im Zeughaus 1 Bleich beglänzte Wolkenscharen Draußen durch die Mondnacht fahren, Ungewisse Lichter fallen Hier in diese grauen Hallen. Schwert an Schwert und Lanz an Lanze Reihen sich mit düsterm Glanze, Banner, braun vom Schlachtenwetter, Rascheln da wie Herbstesblätter. Licht aus heller Jugendferne, Seid gegrüßt, ihr Morgensterne, Und auch ihr mit tausend Scharten: Äxte, Schilde und Halmbarten! Eisenhüllen, dunkel schimmernd, Gleich verglühten Sonnen flimmernd, Steht ihr da, des Kerns Beraubte, Brust an Brust und Haupt an Haupte! Die euch ehrne Chrysaliden Sich zum Kleide mochten schmieden, Sind die Falter ausgeflogen? Sagt, wo sind sie hingezogen? Und in welcher Schöpfungsweite Stehn die Helden jetzt im Streite? Sieht man sie im Feld marschieren Unter fliegenden Panieren? In gedrängten Männerhaufen Stürmend an die Feinde laufen Und Dämonenheere schlagen, Ew'ge Freiheit zu erjagen? Schweigen herrscht – sie ruhn im Frieden; Tatenfroh sind sie geschieden, Ließen stolz und reich im Sterben Land und Freiheit ihren Erben. 2 Doch was will sich hier begeben? Fängt das Erz nicht an zu leben? Leise klirrt es auf und nieder, Und was hohl war, füllt sich wieder! Aber statt der tapfern Alten Seh ich Schlimmes sich gestalten: Grause Larven, kaum zu glauben, Grinsen aus den Eisenhauben! Und es raunt aus allen Ecken Ein Gelächter mir zum Schrecken; Wechselnd flirrt es auf den Schilden Wie von tausend Fratzgebilden. Sind vom Hause fort die Katzen, Tanzen auf dem Tisch die Ratzen. Traurig in dem wärmelosen Zwielicht flammen Schwerterrosen. 3 Auf der hölzern Trommel sitzet, Wert, daß man die Zung ihm schlitzet, Dort ein altes Weib mit Gleißen: Schwätzerei wird es geheißen! In der Schürze einen Knäuel Birgt es von verworrnem Greuel, Brandraketen, Schwefelschnüre: Mißtraun, Furcht und Meineidschwüre. Das Verdächtigungsgeräte, Des Gerüchtes Blechtrompete, Abgenutzt und neu doch täglich, Schund und Trödelei unsäglich! Eine Brille auf der Nase, Eulenhaft, von blindem Glase, Lauert es und spioniert es, Keift und schreit und peroriert es. 4 Aus der schwarzen Riesenrüstung, Lehnend an der Fensterbrüstung, Scheint mir mit verwesungsgrauen Zügen ein Gespenst zu schauen. Frecher Hohn glüht aus den Augen, Die nur Gott zu kränken taugen, Auf dem Mund ein lächelnd Schweigen, Wie es der Verleumdung eigen, Wenn ihr Pfeil ist abgeschossen Und die Unsaat draus entsprossen – An der Hüfte mittlerweile Hängt der Köcher noch voll Pfeile. Droht es so ins Horn zu blasen, Zitternd laufen Füchs und Hasen, Selbst die starken Löwen kneifen Aus mit eingezognen Schweifen. 5 Angetan mit rost'gen Waffen Seh ich einen fahlen Affen, Schielen eine Affenschande: Bruderneid im Vaterlande! Bruderneid auf freier Erde, Der mit knechtischer Gebärde Mürrisch auf der Hofstatt lungert, Nach des Nachbars Äpfeln hungert. Einen Raub an seinem Leben Schilt er jedes Wohlergehen, Grimmig schlägt dem eignen Enkel Er vom Kruge weg den Henkel. 6 Holzgeschnitzte Bilder prangen Blinden Augs, gemalt die Wangen: Dieses sind die toten Ehren, Die vom Eigenruhme zehren! Hoch vom Helme nicket jeder Die vergilbte Straußenfeder, So am Flamberg aufgetakelt Selbstvergnügt die Puppe wackelt: »Ja, ich bin der große Veitel! Auf der Welt ist alles eitel Und am eitelsten ich selber, Andre sind bescheidne Kälber! Lob zu fangen, sind die Ohren Reichlich groß mir angeboren; Wische mir damit die Augen, Wenn gerührt sie Wasser saugen!« 7 Seht die dürre Spielersippe: Vier geharnischte Gerippe, Mit der Klapperfaust, der harten, Haun sie auf den Tisch die Karten! Ihre Sanduhr ist zerbrochen, Fort doch spielen diese Knochen, Hohl die Schädel, drinnen nisten Bettelhafte Spielerlisten. Sau und Bube, Lumpentrümpfe, Helfen ihnen auf die Strümpfe So im Rat wie bei den Karten – Nur nicht bei den Feldstandarten. Und sie zählen falsch die Stiche, Und sie schleichen ihre Schliche: Übung, Übung macht den Meister! Sprechen auch verlorne Geister. 8 So beginnt es rings zu leben, Und die alten Spinnen weben, Und die schwarzen Mäuse nagen, Und ich wollt, es würde tagen! Hielt den Teufel für gestorben, Und nun spukt er unverdorben Noch in diesen Mauerschlüften – Bis der Zeugwart kommt, zu lüften! Zeugwart ist der Herr der Stürme, Der die Felsen bricht und Türme Und der Torheit rohen Willen Wird mit Bitternissen stillen! Wehen wird's in Ungewittern, Daß das Haus im Grund muß zittern Und die Ziegel auf dem Dach Klappern uns vor Ungemach! Wohl uns, kann man alsdann sagen: Die das Glück nicht mochten tragen, Haben ihres Unsterns Nacht Sich zum Morgenstern gemacht!