Marianne (1869) 1. Wie hast du nur hinweg dich stehlen können Aus dieser Lichtwelt, ohne – böses Kind! – Mir einen Scheideliebesblick zu gönnen! Hast, da ich arglos ferne war, geschwind Dich fortgeschlichen, ohn' ade zu sagen, Und ich, in Tränen, suche nun mich blind! Sonst, wenn du frühe schon an Sommertagen Spazieren gingst und ließest dich hinab Die Treppe nur bis in den Garten tragen, Da klopftest du, bis ich dir Einlaß gab, Und botst das Mäulchen mir, bewegtest winkend Schalkhaft das kleine Händchen auf und ab. Und ich, von deinen Lippen Freude trinkend, Zog dich ans Herz und gab dich zögernd frei, Mich aller Väter glücklichsten bedünkend. Nun brachst du scheidend mir das Herz entzwei. Ich durfte nicht dir von den Lippen küssen Den letzten Seufzer, ach, den letzten Schrei. Warst du so klug, mein Liebling, um zu wissen, Daß dieser Abschied, dieser jammervolle, Mein Leben hätte mit hinweggerissen? Das Graun, daß ich dahin dich geben solle Dem Reich der Nacht, mich hätte selbst verleitet, Dir nachzuschleichen unter deine Scholle? O Kind, du hast das Schlimmre mir bereitet, Daß des versäumten Abschieds mahnend Bild Auf Schritt und Tritt gespenstisch mich begleitet; Daß mir nun ist, als könn' ich ins Gefild Des Lebens keinen festen Schritt mehr tun, Eh' ich den letzten bangen Wunsch gestillt. Und wenn ein wenig kaum die Schmerzen ruhn Und Lebenshoffnung sich hervor will wagen, Bebt plötzlich mir das Herz, als sollte nun Mein Kind erst kommen, gute Nacht! zu sagen. 2. Denkst du des Abends noch im Karneval? Die Kinder hatten auch ihr Mummenschänzchen Und drehten sich vergnügt in Flur und Saal. Und unser Nestling, noch ein zartes Pflänzchen, Doch mit der Lust den Beinchen weit voraus, Verlangte wie die andern auch sein Tänzchen. Wie sah das süße Dirnchen reizend aus Im Schwabenhäubchen, goldgesticktem Mieder, Vielfalt'gem Rock mit Bändern braun und kraus. Wie sah es sich im Spiegel immer wieder Und lachte selbst sich an, das Evaskind, Und regte nach dem Takt die kleinen Glieder. Und da ich's auf den Arm nahm und geschwind Im Kreise schwang, die kleine Tänzrin wiegend, Die Härchen flogen ihr im Wirbelwind. Sie aber saß, sich furchtlos an mich schmiegend Und sah auf das Getümmel stolz herab; Mehr! bat sie, mehr! mit Schmeicheln mich besiegend. So unermüdlich flog sie auf und ab. Die wird viel Schuhe brauchen! sagt' ich lachend, Als ich sie endlich ihrer Wärtrin gab. Und wir dann scherzten, stolze Pläne machend, Wie über sechzehn Jahr wir nächtelang Dasitzen würden, unsern Schatz bewachend; Wenn mit dem Veilchenkranz bei Geigenklang Das schlanke Kind sich wiegen würd' im Tanze In heller Jugendwonnen Überschwang, Und wie mit ihrer Augen dunklem Glanze Sie Herzen würde, jung und alt, gewinnen Und uns anlächeln unter ihrem Kranze. Und nun – nun führt' ein Tänzer sie von hinnen, Dem sie mit Sträuben folgte, dessen Reigen Das Blut ihr in den Adern ließ gerinnen. Wir hören keinen Ton von muntern Geigen, Weiß ist der Kranz, die Wangen und das Kleid, Und wir – wir hüten unser Kind in Schweigen, Denn Spiel und Tanz ist aus, lang vor der Zeit. 3. Schläfst du? Es ist schon Tag. – Ist's wirklich Tag? Mich dünkt, die Nacht ist eben angebrochen. Mein Ohr ist taub dem frühen Stundenschlag. Es lauscht, wie es getan seit so viel Wochen, Ob noch das Stimmchen uns nicht rufen will, Das Fingerchen an unsre Türe pochen. Rief es nicht da? Nein; alles totenstill, Und nur der Gram, der über Nacht geruht, Schreit plötzlich auf mit Stöhnen, bang und schrill. Ist's möglich? Nie mehr wird es uns so gut, Durch unsres Kindes Weckruf zu erwachen? O wie das wehe, wie das wehe tut! Nie mehr zu hören, wie mit leisem Lachen Im Zwielicht etwas tappt an unser Bette Bis uns gefällt, die Augen aufzumachen, Und dann, nie rastend an derselben Stätte, Sich in die Decke wickelt und versteckt, Als ob die Schnecke nun ihr Häuschen hätte; Bald neben uns sich wie zum Schlafen streckt, Und wenn es eben mäuschenstille lag, Mit neuer Schelmerei uns jauchzend neckt. Das soll nie wiederkommen, und den Tag, Den sonnenlosen, soll man überleben, Wo man erwacht ist ohne Lerchenschlag? Wohl! ins Notwend'ge gilt's sich zu ergeben; Wir werden's, du und ich. Doch keine Hand Wird je von unserm Tag den Schleier heben, Bis aus des Lebens Grund emporgesandt Ein neues Glück uns anlacht, als ein Bote Der Hoffnung, die so frühe schon entschwand, Ein kurzer Traum im Lebensmorgenrote. 4. Wie soll ich denken nun, wie soll ich dichten? Ich war verwöhnt, hinweg von meinem Blatte Oft auf ein kleines Haupt den Blick zu richten; Und wenn das Sinnen mich ermüdet hatte, An seinem Schlaf den wachen Geist zu stärken, Die Stirne küssend ihm, die lilienglatte; Auf seines Atems Ebb' und Flut zu merken, Als ob ein Hauch von unbewußtem Sein Sich mische so den wohlbedachten Werken. Und wacht' es auf, so lief's zu mir herein Und wollte mich durchaus zum Spielgesellen Und ruhte nicht, bis wir den Ball zu zwein Hin über meinen Teppich ließen schnellen, Auch wohl, wenn ich beharrlich weiter schrieb, Kramt' es die Bücher mir von den Gestellen, Holdselig lachend, der verschmitzte Dieb, Droht' ich, den Raub ihm wieder abzujagen, Bis sorglich ihn die Wärterin vertrieb: »Du störst Papa; laß zur Mama dich tragen!« Nun – bittrer Hohn! – nun stört mich niemand mehr; Das Leid darf ungestört am Herzen nagen. Nun hab' ich Ruhe, doch die Ruh' ist leer. Der Faden, den die süßen Kinderhände Mir oft zerrissen, flattert um mich her. Fortspinnen könnt' ich ihn getrost ohn' Ende, Doch läuft er grau in grau, gleich Spinneweben, Ein Tun, daran kein Mensch Gefallen fände. Versiegt ist nun der Born von jungem Leben, Drin ich die Fäden eingetaucht, der Quell Ew'ger Natur, der ihnen Halt gegeben. Kein Spiel ergötzt mich, seit mein Spielgesell Mir untreu ward, und die den Ernst mir weihte, Die Freude fehlt, dies Lachen silberhell, Das mir in der Gedanken Widerstreite Aufblitzte, wie ein Licht in Finsternissen, Das den verworrnen Geist zum Ziele leite. Wertlos ward mir das Bilden, schal das Wissen. Die Bücher stehn wie tot in ihren Reihn, Und was ich sonst bedurft, nun kann ich's missen – In all mein Leben grinst der Tod hinein. 5. Tragt mir die Schale fort mit Walderdbeeren! So schmerzlich süße Bilder wecken sie, Daß ich der Tränen kaum mich kann erwehren. Saß nicht beim Nachtisch stets auf meinem Knie Das liebe Kind, mit ungeduld'ger Bitte, Bis ich der Schmeichlerin den Teller lieh? Und dann mit spitzen Fingern aus der Mitte Die schönsten Beeren lesend, immer zwei Für sich erwählte sie, für mich die dritte. Oft zweifelt' ich bei mir, was röter sei, Die Waldfrucht oder meines Kindes Lippen; Was süßer, wußt' ich wohl. Das ist vorbei. Nie wirst du mehr aus meinem Glase nippen, Nie mehr von einem Teller mit mir naschen, Nie mehr, Bachstelzchen, auf dem Schoß mir wippen. Von meiner Zunge nicht hinwegzuwaschen Ist dieser bittre Schmack. Die Süßigkeit Der Welt wird mir im Mund zu Salz und Aschen. Denn wenn ein Mahl begann in Fröhlichkeit, Zum Nachtisch schleicht ein kleiner Gast ins Zimmer Und stellt sich leise bittend mir zur Seit', Und Nacht umdunkelt jeden Freudenschimmer. 6. Wohl fühl' ich, daß der Schmerz gelinder wird, Wenn durch den Dreiklang dieser rauhen Saiten In dumpfer Melodie mein Finger irrt. Eintönig wie das Lied der Amme gleiten Die Klänge mir ums Herz und stillen drin Die Klagestimmen, die sich schwer bestreiten. Und wenn ich so in Schlaf gesungen bin, Tritt das geliebte Bild mit hellen Zügen, Ein Traumgesicht, leibhaftig vor mich hin. Wie gern, wie dankbar laß ich mich betrügen Und schwelg' im Wahne, wieder Hand in Hand Und Mund an Mund und Herz an Herz zu schmiegen. Ich seh' mein Kind, so wie es vor mir stand, Horchend, wenn ich ein Liedchen sang und pfiff, Die großen Augen fest auf mich gewandt; Wie's mit den Händchen in den Bart mir griff Und jauchzt' im Übermut und, mich zu herzen, Mit ros'gen Fingern mir die Wange kniff. Doch mitten unter Spiel und Lust und Scherzen Zerrinnt der Traum; die Saiten gellen scharf, Und jäh erwachend leid' ich größre Schmerzen; Daß ich auf Musentrost nicht hoffen darf Und nur zu wohl verstehe, wie es kam, Daß Saul den Speer nach jenem Knaben warf, Der singend ihn betrog um seinen Gram. 7. Mit Blumen haben sie dein Grab gefüllt, Mit Kränzen, dieses Sommers Blütenspenden, Daß ganz der kleine Sarg war eingehüllt. Ich stand und sah ihm nach mit leeren Händen. Ich hatte nichts als meiner Tränen Tau Zum Totenopfer, Kind, dir nachzusenden. Die armen Blumen, zugeschüttet rauh Mit Erdgeröll, gleich dir, du ärmste Blume, Hinweggepflückt von goldner Sonnenau; Sie welken ihrem Schwesterchen zum Ruhme. Ich aber, – nicht mit flücht'ger Blumenzier, Mein Liebling, nah' ich deinem Heiligtume. Nicht Lieder streu' ich auf den Hügel dir, Die blumenhaft im Sommerwinde schwanken Und dann verwehn wie diese Tränen hier. Kein Tändeln frommt, wenn wir am Leben kranken. Zypressen will ich um die bange Gruft Dir pflanzen: hochaufstrebende Gedanken. Sie schmeicheln nicht dem Sinn durch Farb' und Duft, Sie machen heller nicht den dunklen Ort; Doch wenn die Flur erstarrt in Winterluft, Umschirmt ihr ernster Wipfel fort und fort Auch unterm Schnee den Schlummer meinem Kinde, Und wenn mein Lebenssommer mich umdorrt, Weiß ich, wo Schatten ich und Kühlung finde. 8. Mich dieser Tränen schämen? Ew'ge Mächte, Was gabt ihr Tränen uns, wenn solches Leid Ein Menschenauge nicht zum Tauen brächte! Wenn einer hingeht aus der Zeitlichkeit, Der sich am Glück gesonnt, des reifes Leben In reichen Garben prangte weit und breit, Um solchen dürft ihr Klage nicht erheben. An ihm ward milde das Gesetz vollstreckt, Dem alles Erdendasein untergeben. Und wenn ein müdes Haupt der Hügel deckt, Das keinen Lohn der Lebensmüh' gesehen Und fragte: ward ich nur zur Qual geweckt? An dessen Grabe mögt ihr klaglos stehen. Daß er gelebt, war eurer Tränen wert; Nun darf er ausruhn. Ihm ist wohl geschehen. Doch hier! – ein Kind, mit keiner Schuld beschwert, Die Blumenseele jedem Lufthauch offen, Vom Schimmer reinen Morgentaus verklärt; Sein ganzes Sein ein schönverkündet Hoffen, Ein Feiertagsgedanke der Natur, Die es gebildet aus den zartsten Stoffen, Und doch von ihr vernichtet, spielend nur, Als ob sie nur am Schaffen sich erfreute, Nicht am Erhalten ihrer Kreatur; – Und nun den süßen Leib dem Schmerz zur Beute, Die Seele sehn in Todesängsten ringen, Die einer Mücke wehzutun sich scheute, Und während blasse Ärmchen uns umschlingen, Veratmen sehn ein liebstes Lebensglück In jammervoll hilflosem Händeringen – – Wer da den Strom der Zähren hält zurück, Ward nicht gesäugt von einem Erdenweibe, Wenn nicht zuvor schon der Medusenblick Des Irrsinns ihm versteint das Herz im Leibe. 9. Fassung? – Ich bin gefaßt. – Geduld? – Ich dulde Aufbäumen wider das gewalt'ge Muß Ist eine Torheit, die ich nicht verschulde. Ich weiß, in strenger Kette, Schluß an Schluß, Reiht sich der Wandel aller ird'schen Dinge, Und unaufhaltsam rinnt des Werdens Fluß. Nur daß zum Danken ich die Lippen zwinge, Wenn ich beraubt ward, daß ich, wenn der Geier An meiner Leber zehrt, Tedeum singe, Daß hinter jenem niegehobnen Schleier Ich eine Macht mir träumte liebevoll Und Huldigung ihr stamml' in frommer Feier: Das fordre niemand. Weder Haß noch Groll, Noch minder Liebe trag' ich jenem Einen, Der alles ist und wirket, was er soll. Ich bin ein Teil von ihm, samt allem Meinen. Wie winzig ihm, der auf das Ganze denkt, Muß des Atoms, des Stäubchens Weh erscheinen! Äonenlang hat er das Sein gelenkt An seiner Brauen Wink. Soll er's nun achten, Wenn eine Mücke sich am Licht versengt? Urew'ger Ziele Bahn muß er betrachten, Vielleicht unselig selbst, unfroh gewiß; Denn wo sind Freuden, die ihn jauchzen machten? Und darum hüllt er sich in Finsternis, Als scheu' er sich, sein Angesicht zu zeigen Elenden, die er in das Sein verstieß, Unwissend, nur gewissem Tod zu eigen. Und ihm, dem Unerforschlichen, der nie Mir brechen will sein unnahbares Schweigen, Ihm sollt' ich kindlich liebewarm das Knie Umfassen, gut' und böse Gabe danken, Im Wahn, daß er sie väterlich verlieh? Niemals! Uns trennen himmelhohe Schranken. Muß er mich leiden lassen, sei's darum! Dem Weltall dient vielleicht des Wurmes Kranken. Doch eh' mir seine Weisheit das Warum Nicht offenbart, schweigt mir von Vatergüte! Wo blieb' ein Vater seinem Kinde stumm, Wenn schon aus einem Wort ihm Trost erblühte? 10. Betracht' ich unser schwankes Menschenlos, Geringe Lust, von Unlust überwogen, Die Angst vorm Wechsel in des Glückes Schoß, Der Jugend Hoffnungen, so schwer betrogen, Des Alters bittre Weisheit: »Alles nichtig!« – Der Liebe Götterrausch, so bald verflogen: Dann preis' ich dich, mein Kind, daß nur so flüchtig Dein kleiner Fuß des Lebens Bahn berührt, Und gern auf dich zu deinem Heil verzicht' ich. Wie treu ich dich an meiner Hand geführt, Nicht hätt' ich eine dir erspart der Plagen, Die je ein Herz beklemmend eingeschnürt. Dein Mäppchen hättst zur Schule du getragen, Zitternd in Furcht und Scham, wenn dir einmal Die Antwort stockte auf des Lehrers Fragen. Dann Ehrgeiz, Reue, stumme Liebesqual, Freundschaft an Stolz und Wankelmut verschwendet, Und was die Jugend lockt und irrt zumal. Und hätte sich das Herz dir zugewendet Des Einen, dem im Leben wie im Tod Du deine Pflicht und Treue gern verpfändet, O dann nach kurzem Glück die lange Not Der Mutterschaft, erst Kinder ihm gebären Und dann sie aufziehn, tausendfach bedroht; Die Fiebernächte, wo mit bangen Zähren Am kleinen Bett du hättest wach gesessen, Den Feind des Lebens kämpfend abzuwehren. O armes Frauenleben! Denk' ich dessen, So ist mir fast, es sei ein Hochgewinn, Daß wir dich nur so kurze Frist besessen. Dein Auge sah so ernsthaft vor sich hin, Als hättest du, das Schwere leicht zu nehmen, Schwermut zu viel, zu wenig leichten Sinn; Zu starken Willen, weich dich zu bequemen, Zu treuen Sinn, um lachend zu verzichten, Zu reines Herz, der Schuld dich nicht zu schämen. Und Solche wissen schwer sich einzurichten In dieser argen Welt, wo man sich drehn Und winden muß im Zwiespalt enger Pflichten. – Und doch, mein Kind: warst du auch ausersehn, Zu bluten aus den tiefsten Lebenswunden, Doch hätt' ich dir's gegönnt, im Kampf zu stehn. Der Kräfte frohes Spiel hättst du empfunden, Des Ringens Stolz, des Sieges hohe Lust, Die herbe Tage aufwiegt durch Sekunden. Du hättst an deine kleine Menschenbrust Die Welt gedrückt und staunend zu den Sternen Emporgesehn, des Ew'gen dir bewußt; Hättst um die Stachelschalen nicht den Kernen Der Wahrheit abgesagt, es nicht verschmäht, Im Schweiß des Angesichts die Pflicht zu lernen. Wohl weiß ich es: in weisen Büchern steht, Daß Nichtsein köstlicher als Sein, das Leben Ein Irrtum nur, den Gott erkannt zu spät. Doch ward nicht Liebe zum Ersatz gegeben? Ist nicht der Schmerz, den wir um dich erlitten, Ein teurer Schatz, wohl wert, ihn aufzuheben? So lebst du fort in unsres Lebens Mitten; Und wie verewigt werden Stein und Erz, In die ein edles Bild ward eingeschnitten, Sind wir geadelt auch durch unsern Schmerz. 11. Kommst du nun auch zu mir herangeschlichen, Mein alter Hund, mit einer Beileidsmiene Und ruhst nicht, bis ich dir das Fell gestrichen? Du senkst den Kopf so traurig, daß es schiene, Als fühltest du, wie dieses Gramgeschick Mitleid der stummen Kreatur verdiene. Jawohl! Nun trifft dich nimmermehr der Blick, Der Lockruf deines kleinen Spielgenossen; Kein ros'ges Händchen zaust dir das Genick. Nicht gibst du dich, halb freundlich, halb verdrossen, Zum Reiten her und wirst's nie überdrüssig, Zu dulden willig tausend Kinderpossen. Wozu noch lebst du jetzt, als daß du müßig Dich sonnst und schnarchst und Fliegen fängst im Traum, Der Welt und dir und mir höchst überflüssig – Und atmest fort, und füllst noch deinen Raum Mit träger Masse, saugst noch Lebensluft – – Und unser Kind – o ich ertrag' es kaum! Mir aus den Augen, heuchlerischer Schuft! Dein Winseln trügt mich nicht. Ich weiß, Geselle, Dich rührt kein Schauer an aus ihrer Gruft. Als kaum erblichen ihres Auges Helle, Da lagst du, Wicht, als wäre nichts geschehn, Und schliefst auf ihres Sterbezimmers Schwelle. Und als man sie hinaustrug und in Wehn Das Mutterherz und meines schier gebrochen, Sah ich dich lungernd vor der Türe stehn. Du nagtest gierig einen leckern Knochen Und knurrtest scheel die fremden Männer an, Die im geschäft'gen Fraß dich unterbrochen. Und jetzt scheinheilig schleichst du dich heran? Hinaus mit dir! Du bist ein Tier. Wir beide Sind andern Seelenmächten untertan. Herzlos, wie die Natur, bei Menschenleide, Stimmst du in unsern Jubel munter ein; Du weißt, am Festtag gibt es fette Weide. Des Menschen Weh versteht der Mensch allein, Kein Gott, kein Tier. Der Kummer ist erlaucht, Und du, so treu du winselst, bist gemein. Gram kennt kein Gestern. Du bist eingetaucht In dumpfes Heute. Hast du dich verkrochen Aus Furcht vor meinem Zorn? Der ist verraucht. Troll dich hinaus und nage deinen Knochen! 12. Ins Reich der Schatten führte mich der Traum. Da sah ich unser liebes Kind sich nahn, So still und blaß und ernst – ich kannt' es kaum. Die Arme streckt' ich aus, es zu umfahn, Doch schüttelt' es die Locken schwer wie Blei, Als hätt' ihm noch das Hälschen wehgetan. Dann deutet' es, als ob es durstig sei, Auf seine Lippen, und mit müdem Winken Der beiden Ärmchen zog es mich herbei. Kind, rief ich zu ihm eilend, willst du trinken? Sieh hier den Quell, der meiner Brust entquillt, Aus breiter Wunde strömend an der Linken. – Da trank's; und als es seinen Durst gestillt, Das blasse Mündlein mit dem Blute färbend, Gewann es Sprache, seufzt' und sagte mild: O lieber Vater, dem zuerst ich sterbend So großes Leid gebracht und mehr noch bringe, Die Lust am Licht der Sonne dir verderbend, Sei doch getrost und wieder guter Dinge. Ich schweb' hier unten freud- und kummerlos, Der Nacht gewohnt, wie nächt'ge Schmetterlinge. Das eine quält uns leichte Schatten bloß, Daß ihr mit Tränen unser Grab betrauert, Die zu uns dringen durch der Erde Schoß; Daß Regenguß uns winterlich umschauert Und unser Schattenleib von Frösteln bebt Und fieberhaft am Lethestrome kauert. Uns wird nur wohl, wenn ihr zu hemmen strebt Den blut'gen Quell untröstlich bittrer Tränen Und euer Auge rein zum Himmel hebt. Denn wenn ihr mäß'ger, mit gefaßtem Sehnen Der Toten denkt, so ist's, als fühlten wir In warmem Schimmer unsern Leib sich dehnen. Sieh nur, so manche Schatten wandeln hier Von sanftem Zwielicht wundersam umflossen, Verklärten Blicks im traurigen Revier. Das sind die Seelen, deren Lichtgenossen Mit steter Treue noch ihr Bild bewahren, Doch ihre Tränen still ins Herz verschlossen. So, Vater, wenn du nun hinaufgefahren, Tu auch, und sage meinem Mütterlein – – Da schwieg's, als dürf' es mehr nicht offenbaren. O, rief ich, Kind, du mahnst uns, froh zu sein? Bist du denn froh, seitdem du uns verlassen? – Da winkt' es mit der Hand, als spräch' es: nein. Und wie ich's wollt' in meine Arme fassen, Schwand es gleich einem Rauch an mir vorbei; Ich sah es nur noch lächeln und erblassen. Da weckte mich der erste Hahnenschrei. 13. Und doch, das ist der Dinge Lauf; auch du Erlebst es noch: ein jedes Leid am Ende, So furchtbar es gewütet, kommt zur Ruh'. Dem Schmerz, so lang er jung ist, sind die Wände Des Leibes viel zu eng, ihn einzuschließen. Er tobt umher, daß er den Ausweg fände. In Strömen muß er aus den Augen fließen, Dir von den Lippen ächzen, auf die Stirn In kalten Tropfen perlend sich ergießen. Am liebsten möcht' er seiner Haft entschwirrn, Zusamt der Seele, und dem Geier gleich Mit freiem Flügelschlag das All durchirrn. Ermattet herrscht er dann in seinem Reich Gelaßner, bricht nur selten aus den Augen Und hüllt sich in Erinnern dumpf und weich. Nun mag ihm nur die tiefste Stille taugen; Er haust im dunkelsten Verließ der Brust, Begnügt, dein Herzblut tropfenweis zu saugen. Die Mond' und Jahre fliehn ihm unbewußt; Er ist gealtert, fühllos wie ein Greis, Den kein Gewinn mehr kümmert, noch Verlust. Doch wenn die Seele kaum noch von ihm weiß, Kaum des verschollnen Gastes Näh' empfindet, Tritt plötzlich er aus dem verborgnen Kreis, Erschrickt, daß er die Welt verwandelt findet, Und schilt die Seele, daß sie ihn verachtet, Und schilt sich selbst, daß er verwelkt und schwindet. Dann in die Kammer, drin er lang geschmachtet, Schleicht er zurück und sargt sich selber ein Und stirbt, von tiefster Einsamkeit umnachtet. Du aber, kannst du auch noch fröhlich sein Und wieder ausgefüllt von neuem Glücke: In jene Kammer dringt kein Sonnenschein, Und Moderduft bleibt stets darin zurücke. 14. Ob wohl im Atem dieser Sommerluft, In dieses Morgens sanftbewegter Kühle Ein Hauch schon mich umschwebt aus deiner Gruft? So rein wie kindlich heitre Vorgefühle Weht von der Halde mich der Frühwind an, Indes ich hier in meinen Schmerzen wühle; Daß ich des Wahns mich nicht erwehren kann, Ein Teil von dir, ein Stäubchen von dem Staube Der dich, geliebtes Kind, zurückgewann, Umwittre mich im Schatten dieser Laube, Umschmeichle mein Gemüt, daß es hinfort Nicht mehr so bittrer Schwermut sei zum Raube. Im Tropfen Tau an jener Ranke dort Seh' ich den Schimmer deines Auges wieder, Im Rieseln jenes Bachs hör' ich dein Wort. Dein Lachen klingt mir aus den Wipfeln nieder, Wo Tauben nisten; jeder Blumensproß Mahnt mich des Wuchses deiner schlanken Glieder. Nichts ist in aller Runde klein und groß, Das mir nicht dienen muß, dich zu verkünden, Als wäre die Natur ein Spiegel bloß, Dein frühverlornes Bild darin zu finden, Als bärge jeder laut geheimen Sinn, Den nur wir beide, du und ich, verstünden. O sprich mir weiter, süße Schläferin! Aus deinem Traum sprich Liebliches zu mir, Der ich noch taub für Menschenstimme bin! Bestärke mir den Glauben: was ich hier An Holdem seh' und höre, sei dein Grüßen, Und jedes Labsal stamme nur von dir. So früh hab' ich zurück dich geben müssen Ans All, aus dem du flüchtig aufgetaucht; Nun kann der Trost nur meinen Gram versüßen, Daß aus dem All zurück dein Wesen haucht. Meinen Toten Weihnachten 1869 An Anna Ich wollt' auch heute zu dir sprechen Wie ich's gewohnt zur Weihenacht, Doch zwischen alle Worte brechen Die Tränen vor mit Übermacht. Noch ist zu frisch, was wir erlitten, Die Lebenswunde nicht vernarbt; Noch ist der Friede nicht erstritten, An dem so bitter wir gedarbt. Doch zürne nicht, wenn schon die Flügel Hoffnung zu lüften sich erkühnt, Noch eh' auf unsres Kindes Hügel Ein Halm des Lenzes wieder grünt. Laß träumen mich von künftg'en Zeiten, Wo nach dem lichterhellen Baum Sich kleine Ärmchen wieder breiten Und Jauchzen füllt den stillen Raum. Du aber nimm das Pfand der Treue, Und mahne dich im Gold das Grün, Daß du noch hoffen darfst, aufs neue Zu lächeln, wenn die Kerzen glühn. Nur inniger durch den Bund der Schmerzen Hat uns vereinigt das Geschick. So halt' ich fest dich Herz am Herzen, Du meine Jugend, du mein Glück! Ernst (1871) 1. Mit Kränzen, wie kein Bräutigam, geschmückt, Mit Feierkleidern angetan aufs beste, Doch deine großen Augen zugedrückt, So fuhrst du weg zu deinem letzten Feste, Langsam, im Schritt. Warum dich übereilen? Gern wartet jener Wirt auf seine Gäste. Dort hinter langen, stillen Hügelzeilen – Siehst du das Haus? Es brennen viele Lichter, Doch denen nicht zur Lust, die dort verweilen. Seltsam! Die hagern, bräunlichen Gesichter, Wie sie bekümmert in die Kerzen starren. Manch einer grinst, doch nicht das Schweigen bricht er. Es scheint, es finden's all die armen Narren Gar unbequem, hier aufgeputzt der Stunde, Da man zur Ruh' sie bringen wird, zu harren. Die alte Dame dort, mit gutem Grunde Verstimmt es sie, daß man sie hergebracht So ungeschminkt, mit zahnlos offnem Munde. Und dort das Fräulein, das so gern gelacht, Getänzelt und das süße Kind gespielt, Was hat auf einmal sie so ernst gemacht? Der alte Dandy zwar, der nach ihr schielt Und ihren Kranz und Schleier scheint zu loben, Ist ein Galan, der sich nur schlecht empfiehlt. Die blonde Haartour hat sich ihm verschoben; Sein Kammerdiener hielt der Müh' vielleicht, Obwohl er ihn beerbt, sich überhoben. Und dort, zum Alabasterbild gebleicht, Die junge Mutter, hier zum Fest geladen, Eh sie dem Säugling noch die Brust gereicht. Ihr Nachbar auch scheint trüb und grambeladen, Nicht dreißig alt, ein schmucker Offizier, Und schon getrennt von allen Kameraden! Fürwahr, es ist nicht eben lustig hier; Ein jeder Gast hat nur mit sich zu tun, Die Kerzen knistern wie geängstet schier. O kommst auch du, mein lieber Knabe, nun Und suchst dir bei den stillen fremden Leuten Bescheiden einen Platz, um auszuruhn? Hier spielt man nicht die Spiele, die dich freuten. Soll Jugend, die den Ernst des Lebens kaum Von fern geahnt, den ernsten Tod sich deuten? Es geht ein heimlich Regen durch den Raum, Als wollten sie den Ankömmling beschauen Durch eingesunkner Wimpern schmalen Saum. Er aber achtet nicht der Herrn und Frauen. Er ruht wie über Lieb' und Graun erhaben Mt leidsam ernst gespannten Augenbrauen. Jawohl, ihr Späher dort, in diesem Knaben Ward eurem Fest beschert ein holder Gast, An dem ihr könntet eure Freude haben. Doch jeden drückt zu schwer die eigne Last, Als daß er lange dächt' an andre Dinge. Still ist's im Saal. Man hört das Flattern fast Des weißen Falters, der mit hast'ger Schwinge In bangen Kreisen durch die Lüfte zieht, Als sei's ihm nicht geheu'r im Totenringe. Und wie er jetzt den stillen Knaben sieht, Läßt er sich rasch auf seine Stirne nieder, Wie auf ein heilig blühendes Gebiet; Als hab' auf diese sanften Augenlider Der Tod kein Recht, als kehre, statt zur Gruft, Die blasse Lilie zu den Blumen wieder Hinaus in Sonne, Lenz und Lebensluft! – 2. Ich fühlt' in meinen hellsten Lebenstagen Den Mut, auf diese Sonne zu verzichten Und der Vernichtung Schauer zu ertragen. Im Jetzt und Hier lernt' ich mich einzurichten, Und selbst die Neugier nach dem letzten Wort Des bunten Rätsels lockte mich mit nichten. Wohl riß die Brandung manchen vor mir fort, Der, während ich noch trieb auf hoher See, Still Anker warf im ew'gen Ruheport. Nach Sturm und Not und namenlosem Weh, Oft an ein letztes morsches Brett gebunden Und fühlend, daß auch das in Trümmer geh', Wie sahn sie gern der Irrfahrt sich entbunden, Die wenig Freude bot und viele Last; Wie gönnt' ich's ihnen, daß sie »Land« gefunden! Sie hofften nichts mehr, als zu ruhn, und fast Mit Ingrimm hörten sie die Tröster sagen, Man wecke sie dereinst nach kurzer Rast. Doch du, mein Knabe, dem noch offen lagen Die Meer' und Länder, Mut die Segel schwellt', Ein Inselland der Sel'gen zu erjagen, Wie ward dein leichter Nachen früh zerschellt, Und was die Sonne dir an Blüten gab, Verschlungen von der dunklen Wasserwelt! Und sollte nicht an deinem jungen Grab Das alte Märchen sehnlich mich beschleichen: Einst dring' ein Weckruf in die Nacht hinab, Ein Hahnenschrei aus ew'gen Lebensreichen, Den Tag verkündend, dem die Macht verliehn, Des Erdentages Unbill auszugleichen? Dann dürft' ich wieder an mein Herz dich ziehn, Den frischen Mund dir, den geliebten, küssen. (Nun dünkt mich's, ach, zu selten küßt' ich ihn!) Die hier entblättert sank zu meinen Füßen, Die Knospe säh' ich dort sich rein entfalten, Mit Duft mein neues Leben zu versüßen! – Hinweg den Schleier, den ich fern gehalten Vom hellen Aug! Er soll das trübe mir Auch jetzt nicht trocknen mit den weichen Falten. Kein Einst und Drüben, nur ein Jetzt und Hier. Erbetteln will ich nicht vom Selbstbetrug Den feigen Trost. Das eine wissen wir: Auch wir vergehn; und das ist Trost genug. 3. Ich will mir meinen Freund nicht schelten lassen, Den einz'gen, der mich schmeichelnd nie betrog, Und den ich liebe, mag die Welt ihn hassen. O Schmerz, du weiser, treuster Pädagog, Noch nicht entwuchs ich deiner Zucht und Lehre, Die mich mit rauher Hand zum Mann erzog. Mich, der ich gern im Traum geblieben wäre, Hast du erweckt, unsanft nach deiner Art: Steh auf, und diesen Morgenbecher leere! Ich trank. Da schüttelte mich Frost. Doch ward Mein Auge wacker, diese Welt zu schauen, So wie sie ist. Auf Wegen steil und hart Der Kraft, die du mir gabst, lernt' ich vertrauen Und wünschte mir kein Märchenflügelpaar, Zu schwanken wahngewiegt im Ätherblauen. Durch schwarze Gläser lehrtest du mich klar Den Quell des Lichtes prüfen und erkennen, Daß er so herzlos wie die andre Schar, Die wir mit liebevollen Namen nennen, Daß die erhabnen Sterne sonder Lust Und Mitleid über unsern Qualen brennen. Das aber trägt nur eine tapfre Brust, Und darum haßt die Menge dein Ermahnen, Den strengen Weckruf: Wolle, denn du mußt! Du lässest sie den dunklen Urgrund ahnen, Aus dem des All und Eins Grundwasser quellen, Geheimnis allen tändelnden Profanen. Und dennoch: wenn das Licht uns soll erhellen, So müssen wir des Brennens Angst und Pein Erdulden, ohn' uns weibisch anzustellen. Nichts, was wir nicht erkämpft, wird unser sein; Mit Lebensschätzen aus dem eignen Mark Bezahlen wir des Wissens Dämmerschein. Doch so sich läuternd wird die Seele stark, Den Glanz der höchsten Wonnen auch zu tragen, Daran fürwahr kein Heldenleben karg. Ahnt ihr den Tiefsinn nicht der alten Sagen, Wie jener Heros erntet' Himmelsruh', Der durch Lernäas Sümpfe sich geschlagen? O mein Befreier, Freund und Meister du, Der mir vom Auge nahm des Wahnes Binden, Ich jauchze dir in düstern Nächten zu. Du, wenn mir alle Taggenossen schwinden, Hältst bei mir aus, in Schlummer singst du mich, Und selbst im Traum muß ich dich wiederfinden. Und wenn die letzte Sonne mir erblich, Die letzte Nacht die Flügel um mich breitet, Dann neben meinem Lager find' ich dich, Der mich an treuer Hand zum Frieden leitet. 4. Und deine finstre Schwester, deren Bild Ein Graun den Toren, die sich sicher wähnen, Auch sie hat mir das Herz mit Trost gestillt. Ihr großes Aug ist dürr und leer von Tränen. Ein seltsam Lächeln irrt um ihren Mund; Die fahle Lippe bebt an bleichen Zähnen. Sie rauft ihr Haar nicht, schlägt die Brust nicht wun Sie gleicht dem Bruder; aber kalt und fremd Bohrt sich ihr Blick bis in der Seele Grund. Die Linke steinern in das Kinn gestemmt, Die Rechte starr am Dolch, sitzt sie und brütet Und harrt der Zeit, da nichts den Willen hemmt. Sie stiert so scheu, wie wer Vergrabnes hütet. Sie weiß, man würde sie an Ketten legen, Erriete man, was heimlich in ihr wütet. Doch was sie immer sinnt, es ist zum Segen. Mag sie die Torenwelt »Verzweiflung« taufen Und fürchten, wie wir Nachtunholde pflegen: Sie trachtet nur, Gefangne loszukaufen Aus Lebenshaft und Seelen zu befrein, Die voll von Jammer sind zum Überlaufen. Drum sollte »letzter Trost« ihr Name sein, Denn wo mit Schmach und heillos bittrer Not Geschlagen wird ein zitterndes Gebein, Und weder Gott noch Teufel Hilfe bot, Da tritt sie zu dem hoffnungslos Gequälten Und raunt ihm zu: Erwähle selbst den Tod! Ich hauchte nur dich an, und dich Gestählten Durchschauert Kraft, die schwere Kerkertür Zu sprengen, eh' die Henker dich entseelten. Willst du dich beugen jeder Ungebühr, Auch noch die rechte Wange leihn dem Streiche, Ein Büßender und weißt doch nicht wofür? – So stillt den Ächzenden die stille Bleiche, Und wenn ihm fremd ward jeder Rat der Welt, O sie berät ihn gut, die Listenreiche. Auch mir, du Mitleidvolle, bleib gesellt, Ich flehe dich, wenn mir ein Los beschieden, Das jeden Lebensbecher mir vergällt. Die Bande, die uns an das Dasein schmieden, Hilf mir sie sprengen, Freundin, führe du Die stolze Seele, die das Glück gemieden, Den sanften Sternen ew'ger Nächte zu! 5. Zu bitter wär' ich? Doch wer hat's verschuldet, Wenn meine Zunge trieft von Bitterkeiten? Ein feiger Knecht, wer ohne Murren duldet! Ward nicht, was Süßes ich genoß vorzeiten, Mir über Nacht vergiftet und vergällt, Entwertet meine liebsten Kostbarkeiten, Da, die ich über jeden Schatz gestellt, Die goldne Freiheit, nun als schlimmste Bürde Mir unerträglich auf die Seele fällt? Es wog mir kein Gewinn, noch Ehr' und Würde Den Adel auf: mir selber zu gehören, Nicht eingeschränkt in eines Dienstes Hürde; Nicht mit banausischem Geschäft zu stören Die stille Bildkraft, all die Schmerzenslust, In ernstem Ringen Geister zu beschwören. Wie war ich mir so streng und froh bewußt, Daß meines Wirkens Maß und meiner Pflichten Mir einzig ruht' im Grund der eignen Brust! Und nun – wie möcht' ich gern auf mich verzichten Und, fremdem Willen dienstbar untertan, Ein dumpfes Werk gedankenlos verrichten! Den Bauer neid' ich, der in grader Bahn Die Furche zieht, den Kärrner, der im Staube Des Heerwegs seinen Rossen geht voran. Und jener dort in niedrer Reisiglaube, Der Steine klopft, gebückt am heißen Wege, Nicht ödem Müßiggang ist er zum Raube. Sein Tagwerk fördert jeder seiner Schläge, Und, wacker bis zum Feierabend, letzt Ihn seine Flasche, wird der Arm ihm träge. Und ich – dem selbst der Quell der Musen jetzt, Der Himmelstrank, wie schaler Spülicht mundet, Wo ist ein Werk, ein Ziel, das mich ergötzt? Denn die Gestalt, die sich dem Dichter rundet, Soll er beleben mit dem eignen Blut. Wie? wenn er selbst nun ward zu Tod verwundet, Daß Lebensüberfluß und -übermut Versiegen und die Liebe geht verloren, Die auch an seinem Werk das Beste tut? So hab' ich selbst mich wider mich verschworen. Mir selbst gehör' ich? Keinen schlimmern Herrn Und keinen ärmern hätt' ich je erkoren. Sein schnödes Joch abschütteln möcht' ich gern, Der mich mißhandelt, der mich darben läßt, Und kann nur knirschend an der Kette zerrn. So wird der Freiheit jammervoller Rest Mir noch zum Fluch. Wenn unser Wille schwankt, Gleich einem Vogel, dem zerstört das Nest, Dann strebt das Ich, das an sich selber krankt, Sich loszuwerden, von des Sehnens Not Zu ruhn in einem Ziel, das nimmer wankt, – Und was ist hier gewiß, als nur der Tod? 6. Noch eh' der Hügel grünt auf deinem Grab, Eh' jener Kränze bleicher Schmuck vermodert, Die man dir mitgab in die Nacht hinab, Wie? all die Glut der Schmerzen schon verlodert? Die Augen trocken, kühl der Herzen Schlag, Als wäre nichts geschehn, was Tränen fordert? O ihr, da er noch auf der Bahre lag, An Jammer unersättlich, wie so eilig Verleidet' euch das Leid der lust'ge Tag! Im Wechsel euch betäuben müßt ihr freilich, Denn an die eigne Flachheit mahnt euch bald Ein jedes Wehgefühl, das tief und heilig. Drum habt ihr eure Sprüchlein maunigfalt, Daraus ihr lernt: ein Tor, wer nicht genieße Des Augenblicks buntgaukelnde Gestalt, Vom Strom nicht trinke, der so rasch verfließe, Versäumend eines Sonnenblickes Gunst, Fruchtlosen Gram fest an den Busen schließe. Carpe diem! – das sei die Lebenskunst; Memento vivere! und nicht zum Heile Dem lebenden Geschlecht sei Gräberdunst. So geht denn hin und kehrt in schnöder Eile Zu nicht'gem Tagwerk, das euch wichtig scheint, Indes ich still bei meinem Toten weile. Ich habe meinen Gram nicht aus geweint, Wie ihr, nicht aus den Augen ihn verschüttet; Zu tief mit meinem Blut ist er vereint. Nichts hab' ich mehr, das noch zur Not verkittet Die Stücke des zerbrochnen Seins, als ihn, Der ganz die Seele füllt, obschon zerrüttet. Nicht will ich feige mir und ihm entfliehn, Will heil'gen meines Schmerzes Feiertage, Da mir der Andacht hohe Kraft verliehn. Denn Frevel dünkt mich, daß man sich entschlage Der Pflicht des Danks, mit Schmerzen die zu missen, Die man geliebt mit innigem Herzensschlage. Die frommen Alten lehrt' es ihr Gewissen, Dem Gram sein Recht zu geben, wie der Freude, Und das Volk Gottes hat sein Kleid zerrissen. Nur ihr, die ihr der Selbstsucht Wahngebäude Auftürmt, ihr nennt zu kostbar die Sekunde, Die man an hoffnungsloses Weh vergeude. O nun versteh ich, was mit stummem Munde Du mir gesagt, mein Liebling, als mit Stöhnen Und Schluchzen dich umgab die dichte Runde. Dein Schweigen schien ihr Klaggeheul zu höhnen, Als wüßtest du, der kärglichste Gewinn Wird morgen sie mit dem Verlust versöhnen. Die Augen, dunkel starrend vor sich hin, Bekannten: Wohl mir, daß ich dieser Erde, Die keine Treue kennt, entnommen bin! So streng weltabgewandt war die Gebärde, So kühl und stolz, es bangte mir fürwahr, Als ob ich selbst von dir verachtet werde. Nein, Liebling, mich nur aus der dumpfen Schar Sollst du getreu und deiner wert erfinden; Denn was dein Lächeln meinem Leben war, Wird mit dem letzten Hauch nur mir entschwinden! 7. Die Träne quillt nicht mehr. Im dürren Staube Gleichgült'gen Tagwerks ist ihr Quell versiegt. Die Wunde will schon heilen, wie ich glaube. Ich sage mir, wie still er draußen liegt, Wo unter Blumen wir ihn hingebettet, Dicht an sein totes Schwesterchen geschmiegt. Und Weisheit raunt mir zu: er ist gerettet Vor vielem Weh, von keiner Last beschwert, Frei von dem Schmerz, der an die Schuld sich kettet. Dies Menschendasein, ist's der Mühe wert? Hin ging er, wie der holde Frühling scheidet, Von schüchtern zartem Jugendglanz verklärt. Ist das ein Ende nicht, das jeder neidet? Ist's nicht ein frevelnd eigensücht'ger Gram Um den, der ewig keinen Kummer leidet? – Doch wenn die Nacht mit ihren Schatten kam, Nichts mehr sich regt, als meines Herzens Pochen, Und schon der Schlummer mich gefangen nahm, Auf einmal wird des Schlafes Bann gebrochen: Zwei Augen sehn mich an, so wohlbekannt, Die Stimme klingt, die hold zu mir gesprochen. Jäh fahr' ich auf, und an des Bettes Rand Seh' ich den Knaben aus den Dämmernissen Der Nacht mir winken mit der kleinen Hand, Und lautaufweinend sink' ich in die Kissen. 8. (Am 5. April) Mit jedem neuen Kind wirst du zum Kinde. Der Werdeschrei des jungen Lebens sprengt Des grauen Herzens narbenvolle Rinde, Daß es wie Frühlingsschauer dich umfängt Und dir erblüht ein selig Mitempfinden Der Lebenslust, die hier zum Lichte drängt. In Tränen will das Auge dir erblinden; Die Schatten, die den Erdentag umgraun, Im Strahl der Hoffnung müssen sie verschwinden. O holder Mut, o lächelndes Vertraun! Es lebt! – und alle Sorgen sind vorbei. Wer möchte noch zurück nach Gräbern schaun? Nur mir hat dieser benedeite Schrei Das Auge nicht getränkt mit Freudengüssen; Erstarrt im dumpfen Graun stand ich dabei. O Kind, wie harmvoll mußt' ich dich begrüßen Und habe meines Schluchzens Kampf und Beben Erstickt an deines Mündleins ersten Küssen. Die Stunde war zum Eintritt in das Leben Nicht klug gewählt, zu kurze Frist vergangen, Seitdem dein Bruder uns Valet gegeben. Die Hand, die eben seine blassen Wangen Geliebkost, kühl von Todesschweiß beronnen, Wie sollte sie dein Händlein nun umfangen? Wie töricht schienst du mir, wie unbesonnen, In diesem Würfelspiel dein Glück zu wagen, Drin jener seinen Einsatz kaum gewonnen! Da hört' ich deine Mutter nach dir fragen: Wo ist das Kind? O gebt es mir, o gebt, Und laßt mich fühlen seines Herzens Schlagen! Und wie dein kleiner Mund an ihrem bebt' Und sie mit mattem Lächeln, von Entzücken Wie trunken, hauchte: Unser Kind! Es lebt! – Da sprang der Reif um meine Brust in Stücken, Und ich erkannte, daß du wohlgetan, Da du's gewagt mit dieses Lebens Tücken. Es leuchtet doch ein Stern auf deiner Bahn, Der wohl des Weges Mühe kann vergüten Und dir zu Häupten stand, dich zu empfahn: Ein Mutterauge wird dein Leben hüten, Ein Mutterherz dir deine Schmerzen lindern, Ein Muttersegen reifen deine Blüten – So wag es denn, mit andern Mutterkindern! 9. Kommt an mein Herz, kommt nah heran, ihr Lieben! Im Jammer, welch ein Raub an mir geschehn, Vergaß ich, welch ein Reichtum mir geblieben. Laßt nur des Sturmes erste Wut verwehn, Dann blickt des Himmels ausgeweinte Bläue Gelassen durch, drin tausend Sterne stehn; Und man gedenkt der Lebenspflicht aufs neue, In Grüfte nicht die Seele zu vergraben, In frevlem Unmaß sehnsuchtsvoller Treue. Sollt' ich der Pflicht zu lang vergessen haben, Vergebt mir's! Dieser Schlag war allzu herbe. Zu herzlich hing mein Herz an diesem Knaben. Nun sei die Menschheit meines Lieblings Erbe, Auf daß der Schatz, den ich für ihn gespart, An Liebeskraft nicht herrenlos verderbe. Sie meinen, wer sich keiner Himmelfahrt, Nicht froher Urständ' will getrösten lassen, Dem müsse trostlos sein die Gegenwart. Dies bange Erdenzwielicht müss' er hassen, Das nicht ein Strahl der Hoffnung je verkläre, Und in Verzweiflung werd' er einst erblassen. Kommt! Machen wir dem eignen Credo Ehre! Aufrechten Haupts, nicht trotzig, nicht verzagt, Liebt, was da lieblich ist, ertragt das Schwere. O schämt euch nicht, daß ihr in Schmerzen klagt! Es ächzt der Baum, wenn Ungewitter toben, Und krümmt den Wipfel, der so hoch geragt. Dann wieder still von Sonnenglanz umwoben Trinkt er den Äther, reift der Ernte zu, Bis ihn die Axt zerspellt zu Scheit und Kloben. So, Kind der Erde, füge dich auch du Und neide nicht hoffärt'gen Himmelspächtern Und Säulenheil'gen ihre dumpfe Ruh. Wag es, gleich all den atmenden Geschlechtern, Dein Herz zu hängen an dies kurze Sein, Die Welt zu lieben trotz den Weltverächtern. Der Augenblick und dein Gemüt sind dein, Du Sterblicher; du sollst sie zum Gefäße Des edelsten, des ew'gen Inhalts weihn. Was jedem, der zu eigen es besäße, Das Leben tröstlich macht, das schaff in dir Und teil es mit, wo jemand sein vergäße. So hast du Ewigkeit und Himmel hier, So wirkst du in dir aus die echte Milde, Die rein von Kälte bleibt, wie von Begier. Es müssen sich erfreun an deinem Bilde, Die dürft'ger sind, als du, und alle Schwachen Beschirmst du treu mit deinem goldnen Schilde. Laß dann die Stolzen deiner Armut lachen, Die ihren Schatz im Jenseits angelegt; Du bist doch reich, um viele reich zu machen. Du hast ein Herz, das frei und innig schlägt, Hast deine Sinne, voll dich zu erquicken, Ein Flügelpaar, das dich zum Lichte trägt, Und Mut, dem Tod ins Angesicht zu blicken. Wilfried (Ein Tagebuch. Oktober 1877 bis Mai 1878) Vom Rosenstrauch die letzte Blüte fällt, Ein böser Herbstwind schauert durch die Welt. Wir pflegten Winters dies und das zu tun, Das ward so müßig, so entbehrlich nun! Zu hoffen, harren, sorgen, uns zu freun – Das soll nun alles nimmer sich erneun. Nicht sehn wir mehr der kleinen Füße Spur Leicht eingedrückt der überschneiten Flur. Nicht bei der frühen Lampe goldnem Licht Glüht horchend auf ein kleines Angesicht. Uns bringt der Winter nur mit Sturm und Graus Melancholie ins ausgestorbne Haus. Das klügste wär', sich einzuspinnen sacht, Wie es zum Winterschlaf die Raupe macht. Doch da ein Mensch soll wacker sein und wach, Komm! fliehn wir sommerwärts den Schwalben nach! Vielleicht daß zweier Wandrer tiefverarmt Die Bettlerfreundin Sonne sich erbarmt. [So reisen wir ins Land hinein] So reisen wir ins Land hinein Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein, Und immer reist auf Schritt und Tritt Ein kleiner blasser Schatten mit. Und wo die Erde schöner blüht, Sein Mündchen weher zuckt und glüht, Und wo die Sonne goldner lacht, Sucht er uns trüber heim zu Nacht. Was suchst du, blasser Schatten, hier, Du kleiner blinder Passagier? Ach, dir versagt ist alle Lust, Und uns erstarrt dein Hauch die Brust. Wie war dein Auge warm und hell, Ein Lebenswonnenzauberquell! Und jetzt – o hab Erbarmen, Kind! Du siehst ja, wie wir elend sind. Wir drängen dich ja nicht zurück, Doch komm mit sanftem Geisterblick, Nicht alles Holden ganz beraubt! – Umsonst! Er schüttelt still das Haupt. Sein armes bleiches Mündchen bebt: Wie habt ihr nur mich überlebt! Nun komm' ich, wie ich kommen muß, Nun haltet Treue bis zum Schluß. – So reisen wir ins Land hinein Bei Sonn' und Mond und Blitzesschein, Und mit uns wandert unser Kind, Bis auch wir andern Schatten sind. Unterwegs [Verzogen] Verzogen, Verflogen, Alle Vögel aus dem Nest! Nur die Mauern, Sie dauern, Überdauern die Gäst'. Junge Zeiten, Sie schreiten Wie Geister vorbei. Wo ist nun geblieben Das Lachen, das Lieben? Blieb keines dir treu? Von weiten Da läuten Die Glocken wie einst. Alter Träumer, entrinne, Daß am Fenster die Spinne Nicht sieht, wie du weinst! Sorrent [Die Tage schleichen an uns vorüber] Die Tage schleichen an uns vorüber, Wie eine dunkle Geschwisterschar, Die einen sanfter, die andern trüber, Doch keiner lachend und freudenklar. Sie tragen Gaben in bleichen Händen, Der edeln Güter gar mancherlei, Doch florumwunden sind ihre Spenden, Und unbewillkommt ziehn sie vorbei. Voran geht einer mit harten Mienen Und scheuem Trutzblick, gesenkt das Haupt; Er ist von gleichem Geschlecht mit ihnen, Doch statt zu schenken, hat er geraubt. Seitdem mißtraun wir den andern allen, Die sonst wir arglos ans Herz gedrückt. Auch mit den Schwestern sind wir zerfallen, Den schönen Nächten, so reichgeschmückt. Ein Tag wird kommen, der wird uns retten, Ein Weltversöhner, aus allem Harm; Mitleidig führt er zu ew'gen Stätten Der stillsten Schwester uns in den Arm. Sorrent [O Herzenseigensinn] »O Herzenseigensinn! Wie viel ist dir geblieben, Wie viel noch kannst du lieben, Und wirfst doch alles hin? Seit ein Geliebtes fehlt, Zwei Augen sich geschlossen, Bleibt alles ungenossen? Ist dir die Welt entseelt?« – Und hat denn Liebe je Gelernt vorlieb zu nehmen? Muß Treue nicht sich schämen, Wenn sanfter wird das Weh? Euch ist die Welt so viel, Mir gilt sie nur geringe, Gleich einem goldnen Ringe, Aus dem die Perle fiel. Sorrent [Horch! in der dunklen Frühe] Horch! in der dunklen Frühe Herübersummt das Glockenerz. Zu neuer Qual und Mühe Wach auf, verschlafnes Herz! – – Es ist noch viel zu frühe, Laß schlafen mich ein Weilchen noch. Wer weiß, ob nicht erblühe Ein Trost im Traume doch! – Die falschen Träume fliehe! Sie bringen nur erträumtes Glück. Am wachen Leben glühe Von neuem auf dein Blick. – – Umsonst! Dem Frohen sprühe Das Leben seine Wonnen aus; Mir in der dunklen Frühe Nur einen Tropfen Taus! Sorrent [Kein Wort, kein Blick] Kein Wort, kein Blick; Das lieblichste Glück Verschwunden, verloren, dahin! Nie mehr – nie mehr – – Von den Glücklichen wer, Wer faßt den vernichtenden Sinn? Kein flüsternder Gruß, Kein lächelnder Kuß, Die scherzende Lippe verstummt; Die süße Gestalt Nun starr und kalt In das traurige Laken vermummt. Was kann und vermag, Was will – o sag – Die Welt, die zu trösten uns meint? Ihre Zaubergestalt Erbleicht alsbald, Wenn das blasse Gesichtchen erscheint. Ihr lockender Chor, Nicht zieht er empor Ein Herz, zur Tiefe gebeugt. Wir wandeln dahin Mit verschlossenem Sinn Und horchen, wie er nun schweigt! Sorrent [Es singt und klingt mir im Gemüt] Es singt und klingt mir im Gemüt Vom Morgen bis zum Abendrot: Das Leben ist ein süßes Lied, Sein bittrer Kehrreim ist der Tod. Ich sang das Lieb wohl vor mich hin, Der Kehrreim schuf mir keine Not. Das Leben hatte klaren Sinn, Ein dunkles Rätsel schien der Tod. Gedämpft ist nun der lust'ge Schall, Der mir die Brust zu sprengen droht. Das Leben dunkelt überall, Und hell und heller winkt der Tod. Die falschen Töne sind verstummt, Des Lebens irre Glut verloht – Ich harre, daß in Schlaf mich summt Mit sanftem Wiegenlied der Tod. Sorrent [Die silberne Luft erglänzt so blaß] Die silberne Luft erglänzt so blaß Über dem schwarzen Meer; Die Möwe kreist, die schwanke, Ruhlosen Flugs umher. Ich denk' an eine Stirne so blaß, Zwei Augen schwarz und stumm. Ein einz'ger irrer Gedanke Geht ruhelos drin um. Zwischen Sorrent und Capri [Warum zwitschert ihr mich] Warum zwitschert ihr mich Um meinen Morgenschlaf Mit scharfem Weckruf, Grausame Vögel! Ach, ihr scheuchet Mir von der Seite Den einz'gen Freund und Erbarmer, Der bei mir aushielt, Da vom Haupte Des Götterverfemten Entsetzt hinwegflohn Alle guten Geister. Wie qualvoll lang Im purpurnen Abgrund der Nacht, Zu dem hinunter Kein Strahl des Friedens tauchte, Lag ich mit fieberbangen Sinnen, Aus furchtbarn Träumen Zurückgeschreckt Ins schreckenvollere Wache Bewußtsein Meines Unglücks, Bis endlich nachgab Der leidermattete Leib Und ein Tropfe Vergessen Auf die lechzende Seele taute. Den mißgönnet ihr mir, Schadenfrohe Vögel! Ach, vorzeiten Meintet ihr's gut, Wenn ihr den schlummerberauschten Knaben und Mann Hinaus in die lodernde Pracht des Morgens riefet. Da war Welt und Leben Des Wachens wert. Jetzt ist der dichteste Schleier, Den Träume weben, Nur wie ein Spinnweb, Gelegt auf frische Wunde: Nur leicht das Blut Zu hemmen vermag's; Doch voll durchtränkt Mit dem quellenden Naß, Wird das Gespinst Wieder hinweggespült, Und heißer rieselt die Welle Am grauen Morgen. Daß ein Morgen käme, Der sie stocken machte, Müßte mit ihr auch Mein Leben stocken – Denn, all ihr Götter, Übermenschlich Ist diese Pein! Sorrent [Des ungewordenen] Des ungewordenen Allvaters Kronos Weltalte Zwillingstöchter, Natur und Schicksal – Feindlichere Schwestern Sah nie das Licht. Wenn die Jüngere, Die Lebengebärerin, Kräftesprühend Ihre Geschöpfe Mit mannigfaltigen Gaben gesegnet, Oder gedankenlos Ihr Geschenk Durch Widerstreitendes Wieder zerstört: Nicht Tück' und Neid, Nur der Unbedacht Spielender Kraft Macht sie furchtbar Ihren Geschöpfen. Den Lieblingen, wie Den Stiefgeborenen Teilt sie launisch aus Heilsames und Verderbliches Und läßt ihrer Kinder Oft die verwöhntesten Am eignen Herrlichsten Zugrunde gehen. Aber die ältere, Die nie ein Götter- Und ein Menschenauge Lächeln sah, Die finstere Heimarmene, – Was sie tut, Ist immer unhold, Ob es auch gut wäre; Denn alles Seelenvolle, Gütige, Zarte Ist ihr fremd. Doch sieht sie wen, Dem ihre Schwester Liebgesinnt war, Den sie mit ihrer Gaben begehrtesten, Liebenswertesten ausgestattet, Ergrimmt die Arge, Da, wer geliebt wird, Ihrer spotten mag. Solche zu verderben Sinnt sie tückisch, Und gleich dem Fischer, Der nachts um Uferklippen Lautlos lenkt mit der Fackel Den dunklen Nachen Und über Bord geneigt Späht in die Tiefe, Der Fische glückliche Brut Heraufzulocken, Daß die Harpune dann Ihr Spielen ende: So lauert nächtlich Das Schicksal der Betrogenen, Denen wohl ist in kühler Wonne. Denn kindisch sind Die Lieblinge der Natur. Glänzendes lockt sie, Und arglos bieten sie Den Hals der Schärfe des Eisens ... Sorrent [Wie so wund nun bist du, arme Seele] Wie so wund nun bist du, arme Seele, Blutest, ach, verblutest dich nach innen! Gleich der Taube, der das Rohr des Jägers Ihren Nestling in die Brust getroffen, Ihn durchs Herz und sie mit gleichem Schusse Nicht zum Tode, nur zu Lebensunmacht. Nun mit welkem, eingeknicktem Flügel Nicht mehr kann sie durch die Wipfel streifen, Nicht die sonnewarmen Dächer suchen. Überm feuchten Grund, dem moderkühlen, Der das Blut gesogen ihres Lieblings, Wankt sie flatternd hin und her; verloren Ist der Lenz für sie, vergällt die Liebe, Leben Todesqual. O hilf und heile, Wenn du Macht hast, mütterliche Sonne! Hab Erbarmen mit der Mutterseele, Der unheilbar zärtlichsten von allen! Sorrent [Wie schon jahrlang abgeschieden] Wie schon jahrlang abgeschieden, Wandelnd allvergeßne Pfade, Atm' ich reinen Jenseitsfrieden Am geliebtesten Gestade. Nächtens seh' ich Barken fahren Weit ins Meer bei Fackelscheine, Daß ich stiller Geisterscharen Hadesfahrt zu schauen meine. Tags, wie haben Luft und Welle Alle Zauber ausgegossen! Von des Empyreums Helle Fühl' ich selig mich umflossen. Kaum ein Gruß wird mir geboten, Höchstens winkt ein Kinderhändchen, Und so leb' ich meinen Toten Und verschalle den Lebend'gen. Sorrent [Die Sonne gleitet still hinab] Die Sonne gleitet still hinab Ins Wellengrab. Ein feiner falber Schleier fällt Rings auf die Welt. Am blauen Bergeshorizont Glüht auf der Mond. Es hellt sein düsterwildes Licht Die Trübe nicht. Wir wandeln traurig Hand in Hand Durchs Totenland. Was jedes denkt so weit von Haus, Spricht keines aus. Ein Nachglanz von verlornem Glück Blieb uns zurück – Es hellt sein rotverweintes Licht Die Trübe nicht! Pompeji [Bezwingst du nicht den dunklen Gram] »Bezwingst du nicht den dunklen Gram? Am Firmament Wie lockt das Licht so wonnesam!« – Die Wunde brennt. »Wer ward nicht schon vom liebsten Glück Unsanft getrennt! Wer leben will, schau' nicht zurück!« – Die Wunde brennt. »Und du, dem so viel reiche Gunst Ein Gott gegönnt, Die Seele voll Natur und Kunst –!« – Die Wunde brennt. Neapel [Der Tag verging mir] Der Tag verging mir, Der Abend kam Aug' in Auge Mit meinem Gram. Freuden pochten Ans öde Haus; Er hielt die Wache Und schloß sie aus. Träume nachten Bei Sternenschein; Die trostbegabten Ließ er nicht ein. Er wich und wankte Vom Bett mir nicht; Ich sah durch Tränen Sein starr Gesicht. Die Nacht verging mir, Der Morgen kam Aug' in Auge Mit meinem Gram. Neapel [Kennst du die Tränen] Kennst du die Tränen, Die nie versiegen, Das wunde Sehnen, Wie Fieberglut? Mit unterirdisch Geheimer Welle Rinnt dieses Kummers Wühlende Quelle, Und jäh zutage Bricht ihre Flut. Heut unter lachend Azurnem Himmel, In des Toledo Glanz und Getümmel Plötzlich zum Herzen Stürmt mir das Blut: So viel üppiges Leben ergossen, Und du, mein Knabe, Hast nichts genossen. So lebenswürdig, So schön und gut! Wehe den Tränen, Die nie versiegen, Dem wunden Sehnen, Das nimmer ruht! Neapel [Hab' ich denn schon Schmerz gelitten] Hab' ich denn schon Schmerz gelitten, Eh' ich dieses Glück verlor? Ward mir schon ins Herz geschnitten Mit so rauher Hand zuvor? Stockt mir doch der Quell des Lebens Wie verschüttet in der Brust. Nun umschmeichelt sie vergebens Liebeslockung, Lebenslust. Wenn ein Tagwerk mich beschwerte, Wer erquickt mich nun am Ziel? Und wo ist mein Spielgefährte, Wenn die Stunde kommt zum Spiel? Lange Bogenzeilen tragen Vom Gebirg den reinen Quell. Lorbeerhaine seh' ich ragen, Licht und Luft wie süß und hell! Golden blitzt des Stromes Welle, Und ich blicke starr hinein, Wie vom hohen Fußgestelle Fühllos jenes Bild von Stein. – – Rom Der Mond stand überm Palatin. Wie ich Der Mond stand überm Palatin. Wie ich Hinaufkam, weiß ich nicht. Das hohe Tor War offen, ohne Wächter. Eine Stimme Sprach in mir: Geh hinauf! Du findst ihn dort! Doch langsam, denn mir klopfte stark das Herz, Stieg ich die dunkle Treppenflucht hinan Und stand nun auf der Höhe, rings um mich, Was von der Hofburg der Cäsaren blieb: Nur Stein und Schutt, der Gold- und Marmorhülle Beraubt, wie nacktes Knochenwerk, von dem Hinweggemodert längst das blühnde Fleisch. Gewaltig in den veilchenblauen Äther Zur Rechten mir erhob das Kolosseum Die dunkle Stirn, durch seine leeren Bogen Quoll goldner Schein; genüber ragt' empor Des Friedenstempels dreigeteilte Cella, Geheimnisdunkel; dran vorüber sah ich Mondblitze, schlanken Silberpfeilen gleich, Von Säul- zu Säulenstumpf des alten Forums Sich schwingen und vom steilen Kapitol Abprallend in der Nebeldämmrung schwinden. Das sah ich mit dem äußern Auge nur Und ungerührt. Stieg ich doch nicht hinauf, Mich am Erhabensten der Welt zu weiden, Nur weil es in mir sprach: du findst ihn dort! So wandt' ich mich und wandelte den Pfad Vorbei dem Hause des Caligula Und dem Palast der Flavier, bis zum Rand Des Hügels, wo in sanften Duft gehüllt Das Haupt des Aventin herübersah. Wie Geisteratem leise ging die Luft, Und jeder Stein und jeder zarte Sproß Der Bäum' und Sträucher schien zugleich dem Blick So deutlich und so märchenhaft, daß mir In wunderlichem Graun die Seele bebte. Da, wie die Augen ziellos sich ergehn, Auf jener Wiese, zwischen Lorbeerbüschen Und wilden Rosen – heil'ge Götter! was Erblick' ich! – Ist er's? – Das geliebte Kind – Es sitzt mir abgewandt – mit blassen Händchen Pflückt's auf dem mondbeglänzten Rasenteppich Die zarten Anemonen und Tazetten, Der Totenblume glockengoldne Sprossen, Und windet eifrig sie in einen Kranz. Ein Schrei entringt sich mir – da wendet er Das Haupt – er ist's! – und sieht mich, und die Blumen Vom Schoße schüttelnd springt er hastig auf Und mir entgegen, steht dann plötzlich still, Scheu, als besänn' er sich auf ein Verbot. Ich aber fasse mir ein Herz: Mein Kind, Mein holdes Leben! stamml' ich. Doch er schüttelt Wehmütig ernst das Haupt, als woll' er sagen: Was sprichst du! Leben? Das ist hin! – Und langsam Nimmt er die Blumen auf und ordnet sie In einen Strauß, winkt dann geheimnisvoll Und geht voran. Auf einmal ward das Herz Mir seltsam leicht und froh, als gingen wir Wie sonst spazieren und betrachteten Mit hellen Augen rings die Welt. Wo willst du Nur hin? begann ich. Willst du deinen Strauß Der Mutter bringen? – Und er nickt' und sah Mit einem traurig stillen Blick mich an – Es war, als wollt' er plötzlich an die Brust Mir stürzen, mich zu bitten: nimm mich mit, Zurück ins Leben! Wo ich jetzt verweile, Ach, ist's so schaurig kalt und liebeleer! – Doch er bezwang sich, hob das Fingerchen, Wie um zu mahnen: denk nicht drüber nach, Wie all das ist; es bräche dir das Herz! – Und so verstummt' ich. Ach, die Augen hingen, Sich nicht ersättigend, an dem lieben Antlitz. Noch feiner schien es, reifer noch, zugleich Noch weit unschuld'ger, rührender, nur daß Es nicht mehr glänzt' in süßem Übermut. Und näher schmiegt' er sich an mich. Doch nur Der Duft berührte mich von seinem Strauß, Nichts von ihm selbst. So, unvermerkt hinab Vom Palatin hatt' er mich weggeführt, Und scherzend sagt' ich: Weißt du denn Bescheid Im fremden Rom? Willst du am Kapitol Die Wölfin sehn? Er aber schwieg und ging Voran mit leichtbeschwingtem Schritt, das Haar Umwehte Stirn und Schläfen seidenweich – O wie er lieblich war! – So schritten wir Die totenstillen Gassen traulich hin. Nur meines Schrittes Echo klang, und dort Der große Brunnen rauschte. Sieh nur, sagt' ich, Dies ist der Trevibrunnen. Möchtst du wohl Auf diesen Wasserpferden reiten, Kind? – Da lächelt' er, zum erstenmal. Und weiter Rastlos den langen Corso ging's hinab. Und als wir jetzt dem Hause nahten, wo Die ärmste aller Mütter schlief, – doch nein, Sie wachte; durch die Läden schimmerte Die Lampe noch – da blieb er stehn und sah Still zum Balkon hinauf. Unschlüssig schien er, Ob er die Schwelle wohl betreten dürfe. Und ich: ach, wenn die Zwei sich wiedersehn, Er nimmt sie mir mit fort! – Da sah ich, wie er Rasch vor der Tür die Blumen niederlegte, Dann, gleich als ob er Eile habe, winkt' er Mir zu, und durch das monderhellte Tor Des Volkes führt' er mich und nach der Villa Borghese, und wir schritten frei hinein. Wie zauberherrlich breiteten die Wiesen, Von Pinienwipfeln dunkel überschattet Und rings von Säulen, Brunnen, Marmorbildern Durchschimmert, weit sich aus! – Hier ist es schön, Nicht wahr, mein Liebling? Sieh nur die Narzissen Dort auf der Halde. Willst du wieder pflücken? – Er aber spähte still umher. Da sahn wir Im Stadium, wo Zypressen rings wie Wächter Den Plan behüten, schöne Pferde frei Sich tummeln oder weiden durch das Gras. Die schlanken Nüstern schnoberten, es flogen Die langen Schweife, wie sie ihre Sprünge Fast wie im Reigen machten. Und auf einmal Kam aus der Koppel zu uns hergelaufen Ein weißes Füllen. Fromm-geduldig stand's Vor meinem Knaben, ließ das krause Fell Von seinen dreisten Händchen willig streicheln, Und eh' ich's dachte, saß er auf dem Rücken Des schlanken Tiers, und nun begann das Spiel, In leichten Sprüngen erst, dann wild und wilder, Daß ich in Angst erschaudernd rief und bat Und warnt' – umsonst! In plötzlich tollem Rasen Ausbrach der Wildling, wie gepeitscht mit Dornen, Und mein Geliebter, wie ein Federball Hinab, hinaufgeschnellt, kaum noch die Mähne Fest hielt er – zwischendurch aus seinem Auge Traf mich ein banger Strahl. – Ach, rief ich, hättst du Es nicht gewagt! Das Leben ist zu wild, Es wirft dich ab! – Da hört' ich einen Ton Wie Ächzen – drauf ein schadenfrohes Wiehern – Und als der Nebel meiner Ohnmacht wich, Sah ich auf feuchtem Abhang hingestreckt Den holden weißen Leib, die Strahlenaugen Erloschen, ach, die Blumenglieder nackt In eine rote Decke halbverhüllt – Und sinnlos stürzt' ich hin. – – Doch aus der Wiese, Darauf er lag, sproß eine Blumensaat Von gelben Totenblumen und Narzissen Und frühen Veilchen, und sie wuchsen hoch Und höher, überwuchernd die erblichnen Geliebten Glieder, bis ich nichts mehr sah Von meinem toten Glück. Ins Auge drang Mir scharf und schmerzend erste Morgenglut Des neuen Tags, in lautem Weinen brach Die Qual mir aus, und seinen Namen rufend, Erwacht' ich. Rom im März [Ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's] Ich weiß, ein Wahn ist's und zum Wahnsinn bringt's, Ihm nachzuhängen. Dennoch, jeden Tag, Sobald versank der Sonnenball und noch Der Trost des Sternenschimmers nicht erblüht, Nur bleiern bleiches Zwielicht auf dem plötzlich Entseelten Angesicht der Erde ruht, Tritt vor mich hin dasselbe Graungespenst. Mir ist, mein Knabe sei in weiter Ferne Verirrt und finde nicht nach Haus. Ich seh' ihn Durch graue Gassen einer fremden Stadt Hineilen, seine kleinen Füße wanken, Von kühlem Tau und kaltem Schweiße klebt Sein braunes Haar, die Augen suchen irr Umher, ob sie das Haus nicht wiederfinden, Wohin er soll, wo ihm das Bettchen steht, Die Mutter tödlich sich um ihn zerbangt Und trostlos sie der Vater trösten will. Und fremde Leute, hastig teilnahmlos, Gehn ihm vorbei – er ruft sie an – er fleht: Bringt mich nach Hause! – Keiner hört auf ihn; Nicht eine Pforte tut sich ladend auf, Nicht eine Hand zieht ihn ins Wohnliche. Und so von Tür zu Türe, hingejagt Von Hunger, Angst und Sterbensmüdigkeit, Sucht er und sucht – und keine Zuflucht winkt, Und dichter, kühler, schauriger umdunkelt Die Nacht sein banges Leben – schwer und schwerer Den Atem ringt er aus beklemmter Brust – Und jetzt – die Kraft versiegt – mit leisem Ach Hinsinkt er auf den kalten Stein. Da sendet Ein güt'ger Dämon, der das Herz mir nicht Will springen lassen im lebend'gen Leibe, Ihm Helfer in der höchsten Not. Ich seh' Zwei andre Kinder um die Ecke biegen, Stillgleitend wie mit Flügeln. An der Hand Führt ein halbwüchs'ger Knab' ein zierlich Mägdlein, Das kaum erst trippeln lernte. Stolz und ernst Glüht unter blasser Stirn das Knabenauge Und rastet plötzlich auf dem Hingesunknen. Das Mägdlein aber stutzt und zeigt auf ihn, Und jetzt, mit holdem, unhörbarem Lachen Läuft's auf ihn zu und tupft ihn auf den Kopf, Und wie er aufsieht, streichelt sie ihm sanft Das taubetriefte Haar. Doch ihr Gefährte Faßt brüderlich den Kleinen unterm Arm Und richtet ihn empor. Da sehn die Drei Sich an mit Kinderneugier, rasch vertraut, Und flink das Mägdlein in die Mitte nehmend, Gehn sie dahin; mir ist, ihr Lachen hört' ich, Ihr kindisch Plaudern, – und wie Flötenhauch Dringt's an mein Ohr. So blick' ich ihnen nach, Bis vor dem übertauenden Aug' ihr Bild Zerrinnt, und dort am Dachesrande glüht Der goldne Mond empor und übergießt Mit Balsam mir die angsterlöste Seele. Rom Rispetti 1. Rispetti singt man abends in der Kühle Und mitternachts zur Stunde der Gespenster. Ein wenig aufzuatmen nach der Schwüle, Singt sie ein Liebender am Kammerfenster. Ich singe sie an einem kleinen Grabe, Drin ruht, was ich zumeist geliebet habe. Es kommt kein Gruß, kein Flüsterwort zurücke; Ein armer Spuk nur blieb von so viel Glücke. 2. Mir war's, ich hört' es an der Türe pochen, Und fuhr empor, als wärst du wieder da Und sprächest wieder, wie du oft gesprochen, Mit Schmeichelton: Darf ich hinein, Papa? Und da ich abends ging am steilen Strand, Fühlt' ich dein Händchen warm in meiner Hand. Und wo die Flut Gestein herangewälzt, Sagt' ich ganz laut: Gib acht, daß du nicht fällst! 3. Wir müssen es nur ja der Welt nicht sagen, Daß sie zu arm, dies Kleinod zu ersetzen. Sie zuckt die Achseln nur zu unsern Klagen: »Was man verloren, darf man überschätzen!« – Unter vier Augen magst du mir's gestehen, Daß wir als Bettler nun durchs Leben gehen. Unter vier Augen will ich dir's bekennen: Es wird kein Glück mehr uns beglücken können. 4. Um Mitternacht weckt mich die alte Wunde. Ich seh' den Mond so still ins Fenster scheinen. Auch du bist wach, und mit dem Tuch vorm Munde Ersticken möchtest du dein einsam Weinen. Ach, sollen mir nicht sagen deine Tränen, Ich dürfe niemals dich getröstet wähnen? Ach, sagen sie mir nicht: was dir geblieben, Sei kaum der Mühe wert, es noch zu lieben? 5. Vor unsern Fenstern nachts erklingt die Zither; Hörst du? Santa Lucia wird gesungen. Wie klingt uns nun die süße Weise bitter, Wie wühlt sie aus dem Schlaf Erinnerungen! Das Stimmchen, das geliebte, tönt nicht wieder, Das oft uns sang dies liebste seiner Lieder. Vom andern Ufer lockt es: Mamma mia, Deh! vieni all' agile barchetta mia! 6. Die Augen weg, die ernsten Kinderaugen, Die unverrückt mir überm Bette strahlen, Mir Freud' und Frieden aus der Seele saugen Und mich zu Asche glühn in Sehnsuchtsqualen! Sie fragen: mußten wir denn untergehn, Eh' wir am Buch der Welt uns satt gesehn? Wär' deinen, die sich müde dran gelesen, Willkommner nicht die ew'ge Nacht gewesen? 7. Es war im Himmel und auf Erden nichts, Was uns nicht höher Sinn und Herz entzückte, Wenn aus dem Spiegel deines Angesichts, Geliebtes Kind, es uns entgegenblickte. Der klare Spiegel ward so jäh zerschlagen, Nun hat die Welt uns weiter nichts zu sagen. Nicht lockt uns mehr der Dinge Widerschein; Wir starren freudenblind in uns hinein. 8. Komm! Laß uns hier die Anemonen pflücken; Dem Liebling sei's ein Liebesangebinde. Wir woll'n sie wohlverwahrt nach Hause schicken, Man soll aufs Grab sie legen unserm Kinde. Sein kleiner Hügel ist nun überschneit, Und uns umblüht hier Frühling weit und breit. Uns scheint die Sonne Roms so süß und warm, Er aber ruht der ew'gen Nacht im Arm. O weher tut, als Armut, Überfluß, Wenn ein Geliebtes ewig darben muß! 9. Das Leben ist ein Meer voll wilder Klippen, Mit Fischblut gilt es glatt sich durchzuwinden, Niemals sein Herz zu tragen auf den Lippen, Niemals an andrer Glück sein Herz zu binden. Du lerntest viel zu früh an andre denken, An ihrem Wohl und Weh dich freun und kränken. Ach, viel zu frühe singst du an zu lieben: Du wärst nicht lang ein froher Mensch geblieben! 10. In junger Zeit, wenn meines Herzens Pochen Schon lang vor Tage mir den Schlaf vertrieben, Hab' ich in Reimen vor mich hingesprochen Und bei der Kerze noch sie aufgeschrieben. Der Liebsten bracht' ich sie zur Dämmerstunde, Die küßte Zeil' um Zeile mir vom Munde. Dies nächt'ge Lied wird kein Geliebtes hören: Es dient allein den Schlummer mir zu stören. Es dient allein, mich vor dem Traum zu retten, Als ob wir dich noch nicht verloren hätten! 11. In dieser Welt voll banger Widersprüche, Wie fühlst du Zweifel deine Brust beklemmen, Die eklen Dünste dieser Hexenküche Den Sinn verwirren und den Atem hemmen! Ich trug einmal ein Blümchen in der Hand, Vor dessen Hauch ein jeder Mißduft schwand. Es schien mit seines Kelches zartem Neigen Mich zu ermuntern, mir den Weg zu zeigen. Seit mir das Blümchen in den Staub gefallen, Kann ich den Weg nur tastend weiterwallen. 12. Ich war ein reingestimmtes Saitenspiel; Wenn ich erklang, so war's zur Freude vielen. Warum's dem Meister Schicksal nur gefiel, So ungestüm und rauh mir mitzuspielen? Nun ist die edle Harmonie zerstört; Verstimmen muß ich jeden, der mich hört. Nun sind die andern Saiten all' zersprungen; Nur eine tönt noch, von Erinnerungen. Weihnachten in Rom 1. Kein Baum mit Lichtern, keine Weihnachtsgaben. Wir sitzen uns genüber bang und stumm, Und jedes weiß, und keines sagt, warum: Drei Kinder in der Ferne, drei begraben. Wir werden stille Feiertage haben, Trotz Glockenläuten, frohem Festgesumm. Denn immer geistet bleich um uns herum Das Schmerzensantlitz unsres lieben Knaben. Nun wohl! So werd' auch dies noch ausgestanden, Geschlürft im Jammerkelch der herbste Tropfen! Noch Bittreres ist schwerlich mehr vorhanden. Es wäre denn der Blutsquell nicht zu stopfen, Und von zwei Herzen, fest in Liebesbanden, Hörte das eine vorschnell auf zu klopfen. 2. Ich hatt einmal gar treffliche Talente: Goldsterne schnitzeln und die Lichter zünden Am Weihnachtsbaum und mit der Glocke künden, Daß man die Tür nun endlich stürmen könnte. Ich wußt' auch, wie man Festungen berennte, Um nach dem Sieg in bombenfesten Gründen Die Honigkuchenmunition zu finden Mit einem Bleisoldatenregimente. Ich hatt' auch einen guten Kameraden – Als wär's ein Stück von mir, ein großes Stück! Wir fochten manchen lust'gen Strauß selbander. Den wird hinfort kein Weihnachtsglöckchen laden; Nie stürzt er mehr ins Zimmer, rot von Glück, Und schlägt die Händchen jauchzend ineinander. 3. Und doch, ein Christfest war auch uns beschieden; Kein nordisch lust'ger Tannenbaum, statt dessen Ein ganzer Hain hochragender Zypressen Am Fuß der stillsten aller Pyramiden 1 . Wir gingen langsam durch den Todesfrieden Und lasen alte Namen, meist vergessen, Von Kämpfern, die schon lang die Bahn durchmessen Und narbenvoll aus dem Getümmel schieden. Herüber sah von fern durch grauen Duft Das Kapitol, ein Riesenhaupt, ergraut, Weil es Geburt und Tod muß überdauern. Zwei Veilchen pflücktest du von einer Gruft Und brachst in Tränen aus, als plötzlich laut Die Vögel sangen auf den Gartenmauern. Fußnoten 1 Die Pyramide des Cestius, an deren Fuß der Friedhof der Protestanten liegt. Tristien 1. O stiehl dich nicht von meiner Seite fort, Wie's oft mir droht dein trostlos wunder Blick! Ein blindes Rätselspiel ward das Geschick, Doch ist der Tod ein trüglich Lösungswort. Ja, gäb' es über diesem Hier ein Dort, Dir zu erneun verlornes Mutterglück, Wer weiß, ich hielte nicht die Hand zurück, Die steuern wollte noch dem Rettungsport. Doch jener Schlaf, der keine Träume bringt, Nur seelenlosen Frieden, starr und still, Ist er denn mehr als diese Trauer wert, Drin fort und fort sein Stimmchen dich umklingt, Sein weiches Händchen dich noch streicheln will, Und was du hingabst, ewig dir gehört? 2. Wir wollten in Borgheses hohem Saal Am Zauber Tizians heut die Blicke weiden, Und weil die Brunnen sich mit Eis bekleiden, Hing ich den Mantel um zum erstenmal. Was zog ich aus der Tasche da? O Qual! Zwei winzig kleine Handschuh', weich und seiden, Die wollt' er nicht mehr an den Händchen leiden, Da schon zu warm der Frühlingssonne Strahl. Da hob ich sie ihm auf, als durch den Wald Vergnüglich »wir zwei Männer« uns ergingen, Ach, ahnungslos, wie kurz der Frühling bliebe. Und nun sein warmes Händchen starr und kalt In ew'ger Nacht –! Dies Höllenleid bezwingen Kann keine »himmlische und ird'sche Liebe«. 3. Wenn ich, mein holdes Kind, wie oft geschah, Dir vorgefabelt wundersame Sachen, Sahst du mich an mit deinem klugen Lachen Und sagtest: Ich versteh' schon Spaß, Papa. Ein Glanz umfloß dir Mund und Augen da, Um auch die tiefste Schwermut froh zu machen. Schon kündete sich an des Geists Erwachen, Der im Humor des Lebens Blüte sah. Das Schicksal aber hat nicht Spaß verstanden. So unerbittlich war sein eh'rner Wille, Daß aller Munterkeit ich längst vergaß. Nichts, was des Lachens wert, scheint noch vorhanden Ich horche Tag und Nacht – die Welt bleibt stille, Und dieses Dasein ward ein schaler Spaß. 4. Heut nacht kam das Gebet mir in den Sinn, Mit dem als Kind ich stets mich schlafen legte, Und wie die Lippe sich von selbst bewegte, Sagt' ich das »Vaterunser« vor mich hin. Doch weil ich längst entwöhnt des Wahnes bin, Daß väterlich des Lebens Herr mich hegte, Geschah's, daß der Gedank' in mir sich regte: Wie gut, daß ich ein Kind des Todes bin! So betet' ich zu ihm: Gescheh' dein Wille! – Gib mir mein täglich Brot an Sorg' und Mühe! – Versuche du mich nicht! – Dann schwieg ich stille Und lag in unaussprechlichem Gegrübel, Bis ich aufdämmern sah die erste Frühe, Da schloß ich fromm: Erlös' uns von dem Übel! 5. Ob in der argen Welt, wie gute Christen Beteuern, alles sich zum Besten wende, Ob sie nur wert sei, daß sie eilig ende, Nach eurem Credo, werte Pessimisten, Ob zwischen dem Erfreulichen und Tristen In goldner Mitte sich der Ausgleich fände: Fern sei's von mir, daß ich mich unterstände Schiedsrichterlichen Spruchs bei solchen Zwisten. Ich hab', indes ich wandelt' hier auf Erden, Vom Süßesten und Bittersten genossen Und kenne dieses Daseins Stärk' und Schwächen. Im Einzlen hoff' ich klüger noch zu werden, Doch übers Ganze bin ich fest entschlossen Superlativisch niemals abzusprechen. 6. Ich habe längst in mir den Wunsch begraben, Zu schlürfen aus des Lebens Freudebronnen; Der Ehrgeiz schwand, mich am Erfolg zu sonnen, Und über Habsucht fühl' ich mich erhaben. So werd' ich meinen Weg zu Ende traben Gesenkten Haupts, den aufrecht ich begonnen, Und doch – noch einmal, eh' die Frist verronnen, Wünscht' ich an Jugendvollkraft mich zu laben. Denn hinter meiner Stirne fühl' ich sacht Ein Ungebornes ungebärdig pochen, Das hätt' ich gern noch rein ans Licht gebracht. Nun bangt mir, meine Bildkraft sei gebrochen Und nieder müss' ich in die stumme Nacht, Verstummt, eh' ich mein letztes Wort gesprochen. In Florenz Florenz! O helle Tag' und Nächte, Einst hier verschwärmt, wie liegt ihr weit! Wer einen Hauch uns wiederbrächte Der wonnevollen Knospenzeit! Du noch so jung, so glückbeklommen, Des Götterneides unbewußt, Und ich, der manchen Strom durchschwommen, Gelandet nun an deiner Brust! Weißt du, wie in der Abendkühle Wir wandelten den Fluß entlang, Wie zärtlich fest sich im Gewühle Mein Arm um deine Schulter schlang? Herab den Arno kam gefahren Mit Fackeln und Musik ein Kahn, Daß wir den Widerschein, den klaren, In unsern Augen blitzen sahn. Und dort im Mezzanin die Zimmer, Die unser junges Glück bewohnt, Wo nachts mit seinem Märchenschimmer Verstohlen zu uns kam der Mond; Wenn vor dem Spiegel du die Locken Dir löstest mit der schlanken Hand, Noch stets erglühend süßerschrocken, Weil dein Geliebter bei dir stand! Und wenn ich dann beim Tageslichte Dich durch die heitre Stadt geführt, Wie ernstbemüht wir Kunstgeschichte In Farb' und Stein und Erz studiert! Des Tizian himmlische Gestalten, Sie rührten kaum die Seele mir; Kaum konnt' ich mich des Rufs enthalten: Ich weiß, was holder ist als ihr! Da sah vom hohen Fußgestelle Der eh'rne Perseus fremd mich an. Ist's wahr, schwermütiger Geselle, Daß du es einst mir angetan? Daß ich in hellen Jugendjahren Die Mär zu deuten wohl vermeint Von jenem Haupt mit Schlangenhaaren, Das sterbend dir die Welt versteint? Und jetzt – nur kurze Frist vergangen – Wie anders kehren wir zurück! Noch hält mein Arm dich fest umfangen, Doch unterm Schleier weint mein Glück. Du alles, was mir blieb vom Leben, So sterbensmüd, so still und blaß – Ich frage mit geheimem Beben: Wie lang, ihr Götter, bleibt mir das? Ja, lieblich war, was wir besessen, Wir drückten's jubelnd an die Brust. Doch um so bittrer unermessen Wühlt nun im Tiefsten der Verlust. Das Glück mit seinem süßen Lachen, Es flog den wilden Strom hinab, Gleich jenem lichterhellen Nachen, Versunken in ein dunkles Grab. Und wir – an all den alten Stätten Verwandelt blicken wir uns um. Wir möchten aus dem Lärm uns retten In ein unnahbar Heiligtum. Wir sehn den alten Halbgott winken Und wissen jetzt erst, was sie meint, Die Mär vom Haupt in seiner Linken, Das sterbend ihm die Welt versteint. In Venedig Hier unsre letzte Rast, im stillen Haus, Daran vorbei die schwarzen Gondeln gleiten. Wie dumpfe Geisterklage tönt daraus Der Gondoliere Wechselruf zuzeiten. Es schläft die Stadt, doch ihre Seele wacht, Die sonnenscheue, wieder auf bei Nacht. Und wir, wenn bei umflortem Sternenglanz Wir wandeln durch die schweigenden Arkaden, Gleich Schatten unter Schatten, die zum Tanz Am Acheron die Spukgenossen laden – Wie der Gedank' uns lähmend überfällt, Zurück zu müssen in die Oberwelt! Zurück zur Heimat, die zur Fremde ward, Wo nicht mehr lockt, was einst so süß gewesen, Wo unser nur die Freundesfrage harrt: Kehrt ihr getröstet wieder, gramgenesen? – Und wenn der Blick noch traurig suchend schweift, Kaum einer, der sein Schmerzensrecht begreift! Denn leicht beweglich fließt der Menschen Blut Und scheidet hastig aus den fremden Tropfen. Es sträubt sich, Jahr und Jahr verlornem Gut, War's auch des Lebens Krone, nachzuklopfen. Wir aber, deren Blut der Gram vergällt, Wie taugten wir noch in die muntre Welt? Sie gönnt dem Unglück, eine Weile still In Einsamkeit sich trauernd abzuschließen. Doch daß zuletzt nicht alles heilen will, Nicht wiederkehrt die Sehnsucht, zu genießen, Daß Treue nicht zu sterben sich bequemt, Muß sie verdammen, weil es sie beschämt. O wie sie grausam klug zu trösten weiß, Wie sie ergaben spricht von Lebenspflichten: Der Menschenwürde Feuerprobe sei's, An neuer Hoffnung sich emporzurichten. – Doch wenn der Blitz des Baumes Mark verheert, Wo ist ein Lenz, der neu ihn blühen lehrt? Die Glücklichen! O, sie verstehn es nie Und schelten »krankhaft« den erkrankten Willen. Die Kühlgesunden! Nie begreifen sie, Daß Wunsch und Wille nicht das Fieber stillen. Uns aber laß verstummen, wo uns nicht Ein Herz vernimmt, das unsre Sprache spricht. Sieh diese Stadt, der Meere Königin, Stolz, frei und glücklich einst und allumworben. Ihr Stern erblich, ihr Purpur sank dahin, Die Macht, ihr Lebensatem, ist erstorben, Und wenn die Sonne jetzt dem Meer entsteigt, Steht sie verschämt und nackt, das Haupt geneigt. Nur wenn die Nacht kommt und Erinnerung Im Mondlicht spukt und tausend Schatten schwärmen, Dann ist's, als werde sie noch einmal jung Und dürfe nicht um ihr Geschick sich härmen Und wieder froh auf ihre Kinder schaun, Die stolzen Nobili und blonden Fraun. Süß ist der Traum und das Erwachen herb. Durch ihre Gassen wimmelt neu das Leben, Doch nur bedacht auf ärmlichen Erwerb, Der Notdurft nur und dem Genuß ergeben. Aus der Paläste toten Fenstern lacht Nicht mehr das Glück, die Schönheit und die Macht. Dann der Lagune Bettlermantel schlägt Die alte Fürstin um die morschen Glieder, Und in sich selbst versunken, unbewegt Und klaglos in die Wellen starrt sie nieder, Im Kleid der Armut noch der Krone wert! – Wir aber wissen, wie man Unglück ehrt. Auf der Heimfahrt Es steht ein Haus im Garten, Kühl an ein Wäldchen angelehnt. Auf allen meinen Fahrten Hab' ich nach ihm mich heimgesehnt. Wie süß erklang Dort Vogelsang, Wie lachten Blumen ringsumher! Wie ging's im Lauf Die Stieg hinauf – Nun graut mir vor der Wiederkehr. Im Haus da ist ein Zimmer, So luftig hoch, so blank und rein. Was nur an Sonnenschimmer Ums Häuschen streifte, drang hinein. Wie lustig klang Dort Kindersang, Kein Winkel war von Spielen leer; Dort fand ich Rast Nach Tageslast – Nun öffn' ich seine Tür nicht mehr. Im Haus erklang ein Name Von allen Lippen fort und fort, Der hatte wundersame Gewalt, schier wie ein Zauberwort. Auf jedem Mund Ein Lächeln stund, Als ob's des Frühlings Name wär' – Jetzt geht er stumm Gespenstig um, Und wer ihn ausspricht, lacht nicht mehr. Wieder zu Hause Und weiter braust das Leben, Du aber liegst so still. Viel Stimmen klingen munter; Zu dir, zu dir hinunter Nicht eine dringen will. O helles Blühn und Grünen! O Frühlingsüberschwang! Nur deine zarten Glieder Wärmt keine Sonne wieder, Belebt kein Vogelsang! Die Amseln, die dich frühe Geweckt mit Zwitscherton, Sie füttern neue Kleinen; Ich schaue zu mit Weinen – Mein Nestling flog davon. Lied Schöne Jugend, scheidest du? Wohl! du bliebst mir lange treu. Weil ich dir im Arm geruht, Schien die Welt mir lieb und gut, Kampf und Ruh Immer freudig, immer neu. Nicht entwichst du über Nacht, Wie uns Dirnengunst verläßt, Heischtest zögernd nur zurück Gab' um Gabe, Glück um Glück, Und mit Macht Hielt ich noch die Fliehnde fest. Wie ein feines Lieb sich kränkt, Das vom Liebsten scheiden soll: Immer noch ein letzter Kuß, Noch ein Seufzer, noch ein Gruß – Fern noch schwenkt Sie ihr Tüchlein tränenvoll. Ach, und nun dem Blick entflohn, Trifft mich noch der Stimme Klang. Schweig! O locke nicht von fern! Sieh, im Blau der Abendstern Schimmert schon – Um den Schlaf bringt dein Gesang! Zueignung 1 (An Wilfried) Nun gingen zwanzig Jahr dahin, Seit du uns fehlst, mein holder Sohn, Und immer noch in Ohr und Sinn Klingt mir der lieben Stimme Ton, Und immer noch in Nächten klar, Wenn mich geweckt die alte Wunde, Seh' ich dein ernstes Augenpaar, Das Lächeln an dem jungen Munde. Doch nein! das sind die Augen nicht Des Knaben, wie in jener Zeit: Mich grüßt ein Jünglingsangesicht, In Lebensernst schon eingeweiht; Als ob an jenem dunklen Ort, Der streng dich hält in seinem Banne, Du heimlich lebtest mit uns fort Und reiftest still heran zum Manne. So wärst du hier auf Erden auch Zu unserm Stolz herangeblüht, Umweht von jenes Adels Hauch, Der schon dein Knabenherz durchglüht. Nicht wie der heut'gen jungen Welt Erschiene dir des Lebens Krone Genuß und Macht, und treu gesellt Wär' mir ein Freund in meinem Sohne. Nun wir getrennt für immer sind, Kann ich im Geiste nur dir nahn, Doch all mein Tagwerk, teures Kind, Ist immer auch für dich getan. Dir bracht' ich stets das Beste dar Von meinen Lebensernten allen, Und wenn ein Werk vollendet war, Fragt' ich mich: würd' es ihm gefallen? Umsonst! Es kehrt aus jenem Reich Kein Laut des Anteils je zurück, Und einem blassen Schatten gleich Ist dieser Freundschaft Geisterglück. Doch samml' ich heut die Herbstfrucht ein, Gereift in Sonn' und Sturmeswettern, Dem Toten soll zu eigen sein, Was leben wird in diesen Blättern. Salò 25. März 1897 Fußnoten 1 Der »Neuen Gedichte und Jugendlieder.« 1897.