Bilder aus Neapel 1. Zwei Bübchen sah ich heut, in Lumpen beide, Eins barfuß, eins mit Stiefeln ausgerüstet, Danach wohl keine Seele sonst gelüstet – Fast wie das Messer ohne Griff und Schneide. Sein Spießgesell indessen sah's voll Neide, Wie sich der Freund mit seinem Schuhwerk brüstet; Denn ob es auch der Zahn der Zeit verwüstet, Strahlt der Besitzer doch in stolzer Freude. Den Soldo, den er erst erbetteln müssen, Gab er dem Stiefelputzer, mit Grimassen –! Grinsend von einem bis zum andern Ohre. Und sein Triumphblick tat der Welt zu wissen: Wer Stiefel hat, kann sie auch putzen lassen, Und wer sie putzen läßt, ist ein Signore. 2. Wär' Vater Adam hier am Golf geboren, Nie hätt' er sich ums Paradies gebracht; Den Zorn des Herrn hätt' er hinweggelacht Mit echt napoletanischen Humoren. Heut, da ich wandelt' ins Gewühl verloren Am Hafen, fühlt' ich eine Hand, die sacht An meinem Rockschoß sich zu schaffen macht'; Ein Griff – den Schlingel hatt' ich bei den Ohren. Doch wie ein Aal entschlüpft' er mir und stand Erst in der Ferne still, mit Sehnsuchtsblicken, Recht wie vom tiefsten Mitgefühl durchdrungen. Und mich vertröstend winkt' er mit der Hand: »Geduld, Signor! 's wird nächstens besser glücken!« – Fast tat's mir selber leid, daß es mißlungen. 3. Dies junge braune Schelmenangesicht Mit Feuerblick und lachend weißen Zähnen – Wie reizend hexenhaft der wirren Strähnen Tiefschwarzer Kranz die niedre Stirn umflicht. Sie kennt nichts Höh'res, als am Sonnenlicht Im warmen Meersand faul die Glieder dehnen, Doch muß sie früh schon bei den Fischerkähnen Mitziehn am Schleppnetz, wie der Weiber Pflicht. Hernach sitzt sie am Haus und schwingt den Wocken Und singt dazu und ruft, gehst du vorbei, Mit Lachen ihr: › Signor, muojo di fame! ‹ Sie hat gut lachen! Diese Zähn' und Locken Und sonst noch Unverfälschtes allerlei Dürft' ihr beneiden manche große Dame. 4. Das Stirnhaar leicht mit Puder angegraut, Den Schopf gekrönt mit falscher Flechtenmasse, Ihr Fähnchen lang nachschleifend auf der Gasse, Bachstelzenhaft, mit zwitschernd hellem Laut; Zu jedem Mannsbild, das herüberschaut, Hinäugelnd, ob ein Netz sich werfen lasse, Nicht schön, doch zierlich, von gemischter Rasse, Kohlschwarz das Aug, ein bleiches Braun die Haut: So gehn Neapels Töchter vom geringern Stand dir vorbei und scheinen keck zu sagen: Wir sind nicht Römerinnen, mußt du wissen. Den Austern gleichen wir, den kleinen Dingern, Die auch, wie wir, das Altern nicht vertragen, Doch frisch geschlürft sind sie ein Leckerbissen. 5. Sie hielten, vierzig Ladendiener, heuer Ihr Bundesfestmahl in Sorrentos Frische. Für Suppe, Maccheroni, Braten, Fische Und Früchte sind zwei Lire nicht zu teuer. Doch wie sie tafelten! Mit welchem Feuer Ein jeder schlang, damit er ja bei Tische Auch für sein Geld sein volles Teil erwische, Portionen ließ verschwinden, ungeheuer! Beim Nachtisch sangen sie zur Mandoline Traviata, Rigoletto, Troubadour, Wo mehr die forti glückten als die piani! Der Kellner schlich herum mit saurer Miene. »Vierzig Kuverts – zwei Lire Trinkgeld nur. – Ma che volete? Son Napoletani! « 6. Das Hirn voll Tand, im Herzen öde Leere, Sorgsam frisiert, geschminkt die welke Haut, Mit jedes Hauses kleinem Klatsch vertraut, Als ob in aller Welt nichts Höh'res wäre, So schlendert dort der Veteran vom Heere Der Stutzer, höchlich von sich selbst erbaut, Voll Stolz, daß er mit Ehren so ergraut Im strengen Waffendienste der Cythere. Beruf und Ziel und Inhalt seines Lebens War Frauenliebe; da ihn die verlassen, Ist er zu nichts mehr auf der Welt zu brauchen, Als nur – ein Vorbild manneswürd'gen Strebens Der goldnen Jugend – auf Neapels Gassen Die langen, schwärzlichen Cavours zu rauchen. 7. Im Museum Am Sonntag stets und Feiertags mitunter Ist freier Eintritt hier. Das Volk in Scharen Strömt durch die Säle, froh, den Frank zu sparen, Und gafft und staunt und lacht und plaudert munter. Ein stattlich Bürgerweib sah ich darunter, Das einen Säugling trug mit krausen Haaren Und leider noch viel krauserem Gebaren; Er strampfte, schrie und trieb es bunt und bunter. Da, öffnend ihre volle Brust in Eile, Im Weiterschreiten stillte sie den Schreier, Indes sie selber sättigte die Augen. Gesegnet Volk! Dir wird das Glück zuteile, Den Sinn für Kunst in früher Sonntagsfeier Schon mit der Milch der Mutter einzusaugen. 8. Ich sah im sechsten Stock auf dem Balkone Ein Crestaïnchen (auf gut Deutsch: Grisette). Sie näht', und mit der Arbeit um die Wette Flog ihr Gesang im Ritornellentone. Dazwischen, stolz herab vom hohen Throne, Als ob sie all die Pracht zu eigen hätte, Beherrscht' ihr Blick des Meeres Spiegelglätte, Capri, Vesuv und rechts Pizzofalcone. Ein Mann mit Früchten kam vorbei. Nach denen Ließ sie ihr Körbchen rasch am Seil hinab Und zog's gefüllt herauf um wenig Heller. Dann biß sie tapfer ein mit blanken Zähnen, Bis ihr zum Stelldichein das Zeichen gab Ihr Liebster, pfeifend wie ein Vogelsteller. 9. Und jenes blassen Mädchens dacht' ich da In meiner Eltern Haus. Ihr dumpfes Zimmer Sah in den Hof; da saß sie nähend immer, Bis ihre Hand dem Linnen ähnlich sah. Was rings in Stadt und Land und Welt geschah, Warf in ihr dämmernd Leben keinen Schimmer. Daß schön die Erde sei, erfuhr sie nimmer Und dacht' an eins nur: daß ihr Ende nah. Am Sonntag kam ein blonder Kammerdiener, Der ihr von Liebe sprach; und schweigend ließ Und lächelnd sie's geschehn, als wär's zum Spaße. Zuweilen bracht' er Kirschen mit, dann schien er Ein Gott ihr und ein kleines Paradies Ihr Hinterstübchen in der Behrenstraße. 10. Die Chiaja dröhnt von Reitern und Karossen, Konzert im Grünen, lust'gen Menschenscharen. Siehst du die schöne Frau mit blonden Haaren, Stumm an des Gatten Seite hingegossen? Er blickt so kalt, sie traurig und verdrossen. Die Dulderin! Kann er ihr's nicht ersparen, Dicht an dem Hause dort vorbeizufahren, Wo er sein freches Liebchen eingeschlossen? Die zeigt am Fenster sich zur Korsostunde. Die arme junge Frau sieht stolz vorüber – Wohin? Dort nach dem Stutzer hoch zu Pferd? Aufblitz ein Lächeln an dem blassen Munde, Ein Wink – ein Blick herüber und hinüber – O Dulderin! – Ihr seid einander wert! 11. Hier kannst du Gleichheit finden sondergleichen. Sie machen Ernst mit dem erhabnen Spruche, Wir sollten Brüder sein trotz Kains Fluche; Zumal die Schwestern wissen's zu erreichen. Die Häßlichen und Hübschen, Arm' und Reichen, Mit Ambradüften oder Fischgeruche, Sie lesen sämtlich nie in einem Buche Und wissen aller Bildung auszuweichen. Nur was man anziehn, küssen kann und essen, Scheint wert, daß man danach Verlangen trüge, Ob höher man geboren sei, ob tiefer. Das Fischweib neidet nicht die Principessen. Was die besitzen, hat sie selbst zur Gnüge: Liebschaften, Kinder, Eis und Ungeziefer. 12. Ihr zählt, mein schönes Kind, kaum vierzehn Jahr Und habt ein so erwachsen kluges Lachen Und schwatzt so allerliebst von Liebessachen, Schon aus Erfahrung, dächte man fürwahr. Auch ist schon einer, oder zwei sogar, Mit Ernst beflissen, Euch den Hof zu machen; Selbst dem Verehrer Eurer eignen schwachen Mama bringt Euer Äugeln schon Gefahr. Was Ihr nur tragt und tut und sprecht, hat Schick. Ihr habt den besten Koch, den ersten Schneider, Der frömmste Beicht'ger sorgt für Eure Tugend. Begehrlich folgt Euch aller Männer Blick. Ja, Ihr habt alles, Signorina! Leider Fehlt Euch nur eine Kleinigkeit: die Jugend. 13. Auf Capri Barfüßig, braun, das Haar zerzaust vom Wind, Trieb sie ihr Eselchen mit sonderbaren Zurufen an. Da wir gesprächig waren, So löst' auch ihr das Zünglein sich geschwind. »Concetta heiß' ich. Hier auf Capri sind Die meisten Mädchen hübsch. Vor wenig Jahren Kam ein Milordo übers Meer gefahren, Der nahm zur Frau sich ein Capreser Kind. Was half das Glück ihr? Weil's im Norden schneite, Starb sie vor Frost und Heimweh, poveretta! Der arme Herr! Tanto carina war sie! Man sagt, nun komm' er wieder, sich die zweite Zu holen.« – Hättest du wohl Lust, Concetta? – Und sei, ganz ernsthaft: Eh! potrebbe darsi. 14. Vom neuen Friedhof Ich sah die Sonne still zur Rüste gleiten, Capri, die Meeressphinx, in Gold getaucht, Sorrent von zartem Veilchenduft umhaucht Und um Sant' Elmo Dämmrung sich verbreiten. Kaum atmete die Luft von Zeit zu Zeiten. Das Wölkchen, das dem Feuerberg entraucht, Hing wie getriebnes Silber, schöngebaucht; Kein Schatten sonst in allen Himmelsweiten. Und in mir sprach's: wie hoch auch Pessimisten Beteuern, Nichtsein gelte mehr als Sein, Hier fehlte wohl der Mut zu solcher Phrase. Ihr, die ihr nicht mehr seid, ihr guten Christen, Um einen Blick in dieses All hinein Gäbt ihr das Nichts wohl unter eurem Grase. 15. »Ein Stück des Himmels, das zur Erde fiel, Der Schöpfung Sonntagskind, ein zweites Eden, Die Zauberin des Meers, betörend jeden, Den je vorbeitrug seines Schiffes Kiel; Ein ew'ger Freudenborn, ein Leidasyl« – O Freund, genug der überspannten Reden! Die blanke Larve deckt gar arge Schäden, Gar schnöder Lüst' und Leidenschaften Spiel! Wohl mag dies Land des ew'gen Sonnenlichts Ein Paradies dir dünken, zauberhelle, Wo Schlangen locken: kommt und werdet Götter! Doch niemand pflegt im Schweiß des Angesichts Hier abzubüßen seine Sündenfälle, Und sehr entbehrlich scheinen Feigenblätter. 16. Hier haben wahrlich alle Menschlichkeiten Ihr Stelldichein. An des Genusses Arm Schlendert das süße Nichtstun durch den Schwarm, Und toller Leichtsinn tanzt dem Paar zur Seiten. Es sprach von nordischen Bedenklichkeiten Natur sie los und bannte Reu' und Harm. Schwül sind die Tage und die Nächte warm – Das Laster mag am liebsten nackend schreiten. Nicht ist das Alter zahm, die Jugend blöde. Ein jeder fühlt im brausenden Gewimmel Geborgen sich und seine liebsten Sünden. So treibt er, was er mag, und ist es schnöde, Er denkt getrost: selbst Gottes Aug' im Himmel Weiß im Gewühl dich nicht herauszufinden. 17. Auf Schritt und Tritt, wohin die Augen schweifen, Hast du hier Reiz und Schönheit zu bestaunen. Kommst du in grauen Locken oder braunen, Das alte »Sieh und stirb!« wirst du begreifen. Es ließ der Himmel diese Perle reifen In der humansten seiner Schöpferlaunen. Was Spötter auch von ihren Flecken raunen, Wird nicht den Glanz von ihrer Schale streifen. Hier findest du zu Kauf wie im Bazare Kunst und Natur, jedweden Schmuck des Lebens, Daß nichts dem schwelgendsten Bedürfnis fehle. Von allem auserlesne Exemplare. Nur einen Reiz ersehnst du hier vergebens: Den schlichten Liebreiz einer schönen Seele. 18. Villa N. Ich kannte dieses Haus in frühern Tagen, Da schimmert' es von weißen Marmorbildern, Von goldnen Wänden, Lüstern, Wappenschildern, Von stolzer Pracht und üppigem Behagen. Heut weht hindurch ein Herbsthauch von Entsagen, Der alle Farben dämpfen will und mildern, In Haus und Park ein reizendes Verwildern, Noch schöner fast, als da sie Schmuck getragen. Gleich einer stolzen Seele, die sich lange Bewußt geblieben strenggemeßner Pflichten Und, um zu glänzen, sich bequemt dem Zwange. Doch ihrer spotten läßt Natur mit nichten. Unmerklich folgt das Herz dem tiefen Hange Nach Freiheit, der es lehrt auf Prunk verzichten. 19. San Martino Wie Fürsten dieser Welt habt ihr gewohnt Hoch über Stadt und Land und Flutgebrause, Ihr schweigsam stolzen Büßer der Kartause, Stumm, weil nur Gottes Wort der Mühe lohnt. Kein Papst noch Kaiser, der so schimmernd thront, Kunst und Natur umblühten eure Klause; Sant' Elmos Fort war Schirmvogt eurem Hause, Das Schätze häufte, die der Rost verschont. Nun hat man euch zur Welt zurückgetrieben. Nichts mehr von all dem Glanze blieb euch eigen, Nicht eures Kreuzgangs kühler Marmorfrieden. Doch wenn ihr wollt, ist alles euch geblieben; Denn wer da weiß zu schauen und zu schweigen, Bleibt, auch entthront, ein Fürst der Welt hinieden. 20. Das Grab Virgils am Posilip Dich nenn' ich wohl des Glückes Lieblingssohn; Denn treulich folgend eines Größern Tritten, Bist du Jahrhunderte hindurchgeschritten Und glorreich der Vergessenheit entflohn. Und wieder hob empor zu seinem Thron Ein Größrer dich, der durch der Hölle Mitten Zum Führer dich erkor, und wieder glitten Weltalter hin – du sprachst dem Wechsel Hohn. Zwar was du sangst von Waffen, Hirt und Herde, Hat nie die Welt erschüttert zaubermächtig. Du aber bliebst der Zaubrer der Poeten. Es liegt am zauberschönsten Fleck der Erde Dein Grab, und zu ihm wallt die Welt andächtig, Wie zu der Gruft der Heil'gen und Propheten. 21. Du weißt es wohl, ich lebe nicht mehr gerne, Da Jahr um Jahr so herbe Schläge brachten, Die wohl auch härtre Schultern mürbe machten, Und ich das Leben bitter fand im Kerne. Nichts mehr erquickt mich, was ich schaff' und lerne. Ich weiß, nur wenig lohnt's, nach Wahrheit trachten, Und jenes Laub, wonach Poeten schmachten, Hält nicht den Blitz von Menschenhäuptern ferne. Und doch, ob ich allein nach Ruhe strebe – Vom Sonnenzauber dieser Stadt umglänzt, Gesteh' ich's nur: hier atmen lohnt der Mühe. Sie grüßt den müden Ringer gleich der Hebe, Die ew'ger Jugend Nektar ihm kredenzt, Daß neues Sein im Jenseits ihm erblühe. 22. Der Tag ist wonniglich, die Inseln liegen Entschleiert wie Sirenen in der Flut. Die Märchenstadt in San Martinos Hut Glänzt wie ein Traum, da wir vorüberfliegen. Wir können uns bequem im Wäglein wiegen, Das Laub am Wege wehrt der Mittagsglut. Fast dünkt das Leben lieblich uns und gut – Was ist mir nur so feucht ins Aug gestiegen? Ach, siehst du vorn an unsres Pferdes Schopfe Den Federbusch, der rastlos nickt und weht Beim lust'gen Schellenklang im Weitertraben? Den Schmuck trug ja das Pferdchen auch am Kopfe, Das nun im öden Haus verlassen steht, Seit seinen kleinen Reiter wir begraben! Römische Sonette Im Coliseo Gelinder fließt in dieser Luft das Blut. Die Seele lernt ihr stürmisch Weh bezähmen, Des Haftens am Vergänglichen sich schämen, Wo eine stolze Welt in Trümmern ruht. Höhnt hier nicht jede Quader: Eintagsbrut, Willst du dein Zwergen-Ich so wichtig nehmen? Was ist dein Sehnen, Jauchzen oder Grämen? Ein Tropfen nur im All der Geisterflut. Doch während mich umrauscht das ew'ge Fließen Des uferlosen Meers, in dessen Bette Spurlos versinkt, was hoch und herrlich war, Kann wie ein schweres Unheil mich verdrießen Ein ungefügig Reimwort im Sonette – O Widerspruch, dein Nam' ist Mensch fürwahr! Am Tiberstrande Wenn aus dem Stadtlärm in der Korsostunde Ich an den öden Tiberstrand mich rette, Ist mir's, als ob aus seinem alten Bette Der Fluß mir rauschte schauerliche Kunde Von Völkern, die er tief im schlamm'gen Grunde Begrub, von Greueln, die an dieser Stätte Jahrtausende verübten in die Wette, Da Macht mit Niedertracht so gern im Bunde. Doch ist denn nicht der Strom ein junger Wandrer, Der frisch herabsteigt vom Gebirg, dies Rom Mit Neugierblick in seiner Flut zu spiegeln? Herüberdräut ein Wissender, ein andrer Blutzeuge: des Apostels Riesendom, Der nie ein Beichtgeheimnis darf entsiegeln. Cives Romani Neu überhäuft mit Macht und Glanz und Ehren, Könnt ihr euch nicht erneun an Herz und Sinnen? Nur eure Weiber sind noch Römerinnen, Obwohl sie keine Römer mehr gebären. Mit Groll seht ihr die Fremdenflut sich mehren, Italiens Banner wehn von euren Zinnen. Nur daß ihr jetzt am Mietzins mögt gewinnen, Vermag die finstren Stirnen aufzuklären. Und doch – statt des Geplärrs der Bettlerorden Wie munter klingt der kriegerischen Banden Musik, ein frischer Zukunftshauch aus Norden! Und wenn die päpstlichen Karossen schwanden Und Rot- und Violettstrumpf rar geworden, Blaustrümpfe doch sind reichlich noch vorhanden. Begegnung Sie stieg vom Kapitol die Stufen nieder, Da purpurn schon die Sonne Roms versank. Nie sah mein Auge, seit es Schönheit trank, So stolzes Haupt, so königliche Glieder. Die junge Brust quoll trotzig aus dem Mieder, Leis bebten ihre Nüstern, bleich und schlank. Als früg' ihr Reiz nach keines Menschen Dank, Hielt sie gesenkt die breiten Augenlider. Wie sie mich sah versunken ganz in Schauen, Fuhr eine Flamm' aus ihrem Blick, dem stieren, Als spräche sie: Wie wagst du, mich zu grüßen? Ich bin von dem Geschlechte jener Frauen, Die Macht besessen, Kaiser zu regieren, Und Päpste knieen sahn zu ihren Füßen. Nach der Beichte Ich las heut ein Novellchen in der Frühe Am Tor von Sant' Andrea delle Fratte; Es stand auf einem dunklen Rosenblatte, Und zu enträtseln lohnte sich's der Mühe, Warum von Mutwill' dieses Lärvchen sprühe, Das eben noch zerknirscht gebeichtet hatte: Ob es schon neue Sünden sich gestatte, Ob noch vom schwülen Hauch der alten glühe? Stark realistisch klang mir manche Stelle; Die Lippen sprachen von verstohlnen Küssen, Nur auf der Stirn sah ich ein Wölkchen liegen. Da brach ein Lächelglanz hervor, so helle, So süß – im stillen hab' ich seufzen müssen. Den Schluß vermut' ich nur: daß sie sich kriegen. Antiquitäten Etruskervasen, Urnen, Opferschalen, Amphoren, schön bemalt, mit mächt'gem Bauch, Pompejis Lämpchen, noch geschwärzt vom Rauch, Und Ring' und Münzen, Spangen und Sandalen – Was nur verschonten Goten und Vandalen, Damit wir lernten alter Zeiten Brauch, Hier liegt's gehäuft, und mit der Ehrfurcht Hauch Beschleichen sacht dich der Begierde Qualen. Doch tröste dich, wenn dir die Reisekasse Entsagung auferlegt zu deiner Pein Bei all den teuren Schätzen dieser Bude. Man fabriziert hier Altertum in Masse; Echt ist und alt der Händler nur allein, Ein echter alter Fuchs und Ghettojude. Andre Zeiten Sieh nur, wie strömt's hinein in Sant' Agnese! Ist denn der guten Heil'gen Festtag heute? So triumphierend stürmt das Turmgeläute, Als ob der Papst heut selbst die Messe läse. Zu Fuß, zu Wagen – Bettler und Marchese Im Kampf, daß man ein Plätzchen noch erbeute – Sagt, was begibt sich drin, ihr guten Leute? »Eh! Fra Giovanni singt, Signor Inglese.« Ja so, der Mönch, der alle Welt entzückt! Stünd' heut der Heiland wieder auf, er müßte Den kürzern ziehn vor diesem Prachttenore. Die Kirche trägt, seit sie der Purpur schmückt, Nach ausverkauften Häusern ein Gelüste, Und gleich der Oper macht sie gern Furore. Politisches Welch toller Lärm? Was hat sich nur begeben? Steht wieder vor den Toren Hannibal? Nein, nur ein Sammetsessel kam zu Fall: Im Parlament gab's ein Ministerbeben. Das dritte schon, das wir in Rom erleben: Zuerst Nicotera mit sanfterm Schall, Herr Crispi dann mit skandalösem Knall, Und Patriarch Depretis gleich daneben. Und alle von der Linken. Laßt das Flunkern, Als ob das Vaterland gefährdet wäre! Hier heißt's ja nur: Steh auf, laß mich hier sitzen! Nur großer Kampf reift große Charaktere. Euch fehlt's an Pfaffen, Sozialisten, Junkern Und andrer schwerer Not, die wir besitzen. Abendandacht Ihr sollt mich nicht in eure Kreise locken, Wo, was daheim ich floh, ich wiederfinde, In Routs, wo von den Farben schwatzt der Blinde, Wo Armut prahlt mit aufgelesnen Brocken. Nie darf das rieselnde Geplauder stocken, Auf daß nur ja das Schreckgespenst verschwinde Des eignen Nichts und minder man empfinde, Wie eng der Geist, das Herz wie dürr und trocken. Mit meiner Liebsten zieh' ich vor, zu Hause, Wenn abends im Kamin die Flämmchen summen, Den Tag zu feiern, der so schön verflossen. Ein Freund tritt wohl noch ein in unsre Klause, Und uns vorüberzieht, wenn wir verstummen, Was alles heut an Wundern wir genossen. Suum cuique Was höhnst du nur die feinen Herrn und Damen, Die wohlgeschniegelten Philisterfratzen, Die in der ew'gen Stadt nur ewig schwatzen, Als ob sie dazu nur von Hause kamen? Gönn ihnen doch die Lust, in Tand zu kramen, Vor Marmorbildern, Fresken und Arrazzen Mit ihrem kleinen Ich herauszuplatzen, Statt andachtsvoll zu flüstern große Namen. Am Meeresufer in der Abendglut Siehst du die Weiber ihre Wäsche spülen, Wobei sich ruhelos die Zungen regen. Ein Schwimmer stürzt sich schweigend in die Flut, Im heil'gen Element sein Herz zu kühlen, Dem stummen goldnen Taggestirn entgegen. Im Vatikan Mußt du, statt einsam durch dies Haus zu schweifen, Mit Deutschen wandern oder Britenscharen, Wirst du in glüh'ndem Unmut oft gewahren, Daß sie betasten, was sie nicht begreifen. Mag auch der Strom der Zeit an ihnen schleifen, Sie bleiben doch im Herzensgrund Barbaren, Die frech dem Zeusbild in die Locken fahren Und vor dem Torso Gassenhauer pfeifen. Doch mitten im Gewühl der Stumpfgebornen Trifft dich ein Blitz aus nord'schem Augenlid Wie Nordlichtschein, wenn rings die Flur vereiste. Dann fühlst du tröstlich, daß in Auserkornen Der schönste Bund noch immer sich vollzieht, Der Bund hellenischer Kunst mit deutschem Geiste. Advent Am Himmel Wolkenjagd, bleifarb'ge Helle, In Frost erschauernd lag die Flur, die nackte; Fern sah herüber spukhaft der Soracte, Und lautlos schlich die gelbe Tiberwelle. Ein junges Hirtenpaar, in Ziegenfelle Gehüllt, schritt mit dem Dudelsack im Takte Dem Tore zu, bis sie die Wache packte Und unsanft sie hinwegwies von der Schwelle. Erblichen ist in Rom, ihr guten Kinder, Der Stern, der einst in Bethlehem erglommen. Der Felsen Petri ward zur schroffen Klippe. Und pochtet ihr am Vatikan, noch minder Wär' dort die Mahnung an den Stall willkommen, Wo einst das Heil der Welt lag in der Krippe. Silvester Sie feierten Silvester im Gesù Mit Kerzenglanz und festlichem Gepränge; Die Orgel dröhnt', es brausten Chorgesänge – Mir ging's zu bunt und laut und lustig zu. Dem bösen Jahre wünscht' ich gute Ruh Und floh hinaus und wand mich durch die Menge Zum Kapitol hinan die sanften Hänge, In düstrem Mut. Wohl hatt' ich Grund dazu. Da sah ich, eng im Käfig eingegittert, Die hagre Wölfin neidisch mich beäugen, Als spräch sie: Du bist frei und kannst noch klagen? Sieh mich! Ich werd als Wappentier gefüttert! Das ist der Dank, wenn Zwillinge wir säugen Und gegen Menschen menschlich uns betragen! Abschied von Rom Wer dich erkannt hat, scheidet nie von dir, Wie von der Mutter nie, die ihn geboren, Und trennt sich unser Leib von deinen Toren, Zurück ein Stück der Seele lassen wir. Umschließt nicht dies geheiligte Revier, Was sich an Göttern je der Mensch erkoren? Bewahrt der Hügelsand nicht unverloren Die Fußspur aller Weltgeschlechter hier? Und wie an längst vergessne Schulgeschichten Die treue Mutter mahnt und uns dazwischen Mit Lieblingsspeisen pflegt und süßen Früchten, So lockt dies Rom, das Herz sich zu erfrischen An Vorzeithauch – und römischen Leibgerichten, Wie der Falcone sie weiß aufzutischen. Nach Hause! Den letzten Gruß herab von den Terrassen Des Pincio dir, du Sonne Roms! In Glut Tauchst du die Hügel rings in deiner Hut, Eh' sie für immer meinem Aug erblassen. Zum letztenmal umwogt mich in den Gassen Die heimwärtsströmend rege Menschenflut. Nachtstimmen Roms – wie kenn' ich euch so gut Und soll euch morgen fern verbrausen lassen? – Doch da ich lag in kurzem Schlummer kaum, Träumt' ich, das Wäldchen hört' ich wieder rauschen An meinem Haus im Hauch des deutschen Windes. Und helle Sehnsucht reißt mich aus dem Traum, Dem Morgenlied des Amselpaars zu lauschen, Der Spielgefährten meines lieben Kindes. Städtebilder Brescia Wie locken mich all deine Lieblichkeiten, Du schönes Brescia! Nur noch einmal schauen Möcht' ich Morettos fürstlich-holde Frauen Und all die werte Kunst versunkner Zeiten. Wie durch ein Märchen glaubt' ich hinzuschreiten In totenstillen Gassen, an den grauen Palästen hin; nur das Geschrei der Pfauen Drang über Gartenmauern mir zur Seiten. Doch wo die alten Tempeltrümmer grüßen Aus dunkler Feigen Laub, trat ich hinein Und sah die schönste der Viktorien thronen. Lang ruht' ich andachtsvoll zu ihren Füßen. O Göttin, warum mußt du ehren sein! Ein Kranz aus solcher Hand – wie würd' er lohnen! Mailand Daß du modern und halb französisch seist, Vom Edelrost Italiens reingescheuert, Ein blankes Klein-Paris, ward mir beteuert; Echt sei hier nur, daß man Risotto speist. Und doch, entschwand auch der gewalt'ge Geist, Der deine Adelshäupter einst befeuert, Im Kampf mit Östreich hast du ihn erneuert, Den Ruhm, daß nichts dich von Italien reißt. Wo nur dein Name klingt, wird zweier Werke Gedacht, zu ew'gen Zierden dir errichtet, Wie schönre nie italischen Geist erprobten. Eins schuf des Lionardo heil'ge Stärke, Das andre hat dein edler Sohn gedichtet: Das wundervolle Buch der zwei Verlobten. Turin Groß still und einsam, wie ein schlichter Held, Der, wenn er kühn bestanden schwere Proben, Mit kümmerlichem Dank beiseit geschoben, Sich stolz zurückzieht vom Geräusch der Welt, So ruhst du. Deine Gassenadern schwellt Kein frisches Lebensblut mit muntrem Toben. Ernst blickt hernieder die Superga droben, Wo deine Fürsten sich die Gruft bestellt. Stumm und verödet ragt dein Königsschloß, Das Adlernest, aus dem zu Kampf und Siege Aufflog Savoyens Aar mit trotz'gen Flügeln. Doch wie er glorreich auch zur Sonne schoß, Niemals vergißt er seiner Jugend Wiege Im neuen Horst dort auf den sieben Hügeln. Genua . . . . . . . . . . . . Handlung Ist der Welt allmächtiger Puls. Platen Dein Puls, du stolzes Genua, ist erschlafft. Noch sieht man herrlich dich im Halbrund thronen, Als gält's dem hehren Schauspiel beizuwohnen Siegreicher Flotten, hoher Heldenkraft. Doch statt zu handeln, treibst du Handelschaft. Heut gelten Aktien statt der Staatsaktionen, Die Schiffe bringen Waren fremder Zonen, Nicht mehr Trophä'n, dem Sarazen entrafft. Vom Geist der Zeit hast du dich bänd'gen lassen. Ward doch die Bühne, die ihn spiegelt, heute Ein Markt, wo täglich sich die Kurse wandeln. Das höchste Kunstgesetz sind volle Kassen, Und sehr verstimmt es die soliden Leute, Läßt ein Charakterkopf nicht mit sich handeln. Pisa Beati i matti! Gius. Giusti. Le memorie di Pisa Weich ist die Luft an deinem stillen Fluß, Und Heil und Lindrung suchen hier die Kranken. Wohl macht der schiefe Turm mit dem Gedanken Vertraut, daß Irdisches zur Erde muß. Hier fand einst Galileo, Schluß an Schluß Tiefsinnig kettend, in der Ampel Schwanken Des Pendels Norm, und aus den Blütenranken Des Camposanto weht's wie Geistergruß. Doch freudig, auch von Ernst und Tod umfangen, Blüht junge Kraft. Hier war's, wo muntre Scharen Beim »Ussero« mit meinem Giusti schwärmten; Wo sie das Lied von den drei Farben sangen Und, wenn sie nachts voll süßen Weines waren, »Selig die Toren!« durch die Gassen lärmten. Siena Ich sah dich hellgeschmückt vom jungen Lenz, Du höchstgetürmte von Toskanas Städten Und Blütenbanner friedenvoll umwehten Die einst'ge Nebenbuhlin von Florenz. Dein Ruhmesanrecht – nur der Forscher kennt's. Der Wettstreit ruht; du bist zurückgetreten. Doch Aug und Herz der Künstler und Poeten Bestreiten der Jahrhunderte Sentenz. Hier folg' ich gerne jener Heil'gen Spuren, Die rührend edel Welt und Himmel maß Mit reinstem Blick begnadeter Naturen. Und wer, der jemals sie geschaut, vergaß Die andern Wunderwerke dieser Fluren, Die wonnigen Gestalten Sodomas! Parma (Correggios Madonna della Scodella) Des Himmels höchste Wölbung zu erfliegen Ist deiner Engel Jubelsturm geglückt, Und wieder liebtest du, dem Licht entrückt In spielend süßer Dämmrung dich zu wiegen. Auch der Gefühle Zwielicht, drin verschwiegen Die Seele schwelgt, hat deinen Sinn entzückt; So schufst du die Madonna reizgeschmückt, Wert, daß die Himmel ihr zu Füßen liegen. Noch ist sie irdisch ganz. Im Palmenwäldchen Ruht sie behaglich an der schönsten Stelle, Bei ihr das Götterkind, das sie geboren. Die Schale füllt dem blonden Huldgestältchen Ein Engel aus improvisierter Quelle, Indes die Mutter lächelt traumverloren. Ancona Für schlechtriechende Gassen entschädigt und für des Sciroccos Drückende Luft der Triumpfbogen am Molo Trajans. Platen. Zeigst du dich denn noch immer deutschen Dichtern Im schlimmsten Licht? Es wälzte Nebelmassen Auch mir Scirocco durch die schmutz'gen Gassen, Und selbst der Bau Trajans stand grau und nüchtern. Was fabelt hier von schönen Fraungesichtern Das Reisebuch? Zu diesen fieberblassen, Verkommnen Weibern will das Lob nicht passen; Als ahnten sie's, so gehn sie stumm und schüchtern. Doch ferne sei's, von deinem trübsten Tage Auf all die hellen, die dir blühn, zu schließen Und Leopardis Heimatflur zu schelten, Gleich ihm, dem hohen Genius der Klage, Dem, was ihm selbst versagt war zu genießen, Das Glück der Welt, als Irrwahn mußte gelten. Mantua Kommst du nach Mantua, wirst du dir vor allen Giulios berühmte Freskenwelt betrachten, Sternbilder, Bacchanal, Gigantenschlachten, Und den Palast del Tè erstaunt durchwallen. Hast du an dreister Sinnenkraft Gefallen, Magst du bewundern sein gewaltig Trachten Und doch im stillen wohl nach Edlerm schmachten, Das in der Seele weckt ein Widerhallen. Dann flüchte zum Archivio notarile, Wo Wand und Deckenraum Mantegna schmückte, Mit der Gonzaga Bildern sie belebend. Hier blüht die Kunst noch rein im schlichtsten Stile, Eh' Virtuosenhochmut sie berückte, Der Erbschaft Raffaels sich überhebend. Venedig Nun ist entthront die stolze Wellenbraut, Die einst den trotz'gen Nacken bog dem Meere. Nicht wird sie mehr auf goldner Prachtgaleere Dem ungestümen Freier angetraut. Doch in der Lenznacht, wenn mit Donnerlaut Die Springflut steigt, dann ist's, als ob die Hehre Wehrlos dem Element zu eigen wäre, Auf das sie tags so kühl herniederschaut. Hoch über die Piazzetta schwillt die Flut Und braust herein, ersäufend alle Gassen, Und um San Marco plätschert Ruderschlag. Das Meer umwirbt die Braut mit Liebeswut, Doch nur die Füße darf es ihr umfassen Und schleicht beschämt von dannen lang vor Tag. Verona Und so entläßt dich, wie sie dich empfangen, Italiens schöne Tochter an der Schwelle, Auf daß nach ihrer Mutter Sonnenhelle Du sehnlich immer müssest heimverlangen. All ihre Lieblichkeit und stolzes Prangen Grüßt dich noch einmal aus des Stromes Welle; Was dir der Süden bot, an dieser Stelle Ist's wie im Auszug dir vorbeigegangen. Amphitheater, Dom, Arkaden, Plätze Voll Marktgewühls und ausgelaßner Schreier, Ja ein Triumphtor selbst ward nicht vergessen; Der Mal- und Bildkunst unerschöpfte Schätze, Glutaugen, leuchtend unter schwarzem Schleier, Und jenes Giusti-Gartens Prachtzypressen. Riva Tu adesso riposta, vil maledetto, che sei venuto dall' alta montagna per venir qua giù abbasso a rompere il disopra della porta senza diritto! Ich stieg von Riva jenen Pfad hinan, Den breitgebahnten, nach dem Ledrotale, Durch den in Katarakten der Ponale Sich stürzt; und eh' ich noch die Schlucht gewann, Fand ich ein Haus am Weg. Ein Stück daran War frisch gemauert über dem Portale, Daneben trug die alte Wand, die kahle, Die Kohleninschrift, die der Zorn ersann: »Du halt nun Ruh, vermaledeiter Wicht, Der du vom Hochgebirg zu dieser Mauer Kamst, wider Recht den Türsturz einzubrechen!« O Vater Shakespeare, dein Kothurn ist nicht Zu hoch für sie! Wo lernte dieser Bauer Wie deine Könige und Helden sprechen? Kunst und Künstler 1877/1878 Was den Modernen gebricht? Sie gehn zur Natur von der Kunst aus. Glückliche Alten! Natur leitet' euch sicher zur Kunst. 1. Favete linguis Da ich ein junger Gesell, wie schalt mich oft die Geliebte, Wenn ich in Schweigen versank mitten im lachendsten Glück, Um erst ferne von ihr in beflügeltem Wort zu ergießen All der Gefühle Gewalt, die mir die Nahe geweckt. So auch wandelt' ich stumm vorbei an den holden Gebilden Südlicher Kunst; erst spät kam das Erlebnis zu Wort. Ist doch Denken Erinnern, und Dichten ein inneres Anschaun; Worte beschwören den Geist, der sich den Sinnen entzog. Nachzubeleben entschwundenes Glück vermag die beseelte Rede; lebend'gem Genuß gnügt ein verworrenes Ach. 2. Rat der Götter (Relief) Aphrodite in eigner Person und Eros und Peitho Um die beiden bemüht, die sich zu gut nur verstehen? Helena senkt schamglühend das Kinn, der kecke Verführer Scheint zu erwägen, ob auch ehrbar und sittlich der Raub. O die Losen! Sie spielen die Schüchternen, möchten den Schein sich Geben, als folgten sie nur zögernd der Himmlischen Rat. Laßt sie nur zwei Minuten allein, und Helena liegt in Paris' Armen; es kann Peitho noch lernen von ihm. 3. Perseus und Andromeda (Relief) Sieh, wie ehrerbietig der Held die gerettete Schöne Leitet die Felsen hinab, da er den Drachen erlegt. Doch nicht traut sie dem Frieden, sie folgt mit Zagen dem Retter, Dem appetitliches Fleisch ganz wie dem Untier behagt. 4. Apollo unter den Grazien (Relief) Laß nur nicht von den Mädchen zurück aufs Lager dich locken, Dem mit schwerem Entschluß kaum du den Rücken gewandt. Süß wohl schmeicheln sie dir, die gefälligen Kinder. Sie kennen Jegliche Kunst, die weich Götter und Menschen bestrickt. Doch es entnervt ihr wonniger Kuß. Nicht glückt dir ein mächtig Fernhintreffendes Lied, gabst du der Charis dich hin. 5. Narziß Worauf horchst du, Schöner? Auf jenen gewaltig entbrannten Archäologischen Zank, wie zu benennen du seist? Schalkheit schürzt dir die Lippen. Du denkst wohl, keiner der Heiden, Noch so sicher getauft, tu' es an Reiz dir zuvor. 6. Der Farnesische Herkules Welch ein schwellend Gebirge von Fleisch und Muskeln! Am Kopf nur Kam er ein wenig zu kurz; enge sind Schädel und Stirn. Doch so schuf ihn Natur mit Bedacht; ein Klügerer hätte So fruchtlosem Geschäft schwerlich das Leben geweiht, Nicht vom Schmutze gesäubert die Welt, von wüstem Geziefer, Noch prometheischen Trotz rettend vom Geier befreit. Aber erkennst du denn nicht, halbgöttischer Tor: des Augias Stall füllt wieder sich an, wieder ergänzt sich die Zahl Grimmiger Hydrahäupter; es kreischen die Stymphaliden, Kraft und Gewalt aufs neu' schmieden in Bande den Geist. Darum senkst du nun freilich das Haupt in zweifelnder Schwermut; Doch nicht gänzlich umsonst hast du die Kräfte bewährt. Glück bei Weibern trägt es dir ein; es liebten die schönen Seelen sogar von je diesen athletischen Wuchs. Mit so geringem Verstande gepaart, und Omphale setzt auf Solch stiernackigen Freund gerne den zärtlichen Fuß. Ja, im Olymp, wo Hebe, die Zierlichschwebende furchtlos Dir in die schwielige Faust bräutlich ihr Patschchen gelegt, Stiftest du Zwietracht fast. An ihrem gewaltigen Kriegsgott Schielt nun Venus vorbei, neidet der Kleinen ihr Glück. Fast wird eifersüchtig der Vater der Menschen und Götter, Da leutseligen Blicks Juno den Neuling begrüßt. Nur die Grazien flüchten entsetzt; es rümpfet Minerva Höhnisch die Lippe: »Warum ließ man den Hausknecht herein?« 7. Silens Nachtbesuch bei den Liebenden (Relief) Sagt, wer lädt so spät sich zu Gast? Sie wähnten sich sicher, Aber der Alte, der Gott, spürte die Liebenden aus. Hier, so ruft den Begleitern er zu, hier will ich ein wenig Rasten. Der Hausherr war einst mir genauer bekannt. Untreu ward er dem Alten; es zwang ihn stärkerer Zauber, Und mit Eros im Kampf pfleg' ich den kürzern zu ziehn. Doch mir kehrt ein jeder zurück; ich harre geduldig, Bis die lodernde Glut selbst nach Erfrischung verlangt. Löst mir nun die Sandalen, ihr Knaben. Ich mach' es als Hausfreund Gern mir bequem. Doch ihr, trunkene Laffen, entweicht! – Ach, wie erschrickt das Pärchen! Sie hören die taumelnden Stimmen Drauß in der Gasse; die Mutwilligen lärmen am Tor. Seid nur getrost! Ihr seht, kaum hält der Alte sich aufrecht; Bald entschläft er, und treu hütet dann Eros das Haus. 8. Kunst und Publikum Hörst du das freche Geschnatter im Saal der Bronzen? – Mir schaudert! Hätten sich Gänse verirrt in den geheiligten Raum? – Nicht doch! Menschenstimmen! Man lacht man trällert Passagen. Shocking! hör' ich und Well! – Dear me! – Nun seh' ich sie auch: Amerikanerinnen, ein halbes Dutzend, die Hütchen Sehr verwogen und schief über den Scheitel gerückt, Dort auf dem Marmorsofa, vertieft in Berichte vom letzten Rout, wo Mistreß und Miß neue Toiletten gesehn; Und nun folgt Médisance. Es hören die edlen Gebilde Rings im Saale mit großäugigem Staunen den Klatsch. Doch was wollt ihr? Man kauft für das Eintrittsgeld im Theater Wohl die Erlaubnis auch, nur in die Logen zu sehn. 9. Eintritt in Rom Dicht vor Ponte molle begrüßt den nordischen Wandrer Rechts der Täufer und links Christus, zur Taufe geneigt. Über die Breite des Wegs sprüht hier die Gnade, zum Zeichen, Daß ein Tropfe des Heils auch die Verstocktesten trifft. Aber der Teufel erfand das Dampfroß. Heiden und Juden Schleichen sich heillos jetzt hinten herum in die Stadt. 10. Berninis Brunnen auf Piazza Navona Ja, er ist nur ein Manierist, doch manchmal im größten Stil, deß wilder Humor jeden Stilisten beschämt. Dies Flußgöttergesindel, das ungeschlachte, die Bestien Um den zerklüfteten Fels, vom Obelisken bekrönt – Hätt' ein Größerer hier sich so groß aus dem Handel gezogen, Mit so guter Manier hier ein Stilist uns ergötzt? 11. Dilettantismus Im feuchtdunklen Bezirk zu Füßen der wipfelgewalt'gen Ewigen Eiche – wie breit macht sich der Pilze Geschlecht. So im Schatten der Kunst, der erhabensten, welche die Welt sah, Wuchert im ewigen Rom Dilettantismus zuhauf. 12. Verwundete Amazone Schönes Mädchen, du flößest ins Herz mir inniges Mitleid! Rührender büßt kein Mensch einen verfehlten Beruf. 13. Venus aus den Gärten Mäcens Venus nannten sie dich. Nun schelten sie, daß du zur Göttin Doch nicht göttlich genug, irdisch vielmehr und gemein. Schöne Natur, wie reich im Unvollkommnen beglückst du! Leer ausgehet nur der, der das Vollkommen sucht. 14. Apoxyomenos So hat Mutter Natur in reingeschwungenem Gleichmaß Sich ihr Lieblingsgeschöpf, so sich den Menschen geträumt, Ehe der Vater, der Geist, mit dem Übermaß des Gedankens Herrisch von oben herab ihre Gebilde verpfuscht. 15. Der sterbende Fechter Wofür hat er gekämpft? Gleichviel! Und war's um gemeinen Taglohn – vornehm erscheint immer im Sterben der Mensch. 16. Juno Ludovisi »Wie ein Gesang des Homer«? Und was denn sagte dies Antlitz Mir vom Zorn des Achill, von der Sirenen Gesang? Nein, kein dichtender Geist, kein irdischer Zauber beseelt dich: So unnahbar und kühl leuchtet der Äther allein. 17. »Die sterbende Meduse« in Villa Ludovisi Dies jungfräuliche Haupt, in des bitteren Todes Umnachtung Duldend geneigt, die stolz schwellende Braue, der Mund, Nie von niedrigen Worten entweiht, von stummer Verachtung Leise gerümpft, noch jetzt, da er das Leben verhaucht – Wie? ihr nennt sie Meduse? Des Haarschmucks seidene Fülle Ringelt an Wangen und Hals wirr sich zum Nacken hinab, Wie von Todesschweiße genetzt, vor Schauder erstarrend, Doch in Schlangen verkehrt nimmer sich dieses Gelock. Nie feindselig wird dieses Antlitz blicken, das Leben Rings versteinernd; es sinkt willig hinab in die Nacht. Denn hier oben im Lichte, der Brutstatt niedern Gezüchtes, Wo in üppigem Flor nur das Gemeine gedeiht, Ach, was hielte die Seele zurück, die edelgeboren Ihresgleichen umsonst sucht in dem eklen Gewühl? Fremd durchwallt sie die Pfade des fröhlichen Haufens; sie ist nicht Wie die andern, sie hat nicht sich zu schmiegen gelernt. Hoffart schelten sie ihr den ruhigen Adel und Kaltsinn Ihre Trauer; als Schuld schmähn sie ihr eigenstes Selbst. Nirgends ein ebenbürtiges Glück im Leben, im Tod nur Darf sie sich hoheitsvoll ihrer Bestimmung erfreun. Und die Gedankenlosen, die Lustigen, gehn an der Toten Unversteinert vorbei, höchstens die Achseln gezuckt: »Warum wollte sie besser als andere sein? Nun hat sie's Schlimmer als andere; ihr ist nach Verdienste geschehn.« Und ihr nennt sie Meduse? O nennt sie die Muse der Tragik, Und wer seelenverwandt, tröste sich dieses Gesichts! 18. Auf eine griechische Büste des Traumgottes Wer dich bildete, Dämon, geflügelten Hauptes, die Lippen Höhnisch pressend, den Blick eisig ins Leere gespannt, Ihm umschwirrten das Lager zu Nacht nur trügliche Larven; Glückweissagend und treu bist du ihm nimmer genaht. Stets nur täuschtest du hämisch ihm vor das Bild der Ersehnten, Das mit Händen berührt schaurig in Nebel zerfloß, Eh' es dem Armen vergönnt, an zärtlichen Lippen der Sehnsucht Fieber zu kühlen, das Haupt bettend der Teuren im Schoß. Oder du hast all das ihm gewährt, daß nur um so bittrer Er aus seligem Wahn wieder erwache zur Qual. Bleibe mir stets vor Augen, den Leichtbetrognen zu warnen, Daß auch wachend er nie traue dem Traume des Glücks! 19. Naturtrieb Wer als strebender Künstler nach Rom wallfahrtet voll Andacht, Mitleidswürdig zuerst scheint er den andern und sich. Denn hier ist so Großes geschehn, so gewaltige Fußspur Ließen die Alten zurück in dem empfänglichen Staub: Ach, wie klein, wie verspätet und kümmerlich scheint sich der Enkel! Pinsel und Meißel und Stift legt er mit Seufzen beiseit. Aber getrost! Der Naturtrieb wacht. Wie immer das suum Esse beschaffen, es sorgt, sich's zu erhalten, der Mensch. Bald erwählt sich ein jeder nach seiner Art und Begabung Irgendein kleines Gebiet, das er mit Eifer bebaut. Neben Cypressen und Palmen gepflanzt, nimmt freilich ein Kohlfeld Nicht zum besten sich aus, aber es nährt doch den Mann. Und nun malt er vergnügt Ciociaren und bunte Veduten; Kuppelnde Lohnlakain führen die Käufer ihm zu. Einige hab' ich gesehn vor einem Vierteljahrhundert, Damals rüstig bemüht, Ruhm zu verdienen und Geld; Und nun fand ich sie wieder, vom Ruhmesfieber genesen, Nur noch rüstig bemüht, Geld zu verdienen und Geld. Ja, gottlob! Roms Luft ist gesund, und just die Philister, Hier in der Petersstadt werden sie petrifiziert. 20. Raffaels Jonas Immer, so oft ich träumend und ziellos schlendre dem Tor zu, Lockt mich Santa Maria del Popolo – unter den Kirchen Roms die gepriesenste nicht, doch mein erkorener Liebling – Mit geheimer Gewalt in ihre bescheidene Pforte. Still ist's drinnen und traulich, zumal zur Stunde des Mittags, Wenn die Messe vorüber. Ein honigsüßes Gedüft von Eben erloschenen Kerzen und Weihrauch wandelt im falben Zwielicht magisch dahin und spielt in bläulichen Ringeln, Wo durch bogige Fenster ein Sonnenschimmer hereinbricht. Solches behagt dort hinten dem Mütterchen. Hüstelnd, den braunen Rosenkranz in den Händen, hinüberdämmert sie friedlich, Und auf Filzschuhn trippelt, als gönn' er ihr herzlich das bißchen Kirchenschlummer, vorbei ihr Altersgenosse, der Küster, Der auch mich wohl kennt und mir zuliebe die Kirchtür Ein halb Stündlein später verschließt, obwohl er als Ketzer Längst mich erkannt. Sein Schad' ist's nicht, noch bin ich im Weg ihm, Wenn ich voll Andacht wieder die herrlichen Werke betrachte, Die verschwenderisch hier des Sansovino beseelter Meißel, der zärtliche Pinsel des Pinturicchio geschaffen. Immer zuletzt dann weil' ich in jener berühmten Capella Chigi, welche dem großen Saneser Bankier zur Familien- Gruft er selber erbaut, der göttliche Raffael. Andre Traten hinzu, wie ein Schatzkästlein mit Edelgesteinen, Reich zu verzieren den Bau mit unsterblichen Meistergebilden. Doch er selber entwarf für die Kuppel den Schmuck: die Planeten Um Gottvater gereiht, des Firmamentes Erhalter, Und nachschuf mit musivischer Kunst ein venedischer Meister Sein erhabenes Werk. Doch mehr als alles ergreift mich Dort in der Nische zur Linken die Knabengestalt, die der große Urbinate, so heißt's, im Marmor bildend vollendet, Er, den sämtliche Musen begabt mit Zaubergewalten. Zu den Propheten gesellt, die vorverkündet den Heiland, Sitzet der Knabe Jonas, gewandlos, in der Gebärde Ahnungsvollen Erstaunens zurückgebogen, das Haupt nur Vorgeneigt, wie gebannt von dem Schreckbild, das ihm zu Füßen Auftaucht, eben ans Ufer gespült: der Rachen des grausen Meerunholdes. Ergreift das Gemüt des Kindes die Ahnung Seines Prophetengeschicks und schaudert die knospende Seele, Weil im Bauche des Fisches dereinst drei Tage zu wohnen Ihm vom Schöpfer bestimmt? Und doch, glückseliger Knabe, Gehst du ja wieder hervor zu Licht und Leben und preisest Um so froher den Herrn, der aus dem Grab dich errettet. Ach, ich denke zurück an ein anderes Kind, dem auch einst Wie ein Blitz in die Seele die Ahnung zückte, hinunter Müss' es in schaurige Nacht. Aus fröhlichen Spielen auf einmal Stürzt' es hinweg und warf mit schreckentgeistertem Antlitz Sich in die Arme der Mutter. O liebe Mutter, was ist denn Tod? Muß ich auch sterben? – Und mühsam glückt' es, den schwarzen Traum ihm wieder zu scheuchen. Nun ward sein Ahnen verwirklicht; Doch ihn zog kein gnädiger Gott aus der Tiefe zurück ans Wärmende Licht, mit den Kindern der Welt sich des Tages zu freuen. Und mir umflort sich der Blick. Durch täuschende Schleier der Wehmut Glaub' ich das Bild zu erkennen, das ewig nahe, des Lieblings Dort in der Nische, den Leib von Todesschauern umfröstelt. Bist du's wirklich und rufst mir zu: O rette mich, Vater! Sieh, es verschlingt mich der Tod! – Da rührt ein zitternder Finger Sanft an der Schulter mich an: Es ist Zeit, Herr! – Und mit den Schlüsseln Klirrend winkt mir der Alte. Ich wende mich ab, und erschüttert Wank' ich hinaus an den Tag, als hätte mich selber der Abgrund Ausgespien und ich trät' ein Gespenst in das sonnige Dasein. 21. Geisterbeschwörung Jeder, und sei er auch noch so jung, hier lernt er Erinnern; Lernt' er es sonst schon, – hier wird er ein Meister der Kunst. Doch hier ist's kein traulich Geschäft. Von herzlicher Treue, Inniger Sehnsucht weiß hier die Erinnerung nichts. Was verschwunden, gehörte der Welt. Es rauscht wie ein Sturmwind, Wenn sich ein Folioblatt dieser Annalen bewegt. Nur wer lesen gelernt auch zwischen den Zeilen, erfährt aus Diesem Gedenkbuch auch heimliches Herzensgeschick. Dichteraugen erscheint in dem Armband, das in der Villa Unter dem Schutte sich fand, mehr als ein goldener Reif. Ihnen ersteht aus der Asche der Arm und winkt und bewegt sich, Schmiegt sich schüchtern und fest um des Erkorenen Hals. Wesenloses gewinnt nun Gehalt, Geringes Bedeutung, Und aus Moder und Staub lodert noch einmal der Geist. Frühling am Gardasee 1897 Und so seh' ich doch dich wieder, Mein Italien, teures Land! – Vicenzo Monti Vision Durch mein Fenster, wenn ich kaum die Augen Aufgeschlagen, von der Küste drüben Grüßt mich schon die junge Morgenröte, Droht mir lächelnd mit dem Rosenfinger, Daß ich faul mich noch im Bette dehne, Da sie selbst so pünktlich aufgestanden. Holde Göttin! ruf' ich, hier an deinem Schönen See in Ferienlaune weil' ich, Aller Arbeit ledig, als nur etwa Einen Brief zu schreiben in die Heimat, Oder lieber noch ein Cartolinchen. Gönne mir's, auf meinem Lotterbettlein Noch ein Weilchen dämmernd hinzuträumen, Bis die strenge Herrin dir, die Sonne, Folgt, die abhold allem Müßiggange. Zeit dann wird es sein, mich aufzuraffen. Und die Göttin hört's und scheint's zufrieden. Aber heut, da wieder mit verstohlnem Kuß auf meine Augen sie mich, weckte, Wen erblick' ich ihr zur Seite schwebend? Ist's ein Nebelspuk, dem See entstiegen? Nein, ein Frauenbild, in duft'ge Schleier Eingehüllt; und jetzt empor sich schwingend, Langsam, wie ein Schwan zum Äther aufstrebt, Dann sich wieder senkend, steten Fluges Mir entgegen strebt sie. Ja, nun kenn' ich Dich, geliebtes Antlitz meiner Muse, Die geheimnisvollen Götteraugen, Die mit ernster Frage jetzt mich anglühn. Ist's bedauernd, ist's mit leisem Vorwurf? Doch alsbald mit beiden Lilienarmen Winkend, wie man einen Säumigen antreibt, Nachzufolgen, in die obern Lüfte Schießt sie wie ein Sternbild und verschwindet. Und ich starr' ihr nach. O hehre Göttin, Ruf' ich, Freundin du der Morgenröte, Dank dir, daß du kamst, mich zu beschämen! Und nun will ich rüstig mich ermannen, Deiner Spur zu folgen. Aber wirst du, Wenn ich schweifend im Olivenwäldchen, Oder dort am Seegestad dich suche, Wie ein Liebender der Liebsten nachgeht, Gern dich finden lassen, deinem Treuen Helle Lieder in die Seele hauchend, Süßmelodische, wie du in den Tagen Unsrer jungen Liebe sie mir gönntest? Vorfrühling Sieh, die Kastanien – noch nicht entfalten Sie ihre Knospen, harzig gebräunt. Den weißen Schneehut hat aufbehalten Der Monte Baldo, mein alter Freund. Der schöne Frühling kommt zögernd heuer; So warm der Mittag, die Nacht ist rauh. Auch im Kamin ist ein kleines Feuer Noch sehr willkommen der lieben Frau. Jungfräulich herbe sind noch die Lüfte, Noch hat kein Vogel sein Nest gebaut, Doch von der Halde wehn Veilchendüfte, Süß wie der Atem der jungen Braut. Wer weiß, wie bald uns der Lenz beschieden, Des holde Nähe sich schon verriet. Ich fand heut früh an des Märzen Iden Schon Pfirsichblüten und dieses Lied. Salò Straßen, arm an Sonnenschein, Kieselpflaster, spitz und klein, In der kellerkühlen Luft Käse-, Öl- Limonenduft, Trockner Fisch, Johannisbrot Und was sonst zum Schmausen not, An den Fenstern junge Fraun, Die aus schwarzen Augen schaun, Kinder mit zerzaustem Haar, Dem kein Kamm gefährlich war, Dunkle Läden, vor der Tür Fleißig Handwerk für und für, Draußen überm blauen See Möwen kreischend in der Höh, Fern im goldnen Sonnenstrahl Greises Berghaupt, weiß und kahl, An dem Hafen dichtgereiht Kleine Barken, fahrtbereit, Aus der Ferne dann und wann Schrillt des Dampfers Pfiff heran, Männer, im Café zuhauf, Blicken von der Zeitung auf, Ihres süßen Nichtstuns froh – – »Wenn ich solche Worte singe, Braucht es dann noch großer Dinge, Dich zu preisen«, mein Salò? Letztwillig Und schließ' ich einst die Augen zu, Nie wieder aufzuwachen, So gilt mir's gleich, wo man zur Ruh Mir wird das Bette machen. Doch schlüge mein letztes Stündlein hier An dieser Seeflut Borden, So wünscht' ich, man erließe mir Die Brennerfahrt gen Norden. Man grübe mir ein stilles Grab Dort unter den Zypressen, Wo ich in wonnigen Träumen hab' So manchesmal gesessen. Mein Deutschland, immer liebt' ich dich Vor allen Ländern der Erden, Doch nach Italien flüchtet' ich Gar oft, um warm zu werden. Es heißt, ein armer Toter soll Manchmal vom Schlaf erstehen, Neugierig und gedankenvoll Ein bißchen spuken gehen. Im Norden sind die Nächte rauh, Da schlotterten mir die Gebeine. Hier unten weht die Luft so lau Nachts im Zypressenhaine. Da säß' ich nieder in guter Ruh An meines Sees Gestade Und hörte dem Rauschen der Wellen zu, Dem Zirpen der Zikade; Und grüßt' hinüber, wo dämmrig glänzt Das Berghaupt schlummertrunken Des Monte Baldo, die Stirn umkränzt Von kleinen Sternenfunken. Italiens Himmel strahlte herab Ins Tal der Tränen so heiter – Da schlüg' es Eins. Zurück ins Grab Schlüpft' ich und schliefe weiter. Toscolano Ja, das sind die alten Gassen, Mauerschluchten, schauerkühl, Wie ich damals dich verlassen, Mein gesegnet Herbstasyl! Über jener dunklen Türe, Die sich gastlich mir erschloß, Hängt verwittert noch das früh're Herbergsschild, das »weiße Roß«. Kahl und düster war mein Zimmer, Doch das Bette breit und rein; Eßbar wohl die Kost nicht immer, Aber trinkbar stets der Wein. Und wie herrlich all die Pfade Bei dem Kirchlein steil hinab, Wo am blauen Seegestade Mir der Ölwald Schatten gab! Steil hinauf zu den Zypressen Um Gainos Klösterlein, Wo ich saß und weltvergessen Träumte weit ins Land hinein. Wenn die Sonne dann versank, o Wie beglückt ich heimwärts ging, Wo mich im cavallo bianco Mein frugales Mahl empfing! Bracht' ich doch im Skizzenbuche Manches Landschäftchen mit heim, Sehr bescheidne Pfuschversuche Und dazwischen manchen Reim. Dann mit meinem Wirt vertraulich Schwatzt' ich noch im Gärtchen lang, Wenn die Nachtluft weich und laulich Überm See die Flügel schwang. Liebste, und es nimmt dich wunder, Daß ich gern hier blieb zu Gast, Da mir all der eitle Plunder Der Kulturwelt tief verhaßt? Ihre Fratze stört mich minder Hier am Busen der Natur, Unter Menschen, die wie Kinder Harmlos gehn auf ihrer Spur. Etwas Einsamkeit und Stille, Etwas Schönheit ringsumher, Traum und Zauber der Idylle – Was bedarf ein Dichter mehr? Da ich all dies hier besessen, Dünkt mich wie ein Zauberschloß Trotz dem mangelhaften Essen Toscolanos »Weißes Roß«. Am frühen Morgen Verschlafen glimmt der Morgen herauf, Die Sterne versanken. Ich stütz' in meinem Bette mich auf In dunklen Gedanken. Des Mondes bleiche Sichel verschwimmt Hoch oben im Blauen. Mein lauschend Ohr nur leise vernimmt Ein rieselndes Tauen. Kein Menschenlaut, kein Vogelsang In dämmernder Weite. Ein einzler Kahn fährt unten entlang, Ein Totengeleite. Zum Friedhof drüben rudert er fort Mit lässigem Kiele. Der schlichte Sarg ragt über den Bord, Bald ist er am Ziele. Du Armer, den zu Grabe man fährt, Bald bist du geborgen. Doch hast du gern den Rücken gekehrt Dem tauenden Morgen? Ein bunter Kranz umwindet dir heut Die hölzerne Truhe. Hast lebend wohl nicht oft dich erfreut So spät noch der Ruhe! Und doch – wie jetzt die Sonne sich hebt, Wer wünschte zu scheiden Vom goldnen Licht, und hätt' er erlebt Nur Sorgen und Leiden! Vom Lager spring' ich glühend, als sei Ein Glück mir begegnet. Du neuer Tag im sprossenden Mai, O sei mir gesegnet! In der Barke Zwei fröhliche Leutchen, Nicht lang noch vermählt. Er hat sich zum Bräutchen Die Schönste gewählt. Ihr sonniger Nachen Die Wellen durchfliegt. Die Augen ihr lachen, Dicht an ihn geschmiegt. Mit schwellendem Segel Den gleitenden Kahn Umflattern die Vögel Auf leuchtender Bahn. Sie wirft, um zu locken Die gierige Brut, Weißschimmernde Brocken Hinaus in die Flut. Das Herzchen, von reiner Glückseligkeit voll, Verlangt, daß nicht einer Leer ausgehn soll. Und wie sie sich zanken Und tauchen zum Grund, Von süßen Gedanken Verklärt sich ihr Mund. Sie flüstert so munter Zum Liebsten empor. Der beugt sich hinunter Und küßt ihr das Ohr. Der Alte, der Ferge Mit braunem Gesicht, Blickt still in die Berge, Als merkt' er es nicht. Er denkt wohl: O blieben Sie lang in Salò! Wie macht junges Lieben So königlich froh. Vor Kosen und Küssen Er wünscht nicht einmal Die Taxe zu wissen, Der junge Gemahl. Mir kommt es gelegen; Denn landen wir an, Wie Könige pflegen, Bezahlt er mich dann. Resignation Eine warme Regennacht Hat am Feigenbaum im Garten Alle Zweig' in Flor gebracht, Die noch kahl des Frühlings harrten. Zu den Blättlein dicht gesellt Schauen tausend winz'ge Knollen Putzig in die grüne Welt, Die zu Früchten reifen sollen. Doch die süße Lieblingsfrucht Soll mir ungenossen bleiben, Wird mich doch der Tage Flucht Nur zu bald von hinnen treiben. So auch an der Menschheit Baum Seh' ich manche Knospe sprießen, Und zu hoffen wag' ich kaum, Ihrer Reife zu genießen. Los des Alters! Das sei fern, Drum zu trauern im Gemüte. Nur noch aufblühn säh' ich gern Eine junge Menscheublüte, Jenes vielgeliebte Kind Mit den strahlend großen Augen, Die so übermütig sind, Wie sie wohl zum Hexen taugen. Gerne kennt' ich noch den Mann, Der sich zähmt die süße Wilde, Säh' als Frau und Mutter dann Selig lächeln meine Thilde. Ach, auf diesen Lieblingstraum Kann ich nicht so leicht verzichten, Wie daß dort der Feigenbaum Mich noch labt mit seinen Früchten! San Guiseppe Warum so festliches Geläut? Wem gilt der frohe Lärm? Ja so! Sie feiern San Guiseppe heut In allen Kirchen von Salò. Man dankt es ihm, daß er nicht fern Und schmollend bei der Krippe stand, Als überm dürft'gen Stall der Stern Den Kön'gen winkt aus Morgenland. Nährvater sein dem Gottessohn – Die Ehr' und Mühe war nicht klein, Und er empfing als Himmelslohn Den wohlverdienten Heil'genschein. Drum macht er auch an seinem Fest Zumal bei jungen Frauen Glück, Und selbst im allerkleinsten Nest Bleibt keine von der Kirch' zurück. Zudem, in Welschland Sitte war's Von je: geht einer ein und aus Als Hausfreund eines Ehepaars, Beschenkt er heut die Frau vom Haus. Naive Theologen sind Des Südens Kinder allzumal. Auf der Mysterien Deutung sinnt Ihr kecker Geist gar sehr real. Und scheint, was sich hier unten schickt, Uns Nordischen manchmal Blasphemie, Die gute Mutter Kirche drückt Eine Auge zu und duldet sie. Stille nach dem Sturm Ach, den Zauber dieser Stille Nach des Ungewitters Graus, Dieses Friedens Segensfülle – Keine Lippe spricht sie aus! Jugendfrische reine Lüfte Hauchen überm See heran, Und es füllt ein süß Gedüfte Rebenhald' und Wiesenplan. Nur am Weg die jungen Blüten, Die der Sturm vom Baume riß, Mahnen an des Wetters Wüten In der nächt'gen Finsternis. Ach, sie blühten wohl vergebens, Da kein Sommer mehr sie reift. Aber wenn der Sturm des Lebens In die vollen Zweige greift, Und der Seele nach der schwülen Leidenschaft der Friede kehrt, Ist, genesen sich zu fühlen, Nicht ein Blütenopfer wert? Lebensgeheimnis Und sie fragen, was mich jung erhält, Da ich lang' schon wandre durch die Welt, Und sie staunen, daß noch nicht sich satt Meine Seel' am Licht getrunken hat! Fangt nur auch, so wie ich stets getan, Jedes Frührot neu zu leben an, Jedes Tags alltäglichen Gewinn Als ein neues Wunder nehmt ihn hin! Ist's der Jugend holdes Vorrecht doch: Alles Leben überrascht sie noch. Unerschöpft im Brunnenschacht der Brust Sprudeln Quellen ihr der Lebenslust. Ein Geheimnis dünkt ihr jedes Ding, Märchenhaft, im weiten Weltenring. Noch verhüllt ihr eines Zaubers Duft Den erbarmungslosen Spuk der Gruft. Noch umfangen zukunftslos vom Heut, Rafft sie an sich, was die Stunde beut, Und doch hebt sie überm Wust das Haupt, Da sie schwärmend noch an Ew'ges glaubt. Oft betrogen immer neu vertraun, Freudig auf den Sieg der Wahrheit baun, Als ein arglos frommes Kind der Welt – Und sie fragen, was mich jung erhält! Nur ein Laie Heut traf ich einen Gelehrten an, Schien mir soweit kein übler Mann, Ein Professor der Universität, Allwo er hoch in Ehren steht, Chemie und auch Physik doziert Und fleißig experimentiert. Und da im Laboratorium Die Schüler lauschen in Ehrfurcht stumm, Nistet' Allwissenheitsbewußtsein Sich allgemach in seine Brust ein, Und heiter sprach er fort und fort Über all und jedes das letzte Wort. Nun kam die Rede natürlich auch Hier in Italien auf Sitt' und Brauch Des Volks, sein Wesen und seinen Sinn, Und unter anderm warf ich hin: Versagt wohl sei ihm manche Gabe, Die hohen Preis im Norden habe, Doch was von jeher mir gefiel An diesen Menschen: sie haben Stil. Der Professor zog die Brauen hinauf: Wie meinen Sie das? Und ich darauf: Stil hat, was mit ureigner Kraft Die rechte Form seinem Wesen schafft, Von innen her gestaltet wird, Durch keinen fremden Zwang beirrt Der Bildung oder Konvention. So lebt hier jeder Muttersohn Aus hohem oder niederm Haus Sich unverlegen harmlos aus Und läßt im Guten wie im Schlimmen Nur vom Naturtrieb sich bestimmen. Und da das südlich heiße Blut In Lieb' und Haß, in Scherz und Wut Die Adern ihnen höher schwellt, Als Kindern einer kühlern Welt, Ergeht sich auch in Ernst und Spiel Ihr Tun und Reden in größerm Stil, In Formen, die sich trefflich schicken, Poeten und Maler zu entzücken. Und er darauf: Der Form entspricht Nur leider oft der Inhalt nicht. Man sieht's an jeder hohlen Blase. Hier in Italien herrscht die Phrase. (Woher erfuhr's der große Mann? Kam gestern erst hier bei uns an.) Doch wer da pflegt in allen Fällen Zunächst die Fakta festzustellen, Wie mir's Bedürfnis wurde, kraft Meiner exakten Wissenschaft, Der findet in dieses Volks Natur Von höherem Inhalt keine Spur, Der auch zu höherer Form berechtigt. Auch ihre Kunst ist mir verdächtig, Und ich behaupte frank und frei, 's ist wenig Woll' und viel Geschrei. Selbst die sistinische Madonne, Die aller Kunstbeflissnen Wonne, Hat mich enttäuscht, muß ich gestehn. Ich hab' genau sie angesehn. Nun ja, ein artiges Gesicht, Doch Göttliches entdeckt' ich nicht, Nichts von dem überirdischen Geist, Den man so enthusiastisch preist. Ich kann's nicht anders definieren: Die Mutter und das Kind posieren. Ja, dieser Raffael überhaupt, An den die Welt kritiklos glaubt! Er wird von der Ästhetik jetzt Doch gar zu töricht überschätzt. Ich hasse jeden Aberglauben, Auch in der Kunst, und sprech' ich hier Als Laie nur, ich lasse mir Gleichwohl mein gutes Recht nicht rauben, Zu sagen, wie ein Ding mir scheint, Und ob sich alle Welt vereint, So oder so es anzuschauen: Ich kann nur meinen Augen trauen. – Nach diesem letzten stolzen Trumpf Genoß er lächelnd den Triumph, Daß niemand der Madonna wegen Wagt' eine Lanze einzulegen. Ich aber sprach: Sie haben recht! Es lebt im heutigen Geschlecht Zuviel Respekt noch vor der Phrase. Ein jeder folge seiner Nase! Und wenn ein kühner Geist, wie Sie, Dem Gott gesunde Sinne lieh, An Raffael nichts finden kann, So sag er's dreist. Selbst ist der Mann, Auch wenn er fremd Gebiet durchstreift. Man gleicht dem Geist, den man begreift, Und lehrreich ist's, wenn man von Laien Erfährt, wes Geistes Kind sie seien. Sophie, Großherzogin von Sachsen Ein Schatten fällt in dieser Tage Glanz, Ihr Wohllaut stirbt in herber Dissonanz. Der junge Frühling, lachend, wangenrot, Erschrickt erblassend vor dem dunklen Tod. Zwei Augen schlossen sich, die ihre Welt Erwärmt mit sanftem Leuchten und erhellt. Ein Herz steht still, das treu blieb immerdar Sich selbst und dem, was wert der Liebe war. Ein Geist ging in die ew'ge Klarheit ein, Der Wahrheit sucht' und feind war allem Schein, Beglückt, das Wort der Dichter zu verstehn, Mit ihnen wandelnd auf der Menschheit Höhn. Denn ob am Thron auch ihre Wiege stand, Daß Geist nur adelt, hat sie früh erkannt. Geist und ein Herz, das ernst und fromm sich weiht Dem Priesteramte reiner Menschlichkeit. Wer stillt um sie die Trauer, schmerzverzagt, Um die ihr Land als um die Mutter klagt Und weithin über seiner Grenzen Ring, Wer ihres Geists je einen Hauch empfing! Doch schwand sie auch für immer unserm Blick, Bewegten Herzens preis' ich das Geschick, Das in der Fürstentochter offenbart Hoheit mit reinstem Frauenwert gepaart, Ein segensreich erhabnes Menschenbild, So klug wie gütig, so gerecht wie mild. Mir aber, schreitend hier am Seegestad, Begegnet sie auf einsam stillem Pfad Und sieht mit ihrem hellen Blick mich an, Der jedem wohltat, der ihr durfte nahn. Als spräche sie: wie magst du klagen nur, Verdunkelt sei dir nun die Lenzesflur? Mich nahm ein ew'ger Geistesfrühling auf, Erhaben ob der Jahreszeiten Lauf, Und wie du siehst am Hang dort immergrün Scheinlos, doch früchtereich, den Lorbeer blühn, Ein Sinnbild edlen Ruhms, der fortbesteht, Ob er auch bunten Farbenprunk verschmäht, So laß mich in dir leben fort und fort Und klage nicht um mich mit bangem Wort. Nur im Beglücken fühlt' ich wahres Glück, So ruf in Freuden dir mein Bild zurück, Und in den Stunden, wo die Seele rein, Zum Ew'gen sich erhebt, gedenke mein! Sald. Am 8. April 1897 Johannes Brahms † Und noch ein glorreich hochgefürstet Haupt Hat dieser wilde Lenz der Welt geraubt. Ein Haupt, das äußrer Würden sich entschlug, Doch in dem Reich der Schönheit Krone trug! Ihm ward in Tönen wundersamer Art Das tiefste Weltgeheimnis offenbart, Und was zu seiner lauschenden Seele drang, Beseelt ausströmen mußt' es sein Gesang, Voll heil'gen Tiefsinns, der am stumpfen Ohr Der flachen Menge freilich sich verlor, Da leichtre Kunst am lauten Markt sich bläht Und Zügelloses hoch im Preise steht. Er aber schritt, nicht buhlend um Gewinn Gemeinen Ruhms, mit heitrem Mut dahin, Gestärkt, beseligt durch der Muse Kuß, Die immer treu blieb seinem Genius, Bis dann in Süßigkeit und herber Kraft Den Neid beschämte seine Meisterschaft Und zu den Treuen, die ihn früh erkannt, Ein endlos Volk sein Zauber überwand. So, da die Welt vernahm: nach schwerer Pein Ging dieser Herrliche zum Frieden ein, Erscholl nur eine Klage weit ringsum, Daß nun die goldne Sängerlippe stumm. O wohl! Der Müde schläft am stillsten Ort, Doch sein Gesang tönt unvergänglich fort, So wie im Weltall, wenn ein Stern versinkt, Sein Licht noch lang sich durch den Äther schwingt Und in das Auge, das gen Himmel blickt, Noch einen Strahl der Freude niederschickt. Wiegenlied So schaukelt die alte Weltenamme, die Zeit, Den Menschen, ihr großes Kind, Auf und ab In der Wiege von Tag und Nacht Und summt und singt ihm Bald muntre Liedchen, Daß es lachend die Hände Ausstreckt und bittet: Mehr! noch mehr! – Bald wehvolle Laute Trauriger Märchen, Bis es geängstet Zum Weinen den Mund verzieht Und fleht: Halt ein, Garstige Alte! Zu weh tut dein Gesang Vom ewigen Werden und Welken Uns armen Kindern, Die immer wir fortblühn möchten Und der Gespielen uns freun. – Und siehe, die Alte Erbarmt sich wieder, Schaukelt melodisch Die Wiege von Tag und Nacht, Singt leis' und leiser, Dem wimmernden Kleinen Einzulullen das bange Gehirnchen, Bis er ruhiger atmet Und noch mit Tränen An Wimpern und Wangen Schmerzvergessen entschlummert Und friedlich lächelt im Schlaf. Sermione »Von allen Inseln, Sirmio, und Halbinseln Mein Augenstern, so viel' in klaren Landseen Und Meeresweite rings der Wassergott hütet, Wie froh erblick' ich, wie zufrieden dich wieder!« Und wem, im Frühling landend an Catulls Eiland, Entschlüpfte nicht gleich ihm ein Wonnestoßseufzer, Darf er auch nicht wie er »im eignen Bett ausruhn«! Wie lieblich, hier im lichtgepflanzten Ölwalde Hinwandeln, oder unter schattigen Laubkronen Des dunklen Lorbeers sich behaglich hinstrecken, Von Anemonen rings umblüht und Würzkräutern! Wie schön, durch Trümmer hochgewölbter Torbogen, Durch die der See heraufglänzt in Smaragdbläue, Hinüberschaun zu schneebedeckten Berghäuptern, Die kahle Stirnen baden in Aprilsonne! Nur die Zikade singt ihr schrilles Volksliedchen Im Gras verborgen, sonst kein Laut, als einlullend Des großen Pans eintönig tiefe Schnarchtöne. Hier mochte wohl der Dichter friedlich ausrasten Vom Fieber Roms und zweifelhaften Liebschaften Und seiner Lesbia Wankelmut und Untreue. Doch diese Villa, ungeheuren Umfanges, Mit Hallen, Bädern, Pfeilern, des August würdig, Die hättest du, Poete, dir erbaun lassen, Der, nicht an Gunst der Großen dem Horaz ähnlich, Den Freund Fabullus du zu Tisch dir einludest, Ein köstlich Mahl verheißend, wenn er selbst nämlich Das Essen und den Wein dazu sich mitbrächte, Indem dein Beutel nur gefüllt mit Spinnweben? Man weiß, wie damals Publikum und Buchhändler Ein Bändchen Lyrik schlechter noch als heut zahlten, Und du zumal warst nimmer ein Erfolgjäger. Nein, hier an deiner Lieblingsinsel Nordspitze Besaßest du vielleicht ein schlichtes Landhäuschen, Im Erdgeschoß zwei Zimmer oder drei höchstens, Und eine Loggia mit den schönsten Ausblicken, Und stiegst zum Bad hinunter in die Seefluten, Die von den Gliedern wie vom Geist die Gluthitze Der Weltstadt Rom samt ihrem Ehrgeiz abspülten. Doch was an Wohllaut dir die Welle zurauschte, An reinem Balsam dir Natur ins Blut flößte, Um das beneiden konnte dich dein Nachfolger, Der niederriß dein Häuschen und die Prachtbauten Mit hundert Sklaven prahlerisch hier aufführte Und ärmer blieb inmitten seiner Wollüste, Als du, trotz deines Beutels voller Spinnweben. Abschied Zum letztenmal Meinen Lieblingspfad Am Bergesabhang Durch Rebengärten, Wo zartverschränktes Olivenlaub Unter den dunklen Lorbeerwipfeln Freundlichen Schatten streut, Wandl' ich dahin. Still ist die Luft. Nur ein lichtes Wölkchen Steht regungslos Drüben auf der weißen Stirn Des greisen Monte Baldo, Und die kleinen Städtchen, gelagert Zu Füßen des Alten Wie artige Kinder, Torri und Garda Mit San Vigilios Kap Und südlicher Bardolino Schimmern mit blanken Häuschen Über der purpurnen Bläue des Sees Den nicht ein Windhauch kräuselt. Wonniger Frieden weitum. Still atmet die Natur Der Nacht entgegen, Und drüben im Äther hängt Die Mondenscheibe, Eine Silberflocke, Wie eine Blüte des Frühlingshimmels. Dort aber das Haus, Zu dem ich oft den Schritt gelenkt – Vor dem niederen Eingang Auf verwitterter Treppenstufe Die spielenden Knäbchen Verstummen, da sie mich sehn, Das Hündchen belfert mich an, Das magre, scharrende Hühnervolk Stiebt auseinander, Nur die Kaninchen fahren Sorglos fort, die Kräuter zu rupfen Im hohen Gras. Und jetzt die junge Herrin der Hütte. Der zweite Knabe Hat die blauen Augen der Mutter, Der ältre des Vaters Augen – Occhi furbi. Der mag wohl sitzen Heut am Sonntag In der Schenke drunten, Über deren Tür man liest: Al tempo perduto. Lächelnd bietet das junge Weib Mir guten Abend Und steht, indem ich raste, Vor mir, und wir plaudern Von ihrem mühsamen Tagwerk, Ihrer Kindersorge, Die selten nur ihr erlaubt Den Gang zur Messe. Die höre der Mann statt ihrer. Brav sei er und fleißig Und halte sie gut. Und das junge Gesicht Von zarter Blässe, Indem die Augen Ruhn auf den Kleinen, Strahlt von geheimem Stolz und Glück, Wie jener Römerin, Die ihre Kinder der Freundin zeigte Als ihren Schatz an Kleinoden. – Und da in der Schürze, Frau, Was tragt Ihr her aus dem Gärtchen? – Eine Handvoll Salat, Heut abend zur Polenta. Siam poveri! O reiche Armut! Erhalte sie dir ein gnädig Geschick Und schütze deine Reben Vor Hagelsturm Und böser Krankheit Und diese Kinderhäupter Vor argen Gedanken, Daß, wenn ich wiederkehre Zu dieser Stätte, Ich unversehrt noch finde Deinen reichen Besitz Am Köstlichsten der Welt: Ein Haus voll Liebe, Lebensgenüg' und Frieden.