Herbst 1 Im Herbst, wenn sich der Wald entlaubt, Nachdenklich wird und schweigend, Mit Reif bestreut sein dunkles Haupt, Fromm sich dem Sturme neigend: Da geht das Dichterjahr zu End, Da wird mir ernst zu Mute; Im Herbst nehm ich das Sakrament In jungem Traubenblute. Da bin ich stets beim Abendrot Allein im Feld zu finden, Da denk ich fleißig an den Tod Und auch an meine Sünden! Ich richte mir den Beichtstuhl ein Auf ödem Heideplatze, Der Mond, er muß mein Pfaffe sein Mit seiner Silberglatze. Und wenn er grämlich zögern will, Der Last mich zu entheben, Dann ruf ich: »Alter, schweige still! Es ist mir schon vergeben! Ich habe heimlich mit dem Tod Ein Wörtlein schon gesprochen!« Dann wird mein Pfaff vor Ärger rot Und hat sich bald verkrochen. 2 Im Herbst erblichen liegt das Land, Und durch den dichten Nebel bricht Der blasse Strahl von Waldes Rand, Den Mond doch sieht man selber nicht. Man weiß nicht, was die Helle macht, So duftig weiß und doch nicht klar – Die Freiheit wandelt durch die Nacht Mit wallend aufgelöstem Haar! Und wandelnd horcht sie still und lauscht, Die bleiche, hohe Königin, Und ihre Purpurschleppe rauscht Leis über dunkle Gräber hin. Sie hat gar eine reiche Saat Verborgen in der Erde Schoß: Sie späht, ob die und jene Tat Nicht schon in grüne Halme sproß. Sie drückt ein Schwert an ihre Brust – Es blinkt im weißen Dämmerlicht – Und bricht mit wehmutvoller Lust Manch blutiges Vergißmeinnicht. Es ist auf Erden keine Stadt, Es ist kein Dorf, des stille Hut Nicht einen alten Kirchhof hat, Drin ein Märtyr der Freiheit ruht! 3 Sonntagsjäger Es lässet sich mit aller Kraft Ein Horn im Walde hören; Ich krieg ein altes Rohr beim Schaft Und schlendre in die Föhren! Der Wald, der macht mir vielen Spaß, Er flunkert in der Sonnen; Der Reif, der hat wie Jungfernglas Die Nadeln übersponnen! Da hüpft ein junger Has daher Und spielt vor mir im Grase, Ich brenne wie von ungefähr Mein Schrot ihm auf die Nase! Es ist, als schrie er: »Gott vergelt's!« Mit kläglicher Gebärde; Sein rotes Blütlein färbt den Pelz Und macht sich in die Erde! Was stierst du so, du Heidekind, Im Sterben immer dümmer? Ich bin halt, wie die andern sind, Nicht besser und nicht schlimmer! Und als das Häslein überschnappt, Hab ich es heimgetragen; Doch hab ich schon genug gehabt Von Weidmanns Heil und Jagen! 4 Wo ist der schöne Blumenflor, Den wir so treu gehegt? Vom Hoffen und vom Grünen sind Herz, Garten reingefegt! Und wie in einer Nacht ergraut Ein unglückselig Haupt, Hat sich heut nacht mein Vaterland Geschüttelt und entlaubt. Der Rhein entführt ins Niederland Die welke Sommerlust, Läßt kahl und fahl die Felder uns, Den Frost in unsrer Brust; Die Silberfirnen hüllen sich In dunkle Nebel ein, Doch bald wird jeder Kehricht nun Ein blanker Schneeberg sein! Und alles wird so klein, so nah, So dumpf und eingezwängt, Wie drückend dicht ob unsrem Haupt Der graue Himmel hängt! Auf jedem Kreuzweg sitzt ein Feind – Es ist ein harter Stand: Mit Schurken atmen gleiche Luft Im engen Vaterland! 5 Es ist ein stiller Regentag, So weich, so ernst – und doch so klar, Wo durch den Dämmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar. Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Berg und Tal, Und die Natur, lind abgekühlt, Sie weint und lächelt allzumal! Wie ein Kristall, von Flor umhängt, Erglänzt geheimnisvoll die Luft, Der Tag glimmt spärlich und bedrängt, Wie Lampenschein in einer Gruft. Die Hoffnung, das Verlorensein Sind gleicher Stärke in mir wach; Das Leben und die Todespein, Sie ziehn auf meinem Herzen Schach. Ich aber schaue innerlich Still lächelnd zu in guter Ruh, Und meine Seele rüstet sich Ergebend ihrem Schicksal zu.