Karl Immermann Alexis Eine Trilogie Die Bojaren Schauspiel Personen Personen. Peter Alexiewitsch, Zar von Rußland. Alexis Petrowitsch, sein Sohn. Katharina Alexiewna, Peters Gemahlin. Eudoxia Lapuchin, Peters frühere Gemahlin, verstoßen, unter dem Namen Helena im Kloster Susdal. Fürst Alexander Menzikof. Oberst Gordon, ein Schotte, Begleiter Peters. Dosithei, Erzbischof von Rostow. Stephan Iwanowitsch Glebof, Generalmajor, Basil Dolgoruki, Generallieutenant, Alexander Kikin, Admiral, Abraham Lapuchin, Eudoxiens Bruder, , Bojaren. Euphrosyne, Geliebte des Alexis. Oberst Schepelew, Kommandeur der Preobraschinskyschen Grenadiere. Hauptmann Markof. Ein Page Menzikofs. Ein Diener Kikins. Ein Diener Glebofs. Ein Adjutant Dolgorukis. Ein Schiffer. Ein Steuermann. Zwei Matrosen. Zwei Bürger von Moskau. Bojaren. Wachen, Soldaten, Bauern und Volk. 1. Akt 1. Szene Erste Szene Moskau. Eine Straße. Zwei Bürger. Später Ein Schiffer und Volk. Und du, du selber hört'st es, Sokolof? Bin ich ein Narr, der nach Gerüchten schwatzt? Tot, sagst du? Tritt beiseit', hier kommt der Schiffer, Der ihn gefahren hat. Ein Volkshaufen kommt. Darunter ein Schiffer. Nun redet, Schiffer. Ihr guten Russen ... Heda! Schließt 'nen Kreis. Ihr guten Russen, ach, warum muß ich Euch diese schauderhafte Neuigkeit ... Erst sagt uns an: Wer seid Ihr, fremde Seele? Claus Madsen, Madsens Sohn aus Kopenhagen, Ein wackres Schifflein hatt' ich untern Füßen, Und fuhr ums Eiland Ösel. Wisset nun: Ich hatte Euren großen, gnäd'gen Zar In Lübeck eingenommen. Jetzt versteht mich: Im Finnenmeer, dort um das Eiland Ösel, Starrt es von Klippen, gleich 'ner Hechel. – Wie? Mein Steuermann ... (Er brenne in der Hölle!) Der steuert quer. Er war so was betrunken. Auf einmal gibt's 'nen Stoß. Alles fällt hin. Ich kucke über Bord ... Fielt Ihr nicht auch? Wer? Ich? Warum nicht gar! Ich hätt' ja sonst Nicht über Bord ... Ihr bliebt alleine stehn? Laßt ihn, er macht's natürlich, daß man's sieht. Kuck' also über Bord. Ei, schönes Zeug! Wir sitzen fest auf einem Stück von Fels, Von Sandbank, oder sonst dergleichen Ding. »Hülfe!« ruft's unten. Eine mächt'ge Faust Streckt aus den Wellen sich. Zornrot geschwollen Sieht Eures Zaren Haupt empor. Lang fluten Die aufgelösten schwarzen Haare nach. Er hatte spähend auf dem Deck gestanden, Und war von dem gewalt'gen Stoß hinab- Geschleudert in die Flut. Nun setzt' ich eilig Ein Boot mit sechszehn starken Kerlen aus, Den Herrn zu retten. Aber jählings warf Der wilde Strom das Boot zum Schiff zurück. Es schaffte nichts. Und jammernd, aus dem Schiff, Sahn wir den Leib des Herren weitertreiben, Zuletzt verschwand der Leichnam in der Brandung; Drei Tage fischten wir, jedoch umsonst. O Rußland, in dem Meer erlosch dein Licht, Und auf dem Grunde liegt der Kerze Stumpf. Mich strafe Gott und hol' der Teufel, sagt' ich Ein Wort zuviel, zuwenig, oder falsch! Zu melden dies den mächtigen Bojaren Schickt Admiral Apraxin mich von Kronstadt. Ein dumpfes Schweigen unter dem Volke. nach einer Pause. Hm! Ja! Und ist der Zar denn also tot! zu einem Fünften, der weint. Was schluchzest du, Iwaschka? Ach Batuschka! Ach unser Väterchen! Du heller Mond, Der über Rußland schien! herzudringend. Wer weint? Iwaschka. Warum? Er weint um unsres Zaren Tod. So, darum weint er. Nun Adjes, Ihr Leute. Wir gehn mit Euch. Ihr sollt noch mehr erzählen. Wir hören's gern zweimal. Wie der nur mocht' Aussehn im Todeskampfe! Zu den beiden Bürgern. Geht ihr mit? Behüt' uns Gott! Das Volk mit dem Schiffer ab. Die beiden Bürger bleiben. Was das nun geben wird? Ich denke: Knute. Weil der Zar gestorben? Aus welchem Grund? Aus welchem Grund? – Du Tropf! Die Ursach' liegt im Stiel und in den Riemen. Das ist ein furchtbar Land! Wenn man drin aufwuchs, Kommt's einem ganz natürlich vor. Ich war Mit meinen Zobelfell'n auf Handel, weit In Ungarn, Hamburg, Sachsen, Amsterdam. Dort sind sie anders, menschlicher. So heißt's. Mir konnt's da nicht gefallen. Immer dacht' ich An unser altes, heil'ges Russenreich. Wer wohl den Thron besteigen wird? Schweig still Von Thron und solchen Sachen, Erich Igel! Wir schwören Treu', wir Bürger, wenn die Herrn Bojaren, Erzbischöfe, Bischöf', Äbte Die Sache abgemacht. Bis dahin, Ruh'! Wie ist's? Gehst mit? Ich hab' ein Fäßchen Kwaß Vom besten, kriegt' auch Hausen von der Wolga. Nun? Auf 'nen Imb's? Nicht wahr? Sie wollen abgehn. 2. Szene Zweite Szene Alexander Kikin. Basil Dolgoruki. Beide mit Gefolge. Vorige. zu Dolgoruki. Dort stehn zwei Bürger. Zum zweiten Bürger. Bist du nicht Sokolof, der Pelzhändler? Zu deiner Gnaden gnädigstem Befehl. Ich küsse deines Rockes Saum, Erlaucht. Er küßt den Rock des Bojaren. zum ersten Bürger. Und Ihr? Wie heißt Ihr? Zeugschmidt Erich Igel; Patentisiert vom Hof. Der Mann bleibt aufrecht; Er muß ein Fremder sein. Aus Kexholm, Fürst. Hier war ein Auflauf. Sprecht, was gab's? furchtsam. Erlaucht, Das Volk schrie durcheinander. Man vernahm Kein Sterbenswort. Wozu die Lüg'? Die Fürsten Begehren es zu wissen. Hohe Herrn, Der Zar ertrank im Finnenmeer. Sankt Niklas, Ein schwerer Schlag für Rußland! Wer bracht's aus? Der Schiffer, Herr, der unsren Zaren fuhr. rasch. So muß man's glauben! Hört Ihr? Glauben muß man's! Verschließt die Häuser, gute Bürger, harrt Des Ausgangs still. Groß Ding steht nun bevor. Zum ersten Bürger. Kannst du mir tausend Stück Gewehre liefern? Zweitausend, gnäd'ger Herr, wenn Ihr befehlt. Bring sie zu Stepanof, dem Waffenmeister. Ich zahle bar und auf der Stelle. Geht. Die Bürger ab. Du bist zu rasch. Zu langsam du, Basil. Ich hab' von diesem Peter was gelernt; Die Eile zwingt den Stärksten. Nun, was soll's? Jagd auf das fremde Wild in Rußlands Forst. Hast du verschlafen diese zwanzig Jahre? Verträumt die Not, den Druck, die Peinigung? Verschmerzt die Schwielen, und der Ehre Wunden? Oho! Ich bin ein Russ', heiß' Dolgoruki. Ein Dolgoruki focht an Wladimirs Des Großen, Seit'. Dein Stamm? Wo war er damals? Der Name Dolgoruki ist ein Merkwort Von allem Preislichen seit Ruriks Tagen. Doch hört ich nie von meinen Ahnen, daß Sie auf dem Markt gestürmt, getost. Der Pöbel Lärm' in den Gassen! Einem Fürsten ziemt's Zu schweigen und zu handeln. Zu seinem Gefolge. Öffnet weit Die Pforten meines Hauses! Geht umher, Und ladet mir die Freunde zum Gelag! Es ströme der Tokaier! Deckt die Teppich' Von Samarkand auf Bank' und Tische! Zu Kikins Gefolge. Helft Ihr Euren Kameraden! Euer Herr, Mein Freund, erlaubt es Euch. Die beiden Gefolge ab. Was soll's? »Was soll's«? So fragst du selber nun. Hör' Alexander: Der Atem des Tyrannen streift', ein Nebel, Ob unsrem unglücksel'gen Vaterland. Im Nebel kennt man die Gesichter nicht. Nun denk' ich so: Wir schaun der Freunde Antlitz Zuerst genauer an, und haben wir Die frühern Lineament' erkannt, so gehn Wir allesamt ... Wohin? Zu Stephan Glebof. Warum zu dem? Er ist, du weißt's wir alle Sind dessen kundig; mehr noch, als ein Freund Von der Zariza. Welcher? Kahler Scherz! Ich denk', für uns gibt es nur eine Zarin, Und 'ne gekrönte Bauerdirne. Dann? Glebof ist Freund, Vertrauter, Rat der Zarin. Der Zarewitsch will, was die Zarin will, Und unsere Gedanken, denk' ich, wandern Nur eine Straße. Über Kloster Susdal Führt sie ins Haus des arg gekränkten Sohns. Der Glebof steht in dieses Weges Mitte, Recht wie ein Mal von Stein, so stumm und kalt. An diesem Male ziemt's, sich zu versammeln, Und weitern Rat zu pflegen. Laß ihn fort. Er hielt sich fern von uns, liebt nur sein Laster. Er hat kein Herz, sieht immer spöttisch aus, Beleidigend sind seine Reden oft. Zuwider ist er mir, wie dir. Doch wenn Der Kampf um Kronen geht, heißt's nicht: Wen mag ich? Man fragt: Wer nützt uns? Und der Glebof ist Der Mann des Tags, der Not, des Nutzens! – Komm! Beide ab. 3. Szene Dritte Szene Saal in Glebofs Hause. Glebof. Der Schiffer. Wie nahm das Volk die Nachricht auf? Sie nahmen Sie gar nicht auf. Wie das? Die Lüge liegt Noch auf der Straß', wo ich sie fallen lassen. »Hm!« »So!« und: »Ei!« war alles, was ich hörte. Sprach ich vom Wetter, macht's dieselbe Wirkung. Gut. Bloß ein paar zerlumpte alte Weiber Schrien, daß die Hunde an zu bellen fingen: »Daß Gott erbarm'! So war die Prophezeihung Von unsres Zaren bald'gem Tod doch richtig!« Gut. Dem hochwürd'gen Erzbischof von Rostow, Sei's, sagten sie, im Traume so erschienen. Gut. Drauf versetzte wer: »Was kümmert's uns?« Gut. Gut? – Mein gnäd'ger Herr, was ist da gut? Ich dacht', Ihr hättet deshalb aus den Eisen Mich losgemacht, in Schifferrock und Hose Gesteckt, und auf mein leider zu bekannt Gesicht, den Hut gedrückt mit breiter Krempe; Ihr hättet deshalb mir ... St! – Glaubten sie's? Beim heiligen Georg! Ich meine, denen Könnt' man vorschwatzen; außer Rußland sei Die Welt zu Ende, wie 'nes Sünders Leben. Ach ja, geglaubt ward's wohl. nach einem Tische deutend. Dort liegt ein Beutel; Nimm den zum Lohne. Flieh! Verbirg dich fern am Irtysch in der Wüste. Du bist nun frei. Sieh deine Wunden an, Die dir die Fessel rieb; und denke stets, Daß Galgen stehn in Rußland! Freilich! Freilich! Ich dank' für deine Lehre dir, Erlaucht, Und werde sie befolgen. Meiner Treu'! Je wen'ger man zu leben wert, so mehr Liebt man, zu leben. Ab. 4. Szene Vierte Szene Glebof. Nachher: Ein Diener. allein. Dieser Schelm sagt mir 'Ne bittre Wahrheit. – Meine Tage sind Ein wüst Gewirr von Lust und Ekel. – Still! Weshalb den Kläger spielen gegen dich? Vor einem Kalender und einer Landkarte. Heut ist der sechste Junius. Meines Wissens Ist Peter noch in Lübeck. Vierzehn Tage Gehn auf die Fahrt nach Kronstadt. Dann verlaufen Der Tage fünf, bis wir erfahren, daß Er angekommen. Also neunzehn Tage Sind unser zu des Plans Gedeihn. Nun, mehr Hat Cäsar nicht gehabt, um Rom zu stürzen. – Das Volk ist gut, hielt meine Probe aus. Sie waren Sklaven, blieben's, sind's noch mehr Durch dich geworden, Zar. Ein Diener tritt auf. Was gibt es, Bursch? Herr, die Bojaren kommen truppweis vom Palaste Dolgoruki. Hieher? Ja. Die Säbel klirr'n, der Balaleika Ton Begleitet ihren Zug. Wen sahst du? Viele; Den Alexander Kikin, den Basil Und Fedor Dolgoruki. Die Wasemskys, Die Narischkins und ihre Sippschaft, Woinofs, Den Bruder der Zariza, Abraham, Den heil'gen Erzbischof von Rostow, und Noch manchen andern. Führ' die Herrn zu mir. Diener ab. Am Fenster stehend. Ein wackrer Haufen. Eine Herde, die Des Hirten noch bedarf. – Wird's glücken? Wird's? In solchen Stunden, da verlohnt's, zu leben. Dann ist der Tag was wert, wenn an dem Tage Das Los von Tausenden, gleich einer Frucht, Gezeitigt hängt. – Ha, wird es auch wohl glücken? Wer gibt den Barometer uns, an dem Der menschlichen Gedanken Stand sich zeigt? In jeglichem Gemüte ist ein Wechsel Von allen Jahreszeiten, jeden Tag. So kann auch ich, auf Sommerhitze rechnend, Den trägen Winter finden. – Prüfen wir's! Er setzt sich an einen Tisch zu Büchern und Papieren. 5. Szene Fünfte Szene Glebof. Kikin. Dolgoruki. Abraham Lapuchin in Trauer Erzbischof von Rostow. Viele Bojaren. Sie treten nacheinander ein. Guten Morgen, Glebof. Wir begrüßen dich. Der Zeiten Not zwingt Lapuchin zu dir. Ich geb' dir Gott zum Gruß. Er hört uns nicht. Was? Ist er so vertieft? Er rührt ihn an. Sieh auf, mein Sohn. emporblickend. Wer ist? ... Mein Gott! Hochwürd'ger Erzbischof, Wie komm' ich ... Er steht auf. All Ihr Heiligen! Verzeiht Sehr edle Herrn! Ich hab' Euch nicht bemerkt. Wenn ich bei meinen Büchern bin, ist nur Der träge Leib am Platz; die Seele wandert, Wohin die Lettern sie geleiten; oft Hat dies vertiefte und zerstreute Wesen Mich lächerlich gemacht. – Seid mir gegrüßt! Welch' eine vornehm glänzende Versammlung In Eures armen Dieners Haus! Ich seh' Die Blüte Rußlands. Zu Kikin. Gebt mir Eure Hand, Herr Admiral! Zu Dolgoruki. Auch Eure, Generallieutenant. Da beide ihre Hand zurückziehn. Wie? Weigert Ihr dem Freunde dieses Zeichen? Der Admiral des Zaren ist nicht hier. Nennt nicht die Titel, welche jünger sind, Als unser wahrer Ruhm. Ich bin ein Narischkin. Kein Mensch auf Erden kann die Narischkins Erhöhn. Ihr Name ist das Höchste. Wohl! Ich rechte nicht mit so erlauchten Gästen. Nach altem Brauche: Vettern, Brüder! also. Stephan Iwanowitsch Glebof dankt von Herzen Für den Besuch. Nun setzt Euch. Heda, Mundschenk! Wir haben schon gefrühstückt. Laßt's. Setzt Euch Denn mindestens. Sie setzen sich. Lapuchin unten. Da unten, Lapuchin? Nein Abraham, nicht unten ist dein Platz. Den Ehrenstuhl für Abraham Lapuchin! Soll Schand' auf einem Ehrenstuhle sitzen? Du edler Trauernder! Ich trage Schwarz Um meiner Schwester Los. Wollt' Gott im Himmel, Ich hätte keine andre Trauer, Glebof! Heut ist ein Tag, an dem mein Glück gelacht. Mich dünkt, du sahst mir scheel, mein Abraham, Und miedst den Freund. Doch das ist nun vorüber, Denn Lapuchin sitzt auf des Glebof Stuhl. Ich setzte mich auf deinen Stuhl, wie ich Auf einen Balken mich mit meinem Todfeind Im Schiffbruch setzen würde. Spottest du? Ich bin ein Mann von alter, reiner Art, Verstoßen hat der Zar Eudoxien, Glebof hat sie beschimpft. die Hand am Säbel. Dies Wort verdient ... Dolgoruki Laßt Eure Zänkerein! Ja wohl, ja wohl. Er ist an seinem Tische stehn geblieben. Nun, was ist Eu'r Begehren, meine Herrn? Du weißt, welch' eine Post mit Feuerschritten Durch Moskaus Straßen ging. Der Schutzverwandte, Der Bürger, Gast, Kosak und Hattaman, Stadthäupter, Älteste, Bojarenkinder, Sie alle rufen: »Unser Zar ist tot!« Zum dritten Mal auf Fahrt nach fremdem Land, Ich weiß nicht, welche fremde Kunst zu holen, Dem falschen Meere lieber sich vertraund, Als Rußlands treuer Erde, schlang ihn ein Das falsche Meer. Ihr habt's vorhergesagt. Unsel'ge Ahnungsgabe! – Stirbt ein Fürst, Versammeln sich des Reichs geborne Pfleger Gemeiner Wohlfahrt halber. Drum sind wir Vereinigt. – Wir entschlossen uns, auch dich In unsern Rat zu ziehn. Ihr? Mich? – Recht gut. Indes ... Nach einer Pause. Ich bin der General des Zaren. Was? kalt. Menzikof verwaltet loco regis Mit Katharinen dieses Land. Sie sind Die treu'n Gefäße seines höchsten Willens. Kath'rina! Menzikof! Siehst Du? Er meint Es falsch. Ich sagte dir's. Zu ihnen geht, Und fragt, was der, wie's heißt, ertrunkne Zar In casum mortis angeordnet. Kommt! Bojaren auf! Sie sind im Begriff aufzubrechen. Halt, einen Augenblick! Was willst du noch von uns? Daß Ihr die Lobschrift Vernehmt, die auf den Toten ich entworfen. Die Lobschrift? mit erhobner Stimme. Nun? Soll ein so großer Mann Denn ungerühmt zum Grabe gehn? Das wäre Stumpfsinn von uns, den er so oft gescholten. Ich sage, kommt nach Haus! Ich sage, bleibt! Ich wittr' ein Schauspiel. beiseite. Recht. »Die Narrn des Glebof.« – Er nimmt ein Papier vom Tische und beginnt zu lesen. »Lobschrift, verfaßt mit ungeschickter Feder Von Stephan Glebof, auf den großen Zar.« Sind wir um Possen hier? Still! Still! Hört zu. liest. »Rußlands Bojaren zogen auf im Land, Ein jeder mit zehntausend Pferden mindstens. – Rußlands Bojaren setzten Herrscher ein, Und Herrscher ab. Aus ihrem Munde floß Die Quelle der Gesetze. Also war's. – Da kam ein Zar, hieß Fedor. Dieser ließ Die Bücher bringen auf den heil'gen Kreml, Worin verzeichnet unsre Titel, Vorzüg', Und unser uraltfestgewalt'ges Recht. Zar Fedor sprach: ›Entzündet mir ein Feuer!‹ Und als das Feuer lodert' im Kamin, Da warf der Zar die Bücher all' hinein, Und sprach: ›Hiemit verbrenn' ich Euer Recht.‹ – Der Roßrad flog als Asche in die Luft, Und die Bojaren sahn's und blieben stumm.« Ich nicht. Ich murrt'. Ja doch, und sprachst kein Wort. Liest. »Dann kam ein Zar, hieß Peter. Dieser fand Nur Sklaven von der Newa bis zum Don. Ein Großer und Gewalt'ger! Sprach: ›Ich will Der Knechte ganzer Herr sein! – Ihre Körper Gehorchen schon, nun soll'n die Seelen auch, Wie Puppen, tanzen an des Lenkers Draht.‹ Fuhr übers Meer nach Holland, Frankreich, Deutschland, Und – lernte Schiffe baun: Der große Mann! Und – lernte schmieden Erz: Der große Mann! Und weil er's vorgelernt, so sollten's ihm Nachlernen die verkleinerten Bojaren, Und werden Schmied' und Zimmerleut' ...« Bewegung in der Versammlung. Ein Lob, Das kann man gelten lassen. Warum uns Bekannte Schand' erzählen? Weiter! Weiter! liest. »Die Fürsten waren ungefüg, und lernten Langsam das edle Handwerk. Alsobald Ließ dieser große Mann von fern herbei Sich schnell're Köpfe kommen, bess're Schüler. Da strömt' es über unsres Reiches Grenzen Aus England, Welschland, Frankreich. Fremde führten Das Heer; das doppelaar'ge Siegel; Fremde Führten die neugeschnitzte Flott'. Was sag' ich? Fremd war ja niemand hier, als just der Russ'! Nicht alle Russen, nein nicht alle! Nur, Was hoch und herrlich war! Nein, mit dem Staub Auf heim'schem Boden, schloß der große Mann Ein innig Wahlverbündnis. In die Hand Nahm er hier Staub, dort Staub, und formte draus Gewalt'ge Untergötter! – Weil Alexander Menzikof sehr schmackhaft Pasteten buk, war er nach dem Geschmack Des großen Manns, und ist ein Fürst. Und weil Die Witwe des Dragoners schöne Augen Besaß, taugt sie – das Aug' des Reichs zu sein.« Die Bewegung in der Versammlung ist immer stärker geworden. Ha wackrer Glebof! Guter Lobredner! Tod diesem Menzikof! Tod Katharinen! Tod dem Tyrannen! ihn scharf fixierend: lachend. Ei, der ist ja tot! Liest. »So schändete der Zar ...« Ihr sollt nicht mehr Vom Zaren lesen! Sollt uns führen! außer Kikin, Dolgoruki, dem Erzbischof und Lapuchin. Sollt Des Unternehmens Haupt sein. Sie erheben sich. Das klingt anders. Hört mich, Bojaren! Nicht im Sturme ... Halt! wirft das Papier zu Boden. Wer ruft hier: »Halt!« wenn ich gebiete: »Vorwärts!« Er zieht den Säbel. Die Bojaren desgleichen, bis auf Kikin, Dolgoruki, Lapuchin. Die alte Moskau, unser Heiligtum, Ward zur verhöhnten Wüste! In dem Qualmsumpf Der Newa baute der Despot die Zwingburg! Wir sind gekränkte Bettler! Um den Thron Des Rurik wuchern Pilze! In dem Kreml Seufzt unsre Hoffnung, unsrer Bräuche Freund! Gehaßt, weil er uns liebt, beschimpft, weil er Uns Ehre gönnt! Hochherzige Bojaren, Folgt mir zum Zarewitsch! Sie wenden sich nach der Türe. 6. Szene Sechste Szene Eudoxia durch die Flügeltüre auftretend. Vorige. bei Eudoxias Anblicke zurücktretend. Ha, die Zariza! Was? Sie? Wo kommst du her? Aus meiner Gruft. Was suchst du hier? Ein Reich und eine Krone. Wer hat dir das erlaubt? Ich selbst mir selber. Du solltest bleiben, bis ich dich beriefe! Bis dahin wär' Eudoxia gestorben. Folgt mir zum Zarewitsch! Hört seine Mutter! Hört sie nicht an! Wie? Die Zariza? Glebof, Du bist gewaltig kühn. Sprecht, hohe Frau. Fluch allen Weibern! Er tritt zur Seite. Bin ich überflüssig? Wenn Rußlands Fürsten dieses Landes Leid Erwägen, fehlte dann Eudoxia In solchem Kreis? Ist ein Gebäude fertig, Bevor der Giebel ward gefügt? Ihr baut Von Schmerz ein Haus! Was habt Ihr? Fundamente! Die Spitze fehlt dem Turm. Was littet Ihr, Das nicht vergütet könnte sein? Was mißt Ihr, Das nicht mit Zins und Wucher jeder Tag Euch rückerstatten könnte? Mein Leiden ist ein unerschöpfter Born, Mein Schmerz ist eine ew'ge Qualenwunde! Ihr seid Vasallen im Gebiet der Trübsal, Ich aber bin die Königin des Jammers! Ach, arme Frau! Wie sie so majestätisch Umherblickt! Seht, sie weint! Das schöne Weib! Moskau prangt gülden in begrünter Au! Im Föhrenwald graut Susdal, bleich und tot. Der Thron des Zaren ist des Lebens Sitz, Der Betstuhl Kloster Susdals ist ein Sarg! Wer liegt im Sarg? Eudoxia! Das ist, So hör' ich sagen, ja dieselbe, die Vorlängst auf jenem Sitz des Lebens saß. Ei, die muß eine große Sünderin sein! Unglück, Ihr Fürsten, macht Gedächtnis stumpf; Ich hab' vergessen der Eudoxia Frevel. Warum, Ihr Fürsten, ward Eudoxia Vor ihrer Zeit ins Grab verstoßen? Kann's Mir einer sagen, der verbindet mich! Ich bitt' Euch, sagt es mir ... Er hat unmenschlich An Euch gehandelt. Um die Buhlerin Verstieß er Dich. Das kann nicht möglich sein! Ihr irrt Euch ganz gewiß. Wie? um 'ne Buhlerin? Ein pflichtgetreues Weib! O nicht doch! Nicht doch! In Nacht und Tod die Zarin um 'ne Metze? Und solche Untat hätt' zwölf Jahre lang Die Erde Gottes getragen, und Rußlands Adel? Um eine Buhlerin! Ich, Tochter aus Dem Stamm der Lapuchin! Durchs Sakrament Geweihet als sein Fleisch! Ich, die Gekrönte! Ich weiß, ein großer Mann wägt nicht genau Die Taten ab, doch das? O brich mein Herz! Denn was zuviel ist, ist zuviel! Um eine – Stirb, Seele, hin in ein entsetztes Ach! – Um eine Buhlerin ... Sie wankt. Glebof unterstützt sie. Kommt, Ossudara, Denn Ihr seid krank, und kränker, als Ihr meint. Er führt sie durch eine Seitentüre ab. 7. Szene Siebente Szene Die Bojaren ohne Eudoxia. Sie stehen gruppenweise zusammen. Ihr Schmerz zermalmt das Herz. Das Recht' erwogen Sind wir Ersatz ihr schuldig. Sagt mir doch, Wie war's? ... Ein Teil der Versammlung redet heimlich untereinander. Glebof tritt wieder ein, und stellt sich seitwärts allein. zu Dolgoruki und dem Erzbischof. Gebt acht, sie rufen sie noch aus. Verhüte Gott die Spaltung. Und das alles Ist abgemachtes Spiel von diesem Glebof. Hättst du uns nicht hieher geführt, Basil! Ich kann's nicht glauben. Seht, er steht beiseit, Nagt an den Lippen, birgt mit Müh' den Zorn. Nein, das Konzept des Falschen ward verrückt Durch jene Stürmerin. – Zagt nicht! Ein Vorteil Ward uns bereits; das Heft der Leitung ist, Das er so schlau uns aus der Hand gewunden, Nun wieder ihm entschlüpft. Bleibt nur gelassen. aus der Versammlung. Ja, so soll's sein. Vivat Eudoxia! Tragt auf dem Stuhle sie durch Moskaus Gassen! Dem Volk die neue Herrscherin gezeigt! Sie bewegen sich gegen die Seitentüre. tritt ihnen entgegen. Nein, Nieswurz für Eu'r krankes Hirn gekauft! Was? Du? Ihr Bruder? Nieswurz sag' ich, Nieswurz! Ich bin Eudoxias Bruder, Rußlands Sohn; Im ersten Grad mit Rußland, nur im zweiten Verwandt mit der Eudoxia. So steht Mir Rußland näher. – Dank für Euer Mitleid! Höchst grausam hat der Zar an ihr gehandelt, Und eine Säule will ich richten lassen Hoch, daß der Wanderer von fern sie schaut, Woran geschrieben stehn soll, daß unschuldig Eudoxia litt. – Rach' jenen Ohrenbläsern, Die ihren Sturz erschlichen! Doch, wer wird Drum herrschenswert, weil er beklagenswert? Sie soll gerochen werden, nicht gekrönt. Was hast du nur? Fraunherrschaft, gute Herrschaft. Für Schleicher, Klätscher, Ränkeschmiede – Mit einem Blick auf Glebof. Buhler! – Gehorchten wir nicht der Sophia? Soll'n Die Zeiten der Chawanskys wiederkehren? Die Tage der Strelitzen-Greul? Und dann War sie 'ne Romanow. Sind Eide nichts? Kaum hundert Jahr, und dieser Boden hörte Die biedern Väter dem Mikaila schwören. Der Tartar Boris hatt' in Blut getaucht, In unsrer Väter Blut das Wappen Rußlands, Der Busen Rußlands war zerrissen worden Von dem verlaufnen Mönch Otrepiew, Der zum Demetrius sich log. Wo suchte Das Volk die Heilung? Bei dem Romanow. So lang ein Sproß von diesem Baume grünt, Ist's Frevel, anderswo nach Schatten spähn. Kurz, wer ein Freund des Rechts, der folgt mir jetzt, Und meidet diese irrende Versammlung. Beim ew'gen Gott! Für Weiberregiment, Das schlechtste, schimpflichste von allen, hebt Abraham Lapuchin nicht Faust noch Schwert. Ruft mich, wenn Glocken hall'n von Iwans Turm, Wenn sich das Volk zur Kirche drängt, die Fürsten Zur Huldigung bereit, am Altar stehn; – Glebof nach seinem Rang in diesem Reigen, Nicht eine Stelle höher oder tiefer – Und Ihr, Herr Erzbischof, das Chrisma holt, Den Romanow zu salben. Er geht. Recht hat er. Man muß zu ihm sich halten. Er meint's treu. Kehrt Euch nicht an den alten Murrkopf! Laßt Uns unsern Schluß vollziehn. zu Dolgoruki. Du siehst, wie's geht. Sprich du zu ihnen. Hört mich, meine Brüder! Was soll das viele Plaudern? Hört ihn nicht. Wir woll'n zum Schluß. zu Glebof. Glebof! stillt diese Menge! Der Himmel wird's vergelten. Würd'ger Bischof, Wozu den Himmel stets bemühn? Er tritt vor. Bojaren! Still! Hört den Glebof! Glebof redet wieder. Bojaren! Eure Meinung hat entschieden Für die Zariza. Nun, so wartet ruhig Jetzt ab, wie die Zariza sich entscheidet. Ihr saht den Zustand dieser armen Frau; All ihre Lebensgeister kämpfen wild Mit schmerzlicher Erinnrung; wahrlich, Brüder, Es ist die Stunde der Entschlüsse nicht; Doch hat das Land vor Abend noch den Herrn. – Stärkt Euren Anhang! Ist der Zar auch tot, So leben noch Kath'rina, Menzikof, Und viele leben, deren Glück im Boden Der neuen Dinge Wurzeln trieb. Sie alle Sind unsre Feinde, heiße nun das Wort: Sohn oder Mutter. Wacht, und rüstet Euch! Die Bojaren gehn. Kikin, Dolgoruki und Erzbischof von Rostow wollen folgen. Diesen winkt Glebof, worauf sie zurückbleiben. 8. Szene Achte Szene Glebof. Kikin. Dolgoruki. Erzbischof von Rostow. Ihr kamt hieher, als Euren Nebenmann Mich anzuwerben. Das mißlang. Ich sollt' Am Seile gehn, und mich mit einem Brocken Dann kümmerlich begnügen. Nun, Ihr saht; Ich hauche mit dem Atem meines Mundes Die Seifenblas' hinweg. Das trag' ich nicht! Mißreden solcher Art ... Laß gut sein, Kikin; Ich muß das Kind bei seinem Namen nennen. Ihr liebt mich nicht. Ich weiß das. Tut auch nichts; Ich macht's an Eurer Stelle grad' wie Ihr. Doch glaubt einmal; ich red' als Freund zu Euch, Tut's Euch zu lieb', nicht mir! Ich mein' es gut. Ihr seid die Ersten, Vordersten – nach mir. (Seht, ich bin offen.) Nicht mächtig g'nug, der Dinge Lauf zu lenken, Doch stark genug, mir Widerpart zu halten. Ihr habt zwei Wege. Stört mich, irrt mich, kreuzt mich, Verbündet Euch dem Hasser Lapuchin, Laßt seine Tugend Eure Maske sein, Regt auf Parteiung! Wirkt, daß unsre Kraft, Statt nach dem Ziel zu dringen, wie ein Kernschuß, Zwecklos auf halber Bahn ermatte, sich Zerstreue, unnütz kämpfend in verschiedner Feindsel'ger Richtung! 'S ist der eine Weg. Wählt ihn, ich hindr' Euch nicht. Ihr sollt mich finden. Nur das vernehmt, Ihr Herrn, und glaubt, es wird Eintreffen sicher, wie Dezemberschnee; Den Kopf bringt Ihr aus diesem Kampf nicht heim! Denn eh' wir dessen uns versehn, und wenn wir Recht in der Höh' und Hitz' des innern Strudels Uns abmühn, wird ein ungeheures Schicksal In unsrer Mitte stehn, und Freund und Feind Mit Riesenarmen stoßen in das Grab. Sie sehen betroffen vor sich nieder. Des andern Weges Anfang liegt in Glebofs Hier ausgestreckter Rechte. Er streckt seine Hand aus. Wer schlägt ein? Ich, wenn Du ehrlich bist. Was willst du? Herrschen. zu Dolgoruki. Und Ihr? Nun – herrschen. zum Erzbischof. Ihr, Hochwürd'ger Herr? Ich bitt' Euch, sprecht aufrichtig. Hm! Die Herrschaft Zur Ehre Gottes. Wohl. Und herrschen will auch ich. Rußland ist groß, man kann sich drum vertragen. Zum Erzbischof. Ihr sollt den Patriarchenthron besteigen. Zu Dolgoruki. Ihr sollt das Land vom Don zur Wolga haben. Zu Kikin. Verwaltet Ihr Smolensk und Nowgorod. Ich bleib' in Moskau. Ist's Euch so genehm? Mag es denn sein. So werd' ich auf der Stelle Verfertigen den König, der uns taugt. Die Bojaren gehen durch die Haupttüre ab. Glebof durch die Seitentüre. 2. Akt 1. Szene Erste Szene Gemach bei Glebof. Eudoxia ruht mit geschloßnen Augen in einem Lehnstuhl. Glebof steht zur Seite, düster, in sich gekehrt. Der erstgeborne Teufel, der Regent Der andern all', heißt Ungenügsamkeit! – O mir ist weh! – Mein junges Weib ging von mir. »Stephan,« sprach sie, und blickte stolz auf diese, »Ich will in meines Vaters Haus zurück.« »Natalia«, sagt' ich, »warum das mir?« – »Stephan, Du weißt es ja.« – Ja wohl, ich weiß es. Oh! – – Nach einer Trän' in ihrem Auge späht' ich, Sie sah gelassen aus. Ich schwör': der Schmerz Besaß die zarte Brust wie ein Tyrann, Doch weint sie nie! Sie hat gelächelt, als Des Pfuschers Hand sie folterte. – So ging Sie ohne Abschied, schweigend, leise, wie Ein Traum der Unschuld uns verläßt, wenn uns Die Nacht zurückgetäuscht in alte Reinheit. O Gott, welch schwarzer Böse wicht bin ich! Ein König gäbe seine Kron' um sie! Ein Heil'ger fühlte seine Seligkeit Erhöhter, säh er sie! – Und ich verwarf sie! Es ist ein Glück für sie. Nur keine Reu! In dieser Brust gedeiht bloß Lolch und Schierling. An unser männlich Werk! Er nähert sich Eudoxien und berührt sie. Eudoxia! fährt heftig empor. Zerschmolz das moskowitsche Eis? Die Guten! Ihr habt sie so gerührt. Bist du denn endlich Nun bei dir selbst? Kannst du ein ruhig Wort Vernehmen? Aus dem Palast weggestoßen In schale Wüstenei! ... Um eine Buhl'rin. Gekröntes Gestern, ausgehöhntes Heut! Beschimpft, zerfetzt ... Ein pflichtgetreues Weib. Aus tausend Wunden blutend ... Um 'ne Buhl'rin. Zerrbild 'ner Königin! ... Tod und Elend! Spott! Belachte Schmach! Zielscheib' des Ärgernisses! O Glebof, kalter, frecher, höhn'scher Glebof, Mir ist hart mitgespielt! Gib dich nur hin Dem eitlen Wortgeräusch! Verdirb die Zeit, Die unersetzliche, mit leerer Klage! Verstöre meinen Plan, zerbrich mein Werk! Mich dünkt, schon naht auf tück'schen Augenblicks Windflücht'ger Schwinge das Verderben. Glebof! Ach, warum schicktest du den Boten mir In Susdals Gruft, und hießest mich zum Leben, Zur Hoffnung neu erwachen? Sieh, die Schlangen, Die mir das Blut vom Herzen abgetrunken, Waren eingeschlafen in dem Moderduft Von Susdals Halle. Weh! Im Strahl des Lichts, Am Frühlingswehn der Freiheit wachen auf Die Nattern all', und ach, mein Herz hat Blut noch, Des Bluts zu viel. Will das nicht enden? Glebof, Wälz' deine glühnden Blicke nicht so zornig Auf die zertretene Eudoxia! Weißt du, wie mir zumut? Und weißt denn du, Wie mir zumut, seitdem ich hab' getragen An deiner Liebe Joch? Weißt du, wie mir zumut, wenn meine Lippen Auf deinen Lippen ihre Gluten suchten, Und nur Verwünschung fanden deines Feinds, Und Sehnsucht nach dem alten Glück? – Weißt du, Wie mir zumut, wenn lechzend deine Seele Ich in die meine ganz zu ziehen dürstete, Und dursten mußt' und dursten, weil dir die Gedanken nur wandern gingen in des Zaren Haus? Weißt du, wie mir zumut, wenn ich mir sagte: Sie liebt dich nicht, sie feilscht mit ihren Küssen Sich den Genossen! Glebof! Fluch dem Band, Das uns verknüpft! – Bei meinem Stamm! Wenn du Noch säßest auf dem Thron im Kreml, und wenn Glebof dem Throne nahte, Liebe flehnd, Du stießest mit dem Fuße mich hinweg, Und sprächst: »Was willst du, Wurm, von deiner Zarin?« Stephan! Es mag drum sein! – Das fehlte noch. Ich hielt mein Herz, und halt's mit eh'rner Faust, Und will es schrein, so drück' ich's, daß es stumm In seinen Qualen zuckt. Wir stehn zu hoch Für Schäferleid und zarten Torenzwist. Ich bin gefaßt, und will Vernunft von dir. Sprich, teurer Glebof, was ich soll? Heut abend Versamml' ich alle Häupter bei Alexis. Du trittst dann schwarz, in deiner Klostertracht, Das Kreuz in deiner Linken, und die Krone In Deiner Rechten haltend, vor den Sohn; Beugst ihm das Knie, und rufst, wie in Begeistrung: »Heil unsrem Zar Alexis Petrowitsch! Huldigt, Bojaren, Eurem wahren Herrn!« Ich sorge für das übrige. Bin ich Denn nicht vorhanden? Das ist Eure Weisheit Von heute früh. Warum dem Sohn die Herrschaft? Ich will's! – Und hier die Gründe. Weil nur er Die Stimmen all' besitzt, sobald die Deine Mit in des Jünglings Waage fällt. Weil uns Furchtbare Not einmüt'ges rasches Handeln Gebietet ... Weil der Sinne Spaltung uns, Die mind'ste Zögrung in den Abgrund stürzt, Weil ... Weil? – Du stockst? Eudoxia, ich muß Ein großes Wort Dir sagen ... Sprich. Ich wag' Das Heil der Sache. Weil ... – Der Zar noch lebt! Er lebt? Er lebt. Sei stark. Beweise Dich Als sein gewes'nes Weib, und fürchte nicht, Den alle fürchten. Hör' mich aus. Die Memmen, Sie hätten nichts gewagt an dem Lebend'gen, So band er alle Geister zauberisch. Drum hab' ich ihn getötet mit dem Munde. Nun atmen sie, nun wagen sie, den Arm Zu regen. Und bevor sein mächt'ger Fuß Auf Rußlands Boden tritt, ist umgewandelt Die Form des Reichs, sind Volk und Truppen schon In Eid und Pflicht genommen, und Verzweiflung Wird die Bojaren in dem Kampfe stärken, Der uns bevorsteht. Es gilt Haupt und Leben Für jeden dann. Unrettbar bloßgestellt Hat jeder sich. Er lebt! Seit Jahren sann Ich auf den Augenblick, wo was zu wagen. Und wie der Sternekundige nicht müd wird, Den Lauf der Lichter Am Firmament zu schaun; Planetenbahnen Auszustudieren und Kometenirrläuf', So schaut' ich unverwandt in unsre Nacht, Auf Rußlands ernsthaft-wandelnde Planeten, Wildschweifende Kometen, kleine Monde; In den Gesetzen ihrer Bahnen still Sie zu erforschen. – Nun, ich weiß genug. Vom Höchsten bis zum Niedrigsten durchdrang Gährung die Herzen. Was Russ' ist, steht zu uns. Und drüben sind Glücksritter nur und eingedrungne Fremde. Fern schwimmt der Zar auf seinem Meer. Die Truppen Sind aus dem Land nach Mecklenburg. Der Schwede Karl droht an der Grenze. Will Das Schicksal uns beschützen, hat es jetzt, Jetzt oder nimmer die Gelegenheit. Er lebt! Ich hab's gesagt. Werd' ich's bereun? Was sprichst du da? Kennst du Eudoxien nicht? Er lebt! Nun jauchze Herz! Weht, Wünsche, weht, Wie rote Siegesfahnen über Trümmern! Ich wähnt' ihn tot, da mußt' ich wohl verzweifeln; Nur seinem Schatten sandt' ich eiteln Haß Unmächtig nach ins nie erreichte Haus Der ew'gen Finsternis! Er lebt! Ich kann Ihn in Gedanken morden, martern! Was Lebendig, steht in dem Bereich der Rache. Jetzt schöpf ich Luft, jetzt hoff' ich schöne Tage, Ich lieb' mein Leben, Zar, weil du noch lebst! Zu Glebof. Zum letztenmal vermummt, mit Kreuz und Schleier Erwart' ich dich. Sie geht. 2. Szene Zweite Szene Glebof. Nachher: Ein Diener. Später: Hauptmann Markof. Das Erste kann geschehn sein. Er klingelt. Ein Diener tritt ein. Ist Markof da? Der Hauptmann harrt schon lange. Diener ab. Hauptmann Markof tritt ein. Nun Markof? Sie sind entflohn. Wie? Beide? Beide. Der Pastetenbäcker und die Litauerin. Schilt unsre Feinde nicht! Laß uns sie schlagen. Wie war's? Erzähle mir. Nach deinem Wort Begab ich mich mit zwanzig tücht'gen Leuten In den Palast. Wir hatten, was wir brauchten, Stumm ihren Mund zu machen. Da vernahm ich, Fürst Menzikof sei mit der Zarin, gleich Sobald die Post erscholl vom Tod des Zaren, Verhängten Zügels fortgesprengt. Schlimm! Schlimm! So ist uns Petersburg verloren. Wie Steht's mit den Truppen? Nicht zu sicher, Herr. Die Semenowskyschen sind wie im Sturm. Sie weinten laut, als sie vernahmen, daß Ihr Väterchen, wie sie ihn heißen, starb. Ich sah, die die Montierung sich zerrissen Vor ungestümem Schmerz. Ich dacht' es fast. Das Heer ist stets des Helden. Was zu tun? Sie sollen all' nach Astrachan für jetzt; Ich will's mit Bauern und Milizen machen. Sie solln nach Astrachan. Ich will die Ordre Gleich zeichnen. Folg mir, Markof. Menzikof Hat auch den Zarewitsch entführen wollen. Doch der hat standhaft sich geweigert. Nun, So haben wir den Prinzen. Hm! der gilt Noch mehr als Petersburg. Moskau sei Burg Und Grab der Tapfern! Kommt Okolnitsch Markof. Sie gehen ab. 3. Szene Dritte Szene Zimmer im Kreml. Alexis. Euphrosyne. Was wollte nur der Fürst? Weiß nicht, mein Mädchen. Ich hab' ihn niemals so gesehn, sein Antlitz War häßlicher, als je. Er zerrt' Euch wild Am Saum des Kleids, und nach der Türe deutend, Rief er: »Folgt mir nach Petersburg!« Ihr rißt, Empört von so unwürdigem Begegnen, Euch los, und standet stolz, den Rücken wendend Dem schlechten Mann. Du hast nicht recht gesehn. Nicht recht gesehn? Das tat Alexis nicht. Nun freilich tatet Ihr's. Ihr blicktet kühn; Die Hand am Säbel, Aug' gen Himmel, fest Auf Euren Füßen ... ach, recht wie ein König! Ich hätt' die Hand Euch küssen mögen. Kind, Das war Alexis nicht. Wer war's denn sonst? Ich kann dir das nicht sagen. Doch Alexis War jener stolze Trotz'ge nicht. Ihr scherzt. in Tränen. Es ist ja auch in Rußland lust'ge Zeit. Ihr habt die Laune heut. Bleibst du dabei? Der Menzikof ist ein verruchter Schalk, Ein Bube und ein Wolfsherz! Ward vom Zar Gesetzt zum Hüter seines blöden Sohns. Ein ungetreuer Knecht! Er goß dem Sohn Gift in jedweder Stunde Trank, erniedernd Höchst frevelhaft den Samen Romanows! Riß Vaters Herz von Sohnes Herzen, tückisch Begrub er seines Herren Kind in Schmach. Ein Bau'r empörte sich ob solchen Drangs; Was tut's dem Zarewitsch? Alexis, wisse, Vernahm in seinem Geiste nie das Wort Der Ehre. »Nur der Edle fühlt den Schimpf, Und Schmerz hört auf, wo niedrer Sinn beginnt.« Weißt noch? So steht's geschrieben in dem Buch, Das du mir jüngst des Abends vorgelesen. Alexis' Brust ist ein zerstörtes Schloß, Worin ein Frevler hauste. Wüst Getier Durchkriecht die Trümmer. Ja, der hätt' den Mut Gehabt, dem mächt'gen Menzikof zu trotzen! Weh, warum schmäht Ihr Euch? Muß ich's denn nicht? Es sagt's der Zar, ich sag's dem Zaren nach, Der Zar hat immer recht. EUPHROSYNE Ihr seid nicht so. Ich war ein armes Mädchen, näht' und spann, Den Schwächling hätt' ich nicht geliebt! Ja, wär' ich An deinem Platz geboren, sollte mir Die nächste Sonn' in meiner Feinde Blut Rot untergehn! Hut in die Stirn gedrückt, Schwert in der Hand ... Du bist auch tapfer, Mädchen. Mit mir ist's anders, armes Kind. Alexis Ist feig! stampft mit dem Fuße. Du sollst nicht lügen! Kleine Bosheit! Es sagt's der Zar, ich sag's dem Zaren nach, Der Zar hat immer recht. Der Zar! Dein Feind! Der Vater, der den Sohn doch kennen muß. Ich will dir's auch beweisen. Sieh, den Zaren Ergreift Gelüst, dem Türken was aufs Haupt Zu geben, der in Stambul nickt und träumt, Und gern in Ruhe wär'! Flugs wird getrommelt Nach Osten zu. Fünfhundert Feuerschlünde Sie donnern Schreck ins Herz dem Padischach. Ist's dort vorbei, geht's an den Schweden, der Uns auch wohl ließe, ließen wir ihn nur Sein Haferbrot verzehren. Schuß um Schuß! Der Schwede flieht, man nimmt ihm ein Stück Land. So gibt es Schlacht auf Schlacht, und Sieg und Ruhm, Und Orden für die Tapfern. Mich, mein Mädchen, Sah nie der Batterien gekrauster Dampf. Ich hab' mich krank gemacht, um wegzubleiben. Lorbeern von ihm! O pfui! Bei St. Georg! Riss' auch der Zar die große Gottessonne Vom Himmel, sprach': »Die Sonne geb' ich dir Als Ordensstern für deinen ersten Sieg!« Mich reizt' es nicht. So bin ich nun. Gott helf mir! Da frag' ich dich, ob das nicht Feigheit ist? Ein Schuß fallt durch das Fenster. Euphrosyne fliegt mit einem Schrei an Alexis Brust. Bist du verletzt? O Gott! Doch nicht verletzt? Ach was war das? Ein Schuß, der mir vermutlich Beschieden war von einem Dienstbeflissnen, Den Zar der fernem Sorge zu entheben. Du bist doch wirklich nicht verletzt? Nein! Nein! Ach, meine Glieder zittern! lächelnd. Zarte Heldin! sich in Alexis Arme aufrichtend. Und du? Wie ist's mit dir? Was meinst du? Gib Mir deine Hand. Alexis reicht ihr die Hand. Ei, die ist warm. So warm, Als wie vorher. Nun, warum soll sie kalt sein? die Hand auf Alexis Brust legend. Dein Herz, wie ruhig schlägt es! Pocht das deine? Bist du denn nicht erschreckt? Erschreckt? Wovon? Ah so, der Schuß! Ihn wollten sie ermorden! O du mein Herz! Dich! Dich! O die Verworfnen! Sie weint und zittert. Wenn man es noch hört, Da hat's ja keine Not. Beruh'ge dich. Ach, wie wird's enden, Lieber? Hast du Furcht? Schilt mich, ich sollte stärker sein. Ach Lieber, Wie endet dies? Was soll an mir geschehn? Das Schreckliche liegt hinter mir. Die Kugel, Nun ja, sie hätt' mich treffen können. Selig, Betaut von deiner Augen mildem Guß, Ruht' aus der Zarewitsch. Sie flog vorbei. – Tat nicht ihr äußerstes die Wut an mir? Ward ich nicht abgesperrt von meinen Freunden, Bewacht, gehegt, wie ein gefährlich Wild? Wann sah ich einen Menschen? Weht das Lüftchen Von draußen, das dem Sohn des Zaren Nahrung Zu frevelnden Gedanken brächte? Ward Die eigne Mutter nicht dem Sohn versagt, So oft er auch gefleht, daß er die Hand Dürft' küssen, die des Knäbleins schwachen Schritt Gestützt! O meine Mutter! – Euphrosyne, Gestorben bin ich schon – und Leichen sind Frei, unantastbar. Du hast einst geatmet! Vergiß'st du, was gewesen? Das vergab er. Wenn du die ganze Wahrheit ihm bekannt. Alexis Mein Los verdient' ich, hätt' ich das getan. Nach einer Pause. Wir haben in Gedanken uns gewiegt, Aus Einbildungen uns den Thron gebaut, Empörung in der Wünsche luft'gem Reich Gesponnen, bei des Vaters Leben, endlich Es bis zur Flucht getrieben, um den Arm Des Kaisers zu gewinnen für die Sache Notschreinder Fürstensöhne! – Ha, es war Nicht Recht! – Wer aber wagt, mir's vorzuwerfen? Ich kam zurück, hab's eingestanden! Nahmst Großmütig alles auf dein Haupt. Wart Ihr Der einz'ge Schuldige? nach einer Pause. Ich war es nicht. Es sannen andre mit mir. Heimlich lief, Gleich einem stillen Feu'r, mein Name durch Des Reiches Adern. Was da litt und grollte, War mein Vasall. Genug davon. Du weißt's. Geh hin. Gib's an. Mitunter denk' ich, hier Könn' ich auch dazu kommen. Laßt, ich bitt' Euch, Die Briefe mich verbrennen. Von der Mutter? Tu's; wenn es dich beruhigt. Gleich geschieht's. Sie will fort. hält sie zurück. Es soll nicht sein. In ihren Zügen lacht Durch allen wilden Schmerz, und durch den Frevel Verwegner Plane, wie ein Götterantlitz Die ganze Zärtlichkeit der Mutter. Mich Erkiest sie drin zum Ritter ihres Unglücks; So hat die Mutter ihren Sohn geehrt! Zwei Menschen lieb ich auf der Welt, Dich und die Mutter! Jeder Strohhalm ist, Den Eure Finger rührten, heilig mir. O wenn ein teures Haupt geschieden ist, Dann möchten wir das Stäubchen selbst besitzen, Auf das der Fuß des lieben Toten trat. – Sie stirbt doch einst! Die Briefe meiner Mutter Solln nicht verbrannt sein. Still von dieser Not, Wenn du mich liebhast. Von 'ner andren: Hör, Ich hab dir lang was sagen wollen. Heut Ist's neu emporgeregt. Was meint Ihr, Prinz? Alexis sieht starr vor sich hin. Nein, sprecht denn auch. Ihr starrt hinaus, Ihr macht Mir durch das Schweigen bang. Die Welt ist ja Nur eine Hölle! – – Ha, wozu das Tröpfchen Von Freude in dem Ozean der Qual? – Ich bitt' dich, liebe Euphrosyne, sei Nicht bös, tu' ich dir weh. Er tritt zu ihr und berührt ihr Haupt. Senk deine Augen! Seh' ich in die, vermag ich's nicht. – – Es ist Durchaus bei mir entschieden. – Einz'ge Liebe: Du mußt mich heute noch verlassen! Prinz? Du mußt mich heute noch verlassen, Mädchen! Sei still, und blick nicht auf. – Als ich dich fand In deiner Fischerhütt', ein köstlich Perlchen Am Meer, da dacht' ich: willst die Perle fassen Ins Diadem, daß sie der Neid des Stolzen, Die Lust der Guten sei, des Herrschers Wonne. Und nahm die Perle auf vom Strand des Meers, Und wahrte sie am Busen ... Alexis! Anders Ist es gekommen! – Meine Perle liegt In eines Bettlers Hütte! Fluch dem, der seine Lieb' zu sich erniedrigt! Ich wollte dich erhöhn, das konnt' ich nicht, Erniedrigt dich zu sehn, das duld' ich nicht: Du mußt mich heute noch verlassen, Kind! Seid Ihr zu End'? Er hat gewagt, vor deinem, Vor der Geliebten Auge, Hand an mich Zu legen! Er, der Knecht, der in dem Staub Sich vor Alexis winden müßte, gäb's Noch Väter, welche ihre Söhne höh'r, Als ihre Grillen hielten – – Vor deinen Augen, die vom Glanz der Majestät Geblendet, schwimmend zucken müßten, staunend: Ob dieser Glänzende Alexis sei? Vor deinen Augen schändet mich der Knecht! Das darf nicht wiederkehren! Geh hinaus, Verlaß den Kreml. O glaube, niemand hält dich, Sprichst du: »Auch ich lass' jetzt den Zarewitsch«. Zeuch einsam, stumm die Straße bis zum Meer, Wo deine Hütte steht! Dort birg dich, Liebe, Und harr' ein Weilchen! Bald, bald kommen Träume, Trosthelle Träume dir. Vom großen Prinzen Alexis, der in Macht und Herrlichkeit Saß auf der Väter Stuhl; und – der dich lieber Gehabt, als all' die Macht und Herrlichkeit! – Er umfaßt sie. Willst du wohl wandern gehn, daß bald so schöne, So sanfte Träume kommen? Ich verlange Nach Träumen nicht, mein Wachen ist mir süß. Verbannte Fürsten suchen Einsamkeit, Und leben dort in Frieden. Frischer grünt Das Blatt des Baums, die Blume duftet würz'ger, Kann Blatt und Blume einen König trösten. Alexis! Deines Mädchens Brust ist nur Ein Gärtlein, wird dir Rußland nicht ersetzen! Doch alle Veilchen, die drin blühn, die Rosen, Die drin sich aufgetan, und jeder Keim, Der drinnen sproßt, das alles sproßt und blüht Doch nur für dich! Das arme Gärtchen ist So glücklich, daß es treu dem König blieb. Du mußt, mein stolzer Prinz, dem stolzen Ding Schon seine Laune lassen! Sie entfernt sich. 4. Szene Vierte Szene allein. Halte fest, Du Bild dort in den Lüften, goldne Krone! Halt stand der Faust, wie du dem Blicke standhältst! Du schimmerst göttlich-lockend. Weg Phantom! Nein, bleib Phantom! Dies sind Gedankensünden. Sie sind uns noch erlaubt. Die andern hat Der Zar uns wohl verboten. Warum bin ich Zu herrschen unwert? Er geht nach dem Getäfel, in welches der Schuß gedrungen ist. Mörderische Kugel, Du hättest hier – Auf seine Brust deutend. Nicht lauter Tand und schimpfliche Gesinnung Getroffen. Bei dem Blut der Romanow! Kam' der Tartar, der Pol' vor Moskaus Tor, Er sollt' erfahren, daß der Stuhl des Rurik Von einem Zar besetzt sei. – Wahn und Schaum! Hier steht der Knabe mit der leeren Tasche, Und schwatzt vom großen Lose. Armer Tor! Wo dreht dein Glücksrad sich? Du hast den Einsatz Nicht wagen wollen! 5. Szene Fünfte Szene Die Flügeltüre im Grunde öffnet sich. Man sieht in eine große, erleuchtete Halle. Eudoxia steht in der Türe, in Klostertracht, das Kreuz in der Linken, die Krone in der Rechten. Glebof, Dolgoruki, Kikin, der Erzbischof von Rostow hinter ihr. In der Halle viele Bojaren, darunter Lapuchin. Sohn! sich umwendend und zurückfahrend. Was!? Hat das Reich Der Unterwelt begonnen? Schickt das Grab In unsre Wüstenei Gesellschaft? Fort! Ich bin kein Mann für solchen Anblick! Sohn! Sohn, komm zu uns, sei dieser Fürsten Herr! Die Toten stehen auf, die lebten, starben Ich bin die Mutter, das ist Ruriks Reif! Du bist die Mutter, das ist Ruriks Reif! Heil unsrem Zar! Die Züge sind's, es ist Der Schlei'r, das Klosterkreuz! Heil unserm Zar! mit einer wilden Bewegung. Verräter, tretet ihr zu meinem Feinde? Heil unsrem Zar Alexis Petrowitsch! Das ruft, als wär' es außer mir, doch sind's Nur arge, list'ge Larven meiner Brust! – Ich weiß, ihr schwindet, nah' ich mich, in Dunst, Doch ihr umstrickt mich mit des Zaubers Kunst! Habt mich! Hier bin ich! Gebt mir meine Krone, Denn wie dem Vater, eignet sie dem Sohne! Er eilt durch die Flügeltüre ab, die sich hinter ihm schließt. Trompeten und Pauken hinter der Szene. 3. Akt 1. Szene Erste Szene St. Petersburg. Gemach im Palast. Katharina. Menzikof treten ein. Nun Martha, müde von der Reis'? Ein wenig. Wir eilten ja, wie unterm Mantel Fausts. 'S tat not. Ich kenne unsre Feinde. – Doch Ich denk', die Hoffnung hab' ich ihnen gänzlich Benommen, etwas durchzusetzen. Wie? Sie münzen Aufruhr; das Gepräge macht Die Münz', und mit dem Stempel wird geprägt, Und den zerbrach ich ihnen. Menzikof, Du jagst mir Schrecken ein. Du bist so heftig! Ich sah dich heimlich sprechen mit dem Dentschik, Eh' wir von Moskau flüchteten. Der Dentschik Hat eine gute Buchs' und ist ein Schütz, Der seinen Mann trifft. Und der Zarewitsch Ist – nicht von Eisen. Wie die großen Bärte Erstaunen werden, sehn sie ihre Fahne, Die alles führen, alles heil'gen sollte, Zerschmettert und zerfetzt! O Menzikof! Ein Mord? ... Laß gut sein, Martha. Es war ratsam, War nötig, war das kürzeste. Solang Der Knabe lebt, ist unsre Hoffnung tot. Zwar er entsagte. Possen! Würd' er Mönch, Wir wären noch nicht sicher. Keinem nagelt Man die Kapuze auf den Kopf. Das lehrt Ihn Stephan Glebof. Kurz, der Anlaß bot Sich jetzo meiner Hand. Sein Widerstand Bracht' es zur Reife. Er ist nicht so schwach, So stumpf, wie man ihn glaubt, wie ihn der Zar Sich träumt, weil er ... ja, weil er von ihm weiß, Was ich, daß er es wiss', für gut befinde. Er war uns weit gefährlicher, als du Dir ihn wohl vorgestellt, und würd' inmitten Der tollen Köpfe, die ihr altes Reich Von seiner Jugend wollen, dermaleinst Das Feuer sein, das unsre Saaten fräße. Unschuldig Blut vergossen! – Daß man brav, Und doch so grausam sein kann! Armer Prinz! Laß gut sein, Martha. Du bist weich, du hast Das beste Herz. Bekümmere dich um mich, Und meine Schritte nicht. Der Fluch sei mein, der Segen bleibe dir; Rein sollst du pflücken meiner Sorge Frucht. Er hat dich mir geraubt, dafür will ich Zu dieses Reiches Throne dich erheben! Das ist mein Dichten, Trachten. Das der Wunsch Des Tags, der Traum der Nacht. Das grub der Stirn Die tiefen frühen Arbeitsfalten ein. Mag er das Weib besitzen! Doch dem Künstler Verbleibt sein Werk. Die Königin gehört Nicht dem Geschlecht! Wenn dich der Purpur schmückt, Von meiner Hand gewebt, hat Menzikof Dich nie verloren. Guter, treuer Freund! Du siehst in mir, was deine Lieb' in mir Erblicken will. Aufricht'ge Neigung ist Ein Licht, das von dem Geber strömt, holdtrüglich Den Gegenstand in seine Strahlen hüllt. Sieh ohne Schimmer mich; er ist nicht mein. Ich bin nur eine Frau! Grad' klug genug, Zu wissen, daß der Frauen höchste Weisheit Vertrauen zu dem weisern Manne ist. Versuch mich nicht! Ich möchte gar zu gern Von diesem Lote Urteil, das mir eigen, Nichts missen, Menzikof. Das Weib sei dienstbar! Im Tal gepflanzt, wie soll't ich oben stehn? Gehorchen lernt' ich; das Gebieten lehrt Kein Gott dem Schwachen. Liebenswürd'ge Demut! – Was das betrifft, verlaß dich ganz auf mich. Denn deines Armes Arm wird Menzikof, Und deines Mundes Mund wird Menzikof Für alle Zeiten sein. Du sollst genießen. Die Müh', der Schweiß, die Pein für Menzikof, Für Katharinen Freude, Lust und Pomp! War's möglich ... wär' es irgend denkbar ... wär's Nur freilich so gedenkbar, Menzikof! Ach Freund, ich hab' ganz andre Ding' im Sinn. Recht bis ins Herz bin ich betrübt. Der Aufruhr Wird übergehn, wie viele übergingen! Wer aber hält des Herren Werk? Dies Rußland, Sein Rußland ist die Riesensäule, halb- Vollendet von dem bauenden Giganten. Was sind wir andern? Wer beschließt den Bau, Wenn der erhabne Meister scheidet vom Unfert'gen Werk? lächelnd. In deinem Bild zu bleiben: Wir lassen diese Riesensäule stehn, So wie sie steht, und tun nichts ab, noch zu. Verwittert sie; ganz wohl! Zerfällt sie; recht! Die Mauern Babylons sind auch ein Staub. Du sollst mich glühn sehn für des Meisters Werk, Solang die Glut mir Meisters Gnade schafft. Nicht länger? Keinen Augenblick. Drei Regeln Merk, Martha, dir. In zwanzigjähriger Schule Hab' ich die Sprüch' erlernt. Zum ersten wisse: Wer Menschen bildet, ist sein eigner Feind, Denn leichter herrscht sich's über Dumme. Zweitens: Rußland ist noch der Erde schönstes Los, Wenn auch der Schwed' hier wieder Kupfer gräbt, Und Petersburg zum Sumpfe wird. Das dritte Sag' ich ins Ohr dir. 'S ist für Eingeweihte: Ein großer Mann ist nur ein großer Tor. Meinst du das wirklich so? Daß ich's gesagt, Beweist, daß ich's so meine. Ein Page tritt auf. Fürst, man sucht Euch. Wer sucht mich? Boten von Moskau und vom Meer. So gibt es Neuigkeit zu Land und Wasser. Zum Pagen. Führ' sie ins rote Zimmer. Page ab. Haben wir Uns nicht vertieft in ein Gespräch, als ob Wir auch bereits des Glebof Märchen glaubten! Von Moskau und vom Meer? Die Boten bringen Den Sinn zur Gegenwart zurück. Nun Martha, Laß uns auf unsren Pfad sehn. Ab. 2. Szene Zweite Szene allein. Wer hat dir Gesagt, daß wir zusammen wandern? Jetzt Hab' ich dir in das Herz geschaut. – Du warst Mir stets unleidlich, meiner Niedrigkeit Verhaßter Spiegel! Martha nennst du mich ... Katharin' Alexiewna soll gedenken Des Mädchens von Marienburg. Du willst Die Bäu'rin auf dem Thron! Wie gut! Die Bürde Nimmst du auf deine Schultern. Welche Großmut! Man wird dir innig dafür danken müssen. – Armseliger! Was kannst du? Morden. – Was Ist all dein Witz? Ein wenig Lügen, Fälschen, Und Geld zusammenraffen. Ja, um Gold Verkauftest du Provinzen. Schmutz'ger Mäkler! Wär' ich ein Mann, der Schwede sollt' es fühlen, Das letzte Blut des Herzens strömt' ich hin Für unser Petersburg! Weh mir, daß ich ein Weib bin! Wir verfehlten, O wir mißratnen Wesen! – Grausam gibt Der Himmel Schönheit uns. So schenkt man Kindern Haus, Hof und Stadt in einem Weihnachts-Kästchen. Sei auch die Frau vollkommen, ist sie doch nur Geschmücktes Nichts. Das Erz wächst für den Mann, Die Eiche streckt sich, daß als Kiel dem Mann Das Meer sie gebe unter seine Füße; Die Völker schwellen an, damit der Mann Mehr Diener habe, und der Himmel schuf Der Sterne Heer, damit der Mann da droben Unendliches in seinem Geist erobre, Wenn er die Endlichkeit bezwungen hat! – Und blieb uns gar nichts? Sind wir denn so ganz Verwahrlost? Nein, wir haben auch ein Erbteil; Gefäll'ge List, und eignen tiefen Sinn, Einfält'ge Schalkheit, Lächeln in dem Herzen, Im Auge Tränen! Auf der Lippe: »Ja«, Im Haupte: »Nein«; und Schritte, zu leicht und leis Für Euer Ohr. – Sie macht einige Schritte in Gedanken. Dann ruft sie aus. Wir wollen Kön'gin sein, Doch nicht von deiner Gnade, Menzikof! – Mein Leben ist ein Märchen. Keuchend grub Der Vater seinen Acker, und – ich teile Des größten Herrschers Bett. 'S ist alles! – Nichts! Zitternd begann das Märchen ich zu lesen, Jetzt bin ich eingelesen, und ich weiß, Daß diese Wunderfabel nur zum Schluß Durch Wunder kommen kann. – So wandre einsam Geheimen Gang! Vertraue keinem! Sei Dir selbst ein stummes Rätsel. Wie die Nacht, Erzeug' in schwarzen Schatten, unbegriffen Dir dein Geschick. Sie sieht sich um. Die Larve vor das Antlitz! Hier kommt der Mann, der uns zu leiten denkt. 3. Szene Dritte Szene Menzikof. Katharina. mit Briefen. Da sind besondere Sachen, zwiegestaltet. Von Kronstadt ward ein Schiff signalisiert, Apraxin sagt, es sei des Zaren Flagge. In Moskau griff der Aufstand weiter um sich; Die Bauern rundumher stehn unter Waffen, Nach Pleskow, Twer und Tula sind Rebellen In Haufen abgegangen. Ernstlich scheint's. Mein Dentschik fehlte. Danke Gott. Wofür? Daß er dich rein von Schuld erhielt. Zu weichlich, Zu weichlich bist du, Martha. Schlimme Zeit! Ich darf dir keine Ruhe gönnen. Eilig Dem Zar entgegen auf der schnellsten Jacht! durch das Fenster blickend. Es ist so stürmisch. Hilft nichts; mir ist banger Vor ihm, als vor dem Sturm. Wir müssen eifrig Uns zeigen, und zuerst dem Herrn begegnen, Sonst laufen die Verleumder uns den Rang ab, Und schwärzen unser Handeln an. Ich fürchte So ein Gewitter. Wenn man's recht nimmt, konnt' Ich anders wohl verfahren. Liebe Martha, Verlaß mich nicht, wenn es den Ausbruch gibt! Katharinens armer Witz, gering Vermögen Ist Menzikofs. So komm; dem Herrn entgegen! Beide ab. 4. Szene Vierte Szene Auf dem Verdecke eines Schiffs. Im Finnischen Meerbusen. Sturm. Der Steuermann auf einem erhöhten Platze am Steuerruder. Zwei Matrosen. Ihr müßt mehr links halten, Steuermann. Nein, rechts mehr. Links kommen wir auf die Bank. Steuermann, Ihr fahrt uns ja in die Klippen. Grigori, nimm Vernunft an! Vom Mastkorbe wird gerufen: »Vorgesehen! Vorgesehen!«. Ja doch! O böse Stelle! O greuliches Wetter! Signalschüsse. Gleich darauf wird gerufen: »Ein Boot! Ein Boot!«. Da kommen noch mehr Narren, die mit uns ersaufen wollen. Denkst du, daß wir ersaufen werden? Wer kann vor Unglück? O heiliger Georg! Währenddessen wird von draußen wiederholentlich gerufen: »Vorgesehen!«. 5. Szene Fünfte Szene Zar Peter. Oberst Gordon. Vorige. Was für ein Lärm? Zu den Matrosen. Auf Euren Posten, Mannschaft! – Zu Gordon. Dies Volk, zu Lande brav, ist blöd zu Wasser, Und früher ging mir's selber so, mein Gordon. Zu den Matrosen. Ein Schiffer heult nicht um die Wette, merkt's Euch, Mit Wind und Welle. – Eines Seemanns Antlitz Ist, wie die Tiefe, stumm. Ich war, ihr Kinder, Auf einem engeländschen Schiff im Sturm; Doch wenn ich sagen wollt', es wär' dort anders, Dort lauter zugegangen unterm Volk, Als wie gewöhnlich, sagt' ich nur, was falsch. Sie denken so: Zeigst du dem Meer die Furcht, So macht es dich zu fürchten. 'S ist ein Prahler, Der gern sich brüsten mag. Und was ein Brite Imstand zu leisten ist, das, mein' ich, leisten Wohl meine Russen doppelt. An die Arbeit! Die See geht etwas hoch, das ist's, nichts weiter. Die Matrosen gehn ab. Der Sturm ist stärker geworden. Gordon Nebst einem Stückchen Schiffbruch allerhöchstens. Über die Galerie blickend. Das Meer, der Himmel sind ein kochender Brei, Und bald im Munde haben wir die Probe. Das kracht und schäumt! Am hohen Firmament Zerreißen Blitze fahle Wolkenschichten, Und durch die Spalten schießt ein gräßlich Licht Auf diese Klippen, die wie Leichensteine, Im weiten, nassen Kirchhof starr'n. Wer sagt dir, Daß hier ein Kirchhof sei? 's ist eine Phrase. Vor einer Schlacht, und in dem Sturm nimmt man's Mit Worten nicht genau. Man spricht was hin, Die Zeit sich zu vertreiben. Großer Zar, Die Bucht von Kronstadt wäre wünschenswert, Denn, unter uns, hier ist's verdammt gefährlich. Wo wäre nicht Gefahr? Und die, mein Gordon, Aus der man nicht entrinnen kann, scheint mir Die mindere zu sein. 'S gibt nur ein Unglück, Und das heißt: Fliehn. fällt an seinem Platze auf die Kniee. O heil'ger Niklas, hilf! ist zum Steuermann getreten. Goddam! Wir sind verloren! besteigt den Platz am Steuerruder, und rückt an letzterem. Schief gewandt! So bricht man eine Strömung. Zum Steuermann. Sieh jetzo Auf mich, und lerne, wie man steu'rt. Dein Zar Wird dieses Schiffes Lenkung übernehmen. Es ist, ich wiederhol's, kein rechter Sturm, Sonst würden wir es lassen müssen. Doch Dagegen kann man noch. Beruh'ge dich! Der Steuermann erhebt sich, und tritt zum Zaren. Du fehltest nicht, die fehlten, die zu früh In dieses Amt dich setzten. Um und um Gewirbel, Sandbank, Riff! Der Böse macht Des Glebof Lüge wahr. nach den Masten hinrufend. Den Bogspriet nieder! Die Segel ein! Mannschaften an die Pumpen! Wär' ich der röm'sche Narr, ich spräche: »Schiff, Du trägst den Cäsar und des Cäsars Glück«. – Ei nun, ein Zar ist auch noch nie ertrunken. Donnerschläge. 6. Szene Sechste Szene Katharina. Menzikof treten auf. Die Vorigen. Da kommen zwei, die ich nicht hören will. Zu Gordon. Schick sie in die Kajüte. Sturm und Not! Uns schreckt' es nicht. Du zürnst; was ist ein Sturm? rückt am Steuer. Zum Steuermann. Mit solcher halben Wendung kommt das Schiff Grad' um den Vorsprung dort. Der Zar versteht's! Es sind nur ein paar Handgriffe, mein Sohn, Die man recht innehaben muß. Und dann, Er klopft ihm auf die Schulter. Hübsch Ruh' und kaltes Blut! zu Katharinen. Sprich! Laß nicht ab! Kein Wort der Liebe, o mein güt'ger Herr? Wir sind noch Neulinge. Ich hab' gefehlt, Nur ich, dein schwaches Weib. Dein Menzikof, Er wär von Moskau nimmer fortgegangen. Denn bleiben wollt' er, ja, bei Gott, er wollt' es, Daß er geflohn, ist, ach, mein rasend Werk! Großmüt'ge Lügen hörst du, Majestät. Nein, bleiben wollte sie, bei Gott, sie wollt' es, Und daß wir flohn, ist, ach, mein rasend Werk! zum Steuermann. Hier wallt die See zu stark für unsre Kraft. Sieh her. Am Steuer rückend. Dann stellt man ganz das Steu'r zur Seite, Den Stoß nicht zu vermehren. Sind wir schon Gestorben, Menzikof? zu Katharinen. Geht, gnäd'ge Frau. Zu Menzikof. Fürst, wählt die bessre Stunde. Bei St. Dunstan! Der Himmel macht ja Lärm genug. Gordon! Zar! Was verwirken nach des Reichs Gesetz Statthalter, die vom Posten fliehn? Das Leben. Es hat sich kürzlich sowas zugetragen. Vielleicht lass' ich die Schuld'gen ... Starker Donner. Herr! Denk' nicht An dein Gericht. Dies Wetter macht aus uns In zwei Minuten ein Gericht für Fische. Ein gewaltiger Donnerschlag. Geschrei vom Mastkorbe und aus dem Innern des Schiffs. zugleich. Wir scheitern! zugleich. Himmel sei uns Sündern ... über den Bord gelehnt, drohend. Du!! Nein Herrn! Nun ist's vorbei. Das war das Letzte. So kommt es immer. Der Sturm läßt nach. Traun, die Luft wird hell. Ein neues: »Quos ego«! Ist hier kein Rubens, den Neptun zu malen? Verdrießlich, gelb vor Ärger, kriecht das Meer In seine Bucht, Vom Herrn gescholten, wie ein murr'nder Hund! in den Anblick des Meers versunken. In deinem Grimm, in deiner Milde schön! Atem der Erde! Mein geliebtes Meer! Rußland hat wider seinen Arzt und Heiland Den Schild erhoben, und das Schwert gezückt, Und Ehr' und Treu' geworfen in den Winkel. Und das empfandest du. Die Menschen sind Gemein und bös. Das Element empfand Die Kränkung seines Herrn. Zum Steuermann. Jetzt fahr' du besser. Er steigt von dem Platze am Steuerruder. Wir sind vor Kronstadt. Hinausrufend. Werft die Anker aus! Er kommt in den Vordergrund. Es muß gewagt sein. Sie zieht einen Dolch aus dem Busen. Gordon, nimm den Dolch! Besinnt Euch doch, Zariza. Nimm den Dolch! Und sage deinem Zar, weil er sein Aug' Von Katharinen wandte, soll den Dolch In ihre Brust er stoßen. Sie versteht nicht Zu leben ohne seine Gunst. Und ich, Fürst Menzikof, will gleichfalls sterben, Gordon! Gordon, gib diesen Dolch zurück der Frau, Und sag der Künstlerin: Zar Peter sei Kein Bühnenheld und kein Theaterkönig. Wer Rußlands Freund, sei sein Freund; wie man ihn Für die Person verehr' und liebe, gelt' ihm Ganz gleich. Katharina und Menzikof entfernen sich mit Zeichen der Bestürzung. Ich geh' nach Moskau. Mich empfängt Das Land, wie immer, mit Geschäften. Nun, Was jetzo zu besorgen ist, das denk' ich Zu enden so, daß nichts dergleichen wieder Mich je behell'gen soll. Es ist ein Sprichwort: Wer hastig jätet, rauft mitsamt dem Unkraut Die Blumen aus. Gordon, ich hab' nicht Zeit Zu langem Umschweif, Prüfen und Erwägen. Ich bin jetzt fünfzig, und durch mein Gebein Schleicht ein verborgnes Gift. Wie manches gibt Es noch zu schaffen! Diese Fahrt legt mir Schon wieder etwas auf. Das Meer ist schlimm. Leicht scheitert hier ein Schiff. Wir woll'n zurück, Wenn wir in Moskau unser Werk getan. Hier muß man Lotsen haben, tücht'ge Lotsen. – Sobald der Zarewitsch enthauptet ist ... im höchsten Erstaunen. Sobald der Zarewitsch ...? gleichgültig. Enthauptet ist, Will ich hier eine Lotsenschul' errichten. 4. Akt 1. Szene Erste Szene Zimmer bei Dolgoruki. Dolgoruki. Ein Adjutant. Sind sie im Marsch? Die Trommel ward gerührt, Grad, als ich Twer verließ. Ist Schepelew Mir sicher? Hast du ihn erforscht? Der Oberst Ist ganz für dich gewonnen, und du darfst, Ich bin des Bürge, auf ihn zählen. Lachend Sieht ihn das Glück, das du ihm zeigtest, an. Auch hält er's für erlaubt, daß du den Zügel Der Ding' ergreifst, weil du der erste bist, Der ältste der Bojaren. Pflicht und Vorteil Vereint, treibt ihn zu dir. Das wär' in Ordnung. Du kennst dein Amt. Wir lassen jetzt Alexis Ausrufen, krönen in der Kathedrale Zur Himmelfahrt Maria. Heut zu Nacht Gibt's Fest und Lustbarkeit. Die Truppen bleiben In der tartarischen Sloboda. Sprich, – Wirst du gefragt – gleichgültig von dem Marsch, Als einer Sach', die sich von selbst versteht; »Denn eine Garde muß der neue Herr Doch um sich haben« – Nachts, wenn alles still, Und seinen Rausch das Volk verschläft, führst du Das Corps in Moskau ein. Sie werden truppweis Auf allen Plätzen lagern. Unverweilt Verhaftst du Glebof, und die andern, die Von seiner Farbe sind. Nach einer Pause. Wenn im Getümmel – Der Glebof ist ein wilder, hitz'ger Kopf – Ein Unglück etwa sich mit ihm ereignet ... Wirst du ergebnen Eifer, Diensttreu, nicht Zur Untersuchung ziehn. Gewiß nicht, Freund. Mach alles gut. Du schaffst und sorgst für dich. Du bist das Roß, das mich zu Berge trägt, Und mit zum Gipfel kommt. Der Adjutant geht. An der Türe ruft ihn Dolgoruki. Eberlakof! Die Zarin wird gebührend ausgezeichnet, Hörst du? Du gibst ihr eine Ehrenwache, Sobald der Morgen graut. Wie du befiehlst. Ab. 2. Szene Zweite Szene allein. Wir wollen nichts tun, was die Meinung schwächt Von unsrer Redlichkeit. Die Zarin ist Ein nützlich Werkzeug, wird uns angehören, Wenn wir von ihrem Leid mit ihr zu reden Beständig willig sind, und tun, als ob Dies große Trau'rspiel heiß': Eudoxias Rache. – Voreilig scheint mein Handeln, doch es ist Erwogne Weisheit. Wie der Augenblick Dem Augenblicke folgt, so folgt dem Ansehn Vergessenheit. Der Menschen Urteil ist Ein blindgebornes Kind. Man haßt den Glebof, Und doch ist er der Held des Volks, der Edlen. In Strömen leitet er die Macht, das Wirken Zu seiner Schwell', und läßt uns kaum ein Bächlein Von Einfluß. Alles sieht auf ihn, und wir Stehn halbverwittert schon in seinem Schatten. Ich hab' gefehlt. Der seichte Alexander Gab guten Rat. Wir sollten überhaupt Mehr von der Dinge Oberfläche halten, Wir gingen sicherer, als wenn wir mühsam Nach ihrem Kerne grübeln. Welch ein Schicksal, Daß des Verstandes Aug' weitsichtig ist, Und für die Nähe stumpf! – Kaum hab' ich Zeit, Den Fehler zu verbessern. 3. Szene Dritte Szene Glebof tritt heftig ein. Dolgoruki. Ist er hier? Da ist er ja. Geh, du bist falsch, Basil! Du stehst in meinem Hause, Stephan Glebof, Und nicht in deinem. Gebt mir einen Feind, Der offnen Tod ins Angesicht mir schleudert! Doch du bist falsch, Basil, falsch wie die Hölle. Ich bin so wahr, wie Glebof. Wer befahl, Daß Truppen kommen soll'n von Twer? Nun – ich. Preobraschinsky Grenadiere? Ja doch. Gib Contre-Ordre. Geh, was ficht dich an? Gib Contre-Ordre, sag' ich. Nur ein Weib Befiehlt und widerruft gedankenlos. Du kennst die Weiber, Glebof, doch du kennst Den Dolgoruki nicht. Gib schleunigst Contre-Ordre! Zieh diese Truppen nicht herbei, umgarne Uns nicht mit diesem Netz von Erz! Ich hab' Die meinen weit hinweggeschickt. So hört ich. Was Glebof tut mit seinen Regimentern, Hat Dolgoruki nicht zu schelten. Gleiches Verlang' ich von dem Glebof. Schon beginnt Die Anarchie ihr häßlich Haupt zu schütteln. Der Pöbel plünderte. Ein paar Betrüger Sind aufgetreten, schreind: »Noch lebt Zar Peter!« Wie leicht, daß Aufruhr, Wirren und Gewalt Die Zeit als Schaum auf ihren Wogen wälzt. Es braucht bewehrter Faust, die Ruhe Rußlands In solchem Drang zu schützen. Gut, schon gut. Ich schau in deine Brust, als trüg' sie Fenster. Nicht um die Ruhe Rußlands kommen, Freund, Die Regimenter. Ich versteh' dich nicht. Pflegt man zu sagen, wenn man nur zu sehr Den anderen versteht. Seltsam, daß du Mich für entbehrlich halten kannst! Ich mag Nicht länger diese Rätselsprüche hören. Kurz, ich gab Ordre, und es bleibt dabei, Denn es sind meine Truppen. Bis wie lang? Wie? Bis wie lang? Maschin' ist der Soldat, Sein Herz ist von der Farbe seines Rockes. – Wenn Er erschiene, Dolgoruki, plötzlich, Dem Blitz gleich, wie er pflegt ... Er? Wer? Basil! – Du zwingst mich ... Ei ja wohl! Ihr habt die Mär Des Schiffers auch geglaubt ... Wie klang sie doch? Dolgoruki wendet sich verlegen ab. Die andern? Kann wohl sein. Die Masse? Ja. Doch Ihr? 'Ne Schiffersage ist ja eben Kein Evangelium. – Nehmt Euch in Zukunft Vor Schelmerei in acht. Vertraun zahlt Buße. Basil, ich sah die Menschen vierzig Jahr, Ich bin zu alt für Täuschung. 'S ist nicht gut, Der Sache Blöße also aufzudecken. Ohn' Wort hofft' ich mich zu verstehn mit Euch. – Wenn er erschiene, Dolgoruki! Graut Dir nicht bei dem Gedanken? Oft und vielmals Ist er gekommen, ehe wir's gedacht. Das Meer ist seine Magd; der Länder Weiten Sind ihm ein Nichts. – Und kam' er nun, und fände Das Messer auf dem Wege, das wir hirnlos Ihm selber blank und scharf da hingelegt! Jetzt mög' er kommen. Hier ist's leer. Die Handvoll, Dir mir ergeben ist, verblieb. Vom Norden Ist alles fort nach Mecklenburg. Er steht Allein, wagt er hieher zu gehn. Ich habe Ein paar Strelitzen, die vom großen Blutbad Noch übrig waren, unters Volk gestreut; Die Bauern ringsumher sind aufgeboten. Wir haben Schutz, zum mindsten nicht Gefahr. Schick diese Truppen, Dolgoruki, weg, Schick sie nach Woronesch! Es soll geschehn; Du hast mich überzeugt. So führte dies Gespräch denn doch zum Zweck. Leb wohl. Wohin? Nach Haus. Ein Berg von Arbeit Liegt mir daheim. Zu mir kommt jeder. Niemand Weiß hierzuland sich ohne Herrn zu helfen, Und ich soll alles ordnen. Fast erdrückt mich's. Willst du nicht in den Dom? Entschuldigt mich. Sagt, daß ich unpaß sei. Ich kann die Luft In Kirchen nicht vertragen. Auf mein Wort: Sie macht mir Schwindel, Herzweh und Beklemmung! Kam ich zufällig in ein Gotteshaus, Meint' ich vor Qualen zu vergehn. Mein Busen Zerbrach an einem moderschwülen Elend. – Ich bitt' Euch, macht für mich die Zeremonie Anständig mit. Er geht. allein. Ich hab' mein Leben nicht Um Zeremonien gewagt; im Krönungsbild Als lächelnd-gähnender Statist zu stehn. Heut abend, Glebof, soll'n die Bajonette Des Dolgoruki eine Fei'r beginnen, Die dir noch weniger gefallen wird. 4. Szene Vierte Szene Erzbischof von Rostow. Dolgoruki. Wie Herr? Nicht im Ornat? Nicht in der Kirche? Die Prachtgewand' und Weihrauchfässer sind Zur Sakristei zurückgelangt. Ihr scherzt. Soeben woll't ich kommen. Bleibt zu Haus. Das kann uns all' verderben! Was denn, Herr? Die Nische unterm Baldachine ist Des Löwen Höhle. Niemand wagt sich hin, Wenn auch der Löwe starb. Das Volk wird stutzig, Rußland ist nicht der Leib, der seinen Kopf Lang missen kann. Ich sag' Euch: Dieser Umstand Ist äußerst schlimm. Sprecht klarer, Dosithei. Er weigert sich. Wer? Ei, der Zarewitsch. So wißt Ihr's nicht? Nein! Weigert? Wessen weigert Der Jüngling sich? Den Willen uns zu tun. Wo lebt der Mensch, der eine Krone haßt? Ist's möglich, Dosithei? Weigert sich? Warum? Man hätt' den Schein der Unterwerfung Mehr wahren sollen. Ich riet stets dazu. Es gibt Gemüter, deren Wachen Traum, Und deren Träume, tönt des Rufers Wort, In des Erweckten Wort und Tat sich spiegeln. Wir irrten uns in diesem Knaben. Was Uns Blödigkeit und weicher Sinn geschienen, Wirft nun die Larve ab. Sprecht selbst mit ihm, Versucht, ob Ihr ihm was erwidern könnt. Ja, diese Romanows! Ein Spitzkopf war Ihr Ahnherr; faltig sind der Enkel Seelen. Ein böser Streich! Und Kikin ist entflohn. – Entflohn? Weshalb? Ich mag davon nicht sprechen. 'Ne Nachricht ward ihm, die ihn blaß gemacht. Nach einer Pause. Wir wissen, Dolgoruki, was zu fürchten ... Hör meinen Rat. Noch können wir uns retten. So wie die Sachen stehn, läßt alles sich Auf Glebof werfen. Bergen wir uns zeitig! Das ist dein Rat; er duftet nach der Zelle. Für Dolgoruki ist die rechte Zeit, Wenn rauh durch blut'ge Stürme rast die Zeit. Ihr seid ein Mann des Kriegs. Ich geh nach Rostow. Die Zukunft hab' ich nur vorher verkündet, Sei's, wie es sei! Ich bin geborgen, hoff' ich. Wer straft um Weissagungen einen Heil'gen? Ab. allein. Der Boden unsres Unternehmens schwankt, Von Schrecken aufgewühlt. Dosithei fort, Und Alexander fort! – Die Wendung sieht Bedenklich aus. – Mitnichten, 's ist ein Glück! Folgt' ihnen Lapuchin! Wer sind die beiden? Ein Tollkopf wen'ger, ist 'ne Hoffnung mehr; »Mit Priestern teilt der Teufel sich zum Nachteil« Sagt unsrer Väter Spruch. Sei froh mein Herz! Das Feld wird immer lichter. Nur noch Glebof. In einen Zweikampf löst die Schlacht sich auf, Und ich hab' wackre Sekundanten. – Jetzt Zum Kreml! Wir woll'n versuchen, ob der Knabe Nicht wird zu zwingen sein. Er geht ab. 5. Szene Fünfte Szene Gegend unweit Moskau. Nacht. Ein Haufen Bewaffneter Bauern um ein Feuer gelagert. Wenn wir den Zar nur hier hätten. Spießen wollt' ich ihn. Ich wollte ihn köpfen. Ich würfe ihn ins Feuer. Ich vierteilte ihn am liebsten. Zu einem sechsten. Was würdest du mit ihm machen, Hendrik? Ei, er sollte für mich den Acker meines gnädigen Herrn baun. Aber es ist doch gut, daß er schon tot ist. Warum? Wenn er so auf einmal lebendig um die Fichtenecke träte ... Zwei Männer. Wer da? 6. Szene Sechste Szene Zar Peter im Mantel. Gordon. Die Bauern. Wer da? Sprecht, oder wir hauen zu. Freunde Rußlands. Wenn das ist, so trinkt mit uns einen Schluck. Wir nehmen's an. Er setzt sich mit Gordon an das Feuer, etwas gesondert von den Bauern. Zu Gordon. Dies ist ein Meuterhaufen; Wahnblödes, armes, irrgeführtes Volk. Die schick' ich nun vorerst nach Hause. Herr, Wenn sie nur gehn. Sie tun's. Ich kenn' das Volk. Laut zu den Bauern. Landsleute, warum sind eurer so viele um das Feuer versammelt? Da ihr Russen seid, müßt ihr's wissen. Wir kommen aus der Fremde. Es hat sich eine Veränderung begeben in Moskau. Der alte Wüterich ist gestorben und verdorben. Und unsre Hoffnung, unser Leben, der Zarewitsch soll nun regieren. Und darum sind wir zusammen. Und den wollen wir emporhalten gegen den Blutsauger, den Menzikof. Nämlich, weil unsre gnädigen Herrn es uns befohlen haben. Habt ihr den alten Zaren gekannt? Nein. Warum nennt ihr ihn einen Wüterich? Weil er uns nicht eine Stunde Ruhe gönnte. Weil er unsre Söhne vom Schweden totschießen ließ. Weil wir seine neue Stadt bauen mußten, und uns das Fieber dort aus den Sümpfen holten. Weil er uns auf die Schiffe führte, auf die leidige See. Weil er alles um und um kehrte, und die Zeit sogar verrückt hat, daß man nicht mehr weiß, wie man mit Gott und den lieben Heiligen dran ist. Weil unsre gnädigen Herrn sagen, er tauge ganz und gar nichts. Das sind schwere und harte Beschuldigungen. Ich will den Zaren nicht verteidigen. Er gönnte euch keine Ruhe? – Er gönnte sie sich selber noch weniger. Er hat sein Brot gegessen im Schweiße seines Antlitzes. Er hatte gut schwitzen! Er tat's, weil er Vergnügen dran fand; wir armen Bauern schwitzen, wir mochten wollen oder nicht. Er ließ eure Söhne vom Schweden totschießen? – Der Schwede trotzte und prahlte an der Grenze. Da dachte der Zar, das dürfe ein Russe nicht leiden. Ist hier die Grenze? Sind wir für die Grenze da? Wir haben nichts vom Trotzen und Prahlen des Schweden gespürt. Ihr mußtet seine neue Stadt baun? Sie soll schön werden, diese neue Stadt. Er meinte, euer Land sei es wert, die schönste Stadt auf der Erde zu haben. Wer am Fieber verreckt, sieht die neue Stadt nicht fertig. Auf die Schiffe führte er euch? – Kinder, habt ihr das Meer, so besitzt ihr die Welt. Was sollen wir mit der Welt. Wir sind Russen. Unser Land ist das schönste auf der Welt, wir brauchen das übrige nicht. Dennoch freßt ihr bloß Grütze. Willst du ein Freund Rußlands sein? Und sprichst so? Die Grütze ist die erste Kost auf der Welt! Alles soll er umgekehrt haben? Das ist nicht wahr. Aber vieles stand auf dem Kopfe. Die Zeit hat er geändert und den Kalender. Ihr zählt von der Ernte euer Jahr; er dachte, es sei dem Menschen wohlanständiger, seine Tage zu rechnen nach dem Wandel der Lichter am Himmel, als nach dem Wachsen des Krautes auf der Erde. Das verstehn wir nicht. Sein ganzes Leben war ein Dienst für euch, Trug dieser Dienst ihm euren Fluch nur ein, So ist sein Leben unnütz. Er steht auf und wirft den Mantel zurück. Seht ihn vor Euch! Wer tötet ihn? sich tumultuarisch erhebend. Der Zar! Der Zar! Er ist's! Wir sind gehangen! Sie werfen sich auf die Knie. Gnade! Gnade! Batuschka! Das Feu'r brennt trüb'; ich kenn eu'r Antlitz nicht. Die Rache schleicht nur um das Haupt der Fürsten; Euch kenn' ich nicht. – Wer morgen Warfen trägt, Stirbt übermorgen früh. Geht, arme Toren! Müht ihr an eurer Scholl' euch ab, so denkt, Daß ich noch härtern Acker bauen muß. O, wenn wir rechneten, so stände wohl Die Summe eurer Freuden höher. Geht! Die Bauern ab. 7. Szene Siebente Szene Zar Peter. Gordon. Der Zar sieht starr vor sich hin. betrachtet den Zar mit gekreuzten Armen. Nach einer Pause. Deine Feinde sind Schwachköpfe. Man müßte ein Volk gegen dich Einzelnen führen und dann stände der Kampf immer noch zweifelhaft. Deine Feinde sind erbärmliche Schwachköpfe. Sie meinen, dich durch Verschwörungen erdrücken zu können. Das ist, als wenn man den Kaukasus mit der Hand versetzen wollte. Peter schweigt. Ist der Zar traurig? Ein König der Bestien zu sein! – O Gordon! – – Du richtest doch nur mit Bestien etwas aus. Wenn alles eine Torheit gewesen wäre! Alles umsonst! Warum mich unter diese werfen, du eigensinnige Macht? Gordon, man könnte darüber verzweifeln. Wir müssen doch vorwärts. Richtig. Wir müssen. Und andre müssen mit! Es ist ein Schicksal. – Gordon! Herr? Glaubst du, daß ein einziger Mensch es von Herzen mit mir meint? Meinst du mit einem einzigen Menschen es von Herzen? Eine Frage, die treffend antwortet. Auch du nicht, Gordon? Ich bin ein Schotte. Der Schotte geht nach Geld. Du gibst mir Geld, und ich liebe dein Antlitz auf deinen Münzen. gibt ihm die Hand. So hab' ich's gern. Gordon, es heuchelt mir alles. Ich bin dessen satt, bis in meine Eingeweide satt! – Nun, jene Natur-Philosophen heuchelten dir ja auch nicht. Es war ein Parlament aus dem Stegreife. Doch horch! Ich höre Schritte. Und wie ich bei dem Scheine dieser Notfackel wahrnehme ... Er stößt einen brennenden Pfahl aufrecht in den Boden. ist es der Fürst. Du hast ihn nach Moskau vorausgesendet? Eine witzige Strafe. Er taugt zum Spionieren. Er macht Schritte, wie der große Christoph. Seinen Jubel hättest du hören sollen, Zar, als er deine Vergebung erlangt hatte. Kein Hund, der nach empfangnen Prügeln wieder apportieren darf, kann sich aufrichtiger freun. Er hat was Hündisches in seiner Seele, Doch ist er wohl zu brauchen. Ihm zuliebe Zeig' ich bisweilen ihm ein finstres Antlitz. Dann schlägt er seiner Sünden Liste auf, Und dient, solang der Schreck dau'rt, wieder gut. 8. Szene Achte Szene Menzikof. Die Vorigen. Heil unsrem Zar! Dank, Menzikof. Wie steht's In Moskau? in Eifer. Mich hat Gott beschützt! Ich weiß, Daß ich dir lang noch werde nützlich sein. Mit seiner Engel Flügeln deckt' er mich Auf meinem Weg zu meinem Haus. Vorm Auge Der Feinde ging ich, und sie sahn mich nicht. Von Moskau will ich wissen, nicht von dir Und deiner Todesangst! Ich glaub', ich bin Der einzige, der nicht an sich denkt. Moskau Ist leer von Truppen. Was? Die Semenowschen Hat Glebof fortgeschickt nach Astrachan. Der zeigt Verstand. Die Semenowschen fort! Auf diese Truppen rechnet' ich. Das Reich Ist bar und bloß. Das hat mich überrascht. Sonst pflegen sich Empörer mit der Macht Der Waffen zu umgeben; darauf baut' ich, Denn die Armee ist mein. Sei's drum! Ich geh' Nach Moskau doch. Allein willst Du? ... Allein? Ich geh' nach Moskau in Gesellschaft von Poltawa, Liesna, Wiborg, Tweremünde! Ins Kloster mit dem Zar, der zaudern kann, Wenn er gehört, daß freche Untertanen Am Throne rütteln! öffnet mir die Adern! Mein Blut ist weißer Gischt geworden, will Gen Himmel spritzen! Luft! Mich tötet's noch! Nicht eine Nacht verschieb' ich's. Herr, geh nicht. Versammelt sind im Kreml die Aufrührer, Ihr Anhang wacht, ist stark. Das Volk zieht lärmend: »Es leb' Alexis!« rufend, durch die Gassen. Du stürzest dich in den gewissen Tod! Kann sein, doch glaub' ich's nicht. Mit meiner Faust, Steht mir auch niemand bei, töt' ich die Hydra. 's mag tollkühn scheinen, ist es aber nicht. Trommeln hinter der Szene. Gleich darauf Kommando und Rasseln der Gewehre. 9. Szene Neunte Szene Oberst Schepelew. Offiziere. Vorige. zu seinen Offizieren. Dort glänzen Moskaus Lichter. – Noch einmal: Tut für Alexis nur die Hälfte dessen, Was ihr für Petern tatet, dann sind wir Die ersten Leute Rußlands. Dolgoruki Hat beide Taschen voll von Stell'n und Orden. Hier kommen ja die Arme, die mir helfen. 'S ist Schepelew. Im Sold des Dolgoruki. Die Garnison von Twer ist auf dem Marsch, Verführt, bestochen, ins Komplott gezogen. Herr, rette dich. Das will ich. Er tritt auf Schepelew und die Offiziere zu. Guten Abend Kam'raden! Schwärmt er? Wer begrüßt mich da? Er erkennt den Zar und fährt zurück. Alle gute Geister! lächelnd. Laß die Geister ruhn! Noch sprach ich nicht mit Alexander Newski, Iwan Wasiliewitsch und Wladimir. Man hat mich totgesagt, ich bin lebendig. Ein Mißverständnis! Nun, das fügt sich wohl Bei weiten Land- und Meeresfahrten. Oberst, Habt Ihr die Truppen bei Euch? Ha! Mein Gott ... Welch ein Ereignis! Zu den Offizieren. Meine Herrn ... Was ist ... Was ist dabei zu machen? Ratet mir. Ob Ihr die Truppen bei Euch habt? ... Herr Oberst, Red' ich nicht laut genug? Ob ich die Truppen ... Zu Gnaden ... Nein ... Ei wie – wie sollt' ich nur ... Ich stehe ja in Twer ... Indessen aber – Ja freilich ... freilich ... Sozusagen, hab' ich Die Truppen hier ... von Twer, drei Regimenter. Ihr seid ein wackrer Mann, der auf die Stunde Erscheint, wenn man ihn braucht. Wir werden Eurer Bei paßlicher Gelegenheit gedenken. Gordon! Mein Zar? Du nimmst die Grenadiere, Besetzst des Kremlins innerste Gemächer. Wann kannst du dort sein? Schlag zwölf Uhr, mein Fürst. Punkt zwölf bin ich im Kreml. Laß mich nicht warten! Du ziehst die Straß', ich reite auf dem Fußsteig. Geheim schleichst du dich ein. Es soll kein Lärm Die Zahl der Schuld'gen mehren. – Ans Geschäft! geht zu Schepelew. Oberst, laßt Aufbruch trommeln. Selbst befehl es! – Er tritt zum Zaren. Ich bin nicht würdig dessen mehr. Hier ist Mein Degen, Majestät. Ich kam in andrer, In schlimmer Absicht her. Behalt't den Degen! Die Absicht gilt mir gleich, wenn Ihr gehorcht. Gehorcht dem Oberst Gordon. Kommt mit mir! Der Himmel wechselt schnell bei Wind und Wetter; Wollt Ihr beständ'ger sein? Marschieren wir, Ihr notgedrungner Vaterlandserretter! Gordon, Schepelew, die Offiziere ab. Gleich darauf hinter der Szene Trommeln, deren Schall sich nach und nach entfernt. 10. Szene Zehnte Szene Zar Peter. Menzikof. Wer sind die Hochverräter? ein Papier hervorziehend. Das Verzeichnis Nennt Eurer Majestät die Feinde. Gib. Er geht mit dem Papiere zum Feuer. Bei diesem trüben Schein will ich das Werk Der Finsternis betrachten. – Viele Namen! »Glebof, Eudoxia, Lapuchin, Dosithei«, Die kenn' ich freilich. »Dolgoruki«? Schade! Ein guter Name. »Kikin«. – Kikin? Welcher Von beiden ist's? Der Alexander Kikin. Dem schenkt' ich einst das Leben, als er mir, Dem Schlummernden, mit Mörderhand genaht. Er drückte auf mich ab, und es versagte; Zu Füßen sank er mir, und zitternd rief er: »Ich bin von Gott gesendet, dir zu melden, Daß keine Bosheit dich zerstören kann; Nimm hin mein Haupt, es ist an dir verwirkt.« Und ich versetzte drauf: »Gesandte sind straflos, Der Gott, dem ich vertrau', vergebe dir!« Und jetzo wieder? Gut, sein Wort von damals Soll gelten. Er entfloh, und Dosithei, Der Erzbischof. Doch weiß ich den Versteck. Man wird sie holen. Ist bereits geschehn. Sie alle müssen fallen diese Nacht. Du wirst das einzurichten wissen. Ja. wieder lesend. Noch immer Namen? Er nimmt eine Kohle auf. Du! Was halt' ich hier? Ne Kohle, die erloschen ist. So lischt Dein Leben, Menzikof, ertapp' ich dich auf Trug! Denk dran, du hast nichts Böses je getan, Das ich nicht gleich erfahren hätt'. – Herr Fürst, Ist diese Liste richtig? Ja, beim Himmel! Ich lüge diesmal nicht. Sehr wohl gesprochen. So glaub' ich diesmal dir. – Fürst Menzikof: Der Zarewitsch fehlt noch in dem Verzeichnis. Er ist dein Sohn. Das spricht die Schlauheit, nicht Ein menschliches Gefühl. Ging' es nach dir, Läg' er erschossen. Menzikof erschrickt. Fürchte nichts. Es wär' Vielleicht so besser, und erspart wär' uns, Was aussieht wie Verlegenheit. Gib mir Den Bleistift! Menzikof reicht ihm das Verlangte. So: Alexis Petrowitsch. Du bist ein Name, gleich den andern. Jetzt Ist das Verzeichnis fertig. Nun zu Roß. Beide ab. 5. Akt 1. Szene Erste Szene Nacht. Zimmer im Kreml. Eudoxia in prächtiger weltlicher Kleidung, sitzend. Ihr gegenüber steht Alexis, Dolgoruki, Lapuchin, viele Bojaren reich gekleidet, zwischen beiden gruppiert. zu Alexis. Das Volk verlangt den Herrn. Es ist nicht wahr. Das Volk sitzt ruhig an dem eignen Herd, Bezahlt Gesindel lärmt um den Palast, Doch Ihr verlangt den Schattenkönig. Prinz, Ihr sprecht zu einem Fürsten. Fürst, du sprichst Zu einem Prinzen. nähert sich. Laßt mich; ich beweg' ihn. Er wird das Wort des Oheims achten. Neffe, Eu'r Widerstand ist, wie der Regenbogen, Schön anzusehn. Doch untersucht man den Genauer, trifft man nur ein trübes Wasser. So stammt Eu'r Zaudern aus verzagtem Sinn; Ihr fühlt Euch jung, schwach, fähig nicht, unwürdig Des Euch bestimmten Loses. Das klingt fein, Ist aber nur das buntgefärbte Kleid Der Herzensmattigkeit. Was die Bojaren Euch zu vertrauen wagen, wagt getrost Und kühnlich zu ergreifen. Lieber Oheim, Mir können die Bojaren nichts vertraun, Das ich nicht ohne sie besitze. Greis, Kehrt heim auf Eure Güter. Höhnest du Der Mutter Bruder? steht auf. Gehn wir! Mutter, geh nicht! Nach Susdal, wo die Felsen, groß und stolz Gen Himmel sehn. Der Schmerz verwirrt dich, Mutter. 's gibt freilich Seelen, die kein Unrecht kränkt. Und Mächte gibt es, die dem Grolle groll'n. Bist du der Lehrer deiner Mutter? Wardst Berufen du, ihr Weisheit vorzupred'gen? Ist dieser Mensch mein Sohn? Daß du so hart Mit deinem Kinde sprichst! Nenn' dich nicht so, Wenn ich in dir nicht meinen Mut gezeugt! Seid Ihr ein Prinz? Den seine Mutter schilt. Verachtet und verwünscht. O Gott! Wie rauh! Verwünscht mich nicht! Ihr habt nur einen Sohn, Wer liebt Euch, schwind' ich hin an Eurem Zorn? Ich brauche Segen, meine teure Mutter. Wenn du mich liebst, wenn du mich ehrst und fürchtest, Wie recht, und wie geboten steht von Gott, Gehorche mir! Gar gern. Sei Rußlands Zar! Das kann ich, darf ich, will ich nicht, o Mutter! Er darf nicht? ... will nicht. Es ist Eigensinn. Ich war einst strafbar und des Landes Feind. Ich werd' es nimmer wieder; denn ich weiß, Daß von der Sünde schwere Träume kommen. Rußland ist mein! Und die Entsagung, die Zum Lohn für heiße Reue, mir Bedrängten Unmenschlichkeit entrungen hat, sie soll, Ich schwör's, an dem gesetzten Tag, mich nicht Von meinem angestammten Recht entfernen. In seine Hütten jag' ich, meine Mutter, Den eingedrungnen fremden Pöbel! Traun, Ich bin nicht hochgeartet. Engen Sinns, Seh' ich in meines Vaters Taten nur Ein ungeheures, ödes Possenspiel! Denn dich verstieß er ohne Grund, und mich Hat er gepeinigt ohne Grund ... O herrlich! So sprichst du wahr. So fahre fort! Nun ende Den würd'gen Spruch mit würdiger Entschließung! Ich wußt' es ja, die edle Glut, nicht immer Könnt' sie in tauber Asche ruhn ... Du irrst. Wollt' ich Verbrechen üben, übt' ich sie Auf eigne Hand. Verbrechen? Doch die Schleuder In eines andern Faust zu sein, die nach Des Schleudrers Ziel den frevelhaften Wurf tut; Ball, Spieler nicht ... Pfui, über solche Schmach! Ihr redet dunkel. verwirrt zu Alexis. Schweig! Ich bin vom Markt Der menschlichen Geschäfte fern, ein Kranker, Zu diesen letzten Tagen auf gewelkt! Und deshalb glauben sie, Alexis sei Ein Tauber und ein Blinder. Ich bin's nicht. Der Helfer wird dem Unglück mitgezeugt. Er heißt der Zweifel. – Falschheit – lernt' ich sonst Auch wenig nur, hab' ich erkennen lernen! – Denn ich sah Menzikof an jedem Tag Durch zehn verfluchte Jahre. Was soll das? zu Eudoxien. In meine Kluft dringt deine Stimme; Sonnhell Winkt mir in deiner Hand das höchste Glück. Da dacht' ich einen Augenblick: Es ist so. Nur einen Augenblick! Im nächsten rief Der herbe Helfer: Tor und wieder Tor! Sieh deine Menzikofs verdoppelt, sieh Sie dreifach, vierfach! Gemurmel unter den Bojaren. Rußlands Adel ist An eines Knaben Schmähung nicht gewöhnt. Wir haben's so beschlossen, wir! Du wirst Zur höchsten Stelle sitzen. Du gehörst Nicht dir, nicht deinen Grillen. Du gehörst Uns, und dem Land. Dein Geist, dein Leib, dein Sinn, Und was du hast und bist, ist alles unser. Wenn du nicht willst, so sollst du woll'n, Alexis! Du bist ein Mensch, der mit gefäll'ger Tünche Die Rohheit des Gemütes überzog. Fein, höflich, unterwürfig, dienstgewandt; Frech, aufgeblasen, rauh, gemein und wild. Um deinesgleichen ist der Russen Name Verachtet in der Fremde. – Soll'n und Woll'n? Das Sollen ist an Euch, das Wolln an mir. Ich bin Eu'r Fürst, beliebt's mir, es zu sein; Nicht eine Stunde früher. – Mutter, du Bist rein; ich schwör' auf deine liebe Seele! Euch andern sag' ich: »Geht!« – Ich will allein sein. Zerrissen ist der Bund! Ich scheid' auf ewig Mein Recht von Eurem Unrecht! 2. Szene Zweite Szene Glebof. Die Vorigen. Die Flügeltüre bleibt hinter Glebof offen. Prinz Alexis, Ich komm' als Bot' und Herold hohen Gastes. Die Galerie hinunterblickend sah ich Bekannte Zug' und ein gewaltig Haupt: Gleich wird der Zar hier sein. entsetzt. Ha! Ich bin schuldlos! Ich bin verloren! zu Glebof. Du erschreckst mich nicht. Ich wußt' es längst; die Ersten dieses Landes Sind Schelm' und Buben worden! Flieht! Flieht! Flieht! Wohin? Hier ist kein Ausgang. nach der offnen Türe blickend. Weh uns! Weh! Er kommt! Er naht! Mit weiten, weiten Schritten Dringt er hieher! Schon hat er uns erblickt! Nun zählt er seine Opfer! Strahlen schießt Das große Auge, markversengende! Löst euch, ihr Mauern des Kremlins! Stürzt ein! Bergt uns in Schutt! Bist du ein Mann, Glebof? So sehr, daß ich, vom ersten Schreck genesen, Mich nun des Zufalls freu'. – Kommt es doch jetzt Zum Ende vor dem Anfang! – Ich vollbring's. An meiner Seite trag' ich einen Freund, Der rasch entscheiden soll. Alle haben sich nach der Seite gezogen. Eudoxia und Alexis stehn für sich, gesondert von den übrigen. 3. Szene Dritte Szene Zar Peter. Die Vorigen. rasch eintretend, stutzend, beiseite. Gordon nicht hier? Er sieht auf seine Uhr. Mein alter Fehler, Ungeduld! Was tut's? Er tritt vor. Seid mir gegrüßt. Ich kam soeben an, Und sah die Fenster hell. Gesellschaft! dacht' ich. Und weil ich noch nicht gar zu müd vom Weg, Hab' ich gewünscht, mit euch zu Nacht zu speisen, Wenn ihr's erlaubt. nach einer Pause. Eur' Majestät ist früher, Als wir erwartet, heimgekehrt. Ja, Glebof! Ich blieb in Lübeck nicht, wie dir vielleicht Berichtet ward; ich sehnte mich nach Hause. Was macht dein Regiment? Glebof schweigt. Ah Dolgoruki! Ist Eure Gattin wiederhergestellt? Dolgoruki schweigt. Habt Ihr 'ne gute Ernte auf den Gütern, Abraham Lapuchin? Lapuchin schweigt. Mich dünkt, ich störte Des Festes Heiterkeit. Das muß nicht sein. Der Zar ist hier im Hauskleid, und ein Gast Gleich andern Gästen. Nehmt es so, ich bitt' Euch. Wer ist der Wirt? Gewiß der Zarewitsch! Alexis, gebt Ihr mir wohl einen Trunk? Alexis spricht mit einem Diener. in der heftigsten Bewegung. Glebof, dein Freund ist träg! Allgemeines Schweigen. nach Eudoxien blickend. Drei'n Fragen ward Die Antwort nicht, die vierte sei beglückter. Wißt Ihr, ob Schwester Helena noch lebt In Kloster Susdal? langsam sich ihm nähernd, zitternd vor Grimm. Ja, nach Eurem Wunsche. Und weil Ihr gütig für die Arme sorgtet, So betet sie: »Vergilt zehnfältig ihm Die mir erwiesne Wohltat!« Edle Fremde, Gern hör' ich von Helenens Sinnesmildrung! Da Ihr Euch weltlich tragt, kennt Ihr die Welt. Wißt denn: Der Zar hat niemals sie gehaßt; Sie war ein albern-unbequemes Weib, Anstatt an Peters Glanz, und Rußlands Ruhm Genügen sich zu lassen, wollte sie Von Petern nur den Hausmann. Lang ertrug's Der Zar geduldig, endlich ward er's müd', Und da verstieß er sie. – Nichts mehr von Weibern! Ein Becher Wein wird ihm gebracht. Nun, unsern alten Spruch! Und wer ein Russ', Der ruft ihn Petern nach. – Auf Rußlands Heil! Er trinkt. Alt-Rußland wachs' und blüh! Auf Rußlands Heil, Das in dem großen Zar, in dieser Zeiten Mirakel wohnt! den Becher Glebof reichend. Tu' mir Bescheid, Glebof. wirft den Becher zur Erde. In deinem Blut! Das andre sagt mein Säbel. Er zieht. Zu den Bojaren. Seid klug und helft mir! Dieser sondert nicht! Glebof hat recht; wir müssen! Er zieht, die Bojaren gleichfalls. Nieder! Nieder! wirft sich zwischen die Bojaren und den Zar. Zurück, ihr Mörder! Drauf, beherzte Russen! Will er den Weg uns sperr 'n? Ich geb' ihn hin! Er ist mein Sohn nicht, ist ein Wechselkind, Ist angefälscht dem Stamm der Romanows! Ihr stockt? Ihr bebt? Gebt einen Degen mir ... Sie entreißt einem den Degen. Ich zeichne purpurfarben euch die Straße Zum qualerfinderischen Tiger! Alexis wegstoßend. Fort! Ich will von Schelmen nicht verteidigt sein. stürzt in die Kniee. Chaos und Weltgericht! O Vater! Mutter! Hier steht der Zar Peter Alexiewitsch, Rußlands gesalbter und rechtmäß'ger Herr! Des Himmels Legionen schweben schützend Um eines Königs Haupt! Rebellen! Hunde! Zermalmt euch dieser Blick nicht? Tat für Wort! Seht auf des Glebof Stahl! In jener Brust Laßt zwanzig Degenspitzen sich begrüßen! Er dringt mit gezücktem Degen auf den Zar ein. Die Bojaren folgen. In diesem Augenblicke erschallen Hörner und Trommeln von allen Seiten. Gordon und Schepelew treten mit Truppen ein. Die Flügeltüre bleibt offen. Man sieht den Gang und die Galerie außerhalb mit Truppen besetzt. Die Verschwornen lassen die Degen sinken. 4. Szene Vierte Szene Gordon. Schepelew. Truppen. Vorige. Nun, das war Hülfe in der höchsten Not! Nun, das erspart uns einen Königsmord! Ja wohl, weil wir jetzt selbst zum Tode gehn. Er zerbricht seinen Degen. zu Schepelew. Oberst, tut Eure Pflicht. Auf den Zar deutend. Er ist geächtet. zum Zar, ohne auf Dolgoruki zu hören. Herr, deine Ordre? Was? Wo bleibt der Fürst? Er kommt sogleich mit Kikin und dem Bischof. Mein Zar, erlaubst du, deine Uhr zu stell'n? Sie geht zu rasch. Hast recht. Sie wär' beinah' Mit Reich und Leben heut davongerannt. – Den Zarewitsch führt nach dem goldnen Saal, Ich hab' mit ihm zu reden. Und ich mit dir! Er geht. auf Eudoxien deutend. Das Weib nach Schlüsselburg! Ich weiß im Arm Der klugen Bäu'rin dich, und bin getröstet! Wir sehn einander wieder! – Sie geht. hat sein Haupt verhüllt, als Eudoxia an ihm vorüberging. Nach ihrem Abgange enthüllt er sich. Ging sie? – Sie ging, und ohn' ein Wort für mich. Wohlan, jetzt bin ich fest. 5. Szene Fünfte Szene Menzikof. Die Vorigen. zu Menzikof. Wo sind die Flücht'gen? Im Sarg. Der Priester rief ein Anathem; Der andre faselte. Ha, wackrer Renner Mit Stundenglas und Hipp'! Du überholst Schnellfüß'ge Furcht zuerst! Weh' und Verderben! Hast Du besorgt? ... Sandberg und Fackelschein, Den finstern Mann, und sein geschliffnes Beil; Bereit und fertig ist's im Hof des Kreml. Verfahr nach deiner Liste. in wilder Bewegung. Das ist gräßlich! Ihr ließt mich schaun die Zeit nach meinem Tod; Ich hab' gelebt und lebe, sie zu wenden. Meint ihr, dies sei mir eine Freudennacht? Verfahr nach deiner Liste, Menzikof. Er tritt links in den Vordergrund und liest Briefe. Ergebt euch, Herrn. Die Erde geht nicht unter Um eines Menschen Fall. Er tritt zum Zar. Glebof, Dolgoruki, Lapuchin, stehn dem Zar rechts gegenüber. Menzikof etwas zurück nach der Mitte. Schepelew macht mit den Soldaten eine Bewegung nach vorn, so daß nur jene Personen sichtbar bleiben, und die übrigen Bojaren nicht mehr gesehen werden. Abraham Lapuchin. Ich sterbe schuldlos, so beglückter drum. Zu meinen Vätern geh' ich unbefleckt, Und sag': »Hier ist eu'r Sohn.« – Gegen Peter gewendet. Fluch über dich! Du tilgst die Edlen weg von Rußlands Boden, Drum sollen Knechte deiner spotten, Knechte Soll'n dich verraten, und dein Weib verführe Der Knecht, dem du vertraut! – Gegen Glebof. Fluch über dich! Sieh jenseits reine Tugend. Er wird abgeführt. Das ist sinnreich. Basilius Dolgoruki. gegen Peter gewendet. Fluch dem Zar! Vergiftet Lächeln, honigsüßer Trug Sei deiner Tage Speis'! Der Dinge Form Verwandle sich in deiner Hand! Das Feste Zerfließe unter dir! Gegen Glebof. Fluch, Glebof, dir, Der mich verleitet hat ... Die Garnison Von Twer herbeizurufen? – Sieh, Basil, Zum letzten Male deine Truppen an! Du nahmst das Maß der Grube allzu weit, Wir haben beide Platz darin. Schlaf wohl! Dolgoruki wird abgeführt. Stephan Iwanowitsch Glebof. Herr, da bin ich. Er blickt zum Himmel. Wär' überm Klumpen: Welt, ein Fünkchen Sinn, Und ein verständ'ges Etwas, betet' ich: »Gib, daß ein unschuldvolles Herz vergesse, Daß einst ein Mensch gelebt, der Glebof hieß!« Wer aber mag ins Leere sprechen? – Er nähert sich dem Zar. Zar! Du blühst in Mark und Füll, und ich bin hin. Doch nur die Stunde früher oder später, Ist unser Unterschied. – Bau' dir den Thron Von Millionen Schädeln, web dein Kleid Aus Alexanders Macht und Cäsars Glorie, Du wirst vergessen um 'nen Wicht. – Zu Menzikof. Zum Schluß! Er geht. Menzikof, Schepelew und die Truppen folgen. Der Zar und Gordon bleiben allein zurück. von außen, dumpf, monoton. Leg in den Sarg mir mein grünes Gewand, Trubor, Trubor! Sporen zu Füßen, den Jagdspieß zur Hand, Trubor, Trubor! Füttre die Rüden, ich hab' sie geliebt, Streichle mein Rößlein, es steht so betrübt. ist an das Fenster getreten. Ihr Todesgesang! Sie stehn im Kreis, und halten Einander bei den Händen, sehen starr Auf ihre letzte Stätte, und die Bärte Wehn schauerlich im Nachtwind. – Glebof nur Steht stumm beiseit, schürzt höhnisch auf die Lippe. Die Wachen aber singen's mit; es ist Ein uralt Lied; ich hört' es oft im Lager. Mach mir die Grube acht Fuß in dem Grund, Trubor, Trubor! Streich auseinander das Erdreich rund, Trubor, Trubor! Primeln entblühen dem Rasen im Mai, Achtlos jaget der Tartar vorbei. – So sangen Douglas' sieben Söhne einst Im Turm zu Teviotdale. Peter hat einen Brief eröffnet, erschrickt und läßt den Brief fallen. Ein Unglück, Herr? Er hebt den Brief auf. Ein groß Ereignis meldet Münnich mir: Der König Schwedens fiel vor Friedrichshall. So bist du Jupiter, und dieser Tag Stürzt die Titanen all', die sich gebäumt, Dein lichtes Reich zu finstern, in den Abgrund! Herr, gib mir die Entlassung. Patrik Gordon Will nicht dein Schmeichler werden. Welch Geschick! Ach Karl, mein Bruder, wie ich dich beweine! Kein Mensch auf Erden hätte dich geliebt, Gleich Petern! O mein großer, lieber Feind! Beglückter Fürst! Du führtest freie Männer Im Rat, zur Tat, und ich – durchwate Blut. Er geht. Gordon folgt. 6. Szene Sechste Szene Altertümlicher Saal im Kreml. Alexis sitzt an einem Tische, den Kopf gestützt, blaß, von Schmerz entstellt. Wachen im Hintergrunde. Peter tritt mit Gordon ein. Gordon entfernt sich gleich darauf mit den Wachen. Peter tritt, wenn die übrigen Personen den Schauplatz verlassen haben, vor. Ein Wort zu Euch, Alexis. steht auf. Ich erwart' es. Vernähmet Ihr den Ausgang der Genossen? Ich habe keine Genossen. Das kann sein. – Wie denkt Ihr über Euer Los? Ihr habt Den Quell des Denkens in mir ausgetilgt. Doch ich besinne mich: Ihr seid allmächtig, Und eine Antwort wollt Ihr. – Laßt denn sehn! Ich denk', Eur' Majestät erscheint als Bote Des Henkers. Eu'r Gewissen ist ein Plaudrer. Ich find' Euch – sehr gefaßt. Spart diesen Mut! Wahr ist's, ich kam nach Moskau, finstrer Absicht Auch gegen Euch, Alexis, voll. – Ihr solltet Für jahrelangen Trotz, verstockten Stumpfsinn, Für Undank gegen jegliche Bemühung, Zum Erben meines Sinnes Euch zu bilden, Für endlich ausgeführten offnen Aufruhr, In Eurem kranken Blute büßen. Gleichwohl Schämt' ich mich nie, die Meinung aufzugeben, Die mit dem Stand der Sachen stritt. Der Schwachkopf Muß immer recht behalten. Ich – bedarf's nicht. Ich glaub', ich irrte mich in Euch. Das heißt, Was dieser Tage Schuld betrifft. Es ist Die Stund', es ist an Euch, zu sagen, ob Mein früh'res Meinen Unrecht Euch getan. Ich werde Rede stehn. Ihr wünscht, ich sah es, Nicht Eures Vaters Tod. Ihr warft entschlossen Den Mördern Euch in Weg. bitter. Ist dies die Tat, Die mich erhöht in Euren Augen? Nein. Von Lieb' und Achtung ist die Rede nicht, Von Wahrheit nur und Recht. Wahrheit und Recht! Ihr armen Worte! Sprecht gesetzt und ruhig. Kommt mir entgegen. Meines Dünkens hab' ich An diesem Zuge Euch erkannt. (Es ist In seiner Red' etwas, das milde schimmert, Wie'n einsam Blümchen in der schwarzen Wildnis. Ein Schau'r der Menschlichkeit? Glaub's! Glaub' es, Seele!) Laßt hören mich, mein Vater, was der Zug Dem Zar berichtet hat? Hört es, Alexis. Ihr seid ein Mensch, nicht abgeneigt dem Bösen, Der wohl den Frevel will, wenn er gefahrlos. Alexis wendet sich ab. In Eurer Seele wart Ihr eng-vertraut Mit schlimmen Wünschen. Wär' der Vater nur Dahin gewesen! Euer schwörend Wort, Das Euch den Thron versagt, war dann ein Wort, Nichts mehr. Ihr schwort mit Vorbehalt; nicht wahr? Durch schlauen Trübsinn, Seufzer, list'gen Kummer Habt Ihr die Schlechten Euch verkettet. – »Wenn Es anders werden sollte ...« Und: »Alt-Rußland, Das ist mein Wall ...« und so dergleichen mehr. Doch nun erschien der Tag, an dem es galt, Mit kühner Faust die böse Schrift des Herzens In Rußlands Sand zu schreiben; mit dem Schwert Die Bahn zu zeichnen, die der groll'nde Geist Lang in der Still' entworfen. »Wage! Handle!« Rief dieser Tag. Er suchte einen Helden, Und fand – Alexis. ... Dahin zieltet Ihr! Wie könnt' es denn auch anders sein? Was sagt Ihr? Mir saß die Freude, einer Schwalbe gleich, Die kurz verweilt, süß-zwitschernd in der Brust, Und sang: Der Zar sinnt auf ein günst'ges Ende. Sie regt die Schwingen, flattert fort. O Traum, Den Leidende zu träumen nicht ermüden, Daß Elend heilbar sei! Es endet günstig In Eurem Sinn. Euch bleibt das Leben, hoff' ich. Ich bin in Eurer Schuld von heute abend, Ich will's nicht bleiben; ich bezahl' Euch. Selbst Habt Eu'r Geschick in Händen Ihr. Wie steht's Um Euren Teil an dieser Felonie? Ich glaube, was Ihr sagt. Ihr habt bereits Euch den Bescheid gegeben. Mir gebrach Der Mut, den Nacken aus dem Joch zu ziehn; Zu feig war ich für Zepterraub. So war's. – Verachtungswürd'ge Unschuld! Halbe Tugend! Viel fremder mir, als ganzes Laster ist. Ich habe arg gefehlt, als ich von Napel Zurück Euch holen ließ. Ihr seid bei mir So freigesprochen, daß kein Kläger je Was wider Euch vermögen soll. Nach der Tür deutend. Jetzt geht. Wohin? Wohin Ihr wollt; mir gilt es gleich. Ich kann Euch hier nicht dulden, Ihr begreift das. Flieht! Ungeschädigt lebt, wo's Euch gefällt. Den Feind vertilgt' ich, der gefährlich mir, Euch mag ich atmen lassen. Geht doch! Geht! Der Oberst Gordon wartet vor der Tür, Zu schützen Eure Flucht. Der Mann ist müd'. – Laßt diesen Oberst schlafen gehn; ich brauche Die Hülfe seines Degens nicht. Du brauchst sie, Unruhig ist die Straße. Ist sie's? Wohl, So bleiben wir zu Haus. Du willst nicht fliehn? Bei Eurer Größe: Nein! Du willst nicht fliehn? In tiefster Ehrfurcht eines Knechtes: Nein! Nein, nein, und aber nein! Was willst du denn? Nichts Unbescheidenes; ich will Gericht! Gericht!? – Du selber ... Ich will Reichsgericht Um – Rebellion und Hochverrat. Du rasest! Vergebt, ich bin bei Sinnen! – Diese Nacht Hat mich erzogen! In der Mutter Antlitz Sah ich der Furie Blick! Der Vater steht Bis an den Hals in Blut, und höhnt den Sohn! Ich faß' mich schaudernd an! Ward ich zum Hauch? Nein, unsre Sehnen sind ein zäh Geweb'! Es kommt der Tag, wo auch der Schwächste sich Gerüstet fühlt. Die Menschen haben mich Nicht sanft geführt; Drum hat der Himmel meiner sich erbarmt, Und mündig mich gesprochen! – Zusammen bricht mein sterblich Teil! Der Gott Schwebt siegreich über des Alexis Leiche! Nicht sehn' ich mich nach meines Mädchens Brust, Nicht dürst' ich nach der Luft, dem Licht der Welt, Nicht schmacht' ich nach dem Sakrament des Herrn! Ich sehne mich, ich dürste, schmachte, lechze Nach Fesseln, Schranken, Ladung, Frage, Spruch! Ihr sollt entfliehn! Du kannst mich niederstoßen, Du kannst den Richtern heißen, schmählich urteln, In alle Zukunft hin verfälsch' mein Bild! Das kannst du, doch was andres kannst du nicht! Alexis! Großer Zar? Besinne dich. Auf meine Ehre hab' ich mich besonnen. Peter Nur meine Diener richten, deine Feinde. Mit tausend Feinden kämpf' ich um den Preis. Weshalb der Kampf, wenn du so schuldlos bist? Das soll verkündet werden aller Welt. Unsinniger! Ihr Wort wird lauten: »Tod!« Die Schmach auf sie, die Ehre bleibt für mich! Bei meiner Macht! Trotz'st du auf Spruch und Recht, Ist mir's, ich schwör's, nur ein gemeiner Fall! Ich bin zu Großmutsstreichen nicht gestimmt. Vor Eurer Großmut wolle Gott mich schützen! Ihr seid Eudoxiens Sohn! – Er steht in Gedanken. Nach einer Pause. Nun, nun, was gibt's Denn hier so viel zu sinnen? Jeder Russe Darf fordern, daß vor seine Obrigkeit Man ihn gestelle. Die Befugnis ward Ja für den Sohn des Zaren auch geschrieben. Zu Alexis. Ihr werdet Moskau morgen früh verlassen. Er wendet sich zum Abgehn. Gericht von Petersburg, nimm deinen Gang! Der Vorhang fällt. Das Gericht von St. Petersburg Tragödie Personen Personen. Zar Peter. Alexis. Katharina. Euphrosyne. Menzikof. Gordon. Tolstoi, Staatsrat. Jaguschinsky, Generalprokurator, Ostermann, Vizekanzler, Schaphirow, Generalpostmeister, Theophanes, Bischof von Pleskow, , Beisitzer des Gerichts über Alexis. Oberst Schepelew, Kommandant der Festung zu St. Petersburg. Mons de la Croix, Kammerherr Katharinens. Therese, seine Schwester, Anna Cramer, , Hoffräulein. Danilow, Abgeordneter der Stadt Moskau. Aaron, Archivar von Moskau. Ein Arzt. Costa, Hofnarr Peters. Zwei Türsteher. Ein Bote. Abgeordnete Alt-Russischer Städte. Generale, Senatoren, Geistliche, Soldaten. Sekretäre, ein Dentschik. 1. Akt 1. Szene Erste Szene Ein Kirchhof unweit Moskau. Die Gräber der Bojaren. Morgenröte. Danilow Deputierter der Stadt Moskau. Viele andre Deputierte russischer Städte. Sie treten nacheinander herein. Sind die von Wladimir da? Ja Danilow. Von Twer, von Tula, Nowgorod, Smolensk? Wir stehn für diese Städte. Ich für Räsan. Ich für Kiew. Frag doch nicht einzeln nach. Du riefst, wir kamen, sind bereit, vors Antlitz Des Herrn zu treten, und den Sohn zu fordern. Alt-Rußland steht auf diesem Gottesacker. Alt-Rußland steht auf einem Gottesacker, Und über Toten seufzen Sterbende! Hier schlafen die Bojaren, unsre Schirmer. Wie anders tönte jetzt aus ihrem Mund Gerechten Anspruchs Wort! Sie sind erwürgt, Und Waisen müssen reden statt der Väter. – Wir haben schlimmen Weg; das Sprichwort sagt: Bedenk' Dich hundert Stunden, eh' Du klopfest Ans Tor des Zaren. – Geheimnisvoll. Aber Sachen gibt's Absonderliche, gegen Schmach und Pein. Brech' jeder einen Zweig von diesen Gräbern! Er bricht ein Reis von der Staude auf einem Grabe. Einer Ist so ein Zweig ein Amulett? Er ist's. Wer einen Zweig vom Grab gemordeter Unschuld, Ja nur ein Gräslein, Hälmlein bei sich trägt, Ist hiebfest, stichfest, schußfest, flammenfest. Sie sagen – ich versteh' nicht, ob's so recht? – Der Herr hab' einen Engel angestellt, Der drüber wachen müsse, daß kein Blut Schuldlos vergossen werde auf der Erde. Ist's doch geschehn, so sitzt bei Nacht der Engel Trau'rvoll auf solchem Grabe, härmt sich sehr, Und taut auf Strauch und Rasen milde Tränen. Gras, Reis und Staub, von Engeltränen feucht, Sind dann geheiliget. Das Schwert sinkt furchtsam, Der Pfeil fleucht seitwärts, Feuer lischt erschrocken, Nahn Schwert, Pfeil, Flammen dem geweihten Ding, Woran ein Tropfen Himmelszähre hing. Ihr legt mir aus, was ich nicht wußt' zu deuten! Ich selber sah bei Nacht beglänzte Gräber, Wenn ich im Handel meines Pfades zog Vorüber an dem Richtplatz oder Kreuzweg, Wo sich ein Hügel hob, begrast und alt. Und schluchzen hört' ich auch an solchen Stätten; Es klang so herzlich und so wehmutsvoll, Daß mir die Brust von seltnem Schauder schwoll; Was leucht' und schluchze, hab' ich nicht gesehn, Ich scheute mich, den Plätzen nah zu gehn. – Laßt uns die Zweige brechen von den Gräbern Der hingeschlachteten, großmächt'gen Herrn! Sie brechen Zweige von den Gräbern. Da kommt der Alte, der die Schriften aufhebt Von Moskau und dem Reich, der Archivar, Aaron, der Greis. Die Urkund' bringt er uns Der Wahl Mikaila Romanows; daraus Erweisen wir's dem Zar. 2. Szene Zweite Szene Aaron ein achtzigjähriger Greis, tritt auf. Er trägt ein Buch, in Purpursammet gebunden, mit goldnen Buckeln und Spangen. Vorige. Später: Ein Bote. Guten Morgen, Kinder! Mein alter Vater, scheut Ihr nicht die Kühle? Ihr hättet Euren Diener schicken solln. Das liebe Frühlicht ist mein Augenbad, Der Tau im Gras erquickt den welken Leib. Wofür siehst du mich an? Hältst mich so schwach? Wie'n Vogel, der im Käficht hüpft von Stänglein Zu Stänglein, springt ein alter Archivar In dem Gewölb von einer Sproß' zur andern, Das hält ihm frisch die Füße. Er schaut sich um. Meine Kinder, Es freut mich, zu erleben, daß die Wackern Der alten Städte Rußlands sich geeinigt, Und wolln nicht dulden, daß ein großer Frevel Beflecke dieses Land vor Gottes Blick. Einlegen wollt ihr, wie sich's ziemt, Protest, Verwahren uns und unsre Enkel. – Noch Gibt's also russisch Volk, noch sind nicht alle Gleichgült'ger Straßenpöbel worden. Wandert! Mein Segen geht mit euch. O meine Guten, In achtzigjähr'gem Leben merkt' ich stets: Gewalttat, wüchse sie auch stolz zum Himmel, Hat keine Wurzeln. Nur was billig, bleibt. Das Äußerste versucht er jetzt. Das kommt Davon, daß wir so lange stillgehalten. Wie gut und löblich war. Rein Schild ist Notwehr. Ohn' das soll keiner rechten mit dem Herrn, Den Gott ihm gab. nach den Gräbern zeigend. Und wer erweckt die Toten? Sie ruhn in Frieden! – Wenn der Zar ein Übles An ihnen tat, hast du es zu verbessern? Wird's dir zu Last gestellt? Warst du ihr Vogt? Sie konnten sich verteid'gen; fielen sie, Was gilt das uns? Die Mauern eurer Städte Bestehn, wenn auch ihr Wappen brach. Allein Der Sohn, der Großfürst, der geborne König Mit dem ist's anders. Der gehört uns, der Ist unsres Friedens Bürge. Bruderteilung, Zersplitternd Erbgesetz war Rußlands Fluch; Wer zählt die Fürstentümer, all die Fetzen Von Ruriks Mantel? – Lest's, wenn ihr's vor Tränen Vermögt, in meinen Pergamenten, wie Das große Reich zerfiel, wie sich die Vettern Gemordet! Unordnung allüberall! Und dies schandbare Wirrsal wegzutilgen, Vertrugen unsre Väter sich im Kloster Ipatzk, und legten's in die eine Hand, Daß nun von Sohn zu Sohn geruh'ger Herrschaft Bestimmte Sonn' uns leuchte. – Ihn vermachten Die Männer uns von Sechszehnhundertdreizehn, Heilig ist dieses Eigentum, der Pakt Knüpft uns an ihn. Gib mir das Buch. Nimm's hin. Es ist der Anker des gemeinen Wesens; Am Herzen trag's, leg's unter deinen Hauptpfühl, Streckt seine Hand ein Räuber danach, gib Das Leben ihm, doch nicht das Buch! Ich liefr' es Euch unverletzt zurück. Ich kann's nicht geben! Hab's sechzig Jahr' hindurch bewahrt; ich stand Dabei, wenn es besehen ward, es hat Kein fremder Finger daran rühren dürfen. Wär' es mir aus den Augen, ich verging' Vor Unruh. Ich will mit euch. Ei, mein Greis Bedenk, die Reis' ist schwer. Ihr macht sie leicht. Ihr habt gewiß ein Rößlein für den Alten, Ein frommes Tier; bequemen Sattel habt ihr Legt auch, das weiß ich schon, dem Graukopf gern Zu nächt'ger Rast die wärmste Decke hin, Und schafft ihm seine Nahrung. Ein Bote tritt auf. Auf! Stadthäupter! Spornt eure Rosse, daß sie windschnell fliegen! Unbill ist rasch, laßt Tugend rascher sein; Vom Norden spreng' ich her, sie zimmerten Dem Zarewitsch die Schranken. Wehe über Die Richter, ihre Kinder, ihre Enkel Bis in das vierte Glied! Sie soll'n verdorr'n An Ehre, Gut und Leib! Weh über sie! Auf, Rußlands Söhne! Eile kürzt die Straße! Da bricht die Sonne siegreich durch den Duft. Bei ihrem Licht! Ich habe guten Mut, Zu retten unser junges Fürstenblut, Wir fechten ja in einer festen Burg, Kommt, Ruriks Kinder, kommt nach Petersburg! Sie gehn. 3. Szene Dritte Szene St. Petersburg. Audienzsaal. Zar Peter auf dem Throne. Jaguschinsky. Menzikof. Ostermann. Schaphirow. Tolstoi. Theophanes. Viele Generale und Senatoren. Gordon im Hintergrunde. Ins Reich zurückgelangt, bedachten wir Zuerst, die Ruhe heimzuführen, welche Böswillig eine gottverhaßte Rotte Aus ihrem stillen Sitz gescheucht. Wohl war Hier Festigkeit vonnöten. Trifft das Feu'r Auf Stein und Eisen, ist's von selbst gedämpft; Wer aber hemmt die Flamme, faßt sie Zunder? Noch voll des Zunders war das Land. Dies hielt Fern unser Aug' bisher von andern Dingen, Wodurch wir, will es Gott, das Volk der Russen Aus seiner Nacht zu dem glorreichen Tag Hinanzuleiten streben, den wir ahnend In unsrer Seele schaun. Von Osten ging Das Licht aus, so die Welt erleuchtete, Und wanderte gen Abend bis zum Fels Des Herkules. Der Ratschluß aber ist, Daß es, zurückekehrend, ewig weile Bei uns im Ost. Ich hab' den Schluß erkannt, Und will der Mann sein, ihn ins Werk zu richten. Ihr Diener meines Willens, meldet mir, Was ihr getan. tritt mit einem Hefte vor. Ich hab' den Wald gelichtet Für deine schöne Pflanzung. Kein Gedeihn, Wo Aberglaub' und Priesterherrschaft dunkeln. Ich sag' es, selbst ein Priester. Überall Fand ich die Städte blühnd, die Menschen fleißig, Wo fromme Könige dem Volk gewährt, Soviel des Glaubens dienen mag dem Volk. Des Landes Herr sei auch der Kirche Herr, Ejus religio, cujus regio! Es ordn' ein heiliger Synod das Heil'ge, Sei du des heiligen Synodes Haupt. Zu Füßen leg' ich Eurer Majestät Der neuen Einrichtung Plan und Entwurf. Er legt das Heft auf die Stufen des Throns. Bischof von Pleskow! So sei Gott mir gnädig, Als ich ihn ehr' und fürchte. Mein Gewissen Erlaubt mir zu empfangen, was Ihr bietet. Ich rief es heftig einst, nun sag' ich's sanft: Hier habt Ihr Euren Patriarchen! tritt mit einem Buche vor. Das erste Gut des Menschen ist sein Recht. Es weiht das Irdisch-Flücht'ge zum Bestand, Und wer's dem Menschen rasch gibt, gibt es doppelt. Mit einem Seitenblicke auf Tolstoi. Obgleich denn mancher meint, es büß' etwas Von seiner Würde ein, wenn es nicht schleiche. – Erhabner Zar, gerechtester Monarch, Wirf einen gnäd'gen Blick auf dies Gesetzbuch, Das deinen Russen künftig weisen wird, Was Rechtens, bündig, klar und kurz. Er legt das Buch auf die Stufen des Throns. So lieb' ich's. tritt mit einer Zeichnung vor. Rußland führt unter einem Haupt zwei Leiber. Durch Asien streckt der eine sich, der andre Bedeckt Europa. In jedwedem Leib Strömt eine Ader: Don und Wolga. Beide Sind jetzt verbunden. Von dem Europäer Rollt brüderlich das Blut zur Asiatin. Schau' es im Bild. Er legt die Zeichnung auf die Stufen des Throns. Du bist ein tücht'ger Werkmann. tritt mit einer Zeichnung vor. Ich kann nicht flüssig asiatisch reden. Mein Zar, ich bleibe lieber auf dem Trocknen Zu ebner Erde. Dort hab' ich gebaut Die Straße von St. Petersburg nach Asow. Sieh's abgerissen hier. Er legt die Zeichnung auf die Stufen des Throns. Ich mag in Worten Den Scherz, wenn man, wie du, den Ernst betätigt. Doch was bringt Ostermann? tritt mit einem Dokumente vor. Die Frucht des Glücks, Des Zufalls, der Gelegenheit, der Waffen, Nicht meines geringen Verdienstes. Herr, den Frieden! Auf Insel Aland haben Der Baron Görtz und ich die Punkt' entworfen. Er eilte nach Stockholm. Nicht zaudern wird Ulrik' Eleonore. Nach des Königs Unvorgesehnem Hintritt ist das Land Geteilt, bestürzt, verworren. Gerne gibt Die Hälfte sie, den Rest zu retten. Er entfaltet das Dokument. Wiborg, Kexholm, Karelien, Livland, Ingermanland, Estland samt Reval werden unser. – Reservaten Hab' ich hinzugefügt, woraus noch mehr Ansprüche bei gelegner Zeit zu folgern. Was alles klärlich steht im Instrument, So ich zu höchster Bill'gung niederlege. Er will das Dokument auf die Stufen des Throns legen. Nicht dahin, Ostermann! In meine Hand! Er nimmt es. So halt' ich's denn! Was wir mit Blut gekauft, Ist endlich nun urkundlich unser. Endlich Steh' ich auf meinem Grund und Boden hier! Nach zwanzig heißen Jahren! Wieviel Leichen Sind in ihr Grab gelegt, damit dies Blatt Beschrieben werden konnte! – Ostermann, Senk nicht den Blick zu Boden, wie du pflegst, Sieh frei empor zu deinem Zar. Du darfst es. Du hast die Bürgerkrone dir verdient. Graf Ostermann, der erste dieses Namens, Wir sind mit Euch zufrieden. Gern gestehn wir, Wir hätten's nicht so gut zustand gebracht. Ihr seid auf dem Papier ein bessrer Feldherr, Als Admiral Peter. Er steht auf. Zu Theophanes, Jaguschinsky, Menzikof, Schaphirow. Nehmt die Sachen auf. Sie nehmen das Niedergelegte von den Stufen des Throns. Der Zar kommt vom Thron herab. Euch allen danken wir. Es ist doch anders Bei uns geworden. Asiens Stoffe bringt Auf deiner ebnen Straße, Schaphirow, Uns das Kamel der Bucharei. Das Schiff Fährt, Menzikof, auf Fluten, die du lehrtest Zu unsrem Vorteil strömen. Neu Gesetz Schirmt, Jaguschinsky, unser neues Volk. Der Schwärmer dumpfes Brüten tilgtest du, Theophanes. Und Ostermann schuf Frieden, Daß wir das alles auch genießen mögen. Nach menschlichem Begriff steht's wohl um uns! Man soll von jenen sieben Wundern nicht In meiner Gegenwart mehr reden, denn Es gibt kein Wunder. Nicht ohn' euch wär' mir's Gelungen. In dem schlichten Wort empfangt Des Zaren Herz. Nicht Zar mehr! Großer Herr: Volk, Heer, Senat flehen zu dir durch mich, Du wollst, weil du erneu'st der Römer Weltreich, Ein Kaiser sein, Selbstherrscher aller Reußen, Vater des Vaterlands dich grüßen lassen. Heil Kaiser Petern! Heil dem Selbstherrscher aller Reußen! Des Vaterlandes Vater lebe hoch! Vater des Vaterlands! – Ein schöner Name, Der Vatername! Dank noch einmal, Freunde! Ihr seid entlassen. Tolstoi! Alle bis auf den Zar und Tolstoi ab. 4. Szene Vierte Szene Zar Peter. Tolstoi. Du schwiegst. Hast du mir nichts zu melden? Nichts, o Herr, Was neben Gaben, die dir andre brachten, Sich nennen ließe. Unser eng Geschäft Fließt, wie der Bach, in unberühmten Ufern, Derweilen frei're Tätigkeit, gleich Strömen Dahinrauscht, und den Mann verklärt. Daß wir In unsren Grenzen bleiben, ist, was man Von uns verlangt. Man malt nicht ohne Grund Die Themis blind und sitzend. Ja, sie darf Die Schönheit dieser Welt nicht sehn. Sie muß Inmitten der unendlichen Bewegung Starr auf dem Flecke bleiben. Wie weit seid Ihr? Auf morgen steht die Sache zur Verhandlung. Es sind doch alle einberufen, die Ich dir genannt? Wie du befohlen hast. Ganz Neu-Rußland wird in dem Hofe sitzen. Auch Ostermann? Sobald der Graf ans Land Gestiegen war, empfing er dein Patent. Ich will, daß niemand fehle, dessen Name Erklang in diesen letzten zwanzig Jahren, Nicht einmal Menzikof; des Beispiels halber. – Ist dir verstattet? ... Es ist nicht geboten, Daß öffentlich Gericht verheimlicht werde. – Nach einer Pause. Der Zarewitsch ist schuldlos. lebhaft. Wirklich? lauernd. Ist's. – Verhör und Zeugen, Gegenzeugen, alles Beweist, daß die Bojaren ihn zum Werkzeug Gebrauchen wollten, daß ein hoher Sinn Die Wahrheit ihn gelehrt, und daß er rein In jenem Labyrinthe blieb. Er denkt Von dir verschieden. Dafür fehlt die Strafe. In unserem Gebiet büßt nur die Tat. Unschuldig ist der Prinz. Auf deinen Zorn Wag' ich's, zu wiederholen. finster. Wer gibt Euch Die Leucht' in meine Brust? Ew. Majestät, Wir sind in schlimmer Lage. Dein Gericht Hat nur die Wahl: zu morden, oder aber Geschehn zu lassen, daß das Vaterland Mit Blut und Wunden seinen Spruch verklage. Wieso? Du sprachst von ausgelöschtem Feu'r. Nein, Ew. Majestät vergeb', die Flamme Ward erst entzündet in Bojarenblut. Das Volk, emporgerüttelt, schwärmt für die, Die's lebend nicht zu schützen wagte. Freunde Und Vettern, Söhne, Brüder schüren zu. Um Fetzen schlägt man sich von ihren Kleidern, Vor ihren Bildern brennen Lichter sie, Als wären's Heilige gewesen. Wahn Bestärkt die Bosheit; einen Namen hätt' ich Zu nennen, der dir bitter-schmerzlich ist. Der Seher starb, die Seherin erstand. Sie sprüht aus ihrem Dunkel Weissagungen, Vernichtungsträume übers Reich. Das Volk Glaubt, tröstet sich, befestigt sich im Starrsinn. Zwei Geister gehen um: Der Haß, die Liebe. Die Liebe ruft mit letzter Kraft: »Alexis!« Und wen der Haß ruft, brauch' ich nicht zu sagen. Nur weiter. Selbst der Angeklagte birgt Uns seinen Ingrimm nicht. Die Folg' aus allem? Schon trieb man mich, drang in mich, schalt auf mich, Weil auch in dieser Sach' mit des Gesetzes Ernstem gemeßnem Gang ich Schritt gehalten; Bedachtsam war ich, und ich schien verdächtig. Es ist die Eigenheit des Menschen, daß er Sich leicht für unentbehrlich hält. Sein Unglück Muß gleich dem Staat ein Mißgeschick bedeuten; Und um von dem den großen Schlag zu wenden, Hilft man sich selbst vorerst, gut oder übel. Anklagen ist des Jaguschinsky Pflicht, Des Legislators! Nicht die meine. Doch Nach dem, was ich gehört, aus Winken schloß, Mein' ich, es gibt ein seltsames Gericht; Und alles eher, als die Schuld des Prinzen, Wird morgen uns beschäft'gen. Das sagt Tolstoi? Ich bin erstorben für den Braus der Welt. Fiat Justitia et pereat mundus! Ich werde dies Symbol vertreten. Aber Mein Amt erheischt, umfassend zu berichten. Gern wend' ich Schaden ab, vermag ich das; Ich fürcht' auf jede Weise schlimmen Ausgang. Denn siegst du nicht, o Herr, in dem Prozeß, So unterliegst du nicht bloß in den Kosten, Was weiteren Beweises kaum bedarf. Und deshalb bitt' ich dich, nimm diesen Handel Aus meiner Hand zurück. Entscheide du! Noch ist es Zeit. Zu hoch für Untertanen Ist Herrschers Streit mit Herrschers Erben. Erben? Er hehlt es nicht, daß – Eure Majestät Verzeihe mir das freie Wort – der Zwang Niemand verbinden könne, daß, gedrungen Von Eurer Drohung, er verzichtet habe, Und daß der Anspruch auf die Krone nie Für den verjähre, der ihn einst besaß. Wie? Spricht er so? Ist dies nicht Todes wert? Tolstoi Nein, Eure Majestät, es ist 'ne Meinung. Welch' Ihr zu teilen scheint! – Nach einer Pause. Im übrigen Mag ich dir wohl vertraun, sinkt er darum Bei mir nicht tiefer. Einmal, nur einmal War er mir ganz zuwider. Wenn du sagst, Es sei gewesen, als er aufgab, was Mikaila Romanow vom Volk empfing, Trafst du vielleicht das Richtige. – Es gibt Verschiedne Wege, die zur Achtung führen In meinem Herzen. Steht's denn zwischen Vater, Sohn, So löse der Vater diese Frage. Heut Bist du nicht glücklich, Tolstoi! Im Rat Findst du ja sonst so ziemlich dich zurecht. Er wollt's! Ich hab's verstattet, weil dem Arzte Zu folgen ich entschlossen bin. Der sucht Für eigne Schäden nicht bei sich die Mittel. Nein er, der Tausenden geholfen, heischt sie Von einem zweiten selber sich. Dies ist Ein Schaden, nächst am Herzen mir; darum Berief ich Euch zur Heilung. Nun bewährt Euch. Ihr, Tolstoi, müßt die flücht'gern Geister leiten, Denn Ihr seid kalt und unerschütterlich. Denkt hoch von Eurem Amt! Schöpft Ihr das Urteil, Das ohne Ansehn der Person, nicht achtend Auf die Gewalt der Majestät, die Luft Des Volks, von lautrer Überzeugung blinkt, Dann, Tolstoi, erfochtet Ihr den Sieg, Nicht kleiner, als die andern, so der Schwede, Und die Natur uns lassen mußten. Bin Ich wahrhaft unbeschränkt? Dein Stab erteile Die Antwort dir. Du fragst nur, um zu fragen. Ihr sollt hier handeln, als gelt' es die Sache Des ärmsten Bürgers. Sterb' er, wenn er muß, Und sprecht den Prinzen frei, sofern Ihr dürft. Ihr seid die Herrn und Meister Eures Saals. Vergeßt, ich will's ausdrücklich, daß ein Zar, Der Peter heißt, regiere. Denkt Ihr meiner, So denkt an mich als den, der vom Hochbootsmann Sich bis zum Admiral emporgedient. Er geht. 5. Szene Fünfte Szene allein. Es könnte kommen, daß ich des gedächte! – Dies Großmannstun muß auch sein Lehrgeld zahlen, Es war mir lang' schon widrig. Gleich sei alles! Nun, was ich heute mit dir vorgehabt, Gelang ja schon. Ich habe dich erforscht, Und deine schwache Seite zubereitet. Da wir vor deiner Gnade sicher sind, Ist dem Alexis seine Gruft gehöhlt. Zwar ich entdeckte nichts. Nichts? Ist er doch Ein Mensch! Und unser Menzikof spürt wacker. In vierundzwanzig Stunden haben wir So eine Art von Schuld. Ich weiß das schon; Ich fühl' es in der Luft und an der Witt'rung. Warum denn haß' ich ihn? Er tat mir ja Nie was zuleide. – Ei, er ist ein Mensch! Gibt's einen Titel, welcher dringender Auf zur Vertilgung forderte? Es soll Nichts leben, was mir in die Hände fällt, Denn nichts ist lebenswert. – Die Erde ist Ein abgeschmackter Haufen Staub, der Himmel Lügt sein gehaltlos Nichts zur Saphirdecke, Und nur der Tod ist wirklich. – Nein, auch der nicht! Er ist nur wieder Leben andrer Art. Aus welchem irgend haltbar'n Argument Schleppt sich nun wohl so'n Dasein, wie das meine, Durch Dinte, Moder, Wust und Pergament? Ohn' Weib, ohn' Kind, ohn' Freund, ohn' Lust, ohn' Aussicht? Von Geistern sagen sie, die gierig sind Nach Blut. Dann wärmt ein kurzes, falsches Feuer Die öden Schemen aus. Das ist kein Märchen! Doch will ich's suchen nicht mit Dolch noch Klinge, Nein aus Gesetzen wirk' ich dir die Schlinge. Er geht. 2. Akt 1. Szene Erste Szene Ein Saal Katharinens. Anna Cramer. Therese Mons de la Croix. Beide mit Stickerei beschäftigt. Wie spät, Anna? Eilf Uhr. Die Zarin schläft lange. Wer den Hahnenschrei im Bett hört, vernimmt die Mettenglocke nicht. Hat sie wieder so lange gewacht? Ich hörte sie leise weinen bis nach Mitternacht. Dann schlummerte ich ein, und erwachte wieder von ihrem Rufen. Sie stöhnte im Schlaf. Die Lampe warf einen schrägen Schein. Ihr Antlitz hatte einen sonderbaren Ausdruck. Die Frau! Sie kann es nicht verwinden, daß der Zar ihr zürnt und sie meidet. Meinst du? Und davon träumte sie. Davon? Wovon sonst? Sie dauerte mich. Ich trat zu ihr, und berührte ihre Hand, sie zu wecken. Sie ergriff die meinige und lispelte: Bist du's? O wenn du mir nur bleibst! Da meinte sie den Zaren. Wirklich? Und glaubte, er habe die Moskauer Geschichte vergessen, und den Vorfall auf dem Schiffe, und kehre versöhnt zu ihr zurück. Bei der Nacht? Nun ja, im Traume. – Wie kannst du so etwas denken? ... Was? Laß mich. Ich muß die Stiche zählen. Therese! Anna? Sieh mich an. Ich kann nicht. Die Rose macht mir zu schaffen. Eine glühende Rose. Ihr Widerschein liegt auf deinen Wangen. Nehmt euch in acht. In acht nehmen? Wer? Du und dein Bruder. Du wirst unerträglich. Wie jede aufrichtige Freundin. Ihr seid Franzosen. Ihr hüpft und hüpft wie die Vögel immer näher der Falle, bis sie über euch zusammenschlägt. Was tun wir denn? Verachte nur meine Warnungen. Das ist kein Boden, auf dem muntre Händel gedeihn. Ich bin ein paar Jahre länger an diesem Hofe als du. In diesen Gemächern ist manch ein Seufzer, manch ein Schrei der Verzweiflung erschollen. Wenn die Tapeten reden könnten! Arme Hamilton! springt auf. Leichenseherin! Es ist nicht zum Aushalten. Draußen nichts als Staatsgespräche, oder das Lallen des Rausches, hier hocken wir, wie die Mumien in den Pyramiden. Und wird einmal etwas laut, ist's so ein Eulengesang. Ich wollte, ich wär' wieder in unsrem kleinen Hause, da litten wir knappe Not, aber wir lachten und scherzten. Sie geht zu Annen und liebkost ihr. Was soll ich tun, dich zu begütigen? Soll ich schwören, soll ich mich vermessen? Herz! Geliebte! Murrkopf! Bei allen Liedern der Gascogne; wir sind unschuldig, der Bruder und ich! Das glaub' ich gern. Als ob man hier schuldig sein müßte, um unglücklich werden zu können. 2. Szene Zweite Szene Katharina blaß und verweint. Die Vorigen. Guten Morgen, Mädchen! Die Fräulein küssen ihr die Hand. Sie streichelt Theresens Wange. Wie das leichte Rot Auf diesen Wangen scherzt und spielt! Das Blut Der reinen Jugend kommt, und grüßt den Tag, Indes ein schuldiges Gemüt ums Herz Der kranken Purpur wogen Flut versammelt, Dem Licht sie zu entziehn. – War niemand hier? Nein, gnäd'ge Frau. Dein Bruder auch nicht? Nein. Niemand! Niemand, Eur' Majestät. Nennt mich Nicht Majestät! Die Majestät verkündet Der Schwarm, die Anbetung. Die Königswürde Hört auf in Wüsten. Nennt mich Martha, wie ... St! Habt dies nicht gehört! O, ich schlief schlecht! ... Matuschka, soll ich dir ein Liedchen singen? Wird mich dein Liedchen heiter machen, Kind? Musik erhöht die Freude, schärft den Schmerz; Ein Dämon, mächt'ger als des Menschen Geist, Lau'rt in den Tönen. – Laßt uns sticken, Mädchen. Anna bringt ihr eine Arbeit. Sie setzt sich. Wir wollen Blumen schaffen mit der Nadel, Indes das Herz von Dornen starrt. Man sieht So einem Werk von Frauenhand nicht an, Wie viele Tränen, Seufzer, Bangigkeiten Hineingefädelt wurden. – Plaudert, Mädchen! Denkt, ich wär' eure Mutter, und wir stickten Ums liebe Brot. Vertreibt mit Stadtgeschichten Der Mutter ihre Zeit! 3. Szene Dritte Szene Mons de la Croix. Die Vorigen. Verzeihung, Höchste Frau, dem Lässigen! Ich hab' im Dienst gefehlt. Die trägen Gärtner Sind schuld an dem Verzug. Die Gärtner, Mons? Du liebst den Hügel an der Newa Bord, Der auf die Wiesen schaut, das Birkenwäldchen, Und auf dein Schweizerdorf. In duft'ger Ferne Blaut der Ladoga. Aber kahl und steinicht, War er nicht würdig, meiner Fürstin Fuß Auf seinem Haupt zu tragen. Jetzo wirst Du grün und blumig diesen Hügel finden, Beschattet von Platanen. Ein Kiosk Beut dir sein Sälchen, drin zu ruhn, beliebte Dir ein Spaziergang nach der Wiesen-Aussicht. So woll'n wir dies Geschäft denn gleich beend'gen. Mons stutzt. Anna lächelt. Therese sieht den Bruder fragend an. Katharina zu den Damen. Ich hab' zu rechnen mit dem Kammerherrn. Die Fräulein ab. 4. Szene Vierte Szene Katharina. Mons de la Croix. Mons! Mons! Bist du erzürnt? Ihr seid zu kühn! Weil ich ein Gartenplätzchen dir geschaffen? Unschuld liebt, das Geschick herauszufordern, Ist keck und spielt mit Messern. Wär' es möglich, Daraus Verdacht ... Verdacht!? – Kalt und streng. Herr von Croix, Was kostet die Anlag' auf dem Hügel, die Durch Euch ich machen ließ? Ihr? Sie? Durch mich? Besinnt Euch, zieht's zusammen. Vor dem Hofstaat Werd' ich die Rechnung fordern. Mons steht betreten. Ihr, ein Jüngling, Gewandt und zierlich, fein und ... liebenswert, Und kennt gewisse Anfangsgründe nicht? – Genug von jenem Blumenstück! – Erzählt mir, Erzählt mir etwas! Baut man Schiffe? Lästern Sie viel auf meine Rechnung? Sprich doch, Karl! Wieg' mich mit Märchen ein! Ach immer Märchen, Eins bunter, als das andre; bis man schliefe Von Arabesken überlaubt ... Das wäre – Ja, das wär' Seligkeit! Wie seid Ihr nur? Wie seid Ihr heute grad? Ihr steht so stumm, So kalt, so teilnahmlos mir gegenüber. Gereut's Euch, hier zu sein? O daß ich alle, Die sich mir nahn, unglücklich machen muß! Geht, lieber Mons, gebt dem Zeremonienmeister Ein gutes Wort, laßt Euch ablösen. Fügsam Ertrugt Ihr lang genug den Seelenkrampf, Die Seufzer der verfallnen Katharina, In diesen düstern Wänden! Düster sind sie, Wenn deine Strahlen im Getümmel hier Der Schranzen sich verlieren! Mons begehrt Nur dich zu sehn, und haßt, was zwischen deine Und seine Blicke tritt. Ein fühlend Herz Sucht die Gesellschaft nicht in der Gesellschaft. Lang dient' ich dir, und meine Eitelkeit Empfing von dir das Zeichen mancher Gunst, Ich zierte mich damit, ich zeigt' es jedem; Kalt sah mein muntres Aug' zu dir empor. Doch an dem Tag, da ich dich fand, gekränkt, Vom Schlag, der dich getroffen, überwunden, Das schöne Haupt, das sonst so stolz geblickt, Gleich einer kranken Blume niedersenkend, Seit diesem Tag ... bin ich nicht eitel mehr, Und deine Gaben hab' ich all' verborgen! So muß man elend sein, Euch zu gefallen! Zerbrochen sein, daß Ihr Euch ganz empfindet, So wollt Ihr Eure Kraft in unsrer Schwäche Bespiegeln nur! Liegt nicht der Sonne Gold Am reizendsten auf Wolken? Glüht die Rose Je herrlicher, als wenn der Tau sie säumt? Ist Liebe nicht ein tiefes, stilles Mitleid, Ein zartes Grämen, lächelndes Erbarmen? Wird mich die Königin bestrafen, daß Ein leidend Weib mich inn'ger rührt', als sie? Die Königin wird gnädig sein, sie ist Nicht neidisch auf das leiderfüllte Weib. – Wie lindernd weht der Hauch der Huldigung Um Wunden, die ein rohes Schwert gerissen! Wir wähnen uns geheilt, und alles Glück Ist ja ein Wahn! O sah' ich dich geheilt, Geheilt in Wahrheit! Wer darf fröhlich sein, Bist du es nicht ... Fröhlich! – Das Wort klingt mir Aus weiter Ferne zu. So fällt verschallend Des Hochzeitreigens letzter, schwächster Ton In den entlegnen Kerker des Gefangnen. Dich trösten möcht' ich ... ach, du ahnest nicht, Was dieser Trost mich kostet! All mein Glück Entblühte diesen Schmerzen ... bald, ja bald Wird Mons vergessen sein! Doch sei's gesagt: Ist's möglich, daß des Herren Laune, kurz, Wie sie zu währen pflegt, den starken Geist, Das edle Herz so beugen kann? Und wenn Nun dieser Geist, dies Herz in finstern Tagen Gesucht sich hätten, und gefunden nichts Als eine große Leere? Mons! Vor dir Möcht' ich mich nicht beschuldigen ... Vertrau mir! Die Einsamkeit ist eine grause Göttin, Wenn alles um uns schweigt, schweigt auch die Täuschung. Und wirklich ist man oft, was man vor andern Zu scheinen sich bestrebte! – Laß das, Mons! Du bist so reich ... An Einbildungen reich, An Kräften arm! Ich bin des Schicksals Spielball, Ein Lamm in eines Geiers Fängen! Scherze Mit großen Dingen in Gedanken, bin Den Dingen selbst ein Scherz! Ach Mons, ich bin Ein ganz gewöhnliches, hülfloses Weib, Zu lieben fähig, hätt's mein Stern gewollt – Doch so? Was bin ich nun? Torheit im Prunk, Erhabne Posse, buntgeschminkte Angst, Bin die gekrönte Sklavin des Tyrannen! 5. Szene Fünfte Szene Therese tritt eilig auf. Die Vorigen. Später Zar Peter. Ach! Eure Majestät ... Die Überraschung ... Was hast du? Nun? Wie bin ich denn? Was ist's! Der Zar wird Euch besuchen. Mich? Der Zar? Kommt Tolstoi gleich mit? Nein, er ist mild. So bin ich überflüssig! Mons! Da ist Der Zar! Zar Peter tritt ein. zu Theresen. Du wildes Reh! Muß ich dir folgen Bis in das Zimmer? Wann, mein Fräulein Mons, Erhalt' ich die versprochne Stickerei? Behandelt Ihr die Freier, wie den Zar, Wird man Euch tadeln, Fräulein. verlegen, auf Katharinen deutend. Herr ... Die Zarin ... Ah sieh, Katharina! Wohnst du jetzo hier? Mons! Welch Gesicht? Was sucht Ihr dort am Boden? Verlort Ihr etwas? Ich war immer hier. Du? Wer? Therese? Hier? Wer fragt danach? Du hier! Du warst nicht hier. Der Bruder kam Soeben erst zu Ihrer Majestät. Dann müßt' er vor mir hergegangen sein. Er betrachtet die Anwesenden mit zweifelhaften Blicken. zu Therese und Mons. Geht! Therese und Mons ab. 6. Szene Sechste Szene Zar Peter. Katharina. Nun Katharina ...? Was befehlt Ihr, Herr? Ich wünschte, deine Zunge spräch' ein Wort – Ihr habt dergleichen Wort' in Eurem Munde ... Das diese Schatten niedersänge! Schatten? Siehst du sie nicht? Wie lautete der Fluch Der sterbenden Bojaren? Nein, so weit, So weit wird's doch nicht kommen! Welches Wort Verlangt der Herr von seiner Dienerin? Wenn ich dir's sage, wird's bei dir zur Kunst; Ihr selber müßtet's finden, Katharina. Das war ein wunderlich Gerede, Frau, Womit ich hier empfangen ward. Was soll Ich davon denken? entschlossen. Alles, wenn Ihr wollt. Was nennt Ihr alles? Denkt, daß ich Euch trüge, Therese die gedungne Hehl'rin sei, Und daß die armen Seelen, die vor Angst Nicht wissen, was sie reden, sehn sie Euch Mit flammendem Gesicht, im Schuldgefühl Verworrnes Zeug dahergestammelt! Denkt das! Malt Euch ein üppig Bild von dem, was Ihr Nicht saht! Es tön' in Euer horchend Ohr Ein lüsternes Geflüster! Tötet mich! Werft Monsens Leich' und seiner Schwester Leiche Auf meinen toten Leichnam! Wart; ich will dich reizen, daß du's bald tust, daß wir bald Vereint im Grabe ruhn! Wie sollt' er mir Nicht mehr gefall'n, als du? Wer seid Ihr beide? Maitag ist er, du bist Novembernacht; Er opfert mir sein Leben, du verlangst Von mir das Opfer meines Daseins; zwar Bist du ein großes Haupt ... Wir aber woll'n Das Spielzeug in der Liebe. Deine Taten Was sind sie einem Weib? reicht ihr die Hand. Du hast's getroffen. Der Zar von Rußland, und die Eifersucht Von einem Hausmann! Nein, dazu wart Ihr Zu ernst und wichtig, meine Tage, daß Ihr schlösset mit 'ner Geckenlaune. – Pfui! Ein böser Geist lau'rt unsrer Freude auf, Ich kam in Fröhlichkeit zu dir, mich trieb's. Allein, wie Herkules Arbeiten soll ich nur, und nicht genießen. Ei, weg damit! Setzt Euch, Frau Katharina. Katharina setzt sich mit Zeichen des Widerstrebens zu ihrer Arbeit. Der Zar setzt sich zu ihr. Der Vormittag darf nicht verdorben sein. Weißt du es schon? Ich bring 'ne Neuigkeit. Sie machten mich zum Kaiser. – Gelt, ich hab' Mich in die Höh' gedient! Vom Schiffs-Capitain Zum Kaiser, geht schon an. Siehst, das hab' ich voraus Vor meinen Herren Brüdern in Europa: Sie gehören nur zum Zepter, und zu mir Gehört der Zepter. Nicht? Drei neue Kronen Hat Ostermann zu Füßen mir gelegt; Wir werden Frieden mit dem Schweden haben. Was ich gewollt, wonach ich rang, erfüllten Dein Menzikof und meine Diener mir Am heut'gen Tag. Es sind doch tücht'ge Männer, Nun, Gott erhalt' sie mir! So war der Morgen Gleich einem Wiegenfeste. Die Bescherung Wollt' ich dir zeigen, meine Katharina. Heil allem, was Ew. Majestät beginnt! Du sprichst ja feierlich, wie ein Minister. Da ist noch was im Hinterhalt. Wo steckt's? Er hebt ihr Angesicht auf. Vergaß der Mund, wie oft er mich geküßt? Oh, das Vergessen lassen wir den Männern. So herb! Vergaß ich dich? Auf Eurem Schiff Habt Ihr nicht sanft mit mir gekost. Seitdem Sah ich Euch nicht. Seitdem hätt' ich dich nicht Gesehn? Ihr wart gewiß so sehr beschäftigt. Das war ich; ja. Ei, hat dich das gekränkt? Du dachtest wohl, ich zürne dir? Nein, Liebe, Ich mußte nur des Beispiels wegen dröhn. Dies stete, gegenseitige Vertreten Von dir und Menzikof, es darf nicht sein. Es schmeckt nach 'ner Faktion, zeugt falschen Einfluß! Doch zürnt' ich nicht im mindsten dir. Natürlich. Für deinen Zorn bin ich zu unbedeutend! Du sollst nur wieder heiter sein! Ich geh' nicht, Bis du gelächelt hast. Was? Unerbittlich? Geruh' Ew. Kaiserliche Majestät Von einer Stunde, allergnädiglichst Dem rauhen Seemann zu vergeben. Herr! Neu-Rußland macht die alte Fabel jung. Wie Herkules bei Omphalen gesessen, Sitz' ich bei dir. Nicht wahr, wir beide haben Zusammen was erlebt? Zu Land, zu Wasser, Siegreich und auf der Flucht, in Hütten, Wäldern, Du meine immer treuliche Gefährtin! O Ihr könnt wunderstark sein, wollt Ihr's sein. Noch faß' ich's nicht, wie dir der Mut gekommen Damals am Pruth. Das war 'ne böse Nacht. Ja, was ich sagen wollte. Dieser Mons, Ich selbst – nicht wahr? – gab dir den Kammerherrn? Hätt' ich ihn sonst? Bist du mit ihm zufrieden? Er ist bescheiden und gewandt. Die Bösen! Daß keine Güte unverleumdet bleibt! – Doch freilich, wer, wie wir, auf Gipfeln steht, Muß denken, daß der Arglist gift'ger Pfeil Am liebsten nach den höchsten Zielen fliegt. Die Hoheit ist ein prächt'ger Schein. Drum soll'n Des Scheines Träger seinen Zauber achten. Wie sagte jener Cäsar? Nehmt mir Mons! Bald, heute, gleich! Laßt ihn im Heere dienen. Sorgst du so zärtlich für den Ruhm des Jünglings? Nein, er bleibt bei dir, denn ich bin kein Tor. Nur Vorsicht sollt Ihr üben. steht auf. Mein Gemahl, In Euch ist eine furchtbarliche Regung! Wild flattert Eu'r Gespräch, der Fahne gleich, Die, heftig umgeschwungen, Krieg bedeutet. Ich seh' Euch an, Ihr habt noch nicht gesagt, Was Ihr mir sagen wolltet. Schüttet's aus! Verderbe mich Eu'r Grimm! Laßt nicht die Angst Hinzehren mich. Ich hab' noch nicht gesagt, Was ich dir sagen wollte! Recht bemerkt. Und wie der Mensch im Krampfe sich vergreift, Greif ich nach Worten gegen meinen Sinn, Und da ich weinen möchte, bin ich rauh. Du bist die einz'ge, der ich's könnt' entdecken, Du hast ihn nie verfolgt ... Und doch ... Ich will Nicht schwach, nicht kindisch sein. Ihn? Wen? Wovon ... Von wem sprecht Ihr? Sie haben ihm nichts an! Wer? Wem? Die Richter meinem Sohn! Er ist Unschuldig?! mit ausbrechender Freude. Ja! Er ist's! Er ist's! Er bleibt Am Leben? Bleibt's! Bleibt mir! – Zum erstenmal Gebar ihn mir die Mutter unter Jubel Und Freudenschrei des Volks. Zum zweitenmal Gebiert der Kerker schweigend mir den Sohn! In solcher Regung Euch zu sehn ... Ich glaub's! Ich bin Euch nur das Schreckbild ohne Herz, Eisern-zermalmend das Lebendige. Du hast mich anders doch erblickt Kath'rina. Ich bin kein Brutus. Diese gräßliche Verwicklung, Wie sie mir nah und näher kam! Leicht hin Spricht man ein schweres Wort, und in der Hast Wird es auch ohne Reue ausgeführt. Doch wenn die Zeit sich zwischen den Entschluß Und die Vollziehung schiebt, dann hilft kein Schall, Dann fällt der Dinge ungeheure Last In unsre Brust. – Mein Kind! Mein eignes Kind! Nicht rasch ... im Zorn ... Nein, langsam, quälerisch! Der Strom aus meinen Adern, ausgelöscht Im Sand des Richtbergs! Warum Söhne zeugen, Wenn wir sie töten wollen? – Vor acht Tagen Hatt' ich 'nen grausen Traum. Ich stand bei Nacht Allein auf wüster Heide. Und mir deuchte, Ich wär' allein noch übrig auf der Welt, Und alles war gestorben. Dunkelrot Stieg über einem Hügel auf der Mond. Ich fühlte einen Durst, desgleichen ich Noch nie empfunden, und mein Eingeweide War trocken, wie verbrannte Asche. Plötzlich Hört' ich ein Bächlein rinnen. Und es klang Wie ein Gewinsel. Doch ich ging zum Bord, Und bückte mich zum Trinken. Da erschwoll Der Bach zum Strom, und Fische kamen spielend Zu mir heran, und reckten Menschenhäupter Aus den mißfarb'gen Wellen, und mir kam's So vor, als sein's die Häupter der Bojaren. Ein heisrer, widerlicher Chor begann, Sie sangen: »Aus des Zaren Hand gerettet, Durchscherzen wir das freie Reich der Flut!« – Es griff mir ein Entsetzen an das Herz, Ich riß mich von dem Strom empor. Nun sah Ein Kind ich kommen übern Tannenhügel, Mit bloßen Füßen und mit bloßer Brust, Nur angetan in seinem Westerhemdchen. Und er sah lächelnd, lieblich und unschuldig aus, Wie, da als Knäblein er mir nichts gegeben Als eitel Freude. An dem Halse klaffte Ihm eine tiefe Wunde, daraus sprang Ein roter Strahl. Das Kindlein hielt ein Schälchen In seiner Hand, und fing den Blutquell drin, Und sagte: »Vater, trinke das ... es wird Den Durst dir löschen.« – Wie es nun die Schale Mir so hinhielt, bemerkt' ich, daß es nicht Mit seinen Füßen auf der Erde stand, Nein, in den Lüften schwebt' es mir entgegen. Und als ich ihm in seine Augen sah, So waren's arme, tote Höhlen. Blinkend Lag in jedweder nur ein Tropfen Tau. – Ich schrie vor Schauder auf, und stieß die Schale Weit weg von mir ... und da bin ich erwacht, In Schweiß gebadet. Ein – verworrner Traum! Ein klarer Traum! 7. Szene Siebente Szene Menzikof. Die Vorigen. Menzikof bemerkend. Der Fürst hat dich zu sprechen. Er führt sie zur Seite. Halt reinen Mund. Dies darf kein Mensch erfahren. Er geht. kommt vor. Versöhnt? Das kommt gelegen. ... Schone mich! Denn nötig haben wir dich jetzt. Mich? Ja. Es naht die wichtigste Entscheidung. Nun Will ich dir wieder Lehren geben. Denk, Daß das Gewissen nie zum Throne dringt, Und daß die Kön'ge stets in Gott entschlafen, Sie taten, was sie taten. Noch vor Abend Hab' ich das Mittel zu Alexis Sturz. Du weißt wohl auch, er liebt' ein Mädchen. Immer War sie bei ihm, in Napel, überall. Die hat, als wir den Zarewitsch verhaftet, Von jähem Schreck besiegt, geschrien: Sie wisse, Was sie um alles zu vergessen wünsche. Hat Briefe schnell verbrannt. Wir waren damals Nicht rasch genug, und diese Euphrosyne Entfloh. Sie war nicht zu erforschen. Heut Wird mir gemeldet, heimlich und verkleidet Sei sie zurückgekehrt; man hat das Haus Mir schon bezeichnet, wo man sie gesehn. Und nun? Soll sie uns sagen, was sie weiß. Verraten den Geliebten, Menzikof? Tolstoi hat einen Käficht, drin die Vögel Bald singen lernen. Doch nicht ... Laß es ruhn! Es ist ein häßlich Wort. Ich aber ...? Gleich. Zum Todesurteil treiben wir es bald, Gerät mein Fang. Was ist damit gewonnen? Und ich soll's weitertreiben! Nicht? Das sollst du. Ihr, seine Richter, dürft's nicht! (Schmach und Qual!) Gleichgültig muß Euch scheinen Eures Spruchs Vollziehung. Von der andern Seite muß Der Wind wehn, der der Mühle Flügel regt. O Herrlich! Herrlich! Ja, du lerntest zu. Wer sollt' in solcher Schule nicht begreifen? Nur immer tiefer ins Verderben! Halt: Es dürfte nicht so geradezu geschehn. Man müßte Worte wählen, die den Zar Vom Ziel zu leiten schienen, doch zum Ziel Auf Schlangenwegen führten. Du entzückst mich! Ich küß' die Hand dir, Göttliche. Wir sind, Der Jaguschinsky, Ostermann und ich Leibeigen dir, die Schwelle deinem Fuß Zum Krönungssaal. Wir brauchten's nicht, wär' noch Der Zar, wie sonst. Merkwürdig ist's. Man wird Doch alles überdrüssig. Streng' und Härte Erschöpfen sich denn auch zuletzt. Der Alte Hat sich auf jenem Nachtschmaus im Kremlin Den Magen überladen, und nun will er Den Mäß'gen spielen zum Dessert. Ich hab's Ihm abgemerkt; ich kenn' ihn durch und durch. Dem sollst du steuern, meine Königin Aus Morgenland. Dem! Allem, was den Pfad sperrt! Vorwärts, du dunkler Führer! – – Ruhig, sacht. – Geheimnisvoll. Zu Ende geht das Reich entseelter Bangnis! Bald wollen wir den Tagelöhnerschweiß Von unsern Gliedern waschen. Halbes Werk Ist Torenwerk. Der Prinz bestellt Quartier. Verstehst du mich? entsetzt. Herr Gott, wie sollt ich nicht? Laß nur die Posse mit dem Mons! Sie bricht in Tränen aus. Er stampft mit dem Fuße. Den Jungen Leid' ich durchaus nicht, bin ich hier der Herr! Sie wendet ihm den Rücken und will gehn. Er hält sie zurück. Die Brust zerfrißt es mir. Er war der erste, Der dich besungen hat; der klügsten Frau Verdreht ein Lied den Kopf. Ich will es auch Erlernen, darf ich nur erst müßig gehn; Ich will in Oden deine Schuhe küssen, Bei deinen Locken will ich schwören, will Empor sie reimen zu den Sternen, daß Der Schöpf der Berenice neidisch wird. Alles für dich! – Noch eins: Im stillen schon Schafft' ich mir zwanzig neue Pagen an, Mein künftig Wappen ist auch fertig worden. Ein kleiner Doppeladler ist im Schild, Der soll bedeuten, daß der Menzikof Rußland im Kleinen ist. Ich zeig' dir's morgen. Wir wollen prassen wie der Mogul Indiens. Auflauern lassen will ich jetzt dem Mädchen. Ab. 8. Szene Achte Szene allein. Verruchter Mensch! – Gottlob, ich bin allein. Fast barg ich es nicht mehr, und dennoch bin Ich eingeübt in jeglichem Gesichtszug, Den die Verstellung fordert. O mein Herz, Beinah' bist du zerborsten! Welch ein Morgen! Erst der Despot und dann der Bösewicht! In kurzem Auszug sah ich meines Lebens Tiefelend Qualen-vollgeschriebnes Buch. Mein erst Gefühl, ein Frevel; Kerker-Ehe, Und schändliche Vertraute! Was noch mehr? Bist du's nicht müd geworden? Mußt du dir's Noch beichtend wiederholen? – Irr im Kopf, Gleich wilden Rossen stürmen die Gedanken. Nichts hält mir fest, denn ich hab' alles, alles Gedreht, verkehrt, gedeutelt und gefälscht. Mit welchem Freimut sagte ich dem Zar Die Wahrheit ins Gesicht! Und doch, was war's? Wie? Oder trög' ich mich nur selber? Gilt denn Mir jener Jüngling etwas? ... Ach, ich war Die letzte Zeit zu viel allein! Zerstreu' dich. Törin, verflattert dein Gemüt nicht schon Haltlos nach allen Winden? Sammle dich. Um welchen Punkt? In mir ist nichts als Nichts. Wir woll'n im Freien uns erholen; ja Nach Monsens Gartenplatz. O schweben dort Nicht seine Wünsche? Nein, ins Waisenhaus! Gestiftet hab' ich's, und sie segnen mich ... Ha Täuscherin, du sorgst für fremde Kinder, Sinnst du nicht Tod ... Sie fährt zurück. Für wen? Ich? Wie? Unmöglich! Ich hätte das auch nur gedacht? Nie! Niemals! 'S war Menzikof. Recht. Der versteinte Zar Weint Tränen um den Sohn. Und ich ... Ich könnte ... Hab' ich nicht selber Kinder? Eine Mutter, Und Helferin in solchen Dingen? Dann War jegliches sein Gegenteil. Er trägt Die Schuld allein ... Er, der mich ins Verderben Gerissen – meines Lebens Pest – das Mark, Von dem das Dasein zehrt, wegdörrt' – O schilt, Schilt deine Freunde nur! Bald wirst du einsam Nach einem rufen. Geht er auch zu weit, Um wen geschieht's? – Sie geht umher, die Hände ringend. Was soll ich tun? Was halten? Woran richt' ich mich auf? – Vor dem Spiegel. Du fremdes Wesen, Gib Rat! In deinen Zügen schläft's, wie Trost. Ich könnte glauben, dieses Spiegelbild Gehöre mir ... Doch ach, es ist zu schön! Denn ich, wie kann ich schön sein? – Sie wirft sich vor einem kleinen Altare nieder. Gnad' o Himmel! Wofern du Gnade hast, hier tut sie not. O heil'ge Tugend, breite deinen Mantel, Den sternbesäten, um die Reuige! O Mutter, nimm mich auf! O Mutter, laß mich An deiner lebenquellenden Brust gesunden! Glaub diesem Flehn! Aufrichtig ist's gemeint. Nach Mord und nach Verrat, nach allen Greueln Dieselbe stets! Die Magd des fremden Willens. Dafür den schweren Kaufpreis? – Soweit kam's, Daß ich den Eigennutz bestell' als Bürgen Für meine Besserung! – Sie steht auf. Ich bin entschlossen; Nicht enden soll der Tag, wie er begann. Ich bin die Gattin Peters, und so kenn' ich Mein herzlich Frauenamt. Es löse friedlich Sich diese Irrung! All' Eu'r schleichend Tun Vereitelt die entsühnte Katharina. Nachsinnend. Wie machen wir's? Ja ... so ... Doch wenn? Kein: Doch! Wer Gutes wagt, hat nie zuviel gewagt. Ich will zum Zarewitsch. Mons soll mir helfen. Sein letzter Dienst! Auch er sei mir verloren! Viel geb' ich auf, mehr hab' ich mir erkoren. Sie geht ab. 3. Akt 1. Szene Erste Szene Einsame Gegend an der Newa. Gegen Abend. Euphrosyne. Später: Costa. tritt auf. Dreimal umkreist' ich den fühllosen Wall, Flehnd legt' ich meine Brust an seinen Zwinger. Denn hier, wo alle Menschen grausam sind, Da, dacht' ich, fühlt Erbarmen wohl ein Stein. Die Steine blieben Steine! – Luft und Licht Und Sonnenstrahlen sind der Zärtlichkeit Dienstbar gewesen in uralter Zeit, Und kleine Tiere sind gerannt als Boten Bedrängter Herzen. Ach, ich hab' kein Gold Für deine Wächter, du mein edles Wild, Und längst vorüber ist die alte Zeit. Die Mückchen tanzen überm Strom, das Schilf Nickt, traulich grüßend. Als ein kleines Kind Verlief ich mich in vornehme Gesellschaft, Sie küßten mich und wollten mich behalten, Sie nannten mich ein hübsches Ding. Ich aber Schlich mich hinweg, ganz leise, leise, wie Nur keiner auf mich merkte. Ja, wer blieb' auch, Wo man nicht hingehört? Nein! Still hinweg! 's wird keiner nach mir fragen! – – Sie macht einige Schritte gegen den Fluß. tritt aus dem Gebüsche. Halt! Costa? Derselbe. Ich angelte hinter den Weiden. Im Wasser wollte nichts anbeißen, aber in der Luft fing ich verfängliche Reden. Geh! Hast mir nichts zu befehlen. Du bist das Fischermädchen von Abo? Das arme Fischermädchen von Abo! Als sie den Prinzen festsetzten, warst du fort. Ich fürchtete mich. Es war auch kein Scherz. Ich war ein schlechtes Mädchen, o ein feiges Mädchen! Warst du schon über die Grenze? Weit, weit, wo sie anders reden. Hättst da bleiben sollen. Es litt mich nicht. Hättst bleiben sollen, wo sie anders reden. Eine recht angenehme Gegend hier. Da fließt die Newa. Tief und schnell. Geh! Hast du geheime Geschäfte mit den Wassermöwen? Ich dachte, du wolltest zum Prinzen. O ich dreimal Ärmste! Mach mich nicht zu weinen, dann werd' ich konfus. Höre, Schwester. Schwester. Liebe und Narrheit haben unter einem Herzen gelegen. Wenn ich einen verborgnen Gang in die Festung wüßte? Du? Ich. In diesem Raspelhause hat jeder seinen Beruf, und meiner ist der Müßiggang. Da kriech' ich denn so überall umher. Ich hatte meinen Ball ins Gebüsch geschlagen, suchte den Ball und fand den Gang. Ich glaube nicht, daß ihn außer dem Kommandanten noch einer kennt. Ein ehrlicher Schlosser verkauft mir wohl einen Hauptschlüssel, das Gatter zu öffnen. Ach, du belügst mich! Was bekäm' ich dafür? Man muß nichts umsonst tun, nicht einmal das Böse. Fort von der Newa! Dazu bleibt's immer noch Zeit. Wozu? Sie hat's schon vergessen. Liebe ist im April jung geworden. Halt dich versteckt. Um Mitternacht komm an die Festung, wo die Trauerweiden slehn. Ich führ' dich, und du sollst ihn führen. Fort! Um Mitternacht! Ab. allein. Ich tu's weil ich dem Prinzen gut bin. Er hat mir immer sein Konfekt zu essen gegeben, und mich verbunden, als mich Menzikof geschlagen hatte. Nein, das klingt so ordinärrührend, als wär' ich ein Lumpenhund aus einem deutschen Schauspiele. Ich tu's weil ich's tu, das ist der Satz vom zureichenden Grunde. Punktum. Er sitzt gefangen, weil er die Neigung dazu hatte. Eine sehr bedenkliche Neigung! Sie könnte leicht zu einem vertrauten Verhältnisse mit dem Scharfrichter führen. Um eine dumme Schäferstunde möchte ich nicht gern sein Kompagnon werden. Sie soll ihm die Neigung vertreiben. Die liebe Natur wird denn doch endlich einmal hier auch ein Werk tun. Auf jeden Fall geb' ich ihm das Schwert gegen seine Herrn Rhadamanthen in die Faust. Nach der andern Seite ab. 2. Szene Zweite Szene Menzikof mit Soldaten. Euphrosyne. Die Spur war richtig. Herr, Ihr irrt Euch! Nein. Ich kenn' Euch, Euphrosyne. Was verbrach ich? Nichts. Ihr sollt nur etwas erzählen, Kind. O du mein ew'ges Heil! Was wollt Ihr wissen? Den Inhalt jener Briefe. Jener Briefe? Die Ihr verbranntet. fällt ihm zu Füßen. Ich? Die Briefe? Herr, Mein lieber Herr! Ihr tut gewiß nicht das! Ich bin schon elend über alle Maßen ... Das tut Ihr nicht! Du kannst durch Offenheit Dir Gold und Ehr' und Ansehn ... steht auf. Wohin soll ich? zu den Soldaten. Zum Staatsrat Tolstoi. Wie sie trotzig blickt! Geduld, das findet sich! Unglücklicher Alexis! Sie geht. Menzikof und Soldaten folgen. 3. Szene Dritte Szene Zimmer in der Festung. Nichts Kerkerartiges Aussicht auf eine Galerie. Alexis an einem Tische, vor einem aufgeschlagenen Buche. Oberst Schepelew steht bei ihm. Hört auf zu lesen, Prinz; spät ist es schon, Ihr seid zu eifrig, Ihr verderbt die Augen. Ich wollt', ich hätt' vier Augen, Schepelew, Um doppelt viel zu lesen. In den Geist Senkt sich, wie himmlisch Manna, eine Saat Von würdigen Gedanken. Auf nun wallt Das dürrgelegne Feld von goldnen Halmen. O meine Seele dürstet, ihren Trank Mit tausend Lippen einzuschlürfen! Laß mich Noch lesen, Schepelew. Was las't Ihr eben? Den Tod des Schwedenkönigs Erich Vierzehn, Und seines Lebens Leiden. – Von dem Vater Ward er in Ungunst spärlich-kurz gehalten, So schwand ihm seine arme Jugend hin. Genannt ein König, wollt' er König sein; Die bösen Brüder, und die bösen Sturen Verhinderten's mit arger Hinterlist; So schwand ihm seine Männlichkeit dahin. Und als er, ein gehetzter Leu, die Hunde Zornbrüllend niederwarf, da schlugen sie In Bande seinen Leib. Nun wandert' er Die tiefe Furch' in seines Kerkers Estrich, Erwies es schriftlich Schluß auf Schluß, daß er Beständig Recht gehabt. (Wie ich der Meinung Denn auch in Rücksicht seiner bin.) Da brauchten Das letzte Mittel sie, und schickten Gift Nach Kerker Örbyhus. Das trank der König; So schwand zuletzt sein Leben ihm dahin. beiseite. (Ich las die Kunde auch von diesem König, Doch darin stand manch andres Wort geschrieben. Ach, Unglück sieht nur sich in jedem Ding!) Und kaum ist der gekränkte Fürst verschieden, So andert alles sich. Haß trennt die Brüder, Nur Not erschlich der schleichende Johann. Zur Gruft des heiß zurückersehnten Toten In Westeräs, drängt sich das reu'ge Volk, Von Tränen rosten die metallnen Pforten. Es lebt Erinn'rung über Gräbern auf, Und sinnend sitzt die Rach' auf Leichensteinen. – O welch ein teurer Trost ist die Geschichte! Welch' gründliche Arznei! – Im Zeitensaal Wird abgetan der Schleier jedem Trug, Da blinzt verlegen aufgespreizter Stolz, Da zeigt getrost die Unschuld ihre Wunden. Der Augenblick ist ein verworrner Spieler, Mit wüstem Grinsen, ungeschickter Faust Sitzt er am Brett, auf das des Höchsten Hand Die Steine hat gestellt. Er zieht sie quer Und schief und über Eck. Dann durcheinander Wirft er sie auf den Tisch. – Nun ist die Macht Des frevelnden Gesellen hin; nun schreitet Herzu die heil'ge Göttin, stellt das Spiel Nach seiner Regel wieder her; die Völker Ruft sie zum Tisch, und zeigt den Schauenden, Wie eigentlich gezogen werden mußte. Da wird der Bauer wieder Bau'r, der Schach Der träge Schach, der Ritter springt und fliegt, Die Königin geht ihren kühnen Gang. Wollt Ihr nicht die Gedanken davon wenden? Ihr regt Euch auf, und braucht der Ruh'. Ihr habt Zu morgen einen schweren Tag, mein Prinz. Ich habe morgen meinen Ehrentag, Ich kämpfe morgen einen guten Kampf, Ich pflücke morgen mir mein Siegesreis! Ein unfruchtbarer Kampfplatz! Wohl so fruchtbar, Als jeder andre. Überall, wo Feinde Unmächtig knirschend zagen, grünt ein Lorbeer. Nicht bloß die Schlacht zeugt Helden. Gebe Gott, Daß Euch die Hoffnung nicht betrügt! Sie wird's nicht. Sie hat mich vierundzwanzig Jahr betrogen, Und nun bereut sie es, und tut's nicht mehr. Ich jauchze über meiner Feinde Qual! Wie sich die klügsten, stärksten Männer Rußlands Abmühn, den blöden Menschen zu verderben, Den sie gehöhnt, verachtet und beschimpft! Der kluge Feldherr bin ich, der sich stellt, Als sei er überwunden. Schüchtern sag' ich, Demüt'gen Blicks, im Ton des Angeklagten, All meines Herzens Haß und Bitterkeit Den Schachern ins Gesicht. Was ich gedacht, Bekommen sie zu hören, und sie dürfen – (Und das bringt sie zur Raserei –) daraus Mir kein Verbrechen machen. Wie das freut, Dem Gegner in das Herz den Pfeil zu senden, Und dann am Widerhaken ihn zu wenden! Ihr habt Euch wundersam verändert, Prinz. Ihr wart sonst still und scheu. Ich war es, Freund. Ein jeder wandelt sich wohl mit den Jahren. Da andrer Los gar anders war, als meins, Bin ich das Gegenteil von andern Menschen. Denn ihnen fängt das Leben fröhlich an, Sie scherzen mutig ihre Tage hin, Bis daß ein Elend kommt, dann zittern sie Den Rest der Jahre. – Mir ging auf das Licht In Trübsal und in Zwang, und ich begann Mit Zittern meine Jugend. Da zerstörte Der Zwang sich selbst durch wildes Übermaß, Im Herzen stockte mir der Quell der Trübsal, Weil er zu reich geströmt. Jung, war ich Greis, Nun bringen mir die Stunden meine Jugend, Und kühnlich end' ich, weil ich scheu begann! Beklagenswerter Fürst! Beklagenswert? Ihr seid viel schlimmer dran. Wer? Du, die Leute, Die draußen sind, bis zu dem Zar. – Du bist Mir freundlich; warum hältst du mich verhaftet? Gott, Prinz, die Furcht ... Der Zar, voll herben Hohns, Gab mir dies Amt, weil ich für Euch gestrebt. Er weiß, so streng wahrt keiner diese Schlüssel, Als ich, weil ich verdächtig einst gewesen. Gut. Und die Richter? Warum sinnen sie Auf meinen Tod? Aus Furcht. Weil, wenn Ihr lebt, Sie unterm Schwert die Köpfe haben. Richtig. Doch Katharina, warum haßt sie mich In ihrer süßen Maske? Nun – aus Furcht, Sie möchte, höbe Euch die Zeit empor, Den Platz verwechseln mit Eudoxien. Recht! Das wird auch alles so geschehn. – Zuletzt: Der Zar, warum verfolgt er seinen Sohn? Aus Furcht, Ihr schleudert in das Nichts sein Werk. Furcht also überall! Vom Zar zu dir! Kronfarbe Rußlands ist trübsel'ge Furcht. Ich fürchte niemand. Dich nicht, nicht die Richter, Nicht Katharinen, nicht den Zar. Wer ist Beklagenswert? Ich bin der einz'ge Freie unter euch. Gut' Nacht, mein Prinz. Gut' Nacht, mein sanfter Wächter. Bewahr' du deinem jetz'gen Herrn die Schlüssel. Der Künft'ge weiß, wie du's getan. – Fort, fort! Schepelew ab. allein, steht am Fenster. Da drüben prahlen fünfzig helle Fenster; Grell glüht der Palast mir ins Antlitz. Hier Flammt ein bescheidnes Lämpchen. Schüchtern wirft's Sein frommes Licht auf dieses schlichte Lager, Das keine Sorge je mit mir geteilt. Du könntst erlöschen, Lampe, und es bliebe Doch hell in diesem Zirk. Da drüben aber, Wenn auch der Kerzen hundert, aber hundert, Und wieder hundert mehr entzündet würden, Es wär' nicht hell genug, dem Herrn des Schlosses Die hinterhältigen Gedanken, Listen, Versteckten Anschläg', Ränke zu beleuchten, Die in den Falten dort um falsche Lippen Gelagert lauern; unter tiefen Braunen Beschattet drohn; heimtück'sche Augenwinkel Zu ihrer Drachenhöhl erkiesten. – Zar, Ich könnt' dich fast bedauern. All dein Leben, An ein Exempel ist's gesetzt. Sobald Der Mensch sich findet, welcher ist, wie er Zu sein sich vorgenommen, steht die Rechnung Dem Rechner nicht mehr klar. Welch schwach Gebäude, Das ein beherzter Atemzug erschüttert! 4. Szene Vierte Szene Costa ist bei den letzten Worten eingetreten. Alexis. Hier sind wir ja im besten Zuge. Wie, Narr? So spät? Ließ dich der Kommandant noch ein? Ich komme nicht auf dem Kommandantenwege. Ich bin auf meinen eignen Pfaden gekrochen, gerutscht, gestolpert, wie's ging und fiel. Er schüttelt sich. Prr! Die Molche, die Unken, die Feuerkröten gedeihen gut in solchen Löchern, immer saß es mir im Nacken wie ein tausendbeiniges Amphibium, es ist erstaunlich, was man in der Finsternis sieht, grüne Augen und gelbe Augen und rote, und Nasen und Schnauzen! Hast was zu trinken? Ich bin nur noch ein halber Mensch. Ich verstehe nicht, was du meinst. zieht einen großen Schlüssel hervor. Das ist ein Schlüssel, und in die Festung führt ein Diebessteig. Verstehst nun? Warum schlichst du dich ein? Mußt' Euch sprechen. Um Mitternacht? Geh, leg dich schlafen, du König der Samojeden. Ihr sollt mich nicht hohnnecken! Ist's nicht dein Titel? Bin ich jetzt im Dienste? Wenn ich muß, so muß ich, aber jetzt stehe ich als Mensch, nicht als Narr vor dir. Nicht einmal die Narrheit ist hier freiwillig. Ich erinnre mich. Du solltest einen Brief nach Kiew bringen. Der Stadthauptmann wollte dich bei der Nacht nicht einlassen. Statt zu warten bis morgen, machtest du mit deinem Briefe die dreißig Meilen zurück, und verklagtest den Stadthauptmann. Lassen wir das ruhn. Die wichtige Botschaft war versäumt; sie sprachen dir das Leben ab. Der Zar begnadigte dich. Eine schöne Gnade, einem Schellen anzuhängen! Nun, du Mensch, nicht Narr, was bringst du mir zu dieser ungewöhnlichen Stunde? Erstens: meine Denkwürdigkeiten. Er zieht eine Rolle hervor. Für den Fall, daß du dich einmal durchaus in diese Kasematten verliebt haben willst. nimmt die Schrift. »Geheime Geschichte von St. Petersburg. – Erstes Kapitel: Schlechte Streiche Menzikofs ... Zweites Kapitel: Der Betrüger Schaphirow. Drittes Kapitel: Der Verräter Ostermann. Viertes ...« Von wem ist das? Von mir. Ich schrieb's in meinen Freistunden. Mir gefällt die lebhafte Jacke nicht, die sie mir angezogen haben, kein ordentlicher Mensch will mit mir trinken; meine Sippschaft hat sich von mir losgesagt. Da bin ich hypochondrisch geworden, und in der Stimmung paßt man scharf auf. der indessen gelesen. Hier seh' ich schwarze Taten der Ersten dieses Reichs angemerkt. Ich lese die Namen meiner Feinde und an jedem hängt ein unverzeihlicher Frevel. Nebst Angabe der Zeugen und Beweise. Es ist gewöhnlich, daß es in einer großen Wirtschaft nicht so eben hergeht, des Herrn Auge reicht nur, wie weit es reicht. Aber, wie der Zar belegen und betrogen wird, das läuft ins Ungewöhnliche. Im allgemeinen ist mir das bekannt. Und im besondern mir. Menzikof baut Kanäle und was alles noch, in der Einbildungskraft, und hat seine Hand in der Tasche jedes Russen. Schaphirow geht wie der Schakal mit dem Löwen jagen, nimmt, was Menzikof übriggelassen, und ist ihm Feind, weil es nicht mehr ist. Der Bischof von Pleskow handelt mit Geld und Versprechungen Seelen für die neue, allerhöchst approbierte Religion ein. Jaguschinsky läßt im Zorn und Rausch verhaften ad libitum. Ostermann hat sich den Rückzug nach Schweden vorbehalten, wenn es hier übel gehen sollte. O armes Rußland! Heute morgen war große Haupt- und Staatsaktion im Thronsaale. Ich saß hinterm Getäfel. Sie traten vor Ihn, wie die Kinder Gottes vor den Herrn, Hiob am ersten, Vers sechs. Mein Kollege, der Zar, war so glücklich und gerührt, wie Schach Riar bei den Märchen der Scheherezade. Ich war's auch. Es ist traurig, allein stehn zu müssen auf der Welt. Ich stand nicht mehr allein. Verruchte Fratzenschöpfung! Seelenmörderisches Affentreiben! Ich hatte ja immer recht! – Aber woher erfuhrst du das alles? Von den Schenkstuben, den Kirmessen und den Tanzböden. Du treibst Geschichte in deiner Eremitage, du solltest den trivialen Satz weg haben, daß das ganze Land immer gewußt hat, was der König nicht wußte. Außerdem lästern sie selbst einer über den andern, und vor mir hält sich niemand zurück. Sie sagen: »Es ist nur der Narr«, und schwatzen weiter. Ich höre zu, und bring's zu Papier. Sollte denn das alles sich wirklich so verhalten? Ach nein. Aus ihrem Leben Wahrheit und Dichtung. Gute Memoiren verlangen diese Mixtur, wie die größten Geister behaupten. Was tut's? Hast du's zu prüfen? Ich verstehe dich. Hier wird einem geglaubt, wenn man nur Übles spricht, denn keiner taugt etwas. In meiner Hand ist's nicht nutz. Ich schenke dir meine Denkwürdigkeiten. Ich behalte sie und danke dafür. Das ist keine Welt für Edelmut. Haß für Haß, Vernichtung für Verfolgung! Ich bin Meister Eures Schicksals. Warum lachst du? Du bist, wie ich dich erwartete. Schlimm, wie dein Vater. Sie sagen, Ihr wärt so verschieden. Es ist nicht wahr. Ihr könnt einander nicht leiden, aus Handwerksneid. Kannst recht haben. Ich bin nicht gut, wie hätt' ich's werden sollen? – Nun geh, du Chronist. Ich hab' noch eine gar andre Geschichte. Er nimmt eine Laute vom Tische. Wenn die Euch recht ans Herz spricht, braucht Ihr weder Wahrheit noch Dichtung. Was willst du? Singen. Ein Nachtlied. Geister schweben, schwanken, weiße, draußen am Weidenbaum. Wollen sie beschwören. Aberwitz! Wenn man dich hört ... Summe zwischen den Zähnen ... Er singt leise. Jörru, Jörru, darf ich kommen? Nicht o Liebchen, heute. Wärest du doch gestern kommen! Nun sind um mich Leute. Nicht dieses Lied! Es löst mein Herz in Tränen. Wie fällst du auf das Lied? Auf seinen Wellen Wiegt, wie ein lächelnd Kind, Erinnrung sich Heran! Heran! – Es macht mich mild zur Unzeit, Ich brauche Kraft. Gib Wermut mir zu trinken! Das Süße, was mein bittres Leben bot, Stell weit hinweg! – Hör auf zu singen, Bursch. singt. Aber morgen, früh am Morgen, Schlanke, liebe Kleine, Kannst du kommen ohne Sorgen, Da bin ich alleine. Nicht mehr dies Lied! Ich bitte dich ... Sie sang's. Es war das erstemal, daß ich sie sah. Sie saß im kühlen Busch mit sich allein, Und netzt' im Wasser spielend ihre Füßchen. Und ich belauschte sie. – Da trat ich zu ihr, Und Rose ward nun Wange, Kinn und Hals. Nun, warum singst du nicht? singt. Wenn die Vögelein sich regen Früh im reinen Taue, Hüpf' ich, Liebste, dir entgegen Weißt? Auf jener Aue. O reiner Tau, wann stärkst du meine Brust? Ihr Vögelchen, wann hör' ich euer Singen? Wann hüpf' ich dir entgegen, meine Lust, Auf jener Au', wo wir so fröhlich gingen? legt die Laute weg. Gleich, hoff' ich, gleich, wenn sie zu bitten weiß. Eine Uhr schlägt zwölf. Die Stund' ist da. Nun Mut ... bring' Euch Gesellschaft. Gesellschaft? Du? Ja, durch den finstern Gang. Wen? Wen? Ein Mädchen, die das Liedchen auch Zu singen weiß. Das Liedchen! Mädchen! Singen? Ist's möglich ... Sie ... Sie! Euphrosyne? Richtig, Wenn's keine andre ist. O all ihr Rosen Von Ispahan! – Sie! Warum kam sie? 's wollt Sich in der Fremde kein Alexis finden. Ich bring' die Torheit Euch durch Finsternis, Durch Qualm, Gewürme, Nessel, Dornenriß! Ab. allein. Halt du! Du sollst nicht! Lauscht nicht hier der Tod? O treues Veilchen! ... Fort! Hinweg! Hinweg! Herbei! ... Wer reißt den Becher von den Lippen Des halb Verschmachteten? ... 5. Szene Fünfte Szene Schepelew im Nachtkleide, mit einem Windlichte, eilig, bestürzt. Alexis. Seid Ihr noch wach? Welch eine Überraschung! Prinz, macht Euch Gefaßt auf den Besuch! Du? Schepelew? Ist dir's verraten worden? Sei barmherzig! Ihr wißt es schon? Empfangt sie nur mit Vorsicht! Tief um die Mitternacht – Sie an der Pforte! Das kann den Kopf mir kosten, doch wer darf Da zu verweigern wagen? ... Wir Bedrängten, Gefesselten der Macht! Eilig ab. allein. Siegreiche Liebe! Du bändigst Löwen, sänftigst stürm'sche Meere, Dein göttlich Atmen sprengt den Wall von Stein! Noch vor dem Streite reichst du mir den Preis, Und gießest einzigholde Lebenslust In diese sehnend auf getane Brust! Es schleicht ein Balsamduft, ein zärtlich Flüstern, Ein lechzend Wehn, ein Hauch von warmen Küssen durch wollustschwangre Lüfte ... Horch! Sie ist's ... Er eilt gegen die Galerie. Katharina tritt ein. Alexis tritt bei ihrem Anblicke zurück. 6. Szene Sechste Szene Katharina. Alexis. Zuletzt: Mons de la Croix. O ew'ger Himmel! Diese? Was will diese? Den Frieden stiften im entzweiten Haus. Alexis, sammle dich! Ich fühle wohl, Daß mein Erscheinen dich befremden muß. Ich hatte keine andre Stunde, wollte Nichts vorbereitet Künstliches. Ich brauchte Auf diesem Wege nicht ein seltsam Tun Zu scheun. Stiefmutter bin ich dir. Doch glaube, Auch solche können's redlich meinen. Prinz, Den Weg der Rettung Euch zu zeigen, komm' ich. in der heftigsten Bewegung. Du? Mir? Den Weg der Rettung! Wo ist Sie? Wenn diese sie beträfe ... Schmerz und Jammer! Essig die Säfte meines Leibes ... Oh! – Das Herz lag aufgebrochen wie 'ne Lilie! O meine armen Blätter! – Gift'ger Wurm! Wie dürft' er's wagen, solcher Pracht zu nahn? ... Du bist von Sinnen! Höre zu, hör' mich. Verloren bist du, wie dein wilder Stolz Sich auch verteidigt wähnt. Gerichtet wirst du, Sie treiben's durch, der Zar kann's nicht verhindern. Sein Sinn ist dir geneigt, das sag' ich dir, Ein einzig Mittel gibt's, das bring' ich dir, In innerster Bewegung fand ich's aus. Du folgst mir auf der Stelle. Noch ist wach Dein Herr und Vater. Ich vertret' es. Komm. Du stürzest reuig auf dein Knie vor ihm, Du badest seine Hand mit Kindeszähren, Du sagst aufricht'ge Sohnesworte ihm, Du lobst ihm fromm-empfundenen Gehorsam, Du gibst dein Los in seine Gnade hin, Du tust das alles gleich unweigerlich ... Sie will ihn bei der Hand ergreifen. zieht die Hand zurück. Nur Fürst und Fürstin gehen Hand in Hand! – Du bist die Gleisnerin, die mich belügt, Du baust die Falle, die zu gröblich ist, Du hast verloren List und Müh' und Fleiß, Ich glaub' dir nicht! Du bist im Haupte krank, Und drum vergeb' ich's. Bei dem Kreuz. Ich sprach Von Herzen. Folg mir. Auch zudringlich? Doch Das ist ja deinesgleichen stets. Nun denn, Bist wahrhaft du, will ich kein Heuchler sein. Zu andrer Stunde sagt' ich's gerne dir In feinrer Art. Doch heute bin ich nicht Gefaßt auf Wendungen. Und also mein' ich's: Im Schlechten gehe vorwärts, das vermagst du; Zwing dich zum Guten nicht! Der Weg dahin Ist allzu steil für sündenschlaffe Füße. Was mich betrifft, so wisse: Morgen abend Geht losgesprochen aus der Sohn des Herrn, Ein greulich Schreckbild dir, Euch allen. Sterblich Ist Peter, doch das Volk lebt ewig! Mir Gehört's, und fühlen hab' ich mich gelernt Als Feldherrn; an des Heeres Spitze aber Ergibt sich nur der Feigling, der ich war. Räum' meiner Mutter schnöd' erbuhlten Platz, Sei, was du warst! Stell dich im Linnenkleid Auf Vaters Hufe, dann will ich beim Gutsherrn Ausmachen, daß er dir die Büß' erläßt Für die versäumten Fronden. Kümmre dich Nicht um das Los des Zarewitsch von Rußland! Er tritt zur Seite. tritt ein mit gezognem Degen. Sieh beben mich vor Zorn, geschmähte Fürstin! Gebiete mir, so wühlt mein Degen rächend In dieses Frevlers Brust! Du schweigst von ihm, Sonst bann' ich dich auf ew'ge Zeit! Ich bin Geheilt, bin Katharin' Alexiewna! Verbrechen sind an mir zu üben: Niemand Kann mich beleidigen. Laß mich ihn töten! Sein Haupt ist eines andern Eigentum. Wer wollt' in fremdes Amt sich drängen? – Gehn wir! Sie geht. Mons folgt. ihnen nachsehend. Mein Vater ist ein armer, armer Mann! Doch sie? Wo war sie? Ist sie? – Weg Gedanken, Die mich entmannen! – Tag brich an, und leuchte Dem Braven und dem Schelm ins Angesicht! Er wirft sich auf sein Lager. 4. Akt 1. Szene Erste Szene Gemach in Tolstois Hause. Morgen. Zwei Türsteher. Hat sie bekannt? Nein, sie seufzt und weint und ruft, sie wisse nichts. Seine Exzellenz werden es doch wohl herausbekommen. Nun das versteht sich. Wenn die Wahrheit verlorengegangen wäre, wie eine Stecknadel, die in den Brunnen fiel, der Herr Staatsrat fänden sie wieder. Es ist eine Freude, dem Herrn zuzusehen. Immer gelassen, immer freundlich. Sich nicht reizen lassen, nie zornig werden. Und die Beharrlichkeit! Seit acht Stunden sitzt er auf seinem Stuhle, und meint Ihr, daß er schon ein Glas Wasser verlangte? Er hat gar keine Bedürfnisse, und dasselbe denkt er von uns, seinen Dienern. Es geht uns spärlich, das ist wahr. Aber das muß so sein. Die Speise der Gerechtigkeit ist die Nüchternheit, sagen seine Exzellenz. Dafür ist dieses Haus aber auch die Freistatt der immerwährenden Ruhe und Sicherheit. Wir haben den Sturz unsres Gebieters nicht, keine Verändrung zu scheun. Noch niemals hat sich gegen ihn eine Anklage, ein Verdacht erhoben. Er ist ja auch der gerechteste Mann in Rußland. Ein Mensch von wildem Ansehn geht mit einem glühenden Eisen über den Schauplatz. Das war der alte Isaak. Nun werden Seine Exzellenz das Mädchen zu fürchten machen. Hörtet Ihr nichts? Es schrie etwas. Heftige Schritte? Es kommt! 2. Szene Zweite Szene Tolstoi und Menzikof. Ein Sekretär folgt. Vorige. Wo ist das Mädchen? Nicht hier, Exzellenz. Das sehe ich. Sie muß über den Nebengang geflüchtet sein. »Zum Zaren!« war ihr letzter Ruf. Was will sie beim Zaren? zu den Türstehern. Geht, sucht sie, bringt sie. Die Türsteher ab. Lebt wohl. Wohin? Die Dirne ist reizend, ich kann die Qual nicht länger mit ansehn. Ihr habt ein festes Gemüt, das muß ich bezeugen. Mir ist, als war's mein Gerichtsmorgen. Er geht. Schwelger und Wollüstling! Ein Dentschik tritt auf. Im Auftrag und Befehl der Majestät: Ein armes Mädchen flüchtet' sich ins Schloß, Gestand dort Ding', bezüglich auf den Prinzen. Der Herr hat sie gehört, und läßt gebieten, Ihr sollt vorangehn mit des Tages Werk Ohn' Rücksicht auf das Kind. Man soll, er will es, Durchaus in Ruh' sie lassen. Der Dentschik ab. So? In Ruhe? Ihm denn die Unruh'! – »Will es ...« »Läßt gebieten ...« Ei ja doch. Schiffsmann, Schmidt, zur Abwechslung Dann Kaiser und Tyrann! Es sei. Zum Sekretär. Ignaz! – Entwerft die Ladung an den Admiral Peter Alexiewitsch von der Ostseeflotte. Der Sekretär sieht ihn fragend an. Tolstoi wiederholt. Peter Alexiewitsch von der Ostseeflotte. – Die Euphrosyne fällt uns aus. – So mag Der Admiral denn de auditu zeugen! Er geht. Der Sekretär folgt. 3. Szene Dritte Szene Kurze offne Galerie im Palaste. Zar Peter. Euphrosyne zerstört mit aufgelöstem Haar. Später: Der Sekretär und Tolstoi. Er soll nicht sterben! Er soll's nicht! Beruh'ge dich! Du stehst in meinem Schutz. Wer spricht von mir? Bist du denn ganz unfaßbar? – Schutz? – Schütze, die danach verlangen! Er soll nicht sterben. Die Gerichte Gottes über dich, wenn er stirbt! Erhole dich von deinem Schreck. »Und sei meiner Gnade versichert;« und so weiter. Nicht wahr? Die Feuersgefahr wäre ja überstanden. Sie stürzt in die Knie. O Heiland! Erlöser! Gepeinigter! Warum ist es nicht geschehen? Warum nicht gestern? Dem Wasser hätt' ich's zugebracht, dem lieben, treuen, still hättest du's verborgen, heiliger Abgrund, flüsternder, grünäugiger Vater des Todes. Nun komm' ich arm, leer, unnütz, ein eitles Spiel der Verwesung! Zwischen gestern und heut, ich verspreche dir's bei meiner Würde, ist kein Unterschied. springt auf. Unterschied? – Ja, Unterschied soll sein! Sie hätten gestern gemacht ein Lied »Vom treuen Fischermädchen« Und heute? Das Geflügel des Strandes wendet höhnisch das Haupt, Und zischt mich aus. Die Welt singt, sagt von Heldenweibern, Die um 'nen mürrischen Gatten Trugen Schmach, Verfolgung, Qualen, Tod; Wir aber sind standhaft, bis sie uns martern wollen! Siehst! das ist der Unterschied! Und mein Liebster war zärtlich. Mädchen! Das Mädchen trägt die Hälfte, Und der Prinz das andre. Für einen ist's zuviel! – Er hat auch Schuld! Ein Königssohn, Und so sich erniedrigen? nimmt sie bei der Hand. Er – hat sich nicht erniedrigt. – Sei doch unbesorgt um ihn. Um wen? Bist du abwesend? – Um den Alexis. kalt. So? Um den! Man sagt, du seist vom Weibe geboren. Ist's wahr, so ist er wohl nicht verloren. Tu, was du magst, Mir gilt's gleich. Es ging mir übel, Nun geht mir's wohl! Ab. allein. Da blickt' ich in ein edelmüt'ges Herz. – Er legt die Hand an die Stirn. Nach einer Pause. Es ist doch gut, daß ich's erst jetzt erfuhr. Der Sekretär tritt auf mit einem Papiere in der Hand. Nächst dem Eingang wirft er sich auf die Knie. Das Knien soll nicht sein! Bei schwerer Strafe Ließ ich das Knien verbieten. – Auf! Der Sekretär richtet sich bestürzt auf. Was hast du? Bist du ein Stummer des Serails? Er nimmt dem Sekretär die Schrift ab, sieht hinein und stutzt. Wie? Ladung? Ladung ... ins Reichsgericht? ... Der Admiral Peter Alexiewitsch ... Der wär' ich selber! Gezeichnet: Tolstoi. – Peter? Alexiewitsch? Gibt's denn etwa den Zweiten dieses Namens? Nicht doch! – Ein seltner Fehler. Zum Sekretär. Ruf den Staatsrat. Sekretär ab. Der Zar sieht in das Papier. Nach einer Pause Tolstoi. Ihr habt Euch auch einmal versehen, Tolstoi. Ich? Ihr, ja Ihr. Nehmt, lest! Er hält Tolstoi das Papier vor. Ich kenn' die Schrift. Wohl nicht so ganz. Ihr müßt nichts unterzeichnen, Was Ihr nicht vorher durchgelesen habt. das Papier überblickend. Das Stück ward Wort für Wort von mir diktiert. Wie soll ich das verstehn? Die Schrift ist klar. lachend. O ja! Drum dächt' ich, gingen wir und zeugten. Ich kann Ew. Exzellenz nicht dispensieren. Was!? Exzellenz ... mit Nachdruck. Dem Grad des Admirals – Ward diesem Grad vielleicht in jüngster Zeit Ein höherer Charakter beigelegt? Ah – nun begreif' ich's. Oder gibt's in Rußland Der Admiräle, welche nur zum Schein Die Achselschnüre tragen? Nein, Herr Staatsrat, Der Admiräle gibt's in Rußland keinen. Am fernsten aber ist von solchem Schein Der, den du ludst. Wie wenig er auch sein mag, Das mindstens ist er immer, was er ist. Mit einem Blicke in das Blatt. Was tun wir denn? Daß man vor unsre Schranken Ungern sich stellt, ist sehr begreiflich. Doch – Ich kann Ew. Exzellenz nicht dispensieren, Wird nicht etwan ... Nun? Die Geflüchtete Mir ausgeliefert. rasch. Die hat des Zaren Wort! Sie konnt's nicht haben, nimmt man es genau. Mein Bann ist unverletzlich. Wer jedoch Vermag was wider Majestät? Deshalb Verhandl' ich eben mit dem Admiral. Tolstoi, nimm du Vernunft an! Diese Grille Bescherzt ein wenig frei das Heiligste. Sind wir im Pfänderspiel? Die Antithese Gehört in eine spanische Komödie. Auf Seemanns Wort! Das Mädchen sagte nichts, Was sich bezieht auf des Alexis Schuld. Das zu erwägen, sei der Richter Sorge. Wie Erz und Stein! – Woher nimmst du die Kühnheit? Ich trag' ein Kleid, das mich vergessen macht, Es gäbe Dinge, welche Kühnheit fordern. mit Überwindung. Nach meiner Kenntnis vom Gesetz des Landes Dürft Ihr den Vater gegen seinen Sohn Nicht hören. Nein, betrifft's Gewöhnliches. Bei Staatsverbrechen aber mögen Knechte Vernommen werden wider ihren Herrn, Der Bruder wider seinen Bruder, Gatten Entgegen Gatten, Söhne wider Väter, Und umgekehrt. Slowo i delo! riefst du. Sobald dies Wort ertönt, schweigt die Natur. Befiehlst du, daß ich dein Edikt ...? Ich – kenn' es. Und dann zum Überfluß: Ich redete Vom Vater gestern früh. Der Zar verwies mir's. Wenn ich nur wüßte, was dir's frommen soll, Die Folgen abzuwenden, flog sie zu mir. Sie sagte mir, was sie bereits an dich Bekannt zu haben, mir versicherte. Zu Füßen mir gestürzt, entgeistert, blaß, Mit einem irren Blick erzwungnen Zutrauns, Rief sie mir's zu. Mir hat sie nichts gesagt. Nichts? Log sie mir? Der Schreck betäubte sie, Den ich erlaubterweise angewendet. Im höchsten Aufruhr aller Sinne greift Des Menschen Seele wild in ihre Tiefen. Dann weiß ein jeder: fähig sei er dessen, Was er am meisten haßt, verabscheut; sieht, Was noch geschehen könnte, schon geschehn, Weil dem Gewissen der Gedanke auch Für eine Tat gilt. Die Verzweiflung predigt Die bodenlose Schlechtigkeit der Menschen. Ihr seid – ein finstrer Späher. Ich beneid' Euch Nicht um die Wissenschaft. – Mir sank kein Tag, Der mir nicht Hinterlist, Verstellung, Bosheit, Geheime Tücke, offenbaren Undank Auf wohlerdachte Pfade ausgestreut; Und dennoch glaub' ich an die Menschen noch Ein wenig, Tolstoi, tu's meinetwillen; Ein elend Leben war's, tät' man es nicht. Genug! – Er deutet auf das Papier. Dies ist 'ne Frag', wie weit mit mir Zu gehen sei? – Der Admiral antwortet: Er wird dir nicht gehorchen. in steigender Bewegung. Nicht gehorchen? ruhig. Wir sind hier auf dem Lande, nicht zur See. – Mit dem Zeichen der Entlassung. 's wird Zeit zur Sitzung sein. Den Ausfall meldet Mir gleich nach ihrem Schluß. Du weigerst dich, ins Reichsgericht zu kommen? Ich will mich unter winden des Vergehns. zerreißt sein Gewand. So zerreiß' ich mein Amtsgewand, wie du das Kleid Das heil'ge, weiße abgrundgewirkte Kleid Zerreißest der Gerechtigkeit! So schreit' ich Stehenden Fußes in den Saal, und schleudre Die Uloschenie, Statuten, Ukase Ins Feuer, das sie fressen soll, die dreimal eiteln! So stoß' ich die Tafel um und die Stühle! Treibe Die Richter aus den Hallen, denn sie sind unnütz! So zerbrech' ich den Stab und rufe: »Zeter! Zeter!« Statt über den Alexis, über das Land der Russen! Tolstoi! Mäß'ge dich! Du bist bei deinem Herrn! Ich kenne keinen Herrn in dieser Sache! Ich war bei meinem Herren gestern, gestern früh, Und er sagte: »Vergesset, daß Euch ein Zar beherrscht, Welcher Peter heißet!« – Worte waren es, Worte leer! Wenn es die Mühe nicht lohnt, freilich da gelten wir, Aber im ernsteren Streit spielet mit Worten Ihr nur! Laß mich von hinnen, Zar, denn ich erkenne dich jetzt! die Hand am Degen. Tolstoi! Ich bin geharn'scht, fest, gepanzert in Erz! Mit dem Schwerte bewehrt unrechthassenden Sinns, Mit dem Schilde bedeckt todverachtenden Muts! Lösest du auf die Kreise, die ich geordnet zog, Dulde, daß ich beklage dieser Zerstörung Werk. Hemm' deine Klage! – Ist denn, was ich heut Erfahre, mir so neu? Im Jahre Vierzehn, Vor dem Finnländschen Zug sucht' ich Befördrung Vom Schout by Nacht zum Vizeadmiral. Und das Kollegium versagte mir's. Wie Recht. Und du verfährst nach deiner Pflicht, und tust, Was selber ich geboten hab'. Wie Recht. Also bestätg' ich dich aufs neu in deiner Allgewalt, Und gebe unter deinen Bann mein Kaiserhaupt Gleich dem gemeinsten Russen hin unweigerlich. – Nichts hab' ich, womit dir zu lohnen ist; Erfreut ein Zierrat dich, nimm den Andreasstern! Den Stern dem Manne, der zu schaffen weiß! Wir schaffen nichts. Das aber will und fordr' ich, Daß vor das Reichsgericht der Zeuge komme. Der Zeuge wird kommen, und du sollst durchaus Den Willen haben. Ich nachher gedenke Den meinigen zu haben. Tolstoi ab. Mit schauerlicher Freude seh' ich überstark Die Formen, die ich bildete, gewaltiger Denn ich, mein eignes Selbst in ihren Gang Fortreißen, unantastbar meiner Faust! – Das Werk ist ewig, das den Meister meistert, Und die Gewißheit der Unsterblichkeit Verdank' ich dieser Stunde. – Er geht. 4. Szene Vierte Szene Der Gerichtssaal. Das versammelte Gericht. An einem halbmondförmigen Tische sitzen: Tolstoi in der Mitte. Neben ihm Schaphirow zwischen Menzikof und Ostermann. Sodann weiter rechts: Theophanes und die Geistlichen. Links an der Tafel: Die Generale und Senatoren. Ganz zu Ende rechts: Jaguschinksy. Sekretäre an kleinen niedrigen Tischen. Hellebardiere an der Pforte. Später: Zar Peter. Alexis steht vor den Schranken. Pause bei dem Beginn der Szene. Tolstoi blickt unruhig nach der Türe. steht auf und geht zu Tolstoi. Laßt einmal nur von diesem Starrsinn! Denkt Ans Heil des Reichs, an uns, an unsre Zukunft! Auf die Versammlung deutend. Wie die Euch stimmen hören, stimmen sie. Gönnt mir ein Wort. In Euren Händen liegt's. Herr Generalanwalt, die Willkür liegt In meinen Händen nicht. Bis jetzt steht's so: Daß ich den Prinzen absolvieren muß. Dann fahre hin, Glück, Hoffnung, Sicherheit! Er geht an seinen Platz. zu Schaphirow. Kann ich denn auf Euch baun? All' Eure Werke. Ach Gott! Fürst Menzikof seufzt ja so tief. Er denkt an seine Werke. Stets dies Haschen Nach Witz! Satire zeigt ein schlechtes Herz. Zum Lachen ist, bei Gott, der Tag zu ernst. Er zieht uns ein Gesicht; ziehn wir's ihm wieder! Sprecht mit dem Ostermann. zu Ostermann. Was dünkt Euch, Graf? Baron, die Sache hat gewiß zwei Seiten, Wenn nicht noch mehrere; die rechte aber Wird sich aus allen Wechselfällen endlich Von selbst ergeben, was jedoch vor Irrtum Den Redlichsten nicht schützt. zu Schaphirow. Ist er für uns? Weiß nicht. Ich kann die Sprache nicht verstehn. Was spricht er? Diplomatisch Kauderwelsch. Der Mantelträger! Es ist zu beklagen. Auf Theophanes und die Geistlichen deutend. Die stimmen nicht, weil sie nicht stimmen dürfen. Auf Ostermann, die Generale und Senatoren deutend. Die woll 'n das Erz auf Tolstois Felde schürfen; Auf Tolstoi deutend. Der Alte bleibt bedenklichen Gesichts; Er hat gesucht gar viel, gefunden nichts. Wir beide aber, rufen wir auch heftig, Sind doch, den großen Saal zu füll'n, nicht kräftig. kehrt von der Tür zurück und geht zu Tolstoi. Niemand ist noch im Vorgemach erschienen. zu einem Geistlichen neben ihm. Glückselig unser sanfter Friedensstand, Wir heben nur zum Segnen auf die Hand. zu seinem Nachbar. Ein heißer Junius. Die Luft ist schwül. Ganz überaus. Ich habe ein Gefühl ... beiseite. Verwirrung, Angst und Schreck in allen Mienen! Seltsamer Hof! Der Mann im Ehrenschmuck Erblaßt, errötet von geheimem Druck; Der Angeklagte lacht und triumphiert! So ward das Recht in diesen Saal geführt. Also ergeh's den Sklaven, welche dürsten Nach dem geweihten Blute eines Fürsten! zum Sekretär. Seht noch einmal in das Gemach, Ignaz. Der Sekretär geht wieder zur Tür. Ist mir erlaubt, zu reden? Immerhin. Die Freiheit gibt Euch das Gesetz des Staats. Gestanden hab' ich euch den bösen Sinn, Der mich beherrschte seit den Kindertagen. Wie ich dem Herrn mein Unglück nachgetragen, Es ist, ich denk', euch gründlich vorerzählet; Jetzt sag' ich, wie am schlimmsten ich gefehlet, Denn alles muß ich mir vom Herzen sprechen. Den schärfsten Pfeil verschießt zuletzt der Schütz, Zum Schluß des Mahls wird Firnwein aufgesetzt, Der Witz'ge gibt zuletzt den feinsten Witz, Auf einem Fest erscheint der Fürst zuletzt; Ein Sünder sagt zuletzt sein Hauptverbrechen. Ihr wißt, daß ich gefrevelt an dem Zaren, Ihr aber schwebt noch überm Doppelaaren, Denn zwischen Zar und mir sprecht ihr das Recht, Der Herrscher ist, gleich mir, hierin eu'r Knecht; Was ich an euch beging, sollt ihr jetzt hören. Ihr führet Reden, die nicht hergehören. Ein böser Geist gab über Nacht mir ein: All' euer Tun wär' eitel Heuchelschein! Unruhe in der Versammlung. Von außen herrlich, wacker, stattlich, gleißend, Von innen faul, zerfallen, giftig, reißend! Ihr wäret, sprach der Geist, von Ton Kolossen, Und Wurmgenist wär' in dem Ton beschlossen. Ich fordre, daß verbiete das Gericht Dem Angeklagten solche Lästerung. Die Hemmung darf nicht sein. Der Ukas spricht: »Gebundner Mann hab' ungebundne Zung'.« Mein bessres Selbst wollt' euch verteid'gen, Männer; Der Böse rief: »Ich bin ein Menschenkenner!« Und zählte Taten auf von Euren Händen: Erpressung, Schätzung, List, Volksdrängerei – Mit einem Blick auf Jaguschinsky. Der schlag' in Banden grundlos, welche frei ... Ha, dulden wir's? Heißt, Tolstoi, ihn schweigen! Der zahle Priester, daß sie Herzen wenden Zu seines neuen Glaubens Sklaverei ... Gab ich der Kirche Leib dem Zar zu eigen, Geschah's zu frommer Absicht, heil'gem Zweck: König und Priester war Melchisedek. Der halt' es mit den Schweden, Goten, Wenden, Daß er der Diener zweier Herren sei ... Mein Gott, wer kann doch so die Pflicht beleid'gen? Der presse Geld und Gut aus allen Ständen, Und witzle über der Beraubten Schrei ... Ist solcher Geist als Zeuge zu beeid'gen? Des fünften Tage sein ein stetes Schänden Von Ehre, Zucht, Wahrhaftigkeit und Treu ... Angeberei! Ich werde mich verteid'gen! Und um des Dämons Lügenspruch zu enden: All' meine Richter seien taube Spreu. – Der Pardel, Tiger geh' nach großem Raube, Nichts zu verschmähn, sei kleiner Füchse Glaube. Mein schlechtes Herz hat sich dabei bewährt: Der Schmähung ward ein offnes Ohr gewährt. Mir galt für Wahrheit sie, für reine, volle – Er zieht das Heft hervor. Die Kund' ist aufgeschrieben ... Er legt das Heft auf die Schranken. Da die Rolle! Zerreißt die Rolle! Laßt uns Urteil sprechen! Wir sind bedroht! Verdächtigt unser Treiben! schlägt mit seinem Stabe auf den Tisch. Bin ich im Rechtssaal? Wollt ihr ruhig bleiben? Zu Alexis. Und wie klang gegen mich des Geists Erfrechen? Er schwieg von dir. Ich wüßt', bei meiner Ehre, Nicht, was von deiner Art zu sagen wäre. Tolstoi sieht vor sich hin. Allgemeine Stille. Alexis mit einem Blick auf die Versammlung beiseite. Gehetzt, geblendet, taumelnd, wutdurchbebt! Nun helf' euch Dolch und Mord! Ich hab' gelebt. kehrt von der Tür zurück, die offen bleibt. Er kommt. Wer kommt? Peter, der Admiral. Was will er? Zeugen. Zeugen? Er weiß nichts. Erwartet jetzt den Fortgang des Gerichts. Bei uns der Zar? In unsrem ... unsrem Saal Die Majestät? Der Landesherr? ... Da ist er. Die Hellebardiere machen die Honneurs. Zar Peter tritt ein, in voller Admiralsuniform, den Admiralshut auf dem Haupte. Die ganze Versammlung bis auf Tolstoi, erhebt sich. Bin ich der Zar, könnt ihr mich hier nicht sehen, Bin ich es nicht, wer zwingt euch, aufzustehen? Vollkommen wohl bemerkt. Die Versammlung setzt sich. Der Zar steht dem Prinzen gegenüber. Was ist geschehen!? Gesetz, Notwendigkeit, sind zwei Geschwister. Man soll nicht Satzung stiften ausnahmsweis, Zum großen Ziele führt das breite Gleis. Ich bin ein Admiral der roten Flagge, Und nicht zum Scherze trag' ich diesen Hut; Nein, ich erkor des Dienstes Müh' und Plage, Daß keiner sich, zu dienen, halt' zu gut. Eu'r Bote rührte meines Hutes Rand: Ich folgte ihm. Der Grund? Macht ihn bekannt. Ihr seid ersucht, dem Hofe vorzutragen, Was Ihr erfuhret von des Prinzen Schuld. O feiges Herz! Sie weiß es ja allein ... Ich schwöre, Wahrheit dem Gericht zu sagen, Bei Gottes Gnade und des Mittlers Huld. – Die Kunde, die mir beiwohnt, ist nur klein. Nichts weiß ich von den letzten trüben Dingen, Doch etwas aus der frühern Monde Gang. Nach Napel floh der Prinz, um aufzubringen Den Kaiser gegen seines Zaren Zwang, Wie er geheißen dessen redlich Dringen Auf Fügsamkeit und Sohnes Sinn und Dank. Er kam zurück. Da hat der Zar vergeben, Mit einem Eid versichert ihm das Leben. Wofern der Prinz vollständig einbekannt. Vollständig. Diesen Vorgang weiß das Land. Wer wagt's, den Zarewitsch zu zeihn der Lügen? Es hat der Zarewitsch dem Zar verschwiegen Damals den Anteil eines Mitgenossen. Die Mutter wußte um des Sohnes Flucht, Und um den Zar von seinem Thron zu stoßen, Hat Aufruhr in dem Lande sie versucht Durch die Bojaren, so bereits genossen In jener Moskau-Nacht des Todes Frucht. Sie schrieb's dem Sohn. Der Brief ward ausgeschlossen Aus des Alexis Beichte nach der Flucht. – Nach einer Pause. Das alles sagte heut, betränter Miene, Doch unbedroht, ein Mädchen, Euphrosyne. Alexis fällt in einen Sessel und bedeckt das Gesicht mit den Händen. Erfuhrt Ihr sonst etwas? Ihr habt gehört, Was ich gewußt. Darf ich den Saal verlassen? Wir sind durch Euch genugsam aufgeklärt. geht zu Alexis. Sei du ein Mann, und suche dich zu fassen! Schlimm ist das Tun, und nicht die Kundbarkeit; Daß du's getan, weißt du nicht erst von heut. ohne aufzustehn, mit erstorbner Stimme. Du hast's erreicht. Es geht nunmehr zum Sterben! Ich mach' mein Testament, gedenke dein. Er nimmt das Heft von den Schranken. Nimm diese Schrift! Ich setze dich zum Erben, Sonst gibt's ja nichts auf Erden mehr, was mein. Du brachst der holden Treue Welt in Scherben, Nach dieser Stunde wird nichts fest mehr sein. Dafür will ich dir deine Welt verderben, Ich weise dich in ihre Fäulnis ein! Er reicht dem Zar die Schrift. Dieser steckt dieselbe, ohne sie zu lesen, zu sich und geht ab. erhebt sich. Wenn noch des Zweifels Gran war in der Waage, Schnellt' ihn danieder unsres Herren Spruch. Die Finger auf der Uloschenie Buch, Und auf das Zar'sche Kriegsrecht neuster Tage, Heisch' ich den Tod für diesen Hochverräter! steht auf. Beistimmend. ebenso. Gleichfalls. ebenso. Zu den Senatoren. Weise, würd'ge Väter Des Landes, unsre Schmerzenspflicht ist klar. zu Alexis. Prinz, sprach der abgehörte Zeuge wahr? Alexis macht eine bejahende Bewegung. Er liegt im Sessel, ohne Anteil an dem Ferneren zu nehmen. Gebt eure Meinung, Herrn der Geistlichkeit! Jehovah sprach durch Mose seiner Zeit: Er schlägt das alte Testament auf. »So jemand einen eigenwilligen und ungehorsamen Sohn hat, so soll er ihn greifen und zu den Ältesten der Stadt führen, und zu dem Tor desselben Orts. So sollen ihn steinigen alle Leute derselbigen Stadt, daß er sterbe, und sollst also den Bösen von dir tun, daß es ganz Israel höre und sich fürchte.« Wir urteln nicht, wir töten nicht den Samen Von Mann und Weib. Gott hat's verkündet. Amen! Der neue Bund hat auch das Recht geweiht. Er schlägt das neue Testament auf. »Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn, denn das ist billig. Ehre Vater und Mutter, das ist das erste Gebot, das Verheißung hat. Auf daß dir's wohl gehe, und du lange lebest auf Erden.« Wir urteln nicht, wir töten nicht den Samen Von Mann und Weib. Gott hat's verkündet. Amen! Schließt nun, ihr Brüder, Augen, Lippen, Ohren; Das Schwert, das uns gebühret, ist der Geist. Stimmt jetzo, General' und Senatoren, Allgemeine Stille. nach einer Pause. Sei Du der Führer, der den Weg uns weist. erhebt sich. Aufruhr verbergen, heißet Aufruhr üben. Wer des Verräters Brief empfangen hat, Und des Verräters schont, begeht Verrat; Mitwissenschaft ist Vorschub, Hehlen Tat. Du sollst das Land mehr als die Mutter lieben. Die Klag' ist nicht auf eine Zeit beschränkt, Auf einzeln Umstand, Fehltritt nicht gelenkt, Nach göttlichem und menschlichem Gebot Verdient Alexis Petrowitsch den Tod. erheben sich. Er sterbe! erheben sich. Sterbe! Einhellig also? Tod! Wilde Gruppe. 5. Szene Fünfte Szene Offne Galerie im Palaste. Zar Peter tritt auf. Ihm folgen: Ein Arzt und Mons de la Croix. zum Arzte. Wie geht es meinem Sohn? Er liegt im Fieber. Seit wann? Bewußtlos fand ich ihn, als er Von dem Gericht zurückgetragen ward. Hat ihn sein Schicksal so erschreckt? Noch mehr Die Art, wie's ihm bereitet ward. Der Wechsel Von Siegeshoffnung, niederschmetternder Vernichtung, ferner, Daß jenes Mädchen, die er lieb gehabt, Ihn angegeben, rührte die Natur In ihren feinsten Adern grabend auf. Ist es gefährlich? Nein, Ew. Majestät. Die Jugend wird sich helfen. Morgen schon Ist hergestellt, ich hoff's, der Zarewitsch. Ihr seid der Sache sehr gewiß. Ich bin's, Soweit in unsrer Kunst Gewißheit gilt. Ein kluger Nachsatz! – Welcher Offizin Entnehmt Ihr Eure Mittel? Mr. Bear's. Ist's ein geschickter Mann? Durchaus erfahren In den Geheimnissen von Stoff und Mischung. 'Ne Frag' aus Neugier: Sagt man nicht von ihm, Er mach' Aqua Toffana? Majestät, Um solche Ding' bekümmert sich kein Arzt! Der Kaiser auch nicht. – Seht nach meinem Sohn. Arzt ab. Zu Mons. Was will die Kaiserin? Sie hat mir nie Die Pforten ihres Zutrauns aufgetan, Ich steh' ihr ferne, wie ein jeder Diener; In unnahbarer Hoheit wandelt sie Uns allen fremd, und der Befehl allein Verknüpft die Herrsch'rin den Gehorchenden. Zwei Dutzend ungeschickter Wort' zuviel, »Ich weiß nicht« – mir zu sagen. Zürnt Ihr? dir? – Mons ab. Der Zar geht auf und nieder. Ein Sekretär tritt mit dem Todesurteile ein. Des Hofes Schlußurteil. Überreicht es. Das ging ja rasch. Fürsorglich hat es Tolstoi wohl schon Vorher verfassen lassen. – Bleib zur Hand. Ich habe deiner Feder mancherlei Heut zu vertäuen noch. Sekretär ab. Der Zar liest das Urteil. Ein höchst gerechter, wohlerwogner Schluß! Moses und die Propheten und Apostel Drin angeführt ... und doch ... Er wirft es heftig auf den Tisch. Ein Schandurteil! – An einer Klausel, einem Nichts ihn fassen! Gemein und niederträchtig! Blutig-albern! Bestellt' ich euch, daß ihr hyänengierig In der vergeßnen Dinge Moder wühlen, Scharr'n solltet aus der Gruft verweste Schuld? O das ist schlimmer als des Meuchlers Dolch! 6. Szene Sechste Szene Katharina in Trauer. Zar Peter. Was für ein Aufzug? Tiefen Grames Kleid. Leicht hüllt sich eine frohe Brust in Schwarz. Doch Seufzer steigen nur aus traur'ger Brust. – O Herr, beflecke nicht dein würd'ges Leben! Es denke jeder seiner eignen Pflicht, Wir werden würdig bleiben unsrer selbst. – Du sandtest durch den Diener mir die Bitte Um eine Unterredung. Ich versteh', Rücksichten zu bewahren. Doch bevor Du sprichst, erwäg', ob ich dich hören kann. Auf meinem Pult lag namenlos ein Brief: »Dein Weib verließ mit ihrem Mons das Schloß Gestern« ... rasch einfallend. ... Um Mitternacht, geheim, verstohlen, Als gält's ein Werk der bösen Finsternis! Wie? Zu den reinen Sternen rufend: »Zeugt mir!« Von Mons begleitet, dessen Kindersinn Sie leicht die Fabel aufgeheftet, fuhr sie Aus dem Palaste nach der Festung. Dahin? – – Der Kommandant wird mich ja wohl vertreten. Entschuldigt es. Sie war bei meinem Sohn! – O Katharina, wie verdien' ich dich? Du Dulderin! Du Edelmüt'ge! Lob? Schamröte meinen Wangen? Lieb' ich ihn? Könnt' ich nur heucheln! Meinen Vorteil sucht' ich ... Was hülf's, mich zu verstell'n? Ich bin zu schlicht. Den guten Namen wollt' ich mir bewahren; Stiefmütter büßen, wenn Vorkinder leiden, Zu rühren hofft' ich ihn, ich meint' es gut. Du hatt'st dich mir entdeckt, ich sagt' ihm alles, Vom Vater sollt' er sich sein Los erflehn, Damals war es noch möglich. Damals, ja! Ich zählt' ihm deine heil'gen Tränen vor ... Und er? ... Es war ein Fraungedanke! Er? Ich bin nicht kommen, um ihn anzuklagen. Er widerstrebte? Einer Ungeschickten. Die Zung' ward nicht gemacht für Überredung; Was man Behandeln nennt, ich kenn' es nicht, Die Wahrheit ist so einfach. Warum gräm' ich Um einen Toren mich? – – Mein güt'ger Herr, Fehlt' ich schon wieder! – O vergiß dich! Denk Des Unglücks nur! Ich tu's. Fern sei von mir Der Lüge Kunstgewirk! Ich furcht' und sag' es: Er wird ein Opfer doch, früh oder spät, Des argen Herzens! Kann wohl sein. Sie treiben Gewaltsam ihn dazu. Weißt du? Im Süd Die alten Städte, sandten Deputierte, Von dir sein Leben zu ertrotzen. Freundschaft Zur rechten Zeit ist gut. Das schlimmste ist Unzeit'ge Freundschaft! Wenn doch die Gesandten Umkehrten halben Wegs! Partei ward alles. Das eben, o mein Fürst, jagt mich zu dir! Religion ist mein Gefühl für dich, Ein höh'res Wesen bist du mir; nun faßt Mich Schmerz um meiner Andacht göttlich Bild! Die Richter morden, ihre Angst zu töten, Den Herrn will sich dein Feind erhalten. Mitten In diesen Fluten stehst nun du. O daß du Dich rein entschiedest! du, du selber stets, Nur du in dem Entschluß! Begeistrung, Kühnheit Reißt über alle Grenzen mich ... Wo bin ich? Für meinen Gegner bitt' ich, deinen Gegner, Für einen Frevler bitt' ich, denn ich muß. Die Liebe sorgt um Folgen nicht. Entschließ, Entschließ dich jetzo! geht heftig umher. Du allsehnder Himmel, Send einen Strahl herab, hier ist es trüb! – Die blinden Heiden legten auf das Haupt Des Sohns, der an der Mutter sich versündigt, Den schwersten Fluch. Den Furien gaben sie Den Schänder hin, den Geißeln. – Unter mir Soll einer sterben, der der Mutter schonte! Ruchloses Recht! Entsetzliches Gesetz! Ich hätt' es grad wie du gemacht, Alexis. – Wer seine Mutter preisgibt, ist ein Abscheu Für jede Kreatur; der Hund verläßt Den Herrn, der das tat. Schnaubend wirft das Roß Die Last des Schlechten ab. Der Zar hat Grund, Dir bös zu sein, wo aber wär' der Zar, Hätt' ihn nicht seiner Mutter sanfter Schoß Empfangen und gehegt? beiseite. (Ging ich zu weit?) Gib mir die Hand, daß ich Lebendiges In meiner fühle! Mich umsaust der Tod Mit ekler, wesenloser Mattigkeit. Du stehst bestürzt, du liebe, treue Frau ... Fühlst du mein ganzes Elend? Wär' ich nie Gekrochen auf den Haufen Schmutz: die Erde! Sieht aus wie Ton für eines Bildners Hand, Ist aber nichts als Schmutz. – Zerbrich, mein Werk! Stürzt, meine Städte! Sink, verkünstelt Volk, Zurück in deine alte skyth'sche Nacht! Mein Reich ist hohl und marklos. Diesen Sklaven Flößet kein Gott des Lebens Otem ein! Die Welt kann ich erobern, doch das tat Vor mir schon Attila. Und dein Gefangner? setzt sich erschöpft. Ah so, mein Sohn. – Der mag denn also leben! Denn freilich, stürb er, dann erwürgten wohl Die russ'schen Mütter künftig an der Schnur Die männliche Geburt; daß ihren Feind Die arme Kreißende zum Licht nicht fördre! So hilf mir nun, Erfindung, die so schön Gekrönter Schwäche hilft. Ich glaubte nie Dein zu bedürfen. – Gute Katharina, Du hast den liebevollen Zweck erreicht: Er soll begnadigt werden. So. Begnadigt? steht auf. Ich will's heut abend noch ihm sagen lassen. Ist dir das recht? Ei ja. Es ist doch etwas ... Verzeih mir, darum hab' ich nicht gefleht. Nicht darum? Um was sonst? Darauf zu fallen! Was wolltest du erbitten? Herr, 'ne Grille. Ich seh' es ein. Wer hindert dich? O tu's. Nichts will ich tun, bevor ich dich gehört. Zum Tod verurteilt sein, galt sonst für Schmach; Vielleicht sind die Begriffe anders worden. Er lebt denn, wie es gehen will, den Brandmark Von Untertanenhand auf seiner Stirn! Die Gnad' ist wirksam. Immer gilt's die Probe. Möglich, daß er damit zufrieden ist, Ich denk' nicht hoch von ihm. Auch machst du ihn Gewiß so am unschädlichsten. Man kann Ja nicht in fremder Seele zeugen. Ich, Ein Weib, wüßt' freilich, was ich spräche, böt'st Du deine Gnade mir. Er wär' ein Weib, Spräch' er nicht so, wie du. Die Gnade sei Gemeiner Missetäter Bettler-Hoffnung, Gleichgült'gen Frevels Trost, die Gnade schenke Der Schuld, die man verachtet, ihre Buße! Doch Gnade für Gerechtigkeit – das wär' Seltsamer Tausch. Und bist du stark genug, Die Wirkung zu beherrschen? Welche Wirkung? Lang lebt ein Fürst in unbestrittner Macht; Gehorsam ist Gewohnheit, niemand klügelt. Dann aber kommt der Punkt, wo jeder fragt: Warum gehorchen wir? – Sei gnädig. Sieh, Ob nicht ihr Haupt der Zweifel morgen schon Schüttelnd bewegt? Weil ich ein Mensch gewesen? Uns andern ging' es hin, dir schenkt man nichts. Und fragen würden sie: »Wie kam es doch, Wenn er wollt' gnädig sein, daß er das Aufsehn, Das kalte, feierliche, unbegehrt Um nichts erregen ließ?« Sie hält inne, eine Antwort erwartend. Peter schweigt. Nun, sprächen andre, Er ist denn auch zuletzt wie unsrereiner, Dräut und bereut. Der Fall belehre Euch. Schweig! – Dieser Fall wird etwas Härtres lehren. Er nimmt das Todesurteil vom Tische. Findst du's? Ja großer Herrscher, übe Großes! Ein Unrecht wird geheilt nur durch das Recht, Auf höherm Stuhl gesprochen, und du bist Der höchste Richter! Schilt ihr Urteil, streue Die Fetzen ihnen vor die Füße! So Übst du die Macht, so bleibst du dir getreu, Zur Quelle kehrt der Dinge Strom zurück. Zwei Wege hast du, und den dritten nicht; Du mußt ihn sterben lassen, oder mußt Die Richter richten. Allerdings. So steht's. Und weißt du nun, was ich erbitten wollte? Was ich nicht leisten kann, das weiß ich. Wie? Fluchwürdig war der Sinn, der Spruch ist gut! Mir muß der Spruch nur wiegen, nicht der Sinn. Zur rechten Zeit bist du gekommen. Fast War eine Torheit hier geschehn, es war Das Zeichen zu dem Bürgerkrieg gegeben, Sobald sich meine Augen sterbend schlossen. Im Irrtum war ich, grausam straft er mich; Ich frevelte an der Natur, nun reift Die Frucht; der Widersinn, das Ungeheuer. Verloren war er schon, sobald den Hof Ich eingesetzt. Wie auch der Hof gesprochen, Ich mußte seiner mich entledigen. Denn ist er schuldlos, bin ich der Tyrann, Er ist der Märtyrer, für den das Volk Berechtigt, heil'gen Wahnsinns Fahne schwingt! Mein neu Geschlecht wird sich behaupten wollen, Ein Zwischenreich beginnt, von dem mein Stamm Das Land erlöst. Wie weit-entlegne Sorgen! Das Unglück pflegt mit schnellem Fuß zu wandern, Das Ferne gelt' uns nah', wenn wir's erblickt. Er ist bedauernswert, und sie – sind schlecht, Und wählen muß ich zwischen ihm und ihnen. Ich hab' gewählt. – Um alle Heil'gen, Herr ... Aus dunkler Wolke trifft der Strahl ... Nachahmen Werd' ich den wetterbraunden Mächten! Hör mich! ... Dies also wäre abgemacht. – Er legt die Hand auf ihre Schulter. Wenn ich Jetzt nicht mein Haar zerraufe, diesen Estrich Mit meinem alten morschen Leibe nicht Bedecke – dank' ich's dir. Ein großer Schmerz, Ein großer Balsam in derselben Stunde! Seit heut erst kenn' ich dich. Du sprachst ja stattlich, Wie eine rechte, echte Königin! Hast mir was abgehorcht. Ach, nicht von mir! Verlor ich mein Gesuch? Verlorst es ganz. – Er tritt nach einer Pause vor sie hin. Du rettetest mich einst, du halfst mir jetzt Durch tief Gespräch zur Wahrheit. – Hier ja wäre Etwa, was wir gesucht. Von unsrer Glut Ein Fünkchen, Art von Art. Und die Sarmaten Sind's schon gewohnt. Beschenken möcht' ich dich, Und hab' nur Not und Sorgen zu vergeben. Rußland besitz' ich. – Willst du's? Großer Gott! ... Mich überschütten deine Worte ... Ich? Alexis? ... Herr ... Die Schande spar' ich ihm, Kann ich ihm sonst etwas ersparen? Er geht. 7. Szene Siebente Szene allein. Endlich! – Der Fürsprach' bei dem Gutsherrn werden wir Jetzt zu entbehren wissen! – Und wer wirft Auf uns den kleinsten Makel? – Donnre, Rächer! Hab' ich gelogen? – Donnre! – Stumm verbleibt's. Ich bat für meinen Feind, gab Lieb' für Haß, In allem wahrhaft, mild, untadelich. Die Nachwelt soll von dieser Großmut reden! Nach der andern Seite ab. 5. Akt 1. Szene Erste Szene Die Galerie. Jaguschinsky. Schaphirow. Verhaftet Menzikof? Soeben. Wegen? Erpressung, Volksdruck, Lug. Das zielt auf uns! An diesen Pfahl hängt er die Warnungstafel. Der Schrecken geht durch Petersburg. Zur Festung Soll'n wir um Eilfe kommen? Alle, die Den Zarewitsch verurteilt. Schaphirow, Was soll'n wir in der Festung? Publikum Vorstellen, oder ... Weiß ich's? – Eingepackt! Die Post muß stets zur Abfahrt fertig sein. Klar ist's, wir sprachen ihm zu Danke nicht, Und selber sind wir seines Sohns Verklagte. Den – läßt er aus, und uns behält er dort. Und wen behält er draußen? Das erwägt Sein Grimm nicht. – Ha! Gehn wir, dem Kalbe gleich, An Schlächters Seil zur Bank? Mein Jaguschinsky, Uns beide nährt' er wohl zu Stieren auf. Gilt's, wollen wir, wie trutz'ge Stiere, kühn Die Hörner weisen, daß der Schlächter merke, Er müsse mit des Armes höchster Stärke Den Beilschlag führen. So erwartet' ich's. Ihr seid ein Mann, der nicht dem Tode bleibt Die Antwort schuldig. Fällen mag er uns, Er soll uns nicht erniedrigen! Die Wipfel Sie mögen liegen in dem Staub, zerquetscht; Grün, nicht von Angst gewelkt! Kommt, Schaphirow, Aufsuchen laßt die Freunde uns, daß wir Durch unsern Zuspruch ihren Mut erwecken; Dem Schreck ohn' Ende folgt ein End' mit Schrecken! Beide ab. 2. Szene Zweite Szene Danilow. Die Städte-Deputierten. Aaron mit der Wahlurkunde. Sie treten im Hintergrunde auf und bleiben anfangs dort. Später: Zar Peter und Gordon. Er kommt, hier woll'n wir ihn erwarten. Aaron schlägt die Urkunde auf. Zar Peter tritt mit Gordon von der Seite auf. Peter Gordon, es treibt mich keilhaft zum Entschluß! Ihr wart ja schon entschlossen. Nennst du das Entschluß, wenn die gequälte Seele sich Luft macht in einem Aufschrei? Sie sprach klug, Sehr klug, oh leider allzu klug! Hier liegt's Fein, weiß, wie eines jungen Teufels Unschuld! ... Die Blicke weg davon! ... Schaun wir der Not Ins ehrliche Medusenantlitz! – Görtz Gefallen der Kabale, neugestärkt Die schwed'sche Kriegspartei, Ulrike zögernd, Engländer unter Norris durch den Sund, Auf allen Plätzen Rüstungen! So schreibt Mir Mardefeldt. – Die Arbeit geht von vorn an, Hier, draußen! Ich bin stumpf und mürb ... Zähl Geld, Das ist das einzige, was Stich hält. Dich Schickt mir mein gutes Glück! Dich fand ich ab, Was deine Habsucht wollte, hast du! Nagst Gestillt, zufrieden an dem Bissen! – Tat, Ereignis, Vorsatz, Wort, Gedanke, alles Log mir mit Doppelsinne unausgründbar. Dich frag' ich, trockner, dürrer Mensch: »Trügst du's? Mit Würmern seinen Herbst zu teilen, wenn man Endlich die Früchte brechen will!« – Gordon, Was soll geschehn? Zar, nichts. Nichts? Muß beständig Etwas geschehn? Wer immer handeln will, Verspinnt zu rasch den Werg. Gibts keine Zukunft? Unmöglich etwas halten, ist ein Irrtum, Der freilich manches schon untunlich machte. Das sind so allgemeine Sätze. Ja, Zur Abwechslung auf viel Absonderliches. Es kam zu weit, und eins von zweien heischt Der Tag. Das Datum steht im Almanach, Die Dinge wissen vom Kalender nichts. Unfertiges ward in die Welt gewirkt, Drum dauert sie. Doch große Männer wollen, Daß alles fertig sei. Und hiemit wär' Zu Ende meine Weisheit. nach einer Pause. Sag dem Weide: Er soll den Becher in die Erde schütten! – Mir fehlt ein Stück zu deinem großen Mann. Und deine Diener bleiben heim? Mitnichten. Es siegt der Almanach! Nun meinetwegen. So sind denn also, die du ludst zur Veste, Des Tages Mahl, und nicht des Tages Gäste! Die Altrussen treten vor. Wer sind diese? Die Alten. Schick sie fort! Ich bin zugänglich für jedermann. Nur jetzt nicht! – Zu den Russen. Schickt euch selber fort! Warum hinderst du sie? Ich will denn nur gleich gehn. Du kannst noch etwas verweilen. Nun ist es entschieden. Er tritt zurück. Wer seid ihr? Abgeordnete gesamter alt-russischer Städte. Eurer Majestät demütige und getreue Untertanen. auf Aaron zeigend. Wer ist der Greis? Aaron, der Archivar von Moskau. Was bringst du da getragen? Die Wahlurkunde Michaels Feodorowitsch Romanow Jurjew, mit der Unterschrift aller gegenwärtig gewesenen Leute jeglichen Ranges und Standes. Geschrieben im Jahre 1613, im Monat Mai. Indem du redest, erinnre ich mich deines Gesichts. War ich nicht als Knabe einmal in deinem Briefgewölbe? So ist es. Ihr wart ein wißbegieriges Herrlein, ich mußte Euch manches Fach auftun. Als Ihr den bunten Einband und die glänzenden Siegelkapseln dieser Urkunde saht, klopftet Ihr in Eure Hände, und fragtet: »Was steht in dem schönen Buche?« Ich aber sagte: »Darin steht geschrieben, daß wir unserm Zaren treu und unterwürfig sein sollen im Leben und im Tode, daß wir ihn aufrecht erhalten sollen mit Leib und Gut gegen die Deutschen und Schweden, gegen die Polen und Littauer, und gegen alle innre Feinde und Ruhestörer. Es ist das Verbündnis zwischen ihm und uns.« Und Ihr legtet Eure kleinen Finger auf das Buch, saht mich mit blitzenden Augen an, und spracht: »Das hebe wohl auf, damit man diese Sache nicht vergesse.« Die einzelnen Umstände sind mir entfallen. Wie lebt ihr, Leute? Wir tun unsre Arbeit, ehren die Heiligen und zahlen die Steuern. Ich will eure Bitte vernehmen. Wir haben keine Bitte. Wir bitten um Nachlaß am Kopfgelde, um Frucht aus deinen Speichern in der Hungersnot, und wenn du zu uns sagst: »Löschet das Feuer auf euren Herden, weichet aus euren Häusern, denn sie gefallen mir, und ich will sie haben«, so bitten wir: »Der Zar gönne seinen Knechten das Obdach, denn der Zar kann sich überall wärmen, aber seine Knechte besitzen nur die eine Stätte.« – Wir haben keine Bitte. Zu Aaron. Lies liest aus der Urkunde. »Und da der von Gott auserkorene Herrscher Michael Feodorowitsch, gehorsam seiner erhabenen Frau Mutter, das allgemeine Flehen nicht verachtet, sondern sich bereit erklärt hatte, die Herrscherwürde über die Reiche Wladimir und Moskau, und über das ganze große Rußland anzunehmen, so riefen die Bojaren und Edelleute, und die ganze zarische Wahlversammlung, wie auch die Beamten, Gäste und alle rechtgläubige Christen aus einem Munde: ›Wir küssen schwörend das lebendigmachende Kreuz und versprechen Gott und der heiligen Mutter Gottes, den himmlischen Kräften, den erhabenen Wundertätern Georg und Nikolaus, und allen Heiligen, daß wir unsre Seelen und Häupter weihen, und treu und wahrhaft dienen wollen dem von Gott geliebten Zaren und Großfürsten Michael Feodorowitsch und seinen Nachkommen, die Gott in Zukunft schenken sollte‹«. Und seinen Nachkommen, die Gott in Zukunft schenken sollte. liest. »Und alle Bojaren, Okolnitschen, Fürsten, Heerführer, Edelleute, jegliche Beamte, Gäste, Deputierte, die aus allen Ständen des ganzen großen russischen Reiches in Moskau zur Zaren-Wahl zusammengekommen waren, unterschrieben dieses, auf daß hinfüro alles dasjenige von Geschlecht zu Geschlecht unabänderlich gelte, was in dieser bestätigten Urkunde geschrieben steht.« Sie ist gehandhabt worden bis heute. Der Vater auf dem Throne zeugte den Herrscher, die Väter in den Hütten zeugten diesem die Diener. Wir sind der Romanows, aber die Romanows sind unser. Michael war der erste, Alexei der zweite, Feodor der dritte, du bist der vierte. Und Alexis ist der Fünfte. Er verbeugt sich tief. Der Zar vergebe! Der Zar lebe hoch! Er lebe hoch! Ich habe mehr denn einen Sohn. Die Erstgeburt ist heilig. Da der Herr Ägypten schlagen wollte, schlug er es an dieser. Seid kurz. Was begehrt ihr? Daß der Zarewitsch habe unverschränkten Eingang und Ausgang, Ehre bei Tage, Ruhe bei Nacht, Ansehn für jetzt, Hoffnung für die Folge. Gehört er nicht mir? Wir pflegen zu sagen: »Die Zariza gebiert die Söhne dem Lande. Er ist unser. Der Zar weigre ihn, wenn er dessen sich getraut.« Er verneigt sich. Der Zar vergebe! Der Zar lebe hoch! Er lebe hoch! Ich habe ihn richten lassen von meinen Räten. Das Roß trägt den Reiter, der Pflug geht in des Pflügers Hand, der Knecht gewinnt Urteil vom Herrn, nicht der Herr vom Knechte. Ihr wagt es, Trotz auf der Stirne, Tücke im Herzen, zu mir zu treten? Ihr untersteht euch, meinen wohlerwogenen Beschluß zu schelten? Es ist aller Hoheit ein Ziel gesetzt worden. Habt ihr noch etwas zu sagen? Unsre Rede meide den Überfluß. Die Majestät erwäge solche in ihrem Herzen und wähle, was gut ist. Denkt in euren Weichbilden alles so? Wir stehn für Hunderttausende. Gordon! Gordon nähert sich ihm. Laß Weiden nach der Festung sich verfügen. Ich wußt' es ja. zu den Russen. Euch dank' ich für die Lehre, Die aus des Lands Geschieht' ihr mir erteilt. Stets fand ich mich, hatt' ich mich eingebüßt, Im Angesicht des Feinds, des Heers, des Volks, Das dringt und fordert! – Nach der Festung folgt. Ich werd' euch, wenn ihr dort ihn noch verlangt, Nicht länger euren Liebling vorenthalten. Er geht. Die Russen folgen. 3. Szene Dritte Szene Zimmer in der Festung. Im Hintergründe ein Alkoven, den ein Vorhang von dem Zimmer trennt. Der Vorhang ist aufgezogen. Im Alkoven auf einem Ruhebette Alexis schlafend. Der Arzt und Oberst Schepelew im Zimmer. Zehn Stunden schon! Ist dies sein Todesschlaf? tritt zu Alexis und legt die Hand auf dessen Brust. Das Herz hält gleichen, abgemeßnen Schlag, In Leib und Gliedern wohnt, gemäßigt, Warme. Mein Mittel wirkt', er wird gesund erwachen. Ich furcht' mich vor dem Augenblick. Das Elend, So auf des Armen Scheitel sank gehäuft Mit Überlast, wird sein entsetzlich Antlitz Dem Unglücksel'gen zeigen. Alles traf ihn! Auch jenes Mädchen legte Hand an sich, Erschütternd klang die Meldung. – Lieber Doktor, Ihr hättet ihn nicht heilen soll'n. Das Fern're, Wenn sich die dreiste Wirklichkeit herzudrängt, Vermag ich nicht vorherzusehn. Fürs erste Seid ohne Sorgen. – Dieser wird allein Von seinem Siechtum wissen. Von nichts andrem? Des Menschen Brust faßt nur ein Maß von Leid, Was drüber geht, zerstört ihn scheinbar. Krankheit Benennt es unser Wahn; es ist die Hülfe. Denn Einbildung schwingt sich aus den Ruinen, Und löst den Druck in ferne Schatten auf, Mit denen träumrisch spielt die freie Seele. – Hier war der Qualen übervoller Kelch! Was sonst der ganze schmerzbestimmte Kreis Der Sterblichen verteilt zu tragen hat, Entbehrung, Härte, Raub der süßen Liebe, Schiffbruch des Zutrauns, Irrtum und Enttäuschung, Furchtbarer Gegensätze Widerstreit Hat man gelegt auf dieses einen Schulter. Ihm werden's nicht'ge Fieberbilder sein. Meint Ihr, daß ich dem Zar das melde? Tut's! Er ist schon auf dem Weg vom Schloß. So eilt! Schepelew ab. Du zeigtest mir die Furie, die sich grinsend An meinen würd'gen frommen Kreis heranschleicht! Er nähert sich dem Alexis. Da liegt der Leib, für welchen tausend Kräfte Seit Ewigkeiten zueinander strebten! Dann mußt' in sie versenken sich der Hauch, Mächt'ger, denn jede Kraft. Da liegt der Leib, Den ich erhielt mit tiefer Wissenschaft, Schlafloser Nächte müherrungner Beute! Ruchlose Menschen, wißt ihr, was ein Mensch ist? Wagt einzureißen ihr, wo ihr nicht baun könnt? erwacht. Fedor, mein Morgenkleid! Er ist in Moskau. Nun gib mir Stärke, mein Beruf! Wo ist Denn dieser Lässige? Er erhebt sich und kommt in den Vordergrund. Verhängt das Licht! Ist's spät am Tag? Wo bin ich? War ich krank? Wer seid Ihr? Euer Arzt. nachsinnend. So war ich krank. Er setzt sich. Die stille Mattigkeit! Und doch so frisch, So neugeboren; liebliches Gefühl! Er sieht sich um. Ich kenne dieses Zimmer nicht. Es liegt Im fernsten Teil des Kremlins, abgesondert Von jedem störenden Geräusche. in die Ferne schauend. Dort Wenn ja so viele Flaggen. Fischerkähne, Die auf der Moskwa hergeschwommen sind. Er verhängt das Fenster. Die großen Segel auf den kleinen Nachen? – Auch wir entfalten hoher Zuversicht Gewaltig-schwellende Segel allen Winden, Das Boot, darin wir fahren, ist nur schmal. – Ihr seid mein Arzt? Der Arzt macht eine bejahende Bewegung. Ihr habt ein gut Gesicht! Kennt' ich Euch näher, fragt' ich Euch nach jemand. Sie ist – verreist. Verreist? Jetzt, da ich litt? O zürnt der armen Abgereisten nicht! Ich hoff' – Ihr seht sie wieder. Sicherlich. Wenn sie nicht kehrt, reis' ich ihr nach. 4. Szene Vierte Szene Schepelew. Die Vorigen. Der Zar! Ist er ins Reich zurück? Hegt keine Furcht ... Begütigt ist er ... Euch besuchen will er ... Verändert hat sich mancherlei. Nur eins: Eu'r größter Peiniger, Fürst Menzikof Ist schon verhaftet worden. Steht es so, Werd' ich gefaßt den Herrn empfangen. Er steht auf. 5. Szene Fünfte Szene Zar Peter. Adam Weide folgt mit einem Pokale. Vorige. Bei dem Eintritte des Zaren will sich der Arzt entfernen. zum Arzte. Bleibt! entsetzt nach dem Pokale blickend. Mein Amt ist aus! Ich übergeb' den Prinzen Genesen den Händen Eurer Majestät! Er geht schnell ab. zu Weide. Stell' diesen Kelch dorthin. Weide stellt den Pokal auf einen Tisch und geht mit Schepelew ab. 6. Szene Sechste Szene Zar Peter. Alexis. tritt zu Alexis. Ihr wart sehr krank? Ich glaube, ja! Der Arzt wird's Euch berichten. Das Fieberbett vergeß' ich nicht, o Herr! Wild spiegelte der Geist die ärgsten Fratzen Den glühnden Sinnen vor. Die Mutter trieb Mit falschen Freunden mich zu Freveln ... drauf Den Vater schützt' ich gegen Mörder ... Er Stieß unter Schergen mich, beschuldigt alle Der größten Bosheit ... Treu blieb ich der Mutter, Und das verriet ein Mädchen, die mich liebte, Und das bezeugte gegen mich der Vater ... Dann folgte noch etwas ... Allein, wie bin ich? Da steht mein Herr und mein Monarch! Vergebt, Daß ich vor Euch von solchen Nichtigkeiten Zu reden mich erdreiste. Nichtigkeiten! – Ihr habt im weitsten Sinne recht. Wohl Euch, Daß Ihr's im Fieber nur erfuhrt. Ich bin Gottlob jetzt hergestellt, und doppelt, hoff' ich. Wenn ich nicht irre, haßt' ich sonst. O Torheit! Der Haß ist Tod, ich aber lebe ja! Ein Fremdes ward aus mir hinweggespült. Mein unnatürlich Dasein, ich empfind' es, Und geb' es auf. Das heißt verständig reden. Nehmt meinen reinsten Dank für den Besuch. außer Fassung. Dank nicht! – Soll ich zu Boden stürzen? Soll'n Gefoltert, meine Glieder knirschend schlottern? – Sich mühsam bezwingend. Ich bin in Worten karg. Mit einem Wort: Du tust mir leid. Ich wollt', du wärst ein Kind, Und jene traur'gen Jahre lägen vor uns! In milder Pflege hätte deine Blüte Sich wohl entfaltet! Dieses Ehrenzeugnis Gibt dir hiemit Gerechtigkeit. Die Macht Des Unheils überwältigt mich; der Mensch Bleibt, was er ist. Wenn einer zwanzig worden, Kenn' ich den Mann. Kein Vorwurf, Wahrheit nur! Ich kam nicht her, dir weh zu tun. Ich will Was irgend billig ist, dir gern gewähren. Sag deine Wünsche mir. Erleucht' mich, Geist, Daß ich Vernünft'ges bitt' in dieser Stunde! – Drei Bitten aber hab' ich, großer Zar, Die erste ist: Gib meine Freiheit mir! Die Luft da draußen weht für jedermann, Weshalb, unschuldig, atm' ich Kerkerdampf? Die zweite ist: Zwing mich nicht, wie du pflegtest, In deines neuen Wirkens schroffe Qual! Ich will es anschaun, achtsam, emsiglich, Und find' ich mir's gemäß, am selb'gen Tag Fleh' ich zu dir: Gebrauch mich, wo du willst. Die dritte ist: Gönn' offenen Verkehr Mit jenen Alten mir, die feindlich dir! Es war nicht gut, daß wir einander nur Im Dunkel, im Verborgnen nahen durften, Versagter Umgang steigt im Wert. Vielleicht Lieh nur dein Zwang den Männern Tugenden, Drum gönne Umgang mir am Tageslicht! Mein fürstlich Ehrenwort verpfänd' ich dir, Nichts Böses sinnen sie, das du nicht hörst. Find' ich sie unverständig, dumpf und roh, Will ich nicht ruhn, bis ich zu dir sie wandte; Den Mittler laß mich sein von dir zu ihnen. Ein Gut sonach in drei Gestalten: Freiheit! Gib dreifach mir das eine, mein Monarch. Habt Ihr nicht sonst etwas zu bitten? Nein. Bedenkt Euch drauf. Ich hab 'nichts mehr zu bitten. Trotz Eurem Zweifel aber hoff' ich! Ja: Ich werde würdig zählen in der Reihe Erlauchter Romanows, die du verklärst. Man soll an nichts verzagen. Hoffe nur! Die Bitten, die du tatst, gewähr' ich dir, Frei wirst du heute noch von meiner Haft, Nicht zwing ich ferner dich zu meinem Werk, Und deine Freunde lud ich selbst zu dir. Er deutet auf den Pokal. Jetzt trink! Was soll ich trinken? Diesen Trank! Ich bin geheilt, mein güt'ger Herr. Der Kranke Wähnt's oft zu früh. Du zaudre nicht! Von Grund aus Das alte Übel wegzutilgen, trink! tritt zum Pokal. Bleich seht Ihr aus, und Eure Knie wanken. Ist dies ein Stärkungstrank, so scheint er Euch Mehr nütz, als mir. Er hebt den Deckel ab. O laßt uns frohen Brauch Ehrwürd'ger Väter üben! Jeder Bund Der Lieb' und Freundschaft ward im Kelch besiegelt. Auch wir errichteten den Bund. Ich bitt' Euch, Geruht, mir diesen Becher zuzutrinken. Sei du versichert, daß, wenn ich dem Trieb, Der Sehnsucht, meinem Durste folgen dürfte, Ich nicht die Neige dir des Trankes ließe! Halb aber hilft er nicht; so sei denn dir Der ganze Kelch gegönnt. Alexis trinkt. Peter hält sich an einer Säule. Ihr schwankt! Wie schmeckt' es? Ich hab' mich zu sehr angestrengt. Ich bin Noch schwächer, als ich dachte. Müdigkeit Rinnt süß durch mein Gebein; es liegt Wie Flor um alle Nerven. 'S ist so eigen ... So muß dem Sterbenden zumute sein; Ach, Herr, ich freu' mich, daß ich auferstand! Darf ich wohl morgen in die Kirche fahren? Sollst morgen abend in die Kirche fahren! – Leg' dich zur Ruh! Richt' dein Gemüt auf Hohes, Mit edlem Stoff erfülle ganz die Seele, So schlummre ein! Er reicht ihm die Hand. Ich bringe dich zur Rast. Er führt ihn in den Alkoven. Der Vorhang fällt hinter ihnen zu. 7. Szene Letzte Szene Jaguschinsky. Schaphirow. Ostermann. Theophanes. Tolstoi. Generale und Senatoren. Später: Danilow. Aaron. Die Städte-Deputierten. Zar Peter kommt aus dem Alkoven zurück. Hier sind wir, ahnend der Berufung Grund. Wir kennen dich, du lern' erkennen uns! Zu großen Dingen wurden wir verwandt, Wir haben teil an ihnen. Tu, was dir Mit uns beliebt, doch die Geschichte nennt Bei Petern seine Helfer, unsre Namen Erschlägst du nicht. So mein' ich's. Wir, wie er! Des Menzikof Verhängnis macht euch bang. Die Schranken des Alexis bleiben stehn, Wen ich davor will stellen, wartet ab! – Ich fahr' gen Schweden mit der Schärenflotte; Dies Schweden ist die spröde Braut, und ich War ein zu kühler Werber. Jetzo werd' ich In feur'ger Weise um das Jawort frein; Mit glühnden Kugeln such' ich ihr Stockholm. – In solcher Dringlichkeit, bei unsern Jahren, Tut's not, die Reichsnachfolge anzuordnen. Danilow, Aaron, die Städte-Deputierten treten ein. Tolstoi, entwerft ein Manifest des Inhalts: Unbeugsam-starrer Anspruch zeugt Hartnäckigkeit, Darum vernicht' ich dumpfer Vorwelt Schluß! Die Herrscher Rußlands setzen künftighin Nach eigenem Ermessen sich den Erben, Wie jeder Hauswirt dessen hat die Macht, Den meinigen erwählt' ich, nenn' ihn bald. Alexis ist der fünfte! Ihr da, werft Eu'r totes Sehnen einem Toten nach! Mein Stern ist der lebend'ge, den verehrt. Von einem hohen, reinen Spruch getroffen ... Die Stimme versagt ihm. Nach einer Pause. Uns sparend traurige Notwendigkeit ... Er winkt. Der Vorhang des Alkovens wird aufgezogen. Die Leiche des Alexis liegt auf dem Ruhebette. Am Schlagfluß ist der Zarewitsch gestorben! Die Alt-Russen eilen zur Leiche und werfen sich im tiefsten Schmerze am Ruhebette nieder. Die russischen Großen sehn mit Erstaunen dorthin. Peter steht unbeweglich in der Mitte. Eudoxia Ein Epilog Personen Personen. Eudoxia (erblindet). Peter der Große. Katharina. Gordon. Mons de la Croix. Jaguschinsky. Ostermann. Menzikof. Theophanes. Ein Späher. Das Volk. [Stücktext] Öde Heide Eudoxia. Ein Junges Mädchen. Das Volk. Nicht die Wolke zog im Regenrot herauf, Abendgang, o heil'ge Mutter wallest du; Nicht der Nebel fliegt um weißen Kieselberg, Graue Lock' umfliegt erbleichtes Gramgesicht; Nicht der Erdspalt lechzet, den die Quelle ließ, Tränenblinder Augen Höhlung dürstet, grau. – Schaunde dennoch! Thronberaubte Herrscherin, Welche, grüßend aufgetan empfing das Reich Klarer, zukunftschwangrer, sterndurchblitzter Nacht! Pflogest einsam deines Tages still Gespräch Mit dem Wehn des Forstes, mit des Winds Gebraus; Schrittest Rückweg durch die Heide ginstergelb Nach dem birkenschatt'gen Newsky-Trümmerbau, Drin du hausest, angeredet aus der Fern' Von des murmelnden Ladoga Wogenschlag. Liebevoll verlegt den Pfad, geweihte Frau, Deine Füße küssend, dir das Gottesvolk, Auf der Fläche scheugedrängt, dem Wilde gleich, Wenn der Weidmann lauert mit dem Todesrohr. Denn der Zar ist groß, und tausend Augen hat, Wer der Späher reichbelohnte Koppel nährt! Was begehrt das Volk? Erinnrung, Hoffen, Trost! Habt ihr Hoffnung, Trost, Erinnern eingebüßt? Auf der Erde trat er Spur des Gestern aus, Aus den Lüften luft'ges Morgen scheucht' er weg, Ließ erbangten Herzen trostlos kahles Heut. Nicht der Hoffnung, nicht des Trostes Priesterin Ist, die weiland ward genannt Eudoxia. Doch Erinnrung, wer vertilgt sie? Wo ihr Feld? In der Brust des Drängers! Furchen zieht sie dort, Zehrt von seiner Seufzer schwerem Hauche, trinkt Glühndes Leben aus den Zähren, die er weint. Näh're gib uns, Mutter, näh're Zuversicht! Seht den Falken ihr? Auf hoher Eiche Zweig, Schwarz, verdorrt sich streckend in den Abendstrahl, Sitzt ein braungesäumter schlanker Edelfalk, Der zerfleischt den schwarzen Raben, seinen Fang; Blut, vom Schnabel rinnt es, von den Klauen scharf, Und die Federn stäuben von dem Baum herab. Lest die Federn auf, und zählt sie! Diese Zahl Rollet; dreimal roll 'n der Jahre neun hinzu. Dann wird sitzen wieder in dem goldnen Tor Vielbetürmten Kremls der Moskowitsche Zar! Knäs, Bojar in Reihermütz' und Zobelpelz Sehn ihn von der Seite kühnlich blickend an, Und vergessen hat der Bürger, Handelsgast, Flur, die jenseits schwarzer Donau Strand sich streckt. Unsrer Enkel Enkel Enkelkinder Glück! Schaun die Lose kann ich, darf ich legen sie? Gebend Wahrheit, spendet' ich mein Alles aus. Linderung verlangt ihr; die versag' ich streng: Bald zerbreche der Verrenkung Mißgestalt; Lange länderüberlastend drückt der Alp. Kennt ihr nach der eignen Freude, beßre Lust, Als den Feind hinabgeschleudert sehn in Gram? Schmerzen-Mitgenossenschaft verkünd' ich euch: Eh' die Mitternacht ihr leises Wiegenlied Singt im Geisterton dem neugebornen Tag, Seid ihr Leidensbrüder worden, ihr und er. Ist sein Heil zu Ende? Ganz unzögerlich. Denn wie hoch emporgerückt ihn Himmels Schluß, So ihn tief hinabzudrücken hob bereits Sich der Arm der ewigen Notwendigkeit. Seine Kebse ließ in Moskau krönen er! Auf der dienstschweißeingenetzten Stirn der Magd Ward entweiht Kiews uralte Fürstenzier. Dies ist seine letzte Handlung. Nahe wallt Auf der Staub der Kehrenden von Olegs Stadt! Bald in diesem Sande steht der Zar, das Weib Und der Knechte Schwarm. Der Heide Boden sieht Ihn zuletzt als Menschen; grad von hier beginnt Unaufhaltsam schauderhaft beeilter Fall! Daß des Lebens Glänze sich vergleichet nur Solches Sterbens äußerste Verfinsterung. Kehre Volk! In deiner Hütt' erwart' den Tag! Zu ihrem Mädchen. Führe mich nach Haus! Geschäfte bringt die Nacht. Sie geht, von dem Mädchen geleitet. Das Volk folgt. tritt auf. Arm bleibt die Pflicht, begünstigt nicht Gelegenheit Des Tät'gen Fleiß; verschwenderisch sah Goldes Gunst Zuroll'n ich oft der läß'gen Faust des Schlafenden, Indes ich, nimmer rastend, viel' der Jahr' im Joch Verwandte schlechtbelohnter Augen Spürerkraft. Ins Blaue dreist geworfen trifft des Toren Stein, Es schießt Erfahrung zielend fehl, gebar den Mann Der böse Tag! Doch heut gelang Aufmerkers Müh'; Ablauscht' ich, was, schnell angebracht, ein groß Verdienst Mir in des Herrschers leichterzürnter Seele zeugt. Gestampf der Roß' und Stimmenlaut! Sie sinds, sie nahn! Er tritt zur Seite. Peter der Große. Katharina. Gordon. Mons de la Croix. Gefolge. Ermüdet hat mich unser Ritt; gefällt es dir, So gehn wir eine Strecke. Zum Gefolge. Nur des Wegs voran! Und harrt am Wald, der Petersburgs Weichbild begrenzt. Das Gefolge ab. sich umschauend. Aus dürrem Erdreich keimt empor die Distel hier, Unheimlich schwingend blaß-gefärbter Dolden Haupt; Der Ort ist öde, Siedler sind wohl Fuchs und Wolf. Da hinten steigen schwere Dämpfe, lagern sich, Die niedre Sphäre deckend zu des Horizonts. Wo sind wir? Grell im gelben Licht scheint alt Gemäu'r Zerborsten, fahl, ruinenhaft von jener Höh'. Die Trümmer auf dem Birkenhügel, Zarin, sind Was übrig ist verblieben von dem Ehrenschloß Des Helden Alexander, (Newsky zubenannt,) Dem steten Denkmal seines Sieges, nah dem Strom. Aufsteigen siehst du Dämpfe des Ladogasees, Der vielen russischen Heiden eine liegt vor uns. Urbargemachtes preise, wem der Boden fehlt! Die Steppe zeigt der Landesfülle Überfluß. Daß unsre Seen dampfen, nenn' ich Schicklichkeit, Weihrauch aus solchen Schalen nur geziemt dem Zar. Zertrümmert' Alexanders newanaher Bau, Bau'n wir ein Denkmal, weiter nach Finnlands Gesümpf! Für heut indessen schlafen wir in Petersburg. – Gordon, ich seh' den Haufen dichtgereiht am Weg, Von jedem Alter, Kinder, Knaben, Weib und Mann. Es scheint, die Heimkehr ward dem Volke kund; sie woll'n Mir lärmenden Geschreies Willkommgrüße weihn. Bedeut die Menschen! Ferne mir den lauten Kreis! Die Jugend ist vorüber, wo das Herz erschwoll, Wenn jauchzend sich auf meinen Pfad die Menge goß, Wie um den Pfleger munter tanzt der Bienen Stock. Für sie zu leben, sterben, heischt mein Königseid, Doch ihren Dank kann ich entbehren. vortretend. Sende nicht, Entsende nicht den Boten, groß dich täuschend, Herr, Zum bösen Pöbel, seelenlos gleich trägem Kot. Entgegen hält er deiner Liebe heil'gem Pfeil Den Schild, den siebenhäut'gen. Unter dem bespricht Er seine Feindschaft. Gruß zu meiden, wallen sie Abwärts hinweg vor deinem Mahn. Eudoxia, Die stets bereite Zeugerin des Übels sprach, Sie aber sogen gierig ein der Rede Gift. Dies zeigt ein guter Untertan pflichtschuldig an. Was sagte jene? Greuliches Verderben rief Sie schäumend aus; des Herrschers und der Seinen Sturz. Vernahm das Volk sie gläubig? Leid der Hohen trifft Ein offnes Ohr der Niedern. Spricht sie öfters so? Wo Deiner Hasser etliche zusammenstehn. Wohnt dieser Wahnwitz hier im Frei'n bei Gras und Laub? In jenem alten weißbemoosten Trümmerbau Dort ist ihr Horst, seitdem sie schlechtvergoltne Gunst Des Herrn entließ aus Schlüsselburgs gestrenger Haft. Und geht das Raubtier täglich vor aus seiner Kluft? So lang der Tag dau'rt, ruht sie stumm in jenem Schutt, Unnahbar, Eule bei den Eulen, Staub im Staub, Zerstörte mit Zerstörtem, Blind' in Dunkelheit. Doch wenn des Abends feuchter Duft Nachtvögel weckt, Verläßt auch sie gedehnten Schritts die öde Burg, Und diese Heid' ummessend sacht, langsamen Gangs, Wie kettenziehnd der Kund'ge mißt Landeigentum, So markt sie murmelnd ihres Zorns Grundstück sich ab. Querdurch dann schneidend die Gelände, steht sie lang Gereckten Arms, bildsäulenstarr, o Königspaar Auf deinem Platz, wo ihres Ackers Mittelpunkt. Da streut sie bittern Fluches Unglücksamen aus, Drauf kehrt erleichterten Mutes sie zum nächt'gen Schloß, Und morgen wiederholet sich, was heut geschah. Was regte dieses Greuels Wut so heftig auf? Späher Ihr streng Geschick, bereitet durch Gerechtigkeit. Prophetensprüch' enthallen ihrem Mund? Vergib Des Aberwitzes fälschliches Bezeichnen mir! Genug; im Palast künde deinen Namen. Geh! Der Späher ab. Drei Rosse laß, Gordon, sofort vorführen. Gordon ab. Mons! Mons tritt zu ihr. Verfüge dich zur wüsten Trümmer-Klausnerin! Sag, wer dich sende, sprich sodann: Von ihrer Kunst Sei viel des Rühmens mir gemacht. Die ganze Zeit Wohl durchzuforschen, habe sie auch Zeit genug. Des Hortes Scherflein nur begehr' ich; nur des Tags, Nur meines morgenden nächsten Tags Ereignisse. Gold leg' in der Klikusche Hand! Denn nicht umsonst, Nein, von den Kunden bar bezahlt, spricht das Gewerb. Für einer Zarin hohe Stellung ungeschickt, Mag diesem Handwerk besser eignen ihr Verstand. Mons de la Croix ab. Peter. Katharina. Warum der schon Gebeugten noch des Hohnes Schlag? Von jedem, was darbringt das Land an Früchten, fall'n Dem Herrn, der Herrin Zinsen. Feld und Herde zinst, Bergwerke, Jagden, Handels Vorteil, Reederei: Zinsbar ist alles der alles schützenden Gewalt. Und ich enthöbe diesem Boden nicht das Recht? Er trägt, vernahmst du, seltne Saat der Weissagung. Befreiungen sind unerlaubt; ich zehnt' ihn ab In dem, was außer Disteln hier allein gedeiht. An dem Verfalltag gehen erst, Katharina, Zins Und Zehnten ein! Mir stände dieser Tag noch aus? Ernstfragend ruht dein Blick auf mir, doch ich vermag Antwort zu geben. In der Öde wildem Graun, – Und nahe krächzt der Hasserin giftsprühnder Mund – Hier wag' ich's dir zu sagen: ja, ich fühle mich Nun ebenbürtig, Gleiche Gleichem zugesellt! Denn hin nach Moskau führtest du die Zitternde, Die Unerschrockne, Tapfre hast du heimgebracht. Der Traum gerann zu goldgediegner Wirklichkeit, Ich wurde heilig, unverletzlich! Selber du Hast deine Macht an mir verloren. Diese Stirn Umschloß der Reifen, der ewiglich-beschirmende, Den Kaisertöchter aus Byzanz fruchtlos gewünscht! Von beiden Schultern rauschend wogte Purpursamt, Salböl empfing ich auf der angstgenes 'nen Brust, Dem Strom des Wandelbaren weiß ich mich enttaucht! Du seiest schon Regentin, nicht, das meinest du? Die Untertanin, mein' ich, ward niemals gekrönt. Metall ist Zeichen, ich vergabt' es, halt' es fest! Hand nimmt, was Hand gegeben hat, wohl nur geliehn. Die Frau, die mir zur Seite sitzet, muß doch auch Des Platzes wert gezieret sein. Verstehst du mich? Aus Güte Schwachheit folgern ist der Toren Schluß. Ich will dich nicht erschrecken! Hoffnung bleibe dir. Mag sein, der Vorsatz, schattengleich in mir gekeimt, Da meines armen Sohnes böse Stunde schlug, Wächst, reift zum Licht! Für jetzt indessen, fasse dies: Ist deiner Moskau-Krone dich berauschend Erz Zierat und Schmuck; und wird sie jemals mehr, sie wird's Nur für die mäß'ge, stillgeduld'ge Wärterin. Denn, meine Gute, ird'scher Ding' Ausbruch und Kern Erwirbt der Mensch tiefschweigend nur. Stumm reißt der Heu'r Vom Ort den Demant; heimlich klopft von tiefer Bank Die Perl' der Fischer. Kommt man leergeschwätzig wohl, Auf breitem Heerweg, schlenderhaft, ins Schatzgewölb, Zum Schrein der Reichskleinodien? Weise grub den Gang Der sinngewalt'ge Meister in Verborgenheit. Leis taste durch das Dunkel dich! Bescheiden poch'! Dem Ernste tut der ernste Hüter auf die Tür. Mons de la Croix tritt auf, verstört. Zurück? – Wir wurden eben streng vom Zar belehrt, Wir sei 'n das große flitterputzbehängte Kind. Sonach gebeut er selber uns die Albernheit! Mons, deine Schicksalskunde! Sprich! Wie bildeten Sich meines Tags Gestalten ab im Tassensatz? Erforsche nicht, was ich gehört! Das Siegel laß Auf meinem Mund! Verderben war's, was sie gesagt? Du zahltest wohl der Gierigen zu kleinen Preis? Furchtbaren Preis bezahlest du! Er wird dich mehr Als eine Träne kosten! So erschrecklich klang's? Die Tapferkeit, wenn Männer beben, flieht zur Frau. Mein großes Leid erfahren will ich alsobald! Das ist des frevelhaften Spiels Bezauberung. Mit Unvernünftigem zu scherzen wähnt der Mensch, Geringe scheint's. Doch angerufen kaum, beherrscht Dich schon der Dämon, welchem wir die Augen soll'n Durchaus verschließen, oder zum gerechten Kampf Bereit, entgegen in der Tugend Mute stehn. Zuckt nicht die Lippe heiß und rot, sehnsüchtig dir? Fliegt nicht die Brust, vom Wunsch emporgestürmt? Es ward Etwas getrieben, welches ich verböte, war's Zu hindern noch. Jetzt werde dieses Hirngespinst Sofort hinausgeschüttet in die heil'ge Luft, Die alle Dünste lösend tilgt! – Was trug sich zu? Aufriegelst du die armen Lippen mächtiglich, Die gern verschlossen blieben, weil beizeiten doch Sie ein sich üben müssen, immer so zu sein! Ich könnte, raunt ein Ahnen deutlich-flüsternd zu, Unsel'gen Ausgang wenden vom lebend'gen Haupt, Wagt' ich, der erste, Widerstand; verbliebe stumm, Und sprengte, mit verhängtem Zügel jagend, fort Von der graunbeladnen Heide! Rastlos, bis das Roß Am fernen Grenzstein unter mir zusammenbräch'. Dort läg' ich matt, gerettet; litte, lebte doch. Allein zur Feigheit nicht erzog mich hohes Glück; Zu handeln, wie sie mögen, ist der Kön'ge Macht, Des Dieners Ehr' ist duldende Gelassenheit Und adlich-festes Schweigen. Eines Dieners Pflicht Ist, seinen Dienst ausüben. Den versäumest du. Nach deinem Tranke lechz' ich, Mons! Reich mir den Trank! Welch' Los ersann der Kranken nächstem Tag die Frau? Viel Glück! Erfüllung innerlichst genährtem Wunsch: »Sie sei zu morgen ausgerufne Kaiserin.« Und das war unheilvolle Kunde dir, o Mons? Mons Ich meldete, was dich betrifft. Und mich zugleich. Sie prophezeite mir den Tod. Weshalb die Furcht? Vom Tode war die Rede. Zu der Furcht ist Grund. Bestraft' ich jemals eines Dritten Fehl an dir? Erhole dich, du Weichlicher! Hinweg! Wer gibt Mir meiner Unschuld süßen Jugendhauch zurück? Was sagt er? Unverständliches. Das gebe Gott! Wie Herr? Daß dieses Knaben Schreck und Seufzerlaut Dir unverständlich seien! Lachen muß ich nur! Ist Kahleres wohl auszusinnen? Wer behend Wahrsagen will, erfinde doch Wahrscheinliches. Vor meiner gründlich-eingeschärften Nichtigkeit Stehst du gesund, kraftstrotzend ... Ach! Hast du geseufzt? Ich seufzte nicht. Es kam mir vor, als seufztest du, Da deiner kräftigen Gesundheit ich erwähnt. Du irrst. zurückkommend. Die Rosse stehen an des Waldes Rand. zu Katharinen. So reise denn nach Petersburg; erwart mich nicht Heut abend, ich hab' außerhalb Geschäfte noch. Ich scheid' in Demut. Tiefgesenkten Nackens fleht Zurechtgewies'ner Übermut: Vergiß ihn, Herr! Den breiten Heerweg, unersprießlich, wie du sagst, Meid' ich hinfort. Den angerühmten dunkeln Gang Soll emsig suchen meine schwache Fähigkeit. Zu Mons. Du aber ruf' in dir beherzt dein Leben wach! Als Führer, als Begleiter wardst du angestellt. Hoch über schmaler Brücken Steg, Abgründen dicht Vorüber windet sich der Pfad, nachteingehüllt. Auf wessen Arm die Fürstin dort sich lehnen muß, Der stehe fest! Den Schwindel bann er weit hinweg! Katharina und Mons ab. Peter und Gordon. Verkehrte Sterne lenken meinen Fuß und Arm, Gewaltsamkeiten auszuüben gegen Sinn Und eigne Neigung, schlechterfreut von herbem Zwang. Eudoxiens dacht' ich sonder Regung. »Abgetan Ist diese mindestens!« sprach ich froh. Doch weit gefehlt, Sie drängt heran sich, nötigend. Weshalb verblieb Unschädlich nicht die Heftige zu Schlüsselburg? Auftritte wurden mir berichtet, schlimmster Art, Gehemmter in sich abgesperrter Tobewut Verzuckungen. Das Mitgefühl erweichte mich, Das kränklich, hoch von Kränklichen gepriesen, wirkt, Daß keines Lebens reine Vollgestalt erblüh'. Selbst leidend, dacht' ich ihrer Leiden, ordnete: Entlassen dürfe wandern sie, gemäß dem Wunsch. Nun dankt sie mir mit Flüchen, pflanzt den Gärekeim Den Seelen vieler Menschen ein. Sie wagt sich frech Selbst an die Gattin, dreistversuchend. – Volksbeschrein, Und schlaffe Zügel, erfreulich Willkürdürstenden! – Schlau mischt sie unsrer alten Zwietracht Stoffe, rührt Im Hexentopfe durcheinander ihr Gebräu. Ich fürchte, Gordon, nachgeboren aus dem Blut Der toten Feinde, zieht bereits ein frisches Heer Gerüstet auf zum Streite! Marsch und Kampfsignal Erklinget aus der Seherin Drommetenton! Ihr Schmettern hemm' ich. Stirbt sie, Herr? Ich hoffe: Nein. Dem Licht jedoch, dem zeig' ich sie, dem Tageslicht. An meinen Tag gebietend zwing' den Drachen ich! Einöden sind es, die das Einhorn auferziehn, Den Greif, das Pferd mit Flügeln! Jeder Geist, beglänzt Vom Sonnenscheine, wirft den Schatten. Angeschaut In nüchterner Gesellen Kreise, schrumpft Alraun Zur Wurzel ein; Lindwürmer werden Schlängelchen. In Petersburg ist viel Geräusch der Tätigkeit, Das überhallt wohl müßiges Prophetenwort, Da rechnet, zählet, mißt man. Bald ergründet ist Von meinen Mathematikern auch das Problem. Und weil die Straßen breitgebaut und grade sind, Gebricht der Winkel, der des Rufes Echo weckt. Du willst nach Petersburg sie führen? Allerdings. Deshalb bestellt' ich Rosse. Nun, mein treuer Mann, Gebrauch' ich deiner Hülfe. Geh, eröffne du Ihr meines Willens unabänderlichen Schluß. Nichts sinn' ich ihr mit rechtem Grunde Kränkendes; Das Haus laß' ich ihr rüsten dort, bequem und still Entlegen, daß die Neubegier sie nicht verletzt. Aufsicht verordn' ich, sanfte, ziemliche; Gewalt Sei ferne, wenn bescheiden sie zu leben weiß. Dies gib, in strenggemeßner Weise redend, kund, Befehlend, wie dem Boten deines Herrschers ziemt, Vor Härte brauch' ich nicht zu warnen, dich, den Greis. Hier will ich deiner, ihrer harren; bring sie schnell. Laß ungestört die Leidige. Wie gern geschäh's! Und möchte nur die Eumenid' im düstern Hain Für sich erheben jeden schärfsten Fluchgesang! Denn ihren Segen wahrlich hab' ich nicht verdient. Sie aber strebt in mein Gebiet. Mit Taumeltrank Erregt sie frische Kräfte jenem Ungetüm: Dem dummen, dumpfen, träggewalt'gen Widerstand. Und weil auf Erden ihre Schlacht verloren ging, Bewaffnete die Hölle sie. Leichtsinnig säh' Ich solchem Treiben, duldend zu? Ich warf der Pest Des eignen Sohnes Leiche hemmend in den Weg, Und nun ließ' ich sie rasen? Jüngst erzählte mir Der Fremde, der das Land besucht, die Wundermär. Ein Ritter, stolz und tapfer ohnegleichen, stritt Mit einem zauberkund'gen Feinde, der sich bald Zum Bären wandelte, Löwe dann, drauf Tiger ward. Den Bären, Löwen, Tiger schlug des Ritters Schwert. Als unbedeutend-kleines Mäuschen schlüpft zuletzt Ermattet schon, der Gegner in der Höhle Spalt, Klaglaut erhebend, angstgequält. Der Ritter dringt Nach in die Zuflucht, seines Feindes äußerste. Du bleibst den Schluß mir schuldig. Schenk ihm Glauben, Herr! Am andern Morgen fanden sie den Sieger tot, Zwar unverwundet, doch entstellten Angesichts, Die edlen Züge ganz verzerrt vom letzten Schreck. Was tötete den Ritter? Das erfuhr man nicht. Er hat vermutlich Grauseres, als Bär und Löw' Und Tiger in des Flüchtigen Versteck gesehn. Phantome trägt der warme Schoß des Märchens aus! Ich bin der späten Zeiten kalter Paladin. Schick mich in des Phantomes Höhle nicht zur Nacht! Das Fieber hätt' ich nimmermehr in dir gesucht. Ja, ich begreif es, sonderbar erschein ich dir. So schwärmt in einem Punkte selbst der Tüchtigste. Wie fest umstrickt uns frühster Jahr' Erinnerung. Mit Worten spüle diesen Kindertraum hinweg. Den Kindertraum! – Schottland erzeugt in jedem Clan ... Propheten? Wohlfeil ist sonach Weisheit bei Euch. Die Menschen, die behaftet sind mit second sight. Dem angebornen Übel! Sie war frei davon. Auch Jammer treibt die Seelen aus des Fleisches Eng'. Fünf Sinne fassen, was hienieden faßlich ist. Unermeßlich furchtbar wächst die Kraft Verzweifelnder! Und welche Tiefen schauet der Erhöhten Schwung? Der Welt betünchte Risse. Was erblicken wir? Firnis des Hoffens, Wünschens, eitler Täuschungen. So schreit in jener Klause du sorglosen Muts! Denn ich bin ohne Wunsch und Hoffnung, längst enttäuscht. Mithin der Wahrheit weiß ich wohl so viel, als sie. Wenn unsichtbar-geheime Hände stellten, Freund, Die Zeiger unsres Zifferblatts, so wäre meins Der Ehre wert gewesen! Aber nie erfuhr Ich andres als Gemeines, Leichtbegreifliches. Sonst galt dir meine Rede was. Vernimm: Dies ist Nur Lug, so wahr du deines Vaters Namen trägst. Ich bin ein Waisenfindelkind, ich kenn' ihn nicht. Es braucht ja auch ein klarer Satz Beteuerns nicht. Dich überzeugen könnt' ich gleich. Eudoxia Weissagte jetzo, kurz zuvor, was nicht geschieht, Weil grade damals, grad' im selb'gen Augenblick In tiefster Brust ich dessen Gegenteil verfügt. Gehorche dir Verfügendem die Zeit, wie ich! Gordon ab. Es ist Nacht geworden. allein. Herzklopfend schreitet er von hinnen. Glücklicher, Dem diese bangen Schläge noch der Dinge Puls Trostreich verbürgen! Bebend jetzt, beruhigt dann, Mit neuer Lieb' umklammert dein Gemüt die Welt. Verstehst du mich? Verstehst du den, Frohmütiger, Des Seele nachtfroststarrer Eisesspiegel ward? Denn der Erwartung Mut verlor ich! Ungestalt, Schwer, massenhaft, wie grauer Vorwelt Urgebirg, Bedeckt Erfüllung meines Geistes dunkeln Grund. Und, Sterne, unter eurem reichen Lichte sitzt Er setzt sich auf einen Stein. Der weiten Länderstrecken allerärmster Mann! Ich tat das Unnatürliche, des Lebens Schein Der Mißgeburt zu geben. Mich bedünkt, es sei Der Ruhm, die Größe, wie die Macht zu Land und Meer, Als deren Schöpfer mich der Menschen Zunge nennt, Auch durch Mechanik zu erhalten, Druck und Stoß, Durch Wasser, Feu'r. Und solches hab' ich eingetauscht Für das, wornach in seinem Himmel selbst ein Gott Sich einst gesehnt: Gefühl des Vaters! Ich verließ Das Menschliche, nun leid' ich Übermenschliches. Ja, auch des letzten Trostes letzter Schimmer schwand! Durch meinen Winter flog es, wie der Sonnenstrahl Im Januar; sie dürfe mich beerben. Mild Im schrofferbauten finstern Hause zünde sie Des Herdes schöne, sitt'ge Gluten mütterlich. Katharina, Peter! Dieser Namen Bund verglich Des schweren Daseins tiefempfundnen Widerstreit; Ach, immer, was mir mangelte; begriff ich's nicht? Jetzt sollte sie die Königsprobe wohl bestehn Im Dom zu Moskau. Wehe mir! Erlegen ist Die Schülerin. Der Scheitelpunkt des Glückes trifft In Würd'gen würdiges Bewußtsein. Ruhig nimmt Ein edler Mensch, wovon er denkt: Du hast's verdient; Und wahren Fürsten deucht der Purpur schauerlich. Sie aber prunkt und spreizet sich. Der Zofe gleich, Begeistert vom geschenkten Kleide! Da erscheint Verdorbnes Wesen, niedrer Herkunft Sinnesart! In solchen Stunden bricht hervor das Innerste; Die andern prüf' am allgewohnten Lauf des Tags, Denn ihre Pflicht ist Tageswerk, gewöhnliches; Am Ungemeinen aber miß den Herrscher ab, Da er im Guten, Schlimmen, Ungeheuerstes Ertragen muß. Irrtum verlaß mich, freundlicher! Nie wird sie Rußlands ausgerufne Kaiserin. – Fühlloser Stein, in deine Fasern graben sich Die Finger ein! Dir sagt mit wildem, wundem Druck Sein ganz Geheimnis schweigend ein zerstörter Greis. Hier unbehorcht, erleichtre dich im Klagelaut, Natur! O mein zerrißner, schmerzdurchwühlter Leib! Ach! Ach! Ward eines Feuerberges Lavastrom Ich mich verlegt, darin zu kühlen? – Doch es naht. Nun wickle dich in deine Leiden! Ruhe groß Auf großem Elend, todesheiter, stillgefaßt! tritt wieder auf. Gordon War es hier? Schau ich den Kaiser? Auf dem Steine ruht er aus. Widerstrebte sie? Sie folgt mir. Was du wolltest, wird geschehn. Mich erfreut, daß sie gehorsamt. Meinst du, daß sie dir gehorcht? Sagtest ja, sie komme willig. Von dem eignen Geist geführt. Endlich müde dieser Reden bin ich, Gordon, wisse das! Wisse du, daß mir erspart ward, ihr zu bringen dein Geheiß. Trafst du schon sie unterweges? Nein, jedoch in ihrem Haus Harrte sie des Boten sehnlichst. Dessen Auftrag nur gehört Dieser Öde tauber Flugsand? Frage sie, wer ihr's verriet. Melden meiner Sinne Zeugnis, das vermag ich. Leg es ab. Durch des Vorhofs Schutt gestiegen, trat ich in der Pforte Rahm', Ihres Dienstes quitt, vereinsamt, stand sie schwarz im Mondenlicht; Und daneben über Steine von zerfallner Mauern Ring Schlüpft' emporgescheuchtes Hochwild, ungehemmt, das sich geatzt An der Kräuter wildentsproßnem, grünem Wucherüberfluß. Vor mir sah ich vielgestalt'ger Bauzerstörung schnödes Bild, Aus dem Gras, hoch über Mannsläng', balkenstarrendes Gewirr, Pfeilerschäft' und eingesunkner Giebeldächer Sparrenwerk. Gegenüber aus dem Wandstück, stehngeblieben, aber flammt' Einzeln, trüberhellt ein Fenster! – Nun, zusammen mich gerafft, Auf des Wilds getretnem Pfade schritt ich vorwärts, Schwert im Arm, Und ich tastet', und ich tappte zwischen Gruben, halbbedeckt, Brunnen, Farnkraut-überwachs'nen, strauchelnd nach dem schlimmen Ziel. An der Wendeltrepp' hinaufwärts schwang ich mich zur Flügeltür, Und ich horcht', anziehnd den Atem. Drinnen sprach es rauh und tief: »Rasch die goldnen Schuhe reich mir! Vor der Türe lauscht der Mann, Mädchen, welcher kommt zu führen uns zum Zar nach Petersburg.« Auf, Entsetzen im Gemüte, riß der Pforte Wucht ich schnell: »Harre nur ein wen'ges« – rief sie – »gleich bereit bin ich zu gehn!« Schreckgefesselt fand ich, schauend, in der Hand der Klinke Griff. Auf der Truh', der offnen, Erzrand setzte sie gehobnen Fuß, Und ihr Mädchen band der Goldschuh kunstgewirkte Bänder fest. »Jetzt den Mantel!« rief sie. Mühsam, an den Zipfeln schwer, gefaßt, Hob den schmelzbeblümten Mantel aus der Truh' die Dirn' empor, Über Leibrock, Mieder warf sie bauschig seine bunte Last, Und in Falten, steifgebrochnen, wallt' er um die Schreckliche, Welche drauf, mir zugekehret, hohlen Stimmlauts also sprach: »Fort! Zu melden mich dem Zaren! Nur die Binde fehlet noch. Eh' du ausgeredet, naht ihm festgeschmückt die Priesterin.« Und hinab die Stiege schritt ich, fürchtend, rückwärts, daß nicht Graun Schwindelnd mich ergriff' und stürzte, wendet' ich den Nacken ab. Jene legte nun die Binde, schimmernd, um die hagre Stirn ... Eudoxia tritt auf in Goldschuhn, Mantel, mit einer Stirnbinde. Das junge Mädchen mit der Fackel vor ihr her. Nicht betrogen hat dich Irrsinn; sieh sie selber, wie sie ist! Zornig sind die dunklen Wächter vor der Schmerzen Heiligtum, Bitter rächen sie den Einbruch, geh' vorüber, da ist Gott! Diese wird zu feiern wissen, Feste, die sie sich ersann! Soll Verkleidung mich besiegen? Her die Roß'! Es wird gereist. Gordon ab. Eudoxia. Peter. Hier steht, die du riefst. Folgsam; das ist gut. Heut sehn wir uns wieder, o Zar. Spät lernst du, indessen beizeiten doch stets gleichmütigen Sinnes Geduld. Widerstreben dem Herrn, fruchtloses Bemühn! Lang hättst du ein mäßiges Glück, Wär' entschritten gezogenem Kreise nicht kühn Mannweiblich der irrende Fuß. Aber nun wird der Rest der beschiedenen Zeit dir verfließen in ruhigem Strom, Heilsames vergessend-vergessenes Sein, friedbringendes Dunkel ist nah. O Eudoxia, welchen die eiserne Pflicht in der Erde Geschäfte nicht stößt, Der halte sich fern der unseligen Ding' gramtriefendenem Greuelgemisch! Weisheit spar auf; noch ist nötig sie nicht. Bald, bald wird sie nützlicher sein! Wem? Dir! Warum mir? Wenn zerschmetterten Haupts auf dem Altar der Heide du liegst. Schon ertrug ich's zu lang'. Nun herunter die Schuh' und den Mantel, das flitternde Band! Für den Dienst aufschmückt' ich mir Busen und Leib. Armseliges Larvengeschwätz! murmelnd. O du in des Lebens erborgeter Larv' einherstolzierender Tod! Nicht murmle du leis! Noch verspar' ich die Lust! Sprich laut! Noch kost' ich an dir, Vorschmeckende Süß'! An des Wartens geheimdurchdringender lieblicher Qual! Herstarrt sie nach mir, doch sie höret mich nicht. Nun gehorch', ablege den Pomp! Siegjauchzende Freude, den schwächlichen Sprung des bezeichneten Opfers zu schaun! Ich befehle dein Unsinn: Schweige! Dir na des Verstandes gebietender Tag! Er nähert sich ihr, tritt aber betroffen zurück. So erhebe dich tapfre urewige Nacht! So erhebe zum Kampfe den Schild! Warum weichst du zurück? Wen erblick' ich? Nun mich. O der kläglichen Jammergestalt! Bist du es? Ist sie das entfleischte Gebild in der Fackel verratendem Glanz? Wo blieb der Glieder gerundete Fülle? Du weißt es. Die Augen, o Weib? Das weißt du ja auch. Müd waren sie schon; als dem Sohne den Trank du gereicht, Da entfloß den erschöpften Brunnen die Seh'. Weib, liebtest du ihn? Ja, im Tod. Sie ist blind! Nein, sie sieht. Kehr heim! Nein, sie folgt. Vor dem Äußersten tret' ich zurück. Doch das Äußerste tritt haarsträubend anjetzt, zum Vernichten gerüstet, dir nah! Sie naht ihm. Bin die Bettlerin ich, die du rufest und schickst, wie der wechselnden Laune behagt? Mitgift hab' ich einst dir gebracht in das Haus, Mitgift bring' heut' ich dir zu. Als wir beide gekniet, hob Mutter das Brot, hob Vater das Heiligenbild Ob der Betenden Haupt; daß gedeihe der Schatz in dem gütervermehrenden Bund; Und gewirkt hat der Segen! Ich zeig' es dir heut. Nur herauf! Aus der Tiefe herauf, Großmächtiger Gaben gesammelte Last, Prachtherrliche, würdig des Manns! Wahnwitzige! Wandelnde Leiche! Ha, wie? Jetzt lös' ich die Schnüre vom Gut! – Was die Diener nicht wissen, dem Arzte verschweigt, und der Kebse der zuckende Mund, Das erfährt das zerknitterte Kissen, der Pfühl, und das ruhlose Schlummergemach. Er ist krank! Es zerfrißt ihn der Qualen Gebiß! Mich bestraf' um die Lüge der Zar! Den Verrückten beschert es der Gott! – Doch ich ring', und die Mitgift wäg' ich noch auf! Nur das Übel erblicket der Bettlerin Geist, nicht die Kraft, die das Übel verhüllt. Aufdrehn sich die Flügel des Kirchengewölbs, und sie suchen die Stelle zum Sarg. Eh' das Aug' er geschlossen, bestaudete sich neusprossend, Bojaren-Gewächs. Sein Will' ist ein Nichts, sein Streben ein Spott; Er aber erfährt es, vernimmt's. Nach der Buhlschaft Schmach, nach der Günstlinge Trotz, nach der Räuber verprassendem Mut, Mord, Mord an dem Kind, an dem Gatten der Mord, Mord, Mord an dem Vater zuletzt! Es genüget der hungrigen Sünde nicht mehr, weit gähnt der verschlingende Mund! Sie zerstücken der Völker lebendigen Leib, Rührung in dem schwimmenden Aug', Denn der Falschheit süßliches Grinsen bedeckt's, wie der Schlange gesprenkelte Haut, Großmut wird geheißen, den blutenden Freund ausplündern zu helfen dem Feind. Überwältigend drängt sich Gesicht an Gesicht! Lahm werden die Schwingen des Worts, Mein Stammeln erreichet Unendliches nicht; mich bestraf' um die Lüge der Zar! Sie strafe die Zeit! Doch erfüllte sich's ganz, ja, erfüllte sich rasender Fluch, Mit Gemeinspruch kauft den dürftigen aus der vertrauende Glaube des Manns. Was die Tier' aufbauen, erreichet den Zweck, und das meinige wäre nur Traum? Ich bin, ich war! Darum werde ich sein bei dem Meinen. Ich segne das Land, Ich segne die Halmen des Feldes, den Wald! Ich segne die Bäche, den Strom! Ich segne die Häuser im Dorf, in der Stadt! Ich segne der Mutter Geburt! Zu beständiger Wohlfahrt segnet dich ein, Rußland, dein sterbender Held! Er ergreift Eudoxien bei der Hand. Folg! Sie sieht starr in die Weite. Stören wir nicht! Wohin starrt sie denn nun? Ei, wir halten die Finger uns vor! Grausam, aus der Lieb' einlullendem Rausch dem Verderber ins Antlitz zu sehn! Rausch? Liebe? Verhängt aber mindestens doch das geharnischte Bild am Kamin! Katharinens Gemach! Mein Bild! Er schlägt die Hände vor das Gesicht. Wie sie küßt, wie den Knaben sie streichelt und herzt! Ich verdenke dir diese Ergötzungen nicht; hat der Zar deine Art doch gekannt. Stumm ruhet der Knab' an der Gütigen Brust, Liebkosen erwidert er nicht; »Ach Herrin, mir rufte den schleunigen Tod weissagend die Gräßliche zu.« Mein Teurer vergiß es, du blühest so frisch! Sei ruhig, wir freuen uns beid' In der Freiheit Rot auf des Leidigen Grab ... Gordon! Er stürzt ohnmächtig nieder. eilt herbei. Ist er tot? Er kniet bei dem Hingesunkenen. Nun beginnt Ausgang und vollendend Marter Triumph! Zählbar sind die Sprossen, hinab In sibirischer Werke tief untersten Gang; unzählbar aber, o Mensch, Ist der Stufen gehauene Meng' in des Leids Abgrund und ergiebigem Schacht. Sie steht hinter der Gruppe. Terrasse am Meere Morgen. Jaguschinsky. Ostermann. Nicht, Jaguschinsky, folge deines Grolls Gebot! Dem Manne ziemt die mäßige Gleichgültigkeit. Notwendig ist die Törin, schau gelassen zu. Uns aber hält sie eben doch für nötig nicht. Mit welcher künstlich-deutlichen Absichtlichkeit Vermied sie unser Zwiegespräch! Dem stummen Blick Ausweichend, und gewohnter Andeutungen Gruß, Erheuchelt Fremdheit, sonderbare Kälte sie, Seitdem in Moskau ihre Glieder eingehüllt Die schimmernde Dalmatika. Die Miene sagt: »Da bin ich! Weiter komm' ich auch wohl sonder Euch.« Sie läßt es merken, ist in unsrer Hand dadurch. Wenn man mir schmeichelt, kann ich zittern; wagt der Stolz, Entbehren mich zu wollen, bin ich hergestellt. Mir wollt' er lügen, sich belügt er. Diese Frau War lang, ich darf es nun gestehn, mir fürchterlich; Stets blieb mir undurchdringbar ihre Schlauigkeit. Wenn sie, das Aug' voll Tränen, flötenlispelnd sprach: »Wie müßt' ich bangen, lehnt' ich mich auf Freunde nicht Gleich dir und deinesgleichen – mich durchzuckt' ein Graun.« Natürlich schien es, war's gewissermaßen auch; Sie ist die Meisterin der Kunst, sie glaubt an sich. Gefährlich sind die unbewußten Täuschenden! Nun aber sieht des Geschlechtes Schwäche klar hervor, Das feiner als wir Männer einzufädeln weiß, Und durch den Aufzug sehr gewandt das Schiffchen wirft, Doch vor dem fertigen Gespinst ratlos verstummt. Sie wird den Rat zu schaffen wissen! Schleichend wird In dieses Herrschers Abendstunden unsre Macht Sie untergraben; endlich wird geschehn, was längst Mir jedes Morgens racherglühter Strahl gedräut. Wir werden fallen, Ostermann! Umsonst hast du Vergebens haben unsres Innern Stiche wir Hinabgekämpft, Blutschuld geladen auf das Haupt! Ein drittes, jüngeres Geschlecht erzieht für sich Die Falsche; Fremde raffen hin, was wir bezahlt. Heerführer ist der Lautenspieler Mons, nicht wahr? Ich mag den Nebenbuhler dulden. Lebten wir Im Stand der Ordnung, frei, berechtigt, wohlgeschützt Von starker Satzung, Volksgefühl und stillem Brauch, Dann ruhte, sich vertrauend, würd'ge Kräftigkeit. Doch hier ist alles möglich. Ja das Törichtste Erscheint mir als das Glaublichste! Das Ungefähr Regiert, und dessen Scharfsinn ist bekannt genug. Es schwand die Feste; wüst darüberhin erbraust Meerflut, von Wracken einer frühern Zeit bedeckt, Und unsrem Machwerk. Freundlich trägt die Welle Kork, Das Gold, der Marmor sinkt zum Grund ... Sehr unverhofft Ertönt der Freiheit Preisen mir aus deinem Mund. Ich preise nicht. Ich zeichne nur die Gegenwart. Die Not verdoppelt's, zeichnest du sie an die Wand. Zu wenden wäre diese Not mit rascher Tat. Das, hoff' ich, hab' ich mißverstanden. Nicht so ganz. Vernichtet, unterläßt sie, uns zu schädigen. Du willst sie stürzen, Jaguschinsky? Nimmermehr! In seine Seele werf' ich gleich den glüh'nden Brand. Unglücklicher! Verblendeter! Ahnt dein Gemüt Die Folgen dieses Schrittes? Stürze sie, so fällt Schwerpunkt und Gleichgewicht ins Leere! Unser Trost, Ja unser einz'ges Hoffen ist das Schaumgeschöpf. Vergaß'st du mancher Traulichkeit nachttiefen Schluß? Nur unter solcher ungemein-gemeinen Frau Enthüllen wir die Stirnen, sind die Waltenden. Belehrt das Beispiel nimmer? Wollen wir durchaus Nacheifern? Auch Bojaren sein? Vertilge sie! Ersetzt der unsern einer jene Bäuerin? Der Stoff, aus dem man Kön'ge wirkt, heißt der: Verdienst? Dem Glück, dem Fremden, Neuen beugt Andacht-entzückt Sein Knie der Mensch! Am liebsten völl'ger Nichtigkeit. Darnach ist sie die Tüchtigste. Bereitet ward, Wenn wir erhoben wider dieses Wahngebild Unweise Hände, ein vom Feind Gefertigtes. Repnin hat sich entschieden; nach der schwärmenden Eudoxia lenkt er seiner Helfershelfer Sinn. Verehren unser Wunder wir mit kluger Treu', Gleich einem Talismanne, der, von schlechtem Holz, Dem Gläub'gen dennoch sichert Heil und Wohlergehn! Und ihren Listen bieten wir wehrlos die Brust? Mein Gleichnis wiederhol' ich von der Weberin. Vor ihrem fertigen Gespinste steht sie dumpf, Verwirrter sie zu machen sei mir liebe Pflicht! Ich legte niemals klar zutage Strebemut, Der Dunkelste wohl bin ich ihr. Ertönen laß' Ich ihrer nunmehr ganz erstarkten Machtgewalt Triumph und Ruhm! Drauf spend' ich süßen Lobesspruch: Daß ihre Hoheit jetzo stolz entbehren kann Die unentbehrlich, leeren Wähnens, sich geglaubt. Die eigne Weise fortzusetzen rat' ich an. Da wird sie staunen! Treulos sei der Schmeichelton, Empfindet ihr Erschrecken. Grad' das Gegenteil Beschließt sie nun; zu warten, nach der Frauen Art. Indessen gehn die Zeiten, kommt der Tag heran, Der auch des stärksten Lebens Kraft todatmend bricht, Katharina, wartend aber hat die Tat versäumt! Menzikof. Die Vorigen. So erfüll'n sich die Gerichte! Eifrig glüht des Fürsten Wang'! Welch ein wildes Lied! Die Ursach? Über wen erging Gericht? Über ein verächtlich Spielwerk in der Undankbaren Hand. Ha, ich ahne deine Nachricht! Ich der Rache Sättigung. Menzikof Hört des Schlosses neu Geheimnis, wißt das Ende jenes Mons. Von der Heid' am See Ladoga, ließ der Zar die Zarin ziehn, Sicher kam sie mit dem Knaben abends an im Sommerschloß. Denn der Herr versprach zum Abschied, auszubleiben über Nacht. Welche Dinge sich bis ein Uhr drauf begeben, hüllt die Nacht. Wie? Wo war er? Weiß es jemand? Weiter! Weiter! Dann um eins ... Plötzliches Gepolter! Repnin, der im Erdgeschosse schläft, Fühlt sich heftig angerühret, fährt empor entsetzensvoll; Schief den Hals gezogen, seitwärts, steht der Zar vor seinem Bett. »Folg mir!« ruft der Krampfverzerrte. Zitternd folgt Repnin, er meint: Ihm bestimmt sei schwarz Verhängnis. Leuchtend schwankt der Zar voran; Nach der Katharina Zimmern gehn sie schweigend. Sinnberaubt, Ausgestreckt liegt Mons am Boden, seine Schwester jammert kniend. Ernst, entblößten Schwertes Gordon! Finstrer Hüter steht er da. Katharina sitzt im Lehnstuhl, blaß, doch scheinbar ganz gefaßt. »Nimm ihn!« stöhnt mit wutbelegtem Laut der Herr. Aufraffend hebt Repnin den, der schon ein Leichnam, schlaff die Glieder hängen läßt. Drauf verläßt der Zug das Zimmer; nicht ein Wort sprach sie für ihn. Und wo ist er? in die Ferne deutend. Frag die Raben, die ob jenem Felde schrein. Katharina? Folgt vermutlich. Weh dem Zufall dieser Nacht! Mich bestürzt es. Arger Bildung zeigt sich, was ich selbst gewollt. Seid ihr Toren? Jauchzt und jubelt! Wir erwägen mehr als du. Theophanes. Die Vorigen. Pflegt ihr müß'ge Unterredung, wenn die Zukunft, segenschwer, Seufzt nach euren kräft'gen Händen, quitt zu werden ihrer Frucht? Fürsten ruft sie zum Gebärstuhl; hohe Ärzte, zögert nicht! Was bedeutet's? Ungeheures! Denn im Sterben liegt der Zar. Ha, im Sterben? Große Wendung! Sprich, im Sterben? Aufgezehrt. Scheidend von dem Dochte hebt sich schon der Flamme letzt Geleucht. Und so plötzlich? Wer erklärt das? Nicht im Flug kam dies herbei; Lange nagt' ihn schwere Krankheit in des Lebens Marke matt, Leiche lang' schon war der Körper, nur der Geist hielt ihn empor; Fühlend alles sich in allem, täuscht' er uns, bezwang er sich, Jetzo wirft des Kummers Faustschlag unsren Ringer in den Staub. Rasch von hinnen! Halt! Fortuna sucht ein weidliches Geschlecht; Finde sie uns ihr gewachsen! Sieh die Göttin ruhig an, Wende drauf den Kopf verachtend! So will sie behandelt sein. Und nun laßt es uns entscheiden! Zu Jaguschinsky. Deinen Groll warfst du hinweg? Nur die Furcht trieb mich zum Hasse. Tod der Doppelzüngigen! Es verderbe die Verrätrin! Fröhnst du deinem Liebesneid, Heilt vom Unsinn unsre Sache gleich der Degen Ostermanns. Fürchte den, der nie geprahlet! Nimmer droht' ich, jetzt geschah's. Darf ich mit der Worte Felswurf sie zerschlagen, sagen ihr: Daß sie, Sklavin unsrer Großmut, unverdient erhoben wird, Kehr' ich um zu Euch. Gebare hierin dich nach deiner Art. Ohne Zaudern denn ein jeder an sein Amt! Versammelt ist Der Synod in voller Anzahl. Unser also? In Betracht Dessen, was Ihr uns versprochen ... Was gehalten werden wird. Führt sie nach dem Gartensaale dort, dem nahen! Soll geschehn. Ich berufe den Senat hin. Ich die Garden. Buturlin Hat uns seine Schar gewidmet. Katharinen führe ich. Zeichnen soll sie erst die Schriften, unsrer Macht Bestätigung, Uns die Schenkungen verbriefen. Dann des Siegels noch bedarf's Vor dem gottergebnen Volke; hören aus geweihtem Mund Muß es, daß der Zar sie sterbend zur Nachfolgerin ernannt. zu Theophanes. Könnt Ihr es beschwören? Wollt Ihr's? Ich beschwör' es. Laßt uns gehn. Hier verein'gen wir uns wieder, zeigen uns von Schmerz erfüllt, Wie der Anstand bei so großem Trauerfalle dies befiehlt! Sie gehn ab. Peter der Große. Gordon ihn führend. Hier laß mich rasten, bis der Wust von Schleim und Kot Der dreiundfunfzigjähr'gen Lüge müde ward, Und ernste Wahrheit ihre tiefen Züge prägt In diese kalte Masse. Glänzt nicht dort ein Licht? Des nahen Meeres morgenbleicher Streifen ist's. Drum weht' es auch so eigenkräftig atmend her! Den ältsten Freund im Angesicht, erwarten wir's. Er sitzt in einem Sessel. Gordon steht neben ihm. Wie fühlst du dich? Ganz leidlich. Nur die Zunge quält Ein salzig-faulichter Geschmack, als läge drauf Der Welt Gemeinheit. Diese Nacht hat dich geschwächt. Hältst du in meine früheren hineingehorcht, Du stauntest, daß ich dies' erlebte. Längst zerbarst Das Gefäß, und gänzlich war der Inhalt ausgeströmt. Ein letztes Tröpfchen zittert' an des Eimers Rand, Und dieses freilich schleuderte die Trau'r hinweg, Trau'r ob der Menschen völliger Verworfenheit. Zu einem Schüler der Wahn-Prophetin aber mach' Mich dennoch nicht! Phantasterei, Zufall demnächst, Die Spur der Untat weisend, die ich lang geahnt! Gordon, es gibt nichts Leichtres als Wahrsagerkunst! Auch diese, wie so vieles, lernt' ich; sie zuletzt, Dir hinterlaß' ich, daß sie bleibt, die Wissenschaft: Sprich dreist das Ärgste, Dümmste, Widerwärtigste, Denn das erfolgt. Beruf' ich nicht den Arzt, mein Herr? Ja wohl, beruf' ihn! Sänftlich soll er neues Blut In die verlechzten Adern gießen; einen Leib Aus frischem Fleisch auf erbauen! Und er soll Den Glauben heilen, die Liebe! Stellt er ferner her Die abgezehrte Sonn' und Erde, lohn' ich ihm Mit glänzender Beförderung. Jaguschinsky, Ostermann, Theophanes und andere Große treten in der Entfernung seitwärts auf. Peter sieht nach ihnen hin. Hinweg den Kram. Gebt ihr dem Volke Puppenspiel an meiner Gruft? Es sind die Großen deines Hofs, du kranker Fürst. Es sind geschnitzte Marionetten, lebensgroß! Die Glieder klappern an den Drähten! Schütze mich! Menzikof tritt auf, Katharinen führend. Ausrufer! Eigentümerin der Bude! Fort! Er redet irr. In dein verdüstertes Gemüt Tönt meine Frage: »Wer soll erben? Nenn' ihn, Zar!« auf seinen Körper deutend. Hier liegt ein andres, einstens wohlgefügtes Reich. Darin, nach wenigen Sekunden, wird nun auch Nachfolg' eröffnet von gewisser Erben Schar. Ist mir Verfügung dort erlaubt? Befehl' ich dem: »Das hab'!« Und denen: »Jenes!« Darf vorweg etwas Mein Wille geben, nehmen? Nein, nach eignem Recht Zernagt der Chor. – Es sei das Chaos anerkannt In seiner allerhöchsten Machtvollkommenheit! Beschließen, heißt ein Knabe sein in grauem Haar! Absicht ist Blödsinn ... Er sinkt in Ermattung. tritt näher. Starb der Zar? Er starb. Ihr könnt Den Lüften schenken eurer Herzen Klageschrei! Auf den Altan! Des großen Toten Testament Den Völkern eiligst öffnend, Freunde, kund zu tun. Katharina mit den Großen ab. Dem Meere werf' ich knirschend diese Träne zu, Die Einzige! O er hat Recht! Warum, Natur, Erschufst du einen Mann? von außen. Sie lebe, lebe hoch! Katharinen Heil und Huldigung! erwacht. Wer weckt mich auf? Nicht sterben können! Endige! Schon klingt Geräusch Arbeitenden Verwesens! Bei dem Werke sind Geschäftig-laut die Würmer. Still ... Gordon, vernimm: Gebt alles an ... Er stirbt. An wen, o Herr? – Der Atem steht, Und Rauch des Todes schwärzet seiner Lippen Saum. »Gebt alles an« ... Du hast, das Rätsel deiner Zeit, Abscheidend, Rußlands Rätsel der Zukunft vermacht, Die, hoher Seeheld, immer dein Orlog gesucht. Heil unsrer ersten Katharina! Ew'ges Heil! O Gott, ich könnt' auflachen laut! – – Das Rätsel bleibt Fürs erste wohl noch ungelöst von dem Geschmeiß. Doch ziemt's, an andres hier zu denken, als an dich? Du siehst aus offnen Fenstern dir den Lärmen an! Ehrfürchtig naht sich, o erloschne Sterne, Euch, Die Augen drückt, mein König, fromm dir einer zu, Der von den Wirren unsrer Welt so viel begreift, Als der Entseelten gläsern-stumpfer Blick erschaut. Er drückt ihm die Augen zu.