Asylrecht (Den Antisemiten gewidmet) In eine Stadt des alten Hellas kam Einst ein verfemter Mann mit Weib und Kind, Um schwere Blutschuld als ein Götterfeind Verjagt von Haus und Herd. Er siedelte Sich schüchtern an und sorgte Tag und Nacht, Dem Hunger wehrend mit geduld'gem Fleiß, Und da die Not erfindrisch macht, gedieh Ihm sein Gewerb. Das sahn die Mächtigen Der Stadt voll Neid und Haß und sprachen so: Liegt nicht die Blutschuld über seinem Haupt Noch ungesühnt, und der Verfemte doch Wird hier geduldet? Wenn der Götter Zorn Auf uns herabfährt, büßen wir für ihn. Und doch – ein Gastrecht ward ihm eingeräumt; Wer es verletzt, den straft Zeus Xenios. So sandten sie nach Delphi Botschaft hin, Zu forschen aus Orakelmund, wie sie Mit ihm verfahren sollten. Da erscholl An des Gesandten Ohr der Pythia Spruch: Nimm alle Nester junger Vögel aus, Die droben hangen rings am Tempelsims! – Und jener, ob erschreckt und zögernd auch, Gehorcht und tat's. Da, wie er noch am Werk, Erklang aus heitrer Luft ein Donnerschlag, Und unterirdisch dröhnt' ein Echo nach. Tag ward in Nacht verkehrt, als bräch' herein Von Erd' und Himmel her Weltuntergang. Entsetzt zur heil'gen Pythia flüchtete Der Mann und klagte: War's nicht dein Gebot, Was nun der Über-, Unterird'schen Grimm Zumal empört? Nun schütze mich! – Alsbald Kam Antwort ihm aus gottgeweihtem Mund: Dir zum Verderben tat ich meinen Spruch! Wer fragt, ob er am Gastrecht freveln darf, Ist gottlos, und gerechter Götterzorn Fällt auf sein Haupt. – So sprach ein Heidenmund Vor zwei Jahrtausenden. Und ihr, die ihr Euch rühmt der reinern, tiefern Gottesfurcht, Wie redet ihr? (Nach Herodot)