Ein Wintertagebuch (Gardone 1901–1902) Ankunft 15. Nov. 1901 Nun seid gegrüßt mir, Land und See und hoch am Berg du altes Nest, Ihr Vignen, längst nicht mehr geschmückt mit rothem Herbstlaub wie zum Fest, Olivenhalden, Lorbeerweg, du Bach, der wild zu Tale schießt, Und ihr zumal am Seegestad, mein Haus und Garten, seid gegrüßt! Ich find euch nach der Sommerglut noch frisch und grün am alten Fleck. Die Erd' hat in Salò gebebt, ihr kamt davon mit bloßem Schreck, Und dir, o mein Villino, wuchs inzwischen noch ein Flügel an, So daß ich mich zum Winterschlaf in dir bequemer strecken kann. Und diesen stört auch selten nur von draußen ein lebend'ger Klang, Gedämpft ertönt das Glockenspiel zu mir herab vom Bergeshang, Vom See nur eines Dampfers Pfiff, ein Eselchen schreit dann und wann, Und alle Stücke kenn' ich längst, die drunten spielt der Orgelmann. Und wenn am Haus die Glocke tönt, sie meldet lahme Bettler nur; Ein Nachbar, der zu plaudern kommt, tritt selten ein in meinen Flur. Es lockt uns kein Konzert hinaus, ein Schauspiel bietet nur der See, Und Langweil hüllt uns dichter ein, als hoch im Norden Eis und Schnee. Ein hochverehrlicher Kurvorstand sorgt eifrig und gewissenhaft, Daß ja nur keine Lustbarkeit den Wintergästen Fieber schafft, Daß Keinem, der zu sterben kam, hier, wo ihm letzte Frist gewährt, Der Abschied von der schönen Welt durch Lebensfreuden werd' erschwert. Doch da's einmal nicht anders ist, so füg' ich mich gefaßt darein, Die Welt zu meiden winterlang, um länger auf der Welt zu sein. Und überdies – ein Winterschlaf hier unter Palmen – in der Tat, Ich finde, daß trotz alledem er seine stillen Reize hat. Sagt Hamlet doch: »Was uns im Schlaf für Träume kommen, ja, da liegt's!« Wohl Manches, was mir hier geträumt, nicht mit dem Morgenrot verfliegt's. Einstweilen sei's im Tagebuch hier zwanglos zu Papier gebracht, Und somit, halb im Traume schon, wünsch' ich mir selber gute Nacht! Andere Zeiten In einem alten Buch fand ich beschrieben, Wie's fürstlich hohe Herrn und edle Damen Vor Zeiten hier an der Riviera trieben. Historien, bunt und wild, mit wundersamen Kriegsläuften, Mordgeschichten, und in ihnen Stets klangvoll hocherlauchte welsche Namen, Visconti und Gonzaga, Ghibellinen Und Guelfen, die die kleinen Städte zwangen, Abwechselnd dem und jenem Herrn zu dienen. Fast siebenhundert Jahre sind vergangen, Seit Donna Margherita nach Gardone Mit ihrem Fra Dolcino durchgegangen, Dem Albigensermönch, da nach Sermione Sich seine Glaubensbrüder hingeflüchtet, Bis sich aufs Haupt gesetzt die Herrscherkrone Mastino della Scala, der errichtet Das mächtige Kastell, so fest und groß, Daß es so bald kein Sturm der Zeit vernichtet. Beatrix della Scala, Bernabò's Gemahl, erhielt von ihm als Morgengabe Die reiche Flur Maderno's und Salò's. Und sie verfügte: nicht zu herrschen habe Ob der Riviera, wie bisher, Maderno; Sich beugen sollt's des Nachbarn Richterstabe. Darob ein Kampf entbrannt' um das governo, Höchst blutig, und die Küste, die bisher Ein Paradies war, wurde zum Inferno; Und wie im Lauf des Cinquecento dies Umstrittene Gebiet, das vielbegehrte, Der Meeresbraut Vasallenpflicht erwies, Dann an Verona kam und wieder kehrte Unter des Dogen Schutz und heftig dort Sich gegen Brescia's Oberhoheit wehrte. So wallt' und wogt' im Zeitenstrome fort Kampf, Eifersucht und Unheil, bis am Ende Die Wut gelinder ward. Am selben Ort, Wo einst gelodert wilde Kriegesbrände, Schien brennende Genußsucht nur zu walten, Gelenkt vom Szepter weißer Frauenhände. Ein Bankettieren, Tanzen, Festehalten, In goldenen Karossen Tag und Nacht Lustfahrten, daß die Ufer wiederhallten. In allen Schlössern zügellose Pracht, Ein Lotterleben, stets frivol und heiter, Bis ihm die strenge Zeit ein Ende macht. Dann Bonaparte's sieggewohnte Streiter, Dann Garibaldi's heldenhafter Zug, Der Tag von San Martino – und so weiter! Mich dünkt fürwahr, an diesem sei's genug Zum Zeugnis, daß der Boden, den wir treten, Die Spur schon größerer Geschicke trug. Heut geht's in der Riviera kleinen Städten So still zu, wie die Luft an dieser Küste In allen Vignen rings und Oliveten. Nichts, was an alte Zeit dich mahnen müßte. Statt glatter welscher rauhe deutsche Namen, Anstatt der Chronik eine Fremdenliste. Hüstelnde alte Herrn, nervöse Damen, Vorsorglich dicht sich hüllend in den Pelz, Da sie in einen »Winterkurort« kamen. Zu ringen um die Herrschaft – heute fällt's Maderno und Salò nicht ein. Es machen Den Rang sich streitig höchstens die Hôtels. Nicht in Maderno's »Palazzino« krachen Champagnersalven, keine Lauten klingen, Kein Tanz, kein Spiel, noch andre schöne Sachen. Und statt der Ritter, die aufs Roß sich schwingen Mit holden Frau'n, aus Furcht, sich zu entadeln, Wenn sie gutbürgerlich zu Fuße gingen, Sieht du die feine Welt – vorüberradeln. Ersatz 12. Dez. Nun auf winterlicher Flur Sind die Blumen all verschwunden. Bleiche Weihnachtsrosen nur Hab' ich in der Schlucht gefunden. Doch die wilde Myrte sprießt Immergrün an Weg und Stegen, Und aus Lorbeerbüschen fließt Kräft'ger Würzduft mir entgegen. Sind die Blumen auch dahin, Die ich brach im jungen Leben, Unverwelklicher Gewinn Ward mir zum Ersatz gegeben: Sie, die ich zumeist geliebt, Bleibt mir wandellos zur Seite, Und die holde Muse gibt Winters auch mir das Geleite. Ein Tantalus Nino ist todt. Heut in der Frühe fand Sein Herr auf dürft'gem Lager ihn entseelt, Die Miene sanft, wie eines Schlafenden, Doch alles Rütteln, aller Zuruf war Umsonst. Zu seiner Tagesfrone stand Er nicht mehr auf. Undank, der Lohn der Welt, Auch dir, du frommer Knecht, ward er zu Teil. Denn von den Deinen, denen Jahre lang Du treu gedient, ward eine Träne kaum Dir nachgeweint, kein Grabgesang ertönt: In steinigem Acker wirst du eingescharrt Und morgen schon vergessen. Ich nur widme Bewegt dir einen Nachruf. Denn du warst Zwar nur ein Pferd, doch gut und sanft und wohl Auch hübsch in deiner Jugend, bis die Last Der Arbeit dir das glatte Fell verdarb Und dir der Rücken einsank. Dies zwar ist Gemeines Pferdelos. Dich aber traf Ein schlimmres, denn du warst ein Tantalus. Dein Herr, der Fruttajuol, ein wackrer Mann, Doch ahnungslos für Pferdeseelenschmerz, An jedem frühen Morgen spannt' er dich Vor seinen Karren, drauf in Körben frisch Ein mancherlei Gemüse lag, Salat, Kohl, Artischocken, Petersilie, auch Spinat und würz'ger Fenchel und was sonst Gott in Italiens Gärten wachsen läßt. Dann hui! und omm! und Peitschenknall, auch wohl Ein Peitschenhieb, und auf der Straße fort Zogst du die grüne Ware für den Tisch Der Villen, hieltst vor jeder Türe still Und hörtest hinter dir die Köchin feilschen Mit deinem Herrn um Leckerbissen, die Du nie gekostet. Wenn die Hausfrau dir, Mitleidig gegen jegliches Getier, Ein Weißbrot spendet' und zuweilen auch Ein Stücklein Zucker, dankbar nahmst du's hin Und seufzend doch – ach, nur ein Tropfen war's Auf heißen Stein! Wie hättst du erst geschwelgt Im saft'gen Grünzeug, dem du vorgespannt! Und wieder hui! und omm! und weiter ging's Den Leidensweg. Sic vos non vobis –! klagte Dein vorwurfsvoller Blick. Nun ruhst du aus Von ungestillter Sehnsucht, und ein andrer, Nicht braun wie du und auch so mager nicht, Ein muntrer Scheck zieht den Gemüsekarren, Noch ganz vergnügt. Ich aber seh' voraus, Was seiner harrt, und seufze mitleidsvoll: Auch du bist von des Tantalus Geschlecht! Pasqua Diese Last von schwarzen Haaren, Dieser Augen dunkle Glut, Und so scheu und unerfahren, Dieses Mündchen rot wie Blut; Runde, zarte Kinderwangen, Glatt und weiß wie feiner Samt, Die in Schreck und Scham und Bangen Rosenschimmer überflammt – Ach, mit deinen Reizen allen Bist du einem niedren Loos, Kleine Pasqua, doch verfallen, Heute noch so ahnungslos. Hätte dich in goldner Wiege Weich geschaukelt je das Glück, Spräche wohl von manchem Siege Dieser sprüh'nde Feuerblick. Jetzt in ödem Haus vergeht dir Karg das Leben, glückverwaist. Nur ein Malerblick verrät dir Dann und wann, wie schön du seist. Und du dünkst dich hochbeseligt, Wenn, bevor das Alter winkt, Dich ein grober Bauer ehlicht, Der nicht täglich sich betrinkt. Manchmal blickst du wohl mit Neide Einer stolzen Dame nach, Die in Pelz und Samt und Seide Ein par Worte mit dir sprach. Aber weißt du, ob der Schönen, Die besitzt, was dir versagt, Nicht zu Haus mit tausend Tränen Heißer Gram am Herzen nagt Um den Mann, er sie umschmeichelt, Bis er werbend sie betört, Und nun längst schon nicht mehr heuchelt, Daß sein Herz nur ihr gehört? Früh muß sich die Blum' entblättern, Drauf zu heiß das Licht geglüht. Kleine Pasqua, dank den Göttern, Daß im Schatten du erblüht! Chi bella non è ... Ich sah im Olivenwalde Ein Mägdlein wandeln durchs Gras, Das Beeren, zerstreut auf der Halde, Gebückt in ihr Schürzchen las Und sang, als ob ihr groß Leid geschah: Chi bella non è, fortuna non ha! Es klang so traurig und trübe Von einsamer Todesstund', Als klagt um verlorene Liebe Ein nimmergeküßter Mund: Die Häßlichen sterben allein, ach ja! Chi bella non è, fortuna non ha! Da blickte sie auf, und mit Staunen Gewahrt' ich ein reizend Gesicht. Es lacht aus den Augen, den braunen, Ein schalkhaft blitzendes Licht. Mit solchen Augen, wer klagte da: Chi bella non è, fortuna non ha! Die Schelmin sah mit Erröten, Wie sehr sie den Fremdling behext, Fand gleichwohl nicht vonnöten, Zu ändern den seufzenden Text, Und sang mit Lachen, so lang sie mich sah: Chi bella non è, fortuna non ha! Das Glöckchen Still! o still! Hörst du durch die Abendluft, Wie das leise Glöckchen ruft? Weißt du, was es sagen will? Sanft zur Ruh' Ward ein müdes Herz gebracht, Und noch eine gute Nacht Ruft ihm Mutter Erde zu. Letzte Blüten Noch eine Ros' am kahlen Strauch Fand im Advent ich aufgeblüht, Noch eines Liedes zarter Hauch Klang mir verstohlen im Gemüt. Der Rose Blätter taumeln hin, Da ich sie kaum berührt, ins Beet, Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn – Für Sommerkinder ist's zu spät! Im Advent Die längsten Nächte. Drüben hinterm Vorgebirg Von San Vigilio schläft noch in den Tag hinein Frau Sonn' und kann sich nicht entschließen aufzustehn. Zeit wär' es längst. Doch sie, wie eine Königin, Die weich sich dehnt im seidnen Bett und gähnend denkt, Es eile nicht, von ihrem goldnen Thron herab Ihr Weltreich zu regieren, schläfrig blinzelt sie Nur schwach hervor aus grauer Wimper, zieht sodann Das Nebeldeckbett hoch sich übers Angesicht Und schlummert weiter. Auch hernach, wenn endlich sie Beginnt ihr Tagwerk, nur im Schlafrock schleicht sie dann Mit ungestrählten Haaren, sehr unaufgeräumt Des Wegs dahin, im Wolkenmantel dicht vermummt, Als friere sie. Denn ach, nur eine Fabel ist Das ewig blaue Firmament Italias! Auf ihrer Stirn auch spukt gar oft zur Winterszeit Ein Schatten grauer Schwermuth. Ihre Kinder dann In kellerkalten Häusern, wo kein Ofen brennt, Ums Reisigfeu'r am Herd trübsinnig kauern sie, Vor Frost erschauernd. Stumm im kleinen Käfig sitzt Die Drossel. Auch am Rocken jetzt und Webestuhl Erklingt kein Ritornell und kein Rispetto mehr, Und vorwurfsvoll ertönt nur noch des Mäuschens Pfiff, Da ein Polentabröckchen kaum ihm übrig bleibt. – Doch nur Geduld! Nach kurzen Wochen, hingedehnt Im Nebelhalbtraum, denkt Frau Sonne wiederum Vor Scham erglühend ihrer alten Schuldigkeit Und holt, was lang versäumt ward, um so eifriger Nun wieder ein. Den Reif vom Laube schüttelt sie Den Lorbeern und Oliven, lockt mit warmem Hauch Krokus und blaue Veilchen schon im Februar Hervor auf allen Wiesen. An den Reben sacht Beginnt's zu knospen. Ja sogar ein Vögelchen, Wenn glücklich es dem Blei des Jägers winterlang Entgangen, denkt bereits an neues Nesterbau'n Und zirpt und wirbt um eine Braut. Und ähnlich so Ergeht's dem Dichter. Sacht in seinem Busen schon Rührt sich Gesang, wenn früh am Tag er wohlgemut Auf luft'ger Höhe wandelt, nur im leichten Rock Und, was das Beste – denn verhaßt vor allem sind Ihm diese nordischen Gräuel –, ohne Gummischuh'! Eine Weihnachtsepistel Du neidest mich mit deinem gönnenden Selbstlosen Neide, Freund, um all den Zauber An Farb' und Licht und immergrünem Flor Des Winters hier im Süden. Einzig nur, Daß es um Weihnacht uns an Schnee und Eis Und Schlittenbahn gebricht, »was doch durchaus Gehört zu einem richtigen heil'gen Christ«, Müss' ich wohl auch beklagen. Freilich war's Mir selbst verwunderlich, als frühe schon Die heil'ge Nacht vom klaren Firmament Herabsank und ich hoch am Bergeshang Hinschlendernd auf den See herniedersah, – Weitum der Ufer reingeschwungner Ring, Der einer edlen Silberschale gleich Die dunkle Flut umfaßte, – daß mich noch So lind die Luft umspielte, wie bei euch Im Mai, und dachte: Heut ist Heiligabend; Heut flockt vielleicht der Schnee in dichtem Schwarm Auf Münchens Gassen, oder schneit es nicht, So heult ein rauher Winterwind mit Macht Weit vom Gebirg daher, daß, die verspätet Noch unterwegs sind, ihre roten Nasen Tief in den Kragen stecken und trotzdem Den trefflichsten Katarrh nach Hause bringen. – Nun, ländlich sittlich. Auch ein Schnupfen wohl Gehört zu einem »richtigen« Weihnachtsfest, Und mit Sylvesterpunsch kuriert man ihn. Mich aber dünkt, die erste Weihnacht, die Historische, hat von Katarrhen nichts Und Sturm und Schnee gewußt. Lag doch, gehüllt In leichte Windeln nur, im offnen Stall Das liebe Christkind. Und die Hirten, die Des Engels Botschaft hörten, ihre Herden Auf freiem Felde hütend bei der Nacht, Sie krochen frierend nicht in dumpfe Hütten, Denn lau und lieblich war die Luft. Auch ragt' Ein Lorbeer wohl hoch an des Stalles Mauer Und strömte seinen Duft aufs Kripplein nieder, Noch ehe die drei Könige mit Weihrauch Und Myrrhen kamen. Eines Palmbaums Krone War ausgebreitet als ein Baldachin Zum Schirm der dürft'gen Wiege. Drinnen aber Das Himmelskind bedurfte wahrlich nicht Der goldnen Kerzchen unsrer Weihnachtstannen. Denn in der Nacht des Südens funkelte, Geschart um jenen Leitstern, das Gewimmel Der Goldgestirne – fast wie überm See Sie heut erglänzen, wo aus tiefem Blau Sie nach und nach aufglimmen, während rings Geläut ertönt – meinst du nicht doch, man könn' Auch ohne Schnee und Eis an dieser Stätte Die richtige Weihnacht feiern? – – – Die Pergola Vier schlanke Pfeiler im Geviert, darüber Von braunem Holz ein leichtes Sparrenwerk, Der offne Bau von Mäuerchen umsäumt Und zierlichen Balustern nach dem See, So steht an meines Gartens Uferrand Die Pergola. Noch klettern lustig nicht Die Bangsiarosen bis zum Dach empor. Doch übers Jahr schon wölben ihre Ranken Ein luftig Schattendach, das mir den Brand Der Maiensonne dämpft. Und auf der Bank Darunter sitzend, kann hinüber ich Zum Greisenhaupt des Monte Baldo schau'n, Und an die Brustwehr träumend hingelehnt Dem Plätschern lauschen der kristallnen Flut, So klar durchsichtig, daß ich spielen seh' Die Fischlein drunten überm Kieselgrund, Blitzend wie lautres Silber. Hier zu ruhn Nach heißem Tagwerk in der Abendkühle Wird köstlich sein. Und noch willkommner einst Die letzte Ruh', die ewige – nicht zu bald, So hoff' ich! Dann jedoch, statt eingepfercht In eines Friedhofs Mauerring, mein Haupt Hier frei zu betten wär' ein tröstlicher Gedank', und hier, wenn noch ein Abgeschiedner In seiner Nacht des Lebens inne wird, Das droben weiterbraust, vernehm' ich wohl Im Traum, wie Enkel und Urenkel fröhlich Im Garten spielen. Unter ihnen wandelt Mit ernstem Lächeln dann die teure Frau, Die mich vermißt, wenn all den andern schon Mein Bild verblich. O liebe, liebliche, Ewig Geliebte, dein Gedächtnis wird, Solang ein Ton von meiner Leier noch Die Welt durchzittert, nie vergehn! Und die Vorüberschiffen auf dem See, sie deuten Auf dich und sprechen: 's ist des Dichters Frau, Der hier gewohnt und diesen See geliebt Und nun den letzten Schlummer schläft im Schatten Der Pergola. Wilhelm Hertz † Dumpf über Berg und Tal dringt zu mir her Die bitterste der Kunden, tränenschwer: Der Teure, den ich brüderlich geliebt In jung' und alter Treue, nie getrübt, Lang vor der Zeit der hingewelkten Kraft So unerbittlich jäh hinweggerafft, Der Leib von grimmer Schmerzen Qual verzehrt, Der reiche Geist ins All zurückgekehrt! Und wir, daß er uns fehlt, wir fassen's kaum, Als ängstet' uns ein unbarmherz'ger Traum. All was wir ihm verdankt, erst im Verlust Wird's der beraubten Seele voll bewußt: Die Welt von Wissen, die er in sich trug Und sie beherrscht' in freiem Geistesflug, Die Welt von Schönheit, die von Jugend an Erobernd er zu eigen sich gewann, Am Quell der alten Dichtung früh genährt, Der Erbe Gottfried's, seines Ahnen wert, So daß, erwacht bei seiner Saiten Klang, Verschollne Sage neu die Flügel schwang! Wohl ließ er uns zu köstlichem Gewinn Sein Werk zurück, – er selber ging dahin, Und was er lebend war und gab und sprach, Tönt unersetzlich uns im Innern nach. Wie gern genießend saß er jugendfrisch, Ein stolzer Zecher, an des Lebens Tisch! Sein goldnes Lachen – niemand lachte so! – Wie macht' es Jeden in der Seele froh! Sein milder Ernst, der Keinen je versehrt, Sein edler Zorn, wenn Niedres ihn empört, Ein zartes Mitgefühl in Leid und Lust, Ein Kindersinn in fester Mannesbrust, Treu seinen Göttern dienend, immer fern Dem Marktgewühl, vertrauend seinem Stern, Und all das nun dahin, was uns beglückt, Kalt diese Hand, die unsre warm gedrückt – – Ja, klagt um ihn! Doch unsre Klage stillt: Uns war gegönnt solch seltnes Menschenbild. Ihm sagen durften wir, bescheiden zwar, Dem tiefbescheidnen Freund, was er uns war, So daß er, den die Mitwelt kaum erkannt, Doch einen Schatz von Lieb' und Treue fand Und nichts, bis ihn verschlang die letzte Nacht, Entbehrte, was das Leben lieblich macht. Und so, ob du nun ruhst am dunklen Ort, Du Vielgeliebter, lebst du mit uns fort, Und Tod und Schicksal überdauernd, zieht In fernste Zeit dein herzbezwingend Lied! Mittagsruhe Goldner Nebelsonnenduft Überhaucht Gebirg und Flur. Droben steht ein Wölkchen nur In der windstill reinen Luft. Auf dem See ein Fischerkahn Mit den Segeln gelb und blau, Drauf gemalt die Himmelsfrau, Zieht wie träumend seine Bahn. Rings kein Laut der wachen Welt Um des Monte Baldo Thron, Gleich als wüßten's Alle schon, Daß der Alte Siesta hält. Leis am Ufer gluckst die Flut; Auch der Kummer, der zu Nacht Mich um meinen Schlaf gebracht, Hält den Atem an und ruht. Resignation Diese Tage, milddurchsonnt, Wo dich sonst wohl freuen konnt' Eine Welt, die lieblich blüht, Heilen nicht dein wund Gemüt. Immer bleibt die Sorge wach, Geht auf Schritt und Tritt dir nach, Wie ein graues Taggespenst, Das du nicht beim Namen nennst. Immer steht ein lieb Gesicht Vor der Seele dir und spricht: Werd' ich, ach, im Sonnenschein Wieder jung und glücklich sein? Und dein Herz drückt doppelt schwer All die Schönheit rings umher. Aller Glanz der Gottnatur Dünkt ein kalter Hohn dich nur. In der herzlos weiten Welt Bist du nur auf dich gestellt. Wem ein teures Glück geraubt, Beuge weinend still das Haupt! Die Schlucht Tret' ich, die Brust zu lüften, aus dem Haus Aufatmend in den Wintertag hinaus, So lockt mich, eh' ich fünfzig Schritte tat, Vom Fahrweg links hinweg ein Schattenpfad Zu einem Gittertor. Da tret' ich ein, Und mich empfängt ein lichter Erlenhain, Sich wölbend über eines Bächleins Lauf. Links steigt der Abhang dichtbelaubt hinauf, Rechts breitet sich ein sanfter Wiesengrund (Der Lieblingstummelplatz für meinen Hund) Und drüber, auf des Tales Rand erhöht, Ein weiß Kapellchen. Ihm zur Seite steht Ein dunkles Paar Zypressen, hingestellt Als Wächter dieser traumhaft stillen Welt. Rings unten auf dem dichtbegras'ten Plan Und zu den schattigen Halden hoch hinan Wird, wenn die ersten lauen Lüfte wehn, Ein märchenbunter Lenzesflor erstehn, Von Primeln schimmert's golden, Veilchen blühn, Aus wilden Myrten äugelt Immergrün, Doch jetzt ist Winter. Sacht schreit' ich empor, Bis wo sich auftut hoch und schmal ein Tor: Zwei schlanke Stämme, wuchernd dicht umrankt Von Epheu, der bis in die Wipfel langt. Hier ist der Eingang, wo die Schlucht sich engt Und ew'ge Wildnis dämmernd dich umfängt. Vom Bach, der rauschend in die Tiefe fährt, Wird üppig grüne Pflanzenbrut genährt, Hängt sich in wirren Ranken links und rechts Um nackte Zweige jedes Baumgeschlechts, Hirschzungen, Farn und Brombeer, urwalddicht, Schwach trieft herein von oben her das Licht. Hier kannst nach Herzenslust du einsam sein, Denn selten nur verirrt sich hier hinein Ein Wintergast. Und wo die Kluft sich schließt, Siehst du den Bach, der rauschend sich ergießt Aus braunem Felsspalt und zerstiebt im Fall Und füllt die Schlucht mit seines Sturzes Schall. Das Bänklein hier, vom hellen Gischt umsprüht, Lockt nur zur Rast, wenn schwer der Sommer glüht. Doch jetzt ist Winter; aber weich die Luft In dieser moderkühlen Felsengruft, Und würzig weht dich an um Weihnacht auch Des immergrünen Unkrauts feuchter Hauch. Hier ist's, wo manche Stund' an manchem Tag Ich still verweilend der Betrachtung pflag, Der Welt und ihrem Lärmen weit entrückt, Von Geistergruß im Innersten beglückt, Tief in den Frieden der Natur versenkt, Die Seel' und Leib aus reinen Quellen tränkt. Denn der Gealterte – was kann die Welt Ihm geben, das dem Glück die Wage hält Einsamer Einkehr in sich selbst! Der Wahn, Antwort auf Schicksalsfragen zu empfahn, Des Weltgeheimnisses zweideut'gen Sinn Je zu enträtseln, – längst schwand er dahin. Des bunten Lebens vielgestalt'ger Zug, Der uns vorbeiflieht, schon bekannt genug Dünkt uns sein Wechselbild; schon tausendmal Rührt' er an unser Herz in Lust und Qual. Nur was aus Tiefen unsrer eignen Brust Aufsteigt, uns wie ein Traum nur halbbewußt, Veraltet nie, ein unerschöpfter Quell Begieriger Betrachtung, dunkelhell. Denn ob die Fordrung niemals sich erfüllt Der Selbsterkenntnis, nie doch wird gestillt Die Sehnsucht, aus dem weiten Weltenrund Zu flüchten in des eignen Wesens Grund Und zu genießen rein und ungestört, Was unentreißbar einzig uns gehört, Sich uns enthüllend in der Zwiesprach nur Mit unsrer alten Mutter, der Natur. Wie bist du hier mir nah, du heil'ge Macht, Im dunklen Zauber dieser Waldesnacht! Im Wasserfall, der schäumend niederschießt, Hör' ich die alte Weisheit: Alles fließt. Und wie aus tausend Keimen Leben dringt Und rankend sich empor zum Äther schwingt, Ob auch der Winter draußen starr und wild In Eis und Schnee die Bergesgipfel hüllt, So fängt die Brust, die schon erstorben schien, Mit tausend neuen Trieben an zu blühn, Und aus der immergrünen Schlucht hinaus Kehr' ich gestärkt an Haupt und Herz nach Haus. Das Konzert In meinem Zimmer mir zur Augenweide Hängt überm Schreibtisch jenes Meisterwerk Giorgione's, das Konzert, das Kleinod aus Dem Schatz Palazzo Pitti's. In der Mitte Der blasse junge Mann im schwarzen Kleid, Der auf den Tasten eines Orgelwerks Die schlanken Hände ruhen läßt, als schlüg' er Den Schlußakkord, den feierlichen, an Der geistlichen Motette, die den Zwei'n Er vorgespielt, den Freunden, gleich ihm selbst Verehrer Palestrina's. Oder war's Ein Stück, entsprungen aus der eignen Seele Des Spielers, oder freie Phantasie? Nein, eines Meisters Schöpfung muß es sein. Denn zu dem Alten hinter ihm das Haupt Umwendend, scheint sein mystisch heißer Blick Zu fragen: Ist's nicht wunderbar? Und hab' Ich dir's zu Dank gespielt? Allein der Freund (Wohl ein Prälat, der Kleidung nach; ein Kranz Von dunklem Haar umzirkt sein kahles Haupt), In stiller Rührung zuckt's um seinen Mund, Und traulich auf des Jünglings Schulter legt er Die Rechte, gleich als spräch' er: Bravo, Freund! Du spieltest wundervoll! – Die linke Hand Hält einer Laute schlanken Hals umfaßt (Auch er übt wohl Musik, als Dilettant), Indes der Dritt' im Bunde, jener Jüngling In Federhut und adligem Gewand, Herausblickt aus dem Bilde, wie noch ganz Versunken in Entzückungen, und scheint Mich anzureden: Hättest du's gehört, Du stündest unterm Zauber noch, gleich mir! Und fühl' ich anders? In das seelenvolle Gesicht des Spielers blickend, ist es mir, Als höb' ein sanftes Klingen geisterhaft Sich an und dringe mir mit magischer Gewalt an Seel' und Sinn und fülle mir Das Herz mit Wonneklang, indes von draußen Der See, anstürmend an die Uferwehr, Mit tiefem Orgelbaß die Melodie Begleite. Heil'ge Musen, schwesterlich Fürwahr reicht ihr euch oft die Hand. Denn hier Aus des Giorgione stummberedtem Bild Tönt zauberisch mit längst verklungner Macht Ein Hauch italischer Tonkunst mir entgegen. Ermutigung Sei nur getrost! Was auch geschieht, Werd' an dir selbst nicht irre, mein Herz! Sieh, auf schwankender Lebensfahrt, Der stürmevollen, Bleibt kein anderes Heil, Als zu vertrauen dem Dämon, Der deines Schiffleins Steuer Lenkt mit eigenwilliger Hand. Ob er es führt zum sichern Port, Ob scheitern lässet an Klippen, Du bist sein Meister nicht, Mit klügelnder Torheit In den Arm ihm zu fallen. Denn er ist's, der dir von Anbeginn Ward zum Lenker gegeben, Daß deine Bahn du vollendest, Nachtwandlerisch nach verhülltem Ziel Und wissest nicht, was sie wollen mit dir, Die dunklen Mächte. Sie aber wissen's. Denn was du blindlings, dem Dämon getreu, Vollbringst an deinen sprossenden Tagen, Mehr ist's und fruchtet reicher, Als was du tätst, auf den Zuruf horchend Der fremden schwatzenden Menge. Und wär' es herrlich, es wär' nicht dein, Wär' nur ein Knechtswerk, Unwirksam, dich zu beglücken. Sei nur getrost! Was auch geschieht, Werd' an dir selbst nicht irre, mein Herz! Er und Ich Was hast du nur erreicht Mit all der Müh und Plage, Wenn dich am letzten Tage Dein Stündlein überschleicht? Ein Wellchen ist verschäumt, Erloschen ist ein Funken, Ein Becher ausgetrunken, Ein irrer Traum verträumt. Und mag auch wie im Flug Mein Erdensein verstieben, Zum Lachen, Weinen, Lieben Hatt' ich doch Zeit genug. Entzückt in mancher Nacht Seh' ich die Sterne sinken, Die nur zu flücht'gem Blinken Am Firmament erwacht. Sündenregister Stets nahm ich dich in Schutz und bliebe Dein Anwalt gegen eine Welt, Du Volk Italiens, das ich liebe, So manches mir an dir mißfällt. Doch unter uns und ohne Zeugen Nehm' ich ein Blatt nicht vor den Mund Und kann als Freund dir nicht verschweigen: Sie tadeln dich nicht ohne Grund. Das süße Nichtstun – deinen Kindern Verwehrt's die liebe Sonne nicht, Und fremde Reisende zu plündern, Scheint jedem Gastwirt Ehrenpflicht. Man schilt auch, daß du ohn' Erröten In schmutz'gen Mauerhöhlen wohnst, Die kleinen Vögel liebst zu töten, Jedoch das Ungeziefer schonst; Und daß man selbst den Angestellten Vergolden mag die hohle Hand – Nun, dies und andres noch, nicht selten Trifft man's wohl auch in anderm Land. Doch Schlimmres noch: Brigantenhorden In deiner Berge wildem Schoß, Vendetta, die, zur Pflicht geworden, Geschlechter mordet gnadelos, Der Wälder gräuliche Verwüstung, Camorra, die das Ärgste wagt, Und wes in sittlicher Entrüstung Dich gutes Volk man sonst verklagt: Das alles dünkt dir sehr verzeihlich, Was Hohn Europens Sitte spricht, Nur eine seltne Tugend freilich Macht Vieles gut: du heuchelst nicht. Auch ich, so sehr ich dir gewogen, Bin nicht für deine Fehler blind. Ich weiß, du wurdest schlecht erzogen, So bliebst du stets ein großes Kind. Unarten, die in deinem Blute Verderblich nisteten bis heut, Sie wurden nicht mit scharfer Rute Von deinen Zwingherrn ausgebläut. Sie knechteten dich manch Jahrhundert, Mit schlauer Priesterschaft im Bund, Daß billig eins nur uns verwundert, Wie unverwüstlich du gesund. Gewiß, dir wäre hoch vonnöten Ein deutscher Unteroffizier, Würd' auch sein Drill so manches töten, Was liebenswürdig ist an dir. Doch da man endlich aus Ruinen Verjährten Wust beiseite räumt, So malerisch er lang erschienen, So wundersam man drin geträumt; Da selbst in Roms verfallne Gassen Dem Licht man einen Weg gebahnt, Ob auch erhabne Trümmermassen An ferne große Zeit gemahnt, So wünsch' ich, daß du, neu erstanden Aus langem Schlummer, dich befreist Von den jahrtausendalten Banden, Die dir umschnürten Seel' und Geist; Daß du, was nie zuvor du lerntest, Dich selber nimmst in strenge Zucht Und vollgereift nun endlich erntest All deiner edlen Gaben Frucht. Dann wirst du deine Rache nehmen Und, die dich höhnten dünkelhaft Als »Land der Toten«, stolz beschämen Durch Taten freud'ger Lebenskraft. Wintersturm Nun braust's in den Lüften, nun donnert der See, Aus schwarzblauen Klüften schäumt's wild in die Höh'. Mit wiehernden Rossen kommt über den Plan Weißmähnig geschossen der Herrscher Orkan. Es zittern die Mauern, die Scheiben erklirr'n, Die Palmen erschauern und beugen die Stirn. Die hohen Oliven mit silbernem Laub, Sie schwanken und triefen, dem Sturme zum Raub. Zu Nacht auf den Kissen bang horcht' ich hinaus, Dem Schlummer entrissen vom wüsten Gebraus. O wehe, mein Garten, um dich ist's geschehn! Wie wird es den zarten Jungpflanzen ergehn? Doch sieh, da die Sonne mich früh schon erquickt, Im Garten, o Wonne! kein Pflänzchen geknickt, Nur feucht noch die Blätter, nur schimmernd erfrischt Vom sausenden Wetter und sprühenden Gischt. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Italiens Kinder, so lodert die Glut Des Zornes nicht minder euch jählings im Blut: Ein wütend Gebrülle, morddroh'nden Gesichts, Dann plötzliche Stille – viel Lärmen um nichts! Servite Domino in laetitia Sonntag. Die Gassen still und leer. Kein Laut aus einem Hause dringt, Nur aus der hohen Kirche klingt Der Orgel Summen zu mir her. Und durch die Pforte tret' ich sacht Und seh' in Dämmrung eingehüllt Das Volk, das alle Bänke füllt, Doch Keiner hat des Ketzers Acht. Männlein und Weiblein hingebückt Und lautlos betend aus dem Buch, Die Frau'n im schwarzen Schleiertuch, Das auch das jüngste Mägdlein schmückt. Am Ehrenplatz beim Hochaltar Mein alter Vize-Sindaco. Da thront er, seiner Würde froh, Hochaufgesträubt sein schneeweiß Haar. Die Sindachessa im Gebet Kniet bei den Ärmsten an der Tür. Sie hofft, Gott lohnt die Demut ihr; Wer sich erniedrigt, wird erhöht. Durch bunte Scheiben glüht herein Ein warmer Glanz im Chore dort. Zuweilen tönt ein Priesterwort, Und kurz nur fällt die Orgel ein. Und jetzt das Ite missa est. Doch rührt noch Keines sich, zu gehn, Denn auf des Orgelchores Höh'n Beginnt nun erst das schönste Fest. Und alle lauschen andachtsvoll Dem Nachspiel, das so weltlich tönt. Sie sind's von Jugend auf gewöhnt, Daß so das Hochamt enden soll. Was hör' ich? Verdi? Ja, fürwahr, Aus Traviata, Troubadour. Von frommen Weisen keine Spur Im Haus des Herrn, wie sonderbar! Und wild und wilder jauchzt und stöhnt Verliebte Lust und Leidenschaft, Bis mit des ganzen Werkes Kraft Zuletzt ein flottes Tanzlied tönt, Im Polkatakt! Doch ringsumher Nicht Einer hat ein Arg daran. Gern fingen sie zu tanzen an, Wenn's in der Kirche Sitte wär'. Des dumpfen Alltags Not und Leid Umfängt sie wieder bald genug. Am Sonntag denken sie mit Fug: Wir dienen Gott in Fröhlichkeit! Jagdvergnügen Nun knallt es wieder an allen Enden In Ölbaumhalden und Rebgeländen, Den kleinen Vögeln den Tod zu bringen, Die kaum erst schüchtern ihr Liedchen singen. Denn mit dem Frühling an dieser Küste Erwacht den Menschen das Mordgelüste. Mit Schießgewehren von allen Arten Schleichen sie durch den Gottesgarten, Zumal den Sonn- und Feiertag Man so am liebsten »heiligen« mag, Und wo sie erspähn ein klein Gefieder – Piff paff! – da taumelt's zerfledert nieder. Den armen Braten, der in zwei Bissen Verschluckt ist, könnten sie leichtlich missen, Und mit dem sprühenden Vogeldunst Zu treffen, ist auch keine sondre Kunst. Es ist nur eben ihr liebster Sport, Stets zu betreiben den Vögelmord, Und da »bekanntlich!« nicht wie wir Den Schmerz der Wunde spürt ein Tier, Auch Tiere keine Seele haben, Können getrost die bösen Knaben Singvögel in enge Käfige setzen Und mit Leimruten, Dohnen und Netzen Und Pulver und Blei nach ihnen zielen. – Dürft' ich nur einmal Gottvater spielen, Nur auf ein Stündlein, – ich führe dazwischen, Und wo ich irgend tät' erwischen In flagranti solch einen groben Bengel, Ich ließ' im von einem handfesten Engel Fünfzig mit feuriger Rute geben – Die Jagdlust verging' ihm fürs ganze Leben! Die Fliege Dem Menschen lebt, dünk' er sich edel auch Und gut, im Busen ein Vernichtungstrieb, Wie ja der Schöpfer, dessen Ebenbild Er sich berühmt, was er erschaffen, auch Dem Tode weiht. Am Fenster stand ich heut Und blickte müßig auf den See hinaus, Der aufgestürmt, mit weißen Kämmen wild Die Flut ans Ufer trieb. Im Zimmer doch War's heimlich, denn im Ofen knisternd sang Des Ölbaums grünes Holz. Und wie ich stand, Nichts denkend, sah ich eine Fliege, kaum Erwacht zum Leben, die am Fensterglas Behaglich sacht hinaufkroch, wohl gleich mir Der Wärme froh. Und wie zur Sommerszeit, Wo nur zu sehr der kleinen Näscher Schwarm Uns lästig wird, auch jetzt zerdrückt' ich sie Mit plumpem Finger. Doch sogleich in mir Sprach eine Stimme: O du Grausamer! Konntst du das kurze bischen Leben ihr Nicht gönnen? War die Welt nicht weit genug Für dich und sie, und hätt' ihr Summen dir Den Schlaf gestört? So sprach mein bessres Ich. Und von dem Ort der Untat, wo, gestreckt Die zarten Füßchen, an der Scheibe hing Die kleine Tote, trat ich rasch zurück, Sehr unzufrieden mit mir selbst. Ach wohl! Gedankenlose Mordlust lebt in uns, Und schämen sollte sich der Mensch vorm Tier, Das nur aus Notwehr tötet, oder weil's Der wilde Hunger zwingt. – – – Rückblick Wenn es wahr ist, jung schon müsse sterben, Wen die Götter lieben, bin ich dankbar, Daß sie nicht zum Liebling mich erkoren. Zwar, schon nach des Schauspiels erstem Aufzug Heimzugehn, empfiehlt sich, wenn ein Rührstück Oder Alltagspuppenspiel tragiert wird. Doch, ob meistens auch des Stückes Fabel Schal und dürftig, ist's doch unterhaltsam, Zuzuschau'n dem bunten Szenenwechsel Dieser Posse, die wir Leben nennen, Bis der Vorhang fällt, und dann mit Gähnen, Unerbaut zwar, doch an Wahrheit reicher Uns zu Bett zu legen. Manchmal freilich Geht ein mächtig Trauerspiel in Szene. Dann fürwahr verlohnt sich's, auszuharren Bis zum Abschluß und von Furcht und Mitleid Tiefbewegt im Innern zu erschaudern. Gleichermaßen, wessen Erdendasein Tätig wirksam wie ein Strom verflossen, Der befruchtet rings das Land und stolze Schiffe trug, dem ziemt es kaum zu klagen, Nicht die Lampen wert sei die Komödie. Und nun vollends, wem das Glück vergönnt ward, Im Parterre zu sitzen, während droben Aufgeführt ward eine Welthistorie, Größer als sie je ein Dichter träumte: Ein Volks Erstehn aus überlanger Schmach zu höchster Herrschermacht und Glorie, Wer den hohen Genius, der vollbracht so Traumhaft Herrliches, mit Augen schaute, Ja die Hand ihm leibhaft drücken durfte, Der wird keinen »Götterliebling« neiden Um den frühen Heimgang, der den Anblick Solchen Wunders ihn verschlafen lassen. Nein, im Frösteln seines Greisenwinters Wird sein Herz erglühn, so oft Erinnrung Ihm den Frühhauch jener Zeit zurückbringt. Vor dem Jugendbildnis meiner Mutter O hätt' ich damals dich gesehn, Als so du in die Welt geschaut, So morgenklar, so jugendschön, Noch mit dem Leben unvertraut; Noch unterm schwarzen Haar so licht Die Mädchenstirne, weiß und glatt, So blau das Auge, das noch nicht Getrübt ein Strom von Tränen hat; Und dieses liebliche Profil, Der schalkhaft feingeschürzte Mund, Bereit zu munterm Witzesspiel Und sinn'gem Wort in ernster Stund'! Mir ist, ich seh' dich am Klavier, Wie du die alten Lieder singst Und dann im weißen Kleid, wie hier, Im Tanz die kleinen Füße schwingst. Und wieder, wie du ernst bemüht Am Schreibtisch sitzest stundenlang, Von Robert Burns ein kleines Lied Nachdichtend, froh, wenn dir's gelang. Und alles, was dich rings umgibt, Hast du mit Anmut angestrahlt. Gewiß war auch in dich verliebt Der Maler, der dies Bild gemalt. O hätt' ich jemals dich gesehn Leibhaftig so, du lieb Gesicht! Doch nein! wär' mir so wohl geschehn, Wärst du meine Mutter nicht. Nun kannt' ich deine Züge nur Nicht morgenklar und jugendfroh, Gefurcht von mancher Leidensspur, Doch schön erschienst du mir auch so. Vorüber zog die Jugendzeit Lang eh' dein Herzensglück du fandst, Hast, eh' mein Vater dich gefreit, Längst nicht gespielt mehr und getanzt. Doch dir im Herzen sang und klang Noch stets das Lied der Jugend hell, Und sprudelnd dir vom Munde sprang Des Witzes und des Frohsinns Quell. Und zärtlich in des Sohnes Ohr Hast Liebesworte du gehaucht, Die hör' ich wieder, wenn empor Dein Bild vor meiner Seele taucht. Ich höre, wie du gute Nacht Mir sagtest, wenn aus fernem Land Heimkehrend ich so wohlgemacht Mein Bett im Mutterhause fand, Und seh' dein Auge übergehn, Wenn meine Kinder du geküßt. Da schienst du mir so hold und schön, Wie jung du nie gewesen bist. Nun ward ich selber alt wie du; Nur noch ein Weilchen athm' ich hier, Doch bis ich geh' zur letzten Ruh', Was an mir jung bleibt, dank' ich dir. Friedrich Rückert 1. Als ich zur Winterflucht mein Bündel schnürte, Steckt' ich, die schwerlich man im Süden fände, Auch meines teuren Rückert Liederbände Mit ein, dem dieser Vorzug wohl gebührte. Wie bin ich froh, daß ich ihn mit mir führte! Denn nie lies't diesen Reichen man zu Ende, Dem gütig so Natur gefeit die Hände, Daß Poesie ward, was er je berührte. Nun liegt vor unserm Blick auf tausend Seiten Sein Leben, sein Gemüt, sein tiefstes Denken, All seine Freuden, Schmerzen, Traulichkeiten. Wohl frommt's, in solchen Schatz sich zu versenken Und nach der trüben Flut der jüngsten Zeiten Aus diesem reinen Quell sein Herz zu tränken! 2. Gleich einem Schiffer, der zurückgekehrt Von mancher Fahrt, in seiner engen Hütte Treu aufbewahrt nach guter Schiffersitte, Was ihm die Fremde Köstliches beschert, So hielt auch er des Aufbewahrens wert, Was auf des Flügelpferds weltweitem Ritte In Welschlands und des Morgenlandes Mitte Vielsprachig ihn der Muse Gunst gelehrt. Doch wie nachdichtend alles er umfaßte, Sein Herz gehörte dem nur, was entsprungen Dem tiefen Grund der heimatlichen Scholle. Da lud er seine Freunde gern zu Gaste Und fragte liebevoll auch mich, den Jungen, Ob ich an seine Tür nicht klopfen wolle. 3. Daß ich's versäumte, weckt mir ew'ge Reue. Nie sollt' ich in sein leuchtend Auge blicken, Niemals versuchen, stammelnd auszudrücken, Wie innig seines Sangs ich mich erfreue. Nun häng' ich um so mehr mit später Treue An seinem Bilde, dem so kalt den Rücken Die Mode kehrt, die immer mit Entzücken Preis't das Vergängliche, das gleißend Neue. Mir aber ist, blättr' ich in seinen Liedern, Als hört' ich eines Freundes Stimme tönen Und müßte jetzt noch seinen Gruß erwidern, Mit Lorbeer seine Dichterstirne krönen Und sein Gemüt, verwundet durch den niedern Undank der nachgebornen Welt, versöhnen. Horaz Hier am Ufer des Sees, der mir von Süden her Unterm Hauche des Föhn hoch an die Brüstung spritzt, Wandl' ich lesend und sinnend, Meinen alten Horaz zur Hand; Noch das nämliche Buch, draus in der Prima schon Lang versunkener Welt Zauber mich angerührt; Denn es kehrt zu der ersten Lieb' uns immer das Herz zurück. Und ich denke, wie früh ernst ich beflissen war, Dem Venusischen Schwan zagenden Flügelschlags Mich auf rhythmischen Flügen Nachzuschwingen begeistrungsvoll; Wie ich groß mich gedünkt, wenn im alkäischen Oder sapphischen Maß eine der Oden mir Nachzustammeln geglückt war In pedantischem Schülerdeutsch. Damals zog ich zumeist jene Gedichte vor, Drin ein zärtlicher Hauch wittert der Leidenschaft Und des Leides, mit dem die Falschheit immer der Treue lohnt. Pyrrha glaubt' ich zu sehn, von dem begünstigten Neuen Liebsten umarmt unter der schattigen Rosenlaube, dieweil sich Stolz der Dichter zurückezog; Und in eigener Brust fühlt' ich der Eifersucht Brand, wenn Lydia frech rühmte des Telephus Ros'gen Nacken, die schönen Arme, weiß wie aus Wachs geformt. Gute Jugend! Es liest jeder ein andres sich Aus den Versen heraus eines Poeten, dem Als dem Liebling der Götter Wenig Menschliches ferne blieb. Jetzt, da längst ich wie du hing an der Tempelwand Auf mein triefendes Kleid, als ein Votivgeschenk Jenem Gott, der im Hafen Wohlbehalten mich landen ließ, Lausch' ich, alter Horaz, lieber verständnisvoll Deinem klugen Gespräch, wenn du vom Weltenlauf Mit gelassner Entsagung Sprichst und rühmst die Genügsamkeit. Dein Kollege Katull drüben auf Sirmio, Ruhlos bis an den Tod brannte das Herz in ihm. Du taugst besser zum weisen Hausfreund einem Gealterten. Lied Ach, wie kann's zur Freude taugen, Einsam seines Wegs zu gehn! Unter zärtlichen vier Augen Ist die Welt noch eins so schön. Kann ein Herz doch nicht erwarmen Einzig an der Sonne Glut. Unter zärtlichen vier Armen Lodert wonnevoll das Blut. Und die Brandung an den Klippen Dieses Lebens hörst du nicht, Wenn mit zärtlichen vier Lippen Seele stumm zu Seele spricht. Im Februar Leise knospt es in den Gärten, Zarte Sonne blitzt im Hain. Meine Freunde, die Lazerten, Äugeln vor aus dem Gestein; Wittern mit den feinen Näschen, Ob es nun schon wirklich lenzt, Daß sie zwischen jungen Gräschen Tanzen könnten leichtgeschwänzt. Ach, ihr unbedachten Kinder, Schlüpft zurück nur ungesäumt In die Ritzen, wo in blinder Frostnacht ihr die Zeit verträumt. Schlaft nur weiter noch ein Weilchen, Bis der Frühling naht mit Macht. Seht, es sind ja auch die Veilchen Noch am Bach nicht aufgewacht, Und ihr müßtet Hungers sterben, Nirgends bietet sich ein Schmaus, Denn in dieser Luft, der herben, Wagt kein Mückchen sich hinaus. Flock Täglich steig' ich in stiller Mittagssonne Nach Gardone di sopra und Morgnaga Oder höher hinauf den weitgeschwungnen Bergpfad über die Schluchten bis Fasano. Mir zur Seite, doch öfter weit voraus mir, Trabt mein Wandergenoß, mein kleines Hündchen Flock, ein munterer Spitz. Zwar reiner Rasse Kann er nicht sich berühmen, doch so manchem Preishund läuft er den Rang wohl ab an Schönheit Und an Temperament. Wenn er so hinspringt, Hoch das Näschen, den Schweif wie eine Fahne Aufrecht tragend, gespitzt die braunen Öhrchen, Grüßen ihn die Gardoner Gassenkinder Schon von weitem, und Flocki! Flocki! rufend, Suchen schmeichelnd sie ihn heranzulocken. Doch er windet sich ungerührt und vornehm An der jungen Verehrerbrut vorüber, Läßt zuweilen zu kleiner Köter Spielen Sich leutselig herab und rauft mit großen, Die ihm neidisch am Hals das rote Schleifchen Bös zerzausen, worauf aus ehrenvollen Wunden blutend er heiter mir zurückkehrt, Ein geschlagener Held, doch ein Charakter. Manchmal, wenn ich im duft'gen Lorbeerschatten Müd vom Klettern auf einem Bänklein raste – Schön ist's droben; die sanften Lüfte fächeln Rings das silberne Laub der Ölbaumhalden, Und mit purpurnem Blau durch ihr Gezweige Schimmert drunten der See – mein Flock ist freilich, Wie die Hunde gewöhnlich, kein Naturfreund. Ruhig liegt er im Gras an meiner Seite, Manchmal schnappend nach einer kleinen Fliege, Manchmal still mich betrachtend, gleich als fragt' er: Woran denkst du nur jetzt? 's ist unbegreiflich, Daß die Menschen beständig denken müssen. Wir sind klüger. Schon Lessing sagt: wer möchte Denken, wenn er genießt! Und ich genieße Meine Ruhe, die wohlverdient, nachdem ich Heut Lazerten gejagt und ganze sieben Tot zur Strecke gebracht. (Denn dies ist leider Eine noble Passion, von der bisher ihn Zu entwöhnen mir nicht gelang. Es fröhnen Hohe Herren ja auch des edlen Mordwerks, Nicht zur Ehre der Menschheit.) Und zur Antwort Auf die schweigende Frage sag' ich: Flöckchen, Was ich eben gedacht, hat einem andern Deiner Brüder gegolten – Schnautz geheißen, Schnäutzlein nannten wir ihn – der auch vor Zeiten Mich getreu zu begleiten pflag auf manchem Bergweg, bis er zuletzt so fett geworden, Daß nur keuchend er aufwärts kroch. Ich mußt' ihm, Da ihm irdische Freuden nicht mehr blühten, Selbst verkürzen die Qual. Doch wie er dalag, Um das struppige Haut – er war vom Stamm der Rattenfänger – ein dickes Tuch, getränkt mit Chloroform: an des Herzens Schlägen sah ich, Daß schon nahe das Ende. Da auf einmal Aus dem feuchten Verband hervor sich windend, Hob der Sterbende auf zu mir sein treues, Still anklagendes Aug', als wollt' er sagen: Bessres hofft' ich um dich verdient zu haben, Als so kläglichen Tod von deinen Händen! – Ach, er wußte ja nicht: zu seinem Besten Ihm durchschnitt ich den morschen Lebensfaden, Der nur quälend die zott'ge Brust umschnürte. Doch mir folgte noch lang in meine Träume Dieser scheidende Blick. Nicht wünsch' ich, Flöckchen, Je dein Auge mit ähnlich stummem Vorwurf Auf mir ruhen zu sehn. Du bist der Jüngre, Sollst noch lange, wenn ich dahingeschieden, Deines Lebens dich freu'n, Lazerten jagend Und darüber des guten Herrn vergessend, Rascher, als er dich selbst vergessen würde, Wenn ihn später als dich Freund Hein besuchte Beata solitudo In diesen linden Lüften Wie ruht es sich so gut, Umhaucht von leisen Düften Der jungen Veilchenbrut! Kein Laut der Tiefe dringet Hier störend zu mir hin, Und tröstlich immer klinget Der Spruch mir durch den Sinn: Beata solitudo, Sola beatitudo! Ein Schifflein kommt gegangen Tief unten auf der Flut. Die Segel niederhangen, Da jeder Fahrwind ruht. So spielt mit meinem Herzen Ein windstill süßer Traum; Der tausend alten Schmerzen Und Freuden denk' ich kaum. Beata solitudo, Sola beatitudo! Ich habe lang mein Leben Geschäftig durchgestürmt, Gar oft in Furcht und Beben, Wenn Wolken sich getürmt. Nun, da ich hier geschieden Vom Weltgetümmel bin, Sing' ich in sel'gem Frieden Mein Sprüchlein vor mich hin: Beata solitudo, Sola beatitudo! Sonntagsruhe Im April Die Sonne ging so goldenrot Auf über San Vigilio's Cap. Mit blauem Segel schwimmt ein Boot Langsam den weiten See hinab. Wo lärmend sonst die Möwen schrie'n, Sich zankend überm flachen Strand, Seh' ich den braunen Falken ziehn, Weit seine Schwingen ausgespannt. Von tausend Rosen weht der Duft, Wohin ich wandeln mag, mir zu. Kein Laut in klarer Morgenluft Stört die geweihte Sonntagsruh. Nur unten, wo das Flutgeroll Sich rastlos an das Ufer schwingt Ertönt das Lied geheimnisvoll, Das nie der See zu Ende singt. Nachtgesicht 11. Mai Schwül war gestern die Nacht. Herauf vom Süden Wetterleuchtet' es stark, und wie der Atem Eines Stöhnenden fuhr in schweren Stößen Durch den Garten der Föhn. Aus kurzem Schlummer Schreckt' ich auf, und ein Weilchen lag und sann ich, Dann vom Bett mich erhebend und notdürftig Mich bekleidend, hinaus zur Türe trat ich Meines hohen Balkons. Da strömt' entgegen Mir die Feuchte der Nacht und vom Spaliere Süßes Rosengedüft, indessen drüben In der Ferne die lange Garda-Insel Jetzt aufleuchtet, ein weiß Gespenst, im Zucken Grell elektrischen Scheins und jetzt in Nacht sinkt. Drunten wogte die Seeflut, hochaufspritzend Weit herein in den Garten, daß die Palmen Zitternd standen, besprüht vom Schaum der Wellen. Und mich lüstet' es auch nach solchem Staubbad; Nur die Schläfer im Haus zu wecken bangt' ich, Noch so leise die Trepp' hinunterschleichend. Doch da lehnt ja an des Balkones Brustwehr, Die der Gärtner vergaß, die Sprossenstange, Die zur Leiter ihm dient, aus höchstem Wipfel Die Oliven zu pflücken. Flugs hinunter Klettr' ich Sprosse für Sprosse, bis eratmend Ich den Boden erreicht. Im Stillen freilich War's nicht ganz mir geheuer. Denn wohl würde Meine Liebste mich schelten, säh' sie hier mich Leichtbekleidet bei Nacht herumspazieren. Doch nun ist es geschehn, und fröhlich wandl' ich An der Brüstung dahin, gekühlt vom feinen Hauch der brandenden Flut. O weiche Feuchte! Zauber südlicher Nacht! Und weit mich beugend Übers Mäuerchen, blick' ich in die Tiefe, Wo es brauset und rauscht. Da lenkt auf einmal Mir zur Rechten den Blick ein heller Lichtschein, Nichts Elektrisches. Ruhig kommt's geschwommen Von Gardone daher, und jetzt erkenn' ich – Corpo della Madonna! – eine blanke, Schlanke Weibergestalt! – vielleicht die schöne Russin aus dem Hotel, die Lust verspürte, Grad um Mitternacht noch ein Bad zu nehmen? Solchem emanzipierten Überweibe Säh's wohl ähnlich. Und jetzt – es gleitet näher, Hoch das Haupt aus der Flut gereckt, die Fülle Schwarzer Haare – doch nein, sie schimmern grünlich, Und am Rücken, behaglich hingebettet – Ist's denn möglich? ein Kind! ein nacktes Bübchen, Das so sicher hier ruht wie in der Wiege, Leicht ein Ärmchen geschlungen um den weißen Hals der Mutter! Im ersten Schreck entfährt ein Ruf mir. Aber die Schwimmerin, im mindsten Nicht verlegen ob ihres mangelhaften Badeanzugs, hinauf zu mir mit Grinsen Fletscht sie lachend die spitzen weißen Zähne, Und nun seh' ich es deutlich: statt der Füße Regt sie rosige Flossen, auch das Knäbchen Ist kein richtiges Menschenkind – die Beiden, Die mir drunten genaht, sind Seegeschöpfe, Doch leibhaftige, da für Fabelwesen Sie mir immer gegolten! Sacht indessen Rudert weiter das Weib, am Wassertreppchen Taucht sie auf, und den Kleinen niedersetzend Auf die unterste Stufe, schießt alsbald sie In die Tiefe zurück und gleich nach oben Kehrt sie wieder, in der erhobnen Rechten Einen zappelnden Fisch. Den auseinander Bricht sie, ihrem begier'gen Kind die Hälfte Reichend, das mit den Zähnchen frisch hineinbeißt, Und so halten mit lautem Schmatzen Beide Ihren nächtlichen Schmaus. Da horch! Zur Linken Rauscht's heran, noch im Wellenschaum verborgen. Plötzlich fährt aus dem Gischt empor ein strupp'ges Männerhaupt, und mit wildem Lachen reckt es Zwischen Mutter und Kind sich in die Höhe, Patscht mit schuppiger Hand des Knäbchens Rücken Und entreißt ihm den Fisch. Doch grimmig fauchend Zieht die Mutter es an sich, stirnrunzelnd, Und will flüchten mit ihm. Es scheint, sie hat wohl Grund dem Gatten zu grollen, der vielleicht sich Einer sträflichen Liebschaft schuldig machte Mit der Nixe von San Vigilio oder Von Malcesine, und sie sagt' entrüstet Von dem Falschen sich los, der nun des Knaben Sich bemächtigen will. (Das Seegesindel Ist natürlich durchaus nicht tugendhafter, Als das Menschengeschlecht.) Ein Weilchen zerren Mann und Weib an dem Bübchen, das sich kläglich Winselnd sträubt. Doch auf einmal wird der Vater Meister über das Kind, und durch die Wellen Trägt er's rauschend davon, im nach mit rauhem Möwenkreischen das Weib und jäh entschwindet Meinem Blick der Roman der Seefamilie. Kühler wehte der Wind. Ein leiser Schauer Lief mir über den Leib, und nach dem Hause Strebt' ich eilig zurück, erklomm die Leiter (Wie mir's glückte, mir selber schien's ein Wunder) Und rasch wieder ins Bett. Am andern Morgen, Als beim Frühstück ich beichtete meiner lieben Frau, was gestern im Garten leichtbekleidet Ich erlebt, und der wohlverdienten Schelte Harrte, sah sie mich lächelnd an: Da hat dir Wundersames geträumt. – Geräumt? O bitte! Mit leibhaftigen wachen Augen sah ich All die Wassergeschöpfe, wie auch Böcklin Sie gesehn und gemalt. – Nun ja, genau wie Gestern Abend in unsrer Böcklin-Mappe Du sie sahest noch kurz vor Schlafengehen. Oder denkst du, ich soll dir glauben, du mit Deinen hundertundachtzig Pfund vermöchtest Auf der schwankenden Leiter wie ein Eichhorn Auf und nieder zu klettern? Überdies hat Sie der Gärtner am Abend weggetragen, Daß nicht Diebe bei Nacht ins Haus uns steigen. Sieh nur nach, ob sie heut noch am Balkon lehnt. Nun per Bacco! und wär' dies alles richtig: Was ich sah, ob im Wachen oder Träumen, Streitet Keiner mir ab, und so behaupt' ich, Daß ich jetzt um die Nixenschaft im Garda- See so ziemlich Bescheid weiß, da ich schaute, Was kein Fischer Gardone's noch ein Kurgast Je gesehn, den zu baden Nachts gelüstet. Abschied 20. Mai Hab' ich ihn nun ausgeträumt, Meinen Wintertraum im Süden, Wo die Flut am Strand verschäumt, Als ein Schlummerlied dem Müden? Nordwärts zieht das rasche Schiff An der schönen Bucht vorüber; Einen Abschiedsgruß hinüber Schickt des Dampfers hoher Pfiff. Lange noch zurück vom Bord Wandern Augen und Gedanken Zu dem hellen Häuschen dort, Das die Rosen hoch umranken, Wo im linden Sonnenschein Unter Palmen und Zypressen Holdbetrogen ich vergessen, Daß es Winter sollte sein. Doch getrost! Nun wirst du bald Holden Heimatklängen lauschen. Wieder wird der deutsche Wald Kühl die Stirne dir umrauschen, Wenn an des Benacus Strand Alle Kreatur verschmachtet Und die Luft, auch wenn es nachtet, Nie sich kühlt vom Tagesbrand. Danke, daß erreicht du hast, Was dem Menschen blüht so selten, Daß er als vertrauter Gast Bürger sei in zweien Welten Und zu träumen sich erkühnt, Trotz des Alters frost'gem Schauer, Daß in märchenhafter Dauer Ew'ger Frühling ihn umgrünt. Heimkehr Das ist die Heimat wieder, Durch hohe Gartenwipfel Winkt mir Willkommen das alte Haus. Wie schüchtern erst Ist aufgesprossen an allen Zweigen Maigrünes Laub im herben Hauch Des deutschen Lenzmonds! Nirgends glüht mir entgegen, Wie dort zu tausenden, Nur Eine Rose, Maasliebchen allein im Wiesengrund Und zart entfaltet am Strauch Der Päonie Knospen. Doch trauen sie nicht der trüglichen Sonne, Die lockend niederäugelt, Denn gestern erst, so hört' ich, Hat's wieder einmal Geschneit in den Münchner Frühling. Beklommnen Herzens Überschreit' ich die Schwelle. Werd' ich, verwöhnt Durch südliche Sonnenglut, An dieser kühlen Heimat Blasses Licht mich zurückgewöhnen? Doch da breitet am Fuß der Treppe Der Adorante die schlanken Arme Aus, wie betend zur Gottheit, Daß mein Eintritt gesegnet sei, Und wie empor ich steige, Begrüßt mich eine vertraute Schaar, Die meiner geharrt im langen Winter: Erinnerungen, trüb' und frohe, Hier angesiedelt in jedem Raum, Wo ich gelebt, geliebt, gelitten, Jung gewesen und alt geworden Und mein redlich Herz In festen Händen gehalten. Und in mir ruft's: Sei froh der Heimkehr! Hier bist du zu Haus und drunten An deinem See nur zu Gast. Denn deines Wesens tiefste Wurzeln Sind zäh gesenkt in die deutsche Erde, Wenn auch der Wipfel sich gern In italischen Lüften wiegt. Morgen aber, Wenn du im alten Bett zu Nacht Geruht und Amselgesang Früh dich lieblich ermuntert, Gehst du durch wohlbekannte Gassen und Plätze, Nicht wie da unten freilich Von Lorbeerhecken durchduftet, Doch zum Ersatz dafür Begegnet dir hin und wieder Ein freundlich grüßend Gesicht, Und Mancher stellt dich und drückt dir die Hand: Grüß Gott! Bist glücklich zurückgekehrt? Wir haben dich so lange vermißt. Nun, hoff' ich, bleibst du ein Weilchen hier! Ja, alte Freunde! Wenn die uns fehlen, fehlt uns das Beste doch Im Land auch, wo die Zitronen blühn. 25. Mai 1902 Ghaselen Prolog Warum willst du mit Ghaselen Die geduld'ge Muse quälen? Lieder dichte, drin sich zwanglos Sinn und Reim von selbst vermählen, Wie sie hold von Mädchenlippen Tönen und aus Vogelkehlen! – Also werden meine Feinde, Werden meine Freunde schmählen. Doch bedeckt: nicht steht's dem Dichter Frei, sich seine Form zu wählen; Er gehorcht geheimnisvollen Seines Genius Befehlen. Platen wagte, Schiras' Gärten Sehr ausgiebig zu bestehlen, (Ganze hundertsechsundfünzig Hafislieder konnt' ich zählen!) Und er wußte viel vom Schenken Und vom Liebchen zu erzählen, Im Gedicht; denn ach, im Leben Sollt's ihm oft an beiden fehlen. Mich, den weltentrückten Alten, Kann allein der Wunsch beseelen, Auf den Vollklang dieser Reime Lauschend, mein Gemüt zu stählen Und aus mancher bittren Schale Mir den Kern herauszuschälen. 1. Tief in unsres Herzens Grunde ruht ein Schutt- und Trümmerhauf. Aufgewühlt in dunkler Stunde drängt er ungestüm herauf. Frühzerstörte Illusionen, Unbill, die das Blut empört, Hohn auf all das ungesunde Gaukelspiel im Weltenlauf. Darum, wenn sein Herz der Dichter lüften will im Selbstgespräch, Tönen aus dem Liedermunde Klagen oft zum Licht hinauf. Ach, sein Rügelied – nur selten, da die Welt gedankenlos, Weckt es in der weiten Runde ein verstehend Echo auf. Selbst dem eignen Ohre tönt es oft zu herb und ungerecht, Doch es kühlt den Brand der Wunde, und so nimmt er's mit in Kauf. 2. Die Tage schleichen trüb dahin, und auf die Sonne hoffst du noch? Daß Goldgespinst die Parze spinn' am dunklen Rocken, hoffst du noch? Du weißt, das ist des Alters Los: es wiederholt sich Schlimmes nur; Was lieblich war zu Anbeginn, daß sich's erneure, hoffst du noch? Das Größte, was das Leben beut: Kunst, Liebe, Frieden gab es dir, Und einen neuen Vollgewinn aus seinem Füllhorn hoffst du noch? Ist's nicht genug, daß Schlummer dir die letzte ew'ge Nacht verheißt, Und einen bunten Traum darin, du Anspruchsvoller, hoffst du noch? 3. Also, daß der Mensch vom Affen abstammt, dünkt dir zweifelhaft, Leugnest mit den strengen Pfaffen Darwin's tiefe Wissenschaft? Problematisch bleibt's; indessen, klar ist der Familienzug. Sieh nur, wie statt blanker Waffen auch der Mensch vom Boden rafft, Was ihm kommt an faulen Äpfeln, eklem Unrat in die Hand, Nur um Hilfe sich zu schaffen gegen überlegne Kraft. Eilen nicht, wenn ein erhabnes Vorbild ragt vor ihrem Blick, Nachzustümpern eitle Laffen seine Werke tölpelhaft? Und die edlen Menschenkinder, die sich dünken göttergleich, Wie sie achselzuckend gaffen, wenn des Helden Mut erschlafft, Gassenbubenhaft frohlocken, wenn er endlich niedersinkt, Weil ihm tiefe Wunden klaffen, draus entströmt der Lebenssaft? Auf die Bäume nur zu klettern hütet sich ein Weibessohn, Denn sein Fuß ist so beschaffen, daß die Erd' ihn hält in Haft. Doch ihr schadenfröhlich Grinsen, wagt er's doch und fällt herab, Schwerbemüht, sich aufzuraffen – ist's nicht völlig affenhaft? 4. Daß Jedermann an sich nur denkt, find' ich nicht eben wunderbar, Auch daß man gern den Nächsten kränkt, find' ich nicht eben wunderbar. Das Ich regiert so Groß wie Klein, und daß, wer einen Bach entdeckt, In flugs nach seiner Mühle lenkt, find' ich nicht eben wunderbar. Nackt sind die Menschen selten schön. Daß Jeder drum ein Mäntelchen Um seine schnöde Blöße hängt, find' ich nicht eben wunderbar. Gern nimmt man mit sich selbst vorlieb, und daß nicht jeder Schelm und Schuft Selbst an den nächsten Baum sich henkt, find' ich nicht eben wunderbar. Doch daß die Luft hier unterm Mond, so voll von eklem Mißgedüft, Nicht mehr den Atem mir beengt, das freilich find' ich wunderbar, Und vollends, daß zuweilen noch mir, der ich längst gewitzigt ward, Das Herz sich auf die Lippen drängt, fürwahr, das find' ich wunderbar! 5. Wohl, ich weiß, ihr hohen Alten, was ich früh schon euch verdankt, Da ich, rein mich zu entfalten, mich an euch emporgerankt. Denn ihr lehrtet schon den Knaben, der Natur getreu zu sein Und den sittlichen Gewalten, deren Urbild nie geschwankt, Schütztet den Herangereiften vor des Fiebers gift'gem Hauch, So des hitz'gen wie des kalten, dran die Kunst der Zeit gekrankt. Doch der Lehre dann entwachsen, ließ ich meines Genius Stimme nur im Busen walten, deren Treue nie gewankt, Wandert' einsam meines Weges, wenn die Menge zügellos, Nie beflissen, Maß zu halten, andres Werk von mir verlangt. Und so tröst' ich mich, ihr werdet überdauern diese Zeit, Meiner Bildkraft Traumgestalten, die ihr nicht der Zeit entsprangt. 6. Willst du noch ein Liebeslied singen, meine Seele, Ob auch längst die Jugend schied, müd' und rauh die Kehle? Süßer wohl und heller klang's in den Rosentagen, Als noch rings im Lenzgebiet mitsang Philomele, Als des Baches Murmeln nur und des Waldes Rauschen Mich geheimnisvoll beriet, wie das Wort ich wähle. Jetzt im Lebenswinter ach, muß ich wohl erkennen, Wenn es zum Gesang mich zieht, daß das Beste fehle. Statt, was mir im Herzen lebt, mühlos auszuströmen, Wie die Thrän' entquillt dem Lid, reim' ich jetzt Ghasele. Doch den Eisesblumen gleich, die vom warmen Hauche Man erblühn am Fenster sieht, zierlich sonder Fehle, Ist auch dieser Winterflor warmer Brust entsprossen – Singe nur dein Liebeslied, sing es, meine Seele! 7. Und so wanderten wir Beide weite Strecken Hand in Hand, Hielten treu in Lust und Leide Schritt mitsammen Hand in Hand, Hatten, wie es glückverwöhnten Sterblichen von je geschehn, Auch ein Lied vom Götterneide oft zu singen Hand in Hand. Doch ich tat es sonder Klagen, da, so hart die Prüfung war, Meine Aug- und Seelenweide, du mir nah bliebst Hand in Hand. Eins nur fleh' ich vom Geschicke: wenn die strenge Parze naht, Die den Faden uns zerschneide, daß wir scheiden Hand in Hand. Denn wie sollt' ich einsam wandeln auf der Erde Dornenpfad, Oder du im Witwenkleide, ach, und nicht mehr Hand in Hand? 8. Ich habe versucht so manchesmal mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen, Zum Trost im irdischen Jammertal mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen. Wie oft verwünscht' ich mein schweres Blut, dem Salomo's Weisheit nicht zu eigen, Der riet, weil alles eitel zumal, mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen. Und doch, wem Mutter Natur versagt ein sorglos unbedenklich Gewissen, Der muß verzichten zu seiner Qual, mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen. Den Dichtern freilich erlaubt die Welt, sich über manches hinwegzusetzen, Was andern verpönt, und nennt's genial, mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen. Doch mir, dem sein Gewissen sogar macht in der fröhlichen Kunst zu schaffen, Bleibt nicht am Scheidewege die Wahl mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen. Ein hinkendes Bild stiehlt mir den Schlaf, ein schleppender Vers. Wie sollt' ich es lernen, Ein Schnippchen schlagend der hohen Moral, mit Lieb' und Leben es leicht zu nehmen? 9. Ich hab' in strengem Musendienst mich redlich müd' und heiß gelebt Und andachtsvoll mein Leben lang in hoher Meister Kreis gelebt. Dem Wettlauf, dem banausischen, nach Gold und Ehren blieb ich fern Und hab' im Stillen, lauschend auf des Genius Geheiß, gelebt. Der Schöpfung tausendstimm'gen Chor, in meiner Klause hört' ich ihn Und glaubte, wenn ich niederschrieb, was in mir klang, so sei's gelebt, Doch jetzt, am Ziel der langen Bahn, beschleicht mich Sorge: nicht genug Hätt' ich in freier Gotteswelt, zu viel nur schwarz auf weiß gelebt. 10. Schwinge dich auf und singe, mein Herz! Dunst und Nebel durchdringe, mein Herz! Diesem lähmenden Unmutsqualm Stark und frei dich entringe, mein Herz! Was die Toren mit Ehrfurcht füllt, Acht' es alles geringe, mein Herz! Sieh, es ist nur ein nicht'ger Traum Dieser Wechsel der Dinge, mein Herz! Hüte dich, daß ihr gleißender Schein Nicht dich lockend bezwinge, mein Herz! Stellt dir Fallen die Eigensucht, Zieh dich rasch aus der Schlinge, mein Herz! Gib an hohe Gedanken dich hin, Daß dir Hohes gelinge, mein Herz! Und aus Sümpfen zum Ätherglanz Fleuch mit Adlerschwinge, mein Herz! 11. Hast du nicht so viel genossen, altes Herz, was willst du mehr? Siebzig Jahr sind dir verflossen trüb und hell, – was willst du mehr? Hast du doch geliebt, gelitten, redlich deine Pflicht getan, Mit den traulichsten Genossen Hand in Hand, – was willst du mehr? Früh ward aufgetan dein Auge, daß du sahst die Niedertracht Dieser Welt und ihrer Possen lachen konntst, – was willst du mehr? Und an reichbesetzter Tafel durftst du schmausen früh und spät, Wo in Strömen dir geflossen Geisteswein, – was willst du mehr? War auch nicht im Kreis der Gäste dir der erste Platz bestimmt, Wurdest du doch unverdrossen gut bedient, – was willst du mehr? Jetzt erfährst du, daß zum Nachtisch harte Nüsse man serviert; Knacke sie nur auf entschlossen; Schicksal ist's; was willst du mehr? Ob dich's auch die letzten Zähne kosten mag und neue dir Schwerlich in der Siesta sprossen, – du bist satt; was willst du mehr? 12. Wenn feig du unters Joch dich schmiegst der Weltklugheit, was frommt es dir? Man weiß, wenn du den Rücken biegst, 's ist nicht dein Ernst. Was frommt es dir? Man fühlt' an deinem Ton und Blick und wie du auf dem Nacken trägst Den Kopf, den du so höflich wiegst, du heuchelst nur. Was frommt es dir? Nein, sage lieber frei heraus dem Schelm, dem Schächer ins Gesicht, Wie dir zu Mut. Denn wenn du schwiegst als Diplomat, was frommt es dir? So dumm ist selbst der dümmste nicht, daß er nicht merk', aus Mitleid nur Gescheh's, daß du ihn nicht bekriegst, und schonst du ihn, was frommt es dir? Dies macht verhaßt, allein was liegt am Hasse der Verächtlichen? Wenn du in ihrer Achtung stiegst um solchen Preis, was frommt' es dir? Gefürchtet sein als Störenfried, als unbequemer Narr verlacht, Ist mehr, als, wenn im Grab du liegst, ein Lobgesang; was frommt' er dir? Am besten freilich bleib für dich. Denn wenn du zehnmal Recht behältst Und allen Unverstand besiegst – ein solcher Sieg, was frommt' er dir? 13. Es sind mir die Schuppen vom Auge gefallen, was kann ich dafür? Will nun in der Welt mir so Manches mißfallen, was kann ich dafür? Ich opferte schönen und leuchtenden Göttern, und schmerzt es mich jetzt, Zu sehen, wie rasch ihre Tempel verfallen, was kann ich dafür? Es macht im Theater Gemeines und Plattes und Mystik sich breit, Und scheinen entweiht mir die heiligen Hallen, was kann ich dafür? Orchestergelärm zu rhetorischen Phrasen gilt heut für Musik. Mich lockt der bel canto der Nachtigallen; was kann ich dafür? Die Lyriker halten ihr Klimpern und Klingeln für Seelengesang, Und dünket mich kindisch ihr Stammeln und Lallen, was kann ich dafür? Die Pleinairisten und Naturalisten, wenn beide zumal Mir scheinen absurden Doktrinen verfallen, was kann ich dafür? Sie zucken die Achseln und rümpfen die Nase und nennen's senil, Im Stürmen und Drängen nicht mitzukrawallen; was kann ich dafür? Denn spräch' auch einer mit Engelszungen, es würde sein Wort Wie eines Wüstenpred'gers verhallen; was kann ich dafür? Doch schnöd' ist's freilich, nur stets zu sprechen und heimlich dabei Ohnmächtig die Faust in der Tasche zu ballen: was kann ich dafür! 14. Du mußt am Tische dieser Welt nur auch kein Kostverächter sein. Denk, wenn ein Mahl dir nicht behagt, es könnte leicht noch schlechter sein. Nimm auch mit trocknem Brot vorlieb und einem Trunk aus klarem Quell; 's ist besser, nüchtern, als ein schwer von Fuseltrank Bezechter sein. Nur hüt' dich vor gefälschter Kost, auch noch so zierlich aufgetischt; Die Kräfte, die du stärken willst, sie würden nur geschwächter sein. Erlogne Weisheit, Brüderschaft mit solchen, die verächtlich sind, Eh sie dich selbst verächtlich macht, mußt stolz du ihr Verächter sein. Doch halt auch zu Geringern dich, wenn sie nur wackre Leute sind; Je dumpfer ihr Verstand, ihr Herz wird oft nur um so echter sein. Bleib aber fern, wo man sich spreizt, wo das Gemeine vornehm tut, Und Schranzen- oder Streberpack laß stets dir zum Gelächter sein. So wirst du, wenn du schwerlich auch emporkommst und Karrière machst, Doch deines eignen Genius getreuer, frommer Wächter sein. 15. Warum wünscht ein Dilettant, daß die Kinder seiner Laune, Dran er sein diletto fand, nun die ganze Welt bestaune? Hüt' er seine Liebe doch, die ihn selig macht im Stillen, Vor gestrengem Kunstverstand oder spöttischem Geraune. Leider nicht geschaffen ist jede Muse, zu beglücken Legitim im Ehestand, so die blonde wie die braune. Fehlt der Segen der Kritik, kann man doch die Kinder lieben, Die man außer Rand und Band frisch gezeugt hat hinterm Zaune. 16. Daran merk' ich, daß lebendig mir das Herz im Busen blieb Und mein Blut noch nicht verständig-kühl sich durch die Adern trieb, Da es, wenn ich Unbill schaue, schnöde Vergewaltigung, Gleich empor mir schwillt unbändig, abzuwehren Hieb mit Hieb, Und ich weiß doch, stets auf Erden werde Macht vor Recht ergehn, Ob ein Gott auch eigenhändig strenge Strafgesetze schrieb. Immer wird die Kraft bewundert, sei sie noch so frevelhaft; Große sündigen beständig, und man hängt den kleinen Dieb. Aber ist's auch toll und töricht, gegen ein Naturgesetz Aufzubäumen, doch verständ' ich nie zu zügeln diesen Trieb. War der Ritter von la Mancha glücklicher, vom Wahn geheilt? Drum an diesen Wahn verschwend' ich, was mir noch von Jugend blieb! 17. Sei nicht zu ehrlich mit der Welt! Die Welt will ja betrogen sein. Nur wer sie dreist zum Narren hält, dem wird sie wohlgewogen sein. Der Glaub' an etwas Göttliches, würd' es in frommer Demut nur Als ein Geheimnis hingestellt, er würde bald verflogen sein. Ein Gott nur wird, des weißer Bart als eines guten Großpapa's Den großen Kindern wohlgefällt, der Gott der Theologen sein. Und sieh gewisse Dichter an! Der Schleier, drin sich rätselhaft Drapiert ihr höchst trivialer Held, soll niemals fortgezogen sein. Zufrieden ist's das Publikum und will ja im Theater selbst Mit Worten um den Sinn geprellt von schlauen Mystagogen sein. Daß hinter Sonnenklarheit just sich birgt das Unergründlichste, Wird, weil es nicht ins Auge fällt, von Wen'gen nur erwogen sein. 18. So lasset uns suchen und finden das Glück, Und fanden wir's, nimmer entschwinden das Glück. Nicht aber die Hexe, am Stirnhaar erfaßt; Bald flattert davon mit den Winden das Glück. Das echte, das rechte sitzt traulich am Herd, Da mußt du mit Rosen umwinden das Glück. Hausfräulich geschäftig, den Wirten zum Lohn, Wird ewige Glut dir entzünden das Glück. Es fragt nicht nach Schätzen, nach weltlicher Lust; Treu bleibt auch den Armen und Blinden das Glück. Denn wo eine Seele dem Edlen sich weiht, Da wohnt in den heimlichsten Gründen das Glück, Und wo sich zum Edlen das Schöne gesellt, Läßt Göttergefühl dich empfinden das Glück. Epilog Was an Weisheit ich erspart, seit ich zu Verstand gekommen, Hab' ich gern im Reim bewahrt, nur zu eignem Nutz und Frommen. Denn so manchen Biedermann wird so manches dran befremden Und wohl oft in ihren Bart murmeln »Ketzerei!« die Frommen. Doch ein kleines Kapital, das man prägt mit eignem Stempel, Nicht nur blind zusammenscharrt, ist zur Zeit der Not willkommen. Wohl nicht alles wiegt wie Gold, manches ist nur Scheidemünze, Doch kein falscher Groschen ward wissentlich drin aufgenommen. Und so reicht es immerhin, lernte man nur hauszuhalten, Auf der irdischen Wanderfahrt leidlich damit auszukommen.