Wilfried (Ein Tagebuch. Oktober 1877 bis Mai 1878) Vom Rosenstrauch die letzte Blüte fällt, Ein böser Herbstwind schauert durch die Welt. Wir pflegten Winters dies und das zu tun, Das ward so müßig, so entbehrlich nun! Zu hoffen, harren, sorgen, uns zu freun – Das soll nun alles nimmer sich erneun. Nicht sehn wir mehr der kleinen Füße Spur Leicht eingedrückt der überschneiten Flur. Nicht bei der frühen Lampe goldnem Licht Glüht horchend auf ein kleines Angesicht. Uns bringt der Winter nur mit Sturm und Graus Melancholie ins ausgestorbne Haus. Das klügste wär', sich einzuspinnen sacht, Wie es zum Winterschlaf die Raupe macht. Doch da ein Mensch soll wacker sein und wach, Komm! fliehn wir sommerwärts den Schwalben nach! Vielleicht daß zweier Wandrer tiefverarmt Die Bettlerfreundin Sonne sich erbarmt. [So reisen wir ins Land hinein] So reisen wir ins Land hinein Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein, Und immer reist auf Schritt und Tritt Ein kleiner blasser Schatten mit. Und wo die Erde schöner blüht, Sein Mündchen weher zuckt und glüht, Und wo die Sonne goldner lacht, Sucht er uns trüber heim zu Nacht. Was suchst du, blasser Schatten, hier, Du kleiner blinder Passagier? Ach, dir versagt ist alle Lust, Und uns erstarrt dein Hauch die Brust. Wie war dein Auge warm und hell, Ein Lebenswonnenzauberquell! Und jetzt – o hab Erbarmen, Kind! Du siehst ja, wie wir elend sind. Wir drängen dich ja nicht zurück, Doch komm mit sanftem Geisterblick, Nicht alles Holden ganz beraubt! – Umsonst! Er schüttelt still das Haupt. Sein armes bleiches Mündchen bebt: Wie habt ihr nur mich überlebt! Nun komm' ich, wie ich kommen muß, Nun haltet Treue bis zum Schluß. – So reisen wir ins Land hinein Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein, Und mit uns wandert unser Kind, Bis auch wir andern Schatten sind. Unterwegs [Verzogen] Verzogen, Verflogen, Alle Vögel aus dem Nest! Nur die Mauern, Sie dauern, Überdauern die Gäst'. Junge Zeiten, Sie schreiten Wie Geister vorbei. Wo ist nun geblieben Das Lachen, das Lieben? Blieb keines dir treu? Von weiten Da läuten Die Glocken wie einst. Alter Träumer, entrinne, Daß am Fenster die Spinne Nicht sieht, wie du weinst! Sorrent [Die Tage schleichen an uns vorüber] Die Tage schleichen an uns vorüber, Wie eine dunkle Geschwisterschar, Die einen sanfter, die andern trüber, Doch keiner lachend und freudenklar. Sie tragen Gaben in bleichen Händen, Der edeln Güter gar mancherlei, Doch florumwunden sind ihre Spenden, Und unbewillkommt ziehn sie vorbei. Voran geht einer mit harten Mienen Und scheuem Trutzblick, gesenkt das Haupt; Er ist von gleichem Geschlecht mit ihnen, Doch statt zu schenken, hat er geraubt. Seitdem mißtraun wir den andern allen, Die sonst wir arglos ans Herz gedrückt. Auch mit den Schwestern sind wir zerfallen, Den schönen Nächten, so reichgeschmückt. Ein Tag wird kommen, der wird uns retten, Ein Weltversöhner, aus allem Harm; Mitleidig führt er zu ew'gen Stätten Der stillsten Schwester uns in den Arm. Sorrent [O Herzenseigensinn] »O Herzenseigensinn! Wie viel ist dir geblieben, Wie viel noch kannst du lieben, Und wirfst doch alles hin? Seit ein Geliebtes fehlt, Zwei Augen sich geschlossen, Bleibt alles ungenossen? Ist dir die Welt entseelt?« – Und hat denn Liebe je Gelernt vorlieb zu nehmen? Muß Treue nicht sich schämen, Wenn sanfter wird das Weh? Euch ist die Welt so viel, Mir gilt sie nur geringe, Gleich einem goldnen Ringe, Aus dem die Perle fiel. Sorrent [Horch! in der dunklen Frühe] Horch! in der dunklen Frühe Herübersummt das Glockenerz. Zu neuer Qual und Mühe Wach auf, verschlafnes Herz! – – Es ist noch viel zu frühe, Laß schlafen mich ein Weilchen noch. Wer weiß, ob nicht erblühe Ein Trost im Traume doch! – Die falschen Träume fliehe! Sie bringen nur erträumtes Glück. Am wachen Leben glühe Von neuem auf dein Blick. – – Umsonst! Dem Frohen sprühe Das Leben seine Wonnen aus; Mir in der dunklen Frühe Nur einen Tropfen Taus! Sorrent [Kein Wort, kein Blick] Kein Wort, kein Blick; Das lieblichste Glück Verschwunden, verloren, dahin! Nie mehr – nie mehr – – Von den Glücklichen wer, Wer faßt den vernichtenden Sinn? Kein flüsternder Gruß, Kein lächelnder Kuß, Die scherzende Lippe verstummt; Die süße Gestalt Nun starr und kalt In das traurige Laken vermummt. Was kann und vermag, Was will – o sag – Die Welt, die zu trösten uns meint? Ihre Zaubergestalt Erbleicht alsbald, Wenn das blasse Gesichtchen erscheint. Ihr lockender Chor, Nicht zieht er empor Ein Herz, zur Tiefe gebeugt. Wir wandeln dahin Mit verschlossenem Sinn Und horchen, wie er nun schweigt! Sorrent [Es singt und klingt mir im Gemüt] Es singt und klingt mir im Gemüt Vom Morgen bis zum Abendrot: Das Leben ist ein süßes Lied, Sein bittrer Kehrreim ist der Tod. Ich sang das Lieb wohl vor mich hin, Der Kehrreim schuf mir keine Not. Das Leben hatte klaren Sinn, Ein dunkles Rätsel schien der Tod. Gedämpft ist nun der lust'ge Schall, Der mir die Brust zu sprengen droht. Das Leben dunkelt überall, Und hell und heller winkt der Tod. Die falschen Töne sind verstummt, Des Lebens irre Glut verloht – Ich harre, daß in Schlaf mich summt Mit sanftem Wiegenlied der Tod. Sorrent [Die silberne Luft erglänzt so blaß] Die silberne Luft erglänzt so blaß Über dem schwarzen Meer; Die Möwe kreist, die schwanke, Ruhlosen Flugs umher. Ich denk' an eine Stirne so blaß, Zwei Augen schwarz und stumm. Ein einz'ger irrer Gedanke Geht ruhelos drin um. Zwischen Sorrent und Capri [Warum zwitschert ihr mich] Warum zwitschert ihr mich Um meinen Morgenschlaf Mit scharfem Weckruf, Grausame Vögel! Ach, ihr scheuchet Mir von der Seite Den einz'gen Freund und Erbarmer, Der bei mir aushielt, Da vom Haupte Des Götterverfemten Entsetzt hinwegflohn Alle guten Geister. Wie qualvoll lang Im purpurnen Abgrund der Nacht, Zu dem hinunter Kein Strahl des Friedens tauchte, Lag ich mit fieberbangen Sinnen, Aus furchtbarn Träumen Zurückgeschreckt Ins schreckenvollere Wache Bewußtsein Meines Unglücks, Bis endlich nachgab Der leidermattete Leib Und ein Tropfe Vergessen Auf die lechzende Seele taute. Den mißgönnet ihr mir, Schadenfrohe Vögel! Ach, vorzeiten Meintet ihr's gut, Wenn ihr den schlummerberauschten Knaben und Mann Hinaus in die lodernde Pracht des Morgens riefet. Da war Welt und Leben Des Wachens wert. Jetzt ist der dichteste Schleier, Den Träume weben, Nur wie ein Spinnweb, Gelegt auf frische Wunde: Nur leicht das Blut Zu hemmen vermag's; Doch voll durchtränkt Mit dem quellenden Naß, Wird das Gespinst Wieder hinweggespült, Und heißer rieselt die Welle Am grauen Morgen. Daß ein Morgen käme, Der sie stocken machte, Müßte mit ihr auch Mein Leben stocken – Denn, all ihr Götter, Übermenschlich Ist diese Pein! Sorrent [Des ungewordenen] Des ungewordenen Allvaters Kronos Weltalte Zwillingstöchter, Natur und Schicksal – Feindlichere Schwestern Sah nie das Licht. Wenn die Jüngere, Die Lebengebärerin, Kräftesprühend Ihre Geschöpfe Mit mannigfaltigen Gaben gesegnet, Oder gedankenlos Ihr Geschenk Durch Widerstreitendes Wieder zerstört: Nicht Tück' und Neid, Nur der Unbedacht Spielender Kraft Macht sie furchtbar Ihren Geschöpfen. Den Lieblingen, wie Den Stiefgeborenen Teilt sie launisch aus Heilsames und Verderbliches Und läßt ihrer Kinder Oft die verwöhntesten Am eignen Herrlichsten Zugrunde gehen. Aber die ältere, Die nie ein Götter- Und ein Menschenauge Lächeln sah, Die finstere Heimarmene, – Was sie tut, Ist immer unhold, Ob es auch gut wäre; Denn alles Seelenvolle, Gütige, Zarte Ist ihr fremd. Doch sieht sie wen, Dem ihre Schwester Liebgesinnt war, Den sie mit ihrer Gaben begehrtesten, Liebenswertesten ausgestattet, Ergrimmt die Arge, Da, wer geliebt wird, Ihrer spotten mag. Solche zu verderben Sinnt sie tückisch, Und gleich dem Fischer, Der nachts um Uferklippen Lautlos lenkt mit der Fackel Den dunklen Nachen Und über Bord geneigt Späht in die Tiefe, Der Fische glückliche Brut Heraufzulocken, Daß die Harpune dann Ihr Spielen ende: So lauert nächtlich Das Schicksal der Betrogenen, Denen wohl ist in kühler Wonne. Denn kindisch sind Die Lieblinge der Natur. Glänzendes lockt sie, Und arglos bieten sie Den Hals der Schärfe des Eisens ... Sorrent [Wie so wund nun bist du, arme Seele] Wie so wund nun bist du, arme Seele, Blutest, ach, verblutest dich nach innen! Gleich der Taube, der das Rohr des Jägers Ihren Nestling in die Brust getroffen, Ihn durchs Herz und sie mit gleichem Schusse Nicht zum Tode, nur zu Lebensunmacht. Nun mit welkem, eingeknicktem Flügel Nicht mehr kann sie durch die Wipfel streifen, Nicht die sonnewarmen Dächer suchen. Überm feuchten Grund, dem moderkühlen, Der das Blut gesogen ihres Lieblings, Wankt sie flatternd hin und her; verloren Ist der Lenz für sie, vergällt die Liebe, Leben Todesqual. O hilf und heile, Wenn du Macht hast, mütterliche Sonne! Hab Erbarmen mit der Mutterseele, Der unheilbar zärtlichsten von allen! Sorrent [Wie schon jahrlang abgeschieden] Wie schon jahrlang abgeschieden, Wandelnd allvergeßne Pfade, Atm' ich reinen Jenseitsfrieden Am geliebtesten Gestade. Nächtens seh' ich Barken fahren Weit ins Meer bei Fackelscheine, Daß ich stiller Geisterscharen Hadesfahrt zu schauen meine. Tags, wie haben Luft und Welle Alle Zauber ausgegossen! Von des Empyreums Helle Fühl' ich selig mich umflossen. Kaum ein Gruß wird mir geboten, Höchstens winkt ein Kinderhändchen, Und so leb' ich meinen Toten Und verschalle den Lebend'gen. Sorrent [Die Sonne gleitet still hinab] Die Sonne gleitet still hinab Ins Wellengrab. Ein feiner falber Schleier fällt Rings auf die Welt. Am blauen Bergeshorizont Glüht auf der Mond. Es hellt sein düsterwildes Licht Die Trübe nicht. Wir wandeln traurig Hand in Hand Durchs Totenland. Was jedes denkt so weit von Haus, Spricht keines aus. Ein Nachglanz von verlornem Glück Blieb uns zurück – Es hellt sein rotverweintes Licht Die Trübe nicht! Pompeji [Bezwingst du nicht den dunklen Gram] »Bezwingst du nicht den dunklen Gram? Am Firmament Wie lockt das Licht so wonnesam!« – Die Wunde brennt. »Wer ward nicht schon vom liebsten Glück Unsanft getrennt! Wer leben will, schau' nicht zurück!« – Die Wunde brennt. »Und du, dem so viel reiche Gunst Ein Gott gegönnt, Die Seele voll Natur und Kunst –!« – Die Wunde brennt. Neapel [Der Tag verging mir] Der Tag verging mir, Der Abend kam Aug' in Auge Mit meinem Gram. Freuden pochten Ans öde Haus; Er hielt die Wache Und schloß sie aus. Träume nachten Bei Sternenschein; Die trostbegabten Ließ er nicht ein. Er wich und wankte Vom Bett mir nicht; Ich sah durch Tränen Sein starr Gesicht. Die Nacht verging mir, Der Morgen kam Aug' in Auge Mit meinem Gram. Neapel [Kennst du die Tränen] Kennst du die Tränen, Die nie versiegen, Das wunde Sehnen, Wie Fieberglut? Mit unterirdisch Geheimer Welle Rinnt dieses Kummers Wühlende Quelle, Und jäh zutage Bricht ihre Flut. Heut unter lachend Azurnem Himmel, In des Toledo Glanz und Getümmel Plötzlich zum Herzen Stürmt mir das Blut: So viel üppiges Leben ergossen, Und du, mein Knabe, Hast nichts genossen. So lebenswürdig, So schön und gut! Wehe den Tränen, Die nie versiegen, Dem wunden Sehnen, Das nimmer ruht! Neapel [Hab' ich denn schon Schmerz gelitten] Hab' ich denn schon Schmerz gelitten, Eh' ich dieses Glück verlor? Ward mir schon ins Herz geschnitten Mit so rauher Hand zuvor? Stockt mir doch der Quell des Lebens Wie verschüttet in der Brust. Nun umschmeichelt sie vergebens Liebeslockung, Lebenslust. Wenn ein Tagwerk mich beschwerte, Wer erquickt mich nun am Ziel? Und wo ist mein Spielgefährte, Wenn die Stunde kommt zum Spiel? Lange Bogenzeilen tragen Vom Gebirg den reinen Quell. Lorbeerhaine seh' ich ragen, Licht und Luft wie süß und hell! Golden blitzt des Stromes Welle, Und ich blicke starr hinein, Wie vom hohen Fußgestelle Fühllos jenes Bild von Stein. – – Rom Der Mond stand überm Palatin. Wie ich Der Mond stand überm Palatin. Wie ich Hinaufkam, weiß ich nicht. Das hohe Tor War offen, ohne Wächter. Eine Stimme Sprach in mir: Geh hinauf! Du findst ihn dort! Doch langsam, denn mir klopfte stark das Herz, Stieg ich die dunkle Treppenflucht hinan Und stand nun auf der Höhe, rings um mich, Was von der Hofburg der Cäsaren blieb: Nur Stein und Schutt, der Gold- und Marmorhülle Beraubt, wie nacktes Knochenwerk, von dem Hinweggemodert längst das blühnde Fleisch. Gewaltig in den veilchenblauen Äther Zur Rechten mir erhob das Kolosseum Die dunkle Stirn, durch seine leeren Bogen Quoll goldner Schein; genüber ragt' empor Des Friedenstempels dreigeteilte Cella, Geheimnisdunkel; dran vorüber sah ich Mondblitze, schlanken Silberpfeilen gleich, Von Säul- zu Säulenstumpf des alten Forums Sich schwingen und vom steilen Kapitol Abprallend in der Nebeldämmrung schwinden. Das sah ich mit dem äußern Auge nur Und ungerührt. Stieg ich doch nicht hinauf, Mich am Erhabensten der Welt zu weiden, Nur weil es in mir sprach: du findst ihn dort! So wandt' ich mich und wandelte den Pfad Vorbei dem Hause des Caligula Und dem Palast der Flavier, bis zum Rand Des Hügels, wo in sanften Duft gehüllt Das Haupt des Aventin herübersah. Wie Geisteratem leise ging die Luft, Und jeder Stein und jeder zarte Sproß Der Bäum' und Sträucher schien zugleich dem Blick So deutlich und so märchenhaft, daß mir In wunderlichem Graun die Seele bebte. Da, wie die Augen ziellos sich ergehn, Auf jener Wiese, zwischen Lorbeerbüschen Und wilden Rosen – heil'ge Götter! was Erblick' ich! – Ist er's? – Das geliebte Kind – Es sitzt mir abgewandt – mit blassen Händchen Pflückt's auf dem mondbeglänzten Rasenteppich Die zarten Anemonen und Tazetten, Der Totenblume glockengoldne Sprossen, Und windet eifrig sie in einen Kranz. Ein Schrei entringt sich mir – da wendet er Das Haupt – er ist's! – und sieht mich, und die Blumen Vom Schoße schüttelnd springt er hastig auf Und mir entgegen, steht dann plötzlich still, Scheu, als besänn' er sich auf ein Verbot. Ich aber fasse mir ein Herz: Mein Kind, Mein holdes Leben! stamml' ich. Doch er schüttelt Wehmütig ernst das Haupt, als woll' er sagen: Was sprichst du! Leben? Das ist hin! – Und langsam Nimmt er die Blumen auf und ordnet sie In einen Strauß, winkt dann geheimnisvoll Und geht voran. Auf einmal ward das Herz Mir seltsam leicht und froh, als gingen wir Wie sonst spazieren und betrachteten Mit hellen Augen rings die Welt. Wo willst du Nur hin? begann ich. Willst du deinen Strauß Der Mutter bringen? – Und er nickt' und sah Mit einem traurig stillen Blick mich an – Es war, als wollt' er plötzlich an die Brust Mir stürzen, mich zu bitten: nimm mich mit, Zurück ins Leben! Wo ich jetzt verweile, Ach, ist's so schaurig kalt und liebeleer! – Doch er bezwang sich, hob das Fingerchen, Wie um zu mahnen: denk nicht drüber nach, Wie all das ist; es bräche dir das Herz! – Und so verstummt' ich. Ach, die Augen hingen, Sich nicht ersättigend, an dem lieben Antlitz. Noch feiner schien es, reifer noch, zugleich Noch weit unschuld'ger, rührender, nur daß Es nicht mehr glänzt' in süßem Übermut. Und näher schmiegt' er sich an mich. Doch nur Der Duft berührte mich von seinem Strauß, Nichts von ihm selbst. So, unvermerkt hinab Vom Palatin hatt' er mich weggeführt, Und scherzend sagt' ich: Weißt du denn Bescheid Im fremden Rom? Willst du am Kapitol Die Wölfin sehn? Er aber schwieg und ging Voran mit leichtbeschwingtem Schritt, das Haar Umwehte Stirn und Schläfen seidenweich – O wie er lieblich war! – So schritten wir Die totenstillen Gassen traulich hin. Nur meines Schrittes Echo klang, und dort Der große Brunnen rauschte. Sieh nur, sagt' ich, Dies ist der Trevibrunnen. Möchtst du wohl Auf diesen Wasserpferden reiten, Kind? – Da lächelt' er, zum erstenmal. Und weiter Rastlos den langen Corso ging's hinab. Und als wir jetzt dem Hause nahten, wo Die ärmste aller Mütter schlief, – doch nein, Sie wachte; durch die Läden schimmerte Die Lampe noch – da blieb er stehn und sah Still zum Balkon hinauf. Unschlüssig schien er, Ob er die Schwelle wohl betreten dürfe. Und ich: ach, wenn die Zwei sich wiedersehn, Er nimmt sie mir mit fort! – Da sah ich, wie er Rasch vor der Tür die Blumen niederlegte, Dann, gleich als ob er Eile habe, winkt' er Mir zu, und durch das monderhellte Tor Des Volkes führt' er mich und nach der Villa Borghese, und wir schritten frei hinein. Wie zauberherrlich breiteten die Wiesen, Von Pinienwipfeln dunkel überschattet Und rings von Säulen, Brunnen, Marmorbildern Durchschimmert, weit sich aus! – Hier ist es schön, Nicht wahr, mein Liebling? Sieh nur die Narzissen Dort auf der Halde. Willst du wieder pflücken? – Er aber spähte still umher. Da sahn wir Im Stadium, wo Zypressen rings wie Wächter Den Plan behüten, schöne Pferde frei Sich tummeln oder weiden durch das Gras. Die schlanken Nüstern schnoberten, es flogen Die langen Schweife, wie sie ihre Sprünge Fast wie im Reigen machten. Und auf einmal Kam aus der Koppel zu uns hergelaufen Ein weißes Füllen. Fromm-geduldig stand's Vor meinem Knaben, ließ das krause Fell Von seinen dreisten Händchen willig streicheln, Und eh' ich's dachte, saß er auf dem Rücken Des schlanken Tiers, und nun begann das Spiel, In leichten Sprüngen erst, dann wild und wilder, Daß ich in Angst erschaudernd rief und bat Und warnt' – umsonst! In plötzlich tollem Rasen Ausbrach der Wildling, wie gepeitscht mit Dornen, Und mein Geliebter, wie ein Federball Hinab, hinaufgeschnellt, kaum noch die Mähne Fest hielt er – zwischendurch aus seinem Auge Traf mich ein banger Strahl. – Ach, rief ich, hättst du Es nicht gewagt! Das Leben ist zu wild, Es wirft dich ab! – Da hört' ich einen Ton Wie Ächzen – drauf ein schadenfrohes Wiehern – Und als der Nebel meiner Ohnmacht wich, Sah ich auf feuchtem Abhang hingestreckt Den holden weißen Leib, die Strahlenaugen Erloschen, ach, die Blumenglieder nackt In eine rote Decke halbverhüllt – Und sinnlos stürzt' ich hin. – – Doch aus der Wiese, Darauf er lag, sproß eine Blumensaat Von gelben Totenblumen und Narzissen Und frühen Veilchen, und sie wuchsen hoch Und höher, überwuchernd die erblichnen Geliebten Glieder, bis ich nichts mehr sah Von meinem toten Glück. Ins Auge drang Mir scharf und schmerzend erste Morgenglut Des neuen Tags, in lautem Weinen brach Die Qual mir aus, und seinen Namen rufend, Erwacht' ich. Rom im März [Ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's] Ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's, Ihm nachzuhängen. Dennoch, jeden Tag, Sobald versank der Sonnenball und noch Der Trost des Sternenschimmers nicht erblüht, Nur bleiern bleiches Zwielicht auf dem plötzlich Entseelten Angesicht der Erde ruht, Tritt vor mich hin dasselbe Graungespenst. Mir ist, mein Knabe sei in weiter Ferne Verirrt und finde nicht nach Haus. Ich seh' ihn Durch graue Gassen einer fremden Stadt Hineilen, seine kleinen Füße wanken, Von kühlem Tau und kaltem Schweiße klebt Sein braunes Haar, die Augen suchen irr Umher, ob sie das Haus nicht wiederfinden, Wohin er soll, wo ihm das Bettchen steht, Die Mutter tödlich sich um ihn zerbangt Und trostlos sie der Vater trösten will. Und fremde Leute, hastig teilnahmlos, Gehn ihm vorbei – er ruft sie an – er fleht: Bringt mich nach Hause! – Keiner hört auf ihn; Nicht eine Pforte tut sich ladend auf, Nicht eine Hand zieht ihn ins Wohnliche. Und so von Tür zu Türe, hingejagt Von Hunger, Angst und Sterbensmüdigkeit, Sucht er und sucht – und keine Zuflucht winkt, Und dichter, kühler, schauriger umdunkelt Die Nacht sein banges Leben – schwer und schwerer Den Atem ringt er aus beklemmter Brust – Und jetzt – die Kraft versiegt – mit leisem Ach Hinsinkt er auf den kalten Stein. Da sendet Ein güt'ger Dämon, der das Herz mir nicht Will springen lassen im lebend'gen Leibe, Ihm Helfer in der höchsten Not. Ich seh' Zwei andre Kinder um die Ecke biegen, Stillgleitend wie mit Flügeln. An der Hand Führt ein halbwüchs'ger Knab' ein zierlich Mägdlein, Das kaum erst trippeln lernte. Stolz und ernst Glüht unter blasser Stirn das Knabenauge Und rastet plötzlich auf dem Hingesunknen. Das Mägdlein aber stutzt und zeigt auf ihn, Und jetzt, mit holdem, unhörbarem Lachen Läuft's auf ihn zu und tupft ihn auf den Kopf, Und wie er aufsieht, streichelt sie ihm sanft Das taubetriefte Haar. Doch ihr Gefährte Faßt brüderlich den Kleinen unterm Arm Und richtet ihn empor. Da sehn die Drei Sich an mit Kinderneugier, rasch vertraut, Und flink das Mägdlein in die Mitte nehmend, Gehn sie dahin; mir ist, ihr Lachen hört' ich, Ihr kindisch Plaudern, – und wie Flötenhauch Dringt's an mein Ohr. So blick' ich ihnen nach, Bis vor dem übertauenden Aug' ihr Bild Zerrinnt, und dort am Dachesrande glüht Der goldne Mond empor und übergießt Mit Balsam mir die angsterlöste Seele. Rom